Der Roman „Anna Karénina“, als eine Tatsache von besonderer Bedeutung
In den Kreisen unserer Intelligenz pflegen jetzt viele, wenn man mit ihnen vom Volk spricht, gegen ein Auseinanderhalten von Volk und Intelligenz zu protestieren: „Was für ein Volk? Auch ich bin Volk!“ heißt es.
Im achten Teil des Romans „Anna Karenina“ sagt Lewin, der geliebte Held des Autors, auch von sich, daß er Volk sei. Diesen Lewin habe ich früher einmal einen Menschen mit reinem Herzen genannt. Obschon ich nun unverändert fortfahre, an die Reinheit seines Herzens zu glauben, glaube ich doch nicht, daß er – Volk sei. Im Gegenteil, ich sehe jetzt, daß auch er sich mit Vorliebe absondert. Überzeugt habe ich mich davon, als ich diesen achten und letzten Teil des Romans las. Lewin ist ja allerdings keine gegenwärtige, keine lebende Persönlichkeit, sondern nur die Phantasiegestalt eines Schriftstellers; aber dieser Schriftsteller, der ein ungeheures Talent, ein bedeutender Geist und ein von der Intelligenz Rußlands überaus geachteter Mensch ist, läßt diese Phantasiegestalt auch seine, des Autors, persönlichen Ansichten entwickeln, was besonders deutlich in diesem letzten Teil geschieht, wobei er in scharfen Widerspruch mit der gegenwärtigen russischen Wirklichkeit gerät. Das aber dürfte doch schon ein ernstes Thema für eine Erörterung sein, selbst in unserer so bewegten Zeit, die voll ist von großen, erschütternden, in schneller Reihenfolge sich entwickelnden Ereignissen. Denn wenn wir von dem nicht existierenden Lewin reden, reden wir ja in Wirklichkeit von den Ansichten eines der bedeutendsten Russen unserer Zeit. Und diese Ansichten betreffen die gegenwärtige russische Tat: den Balkankrieg.
Das Wesentliche dieser Ansichten besteht, wenn ich den Autor richtig verstanden habe, hauptsächlich darin, daß unsere ganze sogenannte nationale Bewegung zugunsten der slawischen Brüder von unserem Volk keineswegs geteilt und sogar überhaupt nicht verstanden werde.
So sehen wir, daß auch Lewin, der Mensch mit dem reinen Herzen, sich von der riesigen Mehrzahl der Russen lossagt und absondert. Seine Ansicht ist übrigens gar nicht neu und originell. Sie wäre denen, die im letzten Winter bei uns in Petersburg fast ebenso dachten – und das waren ihrer sozialen Stellung nach durchaus nicht obskure Leute – sehr gelegen gekommen, weshalb man es bedauern könnte, daß das Buch ein wenig zu spät erschienen ist. Aus welchem Grunde diese finstere Absonderung Lewins erfolgte, vermag ich nicht festzustellen. Allerdings ist er ein heißer, „unruhiger“, alles analysierender Mensch, der streng genommen in keiner Beziehung sich selber traut. Aber immerhin ist dieser Mensch „reinen Herzens“, dabei bleibe ich, obschon es schwer zu erraten ist, auf welchen geheimen und mitunter sogar lächerlichen Wegen das widernatürlichste, künstlichste und sogar schändlichste Gefühl in manch ein beispielhaft aufrichtiges und reines Herz eindringen kann. Übrigens möchte ich noch vorausschicken, daß ich diesen Lewin doch nicht mit der Person des Autors identifiziere, obwohl der Autor, wie sehr viele behaupten und wie auch ich deutlich sehe, seine eigenen Überzeugungen und Ansichten durch Lewin aussprechen läßt, ja sie ihm oft fast mit Gewalt in den Mund legt, bisweilen sogar auf Kosten der künstlerischen Geschlossenheit des gezeichneten Charakters. Ich sage das aus einer gewissen bitteren Verwunderung heraus, denn wenn auch sehr vieles von dem, was Lewin sagt, nur die Ansichten Lewins, des erdichteten Menschen, des künstlerisch dargestellten Charakters sind, so kann ich doch nicht leugnen, daß ich, was des Autors eigene Ansichten betrifft, nicht solche Ansichten gerade von diesem Autor erwartet hätte!
Hier sehe ich mich gezwungen, zunächst einzelne meiner Gefühle darzulegen, trotz meines Vorsatzes mich nicht mit literarischer Kritik zu befassen. Aber wenn ich diese Ansichten auch gelegentlich der Kritik eines literarischen Werkes ausspreche, so haben sie doch nichts mit denen eines Literaturkritikers zu schaffen. Tatsächlich schreibe ich in diesem „Tagebuch“ alle meine Gedanken über meine Eindrücke nieder, schreibe somit über alles, was mir von den laufenden Ereignissen und Vorgängen bemerkenswert erscheint, und da habe ich es mir nun Gott weiß weshalb zum Vorsatz gemacht, von meinen vielleicht stärksten Eindrücken zu schweigen, bloß deshalb, weil sie die russische Literatur betreffen. Natürlich lag diesem Vorsatz ein ganz richtiger Gedanke zugrunde, aber eine buchstäbliche Befolgung des Vorsatzes ist dennoch nicht richtig, das sehe ich jetzt ein, eben weil es eine Befolgung des Buchstabens wäre. Zudem ist dieser Roman in meinen Augen nicht mehr ein einfaches literarisches Werk, sondern schon eine ganze nationale Tat, ein Faktum von bereits ganz anderer Bedeutung. Diese Tat, die die Schöpfung dieses Romans zweifellos ist, fiel für mich in diesem Frühjahr mit der enormen Tat der Kriegserklärung zusammen und in meinem Geist sah ich beide Taten sofort in Verbindung miteinander, denn ich fand zwischen ihnen einen mich selbst überraschenden bedeutungsvollen Zusammenhang.
Im April begann unser großer Krieg für eine große hochherzige Idee: die geknechteten und mißhandelten slawischen Völker zu befreien und ihnen ein neues Leben zu ihrem und der Menschheit Wohl wiederzugeben. Dieser Zweck des Krieges ist für Europa so unbegreiflich, daß es ihn nur für einen listigen Vorwand hält und uns mit allen Mitteln zu schaden sucht. So hat es sich schon mit unserem Feinde gegen uns verbündet – wenn auch nicht in einem offiziellen Bündnis –, um wenigstens heimlich gegen uns zu kämpfen, in Erwartung des offenen Kampfes. Doch davon ein anderes Mal. Ich wollte hauptsächlich von dem Eindruck sprechen, den alle diejenigen empfangen mußten, die an die große zukünftige universale Bedeutung Rußlands glauben, als sie in diesem Frühjahr die Kriegserklärung lasen. Dieser einzig dastehende Krieg, um Schwachen und Bedrückten Leben und Freiheit zu geben, nicht ihnen zu nehmen, dieser in der heutigen Welt gar nicht mehr glaubwürdig klingende Kriegszweck war für alle, die an Rußlands Zukunft glauben, eine Tatsache, die feierlich und bedeutungsvoll diesen ihren Glauben bestätigte. Das war nun nicht mehr lediglich ein Traum, eine Vermutung bloß, sondern Wirklichkeit, war Tatsache, durch die die Hoffnungen bereits in Erfüllung zu gehen begannen. „Wenn aber der Anfang schon gemacht ist, dann wird auch alles andere in Erfüllung gehen, auch das, daß Rußland an der Spitze aller vereinigten Slawen sein großes neues Wort Europa sagen wird. Und selbst dieses Wort hat sich bereits angekündigt, doch ist Europa noch weit davon entfernt, dasselbe zu verstehen, und selbst wenn es versteht, wenn es verstehen muß, wird Europa noch lange nicht an das neue Wort glauben.“ So dachten damals die „Gläubigen“. Ja, der Eindruck war feierlich und bedeutungsvoll, und selbstverständlich mußte der Glaube der Gläubigen sich festigen und erstarken. Doch der begonnene Krieg ist immerhin von unberechenbarer Tragweite, so daß auch für uns, die wir an Rußland glauben, beunruhigende Fragen sich einstellten. Rußland und Europa! Rußland hat das Schwert gegen die Türken gezogen, aber wer weiß, vielleicht stößt es dabei mit Europa zusammen, und das – wäre das nicht zu früh? Der Zusammenstoß mit Europa ist etwas anderes als der mit der Türkei und wird nicht nur mit dem Schwert ausgefochten werden, so haben es die Gläubigen von jeher aufgefaßt. Aber sind wir nun auch zu diesem anderen Zusammenstoß bereit? Freilich, das Wort hat sich bereits angekündigt, aber ganz abgesehen von den Europäern – wird es denn auch bei uns von allen verstanden? Wir Gläubigen sagen z. B., daß Rußland allein die Elemente in sich trage, die zu einer Lösung des verhängnisvollen europäischen Problems des vierten Standes, und zwar ohne Kampf und Blut, ohne Haß und Feindschaft, erforderlich sind, daß es aber dieses Wort erst dann sagen werde, wenn Europa bereits im eigenen Blute schwimmt, denn vorher würde ja doch niemand in Europa unser Wort vernehmen, oder wenn auch vernehmen, so würde es doch niemand verstehen. Ja, wir Gläubigen glauben daran, aber was antwortet man uns darauf selbst hier in Rußland? Selbst hier sagen uns unsere Landsleute, dies seien nur fanatische Illusionen, die Weissagungen sein wollen, seien nur wilde Träume, und wir sollten ihnen doch Beweise geben, sichere Anzeichen und bereits greifbare Tatsachen! Ja was könnten wir ihnen nun zur Bekräftigung unserer Weissagungen nennen? Etwa die Aufhebung der Leibeigenschaft – ein Faktum, das bei uns noch so wenig begriffen worden ist in seiner Bedeutung als Beweis russischer Geisteskraft? Oder die angeborene Natürlichkeit unserer Nächstenliebe, die schon in unserer Zeit immer deutlicher aus all dem hervorzutreten anfängt, was sie jahrhundertelang fast bis zum Ersticken bedrückt hat? Doch gut, wir weisen also darauf hin: da wird man uns denn entgegnen, daß all diese Tatsachen wiederum nur von unseren tollen Illusionen zu solcher Bedeutung aufgebauscht worden seien; überdies würden sie verschieden gedeutet und somit könne man sie überhaupt nicht als irgendwelche Beweise gelten lassen. Das würden uns fast alle antworten. Und nun bedenke man: wir, die wir uns selber noch nicht verstehen und die wir so wenig an uns glauben, wir – stoßen mit Europa zusammen! Europa aber – das ist doch etwas Ungeheures, Heiliges! Uns ist es teuer, dieses Land, teuer der zukünftige, der im Frieden errungene Sieg des großen christlichen Geistes, der sich im Osten am reinsten erhalten hat ... Und in der Erwägung der Möglichkeit eines Zusammenstoßes mit Europa im Laufe unseres jetzigen Krieges fürchten wir am meisten, daß Europa uns mißverstehen könnte und uns wie früher, wie gewöhnlich, mit Hochmut, mit Verachtung und mit dem Schwert begegnen werde, als wären wir wilden Barbaren nicht wert, vor Europa den Mund aufzutun. Ja aber, fragten wir uns nun, was werden wir ihnen denn sagen oder zeigen, damit sie uns richtig zu verstehen anfangen? Wir haben doch, scheint es, noch so wenig von solchen Gütern, die ihnen verständlich wären und um deretwillen sie uns achten könnten? Denn unsere fundamentale, wichtigste Idee, unser beginnendes „neues Wort“ werden sie noch lange, gar zu lange nicht verstehen. Sie brauchen Fakta, die sie unmittelbar, die sie heute schon verstehen könnten, verstehen mit ihrem heutigen Blick. Und mit diesem Blick fragen sie uns: „Wo ist denn Ihre Zivilisation? – läßt sich denn in dem Chaos, welches wir alle bei Ihnen sehen, eine Ordnung der ökonomischen Kräfte wahrnehmen? Wo ist Ihre Wissenschaft, Ihre Kunst, Ihre Literatur?“
Gerade in dieser Zeit, d. h. in diesem Frühjahr, traf es sich einmal, daß ich auf der Straße einem unserer Schriftsteller begegnete, den ich zu den am meisten von mir geliebten Autoren zähle. Wir sehen uns sehr selten, alle paar Monate einmal, und auch dann immer zufällig und auf der Straße. Er ist einer der hervorragendsten der fünf oder sechs unserer Belletristen, die alle zusammen aus irgendeinem Grunde die „Plejaden“ genannt werden[32]. Wenigstens hat die Kritik in Übereinstimmung mit dem Publikum sie von allen anderen Schriftstellern ihrer Art abgeteilt, und so ist es denn seit langem geblieben – der Kreis der „Plejaden“ erweitert sich nicht. Es ist mir stets eine Freude, mit diesem liebenswürdigen Romancier, den ich so überaus schätze, zusammenzutreffen und ihm unter anderem zu beweisen, daß ich es nicht glaube und auch gar nicht glauben könne, daß er, wie er sagt, alt geworden sei und nichts mehr schreiben werde. Nach einem kurzen Gespräch mit ihm trage ich immer eines seiner feinen und weitsichtigen Worte mit mir fort. Bei jener letzten Begegnung gab es viel Stoff zu einer Unterhaltung, denn der Krieg war schon erklärt. Doch er begann sofort und ohne Umschweife von „Anna Karenina“ zu sprechen (auch ich hatte gerade den siebenten Teil gelesen, mit welchem der Roman im „Russischen Boten“ schloß), und da er anscheinend nicht zu den Leichtbegeisterten gehört, war ich überrascht, als ich ihn mit leidenschaftlicher, überzeugter Begeisterung über dieses Werk urteilen hörte.
„Das ist etwas Beispielloses, das ist ein Werk von erstem Range! Wer kann sich bei uns, von den Schriftstellern, damit messen? Und in Europa – wer? Wer könnte dort etwas Ähnliches vorweisen? Haben sie dort in allen ihren Literaturen jetzt oder in den letzten Jahren oder überhaupt in neuerer Zeit ein Werk hervorgebracht, das sich neben dieses stellen könnte?“
Hauptsächlich überraschte mich an diesem Urteil, das übrigens vollkommen mit dem meinigen übereinstimmte, daß dieser Hinweis auf Europa geradezu eine Antwort war auf die Fragen und Zweifel, die sich damals in so vielen Herzen ganz von selbst erhoben. So erhielt dieses Buch in meinen Augen die Bedeutung eines Faktums, auf das wir Europa als Antwort auf jene Fragen hinweisen könnten. Natürlich wird man spöttisch einwenden, das sei ja im ganzen nur Literatur, nur irgendein Roman, und es sei lächerlich, die Bedeutung desselben so zu übertreiben und mit einem Roman gegen Europa aufzutreten. Ich weiß, daß man lachen wird, doch diese Aufregung ist überflüssig, denn ich übertreibe keineswegs und sehe die Dinge ganz nüchtern. Ich weiß, daß es allerdings nur ein Roman ist, nur ein Tropfen von dem, was nötig wäre. Für mich aber besteht die Hauptsache darin, daß dieser Tropfen bereits vorhanden, bereits Wirklichkeit ist, wenn aber der Anfang schon Tatsache ist, d. h. wenn das Genie Rußlands schon dieses Faktum hervorzubringen vermocht hat, so ist es folglich nicht zur Unfruchtbarkeit verdammt, nicht der Kraftlosigkeit geweiht, sondern kann schöpferisch sein, kann etwas Eigenes geben, kann sein Wort anheben und es zu Ende sprechen, wenn die Zeit gekommen sein wird. Und überdies ist jenes Werk doch weit mehr als nur ein Tropfen. Oh, auch hierin mache ich mich nicht im geringsten einer Übertreibung schuldig: ich weiß nur zu gut, daß nicht nur nicht in einem einzelnen Schriftsteller der Plejaden, sondern auch in ihnen allen zusammen nicht das zu finden ist, streng genommen, was man geniale schöpferische Kraft nennt. Unstreitige Genies mit einem unstreitig „neuen Wort“ hat es in unserer ganzen Literatur nur drei gegeben. Lomonossoff, Puschkin und zum Teil Gogol. Diese ganze Plejadengruppe dagegen (und der Autor der „Anna Karenina“ gehört gleichfalls zu ihr) ist unmittelbar aus Puschkin hervorgegangen, aus einem der größten Russen, den man aber fast überhaupt noch nicht verstehen gelernt hat. Puschkin ist der Vertreter von Ideen, die gleichsam die Veranschaulichung des Künftigen oder der Bestimmung ganz Rußlands und seines Zieles, das heißt soviel wie unseres ganzen zukünftigen Schicksals sind.
Alle unsere jetzigen „Plejaden“ haben nur nach Puschkins Hinweisen gearbeitet, etwas Neues aber haben sie nach ihm nicht gesagt. In ihm lagen bereits alle die Keime, die die Plejaden später entwickelt haben. Und dabei haben sie nur den kleinsten Teil der von ihm hinterlassenen Aufgaben ausgearbeitet. Dafür ist freilich das, was sie getan haben, mit solchem Reichtum an Kraft, mit solcher Tiefe und Deutlichkeit ausgearbeitet worden, daß Puschkin sie selbstverständlich anerkannt hätte. „Anna Karenina“ ist, was die Idee des Werkes betrifft, gewiß nichts Neues, wenigstens bei uns nichts Neues. Statt dieses Werkes könnten wir Europa natürlich ebensogut die Quelle selbst nennen, d. h. Puschkin als schärfsten, stärksten und unerschütterlichsten Beweis für die Selbständigkeit des russischen Genies und sein Recht auf die größte universale, allmenschliche und allvereinende Bedeutung in der Zukunft. Doch leider wissen wir, daß, wieviel wir auch reden und vorweisen wollten, Europa unsere Schriftsteller noch lange nicht lesen wird, oder selbst wenn man es dort täte, so würde man uns doch noch lange nicht verstehen und nicht schätzen. Und die Europäer sind ja auch noch gar nicht imstande, uns zu verstehen, nicht etwa aus Mangel an Geist, sondern weil wir für sie eine ganz andere Welt sind, als wären wir vom Monde auf die Erde versetzt, weshalb sie sogar die Tatsache, daß wir doch immerhin existieren, gar nicht zugeben möchten. Das weiß ich besser als mancher andere und rede deshalb von den Hinweisen, mit denen wir Europa auf die bewußten Fragen antworten könnten, nur in dem Sinne unserer eigenen Überzeugung von unserem Recht auf Selbständigkeit Europa gegenüber.
Nichtsdestoweniger ist „Anna Karenina“ als Kunstwerk etwas Vollkommenes – ist ein Werk, dem die europäischen Literaturen der Gegenwart nichts Gleichwertiges gegenüberstellen können; was aber die Idee dieses Werkes betrifft, so ist sie bereits etwas ganz Nationales, ist gleichsam ein Stück von uns, ist eben das, was unsere Besonderheit vor der ganzen europäischen Welt ausmacht, und ist somit unser „neues Wort“ oder wenigstens der Anfang desselben – ein Wort, das in Europa niemand zu sagen versteht, dessen aber gerade Europa so dringend bedarf, trotz seines ganzen Stolzes. Ich kann mich hier nicht in einer literarischen Kritik ergehen, doch will ich immerhin ein paar Worte über dieses Buch sagen.
In diesem Werk ist eine Untersuchung der Schuld und des Verbrechens der Menschen durchgeführt. Die geschilderten Menschen sind unter unnormalen Bedingungen genommen. Das Böse besteht schon vor ihnen. In den Strudel der Lüge hineingerissen, begehen diese Menschen ein Verbrechen und gehen unrettbar ins Verderben. Wie Sie sehen, ein Gedanke, der das liebste und älteste der europäischen Themen behandelt. Aber wie wird nun ein solches Problem in Europa gelöst? Sehr einfach. Und zwar gibt es dort zwei Arten von Lösungen. Die erste Lösung ist: das Gesetz ist gegeben, niedergeschrieben, formuliert, ist in Jahrtausenden ausgearbeitet, Gut und Böse festgestellt, aufgewogen, die Maße und Grade sind historisch von den Führern der Menschheit in unermüdlicher Arbeit an der Menschenseele und in höherer wissenschaftlicher Untersuchung der Gesetze des menschlichen Zusammenlebens festgesetzt. Diesem ausgearbeiteten Kodex ist ein jeder blinden Gehorsam schuldig. Wer das nicht tut und jene Gesetze übertritt, der bezahlt das mit seiner Freiheit, seinem Eigentum, seinem Leben, bezahlt buchstäblich und unmenschlich.
„Ich weiß,“ sagt ihr anderen, „daß das sowohl blind wie mitleidlos und unhaltbar ist, da ja die endgültige Formel der Menschheit auf ihrem halben Wege noch nicht ausgearbeitet sein kann. Doch da es einen anderen Ausweg nicht gibt, so muß man sich eben an das halten, was man hat, was schwarz auf weiß gegeben ist, und zwar buchstäblich und rücksichtslos. Täte man das nicht – so wäre man schlimmer daran. Somit kann man sagen, daß wir, trotz der ganzen Unnatürlichkeit und Unsinnigkeit der Ordnung dessen, was wir unsere große europäische Zivilisation nennen, nichtsdestoweniger danach trachten müssen, daß die Kräfte des Menschengeistes gesund und unbeschädigt bleiben, daß die Gesellschaft nicht an dem Glauben, sie befinde sich auf dem Wege zur Vollkommenheit, zu zweifeln anfängt und nicht zu denken wagt, es sei das Ideal des Schönen und Erhabenen verdunkelt und der Begriff von Gut und Böse entstellt und umgedeutet, das Normale werde mehr und mehr verdrängt, Einfachheit und Natürlichkeit gingen unter dem Druck der unausgesetzten anwachsenden Lüge verloren.“
Die zweite Lösung ist das Gegenteil der ersten: sie geht von der Annahme aus, daß die menschliche Gesellschaft unnormal aufgebaut sei, weshalb man den einzelnen für die Folgen dieser Unnormalität nicht verantwortlich machen könne. Also ist der Verbrecher frei von jeder Verantwortung und folglich gibt es vorläufig überhaupt kein Verbrechen. Will man nun mit dem, was allgemein Verbrechen genannt wird, und mit der Schuld der Menschen ein Ende machen, so muß man das zunächst mit der Unnormalität der Gesellschaft und ihres sozialen Aufbaus tun. Da aber eine Korrektur der bestehenden Ordnung der Dinge langwierig und unzuverlässig, ja sogar aussichtslos wäre, und man übrigens auch keine Mittel dazu hat, so muß man den ganzen bisherigen Bau der Gesellschaft zerstören und die alte Ordnung gleichsam mit dem Besen auskehren. Dann kann man alles von neuem beginnen, nach neuen Grundsätzen, die zwar noch unbekannt sind, aber immerhin nicht schlechter sein können als die der gegenwärtigen Ordnung; im Gegenteil, sie haben sogar viele Aussicht auf vollen Erfolg, denn unser Vertrauen gehört der Wissenschaft.
Das wäre die zweite Lösung. Man erwartet den zukünftigen Ameisenbau, inzwischen aber überschwemmt man die Welt mit Blut. Andere Lösungen der menschlichen Schuld und der Verbrechen kennt die westeuropäische Welt nicht.
In der Anschauung des russischen Autors – d. h. in seiner Auffassung von Schuld und Verbrechen – tritt dagegen deutlich hervor, daß kein Ameisenbau, kein Triumph des „vierten Standes“, keine Beseitigung der Armut, keine Organisation der Arbeit die Menschheit vor der Unnormalität bewahren wird oder würde, und folglich auch nicht vor Schuld und Verbrechen. Ausgedrückt ist das in einer unvergleichlichen psychologischen Ergründung der Menschenseele und mit furchtbarer Tiefe und Kraft durch einen bei uns bisher nicht gekannten Realismus der künstlerischen Darstellung.
Es ist klar und verständlich bis zur leibhaftigen Sichtbarkeit gezeigt, daß das Böse im Menschen tiefer sitzt als die Sozialisten annehmen, die sich als Ärzte aufspielen, daß das Böse sich in keiner sozialen Organisation, und wäre sie noch so vollkommen, vermeiden läßt, daß die Seele des Menschen überall dieselbe bleibt, daß das Unnormale und die Sünde aus ihr allein hervorgehen und daß schließlich die Gesetze des Menschengeistes noch so unbekannt, von der Wissenschaft noch so unerforscht, so unbestimmt und so geheimnisvoll sind, daß es bis jetzt weder gründliche Ärzte noch selbst endgültige Richter gibt und auch nicht geben kann, außer dem einen, der da sagt: „Die Rache ist mein, ich will vergelten.“ Nur er allein kennt das ganze Geheimnis dieser Welt und das definitive Schicksal des Menschen. Der Mensch aber kann sich noch nicht unterfangen, mit dem Stolz eigener Unfehlbarkeit zu richten, noch ist die Zeit nicht gekommen. Der Mensch, der Richter ist über andere, muß von sich wissen, daß er kein endgültiger Richter, vielmehr selber ein Sünder ist, daß die Wage und das Maß in seiner Hand eine Absurdität sind, wenn er sich nicht selbst vor dem Gesetz des noch unerforschlichen Geheimnisses beugt und nicht in dem einzigen Ausweg seine Zuflucht sucht – in der Barmherzigkeit und in der Liebe. Auf daß aber der Mensch nicht umkomme vor Verzweiflung und womöglich in der Überzeugung untergehe, daß das Böse von geheimnisvoller und verhängnisvoller Unvermeidlichkeit sei, ist dem Menschen eben ein Ausweg gezeigt. Ihn hat der Dichter mit der Überzeugungskraft des Genies in der genialen Szene offenbart, die im Krankenzimmer der Heldin des Romans sich abspielt – wo die Verbrecher und Feinde sich plötzlich in höhere Wesen verwandeln, in Brüder, die einander alles verzeihen und eben durch dieses ihr gegenseitiges Verzeihen Lüge, Schuld und Verbrechen von sich abstreifen und sich dadurch mit einem Schlage selbst rechtfertigen, im vollen Bewußtsein dessen, daß sie das Recht dazu erhalten haben. Dann aber, im Schlußteil des Romans, in der schrecklichen Schilderung des Falles der Menschenseele, der Schritt für Schritt verfolgt wird, in der Wiedergabe jenes unüberwindlichen Zustandes, wo das Böse sich der Seele des Menschen bemächtigt und ihn fesselt, jede Bewegung, jede Widerstandskraft, jeden Gedanken, jede Lust zum Kampf gegen das Böse lähmt, im Kampf gegen die Finsternis, die sich auf die Seele senkt und von ihr in der Leidenschaft des Rachedurstes bewußt statt des Lichtes erwählt wird – in dieser Schilderung liegt für den Richter der Menschen, der das Maß und die Wage hält, so viel offenbarte Wahrheit, daß er natürlich erschrocken Bedenken tragen und ausrufen wird: „Nein, nicht immer ist die Rache mein, nicht immer werde ich vergelten,“ und er wird nicht unmenschlich dem in Verstocktheit gesunkenen Verbrecher als Schuld anrechnen, daß er den vom Lichte ewig gewiesenen Ausweg verschmähte und ihn geradezu bewußt verwarf. Wenigstens wird er sich nicht an den Buchstaben des Gesetzes halten ...
Wenn wir nun in der Literatur Werke von solcher Gedanken- und Darstellungskraft besitzen, weshalb sollten wir dann nicht in der Folge auch unsere Wissenschaft haben können und unsere eigenen Lösungen der ökonomischen, der sozialen Probleme; weshalb spricht Europa uns die dazu erforderliche Selbständigkeit ab, die Möglichkeit, daß wir unser eigenes Wort sagen könnten? Man kann wirklich nicht den lächerlichen Gedanken gelten lassen, daß die Natur uns Russen nur mit literarischen Fähigkeiten versehen habe. Alles übrige ist doch eine Frage der geschichtlichen Entwicklung, der Umstände, der Forderungen der Zeit. Das könnten sich schließlich auch unsere russischen Europäer sagen, solange sie noch auf das Urteil der europäischen Europäer über uns warten müssen ...
Ein Gutsherr, der von einem Bauern den Glauben an Gott erhält
Jetzt, nachdem ich mein eigenes Empfinden auseinandergesetzt, wird man vielleicht verstehen, wie der Abfall eines solchen Autors, seine Absonderung von der großen russischen Tat unserer Tage – dem Kriege für die Unterdrückten und Verfolgten – und die paradoxe Unwahrheit des Urteils, das er in diesem unseligen achten Teil des Romans über unser Volk fällt, auf mich gewirkt haben. Er nimmt ja dem Volk alles, spricht ihm das Wertvollste ab, raubt ihm den Sinn und Zweck seines Lebens. Ja, es wäre dem Autor unvergleichlich angenehmer, wenn unser Volk sich nicht in seinem Herzen für die um ihres Glaubens willen leidenden Brüder erheben würde. Nur in diesem Sinne leugnet er auch die Beweise, ungeachtet dessen, daß sie Tatsachen sind. Freilich wird das alles nur von den imaginären Gestalten seines Romans ausgesprochen, aber, wie ich schon sagte, hinter ihnen sieht man nur zu deutlich den Autor selbst. Allerdings ist es ein aufrichtiges Buch: der Autor spricht aus der Seele. Sogar die peinlichsten Sachen (und die gibt es in diesem Buch) nehmen sich in ihm aus, als wären sie ganz unversehens hineingeraten, so daß man sie trotz ihrer ganzen Peinlichkeit nur für ein offenherziges Wort hält und nicht im geringsten etwa Tücke vermutet. Nichtsdestoweniger halte ich dieses Buch durchaus nicht für so harmlos, wie es manche Leute tun. Jetzt wird und kann es zum Glück keinen Einfluß mehr haben, denn daß es vielleicht einer kleinen abgesonderten Gruppe von Leuten beipflichtet, ist belanglos. Aber die Tatsache, daß ein solcher Autor in diesem Sinne überhaupt schreiben kann, ist doch sehr bedauerlich, bedauerlich und traurig für unsere Zukunft. Doch übrigens – zur Sache: ich will widersprechen und werde darauf hinweisen, was mich besonders überraschte.
Zunächst muß ich ein paar Worte über Lewin sagen, der ersichtlich der Hauptheld des Romans ist. In ihm ist alles Positive ausgedrückt und zwar gewissermaßen als Gegensatz zu jenen Unnormalitäten, an denen andere Gestalten des Romanes zugrunde gehen oder unter denen sie zu leiden haben. Im übrigen ist Lewin offenbar der Erwählte, durch den der Autor seine eigenen Gedanken ausdrückt. Aber dieser Lewin war immer noch nicht vollkommen, immer fehlte ihm noch etwas, und so mußte der Autor sich wieder mit dem Fehlenden befassen, damit Lewin keinerlei Zweifel oder Fragen mehr verkörpere. – In der Folge wird der Leser begreifen, aus welchem Grunde ich zunächst hierbei verweile und somit nicht direkt zur Sache komme.
Lewin ist glücklich, der Roman entwickelt sich zu seinem größten Ruhme, aber – ihm fehlt noch der innere, der geistige Friede. Ihn quälen die ewigen Fragen der Menschheit: Gott, das ewige Leben, Gut und Böse und Ähnliches. Es quält ihn, daß er ein Ungläubiger ist und sich nicht damit zufrieden geben kann, womit sich alle anderen zufrieden geben, indem sie ihre Interessen auf Naheliegendes beschränken, als da sind Tagesfragen, Verdienst, Vergötterung der eigenen Person oder anderer Götzen, Eigenliebe usw. usw. Ein Anzeichen von Großherzigkeit, nicht wahr? Aber von Lewin ist ja auch weniger nicht zu erwarten. Nebenbei zeigt es sich, daß Lewin auch sehr viel gelesen hat. Er kennt sowohl die Werke der Philosophen, der Positivisten, wie auch der gewöhnlichen Naturforscher, doch nichts befriedigt ihn, sondern im Gegenteil, die Bücher verwirren ihn noch mehr, so daß er in der freien Zeit, die ihm die Bewirtschaftung seines Gutes läßt, in den Wald oder aufs Feld geht, sich ärgert, sogar Kitty, seine junge Frau, nicht in dem Maße schätzt, wie sie es wohl verdient hätte. Da führt ihm der Zufall einen seiner Bauern in den Weg, der ihm gesprächsweise von zwei anderen Bauern, Mitjuscha und Fokanytsch, zwei in sittlicher Beziehung entgegengesetzten Typen, erzählt und sich dabei folgendermaßen ausdrückt:
„Ja, Mitjuscha, warum nicht, der wird’s schon herauszuschlagen verstehen! Der erpreßt es einfach und nimmt sich das Seine. Dem tut doch kein Christenmensch leid. Onkel Fokanytsch aber, der wird doch nicht wie Mitjuscha einem anderen Menschen das Fell über die Ohren ziehen. Der wird auch so abgeben, daß man später zahlen kann, manchem wird er auch billiger geben. Da kann er denn auch selber nicht soviel Pacht zahlen ...“
„Aber warum wird er denn manchem billiger geben?“ fragte Lewin.
„Ja, das ist schon so, die Menschen sind eben verschieden. Der eine Mensch lebt sozusagen nur für seine Bedürfnisse, wie beispielsweise sagen wir meinethalben Mitjuscha, der sich nur den Wanst vollschlägt; aber Fokanytsch, der Alte, – das ist ein Mensch mit Gewissen. Der lebt für die Seele, der hat Gott nicht vergessen.“
„Wie das?! Wie – Gott nicht vergessen? wie lebt er für die Seele?“ rief Lewin fast erschrocken vor Betroffenheit.
„Nun, das weiß man doch, wie! Lebt in Rechtschaffenheit, in Gott. Die Menschen sind nun mal verschieden. Beispielsweise Ihr selber, Herr, wenn man so nimmt – Ihr werdet doch auch keinem Menschen unrecht tun.“
„Ja, ja, leb’ wohl!“ sagte Lewin hastig – die Aufregung verschlug ihm den Atem – er griff nach seinem Stock und entfernte sich schnell in der Richtung zum Hause ............
Doch statt nach Hause zu gehen, ging er wieder in den Wald, legte sich unter einer Esche ins Gras und begann fast mit Begeisterung zu denken. Das Wort war gefunden, alle ewigen Rätsel gelöst durch dieses eine einfache Wort des Bauern: „Für die Seele leben, Gott nicht vergessen.“ Der Bauer hat ihm natürlich nichts Neues gesagt: all das wußte er selber schon lange; aber der Bauer hat ihn doch auf den Gedanken gebracht und hat ihm die Lösung im verzwicktesten Augenblick zugeflüstert. Hierauf folgt eine Reihe von Betrachtungen Lewins, die sehr gut und treffend ausgedrückt sind. Lewins Gedankengang ist ungefähr folgender: wozu das mit dem Verstande suchen, was vom Leben schon gegeben ist, womit jeder Mensch geboren wird und dem jeder Mensch (sogar unfreiwillig) folgen muß und auch tatsächlich folgt. Jeder Mensch wird mit einem Gewissen, mit dem Begriff von Gut und Böse geboren, folglich wird er auch unmittelbar zu einem Lebensziel geboren: für das Gute zu leben und das Böse zu vermeiden. Damit kommt der Bauer ebenso wie der Herr zur Welt, der Franzose wie der Russe, wie der Türke – alle verehren das Gute (NB. obschon viele das in einer höchst eigenartigen Weise tun). „Ich aber wollte“, sagt sich Lewin, „alles das mathematisch, wissenschaftlich, mit der Vernunft erfassen, oder ich erwartete ein Wunder, während mir das alles schon ohne mein Dazutun gegeben, einfach mit mir geboren ist.“ Daß es aber ohne unser Dazutun uns gegeben ist, dafür gibt es Beweise: alle Menschen begreifen oder können es begreifen, daß man seinen Nächsten lieben muß wie sich selbst. In diesem Wissen liegt denn auch, genau genommen, das ganze Gesetz der Menschen, wie es uns Christus erklärt hat. Indessen ist uns diese Erkenntnis angeboren, folglich uns ohne unser Dazutun geschenkt, denn der Verstand könnte uns um keinen Preis dieses Wissen geben, – warum nicht? Nun ja, weil „den Nächsten lieben“ nach dem Verstande beurteilt – unklug ist.
„Woher habe ich das genommen?“ fragt sich Lewin. „Bin ich etwa durch den Verstand darauf gekommen, daß ich meinen Nächsten lieben soll und nicht ihn würgen? Man hat mir das in der Kindheit gesagt und ich habe es freudig geglaubt, weil man mir nur gesagt hatte, was schon in meiner Seele lag. Aber wer hat dies entdeckt? Der Verstand jedenfalls nicht. Der Verstand hat den Kampf ums Dasein entdeckt und das Gesetz, welches fordert, daß man alle, die uns an der Befriedigung unserer Wünsche hindern, beseitige. Dies ist das Ergebnis des Verstandes. Den Nächsten aber zu lieben konnte der Verstand nicht lehren, da das unklug ist.“
Hierauf fällt Lewin eine Szene ein, die er kürzlich mit seiner Schwägerin Dolly und deren Kindern erlebt hatte. Die Kinder brieten Himbeeren in einer Tasse über einer Kerze und gossen sich die Milch im Bogen wie eine Fontäne aus dem Kannenschnabel in den Mund. Die Mutter, die sie bei dieser Betätigung ertappte, versuchte natürlich, ihnen klar zu machen, daß sie, wenn sie die Gefäße zerschlügen und die Milch verschütteten, dann weder ein Trinkgefäß noch Milch hätten. Aber die Kinder glaubten ihr offenbar kein Wort von dem, was sie sagte, denn „sie konnten sich den ganzen Umfang dessen, was sie genossen, gar nicht vorstellen, und infolgedessen konnten sie sich auch nicht denken, daß das, was sie verdarben, dasselbe sei, wovon sie lebten.“
„Das ist alles von selbst da,“ dachten sie, „Interessantes oder Wichtiges gibt es dabei nicht, weil es stets so war und sein wird und stets alles ein und dasselbe ist. Darüber brauchen wir gar nicht nachzudenken, denn das ist das Gegebene; wir aber wollten uns etwas Eigenes und ganz Neues ausdenken. Und so dachten wir uns denn aus, die Himbeeren in die Tasse zu legen und sie über dem Licht zu braten und uns die Milch direkt aus der Kanne wie eine Fontäne in den Mund zu gießen. Das ist lustig und neu und gewiß nicht schlechter, als aus Tassen zu trinken.
„Tun wir nun nicht ganz dasselbe, tue ich es nicht, indem ich mit dem Verstande die Bedeutung der Naturkräfte und den Sinn des menschlichen Lebens zu erfassen trachte?“ fuhr Lewin fort zu denken. „Und tun denn die philosophischen Theorien etwa nicht alle das gleiche, indem sie auf einem seltsamen, dem Menschen nicht eigenen Gedankenweg zu der Erkenntnis dessen führen, was der Mensch lange schon weiß, und mit solcher Sicherheit weiß, daß er ohne es gar nicht leben könnte? Ist es denn nicht aus der Entwicklung der Theorie jedes Philosophen klar ersichtlich, daß er schon im voraus ebenso sicher wie jener Bauer und auch nicht im geringsten klarer als jener den Hauptsinn des Lebens kennt, und nur auf einem unzuverlässigen Verstandeswege zu dem zurückkehren will, was allen bekannt ist?
Nun, wie, wenn man die Kinder allein ließe, wenn sie alles selbst machen müßten, Tassen und Kannen, dazu Kühe melken usw. – würden sie dann Mutwillen treiben? Sie würden Hungers sterben. Nun, so versuche man doch einmal, uns mit allen unseren Leidenschaften, unseren Gedanken allein zu lassen, ohne Vorstellung vom einzigen Gott und Schöpfer! Oder ohne eine Vorstellung von dem, was Gut ist und was Böse, ohne sittlichen Instinkt.
Ich möchte bloß wissen, was ohne diese Begriffe aufgebaut werden würde!
Wir zerstören nur, weil wir geistig satt sind. Eben wie die Kinder!“
Mit einem Wort, die Zweifel haben aufgehört und Lewin hat endlich den Glauben gefunden; er glaubt – doch an was? Das hat er noch nicht genau formuliert! Er stellte sich nur freudig die Frage: „Sollte das wirklich Glaube sein?“ Oder man muß annehmen, daß es nicht der Fall ist. Ja mehr noch als das: es ist sogar kaum anzunehmen, daß solche Leute wie Lewin überhaupt jemals einen endgültigen Glauben haben können. Lewin nennt sich zwar „Volk“, aber er ist ein Edelmann, ein Moskauer Landedelmann jener selben mittel-höheren Kreise, deren Historiker Graf L. Tolstoi ja vornehmlich ist.
Der Bauer hat Lewin freilich nichts Neues gesagt, aber immerhin hat er ihn auf einen Gedanken gebracht, und mit diesem Gedanken begann sein Glaube. Schon daraus allein könnte Lewin ersehen, daß er durchaus nicht „Volk“ ist und kein Recht hat, von sich derlei zu sagen. Doch davon später. Ich will hier nur erwähnen, daß gerade diese Herren, wie z. B. Lewin, niemals vollkommen „Volk“ werden können, gleichviel wie lange sie unter dem Volk oder neben dem Volk leben, ja – in vieler Hinsicht werden sie es sogar überhaupt nicht verstehen und nie verstehen lernen. Eigendünkel und bloßer Wunsch – dazu noch ein so wunderlicher – genügen nicht, einen Menschen nun gleich zu dem zu machen, was er plötzlich sein will. Mag er hundertmal Gutsbesitzer und sogar ein arbeitender Gutsbesitzer sein, alle Bauernarbeit kennen, sogar zu mähen und einen Wagen anzuspannen verstehen und wissen, daß zu Scheibenhonig frische Gurken gereicht werden – in seiner Seele bleibt dennoch, trotz allen guten Willens, ein Etwas zurück, das man, wie mich deucht, einfach „Müßiggang“ nennen muß. Es ist das derselbe „Müßiggang“, sowohl in physischer wie in geistiger Beziehung, der Lewin, wie sehr er sich auch zusammennehmen wollte, doch nun einmal von seinen Vorfahren vererbt worden ist und den das Volk in jedem Herrn sieht, obschon es nicht mit unseren Augen schaut. Doch auch hiervon später. Was nun seinen Glauben betrifft, so wird er ihn wieder zerstören, wird es selber tun, lange wird er nicht bei uns verweilen: alsbald wird sich wieder irgendwo ein Haken zeigen, und seinen ganzen Glauben zerreißen. Z. B. Kitty stolpert beim Gehen – warum stolperte sie? Wenn sie stolperte, dann konnte sie eben nicht ohne zu stolpern gehen; es läßt sich genau feststellen, daß sie aus diesem und jenem Grunde stolpern mußte. Es ist klar, daß hierbei alles von Gesetzen abhing, die sich aufs genaueste feststellen lassen. Aber wenn dem so ist, so herrscht ja in allem die Wissenschaft. Wo bleibt da die Vorsehung? wo ist dann ihre Rolle? und wo die Verantwortung des Menschen? Wenn es aber keine Vorsehung gibt, wie kann ich dann an Gott glauben, usw. usw. Das ist wie eine gerade Linie, die sich in die Unendlichkeit fortsetzt. Mit einem Wort, dieser Lewin, diese ehrliche Seele, ist zugleich eine chaotisch müßige Seele par excellence, anderenfalls wäre er nicht das, was er ist: ein zeitgenössischer Herrensohn der russischen Intelligenz und dazu noch aus den mittelhohen Adelskreisen.
Eine Stunde, nachdem der neue Glauben in ihm erweckt ist, wird das von ihm auch schon glänzend bewiesen: er behauptet, das russische Volk empfinde für die Balkanslawen nichts von dem, was Menschen im allgemeinen empfinden können, er verleugnet die Seele des Volkes in der eigenmächtigsten Weise, ja er erklärt sogar, daß er selber nicht das geringste Mitleid mit den heimgesuchten Menschen habe. Er erklärt, daß es ein „unmittelbares Gefühl für die bedrückten Balkanslawen nicht gäbe und gar nicht geben könne“ – d. h. nicht nur nicht in ihm, sondern überhaupt in keinem Russen, denn, wie er sagt: „ich bin selber Volk!“ Fürwahr, diese Herren bewerten das russische Volk denn doch etwas gar zu niedrig! Übrigens – nach Väterart. Kaum eine Stunde ist seit dem Erwerb des neuen Glaubens vergangen, da werden schon wieder Himbeeren über dem Licht gebraten.
Die Reizbarkeit der Eigenliebe
Die Kinder kommen ihm entgegen gelaufen und berichten, daß Gäste eingetroffen seien. Es sind Gäste aus Moskau. Man setzt sich in der Nähe des Bienengartens unter Bäumen, Lewin bringt Scheibenhonig und frische Gurken herbei und die ganze Gesellschaft macht sich sogleich an den Honig und an die Orientfrage. Dies spielt nämlich im vorigen Jahr, – Sie wissen doch: Tschernajeff[33], unsere Freiwilligen, die Spenden. Die Unterhaltung wird bald sehr lebhaft, denn alle streben unaufhaltsam zur Hauptsache. Die Gesellschaft besteht, abgesehen von den Damen, erstens aus den beiden Gästen: einem Moskauer Professörchen, einem netten, aber etwas dummen Menschen, und dem Stiefbruder Lewins, Ssergei Iwanowitsch Kosnyscheff, der uns als ein Mensch von großem Verstande und großem Wissen geschildert wird. Der Charakter Kosnyscheffs ist im Roman künstlich aufgebaut und wird erst zum Schluß verständlich (ein Mensch mit den Anschauungen der vierziger Jahre). Kosnyscheff hat sich in der letzten Zeit mit Eifer und Hingabe der Hilfstätigkeit für die Balkanslawen gewidmet und das Komitee hat ihm Berge von Arbeit aufgeladen, so daß man sich kaum vorzustellen vermag, wenn man der fieberhaften Tätigkeit dieser Komiteemitglieder im vorigen Jahre gedenkt, wie er sich überhaupt hat freimachen können, und dazu noch auf ganze zwei Wochen, die er auf dem Lande verbringen will. Freilich gäbe es anderenfalls auch nicht diesen Disput im Bienengarten und somit auch nicht den ganzen achten Teil des Romans, welcher nur um dieses Disputs willen geschrieben ist. Ja sehen Sie, dieser Kosnyscheff hatte irgendein gelehrtes Buch über Rußland geschrieben, das vor etwa zwei oder drei Monaten in Moskau erschienen war, und obschon er lange daran gearbeitet und große Hoffnungen in dieses Werk gesetzt, hatte es schmählich Fiasko gemacht: von der Kritik war dem Werk überhaupt keine Beachtung geschenkt worden. Darauf erst hatte Kosnyscheff sich der slawischen Tätigkeit angeschlossen, und das mit einem Eifer, wie ihn niemand von ihm erwartet hätte. Daraus folgt, daß er gewissermaßen nicht auf natürlichem Wege zu dieser Betätigung gelangt und sein ganzer Eifer für die Balkanslawen nur „ambition rentrée“ ist, nichts weiter, und man ahnt bereits, daß Lewin im Disput mit ihm selbstverständlich Sieger bleiben muß. Kosnyscheff war auch in den früheren Teilen des Romans sehr geschickt in komischem Lichte dargestellt; aus dem achten Teil aber geht bereits klar hervor, daß er überhaupt nur zu dem Zweck geschaffen ist, um im Schlußkapitel als Piedestal zu Lewins Größe zu dienen. An sich freilich ist diese Gestalt dem Autor sehr gut gelungen.
Dafür ist eine der mißlungenen Gestalten der alte Fürst, Lewins Schwiegervater, der gleichfalls dort unter den Bäumen im Bienengarten sitzt und sich an dem Gespräch über die Orientfrage beteiligt. Die Figur des alten Fürsten ist dem Autor sogar im ganzen Roman mißlungen, nicht nur im Schlußkapitel. Der alte Fürst soll einer der positiven Charaktere des Romans sein, selbstverständlich nicht auf Kosten des Realismus! So hat auch er seine Schwächen und fast sogar seine komischen Seiten, aber im allgemeinen ist er doch ein ehrwürdiger, höchst ehrwürdiger Mann. Er ist der Gutherzige des Romans, ist sozusagen die gesunde Vernunft – nicht die, die in den Stücken des achtzehnten Jahrhunderts wie ein gelehrter Esel redete. Da gab’s nichts anderes als nur Vernunft und abermals Vernunft. Der Fürst dagegen hat auch Humor und überhaupt menschliche Züge. Das Ergötzliche besteht nur darin, daß dieser alte Mensch die Aufgabe hat, geistreich sein zu müssen. Dabei hat er aber das Unglück, daß ihm nichts wirklich Geistreiches zu sagen gelingt. Statt dessen urteilt er in diesem Schlußkapitel über unser Volk und einen Teil unserer Gesellschaft geradezu zynisch. Der „Gutherzige“ entpuppt sich plötzlich als Verneiner des ganzen russischen Volkes wie alles dessen, was in diesem Volk Gutes lebt. Man hört so recht die Aufgebrachtheit eines alten Klubmitglieds und den greisenhaften Ärger. Übrigens ist seine politische Theorie nichts weniger als neu. Sie besteht darin, daß wir uns nur für Rußland interessieren sollten, und deshalb ist er der Meinung, daß die Balkanslawen uns nichts angehen – anderenfalls würde er von uns nicht Interesse nur für Rußland verlangen. Wir dagegen sind der Meinung, daß die Hilfe, die wir den Slawen bringen, eine Handlung im Interesse Rußlands, d. h. im Sinne der Bestimmung Rußlands ist. So besteht denn der allgemeine Charakter seiner Ansichten in der Engheit seiner Auffassung der russischen Interessen. Er sagt, er könne nicht begreifen, weshalb man hier in Rußland plötzlich die Balkanslawen so sehr liebe, während er, der Fürst, in seinem Herzen nicht die geringste Liebe zu ihnen verspüre. Auch verstehe er nicht, gegen wen denn die Russen in den Krieg ziehen, da doch die Regierung noch keiner anderen Macht den Krieg erklärt habe. Katawassoff, der Professor aus Moskau, sagt darauf, daß es Fälle geben könne, wo die Regierung den Willen des Volkes nicht erfüllt, und dann äußere sich die öffentliche Meinung eben in der Weise, wie es jetzt in Rußland geschehe. Hierauf heißt es von Lewin, der mit dem alten Fürsten übereinstimmt:
„... er wollte sagen, daß, wenn die öffentliche Meinung ein unfehlbarer Richter wäre, die Revolution und Kommune doch ebenso gesetzmäßig sein müßten, wie diese Bewegung zugunsten der Slawen.“
Es ist sonderbar, daß dieser Lewin und der alte Fürst sich durch keinerlei Erwägungen in ihrem Denken aufhalten lassen. Doch schließlich – wer sieht denn nicht, daß aus dem Fürsten gekränkte Eigenliebe spricht (die Leute ziehen in den Krieg, ohne ihn vorher gefragt zu haben, ob ihm das genehm ist!) und aus Lewin seine paradoxe Meinung. Nicht die Wahrheit ist Lewin teuer, sondern das, was er sich ausgedacht hat. Übrigens spricht vielleicht auch aus Lewin gekränkte Eigenliebe, denn es ist ja kaum glaublich, was alles die Eigenliebe der Menschen kränken kann. Das Volk und unsere Freiwilligen gegen die Verleumdungen Lewins und des alten Fürsten zu verteidigen, hat meines Erachtens keinen Sinn, ja es wäre für die Verteidigten sogar erniedrigend. Wenn Lewin zur Erklärung der Tatsache, daß Hunderte von Freiwilligen aus Rußland hinziehen, um mit den Balkanslawen gegen die Türken zu kämpfen, ohne weiteres sagt, daß „in einem Volke von achtzig Millionen sich immer nicht nur Hunderte, wie jetzt, sondern Tausende von Menschen finden werden, die ihre gesellschaftliche Stellung eingebüßt haben, Tausende von Müßiggängern, die stets bereit sind, sich der Räuberbande eines Pugatschoff[34] anzuschließen oder nach China oder Serbien zu gehen“ – so können wir nur darauf hinweisen, daß die Freiwilligen nicht heimlich aufbrachen. Alle haben sie gesehen und ihnen das Geleit gegeben und es war manch ein bekannter Name unter ihnen. Gewiß wird es neben der größten Aufopferung auch Leute gegeben haben, die einfach aus Abenteuerlust, aus Ruhmsucht oder aus anderen Gründen hinzogen. Aber noch weiß man nicht, wie viele auch von diesen Abenteuerlustigen ihr Leben dort hingegeben haben. Doch die Behauptung, daß unsere Freiwilligen vom vorigen Jahr alle nur Müßiggänger und verlorene Leute gewesen seien, hat zum mindesten keinen Sinn, denn wie gesagt, wir haben Hunderte von ihnen gekannt. Was nun die Spenden betrifft, die selbst von den ärmsten Leuten aus dem Volk für die bedrängten und mißhandelten Glaubensbrüder dargebracht wurden, so behauptet der Fürst, daß das „Volk“ überhaupt nicht wisse, worum es sich dabei handelt. Er sagt: