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Sämtliche Werke 12 cover

Sämtliche Werke 12

Chapter 20: Der Byronismus (1877)
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About This Book

Eine Sammlung journalistischer und essayistischer Texte, Vorträge und Notate, die literarische Kritik, persönliche Erinnerungen und philosophische Besinnungen verbindet. Der Band behandelt russische Literatur und Autoren, Reflexionen über Byronismus und zeitgenössische Romane, sowie Untersuchungen zum russischen Nihilismus, zum sozialen Milieu, zu Schuld, Selbstmord und Unsterblichkeit. Dazu kommen Einführungen zur Lebens- und Arbeitssituation des Autors, Auszüge aus Tagebuchblättern und pointierte Feuilletons, die das publizistische Wirken und den Gesprächskreis beleuchten. Stilistisch wechseln analytische Essays, polemische Artikel und fragmentarische Notizen, sodass ein facettenreiches Bild literarischer, sozialer und existenzieller Themen entsteht.

Der Byronismus
(1877)

Unsere beiden großen Dichter vom Anfang des Jahrhunderts, Puschkin und Lermontoff, waren „Byronianer“. Dieses Wort wurde am Grabe Nekrassoffs in einem Tone gesagt, als wäre es ein Scheltwort. Wer es aber in diesem Sinne gebraucht, befindet sich in einem Irrtum.

Der „Byronismus“ war allerdings nur eine vorübergehende, fast nur momentane, aber, an sich betrachtet, doch große, notwendige und heilige Erscheinung im Leben der europäischen Geister oder sogar im Leben der ganzen Menschheit. Er entstand in einer Zeit der allgemeinen Enttäuschung, wenn nicht gar Verzweiflung. Mit überschwenglicher Begeisterung hatte man die neuen Ideale des neuen Glaubens, der gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts von Frankreich verkündet wurde, aufgenommen, – als plötzlich der Verlauf der Dinge in der führenden Nation Europas eine Wendung nahm, die so wenig den großen Erwartungen entsprach und die Menschen in ihrem hoffnungsvollen Glauben so tief enttäuschte, daß gerade jene Zeit für die suchenden Geister vielleicht die traurigste Zeit war, die die Geschichte Westeuropas kennt. Und nicht nur aus äußeren (politischen) Gründen stürzten die für einen Augenblick erhobenen Götzen, sondern ebenso infolge ihres inneren Bankrotts, was denn auch alle führenden Geister und alle starken Herzen sofort erkannten. Aber der neue Ausweg war noch nicht zu finden, noch öffnete sich keine neue Tür, und so rang man mit dem Ersticken, rang innerhalb eines entsetzlich verkleinerten Horizonts und unter einem drückend tief herabgesenkten Himmel. Die alten Götterbilder lagen in Trümmern, die neuen aber blieben aus. Das war die Zeit, die ihren dichterischen Ausdruck in einem großen Genie, einem leidenschaftlichen Dichter fand. Aus seinen Strophen tönte die damalige Sehnsucht der Menschheit, sprach zugleich ihre finstere Enttäuschung, ja ihr Irrewerden an ihrem Lebenszweck und an ihren Idealen, von denen sie sich betrogen sah. Byrons Muse war damals eine neue, noch völlig unbekannte Muse der Vergeltung und Trauer, der Verwünschung und Verzweiflung. Und dieser Geist, der aus Byron sprach, sprach plötzlich aus der ganzen Menschheit: aus allen Ländern hörte man einen Widerhall seiner Stimme. Der Byronismus – der war nun gleichsam die erste Tür, die sich öffnete; oder wenigstens war in der allgemeinen traurigen Stimmung, die zum größten Teil ganz unbewußt sein mochte, gerade Byrons Stimme jener mächtige Schrei, in dem sich alles Gestöhn der Menschheit sammelte. Wie hätte er da nicht auch bei uns ein Echo finden sollen, und noch dazu in einem so großen, genialen und führenden Geist wie Puschkin? Denn dem Byronismus konnte sich bei uns damals weder ein größerer Geist, noch ein großes Herz verschließen, und das war durchaus natürlich und geschah nicht etwa nur aus Mitgefühl mit Europa und der europäischen Menschheit, so aus der Ferne, sondern weil auch bei uns in Rußland gerade zu jener Zeit gar zu viele neue, gleichfalls noch ungelöste und quälende Probleme auftauchten und auch noch gar zu viele alte Enttäuschungen zu verwinden waren ... Aber die Größe Puschkins, als führendes Genie, bestand ja gerade darin, daß er so schnell und als einziger in einer fast vollständig verständnislosen Umgebung den festen Weg, den großen und ersehnten Ausweg für uns Russen fand und auf ihn hinwies. Dieser Ausweg aus der Verzweiflung, diese Rettung war – das Volk, die Anerkennung des russischen Volksgeistes und die Einsicht, daß wir uns seiner Wahrheit unterwerfen müssen.