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Sämtliche Werke 11 cover

Sämtliche Werke 11

Chapter 21: Einführung[92].
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About This Book

The volume gathers autobiographical essays, biographical sketches, travel impressions, and journalistic pieces that trace the author's early life, formative literary activities, arrest and exile, return to urban life, and subsequent creative phases. It contains travel notebooks reflecting on foreign impressions, cultural and critical essays, and selections from a recurring series presented as a writer's diary, alongside remarks on other authors and contemporary events. Personal memory alternates with public argument, exposing changing aesthetic and social concerns and documenting the practical struggles of publication and finances that shaped the later work.

Einführung[92].

Am zwanzigsten Dezember erfuhr ich, daß alles schon entschieden und ich nunmehr Redakteur des „Bürger“ war[93]. Dieses außergewöhnliche Ereignis, d. h. außergewöhnlich nur für mich (ich will niemanden beleidigen) – vollzog sich indes auf eine ganz einfache Weise. Und an demselben zwanzigsten Dezember las ich in den „Moskauer Nachrichten“ einen Bericht über die Hochzeit des Kaisers von China, der einen mächtigen Eindruck in mir hinterließ. Dieses großartige und allem Anscheine nach überaus komplizierte Ereignis hat sich nämlich gleichfalls auf eine erstaunlich einfache Weise abgespielt: es war da alles schon seit tausend Jahren vorgesehen und festgesetzt, alles bis in die kleinste Einzelheit, in fast zweihundert Bänden des Zeremoniells. Als ich nun die ganze Größe dieses chinesischen Ereignisses mit meiner Ernennung zum Redakteur verglich, – empfand ich plötzlich eine gewisse Undankbarkeit für unsere vaterländischen Einrichtungen, ungeachtet dessen, daß man mich so leicht bestätigt hatte, und ich dachte bei mir, daß es für uns, d. h. für mich und den Fürsten Meschtscherski, in China ganz unvergleichlich leichter wäre als hier, den „Bürger“ herauszugeben. Dort ist alles so klar ... Wir würden uns beide an dem bestimmten Tage auf dem dortigen Hauptamt für die Presseangelegenheiten einfinden und vertreten. Nachdem wir mit der Stirn auf den Fußboden gestoßen und diesen mit der Zunge geleckt, würden wir aufstehen, die Zeigefinger vor uns in die Höhe heben und zugleich ehrfurchtsvoll die Köpfe neigen. Der Hauptgewalthaber in Sachen der Presse würde natürlich keine Miene verziehen und tun, als schenke er uns nicht die geringste Beachtung, wie irgendwelchen hereingeflogenen zwei Fliegen. Doch der dritte Gehilfe seines dritten Sekretärs würde sich hierauf erheben und, das Diplom meiner Ernennung zum Redakteur in der Hand, mit eindringlicher, jedoch freundlicher Stimme die von den Gesetzen des Zeremoniells hierfür bestimmte Belehrung aufsagen, – eine an sich so klare und so verständliche Belehrung, daß uns beiden das Anhören derselben unsagbar angenehm wäre. Und im Falle ich in China so dumm und so reinen Herzens wäre, daß ich, der Schwäche meiner Fähigkeiten mir wohl bewußt, nun, wo ich mich zur Übernahme einer Schriftleitung anschickte, Angst und Gewissensbisse verspürte, so würde mir sofort bewiesen werden, daß ich doppelt dumm sei, wenn ich solche Empfindungen hegte. Daß ich vielmehr von eben diesem Augenblicke an überhaupt keinen Verstand brauchte, selbst wenn ich einen hätte! Ja, es sei sogar, im Gegenteil, unvergleichlich zuverlässiger, wenn gar keiner vorhanden sei. So etwas aber wäre doch – ohne Zweifel – wirklich höchst angenehm zu hören. Und nachdem der dritte Gehilfe des dritten Sekretärs mit den schönen Worten die Rede geschlossen: „Gehe hin, Redakteur, von nun an kannst du mit neuer Gewissensruhe Reis essen und Tee trinken,“ würde er mir ein schönes Diplom, das auf rotem Atlas mit goldenen Lettern gedruckt ist, überreichen. Fürst Meschtscherski würde eine schwerwiegende Sportel aus seiner Hand gleiten lassen, und dann würden wir beide, nach Hause zurückgekehrt, sogleich die prachtvollste Nummer des „Bürger“ herausgeben, eine, wie wir sie hier niemals herausgeben werden. In China würde es uns vortrefflich gelingen.

Allein ich argwöhne, daß in China Fürst Meschtscherski mich unbedingt mit einem Hintergedanken aufgefordert haben würde, Redakteur zu werden, nämlich hauptsächlich zu dem Zweck, um sich von mir auf dem Hauptamt der Presseangelegenheiten stets dann vertreten zu lassen, wenn er ersucht wird, sich dort einzufinden, um Schläge mit Bambusstäben auf die Fußsohlen in Empfang zu nehmen. Doch ich würde ihn dort schnell überlisten: ich würde sofort aufhören, den „Bismarck“[94] weiter zu drucken, dafür aber selbst vorzügliche Artikel schreiben, – so daß man mich höchstens nach jeder zweiten Nummer zu den besagten Bambusstäbchen rufen würde. Dafür würde ich aber lernen, Artikel zu schreiben.

Dort in China würde ich vorzüglich schreiben; hier ist das bedeutend schwieriger. Dort ist alles vorgesehen und alles vorausberechnet schon auf tausend Jahre; hier dagegen geht alles drunter und drüber noch auf tausend Jahre. Dort würde ich sogar unwillkürlich verständlich schreiben; so daß ich eigentlich nicht weiß, wer meine Artikel überhaupt lesen würde. Hier dagegen ist es, wenn man gelesen werden will, sogar weit ratsamer, unverständlich zu schreiben. Nur in den „Moskauer Nachrichten“ werden die Leitartikel anderthalb Spalten lang geschrieben und sind – sonderbar! – dennoch verständlich; allerdings nur, wenn sie von der bekannten Feder herrühren[95]. In der „Stimme“ dagegen werden sie in einer Länge von acht, von neun, von zwölf und selbst von dreizehn Spalten geschrieben. Daraus ersieht man, wieviel Spalten man hier verschwenden muß, um es durchzusetzen, daß man geachtet wird[96].

Das Sprechen mit anderen, – das ist bei uns eine ganze Wissenschaft. D. h., auf den ersten Blick mag es ja scheinen, daß es hier dasselbe sei wie in China: ganz wie dort gibt es auch bei uns einzelne sehr vereinfachte und rein wissenschaftliche Bräuche. Früher, zum Beispiel, bedeuteten die Worte „ich verstehe nichts davon“ nur, daß der Betreffende, der sie aussprach, dumm war; hingegen jetzt – jetzt bringen sie einem die größte Ehre ein. Man braucht neuerdings nur mit offener Miene und stolz zu sagen: „Ich verstehe nicht die Religion, ich verstehe nichts von Rußland, ich verstehe so gut wie nichts von der Kunst“ – und Sie stellen sich damit sogleich auf eine ganz außergewöhnliche Höhe. Und das ist besonders vorteilhaft, wenn Sie tatsächlich nichts verstehen.

Doch diese vereinfachte Manier beweist nichts. Im Grunde verdächtigt bei uns ein jeder den anderen der Dummheit, ohne jedes Nachdenken und ohne die Frage auch an sich selbst zu richten: „Oder sollte, in der Tat, nicht gerade ich dumm sein?“ Also ein alle befriedigender Zustand, wie man meinen sollte, und doch, siehe da, ist niemand mit ihm zufrieden, sondern alle ärgern sich. Aber Nachdenken in unserer Zeit ist ja auch fast unmöglich: kostet zuviel. Man kauft lieber fertige Ideen. Die werden überall verkauft, sogar unentgeltlich; doch gerade unentgeltlich kommen sie noch teurer zu stehen, und das beginnt man schon zu ahnen. Das Ergebnis ist also: überhaupt kein Gewinn, sondern die Unordnung herrscht nach wie vor.

Freilich, wir sind ein ebensolches China, bloß ohne seine Ordnung. Wir fangen kaum erst mit dem an, was in China schon beendet wird. Zweifellos werden wir einmal zu demselben Ende kommen, aber wann? Um tausend Bände „Zeremonien“ anzunehmen, zwecks endgültiger Erwerbung des Rechts, über nichts mehr nachdenken zu müssen, – dazu müssen wir noch mindestens ein Jahrtausend des Nachdenkens durchleben. Und was sehen wir? – niemand will den Ablauf der Frist beschleunigen, denn niemand will nachdenken.

Hinwiederum: wenn niemand nachdenken will, so muß doch, sollte man meinen, der russische Schriftsteller es um so leichter haben. Ja, das ist allerdings der Fall; und wehe dem Schriftsteller und dem Herausgeber, der in unserer Zeit nachdenkt! Noch schlimmer erginge es dem, der selber lernen und begreifen wollte; doch am schlimmsten ist der daran, der das aufrichtig eingesteht; und wenn er dann gar erklärt, daß er manches schon ein wenig begriffen habe und seinen Gedanken nun aussprechen wolle, so wird er im Handumdrehen von allen verlassen. Ihm bleibt dann nichts anderes übrig, als sich irgendein passendes Menschlein herauszusuchen oder ein solches womöglich zu mieten und sich nur mit diesem Menschen zu unterhalten; vielleicht nur für ihn allein die Zeitschrift herauszugeben.

Eine höchst widerwärtige Lage, denn das ist doch ebensogut wie mit sich selbst sprechen und die Zeitschrift nur zum eigenen Vergnügen herausgeben. Ich vermute stark, daß der „Bürger“ noch lange mit sich allein zum eigenen Vergnügen wird sprechen müssen. Und da bedenke man meinetwegen nur dies Eine, daß nach der medizinischen Wissenschaft Gespräche mit sich selbst Anlage zum Irrsinn bedeuten. Der „Bürger“ muß aber doch unbedingt mit Bürgern sprechen und eben darin besteht sein ganzes Unglück!

Nun wohl, einem solchen Unternehmen habe ich mich jetzt angeschlossen. Meine Lage ist im höchsten Maße unbestimmt. Ich werde also mit mir selbst sprechen und nur zu meinem Vergnügen, – in der Form dieses „Tagebuchs“, gleichviel was dabei herauskommt. Wovon ich sprechen werde? Von allem, was mir auffällt oder was mich zum Nachdenken zwingt. Sollte ich aber einen Leser finden oder – Gott behüte! – gar einen Opponenten, so weiß ich doch, daß man eine Unterhaltung zu führen verstehen und stets wissen muß, mit wem man und wie man spricht. Das zu erlernen werde ich mir Mühe geben, denn bei uns ist das ja am schwersten, ich meine: in der Literatur. Zudem gibt es ja auch verschiedene Opponenten: nicht mit jedem kann man ein Gespräch anfangen. Ich will hierzu eine Fabel erzählen, die ich vor ein paar Tagen hörte. Man sagte mir, es sei eine uralte Fabel, womöglich indischen Ursprungs, was überaus beruhigend ist.

Einmal geriet ein Schwein mit einem Löwen in Streit und forderte ihn zum Duell. Nach Hause zurückgekehrt, besann es sich und bekam Angst. Die ganze Herde versammelte sich, man dachte nach und beschloß also:

„Sieh’, Schwein, hier in der Nähe ist eine gewisse Grube; geh’ hin, wälze dich gründlich in ihr herum und erscheine dann so auf dem Kampfplatz. Du wirst sehen.“

Das Schwein tat wie ihm geheißen. Der Löwe kam, schnupperte, zog die Nase kraus und ging weg. Noch lange nachher rühmte sich das Schwein, daß der Löwe Angst bekommen habe und vom Kampfplatz weggelaufen sei.

Dies die Fabel. Natürlich, Löwen gibt es bei uns nicht, – das Klima ist nicht danach; und es wäre auch gar zu großartig. Doch setzen Sie an die Stelle des Löwen einen anständigen Menschen, der zu sein eines jeden Pflicht ist, und die Moral ist dieselbe.

Übrigens, ich will hier noch ein kleines Erlebnis erzählen.

Einmal, während eines Gesprächs mit dem seligen Herzen[97], äußerte ich mich mit größtem Beifall über eines seiner Werke, – über das Buch „Vom anderen Ufer“. Über dieses Buch hat sich zu meiner aufrichtigen Freude auch M. P. Pogodin[98] – in einem ausgezeichneten und interessanten Artikel über seine Zusammenkunft mit Herzen im Auslande – durchaus lobend geäußert. Dieses Buch ist in der Form eines Gesprächs zwischen dem Autor und seinem Widerpart geschrieben.

„Und besonders gefällt mir daran,“ bemerkte ich unter anderem, „daß Ihr Opponent gleichfalls sehr klug ist. Sie müssen doch zugeben, daß er Sie in vielen Fällen an die Wand drückt.“

„Ja, eben darin liegt ja der ganze Witz,“ sagte Herzen lachend. „Warten Sie, ich werde Ihnen eine Anekdote erzählen. Einmal, als ich in Petersburg war, schleppte mich Bjelinski zu sich, ich mußte mich hinsetzen und einen Artikel anhören, an dem er gerade mit Eifer schrieb: ‚Ein Gespräch zwischen Herrn A. und Herrn B.‘ (Der Artikel ist später in die Gesamtausgabe seiner Werke aufgenommen worden.) In diesem Artikel ist Herr A., natürlich Bjelinski selbst, als ein sehr kluger Mensch gezeichnet, Herr B. dagegen, sein Opponent, als etwas weniger klug. Als er geendet hatte, fragte er mich in fieberhafter Erwartung:

„Nun, was, wie findest du’s?“

„Tja, gut, ganz gut, und man sieht, daß du sehr klug bist, nur – was macht dir denn das für einen Spaß, mit einem solchen Dummkopf deine Zeit zu vergeuden?“

Bjelinski warf sich auf den Diwan, mit dem Gesicht aufs Kissen, und schrie, fast erstickend vor Lachen:

„Erschlagen! Erschlagen!“