Der Brief der Mutter hatte ihn sehr erschüttert. Über die Hauptsache aber, das Moment, um das sich alles drehte, war er auch nicht einen Augenblick im Zweifel, nicht einmal während des Lesens. Ihrem Wesen nach war die Sache für ihn entschieden: „Diese Heirat kommt nicht zustande, solange ich lebe, und hol’ der Teufel den Herrn Luschin!“
„Die ganze Geschichte ist klipp und klar,“ murmelte er höhnisch lachend und im voraus triumphierend über die Folgen seines Entschlusses. „Nein, liebe Mama, nein, Dunja, ihr könnt mich nicht täuschen! ... Und da entschuldigen sie sich, daß sie mich nicht um Rat gefragt und ohne mich die Sache gemacht haben! Haben auch Grund dazu! Sie meinen, daß man es nicht mehr zerreißen kann; wir wollen mal sehen, ob es möglich ist oder nicht! Sie haben auch eine glänzende Ausrede gefunden – Peter Petrowitsch sei so beschäftigt, so beschäftigt, daß er nicht anders, als per Postpferde, fast per Eisenbahn, heiraten kann. Nein, Dunetschka, ich durchschaue alles und weiß, worüber du mit mir so viel sprechen möchtest. Ich weiß auch, worüber du die ganze Nacht im Zimmer auf- und abgehend nachgedacht hast, und was du vor dem Bilde der Gottesmutter, das bei Mama im Schlafzimmer hängt, gebetet hast. Es ist schwer, Golgatha hinaufzugehen ... Hm ... Also es ist endgültig beschlossen. Awdotja Romanowna, Sie geruhen also einen tüchtigen und resoluten Mann zu heiraten, der eigenes Vermögen besitzt – (der schon eigenes Vermögen besitzt, das ist solider und ehrfurchtgebietender) – der zwei Stellungen einnimmt und der die Überzeugungen unserer jüngeren Generation teilt (wie Mama sagt) und der, wie es scheint, gut ist, wie Dunetschka selbst sagt. Dieses ‚wie es scheint‘ ist das großartigste dabei! Und Dunetschka heiratet dieses ‚wie es scheint‘! ... Großartig! Großartig!
Es ist jedoch interessant, warum Mama mir über ‚die jüngere Generation‘ geschrieben hat? Bloß um die Person zu charakterisieren oder mit einer weitliegenden Absicht, – um mich für Herrn Luschin günstig zu stimmen? Oh, ihr Schlauen! Es wäre auch interessant, noch einen Umstand aufzuklären, – wie weit war an jenem Tage und in jener Nacht ihre beiderseitige Offenherzigkeit und auch in der folgenden Zeit? Wurde alles unter ihnen Wort für Wort besprochen, oder haben beide gefühlt, daß sie, eine wie die andere, ein und dasselbe auf dem Herzen hatten, so daß es überflüssig war, alles laut werden zu lassen und womöglich zu viel zu sagen. Sicher war es größtenteils so gewesen; man sieht’s aus dem Briefe. Mama schien er ein wenig hart, und die naive Mama wandte sich sofort an Dunja mit Bemerkungen. Die wurde selbstverständlich böse und ‚antwortete verstimmt‘. Das ist begreiflich! Wen wird es nicht wütend machen, wenn eine Sache auch ohne naive Fragen klar genug ist, und wenn ausgemacht ist, daß daran nicht mehr zu rütteln ist. Und warum schreibt sie mir: ‚Rodja, liebe Dunja! Sie liebt dich mehr als sich selbst‘. Wird sie etwa im geheimen von Gewissensbissen gequält, daß sie eingewilligt hat, die Tochter für den Sohn zu opfern. ‚Du bist unser Trost, du bist unser Alles! Oh, Mama! ...‘“
Der Zorn packte ihn immer stärker, und wäre Herr Luschin ihm jetzt begegnet, er hätte sich an ihm vergriffen!
„Hm ... das ist wahr,“ spann er die Gedanken weiter, die sich wie im Wirbelwinde in seinem Kopfe drehten. „Das ist wahr, daß man sich ‚einem Menschen allmählich und vorsichtig nähern muß, um ihn kennenzulernen,‘ Herr Luschin ist einem auch so verständlich. Die Hauptsache ist ‚ein tüchtiger und wie es scheint guter Mensch‘; es hat ja was zu sagen, daß er das Gepäck übernommen hat und für seine Rechnung den großen Koffer transportiert! Nun, ist er denn nicht gut? Die beiden aber, die Braut und die Mutter, akkordieren mit einem Bauern und reisen in einem mit Strohmatten gedeckten Wagen – ich kenn es ja selber! Das hat ja auch nichts zu sagen! Es sind bloß neunzig Werst, weiter aber ‚fahren wir zufrieden und glücklich dritter Klasse‘ – also über tausend Werst. Es ist auch vernünftig, – man muß sich nach der Decke strecken; aber Sie, Herr Luschin, was denken Sie dabei? Es ist ja Ihre Braut ... Sollten Sie etwa nicht wissen, daß Mutter sich das Geld zur Reise auf ihre Pension hin leiht? Gewiß, Sie haben hier ein gemeinsames kaufmännisches Geschäft, ein Unternehmen auf gegenseitigen Vorteil und mit gleichlautenden Anteilen, folglich fallen die Ausgaben auch in gleiche Teile; wie nach dem Sprichworte, – Salz und Brot zusammen, Tabak aber jeder für sich. Ja, aber auch hier hat der geschäftstüchtige Mann die beiden ein wenig übers Ohr gehauen, – das Gepäck kommt ihm billiger als ihre Reise zu stehen, und vielleicht kostet das Gepäck ihm gar nichts. Sehen denn beide es nicht oder wollen sie es nicht sehen? Sie sind ja zufrieden, sind beide zufrieden! Wenn man aber denkt, daß dies erst der Anfang ist und daß das dicke Ende später nachkommt! Was fällt einem hier am meisten auf, – nicht der Geiz, nicht die schmutzige Rechnerei, sondern der Ton des Ganzen. Das ist ja der künftige Ton nach der Verheiratung, die warnende Prophezeiung ... Ja, und die Mama, warum ist sie so flott? Mit was kommt sie nach Petersburg? Mit drei Rubel oder mit zwei ‚Scheinchen,‘ wie die ... Alte sagt ... hm! Wovon will sie denn in Petersburg leben? Sie hat schon aus irgendwelchen Anzeichen herausgefunden, daß sie mit Dunja nach der Verheiratung nicht zusammenleben kann, nicht mal in der ersten Zeit. Der liebe Mensch hat sich auch hier sicher irgendwie versprochen, hat es zu verstehen gegeben, obwohl Mama sich mit beiden Händen dagegen sträubt, – ‚ich will,‘ sagt sie, ‚es selbst ablehnen‘. Ja, auf was hofft sie denn noch – mit ihrer Pension von hundertundzwanzig Rubel, von der noch die Schuld an Afanassi Iwanowitsch abgezogen wird? Sie strickt dann zu Hause Tücher, stickt Manschetten und verdirbt sich die alten Augen, und das bringt ihr zwanzig Rubel im Jahre ein zu der Pension, das kenne ich. Also, hofft man doch und baut auf die Freigiebigkeit und die Großmut des Herrn Luschin. ‚Er wird es mir selbst anbieten,‘ meint sie, ‚wird mich darum bitten.‘ Nein, darauf kann sie lange warten. So geht es stets diesen schönen Schillerschen Seelen, – bis zum letzten Moment schmücken sie einen Menschen mit Pfauenfedern, bis zum letzten Moment glauben sie an das Gute und nicht an das Böse im Menschen; obwohl sie die Kehrseite der Medaille ahnen, belügen sie sich lieber selbst, weil sie sich vor der Wahrheit fürchten. Mit beiden Händen wehren sie sich dagegen, bis ihnen schließlich der ausgeschmückte Mensch eigenhändig einen Nasenstüber gibt. Es wäre interessant zu wissen, ob Herr Luschin Orden hat; ich gehe eine Wette ein, daß er den Orden der heiligen Anna im Knopfloche stecken hat und daß er ihn zu Diners bei allerhand Kaufleuten und Lieferanten trägt. Vielleicht wird er ihn auch zur Feier seiner Hochzeit anlegen! übrigens, hol ihn der Teufel! ... Nun, gegen Mama ist nichts zu sagen, sie ist einmal so, aber was ist mit Dunja? Liebe Dunetschka, ich kenne sie doch! Sie war bereits zwanzig Jahre alt, als wir uns zum letztenmal sahen, ihren Charakter habe ich schon damals verstanden. Die Mama schreibt ‚Dunetschka kann vieles ertragen‘. Das wußte ich schon früher. Das wußte ich bereits vor zweiundeinhalb Jahren, und seit jener Zeit habe ich nachgedacht, zweiundeinhalb Jahre habe ich gerade darüber nachgedacht, wie vieles Dunetschka ertragen kann? Denn Herrn Sswidrigailoff mit all dem Folgenden ertragen zu können, heißt viel ertragen können. Jetzt aber meint sie, wie auch Mama, daß man den Herrn Luschin als zukünftigen Ehemann ebenfalls ertragen kann, der die Theorie über die Vorzüge von Frauen vertritt, die von Hause aus bettelarm sind und folglich von ihren Männern nur Wohltaten empfingen, und der dies fast bei der ersten Zusammmkunft auseinandersetzt. Nun, gut, wollen wir annehmen, er habe ‚sich versprochen,‘ obwohl er doch ein verständiger Mann ist, der sich vielleicht gar nicht versprochen, sondern sofort ihre richtige Stellung klargestellt wissen wollte, aber Dunja, Dunja, was ist mit ihr? Sie durchschaut doch den Menschen klar und deutlich, und muß mit ihm leben. Sie würde lieber schwarzes Brot essen und Wasser dazu trinken, als ihre Seele verkaufen; sie würde ihre sittliche Freiheit für keinen Komfort hergeben; für ganz Schleswig-Holstein würde sie sie nicht hergeben, geschweige denn für einen Herrn Luschin. Nein, Dunja war nicht so, soweit ich sie kannte, und ... hat sich sicher nicht verändert! ... Was ist da zu sagen! Sswidrigailoffs sind bitter! Es ist bitter, sein ganzes Leben als Gouvernante für zweihundert Rubel in der Provinz herumzuwandern, aber ich weiß, daß meine Schwester lieber als Neger zu einem Plantagenbesitzer oder als lettischer Bauer zu einem Deutschen in den Ostseeprovinzen sich verdingen würde, als ihren Geist und ihr sittliches Empfinden durch die Verbindung mit einem Manne zu besudeln, den sie nicht achtet und mit dem sie nichts verbindet – auf ewig, aus persönlichem Vorteil bloß! Und wäre Herr Luschin sogar aus reinstem Golde oder aus einem einzigen Brillanten, auch dann würde sie nie einverstanden sein, die gesetzliche Bettgenossin des Herrn Luschin zu werden! Warum willigt sie denn ein? Wo ist der Schlüssel? Wo ist die Lösung? Die Sache ist klar, – ihrer selber wegen, um eigener Annehmlichkeiten willen, selbst um sich vor dem Tode zu retten, wird sie sich nicht verkaufen, für einen anderen aber verkauft sie sich! Für einen geliebten, für einen vergötterten Menschen verkauft sie sich! Da haben wir das ganze Rätsel, – für den Bruder, für die Mutter verkauft sie sich, verkauft ihr Bestes. Oh, hier wird man auch bei Gelegenheit das sittliche Empfinden unterdrücken; man wird die Freiheit, die Ruhe, das Gewissen sogar, alles, alles – auf den Trödelmarkt bringen. Fahr dahin, Leben! Mögen bloß diese geliebten Wesen glücklich sein! Nicht genug dessen, man denkt sich noch eine eigene Kasuistik aus, geht bei den Jesuiten in die Lehre und beruhigt sich selbst vielleicht für eine Zeit, überzeugt sich selbst, daß es so gut sei, tatsächlich für einen guten Zweck nötig sei. Man ist nun einmal so, und alles ist so klar wie der Tag. Es ist ja selbstredend, daß hier niemand anders als Rodion Romanowitsch Raskolnikoff mitspricht und im Vordergrunde steht. Nun, warum denn auch nicht, – man kann sein Glück begründen, ihn auf der Universität unterstützen, ihn zum Teilhaber machen, sein ganzes Schicksal sichern. Vielleicht wird er später ein reicher Mann, wird als angesehener, geachteter, auch vielleicht als berühmter Mann sein Leben beenden! Und die Mutter? Ja, es handelt sich um Rodja, den teuren Rodja, den Erstgeborenen! Und warum soll man nicht um solch eines Erstgeborenen willen selbst die Tochter opfern! Oh, ihr lieben und einfältigen Seelen! Man wird in diesem Falle vielleicht auch das Los einer Ssonjetschka nicht verschmähen! Ssonjetschka, Ssonjetschka Marmeladowa, die ewige Ssonjetschka, solange die Welt besteht! Habt ihr beide auch das Opfer, dieses Opfer genau ermessen? Habt ihr es? Reicht die Kraft aus? Ist es zum Besten? Ist es vernünftig? Wissen Sie auch Dunetschka, daß das Los von Ssonjetschka in keiner Weise schlimmer ist als Ihr Los mit Herrn Luschin? ‚Liebe ist nicht vorhanden,‘ schreibt die Mama. Was, wenn aber außer Liebe auch keine Achtung vorhanden ist, sondern im Gegenteil sich Widerwille, Verachtung und Ekel schon eingestellt haben, was dann? Und es kommt dabei auf eins heraus, daß man auch hier auf Sauberkeit achtgeben muß. Ist es nicht etwa so? Verstehen Sie, verstehen Sie auch, was diese Sauberkeit zu bedeuten hat? Verstehen Sie, daß die Sauberkeit der Frau von Luschin gleichbedeutend mit der Sauberkeit von Ssonjetschka ist, vielleicht aber auch schlimmer, gemeiner und ekliger, weil Sie, Dunetschka, doch mit einem Überschuß von Annehmlichkeiten rechnen, dort aber handelt es sich einfach ums Verhungern! Diese Sauberkeit kommt teuer, sehr teuer zu stehen, Dunetschka! Und wenn nun die Kräfte nicht ausreichen, werden Sie es bereuen? Wieviel Kummer, Trauer, Flüche und Tränen folgen nach, tief verborgen, da Sie doch keine Marfa Petrowna sind! Und was wird dann aus der Mutter werden? Sie ist jetzt schon voll Unruhe und quält sich; wie dann, wenn sie alles klar und deutlich durchschauen wird? Und was wird mit mir? ... Ja, was haben Sie denn tatsächlich von mir gedacht? Ich will Ihr Opfer nicht, Dunetschka, ich will es nicht, Mama! Es soll nicht geschehen, solange ich lebe, es soll nicht sein, nicht sein! Ich nehme es nicht an!“
Er kam plötzlich zu sich und blieb stehen.
„Es soll nicht geschehen! Was willst du denn tun, damit es nicht geschieht? Willst du es verbieten? Was für ein Recht hast du? Was kannst du ihnen versprechen, um dir solch ein Recht anzueignen? Dein ganzes Schicksal, die ganze Zukunft ihnen widmen, wenn du die Universität absolviert und eine Stelle erhalten hast? Davon haben wir gehört, das sind aber Träume, was nun, jetzt? Es muß doch jetzt etwas, sofort etwas getan werden, verstehst du? Was tust du jetzt? Du beraubst sie. Sie erhalten das Geld, indem sie die Pension von hundert Rubel versetzen und sich bei den Herrschaften Sswidrigailoff verdingen. Wie willst du sie, du zukünftiger Millionär, du Zeus, der über das Schicksal verfügt, wie willst du sie vor Sswidrigailoffs, vor Afanassi Iwanowitsch Wachruschin bewahren? Etwa nach zehn Jahren? Inzwischen wird die Mutter vor lauter Stricken, vielleicht auch von Weinen, längst erblindet sein; vielleicht vor lauter Fasten zugrunde gehen. Und die Schwester? Denk mal nach, was nach zehn Jahren oder in diesen zehn Jahren mit der Schwester geschehen kann? Ist es dir gegenwärtig?“
So quälte er sich und peitschte sich mit diesen Fragen; es bereitete ihm sogar einen gewissen Genuß. Und alle diese Fragen sie waren ihm nicht neu und unerwartet; sie waren alt, lange herumgetragen und längst vorhanden. Sie marterten sein Herz schon lange. Seit langer, sehr langer Zeit war in ihm diese Schwermut entstanden, war gewachsen, hatte sich angesammelt, war zur Reife gekommen, hatte sich konzentriert und die Form der entsetzlichen, wilden und phantastischen Frage angenommen, die sein Herz und seinen Kopf marterte und nach einer Lösung schrie. Der Brief von der Mutter hatte ihn jetzt wie ein Blitz getroffen. Jetzt war keine Zeit mehr, schwermütig zu sein, passiv zu leiden und zu erwägen, daß die Fragen unlösbar sind, sondern es muß unbedingt gehandelt werden, schnell gehandelt werden. Um jeden Preis muß ich mich für etwas entscheiden oder ...
„Oder sich vom Leben ganz und gar lossagen!“ rief er plötzlich in größter Erregung aus. – „Das Schicksal, so wie es ist, ein für allemal geduldig hinnehmen und alles in sich ersticken, sich von jeglichem Rechte zu wirken, zu leben und zu lieben, lossagen!“
„Verstehen Sie, verstehen Sie, mein Herr, was es heißt, wenn man nirgendwo mehr hingehen kann?“ erinnerte er sich plötzlich der gestrigen Frage Marmeladoffs, „denn es müßte doch so sein, daß jeder Mensch irgendwo hingehen könnte ...“
Plötzlich zuckte er zusammen, – ein Gedanke, auch von gestern, ging wieder durch seinen Kopf. Er zuckte aber nicht zusammen, weil dieser Gedanke ihm neu war. Er kannte ihn schon, er ahnte, daß er unbedingt „kommen wird“ und erwartete ihn sogar; auch war er nicht erst vom gestrigen Tage. Aber das andere war, daß dieser Gedanke vor einem Monat und von gestern noch bloß ein Traum war, jetzt aber ... jetzt erschien er ihm nicht mehr als Traum, sondern in einem neuen drohenden und völlig unbekannten Lichte, und er wurde dessen plötzlich bewußt ... Mit Keulenhieben schlug es ihn nieder, und vor seinen Augen wurde es dunkel. Er sah sich schnell um, als suche er etwas. Er wollte sich hinsetzen und suchte eine Bank; er war auf dem K.schen Boulevard. Nicht weit von ihm, etwa hundert Schritte, bemerkte er eine. Er ging eiligst darauf zu, auf dem Wege dahin aber ereignete sich ein Zwischenfall, der auf einige Minuten seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.
Während er sich nach einer Bank umsah, bemerkte er – ungefähr zwanzig Schritte vor sich – eine Frauensperson, zuerst schenkte er ihr so wenig Beachtung, wie all den Gegenständen, die an ihm vorbeiglitten. Es geschah ihm oft, daß er nach Hause kam und sich des Weges nicht entsann, den er gegangen war; so dahinzuwandern war ihm zur Gewohnheit geworden. Die Frauensperson aber, die vor ihm ging, hatte so etwas Sonderbares und Auffallendes an sich, daß seine Aufmerksamkeit allmählich an ihr haften blieb, – zuerst gegen seinen Willen und zu seinem Verdruß, dann aber mit sich steigerndem Interesse. Er wollte sich klarmachen, was an dieser Frauensperson Sonderbares war. Sie war wahrscheinlich ein noch sehr junges Mädchen; ging in dieser Hitze mit unbedecktem Kopfe, ohne Sonnenschirm und ohne Handschuhe und pendelte eigentümlich mit den Armen. Sie hatte ein leichtes seidenes Kleidchen an, das sehr bedenklich angezogen und kaum zugeknöpft war, und hinten an der Taille, gerade, wo der Rock anfing, war es zerrissen, ein ganzes Stück hing lose herunter. Um den entblößten Hals war ein kleines Tuch umgeworfen und fiel auf der einen Seite schief herab. Außerdem fiel es ihm auf, daß das Mädchen unsicher ging, stolperte und sogar schwankte. Diese Erscheinung erregte also die ganze Aufmerksamkeit Raskolnikoffs. Er holte das Mädchen bei der Bank ein; sie aber warf sich in eine Ecke der Bank, lehnte den Kopf an die Rücklehne und schloß die Augen, anscheinend vor äußerster Ermattung. Als Raskolnikoff sie näher ansah, begriff er sofort, daß sie völlig betrunken war. Es war ein so sonderbarer und widerwärtiger Anblick, daß er an seiner Wirklichkeit zweifelte. Er sah vor sich ein junges Gesichtchen von sechzehn, oder gar erst fünfzehn Jahren, mit hellblonden Haaren, sehr hübsch, aber unnatürlich gerötet und allem Anscheine nach ein wenig aufgedunsen. Das junge Mädchen schien nicht ganz bei Bewußtsein zu sein; das eine Bein hatte sie über das andere geschlagen und weiter vorgestreckt, als anständig war; jedenfalls war es ihr nicht bewußt, daß sie auf der Straße war.
Raskolnikoff setzte sich nicht hin, wollte aber auch nicht weggehen; er blieb unschlüssig vor ihr stehen. Dieser Boulevard ist immer ziemlich leer, jetzt aber in der zweiten Nachmittagsstunde und bei dieser Hitze war fast niemand zu sehen. Nur etwa fünfzehn Schritte weiter, am Ende des Boulevards war seitwärts ein Herr stehengeblieben, der allem Anscheine nach die größte Lust hatte, an das junge Mädchen mit gewissen Absichten heranzutreten. Er hatte sie wahrscheinlich von weitem erblickt und war ihr nachgeeilt, Raskolnikoff aber hatte seinen Weg gekreuzt. Er warf ihm feindliche Blicke zu, die unbemerkt bleiben sollten und wartete voll Ungeduld, bis der Lump fortgegangen wäre, und er zu seinem Rechte käme. Die Sache war klar. Der Herr war etwa dreißig Jahre alt, kräftig, wohlgenährt, mit roten Lippen und kleinem Schnurrbart, und sehr elegant gekleidet. Raskolnikoff ärgerte sich über ihn; er bekam plötzlich Lust, diesen gutgenährten Gecken in irgendeiner Weise zu beleidigen. So verließ er das junge Mädchen und trat an den Herrn heran.
„He, Sie Sswidrigailoff! Was suchen Sie hier?“ rief er ihm zu, ballte die Fäuste und lachte mit vor Wut bleichen Lippen.
„Was soll das heißen?“ fragte der Herr streng, zog die Augenbrauen zusammen und maß ihn mit einem hochmütigen Blick.
„Sie sollen sich packen, heißt das!“
„Wie wagst du, Kanaille! ...“
Und er erhob sein Stöckchen. Raskolnikoff stürzte sich mit geballten Fäusten auf ihn, vollständig vergessend, daß der kräftige Herr mit ein paar solchen, wie er, fertig würde. In diesem Augenblicke aber packte ihn jemand von hinten, und zwischen beide trat ein Schutzmann.
„Ich bitte, meine Herren, sich nicht an öffentlichen Plätzen zu prügeln. Was wünschen Sie? Wer bist du?“ wandte er sich streng an Raskolnikoff, nachdem er dessen Lumpen erblickt hatte.
Raskolnikoff sah ihn aufmerksam an. Es war ein braves Soldatengesicht mit grauem Schnurrbart und Backenbart und einem verständigen Blick.
„Sie brauche ich gerade,“ rief er aus und faßte ihn bei der Hand. „Ich bin der ehemalige Student Raskolnikoff ... Das können auch Sie erfahren!“ wandte er sich an den Herrn. „Kommen Sie bitte mit, ich will Ihnen etwas zeigen ...“
Er nahm den Schutzmann bei der Hand und führte ihn zu der Bank.
„Sehen Sie, sie ist ganz betrunken, soeben kam sie von dem Boulevard her. Wer weiß, wer sie ist, aber sie sieht nicht aus, wie eine gewerbsmäßige. Es ist wahrscheinlicher, daß man sie irgendwo betrunken gemacht und verführt hat ... zum erstenmal ... verstehen Sie ... und hat sie dann auf die Straße gebracht. Sehen Sie, wie das Kleid zerrissen ist, sehen Sie, wie es angezogen ist, – man hat sie angekleidet, nicht sie selber, und ungeschickte Hände, Männerhände haben sie angekleidet. Das sieht man doch. Sehen Sie aber bitte dorthin, – diesen Geck, mit dem ich mich soeben beinahe geprügelt hätte, kenne ich nicht, ich sehe ihn zum erstenmal. Er hat sie auch auf der Straße bemerkt, hat gesehen, daß sie betrunken, besinnungslos betrunken ist, und nun möchte er furchtbar gern an sie herankommen, und sie abfangen, und sie in diesem Zustande irgendwo hinschleppen ... Es ist sicher so, glauben Sie mir, ich irre mich nicht. Ich habe gesehen, wie er sie beobachtet und verfolgt hat, ich habe ihn bloß daran gehindert, und er wartet nun, bis ich weggehe. Sehen Sie, er ist jetzt ein paar Schritte weitergegangen und bleibt stehen, als drehe er sich eine Zigarette ... Wie können wir sie ihm entreißen? Wie können wir sie nach Hause schaffen, – denken Sie doch darüber nach!“
Der Schutzmann hatte im Nu alles verstanden und begriffen. Die Absichten des kräftigen Herrn waren ihm klar, mit dem jungen Mädchen aber mußte etwas geschehen. Der Veteran beugte sich über sie, um sie näher zu betrachten und ein aufrichtiges Mitleid drückte sich in seinen Zügen aus.
„Ach, wie schade!“ sagte er und schüttelte den Kopf. „Sie ist ja noch ein Kind. Man hat sie verführt, das ist sicher. Hören Sie, mein Fräulein,“ begann er sie zu rufen. „Wo wohnen Sie?“
Das junge Mädchen öffnete die müden, schläfrigen Augen, blickte stumpf den Fragenden an und machte eine abwehrende Handbewegung.
„Hören Sie,“ sagte Raskolnikoff. „Hier haben Sie,“ er suchte in der Tasche und zog zwanzig Kopeken hervor, die er noch fand, „hier haben Sie zu einer Droschke, und lassen Sie sie durch einen Kutscher nach Hause bringen. Wenn wir bloß Ihre Wohnung erfahren könnten.“
„Fräulein, hören Sie, Fräulein!“ begann von neuem der Schutzmann, nachdem er das Geldstück in Empfang genommen hatte. „Ich will Ihnen sofort eine Droschke besorgen und will Sie selbst begleiten. Wohin befehlen Sie? Ah? Wo wohnen Sie?“
„Geht fort! ... Laßt mich in Ruhe! ...“ murmelte das Mädchen und wehrte von neuem mit der Hand ab.
„Ach, wie schlecht! Ach, welch eine Schande, Fräulein, welch eine Schande!“ sagte der Schutzmann und schüttelte mit dem Kopfe, in Entrüstung und Mitleid. „Das ist eine Aufgabe!“ wandte er sich an Raskolnikoff und sah ihn wieder flüchtig von Kopf bis zu Füßen an. Wahrscheinlich erschien er ihm merkwürdig, – ein Mensch in solchen Lumpen, der Geld hergab.
„Haben Sie sie weit von hier gefunden?“ fragte er ihn.
„Ich sagte Ihnen – sie ging mit wankenden Schritten vor mir, hier, auf dem Boulevard. Als sie zu der Bank kam, fiel sie sofort hin.“
„Ach, welch eine Schande jetzt in der Welt herrscht, Herrgott! So blutjung und schon betrunken! Man hat sie verführt, das ist sicher. Auch das Kleidchen ist zerrissen ... Ach, wie stark die Unsittlichkeit jetzt um sich greift ... Ja, sie wird wahrscheinlich eine Adlige sein, von den armen ... Jetzt gibt es viele solche. Dem Aussehen nach ist sie von den zarten, ganz wie ein Fräulein ...“ und er beugte sich wieder über sie.
Vielleicht wuchsen bei ihm zu Hause auch solche Töchter heran, „ganz wie Fräuleins und von den zarten,“ mit Gewohnheiten der Feinerzogenen und mit angenommener Modesucht ...
„Die Hauptsache ist,“ sagte Raskolnikoff, „daß dieser Schuft sie nicht bekommt! Warum soll er sie noch schänden! Man sieht ja, was er will, sehen Sie, der Schuft, er geht nicht weg.“
Raskolnikoff sprach laut und zeigte mit der Hand auf ihn. Jener hörte es und wollte wieder böse werden, aber besann sich und begnügte sich mit einem verächtlichen Blick. Dann ging er langsam zehn Schritt weiter und blieb wieder stehen.
„Das kann man verhindern, daß er sie bekommt,“ antwortete der Schutzmann in Gedanken. „Wenn sie bloß sagen würde, wohin man sie bringen soll, so aber ... Fräulein, hören Sie, Fräulein!“ er beugte sich zu ihr.
Sie öffnete plötzlich die Augen, blickte aufmerksam die beiden an, als hätte sie etwas verstanden, stand von der Bank auf und ging in dieselbe Richtung zurück, woher sie gekommen war.
„Pfui, schämt euch, könnt ihr mich nicht in Ruhe lassen!“ sagte sie und wehrte wieder mit der Hand ab.
Sie ging schnell, aber auch, wie früher, stark schwankend.
Der feine Herr ging ihr nach, aber in einer anderen Allee, und verlor sie nicht aus den Augen.
„Haben Sie keine Sorge, ich will schon aufpassen!“ sagte entschlossen der bärtige Schutzmann und folgte dem Mädchen.
„Ach, wie stark die Unsittlichkeit jetzt um sich greift!“ wiederholte er laut und seufzte.
Plötzlich schien Raskolnikoff mit einem Schlage wie verwandelt.
„Hören Sie mal!“ rief er dem Schutzmann nach. Der wandte sich um.
„Lassen Sie es. Was geht es Sie an? Lassen Sie es. Möge er sich amüsieren“ (er zeigte auf den Stutzer). „Was geht es Sie an?“
Der Schutzmann begriff ihn nicht und starrte ihn an. Raskolnikoff lachte auf.
„Na nu!“ sagte der Schutzmann, machte eine abwehrende Handbewegung und ging dem Stutzer und dem jungen Mädchen nach; wahrscheinlich hielt er Raskolnikoff entweder für einen Verrückten oder für etwas Schlimmeres.
„Meine zwanzig Kopeken hat er mitgenommen!“ sagte Raskolnikoff wütend, als er allein zurückgeblieben war. „Nun, mag er auch von dem, von dem andern nehmen und das Mädchen mit ihm gehen lassen, damit wird es auch enden ... Und wozu habe ich mich hineingemischt? Um zu helfen? Steht es mir denn zu, jemand zu helfen? Habe ich denn ein Recht dazu? Mögen sie doch einander lebendig auffressen, – was geht es mich an? Und wie durfte ich diese zwanzig Kopeken fortgeben? Gehören sie denn mir?“
Bei diesen sonderbaren Worten wurde es ihm schwer zumute. Er setzte sich auf die nun leere Bank. Seine Gedanken waren verwirrt ... Und es war ihm kaum möglich, in diesem Augenblicke einen Gedanken zu fassen. Er wollte sich vollkommen vergessen, alles vergessen, dann erwachen und ganz von neuem beginnen ...
„Armes Mädchen!“ sagte er, nachdem er die leere Ecke der Bank erblickte. „Sie wird zu sich kommen, wird weinen, und dann erfährt es die Mutter ... Zuerst wird sie sie schlagen, ihr die Rute geben, schmerzhaft und schmachvoll, vielleicht wird sie sie aus dem Hause jagen ... Und wenn sie sie nicht verjagt, werden es doch allerhand Darjas Franzowna erfahren, und das Mädchen wird aus einer Hand in die andere gehen ... Dann folgt das Krankenhaus – und das passiert stets mit denen, die bei sehr ehrenwerten Müttern leben und im geheimen lose Streiche verüben, – nun, und dann ... folgt wieder das Krankenhaus ... Wein ... Kneipen ... und dann nochmals das Krankenhaus ... und in zwei oder drei Jahren ist sie ein Krüppel, und im ganzen hat sie ein Alter von neunzehn oder auch bloß achtzehn Jahren erreicht ... Habe ich denn nicht genug solche gesehen? Wie sind sie aber so geworden? So und nicht anders sind sie es geworden ... Pfui! Mögen Sie es! Man sagt, es muß so sein. Jedes Jahr, sagt man, muß ein gewisser Prozentsatz draufgehen ... irgendwohin ... wahrscheinlich zum Teufel, um die übrigen zu erfrischen und ihnen nicht hinderlich zu sein. Prozentsatz! Die Menschen haben in der Tat herrliche Worte gefunden, – sie sind so beruhigend und wissenschaftlich noch dazu. Es ist gesagt – ein Prozentsatz muß sein, also kein Anlaß, um sich zu beunruhigen. Ja, hätte man ein anderes Wort dafür, nun dann ... würde es vielleicht beunruhigender sein ... Was aber, wenn auch Dunetschka in irgendeiner Weise in diesen Prozentsatz hineinkommt! ... Und wenn nicht in diesen, dann in einen anderen! ... Aber wohin gehe ich denn?“ – dachte er plötzlich. – „Sonderbar. Ich ging doch aus irgendeinem Grunde von Hause weg. Als ich den Brief gelesen hatte, ging ich fort ... Ich ging zu Rasumichin auf Wassiljew Ostroff ... jetzt erinnere ich mich. Aber wozu denn eigentlich? Und warum kam mir gerade jetzt der Gedanke zu Rasumichin zu gehen? Das ist sonderbar.“
Er wunderte sich über sich selbst. Rasumichin war einer von seinen früheren Kommilitonen. Raskolnikoffs Eigentümlichkeit auf der Universität war, daß er fast keine Bekannten hatte, sich von allen zurückzog, zu niemandem hinging und ungern jemand bei sich empfing. Bald wandte man sich auch von ihm ab. Weder an gemeinsamen Zusammenkünften, noch an Gesprächen, noch an Zerstreuungen – an nichts nahm er teil. Er arbeitete sehr eifrig, ohne auf sich Rücksicht zu nehmen; man achtete ihn deswegen, aber niemand liebte ihn. Er war sehr arm, abweisend stolz und unmitteilsam, als ob er etwas zu verheimlichen hätte. Manchem seiner Kommilitonen schien es, als sehe er auf sie alle, wie auf Unmündige herab, als hätte er sie alle in der Entwicklung, im Wissen und in Lebensanschauung überholt und als betrachte er ihre Anschauungen und ihre Interessen wie etwas Unreifes.
Rasumichin war er aus irgendeinem Grunde nähergekommen, das heißt, eigentlich nicht so nähergekommen, daß er ihm gegenüber mitteilsam und offener geworden wäre. Man konnte eben zu Rasumichin in keinem anderen Verhältnisse stehn. Er war ein ungemein lustiger und mitteilsamer Bursche und gut bis zur Einfalt. Unter dieser Einfalt verbargen sich jedoch Tiefe und Würde. Die besten seiner Kameraden wußten es, und alle liebten ihn. Er war sehr klug, konnte aber zuweilen wirklich täppisch sein. Sein Äußeres war charakteristisch – hochgewachsen, hager, schwarzhaarig und immer schlecht rasiert. Zuweilen suchte er Händel und genoß den Ruf eines bärenstarken Menschen. Eines Nachts hatte er in einer lustigen Gesellschaft mit einem Hiebe einen baumlangen Hüter der Ordnung niedergeschlagen. Trinken konnte er unmenschlich, aber er konnte auch wieder gar nicht trinken; manchmal verübte er Streiche, die ans Unerlaubte grenzten, aber er konnte auch Ruhe halten. Rasumichin war es auch eigen, daß ihn kein Mißerfolg verblüffte, und das Schlimmste schien ihn nicht beugen zu können. Er vermochte es, gegebenenfalls auf einem Dachboden zu hausen, höllischen Hunger und ungewöhnliche Kälte zu ertragen. Er war sehr arm und verschaffte sich ganz und gar seinen Unterhalt durch alle möglichen Arbeiten, für die er eine Unmenge Quellen hatte. Einmal verbrachte er einen ganzen Winter im ungeheizten Zimmer und begründete es damit, daß es sich in der Kälte besser schliefe. Gegenwärtig war er ebenfalls gezwungen, die Universität zu verlassen, aber nicht auf lange Zeit, und er mühte sich aus allen Kräften, seine Verhältnisse zu verbessern, um das Studium wieder fortsetzen zu können. Raskolnikoff war seit vier Monaten nicht bei ihm gewesen, Rasumichin aber wußte sogar nicht dessen Wohnung. Vor zwei Monaten war er ihm einmal zufällig auf der Straße begegnet. Raskolnikoff aber hatte sich abgewandt und war sogar auf die andere Seite hinübergegangen, damit Rasumichin ihn nicht sehen sollte. Rasumichin hatte ihn wohl erkannt, ging aber ebenso vorbei, weil er den Freund nicht stören wollte.