„Ist das etwa die Fortsetzung des Traumes?“ dachte Raskolnikoff noch einmal.
Er betrachtete vorsichtig und mißtrauisch den unerwarteten Besucher.
„Sswidrigailoff? Welch ein Unsinn! Es kann nicht sein!“ sagte er schließlich laut und zweifelnd.
Der Besucher schien über diesen Ausruf gar nicht erstaunt zu sein.
„Ich bin zu Ihnen aus zwei Gründen gekommen, – erstens wollte ich Sie persönlich kennenlernen, da ich längst über Sie sehr Interessantes und Vorteilhaftes gehört habe; zweitens aber bilde ich mir ein, daß Sie sich vielleicht nicht weigern werden, mir bei einem Vorhaben zu helfen, das besonders die Interessen Ihrer Schwester Awdotja Romanowna betrifft. Mich allein, ohne Empfehlung, wird sie vielleicht jetzt nicht mal ins Haus lassen infolge eines Vorurteiles; mit Ihrer Hilfe rechne ich darauf.“
„So rechnen Sie schlecht,“ unterbrach ihn Raskolnikoff.
„Ihre Angehörigen sind doch erst gestern angekommen, erlauben Sie mir die Frage?“
Raskolnikoff antwortete nicht.
„Ja, gestern, ich weiß es. Ich bin selbst erst seit vorgestern hier. Doch, was soll ich Ihnen weiter sagen, Rodion Romanowitsch; ich halte es für überflüssig, mich zu rechtfertigen, nur eins lassen Sie mich bemerken, – habe ich denn tatsächlich etwas verbrochen, wenn man alles ohne Vorurteile, mit ruhiger Vernunft betrachtet?“
Raskolnikoff betrachtete ihn immer noch schweigend.
„Der Umstand, daß ich in meinem Hause ein wehrloses, junges Mädchen verfolgt und ‚sie mit meinen abscheulichen Anerbieten beleidigt habe‘, soll ein Verbrechen sein? Ich komme Ihnen zuvor. – Denken Sie doch daran, daß ich auch nur ein Mensch bin, et nihil humanum ... mit einem Worte, daß ich auch fähig bin, Reize zu empfinden und zu lieben, – was sicher nicht mit unserem Wollen geschieht, sondern in unserer Natur liegt, und damit läßt sich alles auf die allernatürlichste Weise erklären. Die Frage ist nur die, bin ich ein Scheusal oder selbst ein Opfer? Nun, und wenn ich das Opfer bin? Und sehen Sie, indem ich dem Gegenstande meiner Liebe anbot, mit mir nach Amerika oder in die Schweiz zu fliehen, empfand ich dabei die allerehrerbietigsten Gefühle und glaubte uns zum gegenseitigen Glück zu verhelfen! ... Der Verstand dient doch der Leidenschaft, und ich richtete mich selbst dabei zugrunde, das müssen Sie doch auch in Betracht ziehen! ...“
„Darum handelt es sich gar nicht,“ unterbrach ihn Raskolnikoff voll Widerwillen. „Sie sind mir einfach widerlich, ob Sie schuldig sind oder nicht, und man will mit Ihnen nichts zu tun haben, man jagt Sie fort und so gehen Sie doch Ihrer Wege! ...“
Sswidrigailoff lachte laut auf.
„Aber Sie sind ... man kann Sie nicht verwirren!“ sagte er und lachte offen heraus, „ich dachte es schlau angefangen zu haben, aber es gelang nicht, Sie stellten sich gleich auf den richtigsten Standpunkt.“
„Ja, und Sie wollen auch in diesem Augenblicke schlau sein.“
„Was wäre dabei? Nun, was wäre dabei?“ wiederholte Sswidrigailoff und lachte weiter. „Es ist doch bonne guerre[4], wie man es nennt und eine höchst erlaubte Schlauheit! ... Aber Sie haben mich unterbrochen; ich wiederhole noch einmal, ob es so oder anders gekommen wäre, es wären keine Unannehmlichkeiten vorgefallen, wenn nicht noch der Auftritt im Garten hinzugekommen wäre. Marfa Petrowna ...“
„Marfa Petrowna, sagt man, haben Sie auch ins Grab gebracht?“ unterbrach ihn schroff Raskolnikoff.
„Sie haben auch davon gehört? Wie sollten Sie es übrigens nicht zu hören bekommen ... Hier weiß ich wirklich nicht, was ich Ihnen sagen soll, obwohl mein eigenes Gewissen in dieser Beziehung im höchsten Maße ruhig ist. Glauben Sie ja nicht, daß ich irgend etwas dabei fürchte; dies alles ist in völliger Ordnung und mit Genauigkeit geprüft worden, – die ärztliche Untersuchung hat einen Herzschlag nachgewiesen, der infolge sofortigen Badens nach einem reichlichen Mittagessen erfolgt ist, wobei fast eine ganze Flasche Wein geleert wurde, und anderes konnte nicht festgestellt werden ... Nein, sehen Sie, ich habe eine Zeitlang, besonders im Eisenbahnwagen auf dem Wege hierher nachgedacht, ob ich zu diesem ... Unglück irgendwie, moralisch, durch Reizung oder etwas ähnliches, nicht beigetragen habe? Ich bin zu dem Resultate gekommen, daß dies positiv nicht der Fall sein konnte.“
Raskolnikoff lachte.
„Warum fällt es Ihnen denn noch ein, sich so zu beunruhigen?“
„Worüber lachen Sie denn? Denken Sie doch nach, – ich habe sie nur zweimal mit der Reitgerte geschlagen, ohne daß Spuren zu sehen waren ... Halten Sie mich, bitte, nicht für frivol; ich weiß sehr wohl, daß das schändlich von mir war ... und so weiter; aber ich weiß auch sicher, daß Marfa Petrowna vielleicht froh war über meinen, sagen wir, Mangel an Beherrschung. Die Geschichte mit Ihrer Schwester war bis zum letzten Tropfen erschöpft. Marfa Petrowna sah sich gezwungen, den dritten Tag schon zu Hause zu sitzen; sie hatte nichts, womit sie sich im Städtchen zeigen konnte, und außerdem war sie allen mit diesem Briefe – über das Vorlesen dieses Briefes haben Sie doch gehört, – lästig geworden. Da kamen ihr diese zwei Schläge mit der Reitgerte wie vom Himmel geschickt, – ihr erstes war, sofort den Wagen vorfahren zu lassen! ... Ich spreche nicht mal davon, daß es bei Frauen Fälle gibt, wo es ihnen sehr, sehr angenehm ist, beleidigt worden zu sein, trotz der zur Schau getragenen Entrüstung! Diese Fälle kommen bei allen vor. – Der Mensch liebt es im allgemeinen sehr, beleidigt zu sein; haben Sie das noch nicht bemerkt? Bei Frauen aber ist dies besonders der Fall. Man kann so weit gehen und sagen, daß sie sich damit gern die Zeit vertreiben.“
Einen Augenblick dachte Raskolnikoff aufzustehen und wegzugehen, um dadurch diesem Besuche ein Ende zu machen. Eine gewisse Neugier aber und vielleicht Berechnung hielten ihn für eine Weile zurück.
„Sie prügeln wohl gerne?“ fragte er ihn zerstreut.
„Nein, nicht besonders,“ antwortete Sswidrigailoff ruhig. „Und mit Marfa Petrowna habe ich mich fast nie geprügelt. Wir lebten in großer Eintracht und sie war stets mit mir zufrieden. Die Gerte habe ich in den sieben Jahren nur zweimal gebraucht, wenn man ein drittes Mal, das übrigens sehr zweifelhaft ist, nicht mitzählt; das erste Mal war es zwei Monate nach unserer Heirat, gleich nach der Ankunft auf dem Gut, und nun der jetzige, letzte Fall. Sie dachten schon, ich sei so ein Scheusal, Rückschrittler und Anhänger der Leibeigenschaft? He–he–he ... Ja, nebenbei gesagt, – erinnern Sie sich nicht, Rodion Romanowitsch, wie vor einigen Jahren, noch zu Zeiten der wohltätigen Pressefreiheit, man einen Edelmann – ich habe seinen Namen vergessen, – der eine Deutsche im Eisenbahnwagen verprügelte, öffentlich an den Pranger stellte, erinnern Sie sich noch? Es war im selben Jahre, glaube ich, als die ‚Egyptischen Nächte‘ öffentlich vorgetragen wurden und ein Skandal passierte, erinnern Sie sich jetzt? ‚Schwarze Augen! Oh, wo bist du, goldene Zeit unserer Jugend! ...‘ So, und hier haben Sie meine Meinung, – für den Herrn, der die Deutsche verprügelte, habe ich keine Sympathie, denn warum soll man in der Tat ... mit dem sympathisieren! Hierbei kann ich nicht umhin zu bemerken, daß zuweilen sich solche anregende ‚Deutsche‘ finden, und daß es keinen einzigen Fortschrittler, wie es mir scheint, gibt, der für sich vollkommen garantieren könnte. Von diesem Standpunkte hatte damals niemand die Sache betrachtet, indessen aber ist er der eigentlich humane Standpunkt wahrhaftig, so ist es!“
Nachdem er das gesagt hatte, lachte Sswidrigailoff von neuem. Raskolnikoff war es klar, daß dieser Mensch, der sich etwas fest vorgenommen hatte, darauf bestimmt lossteuerte.
„Sie haben jedenfalls einige Tage nacheinander mit niemandem gesprochen?“ fragte er ihn.
„Das könnte stimmen. Warum? Sie wundern sich wohl, daß ich so gesprächig bin.“
„Nein, ich wundere mich, daß Sie so vernünftig reden.“
„Weil ich mich durch die Grobheit Ihrer Zwischenfragen nicht gekränkt fühlte? Ist es so? Ja ... warum sollte ich gekränkt sein? Wie man mich fragte, so antwortete ich auch,“ fügte er mit wunderbarer Gutmütigkeit hinzu. „Ich interessiere mich fast für nichts, bei Gott,“ fuhr er fort, wie sinnend. „Ich bin besonders jetzt mit nichts beschäftigt ... Übrigens ist es begreiflich, wenn Sie denken, ich wollte mich bei Ihnen einschmeicheln und um so mehr, weil ich ein Anliegen, wie ich selbst erklärte, an Ihre Schwester habe. Aber ich will Ihnen offen sagen, – mir ist es langweilig, besonders seit diesen drei Tagen, so daß ich mich auf Ihre Gesellschaft freute ... Seien Sie mir aber nicht böse, Rodion Romanowitsch, Sie kommen mir aber selbst sehr merkwürdig vor. Fassen Sie es auf wie Sie wollen, aber es ist etwas an Ihnen und gerade jetzt, nicht nur in diesem Augenblicke, sondern überhaupt jetzt ... Nun, nun, ich will nicht mehr davon reden, verziehen Sie nur nicht gleich die Stirn! Ich bin doch nicht solch ein Bär, wie Sie glauben.“
Raskolnikoff blickte ihn finster an.
„Sie sind vielleicht gar kein Bär,“ sagte er. „Mir scheint es sogar, Sie gehören zur guten Gesellschaft oder Sie verstehn wenigstens bei Gelegenheit auch ein anständiger Mann zu sein.“
„Ich interessiere mich auch nicht besonders für irgend wessen Meinung über mich,“ antwortete Sswidrigailoff trocken, mit einem Anfluge von Hochmut, „und warum soll man nicht fade sein, wenn diese Art unserem Lande so geläufig ist und ... und wenn man noch eine natürliche Neigung dazu hat,“ fügte er hinzu und lachte wieder.
„Ich habe gehört, daß Sie hier viele Bekannte haben. Sie sind doch nicht ohne das, was man ‚Verbindungen‘ nennt. Wozu haben Sie mich denn nötig, wenn nicht zu einem bestimmten Zwecke?“
„Ganz richtig, ich habe Bekannte hier,“ fuhr Sswidrigailoff fort, ohne die Hauptfrage zu beantworten, „ich habe auch einige getroffen; ich wandre schon den dritten Tag herum, erkenne manche selbst wieder und mich scheint man auch wiederzuerkennen. Ich bin anständig angezogen und werde für keinen armen Menschen gehalten; uns hat die Aufhebung der Leibeigenschaft nicht berührt, – uns sind Wälder und Wiesen geblieben, das Einkommen ist demnach nicht vermindert worden. Aber ... ich will meine Beziehungen nicht pflegen, auch früher waren sie mir langweilig. Ich gehe nun den dritten Tag herum und gebe mich nicht zu erkennen ... Dazu kommt noch diese Stadt! Sagen Sie mir bitte, wie ist sie entstanden! Eine Stadt von Beamten und allerhand Seminaristen! Ich habe wirklich früher vieles nicht bemerkt, als ich vor acht Jahren mich hier herumtrieb ... Ich setzte alle meine Hoffnungen nur noch ganz allein auf die Anatomie, bei Gott!“
„Was für eine Anatomie?“
„Nun, ich hoffe auf alle diese Klubs und französischen Restaurants und vielleicht noch auf den Fortschritt, – nun, der möge nach unserem Tode kommen,“ fuhr er fort, ohne wieder die Frage zu beachten. „Und was ist das für ein Vergnügen, Falschspieler zu sein?“
„Waren Sie denn auch Falschspieler?“
„Warum denn auch nicht? Wir waren eine ganze Gesellschaft vor acht Jahren und eine höchst anständige; wir vertrieben uns die Zeit, und wissen Sie, es waren alles Menschen mit guten Umgangsformen, es waren Dichter und reiche Leute darunter. Ja, und überhaupt bei uns in der russischen Gesellschaft trifft man bei denen, die schon Prügel bekommen haben, die allerbesten Umgangsformen, – haben Sie es noch nicht gemerkt? Ich bin auf dem Lande ein wenig heruntergekommen. Und trotzdem wollte mich damals ein Griechenkerl aus Njeschin wegen Schulden ins Gefängnis einsperren lassen. Da tauchte Marfa Petrowna auf, handelte ein wenig und löste mich für dreißigtausend Silberlinge aus – im ganzen schuldete ich siebzigtausend. Wir traten in den gesetzlichen Ehestand und sie brachte mich sofort auf ihr Gut, als habe sie einen Schatz gehoben. Sie war um fünf Jahre älter als ich. Liebte mich sehr. Sieben Jahre habe ich dort gelebt. Und stellen Sie sich vor, sie hatte ihr ganzes Leben das Dokument in Händen, es war auf einen fremden Namen über diese dreißigtausend von mir ausgestellt, so daß, wenn ich beabsichtigte, mich gegen sie zu empören, – ich sofort ins Loch gekommen wäre. Und sie hätte es getan! Bei Frauen ist alles möglich.“
„Und wäre das Dokument nicht vorhanden gewesen, so wären Sie auch sicherlich schon lange ausgekniffen?“
„Ich weiß nicht, was ich Ihnen da sagen soll. Dieses Dokument genierte mich fast gar nicht. Ich hatte keine Lust, irgendwohin zu reisen, und Marfa Petrowna riet mir selbst ein paarmal eine Auslandsreise, als sie merkte, daß ich mich langweile. Wozu aber? Im Auslande war ich vorher gewesen und da war es mir immer langweilig. Eigentlich langweilte ich mich nicht, aber sehen Sie, man sieht die Sonne untergehen, ringsum ist das Meer – die Bucht von Neapel, und es wird einem traurig zumute. Am unangenehmsten ist es, daß man tatsächlich Sehnsucht nach Hause bekommt. Nein, in der Heimat ist es besser, – hier schiebt man die Schuld immer den andern zu und nimmt sich selbst in Schutz. Ich würde mich vielleicht jetzt gegebenenfalls an einer Expedition nach dem Nordpol beteiligen, denn – j’ai le vin mauvais[5], es widert mich an, zu trinken, und außer dem Wein bleibt mir nichts übrig. Man sagt, daß Berg am Sonntag im Jussupoffschen Garten in einem großen Ballon aufsteigen will und Mitreisende gegen eine bestimmte Bezahlung auffordert, ist das wahr?“
„Was, Sie wollen wohl mitfliegen?“
„Ich? Nein ... so ...“ murmelte Sswidrigailoff und wurde wirklich nachdenklich.
„Was ist mit dem nur los?“ dachte Raskolnikoff.
„Nein, das Dokument genierte mich nicht,“ fuhr Sswidrigailoff sinnend fort. „Ich verließ freiwillig nicht das Gut. Ja und es wird bald ein Jahr, seit Marfa Petrowna mir zu meinem Namenstage dieses Dokument zurückgab und außerdem mir noch eine nennenswerte Summe schenkte. Sie hatte ein schönes Vermögen. ‚Sehen Sie, wie ich Ihnen vertraue, Arkadi Iwanowitsch‘, wahrhaftig, so sagte sie. Sie glauben nicht, daß sie so gesagt hat? Wissen Sie, ich bin auf dem Lande ein anständiger Hauswirt geworden; man kennt mich im ganzen Umkreise. Ich ließ mir auch Bücher kommen. Marfa Petrowna fand es zuerst gut, später aber fürchtete sie immer, ich könnte mich durch zu vieles Lesen überanstrengen.“
„Sie vermissen Marfa Petrowna, wie es scheint, sehr?“
„Ich? Vielleicht. Wahrhaftig, vielleicht. Ja, nebenbei gesagt, glauben Sie an Gespenster?“
„Was für Gespenster?“
„An gewöhnliche Gespenster!“
„Sie glauben daran?“
„Vielleicht, vielleicht auch nicht, pour vous plaire[6] ... Das heißt eigentlich, glaube ich ...“
„Erscheinen sie bei Ihnen etwa?“
Sswidrigailoff blickte ihn sonderbar an.
„Marfa Petrowna geruht mich zu besuchen,“ sagte er und verzog seinen Mund zu einem merkwürdigen Lächeln.
„Was heißt es, sie geruht Sie zu besuchen?“
„Ja, sie ist schon dreimal dagewesen. Zum erstenmal sah ich sie am Tage der Beerdigung, eine Stunde nach ihrem Begräbnis. Das war am Tage vor meiner Abreise. Das zweitemal war es vorgestern auf der Reise, am frühen Morgen auf der Station Malaja Wischera, und zum dritten Male heute, vor zwei Stunden, in der Wohnung, wo ich abgestiegen bin; ich war allein.“
„Sehen Sie sie im wachen Zustande?“
„Vollkommen. Alle dreimal im wachen Zustande. Sie tritt herein, spricht einen Augenblick und geht durch die Tür hinaus, stets durch die Türe. Man kann es sogar hören.“
„Ich habe es mir gleich gedacht, daß mit Ihnen unbedingt irgend etwas dieser Art vorgehen muß!“ sagte plötzlich Raskolnikoff und staunte im selben Augenblicke, daß er das gesagt hatte. Er war in großer Aufregung.
„So, so? Sie haben es sich gedacht?“ fragte Sswidrigailoff verwundert. „Ist es möglich? Sagte ich nicht, daß es zwischen uns einen gemeinsamen Punkt geben muß.“
„Das haben Sie nie gesagt!“ antwortete scharf und außer sich Raskolnikoff.
„Habe ich es nicht gesagt?“
„Nein!“
„Mir war, als hätte ich es gesagt. Als ich vorhin eintrat und sah, daß Sie mit geschlossenen Augen liegen und sich bloß schlafend stellten, da sagte ich mir, ‚er ist derselbe!‘“
„Was heißt das – er ist derselbe? Was meinen Sie damit?“ rief Raskolnikoff aus.
„Was ich meine? Wirklich, ich weiß es nicht ...“ murmelte Sswidrigailoff offenherzig und scheinbar selbst verwirrt vor sich hin. Sie schwiegen etwa eine Minute und blickten einander unablässig an.
„Das ist alles Unsinn!“ rief Raskolnikoff ärgerlich. „Was sagt sie Ihnen denn, wenn sie erscheint?“
„Sie? Stellen Sie sich vor, sie spricht über die geringsten Kleinigkeiten und mögen Sie sich über mich wundern oder nicht, – gerade das ärgert mich. Das erstemal, als sie erschien, – wissen Sie, ich war müde nach der Totenmesse und dem Begräbnis und dem Essen und war in meinem Schreibzimmer allein geblieben, hatte mir eine Zigarre angesteckt und war in Gedanken versunken, – da trat sie also durch die Türe ein und sagte: ‚Arkadi Iwanowitsch, Sie haben heute bei all dem Trubel vergessen, die Uhr im Speisezimmer aufzuziehen.‘ Diese Uhr habe ich tatsächlich all die sieben Jahre jede Woche selbst aufgezogen, und wenn ich es vergessen hatte, erinnerte sie mich stets daran. Am anderen Morgen war ich schon auf der Reise hierher. Ich komme am frühen Morgen auf einer Station an, hatte die Nacht nur wenig geschlummert, fühlte mich zerschlagen, die Augen waren müde, und als ich mir eine Tasse Kaffee nahm, sah ich plötzlich, wie sich Marfa Petrowna neben mich mit einem Kartenspiel in der Hand hinsetzte. ‚Soll ich Ihnen nicht die Karten legen, Arkadi Iwanowitsch?‘ fragte sie mich. Sie war eine Meisterin im Kartenlegen. Nein, ich werde es mir nie verzeihen, daß ich mir die Karten nicht legen ließ. Ich lief im Schrecken fort, es war auch höchste Zeit, denn es wurde zum Abfahren geläutet. Heute sitze ich nun nach einem sehr schlechten Essen aus einer Stadtküche mit schwerem Magen da und rauche, – da erscheint wieder Marfa Petrowna sehr geputzt, in einem neuen grünen Seidenkleide mit einer sehr langen Schleppe. ‚Guten Tag, Arkadi Iwanowitsch!‘ sagte sie. ‚Wie gefällt Ihnen mein Kleid? Anisja kann es nicht so gut machen.‘ Anisja, wissen Sie, ist unsere Schneiderin auf dem Lande, eine frühere Leibeigene, hat ihr Handwerk in Moskau erlernt, – ein hübsches Mädel. Also, Marfa Petrowna steht vor mir und zeigt sich von allen Seiten. Ich besah mir das Kleid und blickte ihr dann aufmerksam ins Gesicht. ‚Was ist es für ein Vergnügen, Marfa Petrowna, wegen solcher Kleinigkeiten zu mir zu kommen und mich zu belästigen.‘ – ‚Ach, mein Gott, man darf Sie auch nicht mal fragen!‘ Und ich sagte ihr, um sie zu necken: ‚Ich will mich verheiraten, Marfa Petrowna.‘ – ‚Das kann man von Ihnen erwarten, Arkadi Iwanowitsch; Sie legen damit nicht viel Ehre ein, da Sie kaum Ihre Frau beerdigt haben und schon heiraten wollen. Und wenn Sie noch gut gewählt hätten, so aber – ich weiß es – werden weder Sie selbst, noch Ihre Auserwählte es gut haben.‘ Darauf ging sie hinaus mit rauschender Schleppe. Ist das nicht alles Unsinn?“
„Ich glaube, das sind alles ausgedachte Lügen?“ erwiderte Raskolnikoff.
„Ich lüge selten,“ antwortete Sswidrigailoff sinnend und als hätte er die Grobheit der Frage gar nicht gemerkt.
„Haben Sie nie vorher Gespenster gesehen?“
„Nein, ich habe wohl ein einziges Mal im Leben vor sechs Jahren ein Gespenst gesehen. Ich hatte einen Diener Filka; gerade, als man ihn beerdigt hatte, rief ich in der Zerstreutheit: ‚Filka, die Pfeife!‘ und er kam herein und ging zu dem Pfeifenständer. Ich saß und dachte, ‚er wird sich wohl rächen wollen‘, denn vor seinem Tode hatten wir uns ordentlich gezankt. ‚Wie, wagst du‘, sagte ich zu ihm, ‚zu mir mit einem zerrissenen Ellenbogen zu kommen, – hinaus, Hallunke!‘ Er wandte sich um, ging hinaus und erschien nie mehr. Ich habe es Marfa Petrowna nicht erzählt. Ich wollte für ihn eine Totenmesse abhalten lassen, aber genierte mich.“
„Gehen Sie zu einem Arzte!“
„Ich weiß auch ohne Sie, daß ich nicht gesund bin, obwohl ich wahrhaftig nicht weiß, wo es mir fehlt; meiner Ansicht nach bin ich sicher fünfmal gesünder als Sie. Ich habe Sie jedoch nicht danach gefragt. Ich habe Sie vielmehr gefragt, glauben Sie, daß es Gespenster gibt?“
„Nein, ich kann um nichts in der Welt daran glauben!“ rief Raskolnikoff wütend aus.
„Wie spricht man von solchem Falle gewöhnlich?“ murmelte Sswidrigailoff vor sich hin, sah dabei zur Seite und hatte ein wenig den Kopf gesenkt. „Die einen sagen, – du bist krank, und das, was sich dir vorstellt, ist ein nicht existierender Wahn. Das ist aber doch unlogisch. Ich gebe zu, daß Gespenster nur Kranken erscheinen, aber das beweist doch bloß, daß die Gespenster niemand anderen als Kranken erscheinen können, jedoch nicht, daß sie an und für sich nicht existieren.“
„Gewiß, sie existieren auch nicht!“ bestand Raskolnikoff gereizt auf seiner Ansicht.
„Nicht? Sie meinen es?“ fuhr Sswidrigailoff langsam fort und blickte ihn an. „Nun, man kann es auch so betrachten, – Sie müssen mir helfen, – Gespenster sind sozusagen Teile und Stückchen aus anderen Welten, ihr Anfang. Ein gesunder Mensch braucht sie selbstverständlich nicht zu sehn, denn ein Gesunder ist der meist irdische Mensch und soll also der Ordnung und Vollständigkeit wegen nur das gegenwärtige Leben leben. Nun, wenn er aber erkrankt und wenn die normale irdische Ordnung im Organismus ein wenig ins Wanken geraten ist, beginnt sich sofort die Möglichkeit einer anderen Welt zu zeigen, und je stärker er erkrankt, um so mehr gibt es für ihn Berührungspunkte mit dieser Welt, bis er, wenn er schließlich stirbt, in die andere Welt übergeht. Ich habe darüber seit langem nachgedacht. Wenn Sie an ein zukünftiges Leben glauben, so können Sie auch an diesen Gedanken glauben.“
„Ich glaube nicht an ein zukünftiges Leben,“ sagte Raskolnikoff.
Sswidrigailoff saß nachdenklich da.
„Wenn es aber dort drüben nur Spinnen oder dergleichen gibt,“ sagte er rasch.
„Er ist verrückt,“ dachte Raskolnikoff.
„Uns erscheint immer die Ewigkeit als eine Idee, die man nicht erfassen kann, als etwas ungeheuer Großes. Aber warum soll sie denn unbedingt ungeheuer groß sein? Und schließlich stellen Sie sich vor, anstatt dessen wird dort ein kleines Zimmer sein, ähnlich einer Badestube auf dem Lande; verräuchert, in allen Ecken Spinnen, und das wird die ganze Ewigkeit sein. Wissen Sie, ich stelle sie mir zuweilen in dieser Art vor.“
„Und stellen Sie sich tatsächlich nichts tröstlicheres und gerechteres vor, als dieses!“ rief Raskolnikoff aufgeregt.
„Gerechteres? Woher wissen wir es, vielleicht ist dies auch gerecht; und wissen Sie, ich würde es unbedingt so einrichten!“ antwortete Sswidrigailoff und lächelte unbestimmt.
Es überlief Raskolnikoff bei dieser abscheulichen Antwort kalt. Sswidrigailoff erhob den Kopf, blickte ihn aufmerksam an und lachte plötzlich laut auf.
„Nein, bedenken Sie bloß,“ rief er aus, „vor einer halben Stunde hatten wir einander noch nicht gesehen, hielten uns für Feinde, hatten eine Angelegenheit auszutragen; wir ließen die Sache fallen und verwirren uns in diese Ideen! Nun, habe ich nicht die Wahrheit gesagt, daß wir von einem Stamme sind?“
„Tun Sie mir den Gefallen,“ fuhr Raskolnikoff gereizt fort, „erklären Sie sich schneller und teilen Sie mir mit, warum Sie mir die Ehre erwiesen haben, mich zu besuchen ... und ... und ich habe Eile, habe keine Zeit, ich will fortgehen ...“
„Bitte, bitte. Ihre Schwester Awdotja Romanowna heiratet Herrn Peter Petrowitsch Luschin?“
„Können Sie nicht jede Frage über meine Schwester vermeiden und ihren Namen unerwähnt lassen? Ich begreife nicht, wie Sie es wagen, in meiner Gegenwart ihren Namen auszusprechen, wenn Sie tatsächlich Sswidrigailoff sind.“
„Ich bin doch gekommen, um über sie zu sprechen, wie soll ich denn ihren Namen nicht erwähnen?“
„Gut. Reden Sie, aber schnell!“
„Ich bin überzeugt, daß Sie sich Ihre Meinung über diesen Herrn Luschin, einen Verwandten meiner Frau, schon gebildet haben, wenn Sie ihn nur eine halbe Stunde gesehen oder irgend etwas Sicheres und Genaues über ihn gehört haben. Er paßt nicht für Awdotja Romanowna. Meiner Ansicht nach bringt sich Awdotja Romanowna hier sehr großmütig und uneigennützig zum Opfer für ... für ihre Familie. Mir schien es, auf Grund all dessen, was ich über Sie gehört habe, daß Sie Ihrerseits sehr zufrieden sein würden, wenn diese Heirat ohne Verletzung der Interessen nicht zustandekommen würde. Jetzt aber, nachdem ich Sie persönlich kennengelernt habe, bin ich davon sogar überzeugt.“
„Ihrerseits ist dies alles sehr naiv, entschuldigen Sie, ich wollte sagen, frech,“ erwiderte Raskolnikoff.
„Das heißt, Sie sagen damit, daß ich für meinen eigenen Nutzen sorge. Seien Sie ruhig, Rodion Romanowitsch, wenn ich meine eigenen Vorteile im Auge haben würde, so hätte ich mich nicht so offen ausgesprochen, ich bin doch nicht ganz dumm. In dieser Beziehung will ich Ihnen eine psychologische Merkwürdigkeit offenbaren. Vorhin sagte ich, als ich meine Liebe zu Awdotja Romanowna rechtfertigte, daß ich selbst ein Opfer dieser Liebe sei. Nun, mögen Sie wissen, daß ich jetzt gar keine Liebe mehr, absolut gar keine empfinde, so daß ich mich über mich selbst wundere, denn ich hatte doch tatsächlich so empfunden ...“
„Aus Müßiggang und Unsittlichkeit,“ unterbrach ihn Raskolnikoff.
„Ich bin wirklich ein Nichtstuer und Wüstling. Aber, Ihre Schwester hat so viele Vorzüge, daß ich einem gewissen Eindrucke unterliegen mußte. Doch das ist alles Unsinn, wie ich es selbst jetzt auch einsehe.“
„Haben Sie es seit langem eingesehen?“
„Ich habe es schon früher gemerkt, mich aber vorgestern im Augenblicke meiner Ankunft in Petersburg endgültig davon überzeugt. Übrigens, in Moskau noch stellte ich mir vor, daß ich nur reise, um mit Herrn Luschin in Konkurrenz zu treten und um Awdotja Romanownas Hand anzuhalten.“
„Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche, aber tun Sie mir den Gefallen, sich kürzer zu fassen und direkt auf den Zweck Ihres Besuches überzugehen. Ich habe Eile, ich muß fortgehen ...“
„Mit größtem Vergnügen. Als ich hier angekommen war und mich entschlossen hatte, jetzt eine ... Reise anzutreten, wollte ich einige notwendige Anordnungen vorher treffen. Meine Kinder sind bei der Tante geblieben und sind reich; mich persönlich brauchen sie nicht. Was für ein Vater wäre ich auch? Ich habe mir selbst nur das genommen, was mir Marfa Petrowna vor einem Jahre geschenkt hatte. Für mich reicht es. Entschuldigen Sie, ich komme sofort zur Sache selbst. Vor meiner Reise, die vielleicht bald verwirklicht wird, will ich aber mit Herrn Luschin abrechnen. Nicht etwa, daß ich ihn gar nicht ausstehen kann, aber um seinetwillen entstand der Streit mit Marfa Petrowna, nachdem ich erfahren hatte, daß sie diese Heirat eingeleitet hat. Ich möchte jetzt, durch Ihre Vermittlung, Awdotja Romanowna sehen und meinetwegen in Ihrer Anwesenheit ihr erklären, daß sie von seiten des Herrn Luschin nicht nur nicht den geringsten Vorteil, sondern sicher eine unbedingte Enttäuschung erfahren wird. Dann möchte ich, nachdem ich sie wegen aller Unannehmlichkeiten um Entschuldigung gebeten habe, mir die Erlaubnis einholen, ihr zehntausend Rubel anzubieten, um ihr in dieser Weise den Bruch mit Herrn Luschin zu erleichtern; ich bin überzeugt, daß sie sich gegen einen Bruch mit ihm nicht sträubt, wenn sich nur eine Möglichkeit bietet.“
„Sie sind aber tatsächlich, tatsächlich verrückt!“ rief Raskolnikoff, mehr erstaunt als ärgerlich. „Wie können Sie sich unterstehen, so zu sprechen!“
„Ich wußte es, daß Sie mich anschreien werden, aber trotzdem ich nicht reich bin, kann ich vollkommen über diese zehntausend Rubel verfügen, ich brauche sie gar nicht. Wenn Awdotja Romanowna sie nicht annehmen will, werde ich sie vielleicht in der dümmsten Art verwenden. Das ist das eine. Mein Gewissen ist vollkommen ruhig, ich biete sie ohne jeglichen Hintergedanken an. Nun zweitens. Glauben Sie es, oder glauben Sie es nicht, später werden Sie und Awdotja Romanowna es erfahren. Die ganze Sache dreht sich doch darum, daß ich tatsächlich Mühe und Unannehmlichkeiten Ihrer verehrten Schwester verursacht habe; und da ich eine aufrichtige Reue empfinde, wünsche ich von Herzen, – mich nicht etwa loskaufen und die Unannehmlichkeiten bezahlen, sondern einfach ihr etwas Vorteilhaftes aus dem Grunde zu erweisen, weil ich doch schließlich kein Privilegium habe, nur Böses zu tun. Wenn sich in meinem Anerbieten eine winzige Spur von Berechnung fände, so würde ich ihr doch nicht bloß zehntausend anbieten, da ich vor fünf Wochen ihr viel mehr angeboten habe. Außerdem werde ich vielleicht sehr, sehr bald ein junges Mädchen heiraten, folglich muß dadurch der ganze Verdacht, daß ich gegen Awdotja Romanowna etwas im Schilde führe, fortfallen. Zum Schlusse möchte ich noch sagen, daß Awdotja Romanowna, indem sie Herrn Luschin heiratet, dasselbe Geld nimmt, nur von anderer Seite ... Ärgern Sie bitte sich nicht, Rodion Romanowitsch, überlegen Sie es sich ruhig und kaltblütig ...“
Sswidrigailoff war, während er dies sagte, selbst außerordentlich kaltblütig und ruhig.
„Ich bitte Sie, zu Ende zu kommen,“ sagte Raskolnikoff. „Jedenfalls ist es unverzeihlich frech.“
„Keineswegs. Demnach könnte ein Mensch einem anderen in dieser Welt nur Böses zufügen und hat im Gegenteil kein Recht wegen leerer konventioneller Formalitäten, ihm ein bißchen Gutes zu erweisen. Das ist unsinnig. Wenn ich zum Beispiel gestorben wäre und diese Summe Ihrer Schwester laut Testament hinterlassen hätte, würde sie sich auch dann weigern, sie anzunehmen?“
„Sehr möglich.“
„Nein, das glaube ich nicht. Übrigens, wenn sie nein sagt, mag es dabei bleiben, zehntausend aber sind unter Umständen eine angenehme Sache. In jedem Falle bitte ich Sie, Awdotja Romanowna das Gesagte mitzuteilen.“
„Nein, ich werde es ihr nicht mitteilen.“
„In diesem Falle, Rodion Romanowitsch, werde ich gezwungen sein, eine persönliche Zusammenkunft herbeizuführen, also auch sie belästigen.“
„Und wenn ich es ihr mitteilen werde, wollen Sie dann von einer persönlichen Zusammenkunft absehen?“
„Ich weiß wirklich nicht, was ich Ihnen sagen soll. Einmal möchte ich sie doch gerne sehen.“
„Hoffen Sie nicht darauf!“
„Schade. Sie kennen mich noch nicht. Vielleicht werden wir uns näherkommen.“
„Sie meinen, daß wir einander näherkommen werden?“
„Warum denn nicht?“ sagte Sswidrigailoff lächelnd, stand auf und nahm seinen Hut. „Nicht, daß es mir Spaß machte, Sie zu belästigen, und als ich hierher ging, rechnete ich nicht mit dieser Möglichkeit, obwohl mir Ihr Gesicht schon vorhin, heute morgen, auffiel ...“
„Wo haben Sie mich heute früh gesehen?“ fragte Raskolnikoff voll Unruhe.
„Zufällig ... Mir kommt es immer vor, als wäre etwas in Ihnen, was meinem Wesen entspricht ... Regen Sie sich nicht auf, ich bin nicht aufdringlich; ich bin mit Falschspielern gut ausgekommen, war dem Fürsten Sswirbei, einem entfernten Verwandten und Würdenträger, nicht zur Last gefallen, habe es verstanden, Frau Prilukoff ins Album ein Gedicht über die Raphaelsche Madonna zu schreiben, habe mit Marfa Petrowna sieben Jahre auf einem Fleck verlebt, in früheren Zeiten im Hause Wjasemski auf dem Heumarkte geschlafen und werde nun vielleicht mit Berg im Luftballon aufsteigen.“
„Nun, schon gut. Erlauben Sie mir die Frage, wollen Sie bald Ihre Reise antreten?“
„Welch eine Reise?“
„Von der Sie sprachen ... Sie sagten es doch selbst.“
„Ach ja! ... in der Tat, ich sprach von der Reise ... Nun, das ist eine große Frage ... Wenn Sie aber wüßten, wonach Sie mich soeben fragten!“ fügte er hinzu und lachte laut und kurz. „Ich werde vielleicht anstatt zu reisen, mich verheiraten. Man freit mir eine Braut.“
„Hier?“
„Ja.“
„Wann haben Sie denn dazu Zeit gefunden?“
„Mit Awdotja Romanowna jedoch möchte ich sehr gern einmal zusammentreffen. Ich bitte Sie in allem Ernst. Nun, auf Wiedersehen, ach ... ja! Ich hätte bald vergessen, Rodion Romanowitsch! Teilen Sie bitte Ihrer Schwester mit, daß sie im Testamente Marfa Petrownas mit dreitausend Rubeln bedacht ist. Das ist absolut richtig. Marfa Petrowna hat es eine Woche vor ihrem Tode angeordnet, und zwar in meiner Anwesenheit. Nach zwei oder drei Wochen kann Awdotja Romanowna auch das Geld erhalten.“
„Sagen Sie die Wahrheit?“
„Die volle Wahrheit. Teilen Sie es ihr mit. Nun, Ihr Diener. Ich wohne nicht sehr weit von Ihnen.“
Beim Weggehen stieß Sswidrigailoff in der Tür mit Rasumichin zusammen.