VI.
„... Ich glaube nicht daran! Ich kann es nicht glauben!“ wiederholte Rasumichin bestürzt und versuchte mit aller Kraft die Einwände Raskolnikoffs zu widerlegen.
Sie näherten sich schon den „Möblierten Zimmern“ von Bakalejeff, wo Pulcheria Alexandrowna und Dunja sie seit langem erwarteten. Rasumichin blieb alle Augenblicke im Eifer des Gespräches stehen, verwirrt und schon dadurch allein aufgeregt, daß sie zum erstenmale darüber klar gesprochen hatten.
„Du glaubst es nicht!“ antwortete Raskolnikoff mit einem kalten und nachlässigen Lächeln. „Du hast nach deiner Gewohnheit nicht acht gehabt, aber ich wog jedes Wort ab.“
„Du bist argwöhnisch, darum legtest du auch jedes Wort auf die Wage ... Hm ... in der Tat, ich gebe zu, der Ton von Porphyri war ziemlich merkwürdig; besonders aber dieser Schuft Sametoff! ... Du hast recht, etwas war an ihm, – aber warum? Warum?“
„Er hat sich’s über Nacht überlegt.“
„Aber im Gegenteil, im Gegenteil! Wenn sie diesen hirnlosen Gedanken wirklich hätten, so würden sie mit allen Kräften ihn zu verbergen suchen und ihre Karten verdeckt halten, um dich später plötzlich zu fangen ... Jetzt aber ist es unverschämt und unvorsichtig!“
„Wenn sie Tatsachen, das heißt wirklich Tatsachen oder einen einigermaßen begründeten Verdacht hätten, dann würden sie wirklich versuchen, ihr Spiel zu verbergen, – in der Hoffnung, noch mehr zu gewinnen und ... hätten übrigens auch längst eine Haussuchung vorgenommen! Aber sie haben keine Tatsache, keine einzige, – alles ist Phantasie, alles hat zwei Seiten, sie haben nur im allgemeinen eine Idee, – so versuchen sie durch Unverschämtheit zu verwirren. Vielleicht aber ist er auch wütend darüber, daß er keine Tatsachen hat, und aus Ärger läßt er sich gehen. Vielleicht aber hat er auch damit einen Zweck verfolgt ... Er scheint ein kluger Mann zu sein ... Er wollte mich vielleicht erschrecken damit, daß er etwas weiß ... Hier, Bruder, liegt eine eigene Psychologie ... Übrigens aber, ist es gemein, dies alles zu erklären. Laß es!“
„Und beleidigend, beleidigend! Ich verstehe dich! Aber ... da wir schon einmal deutlich darüber reden – und es ist gut, daß wir endlich klar darüber sprechen können, ich freue mich darüber, – so will ich dir jetzt offen gestehen, daß ich lange schon bei ihnen diesen Gedanken, in dieser ganzen Zeit gemerkt habe, selbstverständlich in einer kaum merkbaren, in einer schleichenden Form. Warum aber? Wie können sie es wagen? Wo liegen bei ihnen die Gründe? Wenn du wüßtest, wie ich wütend war! Wie, – aus dem Grunde, weil da ein armer Student ist, heruntergekommen durch große Armut und Hypochondrie, am Vorabend einer schrecklichen Krankheit, verbunden mit Fieberwahn, die vielleicht längst in ihm saß, – merk dir das! – ein argwöhnischer, ehrgeiziger Mensch, der seinen Wert kennt und der sechs Monate in einem Winkel gesessen und niemand gesehen hat; er steht in Lumpen und in Stiefeln ohne Sohlen vor allerhand Polizisten und leidet unter ihren Schmähungen; dazu kommt noch eine unerwartete Schuld, ein nicht eingelöster Wechsel von Hofrat Tschebaroff, dumpfer Farbengeruch, dreißig Grad Wärme, stickige Luft, eine Menge Menschen, die Erzählung von der Ermordung einer Person, bei der er am Vorabend war, und dies alles – auf leeren Magen! Ja, wie soll man dabei nicht ohnmächtig werden! Und darauf, darauf wird alles begründet! Zum Teufel! Ich verstehe, daß es einen ärgert, aber an deiner Stelle, Rodja, würde ich ihnen allen ins Gesicht lachen, oder noch besser, ihnen allen ordentlich in die Fratze spucken, ich würde noch ein paar Dutzend Ohrfeigen verteilen, selbstverständlich in kluger Weise, wie man sie stets geben muß, und würde damit die Sache abschließen. Pfeif darauf! Halt dich fest! Es ist eine Schande!“
„Er hat es gut dargestellt,“ dachte Raskolnikoff.
„Pfeif darauf? Und morgen ist wieder Verhör!“ sagte er bitter. „Soll ich mich etwa in Verhandlungen mit ihnen einlassen? Ich ärgere mich schon, daß ich mich gestern in dem Restaurant bis zu Sametoff erniedrigt habe ...“
„Zum Teufel! Ich will selbst zu Porphyri gehen! Und ich will ihn schon in verwandtschaftlicher Weise vorkriegen; er soll mir alles haarklein erzählen. Und Sametoff ...“
„Endlich kommt er auf ihn!“ dachte Raskolnikoff.
„Halt!“ rief Rasumichin und packte ihn plötzlich an der Schulter, „halt! Du hast geschwindelt! Ich habe es mir überlegt, du hast geschwindelt! Wieso ist das eine Falle? Du sagst, daß die Frage über die Anstreicher eine Falle war? Denk doch nach, – wenn du es getan hättest, hättest du es zugegeben, daß du gesehen hast, wie die Wohnung gemalt wurde ... und die Arbeiter? Im Gegenteil, – du hättest gesagt, ich habe nichts gesehen, wenn du es auch gesehen hättest! Wer zeugt denn gegen sich selbst?“
„Wenn ich es getan hätte, so würde ich unbedingt gesagt haben, daß ich wie die Anstreicher, so auch die Wohnung gesehen habe,“ antwortete Raskolnikoff unwillig und mit sichtlichem Ekel.
„Ja, warum gegen sich selbst aussagen?“
„Weil nur Bauern oder ganz unerfahrene Neulinge beim Verhör offen und alles nacheinander leugnen. Ein einigermaßen gebildeter und schlauer Mann versucht unbedingt und nach Möglichkeit alle äußeren, unverfänglichen Tatsachen zu bestätigen; er sucht bloß andere Gründe anzuführen, bringt seine eigene besondere und unerwartete Erklärung hinein, die eine vollkommen andere Bedeutung gibt und alles in einem anderen Lichte erscheinen läßt. Porphyri konnte gerade damit rechnen, daß ich unbedingt in dieser Weise antworten und sicher sagen würde, daß ich sie gesehen habe, nur der Wahrscheinlichkeit halber, und dabei irgend etwas zur Erklärung hinzufügen würde.“
„Er hätte dir sofort gesagt, daß zwei Tage vorher keine Arbeiter dort gewesen sein konnten, und daß also du gerade am Tage des Mordes, um acht Uhr, dort gewesen bist. Er hätte dich mit dieser Kleinigkeit gefangen.“
„Er rechnete auch damit, daß ich keine Zeit haben werde, es mir zu überlegen und mich beeilen würde, wahrheitsgetreuer zu antworten und dabei vergessen würde, daß zwei Tage vorher keine Arbeiter da sein konnten.“
„Wie kann man aber das vergessen?“
„Sehr leicht! Auf solche geringfügigen Dinge fallen am ehesten schlaue Menschen herein. Je schlauer ein Mensch ist, um so weniger ahnt er, daß man ihn bei etwas Einfachem ertappen würde. Den schlauesten Menschen muß man gerade mit dem Einfachsten verwirren. Porphyri ist gar nicht so dumm, wie du denkst ...“
„Er ist nach alledem ein Schuft!“
Raskolnikoff konnte sich des Lachens nicht erwehren. Aber im selben Augenblicke erschien ihm seine eigene Lust und die Begeisterung, mit der er seine letzte Erklärung abgegeben hatte, überaus sonderbar; das ganze vorangehende Gespräch hatte er mit einem düsteren Widerwillen, nur unter dem Zwange der Situation geführt.
„Ich bekomme noch Geschmack daran!“ dachte er.
Jedoch gleich darauf wurde er unruhig, als hätte ihn ein unerwarteter und beunruhigender Gedanke überrascht. Seine Unruhe wuchs. Sie waren schon am Eingange zu den möblierten Zimmern von Bakalejeff.
„Geh allein hinein,“ sagte plötzlich Raskolnikoff, „ich komme sofort zurück.“
„Wohin willst du? Wir sind ja schon da!“
„Ich muß, ich muß; ich habe etwas zu tun ... ich komme nach einer halben Stunde wieder ... Sage es ihnen.“
„Wie du willst, ich begleite dich aber!“
„Was, willst auch du mich quälen!“ rief er mit solcher bitteren Gereiztheit und solcher Verzweiflung im Blicke, daß Rasumichin fassungslos wurde.
Er blieb eine Weile auf der Außentreppe stehen und sah finster zu, wie jener schnell in der Richtung nach seiner Wohnung dahinschritt. Schließlich biß er die Zähne zusammen, ballte die Faust, schwur sich selbst, daß er heute noch den ganzen Porphyri wie eine Zitrone ausquetschen würde, und ging die Treppe hinauf, um Pulcheria Alexandrowna, die durch ihre lange Abwesenheit schon aufgeregt war, zu beruhigen.
Als Raskolnikoff bei seinem Hause anlangte, waren seine Schläfen mit Schweiß bedeckt und er atmete schwer. Er eilte die Treppe hinauf, trat in seine nicht abgeschlossene Wohnung und hakte sofort die Türe zu. Dann stürzte er erschreckt und wie wahnsinnig zu der Ecke, zu dem Loche hinter den Tapeten, wohin er damals die Sachen gelegt hatte, steckte die Hand hinein und scharrte einige Minuten aufs höchste erregt in dem Loche und untersuchte alle Ecken und Falten der Tapete. Als er nichts fand, stand er auf und holte tief Atem. Als er sich vorhin der Treppe von Bakalejeff näherte, war es ihm plötzlich in den Sinn gekommen, daß irgendeine Sache, eine Kette oder ein Manschettenknopf etwa, oder auch ein Stück Papier, in dem sie eingewickelt waren, mit einem Vermerk von der Hand der Alten auf irgendeiner Spalte liegen geblieben sein konnte und als ein unerwarteter und unabwendbarer Beweis vor ihnen auftauchen konnte.
Er stand, wie in Nachdenken versunken und ein sonderbares, demütiges, halb sinnloses Lächeln umspielte seine Lippen. Er nahm seine Mütze und ging langsam hinaus. Seine Gedanken irrten umher. Nachdenklich trat er unter das Tor.
„Da ist der Herr selbst!“ rief eine laute Stimme; er erhob den Kopf.
Der Hausknecht stand an der Türe seiner Kammer und zeigte auf einen nicht sonderlich großen Mann, der wie ein Kleinbürger aussah, und der mit einem Mantel, einem Schlafrock ähnlich, und einer Weste bekleidet war und von weitem eine große Ähnlichkeit mit einem Weibe hatte. Sein Kopf, mit einer fettigen Mütze bedeckt, hing nach vorne, die ganze Gestalt schien gekrümmt. Sein schlaffes, runzeliges Gesicht deutete auf ein Alter über fünfzig; die kleinen verschwommenen Augen blickten finster, ernst und mißvergnügt drein.
„Was soll’s?“ fragte Raskolnikoff und trat zu dem Hausknechte.
Der Kleinbürger wendete seine Augen zu ihm und blickte ihn unter der Stirn hervor durchdringend, aufmerksam und andauernd an; dann wandte er sich um und ging, ohne ein Wort gesagt zu haben, zum Tore auf die Straße hinaus.
„Ja, was ist denn das?“ rief Raskolnikoff.
„Dieser da fragte, ob hier ein Student wohne, nannte Ihren Namen, und bei wem Sie wohnen. Sie kamen gerade, ich zeigte Sie ihm, nun ist er fortgegangen. Das ist komisch.“
Der Hausknecht hatte auch gewisse Bedenken, er dachte eine kleine Weile nach, drehte sich aber um und ging in seine Kammer.
Raskolnikoff stürzte dem Kleinbürger nach und erblickte ihn sofort, wie er auf der anderen Seite der Straße gleichmäßig und nicht eilig, mit zu Boden gerichteten Augen und anscheinend nachdenklich dahinschritt. Er holte ihn bald ein, ging eine Weile hinter ihm; schließlich trat er neben ihn und blickte ihm von der Seite ins Gesicht. Der Kleinbürger bemerkte ihn sofort und schaute ihn schnell von oben bis unten an, ließ aber wieder die Augen sinken, und in dieser Weise gingen sie eine Strecke nebeneinander her, ohne ein Wort zu sagen.
„Haben Sie nach mir gefragt ... beim Hausknecht?“ sagte Raskolnikoff endlich, aber nicht sehr laut.
Der Kleinbürger gab ihm keine Antwort und blickte ihn nicht an. Wieder gingen sie stumm dahin.
„Ja, warum ... kommen Sie und fragen ... und schweigen jetzt ... ja, was ist denn das?“ Raskolnikoffs Stimme stockte und die Worte kamen ihm schwer über die Lippen.
Der Kleinbürger erhob diesmal die Augen und sah mit einem drohenden, finsteren Blicke Raskolnikoff an. „Mörder!“ sagte er plötzlich mit leiser, aber klarer und deutlicher Stimme ...
Raskolnikoff ging neben ihm weiter. Seine Füße wurden plötzlich schrecklich schwach, im Rücken fühlte er Kälte und sein Herz schien auf einen Augenblick still zu stehen; dann fing es an zu klopfen, als wollte es sich losreißen. So gingen sie etwa hundert Schritte nebeneinander und wieder vollkommen stumm.
Der Kleinbürger blickte ihn nicht an.
„Was fällt Ihnen ein ... was ... wer ist ein Mörder?“ murmelte Raskolnikoff kaum hörbar.
„Du bist ein Mörder,“ sagte jener, noch deutlicher und bedeutungsvoller und blickte mit dem Lächeln eines haßerfüllten Triumphes in das bleiche Gesicht Raskolnikoffs und seine erloschenen Augen.
Sie kamen zu einer Straßenkreuzung. Der Kleinbürger bog links in eine Straße ein und ging weiter, ohne sich umzusehen. Raskolnikoff blieb stehen und sah ihm lange nach. Er sah, wie jener nach fünfzig Schritten ungefähr sich umwandte und ihn, der immer noch unbeweglich auf derselben Stelle stand, anblickte. Man konnte nicht sehen, aber Raskolnikoff schien es, als hätte er auch diesmal sein kaltes, haßvolles und triumphierendes Lächeln gehabt.
Mit langsamen, schweren Schritten, mit zitternden Knien und fröstelnd kehrte Raskolnikoff zurück und ging in sein Zimmer hinauf. Er nahm seine Mütze ab und legte sie auf den Tisch hin und stand etwa zehn Minuten unbeweglich daneben. Dann legte er sich völlig ermattet auf das Sofa und streckte sich mit einem schwachen, krankhaften Stöhnen aus; seine Augen waren geschlossen. So lag er eine halbe Stunde.
Er dachte an nichts. Es waren wohl Gedanken oder Fetzen von Gedanken da, Vorstellungen, ohne Ordnung und Zusammenhang, – Gesichter von Menschen, die er noch als Kind gesehen hatte, oder denen er irgendwo nur ein einziges Mal begegnet war, und an die er sich nie mehr erinnert hatte, – der Turm der W.schen Kirche, ein Billard, Zigarrengeruch in einem Tabaksladen im Kellergeschosse, eine Kneipe, eine Küchentreppe, ganz dunkel, ganz mit Unrat begossen und mit Eierschalen bedeckt, und irgendwo ertönte das Sonntagsgeläute der Glocken ... Die Gegenstände wechselten und drehten sich wie im Wirbelwinde. Manche gefielen ihm sogar und er wollte sich an ihnen festklammern, aber sie erloschen, es bedrückte ihn innerlich etwas, aber nicht sehr stark. Zuweilen war es sogar gut ... Ein leichtes Frösteln blieb und selbst das war fast angenehm. Er hörte die eiligen Schritte Rasumichins und seine Stimme, er schloß die Augen und stellte sich schlafend. Rasumichin öffnete die Türe und blieb eine Weile auf der Schwelle, wie unschlüssig, stehen. Dann trat er leise in das Zimmer und ging vorsichtig zu dem Sofa. Man hörte Nastasja flüstern.
„Laß ihn; mag er schlafen; er kann nachher essen.“
„Das ist wahr,“ antwortete Rasumichin.
Beide gingen leise hinaus und machten die Türe zu. Noch eine halbe Stunde verging. Raskolnikoff öffnete die Augen, legte sich wieder auf den Rücken und steckte die Hände unter den Kopf ...
„Wer ist er? Wer ist dieser wie aus der Erde hervorgewachsener Mensch? Wo war er und was hat er gesehen? Er hat alles gesehen, das ist zweifellos. Wo war er damals und von wo sah er es? Warum erscheint er erst jetzt, wie aus der Erde gestiegen? Und wie konnte er es sehen, – ist es denn möglich? ... Hm ...“ fuhr Raskolnikoff fort, erstarrend und zusammenfahrend, „aber das Etui, das Nikolai hinter der Türe gefunden hat, – war denn das nicht auch möglich? Beweise? Ein Hunderttausendstel übersieht man, – und der Beweis wächst zu einer ägyptischen Pyramide! Eine Fliege ist vorbeigeflogen, sie hat es gesehen! Aber ist es denn möglich?“
Und er fühlte mit Ekel, wie er plötzlich schwach, physisch schwach geworden war.
„Ich hätte es wissen müssen,“ dachte er mit einem bitteren Lächeln, „und wie durfte ich, indem ich mich kannte und ahnte, wie ich sein würde, ein Beil nehmen und mit Blut mich besudeln. Ich war verpflichtet, es vorher zu wissen ... Ach! Ich wußte es doch vorher!“ ...
Zuweilen blieb er unbeweglich an irgendeinem Gedanken haften.
„Nein, die Menschen sind nicht so gemacht; ein wahrer Herrscher, dem alles erlaubt ist, zerstört Toulon, veranstaltet eine Abschlachtung in Paris, vergißt eine Armee in Ägypten, verbraucht eine halbe Million Menschen im russischen Feldzuge und wird in Wilna durch ein Wortspiel damit fertig; und ihm stellt man nach dem Tode Standbilder auf, – somit ist auch alles erlaubt. Nein, solche Menschen sind offenbar nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Eisen!“
Ein plötzlicher Nebengedanke brachte ihn fast zum Lachen.
„Napoleon, Pyramiden, Waterloo, – und eine magere Beamtenwitwe, Wucherin, mit einer roten Truhe unter dem Bett, – nun, wie soll das – sagen wir selbst Porphyri Petrowitsch – verdauen können! ... Wie sollen sie es auch verdauen! ... Die Ästhetik wird sie hindern. ‚Will ein Napoleon,‘ werden sie sagen, ‚unter das Bett zu einer Alten kriechen!‘ Ach, Unsinn! ...“ Ab und zu fühlte er, daß er phantasiere, – er verfiel dann einer fieberhaften verzückten Stimmung.
„Die Alte ist Unsinn!“ dachte er und wühlte eifrig und heftig seine Gedankengänge weiter:
„Daß es diese Alte war, war vielleicht ein Irrtum, aber die Hauptsache liegt nicht an ihr. Die Alte war nur eine Krankheit ... ich wollte schneller darüber hinweg schreiten ... ich habe nicht einen Menschen getötet, ich habe ein Prinzip getötet! Das Prinzip habe ich wohl getötet, bin aber nicht darüber hinweg geschritten, ich bin auf dieser Seite geblieben ... Ich habe bloß verstanden, zu töten. Auch das habe ich nicht mal verstanden, wie es sich zeigt ... Prinzip? Warum hat vorhin der Dummkopf Rasumichin die Sozialisten gescholten? Sie sind fleißige Leute und arbeitsam; sie beschäftigen sich mit dem ‚allgemeinen Glück‘. Nein, mir ist das Leben einmal gegeben und nie kommt es wieder; ich will nicht auf das ‚allgemeine Glück‘ warten. Ich will auch selbst leben, sonst lieber gar nicht. Was denn? Ich konnte nicht an einer hungrigen Mutter vorbeigehen und meinen Rubel in der Erwartung des ‚allgemeinen Glücks‘ in der Tasche festhalten. ‚Ich trage‘, konnte ich sagen, ‚einen kleinen Stein bei zum allgemeinen Glück, und darum habe ich Seelenruhe.‘ Ha–ha–ha! Warum seid ihr an mir vorbeigegangen? Ich lebe doch bloß einmal, ich will doch auch ... Ach was, ich bin eine ästhetische Laus und mehr nicht,“ fügte er hinzu und lachte plötzlich wie ein Irrsinniger. „Ja, ich bin tatsächlich eine Laus,“ fuhr er fort, indem er sich voll Schadenfreude an den Gedanken klammerte, sich hineinbohrte, mit ihm spielte und sich mit ihm amüsierte, „und schon aus dem Grunde allein, weil ich erstens jetzt darüber räsonniere, daß ich eine Laus bin, und zweitens, weil ich einen ganzen Monat die allgütige Vorsehung belästige, indem ich sie als Zeuge anrief, daß ich es nicht meines Fleisches und meiner Lust willen unternehme, sondern ein prächtiges und herrliches Ziel im Auge habe, – ha–ha–ha! Drittens, weil ich mir vorgenommen hatte, möglichst Gerechtigkeit bei der Ausführung walten zu lassen und Gewicht und Maß, wie auch Berechnung einzuhalten, – von allen Läusen wählte ich die allernutzloseste und beschloß, nachdem ich sie ermordet haben würde, genau so viel zu nehmen, als ich zum ersten Schritt brauche, – nicht mehr und nicht weniger ... und das übrige würde also laut dem Vermächtnis dem Kloster zugefallen sein ... ha–ha–ha! Und zu guter Letzt bin ich selber eine Laus,“ fügte er mit Zähneknirschen hinzu, „weil ich vielleicht selbst noch schlimmer und abscheulicher bin als die getötete Laus, und weil ich im voraus ahnte, daß ich mir dies sagen würde, nachdem ich sie ermordet haben würde! Kann ich denn mit diesem Entsetzen irgend etwas vergleichen! Oh, Trivialität! Oh, Gemeinheit! ... Oh, wie ich den ‚Propheten‘ zu Pferde mit einem Säbel in der Hand begreife, – Allah befiehlt und die ‚zitternden‘ Kreaturen sollen gehorchen! Der ‚Prophet‘ ist tausendmal im Rechte, wenn er irgendwo mitten in der Straße eine aus–ge–zeich–ne–te Batterie aufstellt und auf Unschuldige und Schuldige schießt, ohne sich herabzulassen, eine Erklärung abzugeben! Gehorcht, zitternde Kreaturen und – wünscht nichts, denn – ihr habt nichts zu wünschen! ... Oh, um nichts in der Welt, um keinen Preis will ich der Alten verzeihen!“ Sein Haar war mit Schweiß bedeckt, die bebenden Lippen waren trocken und der unbewegliche Blick auf die Zimmerdecke gerichtet.
„Mutter und Schwester, – wie ich sie geliebt habe! Warum hasse ich sie jetzt? Ja, ich hasse sie, hasse sie physisch, ich kann sie nicht mehr neben mir ertragen ... Vorhin ging ich zur Mutter hin und küßte sie, ich erinnere mich dessen ... Sie zu umarmen und denken zu müssen, wenn sie es wüßte, so ... soll ich ihr es sagen? Man kann mir das zutrauen ... Hm! Sie muß ebenso sein wie ich ...“ fügte er hinzu, mühsam seinen Gedanken verfolgend, als kämpfe er mit dem ihn packenden Fieber. „Oh, wie ich jetzt diese Alte hasse! Ich könnte sie noch einmal ermorden, wenn sie zu sich käme! Arme Lisaweta! Warum kam sie hinzu? ... Sonderbar, warum ich an sie fast gar nicht denke, als hätte ich sie nicht ermordet! ... Lisaweta! Ssonja! Ihr armen sanften Geschöpfe mit euren sanften Augen ... Ihr Lieben! ... Warum weinen sie nicht? Warum stöhnen sie nicht? ... Sie geben alles hin ... blicken sanft und still ... Ssonja, Ssonja! Stille Ssonja! ...“
Er verlor das Bewußtsein; merkwürdig erschien es ihm, daß er sich nicht entsann, wie er auf die Straße gekommen. Es war schon später Abend. Die Dämmerung nahm zu, der volle Mond leuchtete immer heller und heller; aber die Luft war besonders dumpf. Menschen gingen in Haufen in den Straßen; Handwerker und Geschäftsleute wanderten nach Hause; andere gingen spazieren; es roch nach Kalk, Staub und stehendem Wasser. Raskolnikoff schritt traurig und sorgenvoll dahin, – er erinnerte sich sehr gut, daß er zu irgendeinem Zwecke aus dem Hause gegangen sei und daß er etwas tun sollte und sich dabei beeilen müßte, was es aber war, – hatte er vergessen. Plötzlich blieb er stehen und sah, daß auf der anderen Seite der Straße, auf dem Fußwege, ein Mann stand und ihm mit der Hand winkte. Er ging über die Straße zu ihm hin, da wandte sich dieser Mann um, ging weiter, als wäre nichts gewesen, mit gesenktem Kopfe, ohne sich umzuwenden und ohne merken zu lassen, daß er ihn gerufen habe. „Ja, hatte er mich auch gerufen?“ dachte Raskolnikoff und ging ihm nach. Kaum zehn Schritte entfernt von ihm, erkannte er ihn plötzlich – und erschrak; es war der Kleinbürger von vorhin, im selben Schlafrocke und ebenso gekrümmt. Raskolnikoff folgte ihm von weitem; sein Herz klopfte; sie bogen in eine Gasse ein, – der Kleinbürger wandte sich noch immer nicht um.
„Weiß er, daß ich ihm folge?“ dachte Raskolnikoff. Der Kleinbürger trat in das Tor eines großen Hauses. Raskolnikoff ging schnell zu dem Tore hin, um hineinzusehen, ob er sich nicht umschaue und ihn rufen würde. Und in der Tat, als der Kleinbürger durch das Tor geschritten war und schon in den Hof trat wandte er sich wieder um und schien ihm wieder zu winken. Raskolnikoff durchschritt sofort das Tor, aber der Kleinbürger war nicht mehr auf dem Hofe. Also muß er hier die erste Treppe hinaufgegangen sein. Raskolnikoff stürzte ihm nach. Ein paar Treppen höher vernahm man gleichmäßige, nicht eilige Schritte. Sonderbar, die Treppe kam ihm bekannt vor! Hier im ersten Stock ist ein Fenster; durch die Scheiben schimmert traurig und geheimnisvoll der Mond; da ist auch der zweite Stock. Oh! Das ist dieselbe Wohnung, in der die Arbeiter anstrichen ... Wie hatte er das Haus nicht sofort wiedererkennen können? Die Schritte des vorangehenden Menschen waren verhallt, „er ist also stehen geblieben oder hat sich irgendwo versteckt“. Da ist der dritte Stock; soll ich weitergehen? Und welch eine Stille hier herrscht, es ist zum Fürchten ... Er ging jedoch höher hinauf. Das Geräusch seiner eigenen Schritte erschreckte und beunruhigte ihn. Mein Gott, wie dunkel es ist! Der Kleinbürger hat sich sicher irgendwo in einer Ecke versteckt. Ah! Die Wohnung ist weit offen; er dachte nach und trat ein. Im Vorzimmer war es sehr dunkel und leer, keine Menschenseele, als hätte man alles fortgebracht; leise, auf den Fußspitzen ging er in die Wohnstube hinein, – das ganze Zimmer war hell vom Mondenschein überflutet; alles war hier wie vorher, – die Stühle standen da, der Spiegel, das gelbe Sofa und die eingerahmten Bilder. Der große, runde, kupferrote Mond blickte durch die Fensterscheiben hinein. „Diese Stille kommt vom Monde,“ dachte Raskolnikoff, „er gibt jetzt sicher ein Rätsel auf.“ Er stand und wartete, wartete lange, und je stiller der Mond war, um so stärker klopfte sein Herz, es tat ihm sogar weh. Und immer noch diese Stille. Plötzlich ertönte ein kurzes trockenes Knacken, als hätte man einen Holzspan zerbrochen und wieder wurde alles still. Eine aufgewachte Fliege stieß im Fluge an die Scheibe und summte kläglich. Im selben Augenblicke entdeckte er in der Ecke zwischen einem kleinen Schrank und dem Fenster, wie es ihm schien, einen an der Wand hängenden Pelzmantel. „Warum hängt da ein Pelzmantel?“ dachte er, „er war doch früher nicht da ...“ Er trat sehr leise heran und erriet; daß hinter dem Pelzmantel sich jemand versteckt hielt. Er schob vorsichtig mit der Hand den Mantel zur Seite und entdeckte einen Stuhl, und auf dem Stuhle in der Ecke saß die Alte, ganz zusammengekauert und mit gesenktem Kopfe, so daß er das Gesicht gar nicht sehen konnte, aber sie war es. Er stand eine Weile vor ihr; „sie fürchtet sich!“ dachte er; zog dann leise das Beil aus der Schlinge und versetzte der Alten einen Schlag auf den Kopf und noch einen zweiten. Aber merkwürdig, – sie rührte sich nicht bei den Schlägen, als wäre sie aus Holz. Er erschrak, beugte sich über sie und begann sie zu betrachten, da ließ sie den Kopf noch mehr sinken. Er beugte sich dann fast zu Boden und blickte ihr von unten ins Gesicht; er sah sie an und erstarrte, – die Alte saß und lachte, – sie schüttelte sich vor Lachen, ein leises, unhörbares Lachen, sie hielt aus Leibeskräften an sich, damit er es nicht hören solle. Da schien es ihm, als würde die Tür zum Schlafzimmer ein wenig geöffnet, und auch da schien man zu lachen und zu flüstern. Die Wut übermannte ihn, – er begann aus voller Kraft der Alten auf den Kopf zu schlagen, aber mit jedem Schlage hörte man immer stärker das Lachen und Flüstern im Schlafzimmer, und die Alte schüttelte sich nur so vor Lachen. Er stürzte hinaus, da war das ganze Vorzimmer schon voll von Menschen, die Tür zu der Treppe war weit geöffnet und auf dem Flure, auf der Treppe und dort unten standen Menschen, Kopf an Kopf, und blickten alle auf ihn, sie waren alle still, sie schienen auf etwas zu warten und schwiegen! ... Sein Herz krampfte sich, die Füße ließen sich nicht mehr bewegen, waren wie angewachsen ... Er wollte schreien und – wachte auf.
Er holte schwer Atem, – aber merkwürdig, der Traum schien sich immer noch fortzusetzen, – seine Tür war weit geöffnet und auf der Schwelle stand ein völlig unbekannter Mann und betrachtete ihn aufmerksam.
Raskolnikoff hatte die Augen noch nicht ganz geöffnet und schloß sie auch sofort wieder. Er lag auf dem Rücken und rührte sich nicht. „Ist das noch der Traum oder nicht?“ dachte er und hob kaum merklich die Wimpern, um zu sehen, – der Unbekannte stand auf derselben Stelle und blickte ihn weiter unverwandt an. Auf einmal trat er vorsichtig über die Schwelle, schloß leise die Türe hinter sich zu, ging an den Tisch und wartete eine Weile, – während dieser Zeit wandte er kein Auge von Raskolnikoff ab, – er setzte sich leise auf einen Stuhl neben das Sofa hin; seinen Hut stellte er auf den Boden neben sich, stützte sich mit beiden Händen auf seinen Stock und legte das Kinn auf die Hände. Man konnte sehen, daß er sich anschickte, lange zu warten. Soweit Raskolnikoff durch die blinzelnden Wimpern sehen konnte, war dieser Mann nicht mehr jung, und hatte einen dichten, hellblonden, fast weißen Bart.
Es vergingen etwa zehn Minuten. Es war noch hell, aber der Abend nahte schon. Im Zimmer herrschte eine vollkommene Stille. Sogar von der Treppe drang kein Ton herein. Bloß eine große Fliege summte und schlug sich im Fluge an die Fensterscheibe. Dies wurde endlich unerträglich. – Raskolnikoff erhob sich plötzlich und setzte sich auf das Sofa hin.
„Nun sagen Sie, was wünschen Sie?“
„Sehen Sie, ich wußte es doch, daß Sie nicht schlafen, sondern sich bloß den Anschein geben,“ antwortete der Unbekannte eigentümlich und lachte ruhig. „Erlauben Sie mich Ihnen vorzustellen: Arkadi Iwanowitsch Sswidrigailoff ...“