III.
Er eilte zu Sswidrigailoff. Was er von diesem Menschen erwartete, – wußte er selbst nicht. Er wußte nur das eine, daß der eine Macht über ihn hatte. Nachdem er dies einmal eingesehen hatte, konnte er sich nicht länger mehr beunruhigen und außerdem war jetzt die richtige Zeit gekommen. – Auf dem Wege quälte ihn besonders die eine Frage, – war Sswidrigailoff bei Porphyri Petrowitsch gewesen?
Soweit er beurteilen konnte, und er hätte darauf schwören mögen, – war er nicht dort gewesen! Er dachte wiederholt nach, rief den ganzen Besuch Porphyri Petrowitschs in seine Erinnerung zurück und überlegte: – nein, er war nicht bei ihm gewesen, ganz gewiß nicht!
Aber wenn er noch nicht dort gewesen war, würde er oder würde er nicht zu Porphyri Petrowitsch hingehen?
Vorläufig schien es Raskolnikoff, als ob er nicht hingehen würde. Warum? Er konnte sich selber dies nicht erklären, aber wenn er es auch gekonnt hätte, so wollte er sich jetzt nicht den Kopf darüber zerbrechen. Dies alles quälte ihn, und doch hatte er zugleich für etwas anderes Interesse. Es war erstaunlich und niemand würde es vielleicht geglaubt haben, – um sein jetziges unumgängliches Schicksal war er wenig besorgt, er dachte nur zerstreut daran. Ihn quälte etwas anderes, anscheinend Wichtigeres, etwas Außergewöhnliches, – das nur ihn selbst und niemand anderen betraf. Außerdem empfand er eine grenzenlose seelische Erschlaffung, obgleich sein Verstand an diesem Morgen besser arbeitete, als in allen diesen letzten Tagen.
Und war es der Mühe wert, nach alledem, was vorgefallen war, diese neuen winzigen Bedrängnisse zu überwinden? War es der Mühe wert, zum Beispiel, zu intrigieren, damit Sswidrigailoff nicht zu Porphyri Petrowitsch hingehe; ihn zu studieren, auszukundschaften und Zeit zu verlieren für einen Sswidrigailoff?
Oh, wie ihm dies alles langweilig war!
Indessen eilte er aber doch zu Sswidrigailoff; erwartete er etwa von ihm etwas neues, oder Fingerzeige oder einen Ausweg? Man greift in der Not auch nach einem Strohhalm! Führte sie etwa jetzt das Schicksal oder ein Instinkt zusammen? Vielleicht war es bloß Müdigkeit, Verzweiflung, vielleicht brauchte er gar nicht Sswidrigailoff, sondern jemand anderen, und Sswidrigailoff war ihm nur in den Weg gelaufen. Ssonja? Ja, wozu sollte er jetzt zu Ssonja gehen? Wieder um ihre Tränen betteln? Ssonja war ihm jetzt schrecklich. In Ssonja stellte er sich ein unerbittliches Urteil, einen unwandelbaren Entschluß vor. Hier aber handelte es sich darum, entweder ihr oder sein Weg. Besonders im gegenwärtigen Augenblicke war er außerstande, sie zu sehen. Nein, es wäre besser, Sswidrigailoff auszuforschen, – was wäre dabei? Er konnte sich nicht innerlich eingestehen, daß er tatsächlich jenen schon längst zu irgend etwas gebrauchte.
Aber was konnte es zwischen ihnen beiden gemeinsames geben? Selbst eine Freveltat konnte sie beide nicht auf gleiche Stufe bringen. Dieser Mensch war ihm sehr unangenehm, offenbar äußerst verdorben, sicher aber schlau und unzuverlässig, und vielleicht auch bösartig. Von ihm wurde allerhand erzählt. Es war ja richtig, er hat sich der Kinder Katerina Iwanownas angenommen; aber wer weiß, zu welchem Zwecke und was es noch auf sich hatte? Dieser Mensch hatte stets seine Absichten und Pläne.
In all diesen Tagen schwebte ständig Raskolnikoff noch ein Gedanke vor und beunruhigte ihn sehr, obwohl er ihn stets von sich zu weisen suchte; so schwer lastete dieser Gedanke auf ihm! Er dachte – Sswidrigailoff hat die ganze Zeit sich mit ihm beschäftigt; Sswidrigailoff hat sein Geheimnis erfahren und hatte schon böse Absichten gegenüber Dunja. Man könnte doch fast mit Bestimmtheit sagen, daß er sie noch haben werde. Und wenn er jetzt, nachdem er sein Geheimnis erfahren und so über ihn eine Macht erhalten hätte, sie als eine Waffe gegen Dunja benutzen wollte?
Dieser Gedanke quälte ihn sogar im Traume, aber noch nie war er ihm so deutlich gekommen, wie jetzt. Und dieser Gedanke allein versetzte ihn in die äußerste Wut. Dann würde sich alles verändern, sogar seine eigene Lage, – er muß dann sofort sein Geheimnis Dunetschka mitteilen. Er mußte sich vielleicht selbst verraten, um Dunetschka von einem unvorsichtigen Schritt abzuhalten. Und der Brief? Heute früh hatte Dunetschka einen Brief erhalten! Von wem in Petersburg kann sie Briefe empfangen? Etwa von Luschin? Es ist ja wahr, dort paßt Rasumichin auf, aber Rasumichin weiß doch nichts von alldem. Vielleicht muß er sich auch Rasumichin anvertrauen. Raskolnikoff dachte mit Widerwillen an diese Möglichkeit.
Er beschloß endgültig, Sswidrigailoff in jedem Falle möglichst bald aufzusuchen. Gott sei Dank, hier handelt es sich nicht so sehr um die Einzelheiten, als um den Kernpunkt der Sache, – aber wenn er, wenn er schon fähig war ... wenn Sswidrigailoff irgend etwas gegen Dunja vorhatte, – so ...
Raskolnikoff war während dieser ganzen Zeit, während dieses ganzen Monats so abgespannt geworden, daß er jetzt ähnliche Fragen nicht anders mehr lösen konnte, als bloß durch das eine, – „dann töte ich ihn!“ Das dachte er auch in diesem Augenblicke mit kalter Verzweiflung. Schwer bedrückte es sein Herz; er blieb mitten auf der Straße stehen und begann sich umzusehen, – welchen Weg er ging und wohin er gekommen war? Er befand sich auf dem N.schen Prospekt, dreißig oder vierzig Schritte vom Heumarkt entfernt, den er passiert hatte. Der ganze zweite Stock eines Hauses linker Hand war von einem Restaurant eingenommen. Alle Fenster waren weit geöffnet; das Restaurant war, nach den vielen an den Fenstern sich bewegenden Gestalten zu urteilen, stark besetzt. Im Saale sang ein Chor, Lieder, Klarinetten und Geigen tönten und eine türkische Trommel lärmte. Man hörte auch das Gekreische einiger Weiber. Er wollte umkehren und begriff gar nicht, wie er auf den N.schen Prospekt gekommen war, als er plötzlich in einem der letzten offenen Fenster des Restaurants Sswidrigailoff erblickte, der dort hinter einem Teetisch mit einer Pfeife im Munde saß. Er erschrak, und sein Schrecken ward zum Entsetzen. Sswidrigailoff blickte ihn an und beobachtete ihn schweigend und wollte – was Raskolnikoff ebenfalls betroffen machte, wie es schien, aufstehen, um leise und unbemerkt fortzugehen. Raskolnikoff gab sich sofort den Anschein, als hätte auch er ihn nicht bemerkt, und blickte in Gedanken versunken zur Seite, ohne aber ihn ganz aus dem Auge zu lassen. Sein Herz klopfte unruhig. Es war richtig, – Sswidrigailoff wollte offenbar nicht gesehen werden. Er nahm die Pfeife aus dem Munde und wollte sich verbergen; als er aber aufstand und den Stuhl zur Seite schob, hatte er wahrscheinlich gemerkt, daß Raskolnikoff auch ihn gesehen und beobachtet hatte. Es war etwas, was der Szene ihres ersten Zusammentreffens bei Raskolnikoff, während seines Schlafes, glich. Ein spöttisches Lächeln zeigte sich auf dem Gesichte Sswidrigailoffs. Beide wußten, daß sie einander gesehen und beobachtet hatten. Zuletzt lachte Sswidrigailoff laut auf.
„Nun! Kommen Sie doch herauf, wenn Sie wollen; ich bin hier!“ rief er ihm aus dem Fenster zu.
Raskolnikoff ging in das Restaurant hinauf. Er fand ihn in einem sehr kleinen Hinterzimmer mit einem Fenster, das an den großen Saal anstieß, in dem an etwa zwanzig kleinen Tischen beim greulichen Gebrüll eines Sängerchores Kaufleute, Beamte und andere Leute Tee tranken. Aus einer anderen Ecke vernahm man das Anprallen von Billardkugeln. Auf dem Tische vor Sswidrigailoff stand eine angebrochene Flasche Champagner und ein Glas, zur Hälfte mit Wein gefüllt. In dem kleinen Zimmer befanden sich außerdem ein Knabe, der eine kleine Drehorgel hatte, und ein kräftiges rotwangiges Mädchen, in einem gestreiften aufgebauschten Rocke und einem Tiroler Hütchen mit Bändern. Es war eine Sängerin, etwa achtzehn Jahre alt, die, trotz des Chorgesanges in dem anderen Zimmer, unter Begleitung der Drehorgel einen Gassenhauer mit ziemlich heiserer Kontrealtstimme sang ...
„Nun, genug!“ unterbrach Sswidrigailoff sie beim Eintritt Raskolnikoffs.
Das Mädchen brach sofort ab und blieb in ehrerbietiger Erwartung stehen. Auch ihren Gassenhauer hatte sie mit einem ehrerbietigen und ernsten Ausdrucke im Gesichte gesungen.
„He, Philipp, ein Glas!“ rief Sswidrigailoff.
„Ich werde keinen Wein trinken,“ sagte Raskolnikoff.
„Wie Sie wollen, aber ich habe das Glas nicht Ihretwegen bestellt. Trink, Katja! Heute brauche ich euch nicht mehr, geht!“ – Er goß ihr ein volles Glas Wein ein und legte einen Rubelschein für sie auf den Tisch.
Katja leerte das Glas mit einem Male, wie die Frauen Wein trinken, das heißt, ohne das Glas abzusetzen und zwanzigmal schluckend, sie nahm dann den Schein, küßte Sswidrigailoff die Hand, was er sehr ernst zuließ und verließ das Zimmer, ihr folgte der Knabe mit der Drehorgel. Man hatte beide von der Straße heraufgeholt. Sswidrigailoff wohnte noch nicht einmal eine Woche in Petersburg und alles verkehrte schon mit ihm auf recht patriarchalischem Fuße. Auch der Kellner Philipp kannte ihn schon und bediente ihn unterwürfigst. Die Tür zum Saale wurde geschlossen, Sswidrigailoff war in diesem Zimmer wie bei sich zu Hause und verbrachte hier jedenfalls ganze Tage. Das Restaurant war schmutzig, schlecht und nicht einmal von mittlerer Sorte.
„Ich wollte zu Ihnen gehen und suchte Sie,“ begann Raskolnikoff, „bog aber unversehens vom Heumarkte zu dem N.schen Prospekt ab! Ich gehe nie diesen Weg und komme nie hierher. Ich nehme vom Heumarkte immer den Weg zur rechten Hand. Auch der Weg zu Ihnen führt hier nicht vorbei. Doch kaum als ich einbog, erblickte ich Sie sofort. Das ist seltsam!“
„Warum sagen Sie nicht offen heraus, – das ist ein Wunder!“
„Weil es vielleicht nur ein Zufall ist.“
„Wie sonderbar all diese Leute beschaffen sind!“ lachte Sswidrigailoff, „Sie wollen es nicht eingestehen, wenn Sie auch innerlich selbst an Wunder glauben! Sie sagen doch selbst, daß es – ‚vielleicht‘ – bloß ein Zufall ist. Und wie sie alle hier feig sind, eine eigene Meinung zu haben, können Sie sich gar nicht vorstellen, Rodion Romanowitsch. Ich meine nicht Sie. Sie haben eine eigene Meinung und fürchten sich nicht, sie zu haben. Darum haben Sie auch mein Interesse gefesselt.“
„Aber das genügt doch.“
Sswidrigailoff war offenbar in erregtem Zustande, doch nur ein klein wenig; von dem Wein hatte er nur ein halbes Glas getrunken.
„Mir scheint es, Sie kamen schon zu mir, ehe Sie erfuhren, daß ich fähig bin, das zu haben, was Sie eine eigene Meinung nennen,“ bemerkte Raskolnikoff.
„Nun, damals war es eine andere Sache. Jeder hat seine eigenen Wege. Was aber das Wunder anbetrifft, muß ich Ihnen sagen, daß Sie anscheinend diese letzten zwei oder drei Tage verschlafen haben. Ich habe Ihnen selbst dieses Restaurant angegeben, und es war gar kein Wunder, daß Sie hierher kamen; ich habe Ihnen selbst den ganzen Weg beschrieben und Ihnen den Ort und die Stunden gesagt, wann man mich hier treffen kann. Erinnern Sie sich?“
„Ich habe es vergessen,“ antwortete Raskolnikoff verwundert.
„Es scheint so. Zweimal habe ich es Ihnen gesagt. Die Adresse hat sich Ihrem Gedächtnisse mechanisch eingeprägt. Sie schlugen auch diesen Weg mechanisch ein, indessen streng der Adresse folgend, ohne es selbst zu wissen. Als ich es Ihnen damals sagte, glaubte ich nicht, daß Sie mich verstanden hatten. Sie verraten sich zu sehr, Rodion Romanowitsch. Noch eins: – ich bin überzeugt, daß es in Petersburg viele Leute gibt, die im Gehen mit sich selbst sprechen. Es ist eine Stadt von Halbverrückten. Wenn wir die Wissenschaften mehr pflegten, so könnten Mediziner, Juristen und Philosophen, jeder auf seinem Spezialgebiete die wertvollsten Untersuchungen über Petersburg anstellen. Selten findet man so viel finstere, tiefeinschneidende und eigentümliche Einflüsse auf die Seele eines Menschen vor, wie in Petersburg. Was allein sind die klimatischen Einflüsse wert! Indessen ist es das administrative Zentrum von ganz Rußland, und sein Charakter muß sich in allem geltend machen. Aber es handelt sich jetzt nicht darum, sondern, daß ich Sie ein paarmal schon heimlich beobachtet habe. Sie verlassen Ihre Wohnung – halten den Kopf nach oben. Nach zwanzig Schritten lassen Sie ihn schon sinken und die Hände legen Sie auf den Rücken. Sie blicken vor sich und sehen offenbar weder vor sich etwas, noch neben sich. Schließlich beginnen Sie die Lippen zu bewegen und mit sich selbst zu sprechen, wobei Sie zuweilen die eine Hand frei machen und deklamieren, endlich bleiben Sie mitten auf dem Wege lange stehen. Das ist nicht gut. Vielleicht beobachtet jemand Sie außer mir, und das ist nicht vorteilhaft. Mir ist es im Grunde genommen gleichgültig, und ich werde Sie nicht heilen, aber Sie verstehen mich sicher.“
„Wissen Sie es, daß man mich beobachtet?“ fragte Raskolnikoff und blickte ihn forschend an.
„Nein, ich weiß nichts davon,“ antwortete Sswidrigailoff, wie verwundert.
„Nun, lassen wir meine Person aus dem Spiel,“ murmelte Raskolnikoff mit verdüstertem Gesichte.
„Gut, lassen wir Sie aus dem Spiel.“
„Sagen Sie mir lieber, – wenn Sie hierher gehen zu trinken und mir selbst diesen Ort zweimal genannt haben, damit ich hierher zu Ihnen kommen soll, warum versteckten Sie sich denn und wollten weggehen, als ich Sie von der Straße aus am Fenster sah? Ich habe es sehr gut gemerkt.“
„He–he! Warum lagen Sie auf Ihrem Sofa mit geschlossenen Augen und stellten sich schlafend, während Sie doch gar nicht schliefen, als ich damals bei Ihnen auf der Schwelle stand? Ich habe es sehr gut bemerkt.“
„Ich konnte ... Gründe haben ... Sie wissen es selbst.“
„Auch ich konnte meine Gründe haben, obwohl Sie sie nicht erfahren werden.“
Raskolnikoff setzte den rechten Ellenbogen auf den Tisch, stützte mit den Fingern der rechten Hand sein Kinn und starrte unverwandt Sswidrigailoff an. Er betrachtete eine Weile sein Gesicht, das auch früher ihn stets in Staunen gesetzt hatte. Es war ein auffallendes Gesicht, das einer Maske zu gleichen schien, – weiß, rotwangig, mit roten, purpurroten Lippen, mit einem hellblonden Barte und noch ziemlich dichten hellblonden Haaren. Die Augen waren zu blau und ihr Blick zu schwer und unbeweglich. Es lag etwas äußerst Unangenehmes in diesem hübschen und für sein Alter viel zu jugendlichen Gesichte. Sswidrigailoffs Kleidung war elegant, leicht, sommerlich; besonders elegant war seine Wäsche. An einem Finger hatte er einen großen Ring mit einem kostbaren Stein.
„Ja, soll ich mich denn auch mit Ihnen abgeben,“ sagte Raskolnikoff plötzlich, indem er mit krampfhafter Ungeduld auf sein Ziel losging, „obgleich Sie vielleicht der gefährlichste Mensch sind, wenn Sie Lust bekommen sollten, mir zu schaden, aber ich will mich nicht mehr verstellen und Komödie spielen. Ich will Ihnen gleich zeigen, daß ich gar keinen großen Wert auf meine Person lege, wie Sie wahrscheinlich annehmen. Wissen Sie, ich bin gekommen, Ihnen offen zu erklären, wenn Sie noch Ihre frühere Absicht gegenüber meiner Schwester hegen, und wenn Sie zu diesem Zwecke irgend etwas von dem, was Ihnen in der letzten Zeit bekannt geworden ist, zu benutzen gedenken, – ich Sie eher töten werde, bevor Sie mich ins Gefängnis bringen. Mein Wort ist sicher, – Sie wissen, daß ich es zu halten imstande bin. Zweitens, wenn Sie mir irgend etwas zu sagen haben, – denn es schien mir die ganze Zeit, als wollten Sie mir etwas mitteilen, – tun Sie es schnell, denn die Zeit ist kostbar, und vielleicht ist es sehr bald zu spät.“
„Was haben Sie denn für eine Eile?“ fragte Sswidrigailoff und blickte ihn neugierig an.
„Jeder hat seine eigenen Wege,“ sagte Raskolnikoff finster und ungeduldig.
„Sie haben mich selbst soeben gebeten, offen zu sein, und die erste Frage lehnen Sie schon ab, zu beantworten,“ bemerkte Sswidrigailoff mit einem Lächeln.
„Ihnen scheint es immer, daß ich irgend welche Zwecke verfolgen muß und darum betrachten Sie mich argwöhnisch. Nun, das ist in Ihrer Lage vollkommen begreiflich. Aber wie sehr ich auch wünsche, mit Ihnen in nähere Beziehungen zu kommen, werde ich mir doch nicht die Mühe machen, Sie vom Gegenteile zu überzeugen. Bei Gott, es ist nicht der Mühe wert, und ich hatte gar nicht die Absicht, mit Ihnen über irgend etwas besonderes zu sprechen.“
„Wozu brauchten Sie mich dann? Sie scharwenzelten doch um mich herum?“
„Ganz einfach, als ein interessantes Beobachtungsobjekt. Mir gefielen Sie durch das Phantastische Ihrer Lage, – das ist der Grund. Außerdem sind Sie der Bruder einer Persönlichkeit, die mich sehr interessierte, und schließlich habe ich seinerzeit von derselben Persönlichkeit sehr viel und oft über Sie gehört, woraus ich schloß, daß Sie einen großen Einfluß auf die Dame haben; ist denn das nicht genügend Grund? He–he–he! Ich muß übrigens gestehen, Ihre Frage ist für mich sehr kompliziert, und es fällt mir etwas schwer, Ihnen darauf zu antworten. Nun, zum Beispiel jetzt, – Sie sind zu mir nicht bloß wegen der einen Angelegenheit gekommen, sondern auch wegen etwas ganz neuem? Es stimmt doch? Nicht wahr?“ sagte Sswidrigailoff mit einem spöttischen Lächeln. – „Nun, stellen Sie sich vor, daß ich selbst, noch auf der Reise hierher im Eisenbahnwagen, auf Sie rechnete, daß Sie mir auch etwas neues sagen würden, und daß es mir gelingen würde, etwas von Ihnen zu entlehnen! Sehen Sie, wie reich wir sind!“
„Was denn entlehnen?“
„Ja, was soll ich Ihnen sagen? Weiß ich etwa, – was es ist? Sehen Sie, in was für einem Restaurant ich die ganze Zeit hocke, und das ist mir höchst unangenehm, das heißt, eigentlich nicht, aber ich muß mich doch irgendwo hinhocken. Nun, und diese arme Katja – haben Sie sie gesehen? ... Wäre ich wenigstens ein Vielfresser oder ein Feinschmecker, Sie sehen aber selbst, was ich esse. – (Er zeigte mit dem Finger in eine Ecke, wo auf einem Tischchen das Überbleibsel von einem entsetzlichen Beefsteak mit Kartoffeln stand.) – Apropos, haben Sie zu Mittag gegessen? Ich habe etwas zu mir genommen und möchte nichts mehr. Wein, z. B., trinke ich gar nicht. Außer Champagner gar keinen Wein, und davon trinke ich auch den ganzen Abend ein einziges Glas, davon tut mir schon der Kopf weh. Ich habe ihn bloß bestellt, um mir auf die Beine zu helfen, denn ich will irgendwohin gehen, Sie sehen mich in einer besonderen Stimmung. Ich habe mich darum auch vorhin wie ein Schulbube versteckt, weil ich meinte, daß Sie mich stören werden; aber ich glaube – (er zog seine Uhr hervor) – ich kann mit Ihnen noch eine Stunde zusammen sein; es ist jetzt halb fünf. Glauben Sie mir, wenn ich wenigstens etwas wäre, sagen wir, Gutsbesitzer, Landwirt, oder Vater, ein Ulan, Photograph oder Journalist ... Aber nichts, ich habe gar keine Spezialität! Zuweilen ist mir das langweilig. Wirklich, ich glaubte, von Ihnen etwas neues zu hören.“
„Ja, wer sind Sie denn eigentlich und warum sind Sie hierher gereist?“
„Wer ich bin? Sie wissen doch, – bin vom Adel, habe zwei Jahre in der Kavallerie gedient, mich dann hier in Petersburg herumgetrieben, habe Marfa Petrowna geheiratet und auf dem Lande gelebt. Da haben Sie meine Lebensbeschreibung!“
„Sie sind wohl ein Spieler?“
„Nein, ich bin kein Spieler. Ein Falschspieler ist kein Spieler.“
„Waren Sie denn Falschspieler?“
„Ja, ich war Falschspieler.“
„Hat man Sie auch gefaßt?“
„Es ist auch vorgekommen. Was ist dabei?“
„Nun, Sie konnten doch gefordert werden ... Das bringt doch auch mehr Leben ins Dasein.“
„Ich widerspreche Ihnen nicht und bin außerdem kein Meister im Philosophieren. Ich will Ihnen gestehen, daß ich mehr der Weiber wegen hierher gekommen bin.“
„Nachdem Sie kaum Marfa Petrowna beerdigt hatten?“
„Nun ja,“ lächelte Sswidrigailoff mit einer frappanten Offenheit. – „Was ist dabei? Mir scheint, Sie finden etwas schlechtes darin, daß ich über die Weiber so rede.“
„Das will wohl sagen, ob ich etwas schlechtes in der Unsittlichkeit finde oder nicht?“
„In der Unsittlichkeit! Nun, Sie gehen zu weit! Übrigens aber will ich Ihnen zuerst im allgemeinen über die Frauen antworten. Wissen Sie, ich liebe gerade jetzt zu plaudern. Sagen Sie mir, wozu soll ich mich enthalten? Warum soll ich die Frauen lassen, wenn ich ein großer Freund davon bin? Sie sind doch wenigstens eine Beschäftigung.“
„Also Sie rechnen hier bloß auf die Unsittlichkeit?“
„Was ist dabei, ja, meinetwegen auf Unsittlichkeit. Wie Sie sich darauf versessen haben. Ich liebe aber wenigstens eine offene Frage. In dieser Unsittlichkeit ist etwas beständiges, in der Natur begründetes und der Phantasie nicht unterworfenes, etwas, das stets wie eine feurige Glut im Blute steckt, ewig anfeuert und das man lange nicht, auch mit den Jahren vielleicht nicht, so schnell auslöschen kann. Geben Sie doch selbst zu, ist das nicht eine Art von Beschäftigung?“
„Wie soll man sich dabei freuen? Es ist eine Krankheit, und eine gefährliche.“
„Ah, Sie kommen damit! Ich gebe zu, daß es eine Krankheit ist, wie auch alles, was über das Maß hinausgeht, – und hier wird man unbedingt das Maß überschreiten, – aber das ist doch, erstens, bei dem einen so, bei dem anderen anders, und zweitens, muß man eben wie in allem Maß einhalten; es ist Berechnung und eine gemeine dazu, aber was soll man tun? Wenn es dies nicht gäbe, müßte man sich möglicherweise erschießen. Ich gebe zu, daß ein anständiger Mensch verpflichtet ist, sich lieber zu langweilen, aber dennoch ...“
„Könnten Sie sich erschießen?“
„Aber, hören Sie!“ erwiderte Sswidrigailoff mit Widerwillen. „Tun Sie mir den Gefallen und sprechen Sie nicht davon,“ fügte er hastig hinzu und ohne jegliche Großtuerei, die sich in allen seinen früheren Worten ausprägte. Sogar sein Gesicht schien sich verändert zu haben. – „Ich gestehe diese unverzeihliche Schwäche ein, aber was soll ich tun, – ich fürchte den Tod und liebe nicht, daß man darüber spricht. Wissen Sie, ich bin teilweise Mystiker?“
„Ah! Die Erscheinungen von Marfa Petrowna! Wie, kommt sie noch immer?“
„Ach, erinnern Sie mich nicht daran; in Petersburg ist es noch nicht vorgekommen; und hol der Teufel die Erscheinungen!“ rief er mit gereizter Miene aus. – „Nein, wir wollen lieber über ... ja übrigens ... Hm! Ach, ich habe zu wenig Zeit, kann nicht lange bei Ihnen bleiben, es ist schade! Ich hätte Ihnen etwas mitzuteilen.“
„Was, ist es eine Frau, die Sie erwartet?“
„Ja, eine Frau, ein ganz unerwarteter Zufall ... nein, ich meine nicht das.“
„Nun, und die Schändlichkeit dieser ganzen Umgebung wirkt schon nicht mehr auf Sie? Sie haben schon die Kraft verloren, zu stoppen?“
„Sie machen auch Ansprüche an Kraft? He–he! Sie haben mich soeben überrascht, Rodion Romanowitsch, obwohl ich im voraus wußte, daß es so kommen werde. Sie reden mit mir über Unsittlichkeit und über Ästhetik! Sie – ein Schiller, Sie – ein Idealist! Dies alles muß natürlich so sein, und man müßte erstaunt sein, wenn es anders wäre, aber trotzdem ist etwas merkwürdiges vor der Wirklichkeit ... Ach, schade, daß ich so wenig Zeit habe, Sie sind ein äußerst interessantes Subjekt! Ja, nebenbei gefragt, lieben Sie Schiller? Ich liebe ihn außerordentlich.“
„Was Sie aber für ein Großtuer sind!“ sagte Raskolnikoff mit einem gewissen Abscheu.
„Ich bin es nicht, bei Gott!“ antwortete Sswidrigailoff mit lautem Lachen, „aber ich will es nicht bestreiten, mag ich ein Großtuer sein; doch warum soll man auch nicht wichtigtun, wenn es harmlos ist. Ich habe sieben Jahre auf dem Lande bei Marfa Petrowna gelebt, schon darum freue ich mich zu plaudern, nachdem ich jetzt auf einen klugen Menschen wie Sie, – auf einen klugen und im höchsten Grade interessanten Menschen gestoßen bin, und außerdem habe ich dieses halbe Glas Wein getrunken und es ist mir ein bißchen zu Kopfe gestiegen. Die Hauptsache aber ist, daß es einen Umstand gibt, der mich sehr aufgerüttelt hat, den ich aber ... verschweigen werde. Wohin gehen Sie denn?“ fragte Sswidrigailoff plötzlich erschrocken.
Raskolnikoff machte Miene, sich zu erheben. Ihm wurde es schwer, beengend und peinlich, daß er hierher gekommen war. Von Sswidrigailoff hatte er die feste Meinung gewonnen, daß er der unbedeutendste und inhaltloseste Bösewicht der Welt sei.
„Ach! Setzen Sie sich, bleiben Sie noch,“ bat Sswidrigailoff, „und bestellen Sie sich doch wenigstens Tee. Bleiben Sie sitzen, ich will keinen Unsinn mehr, das heißt, über mich schwatzen. Ich will Ihnen etwas erzählen. Wollen Sie? Ich werde Ihnen erzählen, wie mich eine Frau, um in Ihrem Stile zu reden, ‚retten wollte‘? Das wird sogar eine Antwort auf Ihre erste Frage sein, weil diese Dame – Ihre Schwester ist. Darf ich erzählen? Wir schlagen auch die Zeit damit tot.“
„Erzählen Sie, aber ich hoffe, Sie ...“
„Oh, seien Sie ruhig! Außerdem kann Awdotja Romanowna sogar bei solch einem schlimmen und oberflächlichen Menschen, wie ich, bloß die höchste Achtung hervorrufen.“