„Ma commère quand je danse
Comment va mon cotillon?“
mit dem graziösen Raffen des Röckchens und dem Ruck mit dem Hinterteilchen dazu – das alles empört unsere schamhaften Herren keineswegs, im Gegenteil, es zieht sie sogar ungeheuer an!
„Aber ich bitte Sie, das ist bei ihnen doch alles so graziös, dieses Cancanchen, dieses Röckchen und ... na ja – das sind doch in ihrer Art die elegantesten Articles de Paris, hier aber – wie kann man das überhaupt vergleichen: hier ist’s doch nur ein Weib, ein russisches Bauernweib, ein Klotz, ein unbehauener Klotz!“
Nein, das war sogar nicht einmal bloßes Überzeugtsein von der Gemeinheit unseres Bauern und Volkes, da war die Ansicht schon ins Gefühl übergegangen, schon zum Gefühl geworden, da verriet sich bereits eine physische Empfindung des Ekels vor unserem Bauern – oh, natürlich nur eine unwillkürliche, fast unbewußte Empfindung, die sie selbst vielleicht gar nicht bemerkten. Und ich muß gestehen, ich kann mit Ihrem kapitalen Streitsatz keineswegs übereinstimmen, Herr Gradowskij: daß diese „Skitaltzy“ es gewesen seien, die in unserer Gesellschaft für die Befreiung der Leibeigenen vorgearbeitet hätten. Vielleicht mit abstraktem Geschwätz, indem sie ihren bürgerlichen Kummer nach allen Regeln überall hervorkehrten – oh, natürlich kam schließlich alles der Sache zugute. Bewirkt aber haben die Befreiung der Bauern, geholfen haben denen, die die Befreiung durchführen wollten, eher solche Männer wie z. B. Ssamarin[29], nicht aber Ihre Skitaltzy. Jener anderen dagegen, jener vom Schlage eines Ssamarin, die wohl in keiner Beziehung den Alekos und Onegins glichen, gab es doch damals gar nicht so wenige, und die halfen alle bei der großen Arbeit mit, Herr Gradowskij, von ihnen aber reden Sie natürlich kein Wort. Ihren Leuten jedoch ist die Geschichte, nach allen Anzeichen zu urteilen, sehr bald langweilig geworden, und sie begannen wieder zu schmollen. Sie wären auch keine „Skitaltzy“ gewesen, wenn sie sich anders verhalten hätten. Als sie dann nach der Aufhebung der Leibeigenschaft erst das Geld für ihre losgekauften Bauern erhalten hatten, da verkauften sie auch ihr übriges Land an Aufkäufer zum Aussaugen und ihre Wälder zum Abholzen. Sie selbst siedelten ins Ausland über und führten bei uns den Absentismus ein ... Sie werden mit mir darin natürlich nicht übereinstimmen, Herr Professor, aber was soll ich denn tun: es ist mir nun einmal absolut unmöglich, den Ihnen so teuren, der oberen Schicht entstammenden liberalen Russen für das Ideal des normalen echten Russen anzuerkennen, für den besten Typ, der der Rasse angeblich jemals wirklich war, ist und sogar in Zukunft sein soll. Ich sehe nur, daß dieser Typ in den letzten Dezennien wenig auf dem Arbeitsfelde seines Volkes geleistet hat. Und diese Auffassung halte ich für etwas richtiger und begründeter als Ihre Dithyrambe auf jene Herren.
III.
Zwei Hälften.
Ich komme jetzt zu Ihrer Auffassung von der „persönlichen Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe“ und Ihrer Behauptung, daß dieselbe durchaus unzureichend sei im Vergleich mit „sozialen Idealen“ und vor allem mit „sozialen Institutionen“. Ja, auch Sie weisen darauf hin, daß dies der wichtigste Punkt in unserer Meinungsverschiedenheit ist. Sie schreiben:
„Indem Herr Dostojewski Demut vor der Volkswahrheit und den Volksidealen verlangt, scheint er diese ‚Wahrheit‘ und diese Ideale für etwas bereits Fertiges, Feststehendes und Ewiges zu halten. Wir erlauben uns, dieser Annahme zu widersprechen. Die sozialen Ideale unseres Volkes sind noch im Stadium des Entstehens, Sie fangen erst an sich zu entwickeln. Das Volk muß noch viel an sich arbeiten, um den Namen eines großen Volkes zu verdienen.“
In betreff der „Wahrheit“ und der Ideale des Volkes habe ich Ihnen zum Teil schon geantwortet. Diese Wahrheit und diese Ideale des Volkes halten Sie direkt für ungenügend zur Entwicklung sozialer Ideale Rußlands. Das heißt also: Religion ist ein Ding für sich und alles Soziale, Gesellschaftliche ist etwas ganz anderes, d. h. wiederum ein Ding für sich. Sie schneiden den lebendigen Organismus mit Ihrem Gelehrtenmesser in zwei Hälften und behaupten, daß diese voneinander ganz unabhängig sein müssen. Betrachten wir sie näher, untersuchen wir jede dieser Hälften für sich, vielleicht können wir dann irgendwelche Schlüsse ziehen. Betrachten wir zunächst die Hälfte der „persönlichen Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe“.
Sie schreiben:
„Herr Dostojewski ruft uns zur Arbeit auf, zur Arbeit an uns selbst. Die persönliche Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe ist natürlich die erste Voraussetzung jeder Tätigkeit, gleichviel, ob sie groß oder klein ist! Aber daraus folgt noch nicht, daß Menschen, die im christlichen Sinne persönlich vollkommen sind, unbedingt einen vollendeten Staat bilden. Nehmen wir ein Beispiel:
Der Apostel Paulus erklärt Sklaven und deren Herren ihr Verhältnis zueinander. Sowohl diese wie jene konnten die Lehre des Apostels befolgen und taten es meist auch wirklich, sie waren persönlich gute Christen, aber die Sklaverei wurde damit nicht geheiligt und blieb eine unmoralische Einrichtung. So wird auch Herr Dostojewski, wie ein jeder von uns, vortreffliche Christen gekannt haben, sowohl unter Gutsbesitzern wie unter Bauern. Aber die Leibeigenschaft blieb trotzdem eine Schändlichkeit vor Gott, und der Zar-Befreier erfüllte nicht nur die Forderungen der persönlichen, sondern auch der sozialen Sittlichkeit, von der man in der alten Zeit keine richtige Vorstellung hatte, obschon es ‚gute Menschen‘ damals nicht weniger gab, als heutzutage. Persönliche und soziale Sittlichkeit ist nicht ein und dasselbe. Daraus folgt, daß eine soziale Vervollkommnung nicht lediglich durch die Besserung der persönlichen Eigenschaften der Menschen erreicht werden kann. Ein Beispiel:
Nehmen wir an, daß seit dem Jahre 1800 eine Reihe von Predigern der christlichen Liebe und Demut sich vorgenommen hätten, die Sittlichkeit solcher Menschen, wie Gogols Gutsbesitzerin Frau Korobotschka und Ssobakewitsch, zu heben. Wäre es auch nur denkbar, daß sie die Aufhebung der Leibeigenschaft durchgesetzt hätten und daß es keines Machtwortes mehr bedurft hätte? Im Gegenteil, die Korobotschka hätte zu beweisen angefangen, daß sie eine wahre Christin und ‚Mutter‘ ihrer Bauern sei und wäre trotz aller gegenteiligen Versicherungen des Missionars bei ihrer Ansicht verblieben.
Eine Verbesserung der Menschen in einem gesellschaftlichen Sinne kann nicht lediglich durch Arbeit nur an der eigenen Person und durch persönliche Demut erreicht werden. An sich selbst arbeiten und sich zur Demut erziehen, das kann man auch in der Wüste oder auf einer unbewohnten Insel. Aber als Angehörige einer Gesellschaft, eines Staates, entwickeln und verbessern sich die Menschen erst in der Arbeit nebeneinander, füreinander und miteinander. Das ist auch der Grund, weshalb die soziale Vollkommenheit der Menschen in einem so hohen Grade von der Vollkommenheit der sozialen Institutionen abhängt, die im Menschen wenn nicht christliche, so doch bürgerliche Werte erziehen.“
Sehen Sie, wie viel ich aus Ihrem Artikel abgeschrieben habe! Das klingt alles sehr selbstbewußt und die „persönliche Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe“ hat gründlich die Wahrheit zu hören bekommen. Das heißt soviel wie: in staatlichen Dingen taugt sie zu nichts. Kurios, fürwahr, fassen Sie demnach das Christentum auf! Allein schon die Vorstellung, daß die Korobotschka und Ssobakewitsch wahre Christen werden könnten, sogar vollkommene, und darauf die Frage: könnte man sie dann dazu bringen, auf die Leibeigenschaft zu verzichten? ist bemerkenswert. Mir scheint es eine recht verfängliche Frage zu sein, die Sie da aufwerfen, und Ihre eigene Antwort lautet natürlich: „Nein, die Korobotschka wäre selbst als wahre Christin nicht dazu zu bewegen.“
Darauf antworte ich ohne weiteres: wenn die Korobotschka überhaupt eine wahre und vollkommene Christin hätte werden können oder geworden wäre, so hätte die Leibeigenschaft auf ihrem Gut auch schon zu existieren aufgehört, weshalb man sich dann um nichts weiter zu bemühen brauchte, wenn auch alle Aktenstücke und Kaufbriefe in ihrem Besitz verblieben.
Erlauben Sie: die Korobotschka war doch auch früher schon Christin, schon von Geburt an, d. h. seit ihrer Taufe, nicht wahr? Folglich verstehen Sie unter der Lehre der neuen Prediger des Christentums dem Wesen nach wohl dasselbe alte Christentum, nur erhöht, gesteigert, also ein vollendetes oder vollkommenes, das sozusagen schon sein Ideal erreicht hat? Aber was kann es dann noch für Sklaven geben, ich bitte Sie! Man muß doch das Christentum wenigstens annähernd begreifen! Und was würde es dann die Korobotschka, die wahre Christin, noch angehen, ob ihre Bauern Leibeigene sind oder nicht? Sie wäre ihnen „Mutter“, eine richtige Mutter, und die „Mutter“ in ihr hätte sogleich die frühere „Herrin“ in ihr einfach ausgeschaltet, und das wäre ganz von selbst geschehen. Das frühere Verhältnis – dasjenige der Herrin zum Sklaven – wäre in dem Fall wie Nebel vor der Sonne verschwunden und die alten Menschen wären von anderen verdrängt worden, die in einem ganz neuen, vordem undenkbar gewesenen Verhältnis zueinander gestanden hätten. Und überhaupt wäre damit etwas schier Unglaubliches geschehen: es wären eben überall vollkommene Christen entstanden, solche, wie es ihrer bisher auch als einzelne freilich so wenige gegeben hat, daß man selbst diese kaum zu entdecken vermöchte. Übrigens sind ja Sie es, Herr Gradowskij, der diese phantastische Möglichkeit in Erwägung zieht, nicht ich, folglich dürfen Sie sich auch nicht den Folgerungen entziehen. Ich versichere Ihnen, Herr Gradowskij, daß die Bauern der Korobotschka dann freiwillig bei ihr geblieben wären, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil ein jeder sieht, wo er es am besten hat. Oder meinen Sie, daß die Bauern es mit Ihren Institutionen besser hätten, als bei der sie liebenden, wie eine leibliche Mutter für sie sorgenden Gutsbesitzerin? Desgleichen erlaube ich mir, Ihnen zu versichern, daß die Sklaverei zu Lebzeiten des Apostels Paulus nur deshalb auch in christlichen Gemeinden bestehen blieb, weil die damaligen, eben erst entstehenden Gemeinden noch nicht in dem Maße christlich waren, daß sie ein vollkommenes Christentum darstellten (was wir aus den Sendschreiben des Apostels ersehen). Aber die einzelnen Mitglieder der Gemeinden, die damals persönlich die Vollkommenheit erreichten, hatten auch keine Sklaven mehr und konnten sie ja gar nicht mehr haben, denn diese wurden sogleich zu ihren Brüdern, ein Bruder aber, ein wirklicher Bruder kann nicht seinen Bruder als Sklaven unter sich haben. Nach Ihren Worten müßte man dagegen annehmen, daß die Predigt der christlichen Lehre machtlos gewesen sei. Wenigstens schreiben Sie, daß durch die Predigt des Apostels die Sklaverei noch nicht geheiligt worden wäre. Andere Gelehrte aber, namentlich europäische Professoren der Geschichte, haben schon unzählige Male dem Christentum gerade das vorgeworfen, daß es angeblich die Sklaverei heilige. Das heißt aber, das Wesen der Sache nicht begreifen. Man stelle sich vor: die Madonna hätte Leibeigene und wollte diesen nicht die Freiheit geben. Welch ein Absurdum! Im Christentum, im wirklichen Christentum wird es Herren und Diener geben, aber ein Sklave ist undenkbar. Ich rede vom wahren, vollkommenen Christentum. Diener sind nicht Sklaven. Der Jünger Timotheus diente dem Apostel Paulus, als sie gemeinsam umherzogen, aber lesen Sie doch die Briefe Pauli an Timotheum: schreibt er an einen Sklaven, ja überhaupt an seinen Diener? Ich bitte Sie! – Das sind doch Briefe an seinen „Sohn Timotheus“ – an seinen „geliebten Sohn“! Ja, in einem solchen, gerade in einem solchen Verhältnis werden die Herren zu den Dienern stehen, wenn diese wie jene vollkommene Christen sind. Herren und Diener wird es geben, aber die Herren werden nicht Tyrannen sein, und die ihnen Dienenden nicht von ihnen Tyrannisierte. Stellen Sie sich vor, daß es in der zukünftigen Gesellschaft einen Kepler, einen Kant, einen Shakespeare gibt: sie leisten die große geistige Arbeit für alle, und alle wissen das und verehren und schätzen sie. Natürlich hat Shakespeare keine Zeit, sagen wir, sein Zimmer aufzuräumen. Glauben Sie mir, unter solchen Voraussetzungen wird unbedingt ein anderer Bürger zu ihm kommen, um ihm zu dienen, er wird es freiwillig tun, wird ungebeten die geringe Arbeit bei Shakespeare verrichten: sein Zimmer aufräumen usw. Wird er deshalb erniedrigt oder ein Sklave sein? Keineswegs. Er weiß, daß Shakespeare unvergleichlich nützlicher ist als er und er sagt sich oder ihm: „Dafür sei dir Ruhm und Ehre, und mir ist es eine Freude, dir dienen zu können. Soviel ich’s kann, trage ich auch meinen Teil zur großen Tat bei, indem ich dir Stunden des Schaffens erhalte, doch bin ich deshalb noch kein Sklave. Gerade durch diese meine Erkenntnis, daß du, Shakespeare, dank deinem Genie höher stehst als ich, habe ich bewiesen, indem ich zu dir kam, um dir zu dienen, daß ich an sittlicher Menschenwürde dir keineswegs nachstehe, sondern als Mensch dir ebenbürtig bin.“ Oder vielmehr, er wird das gar nicht sagen. Es wäre schon allzu selbstverständlich. Solche Fragen sind ganz ausgeschlossen, ja undenkbar. Denn die Menschen werden dann wirklich neue Menschen sein, Kinder Christi, und werden das ehemalige Tier in sich überwunden haben.
Sie werden freilich hierauf erwidern, dies sei eine phantastische Zukunftsillusion. Aber mit dem Phantasieren habe ja nicht ich den Anfang gemacht, sondern Sie, und Sie verstiegen sich sogar so weit, daß Sie sich die Korobotschka als eine vollkommene Christin denken konnten, die jedoch ihren „leibeigenen Kindern“ die Freiheit vorenthält. Das ist wohl etwas phantastischer als alles von mir Geschriebene.
Nun werden vielleicht die klugen Leute lachend einwenden: „Ja, wozu sich dann noch um die Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe bemühen, wenn wirkliches Christentum, wie aus alledem hervorgeht, auf der Erde überhaupt nicht vorhanden ist, oder falls doch, dann nur so selten, daß man diese vereinzelten Fälle kaum wahrnehmen kann, anderenfalls (wie wiederum aus meinen eigenen Worten hervorgeht) wäre ja sofort alles beigelegt, jegliche Sklaverei vernichtet, die Typen vom Schlage der Korobotschka würden sich in lichte Genien verwandeln und den Menschen bliebe nichts weiter übrig, als Gott dem Herrn eine Hymne zu singen!“ Ja, natürlich, meine Herren Spötter, wirkliche Christen gibt es noch entsetzlich wenige (aber immerhin gibt es doch schon einige!). Woher aber wissen Sie, wievieler es bedarf, damit das Ideal des Christentums im Herzen des Volkes nicht stirbt und mit diesem Ideal auch seine große Hoffnung erhalten bleibt? Ins Weltliche übersetzt: wievieler unverfälschter treuer Bürger bedarf es, damit in der Gemeinschaft der Menschen die Idealgestalt eines Bürgers nicht vergessen wird? Auch diese Frage werden Sie schwerlich beantworten können. Hier handelt es sich um eine Sozialökonomie von eigener Art, von einer ganz besonderen Art, die uns noch unbekannt ist und die sogar auch Sie, Herr Gradowskij, noch nicht kennen.
Wieder wird man einwenden: wenn die große Idee nur so wenige Anhänger hat, von welchem Nutzen kann sie dann sein? Ja aber wer vermag denn jetzt schon zu sagen, von welchem Nutzen sie schließlich sein, was sie zu guter Letzt bewirken wird? Offenbar ist bisher nur das Eine nötig gewesen: daß der große Gedanke nicht starb. Ganz etwas anderes ist es dagegen jetzt, wo etwas Neues in der Welt herannaht und man bereit sein muß ... Und übrigens handelt es sich hier gar nicht um den Nutzen, sondern um die Wahrheit. Denn wenn ich felsenfest daran glaube, daß die Wahrheit hierin liegt, gerade hierin, woran ich glaube, was geht es mich dann an, daß die ganze Welt an meine Wahrheit nicht glaubt, mich verspottet und einen anderen Weg geht? Gerade darin liegt doch die Macht eines großen ethischen Gedankens, gerade dadurch vereint er die Menschen zum stärksten Verband, daß er sich nicht nach seinem sofortigen Nutzen bewerten läßt, sondern die Menschen in die Zukunft leitet, zu ewigen Zielen, zu absoluter Freude. Wodurch wollten Sie sonst die Menschen zur Verwirklichung Ihrer sozialen Ideale vereinigen, wenn Sie keine Grundlage in einer uranfänglichen großen sittlichen Idee haben? Diese sittlichen Ideen haben aber alle das eine gemeinsam: daß sie ausnahmslos auf der Idee der persönlichen absoluten Vervollkommnung am letzten Ende, d. h. als Ideale beruhen, denn diese Vervollkommnung enthält alles in sich, alles Streben, alles unendliche Verlangen, und folglich ist sie, gerade sie der Mutterschoß aller unserer sozialen, bürgerlichen Ideale. Versuchen Sie es doch mal, die Menschen zu einer bürgerlichen Gesellschaft zu vereinigen: zu dem einzigen Zweck, um für ihre „Bäuchlein zu leben“! Die sittliche Antwort auf Ihren Versuch wäre die Formel: „Chacun pour soi et Dieu pour tous.“ Unter dieser Formel wird aber keine einzige bürgerliche Gesellschaft lange bestehen, Herr Gradowskij.
Doch ich gehe noch weiter und beabsichtige, Sie in Erstaunen zu setzen.
So hören Sie denn, Herr Professor, daß es speziell soziale Ideale, die mit ethischen Idealen in keiner organischen Verbindung stehen, die vielmehr für sich ganz allein bestehen, also vom Ganzen abgeteilte Ideale, wie Sie sie mit Ihrem gelehrten Messerchen abteilen zu können meinen, ferner, daß es solche soziale Ideale, die äußerlich übernommen und an jeden beliebigen neuen Ort verpflanzt werden könnten und daselbst zu gedeihen vermöchten, als „Institution“ wie Sie sich ausdrücken – daß es solche Ideale, sage ich, überhaupt nicht gibt, noch je gegeben hat und auch gar nicht geben kann! Ja, und was ist denn eigentlich ein soziales Ideal, wie ist dieses Wort überhaupt zu verstehen?
Sein Wesen liegt natürlich in dem Bestreben der Menschen, eine Formel für ihre soziale Organisation zu finden, eine möglichst fehlerlose und allen gerecht werdende Formel – nicht wahr? Aber diese Formel ist den Menschen unbekannt, sie suchen sie schon seit Tausenden von Jahren, seit dem Anfang ihrer geschichtlichen Entwicklung und können sie nicht finden. Die Ameise kennt die Formel ihres Ameisenbaues, die Biene die ihres Stockes (wenn sie sie auch nicht nach Menschenart kennen, so kennen sie sie doch in ihrer eigenen Art und mehr ist ja nicht nötig), aber der Mensch kennt seine Formel nicht. Wenn das aber der Fall ist, woher sollte dann wohl das Ideal einer sozialen Organisation in die menschliche Gesellschaft gekommen sein? Verfolgen Sie die Geschichte und Sie werden sogleich sehen, woher das Ideal kommt. Sie werden sehen, daß es einzig und allein ein Erzeugnis der sittlichen Vervollkommnung der einzelnen Menschen ist: damit fängt es an, und so ist es von jeher gewesen und wird ewig so bleiben. Als erstes sehen wir in der Geschichte jedes Volkes, jeder Nationalität, daß die sittliche Idee der Entstehung der betreffenden Nationalität immer vorangegangen ist, denn gerade sie ist das, was die nationale Besonderheit bildet, sie erst erschafft die Nationalität. Hervorgegangen aber ist diese sittliche Idee immer aus mystischen Ideen, aus Überzeugungen, daß der Mensch ewig sei, unsterblich, daß er nicht wie ein gewöhnliches Erdentier nur sein Leben friste, sondern mit anderen Welten und der Ewigkeit verbunden sei. Diese Überzeugungen sind immer und überall zur Religion geworden, zum Bekenntnis der neuen Idee, und stets hat sich dann, kaum daß die neue Religion entstanden war, sogleich auch staatlich eine neue Nation gebildet. Nehmen Sie z. B. die Juden oder die Muselmänner: bei ersteren bildete sich die Nation erst nach der Gesetzgebung durch Moses, obschon sie bereits mit dem Gesetz Abrahams begonnen hatte, und ebenso sind die mohammedanischen Nationen erst nach dem Koran entstanden. Um den empfangenen geistigen Schatz zu erhalten, beginnen die Menschen sogleich, sich zusammenzuschließen, und dann erst, in eifriger gemeinsamer Arbeit „nebeneinander, füreinander und miteinander“ (wie Sie sich beredt ausdrücken) – dann erst fangen die Menschen an, auch danach zu suchen, wie sie sich wohl so einrichten könnten, daß von dem erhaltenen Schatz nichts verloren gehe, dann suchen sie nach einer sozialen Formel des gemeinschaftlichen Lebens, nach einer Staatsform, die ihnen am ehesten helfen könnte, suchen jenen sittlichen Schatz, den sie erhalten, wenn möglich über die ganze Welt hin zu seinem vollsten Glanz zu entfalten und zu seinem größten Ruhme zu erheben. Und wohlgemerkt, sobald nach Ablauf der Zeiten und Jahre (denn auch hierin waltet ein Gesetz, das wir freilich nicht kennen) in der betreffenden Nation das geistige Ideal zu verfallen begann, da begann zugleich auch die Nation zu verfallen und mit ihr auch ihr ganzer Staatsbau, und es verblich auch das soziale Ideal, das sich inzwischen in ihr gebildet hatte. Von welcher Art der Charakter der Religion eines Volkes ist, von dem Charakter sind auch die sozialen Formen dieses Volkes. Folglich sind die sozialen Ideale mit den sittlichen Idealen stets unmittelbar und organisch verbunden, doch die Hauptsache ist, daß sie einzig und allein aus diesen hervorgehen. Ganz für sich allein aber entstehen sie nie, denn indem sie entstehen, ist ihr Zweck nur die Befriedigung des sittlichen Strebens der betreffenden Nation, je nachdem wie und inwieweit dieses sittliche Streben in ihr entstanden und vorhanden ist. Folglich aber ist die „persönliche Vervollkommnung im religiösen Geiste“, wie wir sehen, im Leben der Völker die Grundlage alles weiteren, denn die persönliche Vervollkommnung ist nichts anderes als die Ausübung der empfangenen Religion. Die „sozialen Ideale“ aber entstehen nie ohne dieses Streben nach Selbstvervollkommnung und können auch gar nicht ohne dasselbe entstehen. Sie werden vielleicht bemerken, auch Sie hätten ja gesagt, daß die „persönliche Vervollkommnung der Anfang alles weiteren“ sei und daß Sie nichts mit einem Messer geteilt hätten. Das aber ist es ja gerade, daß Sie dies doch getan haben, daß Sie einen lebendigen Organismus zerschnitten und somit in zwei einzelne Hälften geteilt haben. Die persönliche Vervollkommnung ist nicht nur „der Anfang alles weiteren“, sondern auch die Fortsetzung des Ganzen und sogar den Ausgang begreift sie in sich. Sie umfaßt, erschafft und erhält den Organismus der Nation und zwar nur sie allein. Nur für sie lebt die soziale Formel der Nation, da sie doch nur zu dem Zweck gesucht wird, um den ursprünglichen ersten Schatz zu erhalten. Wenn aber in der Nation das Bedürfnis nach allgemeiner einzelner Vervollkommnung in dem Geiste, der dies Bedürfnis hervorgerufen, erlischt, dann verschwinden allmählich auch alle „bürgerlichen Einrichtungen“, da es dann nichts mehr zu erhalten gibt. Deshalb kann man unter keinen Umständen dem zustimmen, was Sie in folgenden Worten ausdrücken:
„Dies ist auch der Grund, weshalb die soziale Vollkommenheit der Menschen in so hohem Maße von der Vollkommenheit der sozialen Institutionen abhängt, die im Menschen wenn nicht christliche, so doch bürgerliche Werte heranbilden.“
„Wenn nicht christliche, so doch bürgerliche“! Sieht man hier nicht das Messer des Gelehrten, das Unteilbares trennt, das den ganzen, in sich abgeschlossenen lebendigen Organismus in zwei getrennte tote Hälften teilt, in eine sittliche und eine bürgerliche?
Sie werden vielleicht sagen, daß sowohl in den „sozialen Institutionen“ wie in der Rolle des „Bürgers“ die größte sittliche Idee enthalten sein kann, daß in bereits ausgereiften, entwickelten Nationen die „bürgerliche Idee“ stets an die Stelle der anfänglichen religiösen Idee tritt, die sich also gewissermaßen zu jener entwickle und der jene daher durchaus rechtmäßig folge.
Ja, das behaupten allerdings viele, wir aber können für die Richtigkeit dieser Auffassung kein einziges historisches Beispiel finden. Wenn die sittlich-religiöse Idee in der Nation sich überlebt hatte, so setzte immer nur ein panisch ängstliches Vereinigungsbedürfnis ein, nämlich zu dem Zweck, um für den Fall, daß etwas geschehen sollte, „die Bäuchlein zu retten“ – andere Ziele kennt die bürgerliche Vereinigung dann nicht mehr. Da vereinigt sich gerade jetzt die französische Bourgeoisie, und vereinigt sich nur zu diesem Zweck: um die eigenen Bäuchlein vor dem vierten Stand, der schon die Tür, die zu ihr führt, zu zertrümmern droht, sicherzustellen. Aber das „Retten der eigenen Bäuchlein“ ist von allen Ideen, die die Menschen zu vereinigen suchen, die schwächste und letzte, in jeder Beziehung. Sie ist schon der Anfang vom Ende, ist die Vorahnung des Endes. Sie vereinigen sich, und dabei spitzen doch alle die Ohren und äugen ängstlich, um bei der ersten Gefahr möglichst schnell auseinanderzustieben. Und was könnte dann die „Institution“ als solche, als etwas für sich allein Genommenes, wohl noch retten? Gäbe es Brüder, so gäbe es auch eine Brüderschaft. Wenn es aber keine Brüder gibt, so können Sie durch keine einzige „Institution“ Brüderschaft erzielen. Was für einen Sinn hat es, überhaupt eine „Institution“ zu schaffen und mit der Aufschrift „Liberté, Egalité, Fraternité“ zu versehen? Erreichen werden Sie mit einer solchen Institution entschieden nichts, so daß man dann wohl – oder vielmehr unfehlbar, oder sogar unbedingt – zu den drei Worten noch etwas als viertes hinzufügen müßte, nämlich: „ou la mort“. „Fraternité ou la mort“ – und die Brüder werden den Brüdern die Köpfe abschlagen, um durch eine „bürgerliche Institution“ Brüderschaft einzuführen. Das ist nur ein Beispiel, aber ein gutes. Sie, Herr Gradowskij, suchen, wie auch Aleko es tut, die Rettung in Äußerlichkeiten. Sie meinen: Mag es auch bei uns in Rußland auf Schritt und Tritt nur Dummköpfe und Spitzbuben geben (vielleicht hat es auch wirklich den Anschein, natürlich je nach dem Standpunkt), aber da brauchte man nur irgendeine europäische „Einrichtung“ aus Europa nach Rußland zu verpflanzen und es wäre, Ihrer Ansicht nach, alles gerettet. Die mechanische Übernahme europäischer Formen (Formen, die dort vielleicht morgen schon zusammenbrechen werden), die unserem Volk fremd und seiner Art nicht angepaßt sind, ist bekanntlich der Hauptgedanke der russischen Westler. Übrigens belieben Sie, Herr Gradowskij, indem Sie Rußland seine schlechte Organisation vorwerfen und ihm Europa vorhalten, sich wörtlich auszudrücken:
„Vorläufig aber können wir uns nicht einmal in jenen Fragen und Widersprüchen zurechtfinden, die Europa bereits längst beantwortet und überwunden hat.“
Wie, Europa und bereits überwunden? Wer hat Ihnen nur so etwas aufbinden können? Dieses Europa ist doch schon am Vorabend seines Falles angelangt, eines Falles, der ausnahmslos allgemein und furchtbar sein wird. Der Ameisenbau ohne Kirche und ohne Christus (denn die Kirche, die ihr Ideal getrübt hat, hat sich dort allerorten schon längst in einen Staat verwandelt) mit seinem bis auf den Grund erschütterten sittlichen Prinzip, dieser Ameisenbau, der alles Gemeinsame und alles Absolute eingebüßt hat – dieser Ameisenbau ist, behaupte ich, bereits so gut wie untergraben. Der vierte Stand fängt an sich zu erheben, schon pocht er an die Tür und begehrt Einlaß, und wenn man ihm den nicht gewährt, wird er die Tür zertrümmern. Er will nicht die früheren Ideale, er verwirft jedes Gesetz, das bisher gegolten. Auf Kompromisse und Nachgeben läßt er sich nicht mehr ein, mit schwachen Stützen und kleiner Hilfe werden Sie da das Gebäude nicht retten. Nachgiebigkeit im Kleinen feuert nur an, und der vierte Stand will alles haben. Es wird etwas einsetzen, was bisher noch niemand für möglich gehalten hat. Alle diese parlamentarischen Regierungsysteme, alle gegenwärtig herrschenden sozialen Theorien, alle zusammengescharrten Reichtümer, alle Banken, Wissenschaften und Juden, alles das wird im Nu zunichte werden – außer den Juden natürlich, die auch dann den Kopf nicht verlieren und wieder obenauf sein werden, so daß der Krach ihnen sogar zugute kommen dürfte. Alles das „steht nahe vor der Tür“. Sie belieben zu lachen? Selig sind die Lachenden. Gäbe Gott Ihnen langes Leben, damit Sie alles mit eigenen Augen schauen. Dann werden Sie sich wundern. Oder Sie erwidern mir hierauf lachend: „Da muß ja Ihre Liebe zu Europa von recht absonderlicher Art sein, wenn Sie Europa einen solchen Ausgang prophezeien!“ Ja, freue ich mich denn? Ich sage es ja nur in der Vorahnung, daß die Summe schon so gut wie gezogen ist. Die endgültige Abrechnung aber, das Quittieren jener Summe, kann sogar viel früher erfolgen, als selbst die stärkste Phantasie es sich ausdenken könnte. Die Symptome sind furchtbar. Allein schon die ewig alte unnatürliche politische Lage der europäischen Staaten könnte den Anfang bilden. Aber wie sollte sie auch natürlich sein, wenn die Unnatur schon in ihrer Grundlage ruht und sich im Laufe von Jahrhunderten aufgehäuft hat. Es kann nicht ein kleiner Teil der Menschheit die ganze übrige Menschheit wie einen Sklaven beherrschen, einzig zu diesem Zweck aber sind bisher alle bürgerlichen (schon lange nicht mehr christlichen) Einrichtungen im jetzt vollkommen heidnischen Europa entstanden. Diese Unnatürlichkeit und diese „unlösbaren“ politischen Probleme (die übrigens allen bekannt sind) müssen unfehlbar zum großen, endgültigen, abrechnenden, politischen Kriege führen, in den alle hineingezogen werden und der noch in diesem Jahrhundert, vielleicht sogar schon in diesem Jahrzehnt, ausbrechen wird. Was meinen Sie: vermag die Gesellschaft dort einem langen politischen Krieg jetzt noch standzuhalten? Der Fabrikant ist ängstlich und leicht zu erschrecken, der Jude gleichfalls, sie würden, sobald der Krieg sich etwas in die Länge zieht, oder nur droht, sich in die Länge zu ziehen, sogleich alle ihre Fabriken und Banken schließen, und die Millionen hungriger entlassener Proletarier werden auf die Straße gesetzt sein. Oder hoffen Sie etwa auf die Vernunft der Staatsmänner und darauf, daß diese es nicht zum Kriege kommen lassen werden? Aber wann hat man denn jemals auf diese Vernunft bauen können? Oder hoffen Sie vielleicht auf die Parlamente? – daß diese nicht die Mittel zum Kriege bewilligen werden, weil sie etwa die Folgen voraussähen? Ja, aber wann haben denn die Parlamente irgendwelche Folgen vorausgesehen und einem auch nur ein wenig energischen oder wenigstens beharrlichen Staatsmann die Mittel verweigert? Und so setzt der Krieg den Proletarier auf die Straße. Was meinen Sie, wird er auch jetzt wieder nach alter Art geduldig warten und hungern? – jetzt, nach den Siegen des politischen Sozialismus, nach der „Internationale“, den Kongressen der Sozialisten und der Pariser Kommune? Nein, jetzt wird es anders sein: die Proletarier werden sich auf Europa stürzen und alles Alte auf ewig zerstören. Erst an unserem russischen Ufer werden die Wogen zerschellen, denn dann erst wird es sich allen sichtbarlich offenbaren, in welchem Maße unser nationaler Organismus sich von den europäischen Organismen unterscheidet. Dann werden auch Sie, meine Herren Doktrinäre, sich vielleicht besinnen und bei uns die „volklichen Grundelemente“ zu suchen anfangen, über die Sie jetzt nur zu lachen verstehen. Und dabei, meine Herren, weisen Sie jetzt, gerade jetzt auf dieses Europa hin und empfehlen es uns als Vorbild und fordern uns auf, bei uns jene selben „Einrichtungen“ einzuführen, die dort morgen schon stürzen werden, als das überlebte Absurdum, das sie sind, jene „Einrichtungen“, an die auch in Europa klügere Leute schon längst nicht mehr glauben, und die sich nur nach den Gesetzen des Beharrungsvermögens bis jetzt noch erhalten haben. Ja, und wer könnte denn überhaupt – außer einem Doktrinär – die Komödie dieser bourgeoisen Vereinigung, die wir in Europa sich abspielen sehen, für die normale Formel menschlicher Vereinigung auf Erden halten? Und diese Leute, sagen Sie, hätten bei sich zu Hause ihre Probleme schon längst gelöst! Etwa nach den zwanzig Konstitutionen binnen weniger als einem Jahrhundert und nach wenig weniger als zehn Revolutionen? Oh, vielleicht, – nur werden wir uns dann, für einen Augenblick von Europa befreit, bereits selbständig, ohne europäische Vormundschaft, mit unseren eigenen sozialen Idealen befassen, die unbedingt in Christus und der Idee der persönlichen Vervollkommnung wurzeln, Herr Gradowskij. Sie werden nun wieder fragen: was für eigene, von Europa unabhängige soziale Ideale kann es denn bei uns geben? Ja, soziale Ideale – bessere, als Ihre europäischen, stärkere als Ihre europäischen, stärkere und sogar – o Entsetzen! – freisinnigere als es die Ihrigen sind! Ja, freisinnigere, denn sie kommen unmittelbar aus dem Organismus unseres Volkes und sind nicht lakaienhaft unpersönliche Kopien europäischer Vorbilder. Hier kann ich natürlich nicht näher darauf eingehen, wenn auch nur deshalb nicht, weil der Artikel ohnehin lang geworden ist. Übrigens – erinnern Sie sich: was war und was wollte die älteste christliche Kirche sein? Sie bildete sich sogleich nach Christus, damals nur aus einigen wenigen Menschen, und sogleich, fast schon in den ersten Tagen nach Christus, war sie bestrebt, ihre „bürgerliche Formel“ zu finden, die restlos auf der sittlichen Hoffnung und der Idee der Wiedergeburt und Erneuerung des Geistes auf Grund der persönlichen Vervollkommnung beruht. Es entstanden christliche Gemeinden, Kirchen, und dann begann schnell eine neue, bis dahin noch nie gesehene Nationalität zu entstehen – eine allbrüderliche, allmenschliche in der Form der allgemeinen ökumenischen Kirche. Aber sie wurde verfolgt, ihr Ideal entwickelte sich gleichsam unterirdisch – über ihm aber, auf der Erde, entstand gleichfalls etwas Großes, ein riesenhaftes Gebäude, ein ungeheurer Ameisenbau: das römische Imperium, das gleichfalls so etwas wie ein Ideal und eine Auslösung des sittlichen Strebens in der ganzen alten Welt war. Es erschien der Menschgott, und das Imperium nahm als religiöse Idee Gestalt an, es ward Gestalt einer Idee, die in sich und durch sich allem sittlichen Streben der ganzen alten Welt den Ausweg bot. Aber der Ameisenhaufen ward von der Kirche untergraben. Es kam zum Zusammenstoß der beiden entgegengesetztesten Ideen, die es überhaupt auf der Erde geben kann: der Menschgott stieß auf den Gottmensch, Apollon auf Christus. Und es kam zum Kompromiß: das Imperium nahm das Christentum an und die Kirche das römische Recht und seine Staatsform. Ein kleiner Teil der Kirche ging in die Einsamkeit und setzte in der Einsiedelei die frühere Arbeit fort: Es entstanden wieder christliche Gemeinden, dann Klöster – alles freilich nur Versuche, sogar bis zum heutigen Tage. Der andere riesengroße Teil der Kirche teilte sich in der Folge, wie Sie wissen, in zwei Hälften. In der westlichen Hälfte ging die Kirche zu guter Letzt vollständig in den Staat auf. Und als das Imperium unterging, trat die Kirche an seine Stelle – sie hatte sich endgültig verwandelt und war tatsächlich zum Staat geworden. Das Papsttum war die Fortsetzung des alten römischen Staates, nur in seiner neuen Form.
In der östlichen Hälfte dagegen ward der Staat vom Schwerte Mohammeds zerstört und so blieb ihr nur Christus, ein Christus, der vom Staat ganz abgesondert war. Das Land aber, das dann von Byzanz aus diesen Christus annahm und von neuem erhob, hat so grauenvoll unter Feinden, unter dem Tatarenjoch, unter Unordnung im Reich, unter der Leibeigenschaft, unter Europa und dem imitierten Europäertum zu leiden gehabt und erträgt auch jetzt noch so unendlich viel Schweres, daß seine soziale Formel – im Sinne des Geistes der Liebe und der christlichen Selbstvervollkommnung – sich in ihm allerdings noch nicht hat ausarbeiten können. Nur haben Sie, Herr Gradowskij, deshalb wohl noch nicht das Recht, diesem Volk daraus einen Vorwurf zu machen. Vorläufig ist unser Volk meinetwegen erst nur der Träger Christi, auf den allein es denn auch seine ganze Hoffnung setzt. Es nennt sich, den Mann aus dem Volke, „Krestjanin“[30], d. h. soviel wie „Christjanin“, und das ist nicht nur ein leeres Wort, sondern hierin liegt eine Idee, die seine ganze Zukunft ausfüllen wird.
Sie, Herr Gradowskij, machen Rußland seine Unordnung zum Vorwurf. Aber wer hat denn in diesen ganzen letzten zwei Jahrhunderten und namentlich in den letzten fünfzig Jahren eine bessere innere Einrichtung des Landes am meisten verhindert? Das waren doch gerade immer nur die Leute Ihres Schlages, Herr Gradowskij, die sogenannten russischen Europäer, die in den ganzen zwei Jahrhunderten nicht ausstarben und sich jetzt noch ganz besonders breit machen. Wer ist der größte Feind der organischen und selbständigen Entwicklung Rußlands auf seinen eigenen volklichen Grundlagen? Wer ist es, der spöttisch und hochmütig nicht einmal das Vorhandensein dieser Grundlagen anerkennt und sie überhaupt nicht bemerken will?! Wer ist es, der unser Volk – nach irgendwelchen illusorischen Begriffen nennen sie es: „zu sich emporheben“ – umwandeln will?! d. h. einfach alle zu solchen machen, wie diese Herren selber sind, zu liberalen Pseudoeuropäern, indem sie von der Masse des Volkes immer wieder je ein Menschlein abreißen und verführen und „entarten“, d. h. verderben und zum Europäer wandeln, sei es auch nur insoweit, als man das mit europäisch zugeschnittenen Rockschößen erreichen kann?! Damit sage ich nicht, daß der Europäer verderbt sei; ich sage nur, daß einen Russen auf diese Weise in einen Europäer verwandeln, wie unsere Liberalen es tun, oft nichts anderes als einfach „verderben“ bedeutet. Gerade das aber ist das Ideal, das Programm ihrer Tätigkeit: von Zeit zu Zeit ein Menschlein von der ganzen Masse abzureißen – das ist ihr Bestreben. Wie absurd! Und so wollten sie alle achtzig Millionen unseres Volkes nach und nach umwandeln? Ja, glauben Sie denn wirklich im Ernst, daß unser Volk als Ganzes, die einheitliche Masse des Volkes, jemals einwilligen werde, etwas ebenso Unpersönliches zu werden, wie es diese russischen Herren Europäer sind?