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Sämtliche Werke 12 cover

Sämtliche Werke 12

Chapter 15: Puschkin[17]
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About This Book

Eine Sammlung journalistischer und essayistischer Texte, Vorträge und Notate, die literarische Kritik, persönliche Erinnerungen und philosophische Besinnungen verbindet. Der Band behandelt russische Literatur und Autoren, Reflexionen über Byronismus und zeitgenössische Romane, sowie Untersuchungen zum russischen Nihilismus, zum sozialen Milieu, zu Schuld, Selbstmord und Unsterblichkeit. Dazu kommen Einführungen zur Lebens- und Arbeitssituation des Autors, Auszüge aus Tagebuchblättern und pointierte Feuilletons, die das publizistische Wirken und den Gesprächskreis beleuchten. Stilistisch wechseln analytische Essays, polemische Artikel und fragmentarische Notizen, sodass ein facettenreiches Bild literarischer, sozialer und existenzieller Themen entsteht.

Puschkin[17]

Vorgetragen am 8. Juni 1880 in der Versammlung des Vereins der „Freunde russischer Dichtung“.

Puschkin ist eine außergewöhnliche Erscheinung und vielleicht der bisher einzige Ausdruck des russischen Geistes“, sagt Gogol. Ich füge von mir aus hinzu: und zwar ein prophetischer Ausdruck. Ja, in Puschkins Erscheinen liegt für uns alle, uns Russen, etwas zweifellos Prophetisches. Puschkin kam uns in einer Zeit, als sich zum ersten Male so etwas wie Selbsterkenntnis in unserer Gesellschaft hervorzuwagen begann, ein ganzes Jahrhundert nach der Reform Peters[18], und sein Erscheinen wirkte wie eine Überleuchtung unseres dunklen Weges mit neuem und bahnweisendem Licht. In diesem Sinne ist Puschkin in der Tat eine Prophezeiung und ein Programm zugleich.

Das Schaffen dieses großen Dichters teile ich in drei Perioden. Ich sage das nicht als Literaturkritiker: wenn ich von der schöpferischen Tätigkeit Puschkins rede, will ich nur meinen Satz von seiner prophetischen Bedeutung für Rußland klarlegen, und was ich unter diesem Ausdruck verstehe. Übrigens möchte ich hier vorausschicken, daß zwischen besagten drei Abschnitten seiner Entwicklung, wie mir scheint, keine festen Grenzen bestehen. Der Anfang des „Onegin“ zum Beispiel gehört meiner Ansicht nach noch in die erste Periode seines Schaffens, das Ende dagegen in die zweite, in der Puschkin seine Ideale in seinem eigenen Lande bereits gefunden, liebgewonnen und in seine große, weit ausschauende Seele aufgenommen hatte. Ferner: es ist üblich, zu sagen, daß Puschkin in der ersten Periode seines Schaffens europäische Dichter nachgeahmt habe, wie Parny, André Chénier und besonders Byron. Und es ist wahr: diese und andere Dichter Europas haben zweifellos einen großen Einfluß auf die Entwicklung seines Genies gehabt und haben diesen Einfluß wohl auch zeit seines Lebens behalten. Nichtsdestoweniger waren schon die ersten Dichtungen Puschkins keineswegs nur Nachahmungen, vielmehr verrät sich auch in ihnen schon die ungewöhnliche Selbständigkeit seines Genies. Aus Nachahmungen spricht nie ein so echter Schmerz, nie eine so tiefe Selbsterkenntnis, wie Puschkin sie z. B. in den „Zigeunern“ hat – in einem Poem, das ich durchaus noch zu seiner ersten Schaffensperiode rechne. Von seiner schöpferischen Kraft und von der mitreißenden Gewalt seiner Sprache ganz zu schweigen – nein, die hätte er wahrlich nicht gehabt, wenn er nur ein Nachahmer gewesen wäre. Die Gestalt des Aleko, des Helden dieses Poems, vertritt bereits einen großen und tiefen und echt russischen Gedanken, denselben, der später in so einheitlicher Vollendung im „Onegin“ ausgedrückt ist, wo uns fast derselbe Aleko entgegentritt, nur mit dem Unterschied, daß er dort nicht mehr in einer phantastischen Umgebung und in phantastischem Licht erscheint, sondern greifbar wirklich, wahrheitsgetreu und verständlich vor uns steht. Schon in Aleko hat Puschkin jenen Unglücklichen, der in seinem ganzen großen Vaterlande keinen festen Verbleib hat, jenen historischen russischen Märtyrer, dessen Erscheinen in unserer, vom Volk losgerissenen Gesellschaft – eben historisch betrachtet – so unvermeidlich war, in einer genialen Skizze festgehalten. Entdeckt aber hat er ihn wahrlich nicht nur in Byrons Werken! Dieser Typ ist fehlerlos erfaßt, ist eine von unseren stehenden Figuren und hat sich bei uns, in unserem russischen Vaterlande, seit langem und auf lange Zeit eingebürgert. Dieser russische „Skitáletz“[19] aus den höheren Gesellschaftskreisen setzt auch heute noch sein Leben fort, und ich glaube, er wird so bald nicht aussterben. Und wenn diese Naturen heutzutage nicht mehr Zigeunerlager aufsuchen, um in der wilden eigenartigen Lebensweise der Nomaden ihr Weltideal und im Schoße der Natur Ruhe und Erlösung von dem sinnlosen, verwirrenden Leben unserer russischen Gesellschaft zu finden, so werfen sie sich dafür dem Sozialismus in die Arme, den es zu Alekos Lebzeiten noch nicht gab – das heißt: sie gehen mit ihrem neuen Glauben nur auf einen fremden Acker, um dort mit Eifer auf ihre Weise zu arbeiten, geradeso überzeugt, wie Aleko es war, daß sie auf diesem ihrem phantastischen Arbeitsfeld das Glück nicht nur für sich selbst, sondern zugleich für die ganze Welt erlangen werden. Denn dieser russische Heimatlose bedarf nun einmal des allmenschlichen Glücks, um mit sich zur Ruhe kommen zu können: sonst, o nein, sonst gibt er sich nicht zufrieden – d. h. so lange tut er es nicht, wie es sich in der Sache nur um die Theorie handelt. Der „Skitaletz“ von heute wie der von damals sind noch ganz dieselben Russen, nur daß sie zu verschiedenen Zeiten geboren wurden. Dieser Menschenschlag ist, ich wiederhole es, gerade zu Anfang des zweiten Jahrhunderts nach der großen Reform Peters in unserer vom Volk und von der Volkskraft losgelösten Gesellschaft entstanden. Gewiß, eine riesige Mehrzahl der gebildeten Russen haben damals, zu Puschkins Zeiten, ebenso ihr Leben im Staatsdienst zugebracht, wie sie in unserer Zeit friedlich als Beamte weiter dienen, in den Renteien, auf den Eisenbahnen und in den Banken – oder sie verdienen sich ihr Geld durch andere Mittel, sie beschäftigen sich sogar mit Wissenschaft, geben Stunden, halten Vorträge und verrichten alles regelmäßig, faul, friedlich, leben von monatlichem Gehalt und kleinen Kartenpartien, ohne jede innere Anfechtung oder Neigung zur Flucht in ein Zigeunerlager, oder gleichviel wohin und welches Lager sich in unserer Zeit eben mehr dazu eignen würde. Viel, sehr viel ist es schon, wenn sie ein wenig die Liberalen spielen, „mit einem Schimmer von westeuropäischem Sozialismus“, dem aber ein gewisser russisch gutmütiger Charakter verliehen wird. Doch alles das ist nur ein Zeitunterschied. Was liegt daran, daß der eine noch nicht angefangen hat, sich zu beunruhigen, während der andere schon bei der verschlossenen Tür angelangt ist und sie mit dem Kopf auch bereits einzurennen versucht hat – natürlich vergeblich. Dasselbe erwartet sie alle – jeden zu seiner Zeit, wenn sie nicht den rettenden Weg betreten und sich bescheiden mit dem Volk vereinigen. Oder nicht einmal alle mag dasselbe erwarten: es genügen auch die „Auserwählten“, es genügt auch der zehnte Teil der aus der Ruhe Gekommenen, und die übrige große Mehrheit wird ebenfalls dank ihrer Unruhe keine Ruhe mehr finden. Aleko freilich versteht es noch nicht, seine Sehnsucht richtig auszudrücken: bei ihm ist alles gleichsam noch abstrakt. Er sehnt sich nach der Natur und klagt über die Gesellschaft, verspürt einen Drang, der sich irgendwie auf die ganze Welt bezieht, und trauert ob der vermeintlich irgendwo, irgendwann, durch irgendwen verlorenen Wahrheit, die er nun nirgends zu finden vermag. Hier ist, ersichtlich, ein bißchen Jean Jacques Rousseau zu spüren. Worin diese Wahrheit bestanden, wo und wie man sie wiederfinden könnte und wann sie verloren gegangen, das weiß er allerdings nicht zu sagen, aber er leidet aufrichtig. Vorläufig sehnt sich denn auch der phantastische unduldsame Mensch nur nach Erlösung von vornehmlich äußeren Erscheinungen. So muß es ja auch sein! Die Wahrheit ist für ihn irgendwo außerhalb seiner Person, vielleicht irgendwo in anderen Ländern, zum Beispiel in den europäischen, die alle ihren geschichtlich festgefügten Bau und eine bestimmte Ordnung in ihrem staatlichen wie gesellschaftlichen Leben besitzen. Und niemals wird er begreifen, daß die Wahrheit vor allen Dingen in ihm selbst sein muß, ganz innerlich, nur in ihm selbst – wie sollte er das auch anders verstehen? Er ist doch in seinem eigenen Lande ein Fremder, schon seit einem ganzen Jahrhundert hat er das Arbeiten verlernt, besitzt er nichts mehr von lebendiger Kultur, ist er wie ein Pensionsmädchen zwischen geschlossenen Wänden aufgewachsen. Die Pflichten, die er erfüllte, waren seltsam und willkürlich, je nach seiner Zugehörigkeit zu einer der vierzehn Rangklassen, in die unsere gebildete russische Gesellschaft eingeteilt ist. Er ist vorläufig nur ein losgerissenes und in der Luft schwebendes Stäubchen. Er fühlt das auch und leidet darunter oft sogar qualvoll! Nun, und schließlich – was hat es auch auf sich, daß er, der vielleicht zum russischen Geburtsadel gehört und sogar, was höchst wahrscheinlich ist, Leibeigene besitzt, mit der ganzen Freiheit seines Standes sich den kleinen phantastischen Einfall gestattet, an Menschen Gefallen zu finden, die „ohne Gesetz“ leben, um zeitweilig, wenn es sein soll, im Zigeunerlager einen Bären zu führen und ihn tanzen zu lassen? Am ehesten konnte ihm noch das Weib, „das Naturweib“, wie ein Dichter sich ausdrückt, die Hoffnung auf eine Erlösung von seiner Lebensqual verheißen: nichts ist infolgedessen selbstverständlicher, als daß er sich in leichtsinnigem, jedoch leidenschaftlichem Glauben in eine junge Zigeunerin verliebt. Es hieß das soviel wie: „Hier, nur hier finde ich den Ausweg, hier werde ich auch mein Glück finden, hier im Schoße der Natur, fern von aller Welt, hier unter diesen Menschen, die keine Zivilisation und keine Gesetze haben!“ Und was ist das Ergebnis? – schon bei seinem ersten Zusammenstoß mit den Bedingungen dieses freien Lebens hält er nicht stand und befleckt seine Hände mit Blut[20]. Nicht nur nicht zu einer allgemeinen Weltharmonie, nein, nicht einmal zum Leben in einer Zigeunerbande taugt der Unselige, und so jagen sie ihn denn fort – ohne Rache, ohne Bosheit, schlicht und nicht ohne Vornehmheit in ihrer einfachen Art. Der Alte sagt nur: „Verlaß uns, stolzer Mensch. Wir sind Zigeuner, haben kein Gesetz, wir richten nicht und lieben nicht, zu strafen.“

Das ist natürlich alles recht phantastisch, aber der „stolze Mensch“ ist Wahrheit und von dem Dichter ist er treffend geschildert. Denn: so erfaßt und dargestellt wurde er bei uns zum erstenmal von – Puschkin. Das dürfen wir nicht vergessen. Es ist ja alles so echt an ihm ... kaum geht ihm etwas wider den Strich, da bringt er auch schon in Wut zwei Menschen um und rächt sich sofort für die Kränkung. Noch bequemer freilich wäre es gewesen, sich seiner Zugehörigkeit zu einer der vierzehn Rangklassen zu erinnern und selber das richtende und marternde Gesetz anzurufen (denn auch das ist vorgekommen), damit nur ja seine persönliche Kränkung gerächt werde. Nein, diese wahrheitsgetreue Dichtung ist nicht eine Nachahmung, in ihr ist schon die russische Beantwortung unserer „Frage“, dieser „verfluchten Frage“ im Sinne des russischen Volksglaubens und der russischen Volkswahrheit angedeutet: „Beuge dich, stolzer Mensch, und brich vor allen Dingen erst deinen Hochmut. Beuge dich, müßiger Mensch und arbeite erst einmal auf deinem Acker!“ Denn das wäre in der Tat die Lösung des Problems nach der Rechtsauffassung des Volkes und der Volksvernunft. „Nicht außerhalb deiner ist die Wahrheit, sondern in dir selber, suche sie in dir, unterwirf dich dir, bemächtige dich deiner und du wirst die Wahrheit erkennen! Nicht in den äußeren Dingen ist die Wahrheit und nicht irgendwo fern hinter Bergen und Meeren, sondern vor allem in deiner Arbeit an dir selbst! Besiege dich, bezähme dich – und du wirst frei sein, wie du es dir noch nie erträumt hast. Beginnst du aber ein großes Werk, so machst du auch andere frei und wirst das Glück schauen. Dein Leben wird sich mit Inhalt füllen und du wirst endlich dein Volk und seine heilige Wahrheit begreifen. Weder bei Zigeunern noch sonstwo ist die Weltharmonie zu finden, wenn du selbst ihrer nicht wert bist, wenn du Bosheit und Hochmut in dir hast und das Leben umsonst haben willst, ohne auch nur zu ahnen, daß man für sein Leben zahlen muß.“

Diese Lösung des Problems ist in jener Dichtung Puschkins bereits angedeutet und beinahe vorgezeichnet. Viel klarer aber ist sie im „Eugen Onegin“ ausgedrückt, in diesem Roman, der nicht nur nicht phantastisch ist, sondern geradezu fühlbare Wirklichkeit, in dem das russische Leben mit so schöpferischer Kraft dargestellt ist und in einer so vollendeten Kunst, wie es sie vor Puschkin nicht gegeben hat und vielleicht nach ihm nicht wieder geben wird.

Onegin kommt aus Petersburg – unbedingt aus Petersburg, das ist zweifellos die erste Bedingung. Einen so wichtigen Umstand in der Lebensgeschichte seines Helden konnte Puschkin natürlich nicht übergehen. Und ich wiederhole, dieser Held ist derselbe Aleko, namentlich später, wenn er ausruft: „Warum lieg ich nicht gelähmt, wie in Tula der Assessor?“ Vorläufig jedoch, zu Anfang des Romans, ist er ein halber Geck und Gesellschaftsmensch und hat noch viel zu wenig gelebt, um vom Leben schon ganz und gar enttäuscht zu sein. Aber auch ihn beginnt bereits heimzusuchen und zu beunruhigen jener „vornehme Dämon heimlicher Qual“. In der Einsamkeit auf seinem Gut, im Herzen seiner Heimat ist er natürlich nicht „bei sich zu Hause“. Er fühlt sich da nicht heimisch. Er weiß nicht, was er dort anfangen soll und es kommt ihm vor, als wäre er bei sich selbst zu Gaste. Später, wenn er in seiner Langweile und Unzufriedenheit und inneren Unruhe im Vaterlande und in fremden Ländern von Ort zu Ort reist, fühlt er sich – als fraglos kluger und fraglos aufrichtiger Mensch, der er ist – auch unter den Fremden sich selber fremd. Freilich liebt auch er sein Land, aber er traut ihm nicht. Natürlich hat er von den einheimischen Idealen gehört, aber er glaubt nicht an diese Ideale. Er glaubt nur an die vollkommene Unmöglichkeit gleichviel welch einer Arbeit auf dem Heimatboden und blickt auf die, die an diese Möglichkeit glauben – deren es damals, wie auch jetzt, nur wenige gab – mit einem traurigen Spottlächeln herab. Lenskij[21], sein junger Freund, wird von ihm einfach aus Hypochondrie erschossen, vielleicht gerade infolge seiner Sehnsucht nach dem Friedensideal –, das wäre uns nur zu ähnlich, weshalb diese Erklärung denn auch die wahrscheinlich richtige ist. Wie anders dagegen Tatjana! Die ist ein starker Mensch, die steht fest und sicher auf ihrem Boden. Sie ist tiefer als Onegin, und natürlich auch klüger als er. Sie ahnt schon allein durch ihren feinen Sinn, wo die Wahrheit ist und worin sie besteht, was dann der Schluß des Romans bezeugt. Vielleicht wäre es besser gewesen, Puschkin hätte seinen Roman nach ihr „Tatjana Larina“ genannt, und nicht nach ihm „Jewgenij Onegin“, denn sie, nicht er, ist der Held. Sie ist ein bejahender Typ, nicht ein verneinender, wie er, sie ist ein Typ wahrhafter Schönheit, ist die Verherrlichung der russischen Frau – und sie ist es denn auch, die der Dichter den Grundgedanken seiner Dichtung in der berühmten Szene der letzten Begegnung Tatjanas mit Onegin aussprechen läßt. Ja, man kann sogar sagen, daß ein solches Urbild der russischen Frau, eine Heldin von solcher Schönheit, in unserem ganzen Schrifttum nicht wieder geschaffen worden ist – ausgenommen höchstens die Gestalt der Lisa in Turgenjeffs „Adelsnest“. – Nur die Angewohnheit, auf alles hochmütig herabzusehen, bringt Onegin dazu, daß er bei der ersten Begegnung auf dem weltfernen Gut ihrer Eltern überhaupt nicht sieht, wen er in der schüchternen Gestalt des reinen unschuldigen Mädchens vor sich hat, während sie sich schon bei dem ersten Blick auf ihn seltsam befangen fühlt. Er verstand eben nicht, in dem armen Mädchen die geistige Feinheit, die ganze Vollendung und Vollkommenheit ihres inneren Menschen zu erkennen und hielt sie vielleicht wirklich nur für einen „moralischen Embryo“. Sie – ein Embryo! und das noch nach ihrem Liebesbrief an ihn! Wenn jemand in diesem Roman ein moralischer Embryo ist, dann ist das wahrhaftig niemand anderes als er selbst, Onegin! Freilich, er konnte sie gar nicht erkennen: kennt er denn überhaupt die Menschenseele? Er ist ein abstrakter Mensch, ein unruhiger Träumer und bleibt es sein Leben lang. Auch später in Petersburg, wo er sie als vornehme Dame wiedersieht, begreift er sie nicht, obschon er ihr schreibt, daß seine Seele ihre ganze Schönheit fühle. Doch das sind nur Worte: sie geht an ihm und seinem Leben vorüber, von ihm unerkannt, unbegriffen! Darin besteht eben die Tragödie ihres Romans. Wäre dagegen damals, bei der ersten Begegnung mit ihr, Childe Harold, oder gar Lord Byron in eigener Person geradenwegs aus England auf dem Gut eingetroffen und hätte ihn auf den eigenartigen Reiz des schüchternen, jungen Mädchens aufmerksam gemacht – oh, da wäre Onegin sogleich von ihr betroffen und entzückt gewesen! Soviel geistiges Lakaientum steckt zuweilen in diesen Weltschmerzmärtyrern! Doch es geschah nicht, und Onegin, der die Weltharmonie sucht, begibt sich, infolgedessen, nachdem er Tatjana als Antwort auf ihren Brief eine Predigt gehalten und sich dabei immerhin noch sehr anständig benommen hat, mitsamt seinem Weltschmerz und dem aus kleinlich dummem Ärger vergossenen Blut auf dem Gewissen, auf Reisen – zunächst im eigenen Lande, doch offenbar ohne überhaupt zu bemerken, wo er sich befindet. Im Überschwang seiner vermeintlichen Gesundheit und Kraft ruft er unter Flüchen aus: „Jung bin ich, stark ist in mir das Leben!“ und doch weiß er nicht, worauf er wartet, was auf ihn wartet, und so bleibt ihm nichts als sein Weltschmerz.

Das begriff Tatjana. In den unsterblichen Versen des Romans erzählt der Dichter, wie sie das Haus dieses ihr so wunderbaren und rätselhaften Menschen besucht. Ich will hier nicht weiter von der unnachahmlichen Schönheit und Tiefe dieser Strophen reden. Sie betritt sein Zimmer, sie betrachtet seine Bücher, die Sachen, alle Gegenstände, bemüht sich, aus ihnen seine Seele zu erraten, ihre Rätsel zu lösen – und der „moralische Embryo“ bleibt schließlich mit einem seltsamen Lächeln nachdenklich stehen, wie in einer Vorahnung der Lösung des Problems, und ihre Lippen fragen leise:

„Oder sollte er – eine Parodie sein?“

Ja, sie mußte darauf verfallen, sie hatte das Geheimnis erraten. In Petersburg – lange Zeit nachher, nach der neuen Begegnung –, da kennt sie ihn bereits vollkommen. Übrigens, nebenbei hat jemand gesagt, daß das gesellschaftliche Leben bei Hofe verderblich ihre Seele beeinflußt habe und daß gerade die Würde der hochgestellten Dame und die neuen gesellschaftlichen Begriffe zum Teil die Ursache ihrer Absage an Onegin gewesen seien. Nein, so verhielt es sich nicht. Nein, sie ist auch als Fürstin dieselbe Tanjä, dieselbe, die sie dort auf dem Lande war! Sie ist nicht verdorben, im Gegenteil, sie fühlt sich bedrückt durch dieses prunkvolle Petersburger Leben; es ist für sie eine Last und ein Zwang, unter dem sie leidet; sie verabscheut ihre gesellschaftliche Stellung, und wer sie anders beurteilt, der begreift überhaupt nicht, was Puschkin ausdrücken wollte. Fest und ruhig sagt sie zu Onegin:

„... Doch bin ich einem andren angetraut

Und werd’ ihm ewig treu sein.“

Das sagt sie gerade als russische Frau, darin besteht die Verherrlichung derselben, die uns Puschkin mit ihrer Gestalt gegeben hat. Sie spricht die innere Wahrheit dieser Dichtung aus. Oh, ich sage kein Wort über ihre religiösen Ansichten, über ihre Auffassung der Heiligkeit der Ehe – nein, das werde ich nicht berühren. Aber wie denn: weigert sie sich deshalb, ihm zu folgen, obgleich sie ihm sagt: „Ich liebe Sie“ – deshalb etwa, weil sie „als russische Frau“ (und nicht als Südländerin oder irgendeine Französin) unfähig wäre zu einem mutigen Schritt, etwa weil sie nicht die Kraft hätte, ihre Fesseln zu zerreißen, und nicht stark genug wäre, das Gefeiertwerden, ihre gesellschaftliche Rolle, ihren Reichtum, den Ruf der Tugend zu opfern? Nein, die russische Frau ist mutig. Die russische Frau handelt furchtlos nach dem, was sie für richtig hält: das hat sie bewiesen. Aber Tatjana ist „einem anderen angetraut“, und diesem, dem sie nun einmal gehört, wird sie „ewig treu sein“. Aber wem denn, wem denn treu? Welchen Pflichten? Treu diesem alten General, den sie doch nicht lieben kann, da sie ja Onegin liebt, und den sie nur genommen, weil „die Mutter sie unter Tränen beschworen“? In ihrer verletzten, wunden Seele war damals weder Hoffnung noch Freude, sondern nichts als Verzweiflung. Also treu diesem alten General? Ja, treu diesem alten General, ihrem Mann, dem ehrlichen Menschen, der sie liebt, der sie achtet und stolz auf sie ist. Mag auch die Mutter sie beschworen und angefleht haben, aber sie, Tatjana selbst und keine andere hat das Jawort gegeben, sie, sie selbst hat ihm Treue geschworen. Mag sie ihn auch aus Verzweiflung genommen haben, jetzt ist er ihr Gatte, und ihr Treubruch würde ihn mit Schimpf und Schande bedecken, würde ihn vernichten. Und kann denn ein Mensch sein Glück auf dem Unglück eines anderen aufbauen? Das Glück liegt nicht allein in den Genüssen der Liebe, sondern auch in der höheren Harmonie des Geistes. Womit sollte man aber den Geist beruhigen, wenn hinter einem ein unehrenhafter, mitleidloser, fast unmenschlicher Schritt liegt? Sollte sie nur deshalb von ihm fliehen, weil es sich um ihr Glück handelte? Aber was kann denn das für ein Glück sein, das auf fremdem Unglück beruht? Nehmen wir an, daß Sie den Bau der Geschicke des Menschengeschlechts aufzuführen hätten, mit dem Ziel, die Menschen zu beglücken, ihnen zum Schluß Frieden und Ruhe zu geben. Nehmen Sie an, zu dem Zweck wäre es unbedingt erforderlich, im ganzen nur ein einziges menschliches Wesen zu Tode zu quälen – ja sagen wir, nicht einmal ein gar so wertvolles, meinetwegen sogar irgendein ganz lächerliches Wesen, also nicht etwa eine Figur aus Shakespeare, sondern – nun, sagen wir, einfach nur einen ehrenwerten alten Mann, den Gatten einer jungen Frau, an deren Liebe er in blinder Überzeugung glaubt, obgleich er ihr Herz gar nicht kennt, der sie aber ehrt und achtet, stolz auf sie ist, glücklich durch sie und ruhig. Und nur dieser eine Mensch muß entehrt und geschmäht und gequält werden, um auf den Tränen dieses Mannes den Glücksbau aufzuführen! Würden Sie da wohl einwilligen, der Baumeister dieses Gebäudes unter dieser einen Bedingung zu sein? Das ist die Frage. Vermöchten Sie auch nur einen Augenblick die Ansicht zu vertreten, daß die Menschen, für die Sie diesen Bau aufführen, einwilligen würden, dieses Glück von Ihnen anzunehmen, wenn Sie in das Fundament den Schmerz eines, zwar unbedeutenden, doch unverdientermaßen unbarmherzig zu Tode gequälten Menschen einmauerten, und daß die Menschen in diesem Glück ewig zufrieden sein könnten? Deshalb frage ich: konnte Tatjana in ihrer Reinheit und Vornehmheit und mit ihrem von eigenem Leid wehen Herzen sich überhaupt anders entschließen? Nein; denn eine reine russische Seele sagt sich in diesem Fall: „Mag ich allein das Glück entbehren, mag auch mein Unglück unvergleichlich größer sein als das Unglück dieses alten Mannes, mag auch niemand jemals erfahren, auch mein Mann nicht, daß ich mich geopfert habe, mag auch niemand mein Opfer schätzen, ich will doch nicht auf Kosten eines anderen glücklich sein!“ Das ist der Kern der Tragödie. Hier handelt es sich um ein Entweder – Oder, für ein Drittes ist es zu spät, und danach fällt denn die Antwort aus, die sie Onegin gibt. Nun wird man vielleicht einwenden: „Ja, aber auch Onegin ist doch unglücklich, den einen macht sie glücklich, den alten Mann, an den anderen aber, den jungen, und sein Unglück denkt sie nicht!“ Erlauben Sie, hier handelt es sich noch um eine andere Frage, vielleicht sogar um die wichtigste im Roman. Übrigens hat die Frage, warum Tatjana nicht Onegin folgt, bei uns, oder wenigstens in unserer Literaturkritik, eine besondere Geschichte, die sogar recht charakteristisch ist, deshalb habe ich mir auch nur erlaubt, mich über diese Frage so ausführlich zu verbreiten. Das Charakteristischste dürfte wohl sein, daß die moralische Lösung dieser Frage bei uns so lange allen Zweifeln ausgesetzt gewesen ist. Ich denke: selbst wenn Tatjana frei gewesen, wenn ihr Mann schon gestorben wäre, daß sie auch dann nicht Onegins Werben angenommen hätte. Man muß doch das ganze innere Wesen dieser Frau erfassen. Sie sieht doch, wer er ist: er, der ewig unstete Mensch, findet plötzlich die Frau, die er als junges Mädchen verschmäht hat, findet sie in einer neuen glänzenden Umgebung, – und diese Umgebung ist für ihn auch das Ausschlaggebende, ihre gesellschaftliche Rolle ist es, die ihn bestrickt. Vor diesem ehemaligen kleinen Mädchen, auf das er beinahe mit Verachtung herabsah oder doch mit Geringschätzung, beugt sich jetzt die Gesellschaft – die Gesellschaft, diese ungeheure Autorität in den Augen Onegins, ungeachtet aller seiner Weltschmerzen und Weltideale. Deshalb also, nur deshalb wirft er sich wie geblendet ihr zu Füßen! Endlich glaubt er, sein Ideal gefunden zu haben, seine Rettung, seine Erlösung von seiner Sehnsucht, die er früher nicht zu erkennen verstanden, und „das Glück war doch so möglich, so nah!“ ruft er aus. Wie Aleko zur jungen Zigeunerin, so strebt Onegin jetzt zu Tatjana, indem er in seinem neuen absonderlichen Einfall alle Lösungen seiner Probleme sucht. Und das sieht doch Tatjana, sie hat ihn doch schon längst durchschaut?! Sie weiß doch ganz genau, daß er im Grunde nur seine neue Einbildung liebt, und nicht sie, die ja dieselbe Tatjana geblieben ist, die sie früher war! Sie weiß, daß er sie für etwas ganz anderes hält als das, was sie ist, daß er sie nicht nur nicht liebt, sondern daß er sogar überhaupt nicht fähig ist, gleichviel wen, zu lieben, wenn er auch noch so sehr leidet! Er liebt seinen Einfall, sein Trugbild, aber er selbst ist auch nur ein Trugbild. Würde er doch, wenn sie ihm folgte, schon am nächsten Tage wieder gleichgültig werden und an seinen Überschwang mit spöttischem Lächeln zurückdenken. Er hat keinen Boden unter sich, auf dem er stehen könnte, er ist ein Stäubchen, das vom Winde getragen wird. Wie anders dagegen Tatjana! Sie hat sogar in der Verzweiflung und in dem Bewußtsein, daß ihr Leben verfehlt ist, etwas Festes und Unerschütterliches, auf das ihre Seele sich stützen, woran sie sich aufrichten kann. Das sind ihre Erinnerungen an ihre Kindheit, an ihre Heimat, an die Landeinsamkeit, in der ihr stilles, reines Leben begann, und wäre es auch nur „das Kreuz und der Schatten der Bäume auf dem Grabe ihrer alten Kinderfrau“. Oh, diese Erinnerungen an ihre Jugend sind ihr jetzt das Teuerste, was sie hat, diese Erinnerungen allein sind ihr geblieben, aber sie genügen, um ihre Seele vor der letzten Verzweiflung zu bewahren. Und das ist nicht wenig, nein, das ist schon viel, sehr viel, denn das ist ein fester Boden, ist etwas, worauf man bauen kann. Hierin liegt die Berührung mit dem eigenen Volk, mit seinen Heiligtümern, liegt das, was das Vaterland zur wahren Heimatscholle macht. Was aber hat er, Onegin, und was ist er überhaupt? Doch nicht aus Mitleid konnte sie ihm folgen, nur um ihm eine Abwechslung zu bieten, um ihm nur für einige Zeit aus unendlicher liebevoller Barmherzigkeit das Phantom eines Glückes zu schenken, während sie mit Sicherheit wußte, daß er schon am nächsten Tage sich skeptisch und spöttisch zu diesem seinem neuen Glück verhalten werde! Nein, es gibt tiefe und starke Seelen, die ihr Heiligtum nicht bewußt der Schmähung preisgeben können, und wär’s auch nur aus unendlicher Barmherzigkeit. Nein, Tatjana konnte nicht Onegin folgen!

In diesem seinem unsterblichen Roman „Onegin“ erscheint also Puschkin als ein großer Volksdichter, wie wir vor ihm keinen gehabt haben. Er hat darin mit einem einzigen Griff, in der treffendsten Weise, mit dem scharfsichtigsten Blick, den Kern unseres Wesens, unserer ganzen über dem Volk stehenden Gesellschaft erfaßt und dargestellt. In derselben Schaffensperiode aber, in der er uns den Typ des russischen Skitaletz schuf, den es heute noch ganz so wie damals gibt und der für unser zukünftiges Schicksal von größter Bedeutung ist, während er neben ihn die wahre Vertreterin unendlicher Schönheit in der russischen Frau stellte, prägte er gleichzeitig – und wiederum als erster – in anderen Werken eine ganze Reihe der prächtigsten russischen Volkstypen. Die Schönheit auch dieser Typen besteht vor allem in ihrer Echtheit, die so groß ist, daß man sie ordentlich wie lebende Menschen vor sich zu sehen meint: so unverkennbar sind sie, so wahr und leibhaft stehen sie vor einem: wie gemeißelt. Ich möchte nochmals betonen, daß ich nicht als Literaturkritiker rede, deshalb werde ich meinen Gedanken auch nicht durch eingehende Untersuchungen der genialen Werke unseres Dichters zu erklären versuchen. Über seinen russischen Chronisten[22] zum Beispiel müßte man allein schon ein ganzes Buch schreiben, wollte man die volle Bedeutung dieser Gestalt erfassen und wiedergeben, die Puschkin uns in ihrer ruhigen Geistesgröße wie ein Wahrzeichen und einen ewigen Zeugen unseres kraftvollen Volksgeistes vor Augen gestellt hat. Diesen Typ gibt es wirklich, von dem kann niemand sagen, er sei vom Dichter frei erfunden, sei bloß eine Idealgestalt. Wenn man aber zugesteht (und das muß man), daß es solche Menschen im russischen Volk gibt, dann muß man auch zugeben, daß es notwendig einen Volksgeist, der sie hervorbringt, geben muß, und weiter, daß dieser Geist auch die erforderliche Lebenskraft haben wird. Überall tritt bei Puschkin der Glaube an den russischen Charakter hervor, der Glaube an eine geistige Kraft des Volkes: wo aber Glaube ist, da ist Zuversicht, und die besitzt er denn auch – eine große Hoffnung und ein großes Vertrauen auf den russischen Menschen. Daß er in der Hoffnung auf den Sieg des Guten furchtlos der Zukunft entgegenschaue, sagt Puschkin einmal bei einem anderen Anlaß, doch könnte sich dieser Ausspruch auf seine ganze in nationalem Geiste schöpferische Tätigkeit beziehen. Und niemals, weder vor noch nach ihm, hat ein russischer Schriftsteller sich so herzlich und so vertraut mit seinem Volk verbunden, wie Puschkin. Gewiß, wir haben unter unseren Schriftstellern viele Kenner des einfachen Volkes, die es treffend und sogar liebevoll zu schildern verstehen. Vergleicht man sie aber mit Puschkin, so muß man sich gestehen, daß bis jetzt, außer einem, höchstens zweien von seinen jüngsten Nachfolgern, alle diese Schriftsteller nur „das Volk schildernde Herren“ sind. Selbst bei den begabtesten von ihnen, ja, sogar bei diesen zwei Ausnahmen, die ich soeben erwähnte, bricht doch – bricht irgendwo ein gewisses Herabsehen auf dieses Volk hervor, so etwas, das wie aus einem ganz anderen Leben, einer anderen Welt kommt, so etwas wie ein Wunsch, dieses Volk zu sich emporzuziehen und dadurch dann glücklich zu machen. In Puschkin dagegen hat sich eine wirkliche Vereinigung mit dem Volke vollzogen, die in ihm selbst fast so etwas wie eine echte und innige Rührung auslöst. Man denke nur an seine Geschichte vom Bären, dessen Bärenfrau der Bauer erschlagen, oder an sein Gedicht:

„Freund Iwan, wenn wir jetzt trinken,

Müssen wir vorerst einmal ...“

und Sie werden ohne weiteres verstehen, was ich meine.

Alle diese Schätze des schöpferischen Erfassens sind von Puschkin, unserem größten Dichter, gleichsam in der Art eines Hinweises für alle nach ihm kommenden russischen Künstler, für alle nachfolgenden Schöpfer auf diesem Gebiete, hinterlassen worden. Man kann sogar ohne Zögern behaupten: ohne Puschkin wären alle nach ihm gekommenen Begabungen überhaupt nicht möglich gewesen; wenigstens hätten sie sich nicht mit solcher Kraft und Deutlichkeit zu äußern vermocht, ungeachtet ihrer unzweifelhaften Veranlagung, wie ihnen das nach Puschkin in unserer Zeit tatsächlich gelungen ist. Doch gilt dies nicht bloß von der Dichtung, vom künstlerischen Schaffen: ohne Puschkin hätte sich vielleicht auch unser Glaube an unsere russische Selbständigkeit, unsere uns jetzt bereits bewußt gewordene Hoffnung auf unsere Volkskräfte und damit auch der Glaube an unsere Zukunft und Bestimmung, an unsere selbständige Rolle in der Reihenfolge der europäischen Völker nicht so nachdrücklich und unverrückbar festgesetzt, wie das nach Puschkin geschehen ist (wenn auch freilich noch immer nicht bei allen, vielmehr erst bei verhältnismäßig wenigen)!

Diese Tat Puschkins nun tritt eigentlich erst dann plastisch hervor, wenn man voll und ganz erfaßt, was ich unter der dritten Periode seines Schaffens verstehe.


Ich sage nochmals: diese drei Perioden haben keine festen Grenzen zwischen sich. So könnten zum Beispiel einzelne seiner Werke, die er in der dritten geschrieben, sogar ganz zu Anfang entstanden sein, denn Puschkin war immer ein ganzer, sagen wir ein abgeschlossener Organismus, der von Hause aus alle Keime in sich trug und sie nicht etwa von außen nach und nach in sich aufgenommen hat. Die äußeren Anregungen haben in ihm nur die Keime zum Treiben gebracht, das Wachstum gefördert, oder haben, wenn man will, nur das tief in ihm Schlummernde wachgerufen. Aber dieser Organismus mußte sich naturgemäß entwickeln, und die Stufen oder, wie ich sie nannte, Perioden dieser Entwicklung lassen sich in der Tat unterscheiden, ja, es läßt sich sogar nachweisen, daß eine jede ihren besonderen Charakter hat, und es läßt sich verfolgen, wie eine jede sich allmählich aus der vorhergehenden entwickelt hat. So kann man zur dritten Periode denjenigen Teil seiner Werke rechnen, in denen vornehmlich universale Ideen ausgedrückt sind, in denen sich die poetischen Gestalten anderer Völker finden und die den Geist dieser Völker widerspiegeln. Von diesen Werken sind einige erst nach dem Tode des Dichters veröffentlicht worden. In dieser Periode aber hat das Schaffen Puschkins in seiner Art sogar etwas Wunderbares, es ist eine Erscheinung, die außerhalb alles bisher Dagewesenen zu stehen scheint, und es liegt etwas in ihr, dessen sich vor ihm noch niemand hat rühmen können.

Es ist wahr, die europäische Literatur hat Genies von ungeheurer Größe aufzuweisen – hat Männer wie Shakespeare, Cervantes, Schiller. Aber man nenne mir doch nur einen von diesen Großen, der eine solche Fähigkeit, das Wesen fremder Nationalitäten wiederzugeben, besessen hätte, wie unser Puschkin. Gerade diese Fähigkeit, diese Hauptfähigkeit unserer Nationalität, teilt Puschkin mit unserem ganzen Volk, und gerade sie macht ihn zu unserem nationalsten Dichter.

Selbst die größten europäischen Genies haben niemals vermocht, den Geist und das Wesen eines fremden Volkes, ja nicht einmal eines blutverwandten Nachbarvolkes, seine Seele, die ganze verborgene Tiefe dieser Seele und das Innerste dessen, wozu jedes Volk berufen ist, mit solcher persönlichen Schöpferkraft aus sich selbst heraus zu gestalten, wie es Puschkin gelang. Die europäischen Genies haben im Gegenteil, wenn sie sich anderen Völkern zuwandten, die fremde Nationalität gewöhnlich in ihre eigene verwandelt und nach den Begriffen ihrer Nation aufgefaßt. Sogar bei Shakespeare sind zum Beispiel die Italiener fast ohne Unterschied – Engländer. Nur Puschkin besitzt vor allen Dichtern der Welt die Fähigkeit, sich vollständig in den Geist einer fremden Nation zu versetzen. Nehmen Sie seine Faustszene, nehmen Sie sein Poem „Der geizige Ritter“ und die Ballade „Einst lebte ein armer Ritter ...“ Lesen Sie seinen „Don Juan“, und wenn Sie nicht wüßten, daß er von Puschkin ist, würden Sie gewiß nicht erraten, daß ihn – kein Spanier gedichtet hat. Und was sind das für tiefe, unheimliche Stellen in seinem Poem „Das Fest während der Pest“! Aus diesen phantastischen Gestalten spricht das Genie Englands. Dieses prachtvolle Pestlied des Helden, und dieses Lied der Mary – das sind englische Lieder, das ist der Schauer des britischen Genies, seine Klage, sein qualvolles Ahnen dessen, was seiner harrt. Erinnern Sie sich der Verse:

„Einst kam ich in ein ödes Tal –“

Es ist fast eine wörtliche Übertragung der drei ersten Seiten eines seltsamen mystischen Buches, das ein alter englischer Sektierer vor langer, langer Zeit in Prosa geschrieben hat, – aber ist es nun wirklich nur eine Übertragung? Aus der traurigen und gleichsam geisterfüllten Musik dieser Verse fühlt man förmlich die Seele des nordischen Protestantismus in der Seele dieses keltischen Sektenstifters, dieses uferlosen Mystikers mit dem stumpfen, finsteren und unbesiegbaren Wollen in der unbegrenzten und geheimnisvollen Phantasie. Beim Lesen dieses seltsamen Gedichts ist es einem, als spüre man den Geist der Reformationszeit, dieses kriegerische Feuer des frühesten Protestantismus, und begreiflich wird einem schließlich auch die Geschichte selbst, und zwar nicht nur durch ein gedankliches Verstehen, sondern es ist, als wäre man selber dabeigewesen, als wäre man soeben am Lager der bewaffneten Sektierer vorübergegangen, als hätte man mit ihnen Hymnen gesungen, mit ihnen Tränen der Begeisterung vergossen, mit ihnen an das geglaubt, woran sie glaubten. Und neben diesem religiösen Mystizismus stehen religiöse Verse aus dem Koran, die „Nachdichtungen aus dem Koran“: spricht aus diesen nicht ein Mohammedaner, nicht der Geist des Korans selber, und seines Schwertes, der in Einfalt erhabene Glaube und seine grausig blutige Kraft? Dann wieder haben wir die antike Welt in den „Ägyptischen Nächten“. Da verspüren wir die irdischen Götzen, so wie sie waren, die Götzen, die sich über ihrem Volk als Götter festgesetzt, die das Genie ihres Volkes und sein Streben bereits verachten, die an ihr Volk nicht mehr glauben und darüber einsame Götter geworden sind und in ihrer Einsamkeit, in ihrer dem Tode vorangehenden Langweile und Geistesarmut sich mit fanatischen, tierischen Roheiten, mit der Wollust niedriger Insekten, der Wollust eines Spinnenweibchens, das sein Spinnenmännchen auffrißt, die Zeit vertreiben. Nein, ich sage in allem Ernst: es hat noch keinen Dichter gegeben, der so wie Puschkin die ganze Welt in sich aufgenommen hätte. Doch nicht die Aufnahmefähigkeit im allgemeinen ist hier das Erstaunliche, sondern seine ganz unglaubliche Tiefe, das vollständige Sichhineinversetzen seines Geistes in den Geist fremder Völker, die fast vollkommene und deshalb so erstaunliche „Verwandlung“, eine Erscheinung, die sich bei keinem einzigen anderen Dichter wiederholt hat. In der Tat finden wir sie nur bei Puschkin und in diesem Sinne ist er, wie ich bereits sagte, eine noch nie dagewesene Erscheinung und unserer Meinung nach eine prophetische, denn ... denn eben darin hat sich am stärksten seine nationale russische Kraft geäußert, gerade die Volkstümlichkeit seiner Dichtung, das nationale Moment in der gesamten weiteren Entwicklung, das nationale Moment unserer Zukunft, das in der Gegenwart noch nicht an den Tag getreten ist, und das sich, wie gesagt, hier zum ersten Male prophetisch geäußert hat. Denn wo läge sonst die Kraft des russischen Volksgeistes, wenn nicht in seinem Streben zur Universalität und nach Allmenschlichkeit? Als Puschkin zum Dichter seines Volkes wurde, da begann er, sobald er nur mit dem Volksgeist in Berührung kam, sofort die große Bestimmung dieser Kraft zu ahnen. Hierin ist er ein Enträtsler und hierin ist er auch ein Prophet.

Denn, was bedeutet für uns die Reform Peters? nicht nur im Hinblick auf unsere Zukunft, sondern auch in unserem Verhältnis zur Vergangenheit, zu allem, was bereits geschehen ist, was sich vor unseren Augen vollzogen hat? Was war sie uns? Sie war doch nicht nur eine Aneignung europäischer Kleider, Sitten, Erfindungen und der europäischen Wissenschaft. Erfassen wir recht, was sie war und wie sie war, betrachten wir sie aufmerksamer. Ja, es ist sehr leicht möglich, daß Peter sie anfänglich nur in diesem Sinne einführte, ich meine in eng utilitaristischem Sinne – aber in der Folge, bei der weiteren Entwicklung seiner Idee, hat Peter sich fraglos von einem gewissen unbewußten Instinkt leiten lassen: der aber zog ihn zu zukünftigen und selbstverständlich zu großen Zielen. Ebenso hat auch das russische Volk nicht etwa nur aus Utilitarismus die Reform angenommen, sondern mit einer gewissen Vorahnung, ein viel weiteres, ein unvergleichlich höheres Ziel zu erreichen, als es der nächstliegende Utilitarismus je sein könnte, das hat es herausgefühlt – natürlich gleichfalls unbewußt, aber doch unmittelbar und mit voller Lebenskraft. Da setzte dann mit einemmal dieses Streben ein: zur lebendigen Wiedervereinigung der Menschen, zu einer, sagen wir, universalen Einigung! Nicht feindlich (wie man es hätte erwarten können), sondern freundschaftlich, mit ganzer Liebe nahmen wir das Genie, den Schöpfergeist der fremden Völker in unsere Seele auf, aller Völker, so viel es ihrer nur gab, ohne Rassenunterschiede zu machen und die einen den anderen vorzuziehen, da unser Instinkt fast schon vom ersten Schritt an die Widersprüche zu unterscheiden, das Fremde einzuschätzen und die Unterschiede zu entschuldigen verstand: allein damit haben wir unsere Fähigkeit und Neigung (die uns selbst noch neu und unbewußt waren) zur Wiedervereinigung aller Völker der großen arischen Rasse bezeugt. Ja, die Bestimmung des russischen Menschen ist unstreitig eine universale. Ein echter, ein ganzer Russe werden, heißt vielleicht nur (d. h. letzten Endes, vergessen Sie das nicht) – ein Bruder aller Menschen werden, ein Allmensch wenn Sie wollen. Oh, unsere ganze Spaltung in Slawophile und Westler ist ja nichts als ein einziges großes Mißverständnis, wenn auch ein historisch notwendiges. Einem echten Russen ist Europa und das Geschick der ganzen großen arischen Rasse ebenso teuer wie Rußland selbst, wie das Geschick des eigenen Landes, eben weil unsere Bestimmung die – wenn man sich so ausdrücken darf – die Verkörperung der Einheitsidee auf Erden ist, und zwar nicht einer durch das Schwert errungenen, sondern durch die Macht der brüderlichen Liebe und unseres brüderlichen Strebens zur Wiedervereinigung der Menschen verwirklichten Einheit. Verfolgen Sie unsere Entwicklungsgeschichte nach der Reform Peters und Sie werden bereits Spuren und Andeutungen dieses Gedankens, meines Traumes, wenn Sie wollen, in der Art unseres Umgangs mit den europäischen Nationen, ja, sogar in unserer auswärtigen Politik finden. Denn was hat Rußland in diesen ganzen zwei Jahrhunderten seit Peter mit seiner Politik anders getan, als Europa gedient, und zwar vielleicht in einem noch viel größeren Maße, als sich selbst? Ich glaube nicht, daß dies nur infolge der Talentlosigkeit unserer Diplomaten geschehen ist. Die Völker Europas wissen ja nicht einmal, wie teuer sie uns sind! Und ich baue fest darauf, daß wir in Zukunft, d. h. natürlich nicht wir, sondern die künftigen Russen, bereits alle ausnahmslos begreifen werden, daß ein echter Russe sein nichts anderes bedeutet, als sich bemühen, die europäischen Widersprüche in sich endgültig zu versöhnen, der europäischen Sehnsucht in der russischen allmenschlichen und allvereinenden Seele den Ausweg zu zeigen, in dieser Seele sie alle in brüderlicher Liebe aufzunehmen und so vielleicht das letzte Wort der großen, allgemeinen Harmonie, des brüderlichen Einvernehmens aller Völker nach dem evangelischen Gesetz Christi auszusprechen. Ich weiß, ich weiß, daß meine Worte, in der Begeisterung gesprochen, wie sie sind, übertrieben und phantastisch erscheinen können. Nun wohl, mögen sie es sein, aber ich bereue nicht, sie ausgesprochen zu haben. Sie mußten einmal ausgesprochen werden und zwar gerade jetzt, im Augenblick unseres Triumphes, in dem Augenblick, wo wir unseren großen genialen Toten ehren, der gerade diesen Gedanken in seiner ganzen schöpferischen Kraft verkörperte.

Übrigens ist dieser Gedanke schon mehr als einmal geäußert worden. Ich habe daher gar nichts Neues gesagt. – Am meisten wird man freilich daran Anstoß nehmen, daß er allzu selbstbewußt scheinen könnte: „Was, uns, unserem bettelarmen, unkultivierten Lande, fiele eine solche Aufgabe zu. Uns wäre es bestimmt, der ganzen Welt ein neues Wort zu sagen?“ Ja, rede ich denn von ökonomischen Erfolgen, von Erfolgen des Schwertes und der Wissenschaft? Ich rede doch nur von der Brüderlichkeit der Menschen und davon, daß zur universalen brüderlichen Einigung das russische Volk vielleicht am meisten von allen anderen veranlagt und bestimmt ist, und daß ich in unserer Geschichte, in unseren begabten Männern und im schöpferischen Genie Puschkins die Beweise dafür sehe. Mag unser Land arm sein, aber dieses arme Land „durchwandert Christus in Bettlergestalt“. Ja, warum sollten wir nicht trotz unserer Armut sein letztes Wort in uns tragen können? Hat nicht auch er im Stall in einer Krippe geruht?

So wiederhole ich: wir können wenigstens schon auf Puschkin, auf die Universalität und Allmenschlichkeit seines Genies hinweisen. Vermochte er doch das Genie jedes fremden Volkes wie ein ihm nahe verwandtes in seine Seele aufzunehmen. Und in der Kunst, im künstlerischen Schaffen hat er dieses Streben des russischen Geistes zur Universalität unstreitig bewiesen, darin aber liegt schon ein großer Hinweis für uns. Sollte unser Gedanke auch nur ein phantastischer Glaube sein, so haben wir in Puschkin doch wenigstens etwas, woraus dieser Glaube entstehen, worauf er fußen könnte. Wäre Puschkin nicht so jung gestorben, er hätte uns vielleicht noch große und unsterbliche Gestalten der russischen Seele offenbart, die unseren europäischen Brüdern bereits verständlicher sein, die sie uns näher bringen würden, als sie uns jetzt stehen. Er hätte ihnen vielleicht die ganze Wahrheit unserer Bestrebungen erklärt und sie würden uns jetzt besser verstehen, hätten es leichter, unser Wesen zu deuten und sie würden eher aufhören, so mißtrauisch und hochmütig auf uns herabzusehen, wie sie es jetzt tun und noch lange tun werden. Hätte Puschkin länger gelebt, dann gäbe es vielleicht auch zwischen uns Russen weniger Mißverständnisse und Streitigkeiten, als es ihrer jetzt zwischen uns gibt. Aber Gottes Ratschluß war anders. Puschkin starb in der Blüte seiner Jahre und seines Könnens und hat fraglos ein großes Geheimnis mit sich ins Grab genommen, so daß wir jetzt versuchen müssen, dieses Geheimnis ohne ihn zu erfassen.