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Sämtliche Werke 12 cover

Sämtliche Werke 12

Chapter 28: Der Büßer (1873)
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About This Book

Eine Sammlung journalistischer und essayistischer Texte, Vorträge und Notate, die literarische Kritik, persönliche Erinnerungen und philosophische Besinnungen verbindet. Der Band behandelt russische Literatur und Autoren, Reflexionen über Byronismus und zeitgenössische Romane, sowie Untersuchungen zum russischen Nihilismus, zum sozialen Milieu, zu Schuld, Selbstmord und Unsterblichkeit. Dazu kommen Einführungen zur Lebens- und Arbeitssituation des Autors, Auszüge aus Tagebuchblättern und pointierte Feuilletons, die das publizistische Wirken und den Gesprächskreis beleuchten. Stilistisch wechseln analytische Essays, polemische Artikel und fragmentarische Notizen, sodass ein facettenreiches Bild literarischer, sozialer und existenzieller Themen entsteht.

Der Büßer
(1873)

In unseren russischen Klöstern gibt es, wie man weiß, auch jetzt noch unter den Mönchen manche Asketen und Heilige, Beichtväter und Ratgeber. Ob das nun gut oder schlecht ist, ob man der Mönche bedarf oder nicht – diese Frage wollen wir hier nicht erörtern. Es soll zwar nicht zeitgemäß sein, von Mönchen zu reden, doch können wir nicht umhin, es hier trotzdem zu tun, da das Folgende ein Mönch erzählt hat. Diese Beichtväter und Ratgeber sind bisweilen hochgebildete Menschen, Menschen mit einem tiefen Verstande. Wenigstens wird so von ihnen berichtet, ich kenne sie nicht. Einige von ihnen, sagt man, seien in ganz Rußland bekannt, und aus den fernsten Gegenden kämen die Menschen zu ihnen, oft sogar zu Fuß aus Archangelsk, aus Sibirien, aus dem Kaukasus. Wer zu ihnen kommt, den treibt eine Verzweiflung, mit der die eigene Seele nicht mehr kämpfen kann, oder auf dem Gewissen dieser Menschen ruht eine so furchtbare Schuld, daß sie mit ihrem Geistlichen in der Heimat nicht darüber sprechen mögen – nicht aus Angst oder Mißtrauen, sondern weil die Verzweiflung ihnen jeden Glauben an eine Vergebung ihrer Sünde genommen hat. Hören sie dann zufällig von einem solchen fernen, trostspendenden Beichtvater, dann machen sie sich auf und pilgern zu ihm.

So hat nun einer von diesen Mönchen in einem Gespräch unter vier Augen seinem Zuhörer folgendes erzählt:

„Schon seit zwanzig Jahren höre ich Beichten, und, werden Sie es mir glauben, in zwanzig Jahren lernt man so viele verborgene Krankheiten der Menschenseele kennen, daß einen, wie man meinen sollte, nichts mehr wunder nehmen könnte. Und dennoch kommt es vor, daß man selbst nach zwanzig Jahren erschauert beim Anhören manch einer Schuld. Man verliert die Gemütsruhe, die erforderlich ist, um dem Verzweifelten Trost geben zu können, und man muß sich selber zu Demut und Vertrauen zwingen.“

Und hierauf hat er folgende unglaubliche Geschichte aus dem Volksleben erzählt:

... Ich sehe, ein Bauer kommt auf den Knien zu mir gekrochen. Ich hatte schon vom Fenster her gesehen, wie er draußen auf der Erde kriechend näher kam. Sein erstes Wort zu mir war:

„Für mich gibt es keine Rettung mehr: bin verdammt! Was du auch sagst, ich weiß: ich bin verdammt!“

Ich versuchte, ihn einigermaßen zu beruhigen. Ich sah, daß der Mensch weither gekommen war, weil es ihn nach Strafe und Leiden für sein Vergehen verlangte.

„Wir kamen im Dorf mehrere Burschen zusammen,“ begann er, „und da fingen wir an unter uns zu streiten, wer den anderen in Frechheit überbieten könne. Ich prahlte, daß ich sie alle ausstechen würde. Da zog mich ein anderer Bursche beiseite und sagte mir unter vier Augen: ‚Hör mal, das kannst du nie und nimmer, was du da sagst. Du prahlst ja nur.‘“

„Ich wollte schon schwören, aber er unterbrach mich: ‚Nein, wart,‘ sagte er, ‚nicht so. Du schwöre mir bei deinem Seelenheil in jener Welt, daß du alles tun wirst, was ich dir sagen werde.‘“

„Ich schwor.“

„‚Gut,‘ sagte er. ‚Bald haben wir Fasten. Bereite dich zum Abendmahl vor. Die Hostie nimm, aber verschluck sie nicht. Wenn du dann aufstehst – tritt zur Seite, nimm sie aus dem Munde und behalt sie in der Hand. Das weitere werde ich dir dann sagen.‘“

„So tat ich auch. Aus der Küche führte er mich geradewegs in den Gemüsegarten. Nahm einen Pflock, stieß ihn in die Erde und sagte: ‚Leg’ hin!‘ Ich legte die Hostie auf den Pflock. ‚Jetzt geh und hol eine Flinte,‘ sagte er. Ich ging und holte sie. ‚Lad’ sie,‘ sagte er. Ich lud. ‚Ziele und schieß.‘ Ich erhob die Hand und zielte. Und da – wie der Schuß fiel, stand plötzlich vor mir das Kreuz mit dem Gekreuzigten. Da fiel ich bewußtlos hin ...“

Zugetragen hatte sich das schon mehrere Jahre vor der Beichte. Den Namen dieses Pilgers wie auch die Strafe, die er ihm auferlegt, hat der Pater natürlich nicht gesagt. Wahrscheinlich hat er die Seele dieses Menschen mit einer furchtbaren Buße belastet, vielleicht sogar mit einer, die fast über menschliche Kraft ging, in der Erwägung, daß, je schwerer die Strafe, sie um so eher das Gewissen erleichtern werde. „... weil es ihn doch nach Strafe und Leiden für sein Vergehen verlangte ...“

Dieser Fall verdient es entschieden, näher betrachtet zu werden, ja er ist sogar äußerst charakteristisch. Ich bin immer der Meinung gewesen, daß das letzte Wort gerade diese Menschen aussprechen werden, diese reuigen oder auch nicht reuigen, bußfertigen oder unbußfertigen; sie werden es sagen und uns den neuen Weg weisen, den neuen Weg ins Freie aus allen unseren anscheinend vollkommen unlösbaren Problemen. Es wird doch nicht Petersburg unser russisches Schicksal endgültig entscheiden. Deshalb aber ist jeder, ja sogar jeder geringste neue Zug dieser „neuen Menschen“ unserer Aufmerksamkeit wert.

Erstens, was mich am meisten wundert, das ist der Anfang des Ganzen, die Möglichkeit eines solchen Streites und Wettkampfes in einem russischen Dorf: wer den anderen in Frechheit überbieten könne. Es ist das eine Tatsache, die auf furchtbar vieles hindeutet, und ich muß sagen, daß sie für mich eine sogar ganz unerwartete Erscheinung ist – ich habe doch genug Menschen aus dem Volk gesehen, sogar die charakteristischsten Verbrecher und Sträflinge.

Ferner ist die, sagen wir, krankhafte Seite des Vorfalls bemerkenswert. Halluzinationen sind eine vornehmlich krankhafte Erscheinung und zugleich hört man von dieser Krankheit nur sehr, sehr selten. Die Möglichkeit einer plötzlichen Halluzination bei einem, wenn auch sehr erregten, aber immerhin ganz gesunden Menschen ist an sich bisher vielleicht noch nicht vorgekommen. Doch das ist eine medizinische Frage, von der ich wenig verstehe.

Etwas ganz anderes ist es mit der psychologischen Seite des Falles. Da erscheinen vor uns zwei Charaktere, die in hohem Maße für das ganze russische Volk typisch sind! Da ist vor allen Dingen dieses Vergessen eines jeden Maßes bezeichnend (doch ist das, wohlgemerkt, fast immer nur eine zeitweilige Erscheinung, gleichsam eine vorübergehende Anfechtung). Da ist dieses Bedürfnis, über das Maß hinauszugreifen, das Bedürfnis nach herzbeklemmenden Empfindungen, das Verlangen, an einen Abgrund heranzugehen, sich mit dem halben Körper schon über den Rand zu beugen, in die schaudervolle Tiefe zu blicken und – sehr oft oder wenigstens in nicht seltenen Fällen – sich wie ein Wahnsinniger mit dem Kopf voran in die Tiefe zu stürzen. Das ist das Verneinungsbedürfnis im russischen Menschen, bisweilen sogar in einem durchaus nicht verneinenden, sondern in einem ehrfürchtig alles bejahenden Menschen – die Verneinung von allem, selbst des größten Heiligtums des eigenen Herzens, seines höchsten Ideals, des ganzen Volksheiligtums, vor dem er soeben noch ehrfurchtsvoll gekniet, das aber dann plötzlich gleichsam zu einer unerträglichen Last für ihn wird. Auffallend ist dabei namentlich jene Hast, jener unbezwingbare Drang, in dem der Russe sich in manchen Augenblicken seines eigenen oder des ganzen Volkslebens zu äußern beeilt, wenn der Augenblick einer von jenen ist, die den Charakter des Menschen herausfordern – gleichviel ob es in einer guten oder in einer unflätigen Tat geschieht. Mitunter gibt es für ihn dann überhaupt keine Schranken mehr. Was es auch sei, Liebe, Wein, Eigenliebe, Neid oder die tolle Stimmung eines Gelages – da gibt sich mancher Russe rückhaltlos dem Augenblick hin, ist imstande, alles zu zerreißen, zu vernichten, von allem sich loszusagen, von der Familie, von den Sitten, von Gott. Manch ein herzensguter Mensch kann plötzlich zum Tier und Verbrecher werden, wenn er einmal in diesen Wirbel hineingerät – in diesen für uns verhängnisvollen Wirbel momentaner, konvulsivischer Selbstverneinung und Selbstzerstörung, die dem russischen Volkscharakter seit jeher zu seinem Verhängnis eigen sind. Aber mit ebensolcher Kraft, mit ebenso großem Ungestüm im Verlangen nach Selbsterhaltung und Buße versteht es das ganze Volk, wie auch der einzelne Russe, sich selber wieder zu retten, und er rettet sich gewöhnlich gerade in dem Augenblick, wenn er schon bei der letzten Grenze angelangt ist, d. h. wenn er nirgendwohin mehr weitergehen kann. Doch besonders bezeichnend ist es, daß der Rückschlag – der die Wiederherstellung, die Rettung zur Folge hat – immer ernster ist als der erste Stoß, der ihn zur Verneinung und Selbstvernichtung treibt. Jene erste Anwandlung ist eben immer eine Art Kleinmut oder eine Laune, während der Rückschlag mit der Wiederherstellung und Rettung aus eigener Kraft immer etwas Großes ist: und ihm gibt sich der russische Mensch mit der größten, gewaltigsten und ernstesten Anstrengung hin und blickt dann auf seine frühere Verneinung mit Selbstverachtung zurück.

Ich glaube, das hauptsächlichste, das ursprünglichste geistige Bedürfnis des russischen Volkes ist das Bedürfnis zu leiden, ewig und unersättlich, überall und in allem. Dies Lechzen nach Leid hat es, wie mir scheint, schon von jeher in sich gehabt. Wie ein leidtragender Strom zieht es durch seine ganze Geschichte, und zwar nicht nur in Gestalt äußeren Unglücks und verschiedener Heimsuchungen, vielmehr entspringt seine Quelle dem lebendigen Herzen des Volkes. Sogar im Glück des Russen, sowohl des einzelnen wie des ganzen Volkes, ist unbedingt ein Teil Leid enthalten, anderenfalls ist für ihn das Glück nicht vollständig. Niemals, nicht einmal in den Stunden der größten Triumphe, die seine Geschichte kennt, hat das russische Volk ein stolzes oder triumphierendes Aussehen, sondern nur ein, bis zum Leid ergriffenes; es atmet wohl auf, aber den Ruhm schreibt es der Gnade Gottes zu. Im Leid findet das russische Volk gleichsam einen Genuß. Und was vom ganzen Volk gilt, gilt auch vom einzelnen Russen, natürlich nur im allgemeinen gesprochen. Man betrachte z. B. die zahlreichen Typen des randalierenden Russen. Es ist bei ihm nicht nur übermäßige Ausgelassenheit, deren Schrankenlosigkeit oder Frechheit einen wundernimmt oder einen durch die Tiefe des Falles einer Menschenseele anwidert. Dieser widerliche Mensch ist in erster Linie selber ein Märtyrer. Eine naiv triumphierende Selbstzufriedenheit, eine satte Gespreiztheit ist einem Russen nie eigen, nicht einmal einem dummen. Man vergleiche einen russischen Betrunkenen mit – nun, meinetwegen mit einem deutschen: der betrunkene Russe ist vielleicht gemeiner als der betrunkene Deutsche, doch ist dieser zweifellos dümmer und komischer als der Russe. Die Deutschen sind ein vornehmlich selbstzufriedenes, auf sich stolzes Volk. Im betrunkenen Deutschen pflegen nun diese Grundzüge des Volkscharakters an Ausgeprägtheit proportional dem Quantum des getrunkenen Bieres zuzunehmen. Der betrunkene Deutsche ist ein zweifellos glücklicher Mensch und denkt nicht daran, zu weinen; statt dessen singt er selbstgefällige Lieder und ist stolz. Er kommt stocksteif besoffen nach Haus, aber er ist dabei stolz! Der russische Trinker dagegen trinkt gewöhnlich aus Leid und weint nachher. Oder wenn er auch großtut, so ist das doch kein Triumphieren, sondern nur ein Randalieren. In der Regel fällt ihm dann irgendeine ihm widerfahrene Kränkung ein und er fängt an, dem Beleidiger, gleichviel, ob dieser zugegen ist oder nicht, bittere Vorwürfe zu machen. Schließlich beweist er ihm mit Nachdruck, daß er womöglich ein General sei, schimpft dabei aufrichtig, wenn man ihm nicht glaubt, bis er zu guter Letzt, um alle zu überzeugen, unbedingt nach der Polizei schreit. Aber er ist ja nur deshalb so, ruft auch nur deshalb nach der Polizei, weil er in den geheimsten Tiefen seiner betrunkenen Seele nur zu gut weiß, daß er ganz und gar kein General, sondern nur ein ekelhafter Säufer und tiefer gesunken ist als das niedrigste Vieh. Was wir hier im mikroskopischen Beispiel sehen, sehen wir auch im großen Ganzen. Selbst der größte Schandkerl, der fast schön ist in seiner Frechheit, in seiner eleganten Lasterhaftigkeit, so daß ihn die Dummköpfe sogar nachäffen, selbst dieser fühlt in den verborgensten Tiefen seiner verderbten Seele, daß er doch nur ein Nichtswürdiger ist. Er ist unzufrieden mit sich, die bittere Selbsterkenntnis nagt an seinem Herzen, und dafür rächt er sich an den anderen. Er martert sich, er tobt gegen sich und alles Gute in ihm und um ihn, bis er, unter ständigem Kampf gegen den in seinem Herzen sich ansammelnden Schmerz und doch zugleich sich wie daran berauschend, diese letzte Grenze erreicht. Wenn er aber dann, schon über dem Abgrund hängend, sich doch noch aufzurichten vermag, so straft er sich selbst am grausamsten, straft er sich mehr als andere es je könnten.

Was trieb diese Burschen in den Streit: „Wer den anderen an Frechheit überbieten könne?“ Und warum wählte der Bursche gerade diese Tat zur Prüfung der Vermessenheit des anderen? Er hätte doch auch eine andere Tat wählen können, etwa die Ermordung einer hochgestellten Persönlichkeit oder sonst einen ganz besonderen Mord, denn der Bursche hatte doch geschworen, daß er „zu allem“ bereit sei, und sein Versucher wußte, daß er tatsächlich „alles“ tun werde, was er von ihm als Beweis seiner Vermessenheit verlangte. Doch nein! Selbst die schrecklichsten Verbrechen scheinen dem Versucher nicht schrecklich genug zu sein. Er denkt sich etwas noch nie Dagewesenes, etwas Unerhörtes aus, woran noch nie jemand gedacht hat! Doch das, daß er gerade in dieser Tat das Unerhörteste, das Vermessenste sah, gerade das verrät die ganze Weltanschauung unseres Volkes!

Ich sagte – „woran noch nie jemand gedacht hat“. Ist es so? Nein, denn alles beweist, daß er sich schon lange mit diesem Gedanken beschäftigt haben muß. Vielleicht war schon in seiner Kindheit dieser Traum in seine Seele gekrochen, hatte sie mit Schrecken erfüllt und gequält – und diese Qual war für ihn vielleicht zum Genuß geworden. Er hatte sich das alles vielleicht schon lange zuvor ausgedacht – die Flinte, die Hostie – und nur als tiefstes Geheimnis in sich bewahrt. Selbst hätte er es vielleicht nicht zu tun gewagt, er spielte nur mit dieser Vorstellung, die ihm gefiel, die ihn verführte, der er nachgab. Eine Sekunde lang unerhörteste Vermessenheit – und wenn’s die Seele kostet! – doch dafür eine Sekunde über diesem Abgrund! Natürlich glaubte der Bursche, daß er für diese Tat ewig verdammt sein werde, aber – das Wagnis war doch zu verführerisch.

Man kann vieles unbewußt wissen, indem man es nur fühlt, aber nicht weiß. Jedenfalls ist dieser Verführer ein interessantes Seelenproblem, und dabei nicht zu vergessen, daß er ein Bauer war, unter Bauern lebte! Gerade das ist es, was einen am meisten überrascht. Auch wäre es interessant, zu erfahren, ob er, der Verführer, sich für schuldiger hielt als sein Opfer. Es ist anzunehmen, daß er es tat, oder wenigstens wird er sich für ebenso schuldig betrachtet haben – so daß er, als er den anderen Burschen herausforderte, zugleich sich selbst herausforderte.

Man sagt, das russische Volk kenne kaum das Evangelium, kenne nicht einmal die Grundlehren seines Glaubens. Mag sein, doch dafür kennt es Christus und trägt ihn seit jeher im Herzen. Das ist über jeden Zweifel erhaben! Wie aber eine richtige Auffassung von Christus ohne vorhergegangenen Religionsunterricht möglich ist, das ist eine andere Frage?! Jedenfalls hat das Volk dieses Gefühl für Christus von Generation zu Generation vererbt, und so ist es gleichsam eins geworden mit seinem Herzen. Vielleicht ist Christus die einzige Liebe des russischen Volkes, das ihn eben auf seine Art liebt, d. h. bis zur Qual. Deshalb ist ihm auch die liebste seiner Benennungen „das rechtgläubige Volk“, wie es sich denn vor allen anderen Völkern auf die richtigste Weise zu Christus bekennt. Es ist zugleich das einzige, worauf unser Volk stolz ist. Ich wiederhole – man kann vieles unbewußt wissen.

Und nun: gerade an diesem Volksheiligtum sich zu versündigen, mit der ganzen Überlieferung, mit der ganzen Umgebung, mit der Erde selbst, mit allen und allem zu brechen und sich selbst unrettbar, auf ewig ins Verderben zu stürzen für diesen einen Augenblick des Triumphes und Stolzes – nein, eine größere Versuchung hätte der russische Mephisto wahrlich nicht ersinnen können! Schon die bloße Möglichkeit so dunkler, geheimnisvoller und vielverschlungener Regungen in der Seele eines einfachen Bauern macht einen stutzig! Und dabei nicht zu vergessen, daß sich das alles in diesem Burschen doch fast bis zur bewußten Idee entwickelt hatte.

Ein anderes ist folgendes. Menschen können freilich bis zum Tierischen gefühllos sein, doch hier handelt es sich nicht um Gefühllosigkeit, sondern um etwas ganz Besonderes: um den mystischen Schrecken, der die größte Macht über die Menschenseele hat. Daß es sich in diesem Fall tatsächlich um eine mystische Angst gehandelt hat, steht nach dem ganzen Verlauf der Begebenheit wohl außer Frage. Die starke Seele des Burschen konnte zunächst noch gegen diese Angst ankämpfen. Übrigens – war das ein Beweis von Stärke oder von ängstlichem Kleinmut? Vermutlich wird es sowohl das eine wie das andere gewesen sein: eine Mischung der Gegensätze. Diese mystische Angst hat dann den Kampf noch verlängert, indem sie vom Herzen des Sünders das natürliche Empfinden fernhielt. Das Gefühl der Angst ist grausam, es verhärtet das Herz und panzert es gegen jede weiche oder hochherzige Regung. So konnte der Bursch die Tat vollbringen. Doch warum erschlug der Gepeinigte nicht seinen Peiniger?

Das ist es eben, daß sowohl bei diesem wie bei jenem in der Tiefe der Seele dasselbe Gefühl gewesen sein muß, so daß sie beide eine gewisse höllische Lust am eigenen Verderben empfunden haben werden – als sie dem atemraubenden Verlangen nachgaben, sich über diesen Abgrund zu beugen – und einen gewissen erschütternden Genuß von ihrer eigenen Vermessenheit.

Und da – im Augenblick, als die Tat geschehen war – steht plötzlich die Erscheinung des Gekreuzigten vor ihm!

Sein Herz hatte ihn gerichtet. Warum nicht sein Bewußtsein, warum zeigte ihm nicht sein Verstand die ganze Kleinlichkeit der Tat, die er für Kühnheit gehalten hatte, warum erblickte er das Gericht in der Gestalt einer Erscheinung, die doch wie von außen vor ihn hintrat, gleichsam unabhängig von seinem Geist und Gewissen? Das zu erklären, wäre eine große psychologische Aufgabe. Doch für ihn, den Verbrecher, war es natürlich ein Wunder des Herrn. Als Büßer kroch er über die Erde im Verlangen nach Strafe.

Der andere aber, der Versucher? Von ihm hatte der Büßer nichts gesagt und wir wissen nicht, was aus ihm geworden ist. Vielleicht kroch auch er auf den Knien, vielleicht aber ... blieb er im Dorf und lebt dort noch heute, trinkt und lacht und spottet an den Feiertagen nach wie vor. Die Erscheinung war ja nicht ihm erschienen! Oder? ... Es wäre doch sehr wesentlich, näheres auch über ihn zu erfahren, so – als Studienmaterial.

Ja, es wäre wesentlich. Denn man fragt sich doch unwillkürlich: wie aber, wenn dieser nun der unverfälschte Dorfnihilist war? der einheimische Verneiner und Denker, der an nichts glaubt, der sich mit hochmütigem Lächeln ein Versuchsobjekt aussucht, einer, der mit seinem Opfer weder Mitleid hat noch bei der Ausführung der Tat zittert, sondern mit kalter Beobachtungslust das Beben und Zittern seines Opfers verfolgt? einzig aus dem Verlangen heraus, fremde Qualen zu sehen, oder Menschen in der Erniedrigung, weiß der Teufel – vielleicht sogar zu einer Art von wissenschaftlicher Erforschung?

Wenn solche Züge sogar schon in unserem Volkscharakter vorhanden sind, unter den Landleuten – so ist das allerdings eine etwas überraschende Entdeckung. Früher hat man nie ähnliches vernommen.

Die Bedeutung dieses ganzen Vorfalls liegt darin, daß er nicht von einem Dichter erdacht ist, sondern daß sich tatsächlich alles so zugetragen hat: es dürfte wahrlich nicht müßig sein, einmal in die Seele unseres zeitgenössischen Büßers zu schauen. Unsere Büßer verändern sich schnell. Dort unten im Volk gärt es seit der Aufhebung der Leibeigenschaft ebenso wie oben in der Gesellschaft. Der Riese erwacht und dehnt seine Glieder; vielleicht will er zu toben anfangen, will schrankenlos sich ausleben ... Man sagt, er tue es bereits; man spricht von Räubern und Verbrechern, von Trunksucht, von betrunkenen Kindern, betrunkenen Müttern, von Zynismus, von Armut, Unredlichkeit, von Gottlosigkeit ... Doch erinnern wir uns dieses Büßers und seien wir voll Zuversicht: im letzten Augenblick wird sich die ganze Lüge – wenn hier wirklich Lüge ist – aus dem Herzen des Volkes herausreißen, und vor sich wird es eine überirdische Erscheinung sehen. Dann wird das Volk zu sich kommen und sich auf seine göttlichen Aufgaben besinnen. Jedenfalls wird es sich selbst retten, wenn es wirklich bis zum Rande des Verderbens mit ihm kommen sollte. Sich selbst und auch uns wird es retten, denn wieder sei es gesagt: das Licht und die Rettung werden von unten kommen.

Mit der Aufhebung der Leibeigenschaft ist in der Tat die Periode Peters in der Geschichte Rußlands abgeschlossen: nun leben wir in der größten Ungewißheit ...