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Sämtliche Werke 1-2 cover

Sämtliche Werke 1-2

Chapter 37: II.
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About This Book

A psychological novel follows a young man who commits a calculated murder and then endures escalating guilt, paranoia, and isolation. The plot interweaves tense episodes of investigation and social interaction with prolonged interior reflection, bringing into relief competing moral and philosophical viewpoints through secondary characters. Major concerns include conscience versus rationalization, the nature of justice, and the possibility of spiritual or moral redemption. The narrative culminates in confession and the beginning of a painful ethical reckoning, presenting a sustained study of culpability, empathy, and the human capacity for both cruelty and remorse.

II.

Es würde schwer fallen, genau die Gründe anzuführen, aus welchen die Idee dieses sinnlosen Gedächtnismahles in dem verstörten Gehirn von Katerina Iwanowna entstanden war. Es waren beinahe zehn Rubel von dem Gelde daraufgegangen, das ihr Raskolnikoff eigentlich zur Beerdigung Marmeladoffs gegeben hatte. Vielleicht hielt sich Katerina Iwanowna dem Verstorbenen gegenüber verpflichtet, sein Andenken „wie es sich gehört“ zu ehren, damit alle Mitbewohner und besonders Amalie Iwanowna wissen sollten, daß er „nicht nur gar nicht schlechter als sie, vielleicht weit besser war,“ und daß niemand von ihnen das Recht hatte, sich über ihn zu stellen. Vielleicht hatte hierzu jener besondere Stolz der Armen am meisten beigetragen, aus dem viele bei gewissen gesellschaftlichen Gebräuchen, die, wie es einmal ist, für alle und jeden verbindlich sind, ihre letzten Kräfte anspannen und die letzten Spargroschen ausgeben, um bloß „nicht schlechter, als andere“ zu sein, und damit die anderen nicht darüber „reden“ können. Es war auch sehr möglich, daß Katerina Iwanowna das Verlangen hatte, gerade in diesem Falle, namentlich in dem Augenblicke, wo sie scheinbar von aller Welt verlassen war, allen diesen „unbedeutenden und schlimmen Mietern“ zu zeigen, daß sie nicht nur Lebensart hatte und sich auf Empfänge verstand, sondern daß sie gar nicht zu solch einem Lose bestimmt war, daß sie „in einem feinen, ja in dem aristokratischen Hause eines Obersten“ erzogen war, und daß sie durchaus nicht dazu erzogen war, die Diele selbst zu fegen und des Nachts Kinderlumpen zu waschen. Diese Anfälle von Stolz und Eitelkeit suchen zuweilen die ärmlichsten und unterdrücktesten Menschen heim und verwandeln sich oft bei ihnen in ein gereiztes, unüberwindliches Bedürfnis. Katerina Iwanowna gehörte eigentlich nicht zu den Unterdrückten, man konnte sie durch Umstände töten, aber sie moralisch unterdrücken, das heißt, sie einschüchtern und ihren Willen unterwerfen, – konnte man nicht. Außerdem sagte Ssonjetschka mit gutem Grunde, daß ihr Verstand verstört sei. Man konnte es freilich nicht positiv und endgültig sagen, doch in letzter Zeit, in dem letzten Jahre, wurde ihr armer Kopf zu stark gequält, als daß er nicht zum Teil gelitten hätte. Und eine stark fortgeschrittene Schwindsucht trägt auch, wie die Ärzte sagen, zu einer Geistesstörung bei.

Weine in Mehrzahl und verschiedene Sorten gab es freilich nicht, ebenso fehlte auch Madeira, – das war übertrieben, Wein war aber da. Es gab Branntwein, Rum und Lissaboner, alles von der schlechtesten Sorte, aber in genügender Menge. Von Speisen waren außer Kutje drei oder vier Gerichte vorhanden, alles aus der Küche von Amalie Iwanowna, dazu wurden zwei Samowars aufgestellt für Tee und Punsch, die nach dem Essen gereicht werden sollten. Katerina Iwanowna hatte alles selbst eingekauft, als Hilfe hatte sie einen Mieter mitgehabt, einen kläglichen Polen, der weiß Gott warum bei Frau Lippewechsel wohnte. Er hatte sich sofort zu Katerina Iwanownas Verfügung gestellt, lief den ganzen gestrigen Tag und den ganzen heutigen Morgen Hals über Kopf und mit heraushängender Zunge herum und war besonders bemüht, daß man dies auch bemerken solle. Wegen jeder Kleinigkeit kam er zu Katerina Iwanowna gelaufen, war ihr sogar in die Kaufläden nachgegangen, nannte sie fortwährend „Pani Chorunschina“ und wurde ihr zuletzt bis zum Überdrusse langweilig, obwohl sie zuerst behauptet hatte, daß sie ohne diesen „bereitwilligen und großmütigen“ Menschen vollkommen verloren wäre. Katerina Iwanowna hatte die Eigenschaft in ihrem Charakter, den ersten Besten, der ihr in den Weg lief, mit den hellsten und schönsten Farben zu schmücken, ihn so zu loben, daß mancher sich schämte, allerhand Umstände, die gar nicht existierten, zu seinem Preise zu erfinden, selbst daran vollkommen aufrichtig und ehrlich zu glauben, und dann plötzlich, mit einem Male, sich enttäuscht zu fühlen, alles abzubrechen, den Menschen zu beschimpfen und hinauszuschmeißen, den sie noch vor einigen Stunden buchstäblich angebetet hatte. Von Natur aus hatte sie einen heiteren, fröhlichen und friedfertigen Charakter, infolge des ununterbrochenen Unglücks und Mißerfolges begann sie geradezu rasend zu wünschen und zu verlangen, daß alle in Frieden und Freude leben sollten und anders nicht leben dürfen, und der geringste Mißklang im Leben, die allerkleinsten Mißerfolge brachten sie sofort in Wut, und sie fing an, unmittelbar nach den stärksten Hoffnungen und Phantasien ihr Schicksal zu verfluchen, alles, was ihr unter die Hände geriet, zu zerreißen und fortzuwerfen und mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen. Amalie Iwanowna hatte plötzlich in Katerina Iwanownas Augen eine ungewöhnliche Bedeutung und außergewöhnliche Achtung errungen, vielleicht einzig aus dem Grunde, weil dieses Gedächtnismahl vorbereitet wurde und weil Amalie Iwanowna von ganzem Herzen bereit war, an allen Besorgungen teilzunehmen. Sie hatte es übernommen, den Tisch zu decken, die Wäsche, das Geschirr und alles übrige herzugeben und in ihrer Küche das Essen zuzubereiten. Katerina Iwanowna überließ ihr alles und ging auf den Friedhof. Und wirklich war alles aufs beste hergerichtet, – der Tisch war ziemlich reinlich gedeckt, das Geschirr, Gabeln, Messer, Gläser, Weingläser, Tassen – all dieses paßte nicht zusammen, war von den verschiedenen Mietern zusammengeborgt, aber alles stand zur bestimmten Stunde auf seinem Platze, und Amalie Iwanowna, im Vollgefühle ihrer gut besorgten Aufgabe, begrüßte die Zurückkehrenden mit einem gewissen Stolze; sie war sehr geputzt in einer Haube mit neuen Trauerbändern und im schwarzen Kleide. Dieser Stolz, obwohl berechtigt, mißfiel aus irgendeinem Grunde Katerina Iwanowna, „als hätte man in der Tat ohne Amalie Iwanowna nicht verstanden, den Tisch zu decken“! Auch die Haube mit den neuen Bändern erregte ihr Mißfallen, – „möglicherweise ist diese dumme Deutsche noch darauf stolz, daß sie die Wirtin ist und sich aus Gnade bereit erklärt hat, den armen Mietern zu helfen? Aus Gnade? Bitte sehr! Bei Katerina Iwanownas Papa, der Oberst und beinahe Gouverneur war, wurde zuweilen der Tisch für vierzig Personen gedeckt, so daß irgend eine Amalie Iwanowna oder besser gesagt Ludwigowna, dort nicht mal in die Küche zugelassen worden wäre ...“ Katerina Iwanowna beschloß aber, ihre Gefühle nicht vor der Zeit zu äußern, obgleich sie sich im Herzen fest vorgenommen hatte, Amalie Iwanowna heute noch unbedingt abzutrumpfen und sie an ihren richtigen Platz zu erinnern, sonst würde die sich Gott weiß was einbilden; vorläufig behandelte sie sie bloß kalt. Eine andere Unannehmlichkeit hatte auch teilweise zu der Gereiztheit von Katerina Iwanowna beigetragen, – zu der Beerdigung war, außer dem Polen, von den Geladenen fast niemand erschienen, der aber hatte Zeit genug, auf den Friedhof zu laufen; zu dem Gedächtnismahle dagegen waren nur die Unansehnlichsten und Armen gekommen, viele sogar nicht ganz nüchtern, sozusagen das Pack. Die älteren und angesehensten waren, wie absichtlich, ferngeblieben, als hätten sie sich alle verabredet. Peter Petrowitsch Luschin zum Beispiel, man kann sagen, der solideste von allen Mietern, war nicht erschienen, während Katerina Iwanowna schon gestern aller Welt, das heißt Amalie Iwanowna, Poletschka, Ssonjetschka und dem Polen, erzählt hatte, daß dieser edelste und großmütigste Mann mit besten Verbindungen und von sehr großem Vermögen, ein früherer Freund ihres ersten Mannes, der in dem Hause ihres Vaters verkehrt habe, ihr versprochen hätte, alle Mittel in Bewegung zu setzen, um ihr eine bedeutende Pension zu verschaffen. Wir wollen hierbei bemerken, daß, wenn Katerina Iwanowna mit Verbindungen und Vermögen anderer Leute prahlte, sie es vollkommen uneigennützig, sozusagen aus übervollem Herzen tat, nur aus dem Vergnügen allein, den Gelobten noch mehr zu preisen und ihm einen größeren Wert zu verleihen. Nächst Luschin und wahrscheinlich „seinem Beispiele folgend“ war auch „dieser üble, schändliche Lebesjätnikoff“ nicht erschienen. Was bildet sich denn dieser ein? Man hatte ihn bloß aus Gnade und weil er in einem Zimmer mit Peter Petrowitsch lebte und sein Bekannter war, eingeladen; es wäre peinlich für ihn gewesen, nicht eingeladen zu sein. Auch eine feine Dame mit ihrer Tochter, „einer überreifen alten Jungfer,“ die erst seit zwei Wochen bei Amalie Iwanowna lebten, waren nicht erschienen; sie hatten sich trotz ihres kurzen Aufenthaltes hier schon einige Male über den Lärm und das Geschrei in Marmeladoffs Zimmer, besonders, wenn der Verstorbene betrunken nach Hause gekommen war, beklagt. Das hatte Katerina Iwanowna durch Amalie Iwanowna erfahren, wenn diese sich mit Katerina Iwanowna zankte, ihr drohte, sie und die ganze Familie hinauszujagen, und dabei aus vollem Halse schrie, daß sie „anständige Mieter, deren Fußtritt Sie nicht mal wert sind,“ beunruhige. Katerina Iwanowna hatte absichtlich beschlossen, diese Dame und ihre Tochter, deren „Fußtritt sie angeblich nicht wert sei,“ einzuladen, und um so mehr, weil jene bei zufälligen Begegnungen sich hochmütig abwandte, – damit sie wisse, daß man hier „edler denkt und fühlt und sie, ohne sich des Bösen zu erinnern, einlade,“ und damit sie sehen sollten, daß Katerina Iwanowna nicht gewohnt sei, in solchen Verhältnissen zu leben. Es war unbedingt vorausgesetzt, ihnen allen bei Tische zu erklären und zu erwähnen, daß ihr verstorbener Vater beinahe Gouverneur gewesen sei, und gleichzeitig indirekt zu verstehen zu geben, daß es überflüssig wäre, sich bei Begegnungen abzuwenden, und daß es äußerst dumm wäre. Ebenso war der dicke Oberstleutnant, eigentlich war er Stabskapitän außer Dienst, nicht erschienen, es stellte sich heraus, daß er seit dem gestrigen Morgen vor Trunkenheit „ohne Hinterbeine“ war. Mit einem Worte: es waren bloß erschienen, – der Pole, dann ein häßlicher schweigsamer Kanzlist, in einem stark glänzenden Frack, mit Finnen im Gesichte und einem widerlichen Geruche und noch ein tauber und fast erblindeter alter Mann, der einst in einem Postamt gedient hatte und den jemand seit undenkbaren Zeiten und aus unbekannten Gründen bei Amalie Iwanowna untergebracht hatte. Es war auch ein betrunkener verabschiedeter Leutnant, eigentlich ein Proviantmeister, erschienen mit einem höchst unanständigen lauten Lachen, und: „stellen Sie sich vor,“ ohne Weste! Einer von den Gästen setzte sich direkt an den Tisch, ohne sogar Katerina Iwanowna zu begrüßen, und zuguterletzt tauchte eine Person im Schlafrocke auf, da sie keine Kleider besaß, aber das war so unanständig, daß es den Bemühungen von Amalie Iwanowna und dem Polen gelang, ihn hinauszuexpedieren. Der Pole hatte übrigens noch zwei andere Polen mitgebracht, die niemals bei Amalie Iwanowna gewohnt hatten, und die niemand vorher in ihrem Hause gesehen hatte. Dies alles reizte Katerina Iwanowna in höchstem Grade. „Für wen waren schließlich denn alle Vorbereitungen getroffen?“ Man hatte sogar die Kinder, um an Platz zu gewinnen, nicht am Tische untergebracht, der das ganze Zimmer einnahm, sondern für sie in der hinteren Ecke auf einem Kasten gedeckt, wobei die beiden kleineren auf einer Bank saßen, Poletschka aber, als die Erwachsene, mußte auf sie aufpassen, sie füttern und ihnen „wie Kindern aus feinem Hause“ die Näschen putzen. Mit einem Worte, Katerina Iwanowna glaubte alle mit doppelter Würde und sogar mit Hochmut begrüßen zu müssen. Manche blickte sie besonders streng an und bat sie von oben herab, sich an den Tisch zu setzen. Da sie aber aus irgendeinem Grunde meinte, Amalie Iwanowna für alle Nichterschienenen verantwortlich machen zu müssen, begann sie plötzlich, sie äußerst nachlässig zu behandeln, was jene sofort merkte und dadurch sehr pikiert wurde. Solch ein Anfang deutete auf kein gutes Ende. Endlich hatten alle Platz genommen. Raskolnikoff trat fast in demselben Augenblick ein, als sie von dem Friedhofe zurückkehrten. Katerina Iwanowna war überaus erfreut, ihn zu sehen, erstens, weil er der einzige „gebildete“ von allen Gästen war und „wie bekannt, nach zwei Jahren in der hiesigen Universität einen Lehrstuhl einnehmen werde,“ und zweitens, weil er sofort und ehrerbietig sich entschuldigte, daß er trotz seines Wunsches zu der Beerdigung nicht hatte kommen können. Sie stürzte sich buchstäblich auf ihn, setzte ihn bei Tisch neben sich zur linken Hand, zur rechten saß Amalie Iwanowna, und wandte sich ununterbrochen an Raskolnikoff, trotz ihrer beständigen Unruhe und Sorge, daß das Essen auch richtig herumgereicht wurde und alle erhielten, trotz des qualvollen Hustens, der sie alle Augenblicke unterbrach und peinigte, und der sich in diesen letzten zwei Tagen besonders verstärkt zu haben schien. Sie beeilte sich, ihm halb flüsternd alle angesammelten Gefühle und ihre ganze gerechte Entrüstung über das mißlungene Gedächtnismahl mitzuteilen, wobei die Entrüstung oft unabsichtlich und ohne jede Berechnung, einem ausgelassenen Lachen über die versammelten Gäste, besonders aber über die Wirtin, Platz machte.

„An allem ist dieser Kuckuck schuld. Sie wissen, wen ich meine, – die dort, dort!“ und Katerina Iwanowna wies mit dem Kopfe auf die Wirtin. „Sehen Sie sie an, – sie hat die Augen aufgesperrt, fühlt, daß wir über sie reden, kann aber nichts verstehn. Pfui, so eine Eule! Ha–ha–ha! ... Kche–kche–kche!“ hustete sie. „Und was will sie mit ihrer Haube! Kche–kche–kche! Haben Sie gemerkt, sie möchte gern, daß alle Gäste meinen sollen, sie beschütze mich und erweise mir mit ihrem Hiersein eine Ehre. Ich habe sie gebeten, wie man eine anständige Person bittet, bessere Leute, und zwar die Bekannten des Verstorbenen, einzuladen, und sehen Sie, wen sie hergebracht hat, – allerhand Narren! Schmutzfinke! Sehen Sie nur diesen da mit dem unreinen Teint, – das ist doch eine Rotznase auf zwei Beinen! Und diese Polen ... ha–ha–ha! Kche–kche–kche! Niemand, niemand hat sie vorher hier gesehen, auch ich nicht. Wozu sind die gekommen, frage ich Sie? Wie hübsch sie sitzen, nebeneinander. Pan, heda!“ rief sie plötzlich einem von ihnen zu, „haben Sie genug vorgelegt? Nehmen Sie noch? Trinken Sie Bier! Wollen Sie nicht Schnaps? Sehen Sie, – er ist aufgesprungen und verbeugt sich, sehen Sie, sehen Sie, – sie sind wahrscheinlich sehr hungrig, die Armen! Tut nichts, mögen sie essen! Sie lärmen wenigstens nicht, aber ... aber ich fürchte ... für die silbernen Löffel der Wirtin! ... Amalie Iwanowna!“ wandte sie sich plötzlich an die Wirtin laut, „ich sage Ihnen im voraus, falls Ihre Löffel gestohlen werden, übernehme ich keine Verantwortung! Ha–ha–ha!“ lachte sie, wandte sich wieder an Raskolnikoff, wies wieder auf die Wirtin und freute sich über ihre Bemerkung. „Sie hat es nicht verstanden, sie hat wieder nichts verstanden! Sehen Sie, wie sie mit aufgesperrtem Munde dasitzt, – wie eine echte Eule, eine Eule mit neuen Bändern, ha–ha–ha!“

Das Lachen verwandelte sich von neuem in einen unerträglichen Husten, der minutenlang anhielt. Auf ihrem Taschentuch zeigte sich Blut, und Schweißtropfen traten auf die Stirne. Sie zeigte Raskolnikoff schweigend das Blut, und kaum hatte sie sich erholt, flüsterte sie mit roten Flecken auf den Wangen ihm lebhaft wieder zu.

„Sehen Sie, ich habe ihr einen sehr heiklen Auftrag gegeben, diese Dame und ihre Tochter einzuladen. Sie wissen doch, von wem ich spreche? Hier mußte man in der zartesten Weise, in der geschicktesten Art handeln, sie war aber so ungeschickt, daß diese angereiste dumme Person, dieses aufgeblasene Geschöpf, diese unbedeutende Provinzmadam, sie die Witwe irgendeines Majors, die sich hier um eine Pension bemüht und bei den Behörden deswegen herumläuft ... und die mit ihren fünfundfünfzig Jahren sich schminkt und färbt ... was allgemein bekannt ist ... daß dieses Geschöpf nicht nur sich für zu gut hielt, hier zu erscheinen, sondern sich nicht einmal entschuldigen ließ, wie es in diesen Fällen doch die gewöhnlichste Höflichkeit verlangt! Ich kann nicht begreifen, warum auch Peter Petrowitsch nicht gekommen ist? Und wo ist Ssonja? Wo ist sie nur hingegangen? Ah, da ist sie ja! Ssonja, wo warst du? Merkwürdig, daß du sogar am Beerdigungstage deines Vaters so unpünktlich bist. Rodion Romanowitsch, sie soll sich neben Sie setzen. Hier ist dein Platz, Ssonjetschka ... nimm, was dir gefällt. Nimm von dem Fisch, er ist gut. Hat man den Kindern auch etwas gegeben? Poletschka, habt ihr alles? Kche–kche–kche! Nun, gut. Sei ein artiges Kind, Lene und du, Kolja, zapple nicht mit den Beinen, sitz, wie ein anständiges Kind sitzen muß. Was sagst du, Ssonjetschka?“

Ssonja beeilte sich sofort, ihr die Entschuldigung von Peter Petrowitsch mitzuteilen und versuchte so laut zu sprechen, daß es alle hören konnten, gebrauchte gewählte und ehrerbietige Ausdrücke, die sie absichtlich Peter Petrowitsch andichtete. Sie fügte hinzu, daß Peter Petrowitsch sie besonders gebeten habe, mitzuteilen, daß er unverzüglich, sobald es ihm nur möglich sei, herkommen würde, um in geschäftlichen Angelegenheiten allein mit Katerina Iwanowna zu sprechen und zu verabreden, was man jetzt und künftig unternehmen könnte und dergleichen mehr.

Ssonja wußte, daß dies Katerina Iwanowna friedlicher stimmen und beruhigen würde, sie würde sich dadurch geschmeichelt fühlen und ihr Stolz würde befriedigt sein. Sie setzte sich neben Raskolnikoff, den sie hastig begrüßte und flüchtig, doch voll Interesse anblickte. Während der folgenden Zeit vermied sie aber ihn anzusehen und mit ihm zu sprechen. Sie war zerstreut, obwohl sie die ganze Zeit Katerina Iwanowna im Auge behielt, um ihre Wünsche zu erraten. Weder sie, noch Katerina Iwanowna waren in Trauer, da sie keine Kleider hatten; Ssonja hatte ein dunkelbraunes Kleid an und Katerina Iwanowna ihr einziges, ein dunkelgestreiftes Kattunkleid. Die Mitteilung über Peter Petrowitsch verbreitete sich rasch. Als Katerina Iwanowna mit Würde Ssonja angehört hatte, erkundigte sie sich ebenso würdevoll, wie es Peter Petrowitsch gehe? Dann flüsterte sie hörbar Raskolnikoff zu, daß es für einen angesehenen und soliden Menschen, wie Peter Petrowitsch, unmöglich gewesen wäre, in solch eine „ungewöhnliche Gesellschaft“ zu kommen, trotz der großen Anhänglichkeit an ihre Familie und der alten Freundschaft mit ihrem Papa.

„Sehen Sie, darum bin ich auch Ihnen, Rodion Romanowitsch, so sehr dankbar, daß Sie trotz solcher Umgebung Salz und Brot von mir nicht verschmäht haben,“ fügte sie fast laut hinzu, „übrigens bin ich überzeugt, daß nur die besondere Freundschaft zu meinem armen Verstorbenen Sie veranlaßt hat, Ihr Wort zu halten.“

Sie blickte noch einmal voll Stolz und Würde ihre Gäste an und erkundigte sich plötzlich mit besonderer Fürsorge laut über den Tisch hinüber bei dem tauben alten Manne, „ob er nicht mehr vom Braten nehmen möchte und ob er Lissaboner bekommen habe?“ Der Alte antwortete nicht und konnte lange nicht begreifen, wonach man ihn frage, obwohl seine Nachbarn aus Scherz ihn anzustoßen begannen. Er blickte nur mit offenem Munde um sich, wodurch er die allgemeine Heiterkeit noch mehr hervorrief.

„Ist das ein Holzklotz! Sehen Sie doch nur! Wozu hat man den hierher gebracht? Was Peter Petrowitsch anbetrifft, so war ich stets seiner sicher,“ fuhr Katerina Iwanowna fort, Raskolnikoff zu erzählen, „so gleicht er selbstverständlich nicht ...“ wandte sie sich laut und scharf und mit äußerst strenger Miene zu Amalie Iwanowna, daß sie darüber erschrak, „so gleicht er nicht jenen aufgedonnerten Madams mit ihren Schleppen, die bei meinem Papa nicht mal als Köchinnen ihren Dienst verrichten gedurft hätten, und denen mein verstorbener Mann nur deshalb die Ehre erwiesen hatte, sie zu empfangen, weil er eine unerschöpfliche Güte hatte.“

„Ja, er liebte eins zu trinken, ja, er liebte es und trank auch!“ rief plötzlich der verabschiedete Proviantmeister und leerte das zwölfte Glas Schnaps.

„Mein verstorbener Mann hatte diese Schwäche, das wissen alle,“ stürzte sich Katerina Iwanowna plötzlich auf ihn, „aber er war ein guter und edler Mensch, der seine Familie liebte und achtete; nur das eine war schlimm, daß er in seiner Güte allerhand verdorbenen Leuten zu sehr traute und weißgott mit wem trank, sogar mit solchen, die seine Stiefelsohle nicht wert waren! Stellen Sie sich vor, Rodion Romanowitsch, man fand in seiner Tasche einen Pfefferkuchenhahn, – er ging total betrunken heim, und dachte doch an seine Kinder.“

„Einen Ha–hn? Sie belieben zu sagen – ei–nen Hahn?“ rief der Proviantmeister.

Katerina Iwanowna würdigte ihn keiner Antwort. Sie dachte über etwas nach und seufzte.

„Sie meinen auch sicher, wie alle, daß ich zu streng zu ihm war,“ fuhr sie fort, sich an Raskolnikoff wendend. „Das ist nicht richtig! Er hat mich geachtet, er hat mich sehr, sehr geachtet! Er war eine gute Seele. Und zuweilen tat er mir so leid! Er saß manchmal in der Ecke und sah mich an, da tat er mir so leid, ich wollte zu ihm freundlich sein, dachte mir aber, wenn ich jetzt freundlich zu ihm bin, betrinkt er sich wieder. Nur mit Strenge konnte man ihn einigermaßen davon zurückhalten.“

„Ja, es ist vorgekommen, daß er an den Haaren gezerrt wurde, es ist vorgekommen, öfters,“ brüllte wieder der Proviantmeister und leerte noch ein Glas.

„Es wäre angebracht, manche Dummköpfe nicht nur an den Haaren zu zerren, sondern mit einem Besenstiel zu verprügeln. Ich rede jetzt nicht von dem Verstorbenen!“ trumpfte Katerina Iwanowna den Proviantmeister ab.

Die roten Flecken auf ihren Wangen traten immer stärker hervor und ihre Brust hob sich. Nur wenig fehlte und ein Skandal begann. Viele kicherten; das wäre ihnen offenbar sehr angenehm gewesen. Man begann den Proviantmeister zu stoßen und ihm etwas zuzuflüstern. Man wollte beide aufeinander hetzen.

„Erlau–ben Sie mir zu fragen, wen Sie damit meinten,“ begann der Proviantmeister wieder, „wessen Ehre ... haben Sie soeben ... Übrigens, es ist unnötig! Unsinn! Eine Witwe! Eine arme Witwe! Ich verzeihe ... Ich passe!“ und er goß sich wieder Schnaps ein.

Raskolnikoff hörte schweigend, voll Widerwillen zu. Er nahm nur aus Höflichkeit, rührte kaum die Stücke an, die ihm Katerina Iwanowna alle Augenblicke auf den Teller legte und aß bloß, um sie nicht zu kränken. Er blickte Ssonja aufmerksam an. Ssonja aber wurde immer unruhiger und besorgter; sie ahnte, daß das Gedächtnismahl kein friedliches Ende nehmen werde und beobachtete voll Angst die sich steigernde Gereiztheit von Katerina Iwanowna. Sie wußte, daß sie der Hauptgrund war, warum die beiden zugereisten Damen so verachtungsvoll mit der Einladung Katerina Iwanownas umgegangen waren. Sie hatte von Amalie Iwanowna selbst gehört, daß die Mutter allein schon durch die Einladung beleidigt worden war und die Frage gestellt hatte, „wie sie es verantworten könne, ihre Tochter neben diese Person zu setzen?“ Ssonja ahnte, daß Katerina Iwanowna dies irgendwie erfahren habe, und eine Kränkung Ssonjas bedeutete für Katerina Iwanowna mehr, als eine persönliche, mehr als eine Kränkung ihrer Kinder, ihres Papas, mit einem Worte, es war für sie eine tödliche Beleidigung, und Ssonja wußte, daß Katerina Iwanowna sich nicht eher beruhigen werde, „bis sie diesen geputzten Krähen bewiesen hätte, daß sie beide ...“ und dergleichen mehr. Wie absichtlich, hatte in diesem Augenblicke jemand vom anderen Ende des Tisches Ssonja einen Teller zugesandt, worauf zwei Herzen, durchbohrt mit einem Pfeile, aus Brot geknetet waren. Katerina Iwanowna flammte auf und bemerkte sofort laut über den ganzen Tisch weg, daß der Absender sicher „ein betrunkener Esel“ sei. Amalie Iwanowna, die auch etwas Schlimmes ahnte, und gleichzeitig durch den Hochmut Katerina Iwanownas im tiefsten Innern gekränkt war, begann ohne jede Veranlassung, nur um die unangenehme Stimmung der Gesellschaft abzulenken und gleichzeitig um ihr Ansehen in aller Augen zu heben, zu erzählen, wie ein Bekannter von ihr „Karl aus der Apotheke“ eines Nachts in einer Droschke nach Hause fuhr und der Kutscher ihn ermorden wollte, daß Karl ihn sehr, sehr gebeten habe, ihn nicht zu ermorden, „die Hände gefaltet und geweint hätte und so erschrocken wäre und daß die Angst sein Herz durchbohrt hätte“. Katerina Iwanowna bemerkte aber lächelnd, daß Amalie Iwanowna keine russischen Anekdoten erzählen solle. Jene fühlte sich dadurch noch mehr gekränkt und erwiderte, daß ihr Vater in Berlin ein sehr, sehr bedeutender Mann gewesen sei und daß er „immer die Hände in die Taschen steckte“. Die lachlustige Katerina Iwanowna konnte ein lautes Lachen nicht unterdrücken, so daß Amalie Iwanowna die letzte Geduld verlor und kaum mehr sich beherrschen konnte.

„Das ist mal eine Eule!“ flüsterte Katerina Iwanowna Raskolnikoff zu und wurde fast heiter gestimmt, „sie wollte sagen, daß er die Hände in den Taschen hatte, sie brachte es aber so heraus, als ob er ein Langfinger gewesen wäre, ha–ha! Haben Sie auch schon bemerkt, daß alle diese Ausländer in Petersburg, hauptsächlich aber die Deutschen, die irgendwoher zu uns kommen, dümmer sind, als wir? Sie müssen doch zugeben, daß man nicht erzählen kann, daß ‚Karls Herz aus Angst durchbohrt sei,‘ und daß er – so eine Memme! – anstatt den Kutscher zu knebeln, die ‚Hände gefaltet, geweint und sehr gebeten hat‘. Ach, so ein Holzklotz! Und sie glaubt noch, daß dies sehr rührend sei und ahnt nicht, wie dumm sie ist! Meiner Ansicht nach ist dieser betrunkene Proviantmeister noch bei weitem klüger als sie; man sieht, daß er ein Bruder Liederlich ist und das bißchen Verstand vertrunken hat, diese andere aber tut so ordentlich, sitzt ernst da ... Sehen Sie nur, wie sie nun die Augen aufreißt. Sie ist böse! Ärgert sich! Ha–ha–ha! Kche–kche–kche!“

Als Katerina Iwanowna so lustig geworden war, kam sie auf allerhand Dinge und erzählte plötzlich, wie sie mit Hilfe der in Aussicht gestellten Pension unbedingt in ihrer Heimatsstadt T... eine Anstalt für junge Mädchen aus besseren Ständen errichten werde. Katerina Iwanowna hatte dies Raskolnikoff noch nicht selbst mitgeteilt und sie ließ sich auf sehr ausführliche, verlockende Einzelheiten ein. Auf rätselhafte Weise tauchte plötzlich in ihren Händen dasselbe „Ehrendiplom“ auf, von dem der verstorbene Marmeladoff in der Schenke Raskolnikoff schon erzählt und dabei erwähnt hatte, daß Katerina Iwanowna, seine Gattin, bei der Entlassung aus dem Stift mit einem Shawl „vor dem Gouverneur und den übrigen hohen Personen“ getanzt habe. Dieses Ehrendiplom mußte offenbar Katerina Iwanowna jetzt als Zeugnis dienen, daß sie auch ein Recht dazu habe, eine Erziehungsanstalt zu gründen, es war hauptsächlich mit der Absicht hervorgeholt und in der Nähe aufbewahrt worden, um endgültig „den beiden aufgedonnerten Krähen,“ wenn sie zu dem Gedächtnismahle gekommen wären, den Hochmut zu nehmen, und um ihnen deutlich zu beweisen, daß Katerina Iwanowna aus einem sehr feinen Hause stamme, „man kann sogar sagen, aus einem aristokratischen Hause“ und die Tochter eines Obersten und sicher mehr sei, als manche Abenteurerin, die in der letzten Zeit so überhand nahmen. Das Ehrendiplom ging sofort von Hand zu Hand unter den betrunkenen Gästen, was Katerina Iwanowna nicht hinderte, weil darin tatsächlich en toutes lettres[10] bemerkt war, daß sie die Tochter eines Hofrats und Ritters pp. sei, folglich in der Tat beinahe die Tochter eines Obersten. Katerina Iwanowna, einmal entflammt, begann unverzüglich über alle Einzelheiten des künftigen schönen und ruhigen Lebens in T... sich zu verbreiten, – über die Gymnasiallehrer, die sie auffordern würde, in ihrer Anstalt Unterricht zu geben, über einen ehrenwerten, alten Herrn, einen Franzosen Mangot, der Katerina Iwanowna noch im Stifte in französischer Sprache unterwiesen hatte, und der jetzt in T... sein Leben beschloß und sicher für einen angemessenen Preis zu ihr kommen werde. Endlich kam sie auch auf Ssonja zu sprechen, „die zusammen mit Katerina Iwanowna nach T... reisen und dort in allem ihr behilflich sein solle“. Aber hier prustete jemand am andern Ende des Tisches vor Lachen. Katerina Iwanowna gab sich sofort den Anschein, als beachte sie nicht das Lachen am anderen Ende des Tisches, erhob absichtlich die Stimme und begann mit Begeisterung über die unzweifelhaften Vorzüge von Ssofja Ssemenowna als ihrer Stütze zu reden, „über ihre Sanftmut, Geduld, Selbstaufopferung, edlen Sinn und ihre Bildung,“ wobei sie Ssonja auf die Wange tätschelte, aufstand und sie ein paarmal innig küßte. Ssonja errötete und Katerina Iwanowna brach plötzlich in Weinen aus, nannte sich selbst „eine nervenschwache dumme Person, die ziemlich angegriffen sei, und daß es Zeit sei, ein Ende zu machen, da alle gegessen hätten und daß jetzt Tee kommen könne“. Da riskierte Amalie Iwanowna, gänzlich verschnupft, daß sie an der ganzen Unterhaltung nicht den geringsten Anteil genommen hatte, und daß man sie gar nicht angehört hatte, den letzten Versuch und erlaubte sich mit unterdrücktem Ärger, Katerina Iwanowna eine äußerst sachliche und tiefsinnige Bemerkung zu machen, daß man nämlich in der künftigen Pensionsanstalt besonders auf die reine Wäsche der jüngeren Mädchen achthaben müsse, und daß unbedingt eine tüchtige Dame da sein müsse, um darauf aufzupassen, und zweitens darauf, daß die jungen Mädchen heimlich in der Nacht keine Romane lesen könnten. Katerina Iwanowna, wirklich angegriffen und sehr müde, und des Gedächtnismahls überdrüssig, schnitt Amalie Iwanowna schroff das Wort mit der Bemerkung ab, daß sie „Unsinn quatsche“ und nichts verstehe; daß die Sorge um die Wäsche Sache der Kastellanin sei und nicht der Vorsteherin einer Anstalt für junge Mädchen aus besseren Ständen, und was das Lesen von Romanen anbetrifft, sei ihre Bemerkung einfach unanständig, und sie bitte sie endlich zu schweigen. Amalie Iwanowna ward rot und antwortete geärgert, daß sie es nur gut gemeint hätte, und daß sie für die Wohnung schon lange kein Geld erhalten habe. Katerina Iwanowna zeigte ihr sofort den ihr zukommenden Platz, indem sie sagte, daß Amalie Iwanowna lüge, wenn sie behaupte, es nur gut gemeint zu haben, weil sie schon gestern, als der Verstorbene noch auf der Bahre lag, sie wegen der Wohnungsmiete gequält habe. Darauf erwiderte Amalie Iwanowna mit großartiger Konsequenz, daß sie jene Damen eingeladen hätte, aber daß die Damen darum nicht gekommen seien, weil sie feine Damen seien und zu unfeinen Damen nicht gehen könnten. Katerina Iwanowna hielt ihr sofort unter die Nase, daß sie, solch ein Schmutzfink, gar nicht beurteilen könne, was in Wahrheit fein sei. Amalie Iwanowna konnte das nicht vertragen und erklärte sofort, daß „ihr Vater aus Berlin ein sehr, sehr wichtiger Mann gewesen sei, beide Hände in die Taschen gesteckt habe und immer nur – puff! puff! gemacht habe“! Und um ihren Vater augenscheinlicher vorzustellen, sprang Amalie Iwanowna vom Stuhle auf, steckte ihre beiden Hände in die Taschen, blies die Wangen auf und begann mit dem Munde unbestimmte Töne, die – puff! puff! ähnelten, hervorzubringen, unter lautem Lachen von allen Mietern, die Amalie Iwanowna absichtlich durch ihren Beifall reizten, weil sie eine Prügelei voraussahen. Jenes nun konnte wiederum Katerina Iwanowna nicht vertragen und sie sagte unverzüglich und laut, daß Amalie Iwanowna vielleicht nie einen Vater gehabt habe, daß Amalie Iwanowna einfach eine betrunkene Estin aus Petersburg sei und sicher irgendwo früher als Köchin gedient habe, vielleicht aber auch etwas schlimmeres gewesen sei. Amalie Iwanowna wurde krebsrot und kreischte, daß Katerina Iwanowna vielleicht keinen Vater gehabt habe, daß sie aber einen Vater aus Berlin gehabt und er einen langen Rock getragen und immer – puff! puff! – gemacht habe! Katerina Iwanowna bemerkte mit Verachtung, daß ihre Herkunft allen bekannt sei, und daß in diesem Ehrendiplom gedruckt sei, daß ihr Vater Oberst war, daß aber der Vater von Amalie Iwanowna – wenn sie überhaupt einen Vater gehabt habe – sicher ein Este aus Petersburg war und Milch verkauft habe; am wahrscheinlichsten aber sei, daß sie gar keinen Vater gehabt habe, weil es bis jetzt noch nicht festzustellen sei, wie der Vatername von Amalie Iwanowna laute, ob Iwanowna oder Ludwigowna? Da geriet Amalie Iwanowna ganz außer sich, schlug mit der Faust auf den Tisch, fing an zu kreischen, daß sie Amalie Iwanowna und nicht Ludwigowna heiße, daß der Name ihres Vaters Johann sei und daß er Dorfschulze gewesen war und daß der Vater von Katerina Iwanowna niemals Dorfschulze gewesen sei. Katerina Iwanowna erhob sich von ihrem Stuhle und bemerkte streng, scheinbar mit ruhiger Stimme, – obwohl sie ganz bleich war und ihre Brust schwer atmete, – daß, wenn sie noch einmal wagen werde, ihren dreckigen Vater mit ihrem Papa auf gleiche Stufe zu stellen, sie ihr die Haube von ihrem Kopfe herunterreißen und mit den Füßen zertreten werde. Als Amalie Iwanowna das hörte, begann sie im Zimmer herumzulaufen und schrie aus allen Kräften, daß sie die Wirtin sei und daß Katerina Iwanowna sofort das Zimmer räumen solle; dann raffte sie die silbernen Löffel vom Tische zusammen. Es erhob sich ein Lärm und Getöse; die Kinder weinten. Ssonja stürzte zu Katerina Iwanowna hin, um sie zurückzuhalten, als aber Amalie Iwanowna etwas von „Sittenkontrolle“ schrie, stieß Katerina Iwanowna Ssonja von sich, eilte auf Amalie Iwanowna zu, um ihre Drohung bezüglich der Haube sofort wahr zu machen. In diesem Augenblicke öffnete sich die innere Tür und auf der Schwelle erschien Peter Petrowitsch Luschin. Er blieb stehen und warf einen strengen und aufmerksamen Blick auf die ganze Gesellschaft. Katerina Iwanowna stürzte zu ihm hin.