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Sämtliche Werke 1-2 cover

Sämtliche Werke 1-2

Chapter 31: III.
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About This Book

A psychological novel follows a young man who commits a calculated murder and then endures escalating guilt, paranoia, and isolation. The plot interweaves tense episodes of investigation and social interaction with prolonged interior reflection, bringing into relief competing moral and philosophical viewpoints through secondary characters. Major concerns include conscience versus rationalization, the nature of justice, and the possibility of spiritual or moral redemption. The narrative culminates in confession and the beginning of a painful ethical reckoning, presenting a sustained study of culpability, empathy, and the human capacity for both cruelty and remorse.

III.

Die Hauptsache war, daß er bis zum letzten Augenblicke einen derartigen Ausgang gar nicht erwartet hatte. Er spielte bis zum letzten Momente den Überlegenen, ohne auch nur die Möglichkeit zu ahnen, daß zwei arme und schutzlose Frauen sich seiner Macht entziehen könnten. Zu dieser Überzeugung trugen seine Eitelkeit und sein übermäßiges Selbstbewußtsein viel bei, das man am besten Selbstverliebtheit nennen kann. Peter Petrowitsch, der sich aus kleinen Verhältnissen emporgearbeitet hatte, hatte die krankhafte Angewohnheit, sich selbst mit Wohlgefallen zu betrachten, schätzte seinen Verstand und seine Fähigkeiten hoch ein, ja, er besah sogar zuweilen, wenn er allein war, sein Gesicht mit Liebe im Spiegel. Am meisten in der Welt aber liebte und schätzte er sein Geld, das er durch Arbeit und allerhand Machinationen erworben hatte, – es stellte ihn nach seinem Dafürhalten auf gleiche Stufe mit allem, was höher war als er.

Indem er voll Bitterkeit Dunja daran erinnerte, daß er sich entschlossen hatte, sie, trotz der schlechten Gerüchte über sie, zu heiraten, sprach Peter Petrowitsch vollkommen aufrichtig, er empfand eine tiefe Entrüstung über solch einen „schwarzen Undank“. Als er aber damals um Dunja anhielt, war er schon von der Sinnlosigkeit aller dieser Klatschgeschichten völlig überzeugt, die von Marfa Petrowna selbst öffentlich widerrufen und schon längst vom ganzen Städtchen, das Dunja warm in Schutz nahm, vergessen waren. Er würde es selber jetzt nicht geleugnet haben, daß er alles damals schon gewußt hatte. Aber trotzdem rechnete er seinen Entschluß, Dunja zu sich zu erheben, hoch an und hielt ihn für eine große Tat. Indem er dies gegen Dunja aussprach, drückte er einen geheimen längst gehegten Gedanken aus, an dem er mehr als einmal sich selber erbaut hatte, und er konnte es nicht begreifen, daß die anderen seine große Tat nicht mit gleicher Bewunderung ansahen. Als er damals Raskolnikoff einen Besuch machte, kam er mit den Gefühlen eines Wohltäters, der sich anschickt, die Früchte seiner Taten zu ernten und schmeichelhaftes Lob zu hören. Auch jetzt, als er die Treppe hinabstieg, hielt er sich selbstverständlich für im höchsten Grade gekränkt und verkannt.

Dunja hatte er einfach nötig; es war ihm undenkbar, auf sie zu verzichten. Lange schon, seit einigen Jahren, träumte er mit Behagen von einer Heirat, aber er sparte fortwährend noch mehr Geld und wartete. Er dachte mit Begeisterung in seinen geheimsten Träumen an ein wohlgesittetes und armes (sie mußte unbedingt arm sein) Mädchen, das jung, sehr hübsch, aus guter Familie, gebildet, sehr eingeschüchtert sein mußte, das außerordentlich viel Unglück durchgemacht hatte und das sich vor ihm vollkommen beugen würde, an ein solches Mädchen, das ihr ganzes Leben lang ihn als ihren Retter ansehen, ihn verehren, sich ihm unterordnen und ihn, nur ihn allein bewundern würde. Wieviel Szenen, wieviel wonnige Episoden hatte er sich in der Phantasie über dieses verführerische und reizende Thema ausgemalt, wenn er in aller Stille von der Arbeit ausruhte! Und siehe da, der Traum von so viel Jahren wurde fast ganz zur Wirklichkeit, – die Schönheit und die Bildung Awdotja Romanownas hatten ihn überrascht, und ihre hilflose Lage reizte ihn aufs äußerste. Hier war mehr noch vorhanden, als er geträumt hatte; er hatte ein stolzes, charakterfestes, tugendhaftes Mädchen getroffen, das an Erziehung und Bildung höher stand, als er selber (das fühlte er), und solch ein Wesen wird ihm ihr ganzes Leben wegen seiner großen Tat sklavisch dankbar sein und in Verehrung sich vor ihm in den Staub werfen, er aber wird grenzenlos und unbedingt über sie herrschen ... Als hätte es so sein müssen, hatte er sich kurz vorher nach langem Wägen und Warten entschlossen, seine Laufbahn zu ändern und in einen größeren Wirkungskreis überzugehen, um gleichzeitig allmählich in die höhere Gesellschaft, an die er lange schon mit Sehnsucht gedacht hatte, hineinzukommen ... Mit einem Worte, er entschloß sich, es in Petersburg zu versuchen. Er wußte, daß man durch Frauen sehr viel machen konnte. Der Zauber einer reizenden, tugendhaften und gebildeten Frau konnte wunderbar seinen Weg ebnen, Leute an ihn heranziehen, ihm einen Glorienschein verleihen ... und nun war alles zerstört! Dieser plötzliche abscheuliche Bruch traf ihn wie ein Donnerschlag. Aber es war ein schlechter Spaß, war Unsinn! Er hat doch nur ein bißchen übertrieben; er hatte nicht mal Zeit gehabt, sich auszusprechen, er hatte bloß gescherzt, ließ sich ein wenig gehen, und es hat so ein ernstes Ende genommen! Und schließlich, er liebte doch Dunja in seiner Weise, er herrschte schon über sie in seinen Träumen, – und nun plötzlich dieses! ... Nein! Morgen, morgen schon muß alles wieder ausgeglichen, aufgeklärt und gutgemacht werden, Hauptsache war – diesen aufgeblasenen Milchbart, der an allem Schuld war, zu vernichten. Mit Unbehagen dachte er plötzlich an Rasumichin ... aber er beruhigte sich gleich – „es fehlte gerade noch, daß auch er auf eine Stufe mit ihm gestellt würde!“ Wen er aber tatsächlich allen Ernstes fürchtete – war Sswidrigailoff ... Mit einem Worte, es standen viel Mühe und Sorgen bevor ...


„Nein, ich, ich bin am meisten schuld!“ sagte Dunja, umarmte und küßte die Mutter, „ich habe mich von seinem Gelde verlocken lassen, aber ich schwöre dir, Bruder, – ich konnte nicht glauben, daß er so unwürdig ist. Hätte ich ihn vorher erkannt, hätte ich mich um alles in der Welt nicht verlocken lassen! Klage mich nicht an, Bruder!“

„Gott hat uns gerettet! Gott hat uns gerettet!“ murmelte Pulcheria Alexandrowna, aber wie unbewußt, als hätte sie noch nicht ganz begriffen, was vorgefallen war.

Alle freuten sich, und nach fünf Minuten lachten sie sogar. Zuweilen erblaßte Dunetschka ein wenig und verzog die Augenbrauen bei der Erinnerung an das Vorgefallene. Pulcheria Alexandrowna konnte es nicht begreifen, daß sie sich auch freute; der Bruch mit Luschin war ihr heute früh noch als ein schreckliches Unglück erschienen. Rasumichin aber war entzückt. Er wagte noch nicht ganz sein Entzücken zu äußern, aber er bebte am ganzen Körper wie im Fieber, als hätte sich eine zentnerschwere Last von seinem Herzen gelöst. Jetzt hat er das Recht, ihnen sein ganzes Leben hinzugeben, ihnen zu dienen ... und noch mehr. – Aber sofort jagte er ängstlich alle Zukunftsgedanken fort, er fürchtete sich vor seiner Phantasie. Nur Raskolnikoff allein saß auf demselben Platze, fast düster und zerstreut. Er, der am meisten auf den Bruch mit Luschin bestanden hatte, schien sich jetzt am allerwenigsten für das Vorgefallene zu interessieren. Dunja dachte unwillkürlich, daß er immer noch sehr böse auf sie sei, und Pulcheria Alexandrowna betrachtete ihn ängstlich.

„Was hat dir denn Sswidrigailoff gesagt?“ trat Dunja an ihn heran.

„Ach ja, ja!“ rief Pulcheria Alexandrowna aus.

Raskolnikoff erhob den Kopf.

„Er will dir unbedingt zehntausend Rubel schenken und äußert dabei den Wunsch, dich einmal in meiner Gegenwart zu sehen.“

„Sie zu sehen! Um keinen Preis in der Welt!“ rief Pulcheria Alexandrowna, „und wie wagt er es, ihr Geld anzubieten!“

Darauf teilte Raskolnikoff ziemlich trocken sein Gespräch mit Sswidrigailoff mit, wobei er von dem Erscheinen Marfa Petrownas als Gespenst nichts erwähnte, um nicht zu weit zu gehen, und weil er einen Widerwillen empfand, irgendeine Unterhaltung, außer der notwendigsten, zu führen.

„Was hast du ihm geantwortet?“ fragte Dunja.

„Ich sagte zuerst, daß ich dir keine Mitteilung machen wolle. Darauf erklärte er mir, daß er dann selbst mit allen Mitteln versuchen werde, dich zu sehen. Er beteuerte, daß seine Leidenschaft zu dir eine Torheit gewesen sei und daß er jetzt dir gegenüber nichts mehr empfinde ... Er will nicht, daß du Luschin heiratest ... Er sprach überhaupt verworren.“

„Wie erklärst du ihn dir, Rodja? Wie ist er dir erschienen?“

„Ich muß gestehen, daß ich mir nicht so ganz klar über ihn bin. Er bietet zehntausend an, sagt aber selbst, er sei nicht reich. Er erklärt, daß er irgendwohin reisen will, und nach zehn Minuten vergißt er, daß er darüber gesprochen hat. Plötzlich sagt er auch, daß er heiraten will und daß man ihm schon eine Braut freit ... Sicher hat er Absichten und am wahrscheinlichsten – schlimme ... Aber wieder ist es sonderbar anzunehmen, daß er so dumm die Sache anfassen würde, wenn er dir gegenüber schlimme Absichten hätte ... Ich habe selbstverständlich dieses Geld in deinem Namen ein für allemal ausgeschlagen. Überhaupt erschien er mir sehr eigentümlich und ... sogar ... mit Anzeichen von Geistesstörung. Ich kann mich jedoch auch irren; er kann einfach geschwindelt haben. Der Tod von Marfa Petrowna scheint aber einen Eindruck auf ihn gemacht zu haben ...“

„Gott schenke ihrer Seele Ruhe!“ rief Pulcheria Alexandrowna, „ich will ewig, ewig für sie zu Gott beten! Nun, wie würde es mit uns jetzt stehen, Dunja, ohne diese dreitausend Rubel! Mein Gott, sie sind wie vom Himmel geschickt! Ach, Rodja, wir hatten ja am Morgen im ganzen noch drei Rubel, und ich überlegte mit Dunetschka die ganze Zeit, wie wir am schnellsten irgendwo die Uhr versetzen könnten, um bloß nicht von diesem ... zu fordern, bis es ihm selbst in den Sinn kommt.“

Dunja hatte das Anerbieten Sswidrigailoffs zu stark überrascht. Sie stand die ganze Zeit in Gedanken versunken.

„Er hat irgend etwas Schreckliches im Sinn!“ sagte sie fast im Flüstertone zu sich selbst und schauderte.

Raskolnikoff bemerkte diese maßlose Furcht.

„Ich glaube, ich werde ihn noch einmal sehen,“ sagte er zu Dunja.

„Wir wollen ihn beobachten! Ich werde ihn finden!“ rief Rasumichin energisch. „Ich will mein Auge nicht von ihm lassen! Rodja hat es mir erlaubt. Er hat mir selbst vorhin gesagt: Beschütze die Schwester! Und wollen Sie es auch erlauben, Awdotja Romanowna?“

Dunja lächelte und reichte ihm die Hand, aber die Sorge verließ nicht ihr Gesicht. Pulcheria Alexandrowna blickte sie schüchtern an; die dreitausend Rubel hatten sie sichtlich beruhigt.

Nach einer Viertelstunde waren alle in lebhaftester Unterhaltung. Sogar Raskolnikoff hörte einige Zeit aufmerksam zu, obwohl er sich nicht am Gespräch beteiligte.

Rasumichin redete in einem fort.

„Und warum, warum sollen Sie abreisen!“ ergoß er sich mit Wonne in einer begeisterten Rede, „und was wollen Sie in dem Städtchen machen? Und die Hauptsache, Sie leben alle hier zusammen, und der eine besucht den anderen, ... braucht ihn sehr, verstehen Sie mich! So versuchen Sie es wenigstens eine Weile ... Mich nehmen Sie als Ihren Freund, als Kompagnon, und ich versichere Sie, wir wollen ein ausgezeichnetes Unternehmen gründen. Hören Sie, ich will Ihnen alles genau erklären, – das ganze Projekt mit allen Details! Schon heute Morgen, als noch nichts vorgefallen war, kam es mir in den Sinn ... Sehen Sie, die Sache besteht aus folgendem, – ich habe einen Onkel, – ich will Sie mit ihm bekannt machen, ein ausgezeichneter und verehrungswürdiger alter Herr, – und dieser Onkel hat ein Vermögen von tausend Rubel, er selbst lebt von seiner Pension und leidet keine Not. Fast zwei Jahre schon quält er mich, daß ich diese tausend Rubel für ihn anlegen und ihm sechs Prozent dafür zahlen soll. Ich weiß ja, wie der Hase läuft, – er will mir einfach helfen; im vorigen Jahre aber brauchte ich es nicht, in diesem Jahre jedoch wartete ich bloß auf seine Ankunft und habe mich entschlossen, es anzunehmen. Sie geben dann das zweite Tausend von Ihren drei, und sehen Sie, das genügt für den Anfang, und wir verbünden uns. Was machen wir aber damit?“

Und nun begann Rasumichin sein Projekt zu entwickeln und redete viel darüber, wie wenig fast alle unsere Buchhändler und Verleger von ihrer Sache verstehen, darum seien sie auch gewöhnlich schlechte Verleger, während anständige Buchausgaben sich sicher bezahlt machten und einen zuweilen bedeutenden Nutzen abwürfen. Von der Tätigkeit eines Verlegers träumte also Rasumichin; er hatte schon zwei Jahre für andere gearbeitet und beherrschte drei europäische Sprachen recht gut, wenn er auch vor sechs Tagen Raskolnikoff erklärt hatte, daß er im Deutschen „schwach“ sei, aber das tat er, um ihn zu bewegen, die Hälfte der Übersetzungsarbeit und die drei Rubel Vorschuß anzunehmen. Er log damals, und Raskolnikoff wußte, daß er log.

„Warum denn sollen wir unseren eigenen Vorteil versäumen, wenn wir plötzlich eines der Hauptmittel besitzen, – und zwar eigenes Geld?“ ereiferte sich Rasumichin. „Gewiß, man muß viel arbeiten, aber wir wollen arbeiten, Sie, Awdotja Romanowna, ich, Rodion ... manche Buchausgaben rentieren jetzt prächtig! Und die Hauptunterlage des Unternehmens besteht darin, daß wir wissen werden, was gerade übersetzt werden muß. Wir wollen übersetzen und verlegen und lernen, alles zusammen. Jetzt kann ich nützlich sein, denn ich habe darin Erfahrung. Es sind bald zwei Jahre, seit ich bei den Verlegern herumlaufe, und ich kenne alle ihre Schliche; es ist keine Hexerei, glauben Sie mir! Und warum soll man nicht nach dem Bissen greifen! Ich kenne selbst und bewahre es als ein Geheimnis, zwei oder drei solcher Werke; für den Gedanken allein, sie zu übersetzen und zu verlegen, kann man hundert Rubel für jedes Buch nehmen, und das eine Werk, die Idee allein schon, gebe ich nicht um fünfhundert Rubel. Was meinen Sie, wenn ich es jemand mitteilen würde, so ein Holzklotz täte vielleicht noch daran zweifeln. Und was die geschäftlichen Dinge – Druckerei, Papier, Verkauf – anbetrifft, so überlassen Sie dies mir. Ich kenne alle Schliche! Wir wollen mit kleinem anfangen und großes erreichen; wenigstens ernähren können wir uns und erhalten in jedem Falle unser Geld zurück.“

Dunjas Augen leuchteten.

„Was Sie vorbringen, gefällt mir sehr, Dmitri Prokofjitsch,“ sagte sie.

„Ich verstehe hiervon gar nichts,“ sagte Pulcheria Alexandrowna, „vielleicht ist es auch gut, aber Gott weiß. Es ist neu und unbekannt. Gewiß müssen wir hierbleiben, wenigstens eine Zeitlang ...“

Sie blickte Rodja an.

„Was meinst du, Bruder?“ sagte Dunja.

„Ich meine, daß er einen sehr guten Gedanken hat,“ antwortete er. „Von einer Firma muß man selbstverständlich vorher nicht träumen, aber fünf oder sechs Bücher kann man tatsächlich mit zweifellosem Erfolg verlegen. Ich kenne auch selbst ein Werk, das unbedingt gehen wird. Und daß er die Sache zu leiten versteht, unterliegt keinem Zweifel, – er versteht die Sache ... Übrigens habt ihr noch Zeit, euch zu besprechen ...“

„Hurra!“ rief Rasumichin. „Warten Sie, hier im selben Hause und bei denselben Wirtsleuten ist eine Wohnung frei. Sie ist ganz abgeschlossen, hat mit diesen Zimmern keine Verbindung und besteht aus drei möblierten Stuben, der Preis ist mäßig. Die können Sie fürs erste nehmen. Die Uhr will ich für Sie morgen versetzen und Ihnen das Geld bringen und das weitere wird sich finden. Die Hauptsache aber ist, daß Sie alle drei zusammen leben können, auch Rodja mit Ihnen. Wohin willst du denn, Rodja?“

„Wie, Rodja, gehst du schon fort?“ fragte Pulcheria Alexandrowna erschreckt.

„In solch einem Augenblick!“ rief Rasumichin.

Dunja blickte den Bruder mit mißtrauischem Erstaunen an. Er hielt die Mütze in den Händen und schickte sich an, wegzugehen.

„Ihr tut ja, als ob ihr mich beerdigen oder auf ewig Abschied nehmen müßtet,“ sagte er eigentümlich.

Er wollte lächeln, aber dieses Lächeln gelang ihm schlecht.

„Wer weiß, vielleicht sehen wir uns auch zum letztenmal,“ fügte er unvermutet hinzu.

Er wollte es bloß denken, doch die Worte entschlüpften ihm.

„Um Gottes willen, was ist mit dir!“ rief die Mutter aus.

„Wohin willst du gehen, Rodja?“ fragte ihn Dunja in angstvollem Tone.

„Ich muß jetzt fortgehen,“ antwortete er unklar, als sei er im Zweifel, was er sagen wollte.

In seinem bleichen Gesichte drückte sich eine feste Entschlossenheit aus.

„Ich wollte sagen ... als ich hierher ging ... ich wollte Ihnen, Mama ... und dir, Dunja, sagen, daß es besser sei, wenn wir uns für eine Zeitlang trennen. Ich fühle mich nicht wohl, ich bin unruhig ... ich will später wiederkommen, ich werde von selbst kommen, wenn ... es mir möglich sein wird. Ich denke an euch und liebe euch ... Doch laßt mich! Laßt mich allein! Ich habe es so beschlossen, schon früher ... Ich habe es bestimmt beschlossen ... Was mit mir auch geschieht, ob ich zugrunde gehen werde oder nicht, ich will allein sein. Vergeßt mich ganz und gar. Es ist so am besten. Erkundigt euch auch nicht nach mir. Wenn es nötig sein wird, komme ich von selbst oder ... ich rufe euch. Vielleicht wird noch alles gut! ... Jetzt aber sagt euch von mir los, wenn ihr mich liebt ... Sonst muß ich euch hassen, ich fühle es ... Lebt wohl!“

„Mein Gott!“ rief Pulcheria Alexandrowna.

Die Mutter und die Schwester waren furchtbar erschrocken; Rasumichin ebenfalls.

„Rodja, Rodja! Versöhne dich mit uns, wir wollen wieder wie früher sein!“ rief die arme Mutter aus.

Er wandte sich langsam der Türe zu und ging langsam hinaus. Dunja holte ihn ein.

„Bruder! Was tust du deiner Mutter an!“ flüsterte sie, und ihr Blick leuchtete vor Empörung.

Er schaute sie schwermütig an.

„Es hat nichts zu bedeuten, ich komme, ich werde kommen!“ murmelte er halblaut, als ob er sich nicht völlig bewußt sei, was er sagen wollte, und ging aus dem Zimmer.

„Gefühlloser, böser Egoist!“ rief Dunja.

„Er ist ver–rückt und nicht gefühllos! Er ist geistesgestört! Sehen Sie es denn nicht? Sonst sind Sie gefühllos! ...“ flüsterte Rasumichin ihr zu und drückte stark ihre Hand.

„Ich komme sofort!“ wandte er sich an die erstarrte Pulcheria Alexandrowna und lief aus dem Zimmer. Raskolnikoff erwartete ihn am Ende des Korridors.

„Ich wußte, daß du mir nachgehen wirst,“ sagte er. „Gehe zu ihnen zurück und bleibe bei ihnen ... Sei auch morgen bei ihnen ... und stets. Ich komme ... vielleicht ... wenn ich kann. Leb wohl!“

Und ohne ihm die Hand zu reichen, ging er weiter.

„Ja, wohin gehst du? Was ist mit dir? Was ist geschehen? Kann man denn so! ...“ murmelte Rasumichin fassungslos.

Raskolnikoff blieb noch einmal stehen.

„Ich sage dir ein für allemal, – frage mich nicht und über nichts. Ich habe dir nichts zu antworten ... Komme nicht zu mir. Vielleicht komme ich selbst hierher ... Laß mich ... sie aber verlasse nicht. Verstehst du?“

Es war ziemlich dunkel auf dem Korridor, sie standen unter einer spärlich brennenden Lampe. Eine Minute blickten sie einander schweigend an. Rasumichin erinnerte sich sein ganzes Leben dieser Minute. Der brennende und starre Blick Raskolnikoffs schien mit jedem Momente sich zu verstärken und drang in seine Seele und in sein Bewußtsein. Da zuckte Rasumichin zusammen. Ein fürchterliches Etwas trat zwischen sie ... Ein Gedanke, spürbar wie ein Hauch; ein schauerlicher gräßlicher Gedanke von beiden gedacht, von beiden verstanden ... Rasumichin wurde bleich wie ein Toter.

„Verstehst du jetzt?“ sagte Raskolnikoff plötzlich mit schmerzlich verzogenem Gesichte. „Kehre zurück, gehe zu ihnen,“ fügte er sofort hinzu, drehte sich schnell um und verließ das Haus.

Ich will nicht beschreiben, was an diesem Abend bei Pulcheria Alexandrowna geschah, wie Rasumichin zu ihnen zurückkehrte, wie er sie beruhigte, wie er schwur, daß man Rodja in seiner Krankheit Ruhe geben müsse, wie er schwur, daß Rodja unbedingt kommen würde, daß er jeden Tag herkommen würde, daß er sehr, sehr aufgeregt sei, daß man ihn nicht reizen dürfe; wie er, Rasumichin, auf ihn aufpassen werde, ihm einen guten Arzt, den besten, ein ganzes Konsilium verschaffen werde ... Mit einem Worte, Rasumichin wurde an diesem Abend ihr Sohn und Bruder. –