Mir scheint, daß das vorherrschende Gefühl aller Richter der Welt, der unseren aber im besonderen, das Gefühl der Macht sein muß, oder besser gesagt, der Eigenmacht. Um so bemerkenswerter ist es, daß sie heutzutage bei uns nie verurteilen, sondern ausnahmslos freisprechen. Freilich ist auch das ein Beweis ihrer Macht, sogar der Beweis eines übermäßigen Gebrauches ihrer Macht, jedoch nur in einer, weiß Gott, sentimentalen Richtung, die aber leider von allen eingehalten wird. Das ist eben das Auffallende, daß die Manie, um jeden Preis freizusprechen, nicht nur die Bauern unter den Geschworenen, die gestern noch Leibeigene waren, ergriffen hat, sondern sogar die Geschworenen aus den höchsten Ständen, selbst Edelleute und Universitätsprofessoren. Gerade diese Allgemeinheit der Manie kann einen auf seltsame Gedanken bringen.
Viele erklären sich das damit, daß es ihnen leid täte, ein fremdes Menschenleben zu vernichten. Das russische Volk sei mitleidig, sagen sie.
Sonderbar, ich habe immer geglaubt, daß zum Beispiel das englische Volk auch Mitleid empfindet, und wenn in ihm auch nicht diese, sagen wir, Weichherzigkeit zu finden ist, so hat es doch jedenfalls auch seine Menschenliebe. Das Bewußtsein und das Gefühl der christlichen Pflicht ist bei den Engländern in hohem Maße vorhanden, ist bis zur festen und selbständigen Überzeugung ausgebildet, vielleicht sogar ausgesprochener als bei uns, wenn man ihre alte Bildung und Selbständigkeit in Betracht zieht. Dort ist den Geschworenen die Macht doch nicht so wie den unsrigen plötzlich vom Himmel in den Schoß gefallen. Auch haben sie das ganze Geschworenengericht selbst geschaffen, haben es von niemandem entlehnt, sondern aus dem eigenen Leben in Jahrhunderten ausgearbeitet. Deshalb weiß dort jeder Geschworene, daß er, sobald er seinen Platz im Gerichtssaal eingenommen hat, nicht nur ein gefühlvoller Mensch mit einem guten Herzen ist, sondern in erster Linie Staatsbürger. Er ist sogar der Meinung (ob er recht hat, ist eine andere Frage), daß die Erfüllung einer Bürgerpflicht wertvoller ist als die christliche Herzenstat eines Menschen. Der englische Geschworene weiß, daß er im Gerichtssaal aufhört, eine Privatperson zu sein, daß er dort nur der Vertreter der öffentlichen Meinung seines Landes ist und die Fahne Englands hochzuhalten hat. Die Fähigkeit, ein Staatsbürger zu sein, ist doch nichts anderes, als die Fähigkeit, in sich den Vertreter seines ganzen Landes zu sehen. Auch in England kennt man Nachsicht im Urteil, auch dort berücksichtigt man das „zersetzende Milieu“ (das bei uns jetzt so beliebte Schlagwort), aber es geschieht das doch nur bis zu einer gewissen Grenze, nur soweit es die gesunde Vernunft des Landes zuläßt. Deshalb wird im alten England das Laster nicht Tugend genannt, sondern bleibt Laster und das Verbrechen – Verbrechen, und die sittliche Grundlage des Landes bleibt deshalb nicht minder fest bestehen.
Hier höre ich eine Stimme einwenden: „Aber woher soll es denn auch bei uns Bürger geben? bedenken Sie doch nur, was wir noch gestern waren! Unsere Bürgerrechte (und dazu noch was für welche!), die haben uns doch, unvorbereitet wie wir waren, einfach überfallen und ruhen nun auf uns wie eine Last, die uns fast erdrückt!“
„Freilich, in Ihrer Bemerkung liegt schon etwas Wahres, aber andererseits, das russische Volk ...“
„Das russische Volk?“ unterbricht mich eine andere Stimme. „Aber, erlauben Sie, wer kennt von uns denn das russische Volk? Ich glaube, daß hier nicht nur Weichherzigkeit freispricht, sondern das Grauen vor der Macht selbst! Diese plötzliche furchtbare Macht über ein Menschenschicksal hat uns erschreckt, und bevor wir uns zu Ihren englischen Bürgern ausbilden, sprechen wir eben vorläufig frei. Aus Angst sprechen wir frei. Unsere Geschworenen denken vielleicht bei sich: ‚Sind wir denn besser als der Angeklagte? Wir sind reich und sichergestellt, aber wenn wir in seiner Lage gewesen wären, wer weiß, ob wir nicht noch Schlimmeres getan hätten als er?‘ – und deshalb sprechen sie frei. Aber das ist vielleicht doch ein Wert, vielleicht ein Unterpfand eines höheren Christentums der Zukunft, eines geistigen Ausdrucks, wie die Welt bisher noch keinen ähnlichen gekannt hat!“
Dieser Gedanke wäre allerdings beruhigend, aber ... weshalb hat denn unser Volk dieses Grauen vor der Macht? Spricht es frei, weil es sich vor dem Mitleid mit dem Verurteilten, vor dem Schmerz des Mitleids fürchtet? – Nun, so nehme man doch den Schmerz auf sich. Die Wahrheit steht höher als Mitleid.
Allerdings, wenn wir uns mitunter wirklich selbst für schlechter halten als den Verbrecher, so geben wir doch damit zu, daß wir zur Hälfte an seinem Verbrechen mit schuld sind. Denn wir sagen uns, wenn wir selbst besser wären, so würde auch er besser sein und jetzt nicht als Angeklagter vor uns stehen ...
Aber muß man ihn deshalb freisprechen?
Nein, im Gegenteil: gerade deshalb muß man die Wahrheit aussprechen und das Böse – das Böse nennen, doch die Hälfte der Last des Urteils auf sich nehmen. Wir müssen den Gerichtssaal mit dem Gedanken betreten, daß auch uns Schuld trifft, und eben dieser Schmerz des Mitleids, den jetzt alle so fürchten und mit dem wir den Saal nach einer Verurteilung verlassen, wird unsere Strafe sein. Wenn dieser Schmerz echt und tief ist, so wird er uns besser machen, und nur wenn wir selbst besser werden, machen wir das Milieu besser. Das ist es ja, daß man überhaupt nur auf diese Weise das Milieu verbessern kann. Aber so aus Angst vor dem eigenen Mitgefühl freisprechen – das ist nicht schwer, nur käme man auf diesem Wege bald zu der Folgerung, daß es Verbrechen überhaupt nicht gebe, sondern an allem bloß das Milieu schuld sei, und schließlich – wenn wir folgerichtig weitergehen –, daß Verbrechen sogar Pflicht sei, oder doch ein edler Protest gegen die herrschende Ungerechtigkeit. Dazu führt die Lehre vom Milieu, im Gegensatz zur christlichen Lehre, die, obgleich sie den Einfluß des Milieus durchaus anerkennt und Barmherzigkeit predigt, dennoch den Kampf gegen das Milieu als sittliche Pflicht des Menschen aufstellt und dabei scharf abgrenzt, wo das Milieu aufhört und die Pflicht anfängt.
Indem das Christentum den Menschen verantwortlich macht, erkennt es seine Freiheit an. Wenn man den Menschen von jedem Fehler der gesellschaftlichen Einrichtung für abhängig erklärt, wie es die Lehre vom Milieu tut, so führt man den Menschen zur vollständigen Unpersönlichkeit und entbindet ihn von jeder persönlichen sittlichen Pflicht, von jeder Selbständigkeit, und bringt ihn somit in die größte Knechtschaft, die man sich nur denken kann.
„Ja, aber,“ höre ich jemandes ironische Stimme einwenden, „glauben Sie denn, daß diese freisprechenden zwölf Geschworenen, die mitunter ausnahmslos Bauern sind, auch nur eine Ahnung von Ihrer neuesten Milieutheorie haben, die Sie ihnen da unterschieben?“
„Hm, ja ... freilich, wie sollten sie dazu kommen, d. h. alle die Vielen ... Aber Ideen ... Ideen liegen doch in der Luft, Ideen sind doch ansteckend ...“
„Na, das fehlte noch!“ lacht die ironische Stimme.
„Aber wie ... wenn gerade unser Volk ganz besonders zur Lehre vom Milieu neigte, schon seinem Wesen nach, sagen wir meinetwegen infolge seiner slawischen Veranlagung? Wie, wenn gerade unser Volk das beste Material für gewisse europäische Propaganda wäre?“
Die höhnische Stimme lacht noch lauter, aber das Lachen klingt etwas gezwungen.
Nein, es scheint mir doch, daß es sich hier vorläufig nicht um eine „Philosophie des Milieus“ handelt.
Es ist wahr, schon seit Jahrhunderten nennt unser Volk die Verurteilten „Unglückliche“. Was will es damit ausdrücken? – die christliche Auffassung oder die Auffassung des Milieus? Hier liegt der springende Punkt, gerade hier konnte die Propaganda mit Erfolg einsetzen!
Es gibt unausgesprochene, unbewußte und nur intensiv gefühlte Ideen, die mit der Menschenseele gleichsam verwachsen sind. Sie existieren sowohl im einzelnen Volk, wie in der ganzen Menschheit. Solange diese Ideen noch unbewußt dem Volksleben zugrunde liegen und erst nur stark und sicher empfunden werden, nur so lange kann das Volk ein starkes und lebendiges Leben führen. Im Bestreben, diese in sich verborgenen Ideen zum Ausdruck zu bringen, liegt die ganze Energie seines Lebens. Je unerschütterlicher das Volk seine Idee bewahrt, je weniger es fähig ist, von seinem anfänglichen Gefühl abzuweichen, je weniger es geneigt ist, sich falschen Deutungen dieser Idee hinzugeben, um so kraftvoller und glücklicher wird es sein.
Ein Teil der Idee des russischen Volkes kommt nun zweifellos in der Tatsache zum Ausdruck, daß es die Verbrecher „Unglückliche“ nennt. Kein europäisches Volk hat je etwas Ähnliches geäußert, erst jetzt beginnen in Europa einzelne Philosophen für diese Auffassung einzutreten; unser Volk aber hat sie schon vor Jahrhunderten ausgesprochen. Doch daraus folgt noch nicht, daß es nicht durch eine falsche Auslegung dieser Idee irregeführt werden könnte, wenigstens zeitweilig.
Meiner Ansicht nach will das russische Volk mit der Bezeichnung „Unglückliche“ den Verbrechern sagen: „Ihr habt gesündigt und büßt dafür, aber auch wir sind Sünder. Wären wir besser, so würdet ihr vielleicht nicht in den Gefängnissen sitzen. Mit der Strafe für eure Verbrechen tragt ihr auch die Last der allgemeinen Ungerechtigkeit. Betet für uns, wie wir für euch beten, und nehmt unser Almosen, das wir euch geben, damit ihr seht und wißt, daß wir euer gedenken und unsere brüderlichen Bande mit euch nicht zerrissen haben.“ Doch niemals hat das Volk deshalb aufgehört, einen Verbrecher für schuldig zu halten. Es wäre auch das größte Unglück für uns, wenn das Volk dem Verbrecher sagen würde: „Du bist unschuldig, denn es gibt kein Verbrechen.“ Und daß das Volk noch so denkt, das ist unsere Hoffnung, ist der Grund, weshalb wir unseren Glauben an unsere Zukunft nicht aufzugeben brauchen.
Ich habe im Zuchthaus unter vielen Verbrechern gelebt, doch habe ich unter ihnen nicht einen gesehen, der sich nicht selbst für einen Verbrecher gehalten hätte. Niemand sprach von seinem Verbrechen. Niemand murrte wider seine Strafe. Wenn einmal ein Neuling mit seiner verbrecherischen Tat prahlen wollte, so erteilten ihm alle Sträflinge einstimmig einen barschen Verweis. Man sprach einfach nicht von seinem Verbrechen. Doch sicherlich gab es nicht Einen unter ihnen, dem eine lange Zeit seelischen Leidens, reinigender und aufrichtender Reue erspart geblieben war. Ich habe sie einsam grübeln, habe sie in der Kirche beten gesehn, habe manches vielverratende Wort gehört und erinnere mich noch des Ausdrucks ihrer Gesichter, – oh, man glaube mir, da war nicht einer unter ihnen, der sich in seiner Seele schuldlos gefühlt hätte!
Ich möchte nicht, daß meine Worte als Ausdruck von Grausamkeit aufgefaßt werden, wenn ich behaupte, daß nur durch strenge Bestrafung, durch Gefängnis und Zwangsarbeit die Hälfte aller Verbrecher gerettet werden kann. Die Strafe bedrückt nicht, wie man meint, sondern erleichtert. Selbstreinigung durch Leid ist leichter, leichter als das Los, welches man ihnen bereitet, wenn man sie vollkommen freispricht. Man nimmt ihnen damit nur die Möglichkeit, sich zu bessern, und pflanzt in ihre Seele Zynismus, läßt in ihnen eine verfängliche Frage offen und ruft ihren Spott über die Richter hervor. Man erreicht damit nur, daß der Verbrecher selbst irre wird an den Dingen. „Freilich,“ wird er sich sagen, „sie haben ja recht mit dem Freispruch; wenn ich in Not war, wie sollte ich da nicht stehlen?“ Die Hauptsache aber ist, daß dadurch der Glaube an die Gerechtigkeit und die Volkswahrheit erschüttert wird.
In den letzten Jahren, die ich im Auslande verbrachte, hat mir oft das Herz geschmerzt, wenn ich dort unsere Emigranten und Absentisten sah, deren Kinder die Muttersprache kaum verstanden oder schon verlernt hatten. Aber bisweilen, wenn ich den Lesesaal nach der Lektüre unserer Zeitungen verließ, konnte ich – bei Gott, meine Herren – unsere Absentisten verstehen. Mein Herz krampfte sich zusammen, wenn ich las, wie das in Rußland neueingeführte Geschworenengericht sich „bewährte“! Es wurde nur freigesprochen – eine Frau, die ihren Mann erschossen, ein Jüngling, der die Kasse bestohlen, um seine Geliebte zu bezahlen, ein Bauer, der sein Weib solange und so grausam mißhandelt hatte, bis das Weib sich erhängte – kurz, sie wurden alle für unschuldig erklärt. Und wenn das noch wenigstens Menschen gewesen wären, die ein besonderes Mitleid oder Nachsicht verdient hätten! Aber nein!! Deshalb konnte ich mir auch den Grund des Freispruchs nie erklären. Der Eindruck war bedrückend, nahezu beleidigend. In diesen bösen Augenblicken erschien mir Rußland bisweilen wie ein Sumpf, ein Moor, auf dem sich’s jemand hat einfallen lassen, einen Palast zu bauen. Von oben gesehen ist der Boden scheinbar fest und glatt, in Wirklichkeit aber ist er wie ein Brei. Tritt man auf ihn, so versinkt man in eine bodenlose Tiefe. Ich machte mir heftige Vorwürfe wegen meines Kleinmuts und tröstete mich damit, daß ich mich als Kritiker aus der Ferne immerhin täuschen konnte.
Doch jetzt bin ich wieder in Rußland ...
„Ja, sprechen sie überhaupt aus Mitleid frei?“ – das ist nun die Frage! Lachen sie nicht darüber, daß ich ihr eine solche Bedeutung zuschreibe. „Mitleid“ ist doch immerhin noch irgendwie zu erklären, es läßt wenigstens die eine oder andere Deutung zu. Wenn es aber nun nicht Mitleid ist?
Dann steht man wie vor einer Finsternis, in der irgendein Wahnsinniger lebt.