Nur das ist stark ...
„Nur das ist stark, wofür Blut vergossen wird“ – bloß vergessen die Nichtswürdigen, daß es sich nicht bei denen als stark erweist, die das Blut vergießen, sondern bei denen, deren Blut vergossen wird. Und das, gerade das ist das Gesetz des Blutes auf Erden.
Kirche und Staat ...
Als Staat konnte der Staat M. und N. nicht begnadigen (der Wille des Monarchen ausgenommen). Denn was ist eine Hinrichtung? – Im Staat: ein Opfer für eine Idee. Stünde aber an Stelle des Staates die Kirche – dann gäbe es keine Hinrichtungen. Kirche und Staat darf man nicht verwechseln. Daß man sie noch verwechselt, ist ein gutes Zeichen, denn daraus folgt, daß bei uns eine Neigung zur Kirche vorhanden ist. In England und Frankreich hätte man kein Bedenken getragen, sie zu erhängen.
Die Frauenfrage.
Der ganze Fehler der „Frauenfrage“ besteht darin, daß man Unteilbares teilt, Mann und Weib einzeln betrachtet, während sie doch ein einziger geschlossener Organismus sind. („Und er schuf sie, Mann und Weib ...“) Ja sogar mit den Kindern, mit den Nachfahren und Vorfahren und mit der ganzen Menschheit ist der Mensch ein einziger unteilbarer Organismus. Die Gesetze aber teilen immer und lösen alles womöglich in die Urbestandteile auf. Die Kirche dagegen teilt nicht.
In der Natur ist alles für das Normale berechnet, alles nach dem Muster des Heiligen und Sündlosen zugeschnitten. (Der Mann 30 Jahre alt, die Frau 30 Jahre.) Die Schönheit ist dem Weibe zu Anfang gegeben, um den Mann zu fesseln, denn das sittliche Band ist noch schwach. Später ist die Schönheit nicht mehr nötig, man liebt das Weib, weil man seelisch zusammenwächst (organische Verbindung).
Unsere öffentliche Meinung ...
Unsere öffentliche Meinung ist deshalb nicht viel wert, weil sie bisher erst im Entstehen begriffen war, sich erst zu bilden begann. Bilden aber kann sie sich nur im langen Lauf der Geschichte, durch viele Generationen.
Liberalismus und Tat.
Unsere ganze liberale Partei steht abseits vom tätigen Leben, sie nimmt an der Tat nicht teil, sie ist mit ihr überhaupt nicht in Berührung gekommen. Sie hat nur verneint und gespöttelt.
Sozialismus und Christentum.
Man versuche doch zu teilen, versuche doch einmal festzusetzen, wo die eigene Persönlichkeit aufhört und die andere anfängt! Das stelle man einmal durch die Wissenschaft fest! Die Wissenschaft macht sich eben daran. Und der Sozialismus stützt sich ja gerade auf die Wissenschaft. Im Christentum ist schon die Frage undenkbar. Welches sind die Chancen dieser und jener Lösung? – Es wird ein neuer unvorhergesehener Geist aufkommen.
Reichtum.
Reichtum ist eine Stärkung des einzelnen, eine mechanische und geistige Befriedigung, folglich eine Loslösung des Einzelnen vom Ganzen.
Das Volk.
Im Volk ist das Bedürfnis nach etwas Neuem, einem neuen Wort, einem neuen Gefühl vorhanden, das Bedürfnis nach einer neuen Ordnung. Die sorglose Zeit der Trunkenheit nach der Bauernbefreiung geht vorüber. Noch nie ist das Volk für gewisse Einflüsse so empfänglich gewesen (und schutzlos ihnen preisgegeben) wie gerade jetzt. Z. B. die Sekte der Stundisten[36]. Sogar die nihilistische Propaganda wird ihren Weg finden. Hat es bisher nur wegen der Dummheit, Unerfahrenheit und Naivität der Propaganda noch nicht getan. Man muß auf der Hut sein. Man muß das Volk beschützen. Unsere Kirche aber verharrt seit Peter dem Großen in einem Zustande der Lähmung. Es ist eine furchtbare Zeit, und dazu nun noch diese Trunksucht. Und die Stundisten. Währenddessen ist unser Volk fast ganz sich selbst überlassen, nur auf die eigenen Kräfte angewiesen. Unsere Intelligenz – alles geht vorüber.
Rußland und die Korporationen.
Deutsche, Polen, Juden – lauter Korporationen, und helfen sich gegenseitig. Nur in Rußland gibt es keine Korporationen, nur Rußland allein ist geteilt. Und außer diesen Korporationen noch die mächtigste: die alte administrative Routine. Man sagt: unsere Gesellschaft sei nicht konservativ. Allerdings; die historische Entwicklung der Dinge (seit Peter) hat sie ja selber dazu gemacht. Und vor allem: sie sieht nicht, was es zu konservieren, zu erhalten gäbe. Alles ist ihr genommen, sogar die gesetzliche Initiative. Alle Rechte des russischen Menschen sind negativ. Gebt ihm etwas Positives und ihr werdet sehen, daß er gleichfalls konservativ sein wird. Dann hätte er doch etwas, was zu erhalten wäre. Nicht konservativ ist er bloß deshalb, weil es bei uns nichts zu erhalten gibt. „Je schlimmer, desto besser“ – das ist doch bei uns nicht etwa eine leere Redensart, sondern zum Unglück – die Sache selbst.
Frankreich.
„Nowoje Wremja“, Nr. 1667, 28. Oktober 1880. Baron Hübner prophezeit die nächsten sozialistischen Bewegungen in Frankreich und in Europa. Rußland wird zum Bündnis aufgefordert. (Rußland soll nicht darauf eingehen! Es soll seine eigenen Vorteile wahrnehmen! Der Sozialismus wird an Rußland zerschellen.) In Frankreich werden sich den Sozialisten unfehlbar die Jesuiten anschließen und überhaupt alle Katholiken, die dank Gambettas Dummheit aus Paris ausgewiesen sind, alle Legitimisten und Bonapartisten werden sich dem Sozialismus zuwenden. Freilich ist das konservative Frankreich noch stark, trotz der Dummheit der Regierenden und der Dummheit der Republik. Aber das ist der Anfang vom Ende. Das Ende der Welt naht. Das Ende des Jahrhunderts wird sich in einer Erschütterung kundtun, wie noch nie zuvor. Rußland muß bereit sein, soll sich nicht bewegen, soll aufpassen und warten. Wenn es sich nur nicht zu einem Bündnis verleiten läßt! Das wäre furchtbar! Dann ist es aus mit Rußland, endgültig aus. Bei uns gibt es keinen Sozialismus, absolut keinen. Der ganze gesunde Teil des russischen Volkes aber wird sich nicht rühren, und der ist unzählbar groß.
Die Juden.
Und wenn auch alle Juden in corpore, wenn das ganze Kahal wie eine Verschwörung über Rußland steht und den russischen Bauern aussaugt – oh, wir haben nichts dawider, wir sagen kein Wort, kein Wort! Sonst könnten wir ja am Ende gar den Vorwurf der „Unliberalität“ einheimsen: man würde schließlich von uns denken, wir hielten unsere Religion für besser als die jüdische und bedrängten die Juden aus „religiöser Unduldsamkeit“ – um Himmels willen, was dann! Man denke nur und frage sich – was dann!
Die besseren Menschen.
Wer sind bei uns die besseren Menschen? Der Adel ist zerstört. In Frankreich ward er gleichfalls zerstört. Die Ehrenlegion wurde aufgepfropft, aber sie hat ihre Aufgabe nicht gelöst. (In Europa werden die besseren Menschen von der Obrigkeit bestimmt.) Bei uns führte Peter der Große, um die Aristokratie der Bojaren zu unterdrücken, vierzehn Rangklassen ein. Eine Analogie mit der Ehrenlegion. Sie wurden aufgepfropft, aber sie haben nicht einmal angefangen, die Aufgabe zu lösen, sind vor allem vom Volksgeist nicht anerkannt, und selbst bei den Beamten gehen sie dem Bankrott entgegen. (Beamte für Sold, die Affäristen, Advokaten, Banken werden die Aristokratie überwältigen.) Indessen geht es doch nicht ohne bessere Menschen. Peter handelte im europäischen Geiste, als er die vierzehn Klassen schuf, denn die „Besseren“ wurden nun gleichfalls von der Obrigkeit geschaffen und gingen nicht aus dem Volksgeist hervor. Die Besseren müssen aber vom Volk bezeichnet werden und werden es auch. Diese neue Einteilung wird sich bei uns eher als sonstwo verwirklichen. Noch ist das Volk stumm, das ist wahr, doch nennt es schon außer Alexei, dem Gottesknecht, z. B. Suworoff, Kutusoff. Aber es hat ja noch keine Stimme. Die Stimme der Intelligenz ist zu unklar und dem Volk zu unverständlich, übrigens auch gar nicht vernehmbar. Gott weiß, wen die Intelligenz für die Besseren erklärt. Die Pariser Kommune und der westliche Sozialismus wollen keine Besseren, sie wollen Gleichheit und würden Shakespeare enthaupten. Unserem Volk ist Neid vollkommen fremd. Vollbringt für das Volk eine gute Tat und es wird euch als seine Helden verehren. (Nur müßt ihr das Volk lieben, nicht indem ihr es zu euch emporzuheben trachtet, sondern indem ihr euch selber vor ihm beugt ...)
Ehrfurcht.
Die Höhe einer Menschenseele ist zum Teil danach zu ermessen, wie weit und vor wem sie fähig ist, Ehrfurcht und Verehrung zu bezeugen (oder Andacht zu empfinden).
Der Jude.
Alle die Bismarck, Beaconsfield, die Französische Republik und Gambetta usw. – alle die sind, als Macht, für mich eine Vorspiegelung. Und je länger, desto mehr. Ihr Herr, wie der Herr aller, der Herr ganz Europas ist doch nur der Jude und seine Bank. Wir werden es ja erleben, daß er plötzlich sein Veto einlegt und Bismarck wie ein Stäubchen von seinem Platze gefegt wird. Der Jude und die Bank beherrschen jetzt alles: sowohl Europa wie die Aufklärung, die ganze Zivilisation und den Sozialismus – besonders den Sozialismus, denn durch ihn wird er das Christentum mit der Wurzel ausrotten und die christliche Kultur zerstören. Und wenn dann nichts als Anarchie übrigbleibt, da wird dann der Jude an der Spitze des Ganzen stehen. Denn indem er den Sozialismus predigt, bleibt er als Jude mit seinen Stammgenossen doch außerhalb, und wenn der ganze Reichtum Europas vertan ist, bleibt die Bank des Juden. Dann mag der Antichrist kommen und die Anarchie herrschen.
Das Ideal ...
Das Ideal menschlicher Schönheit – ist das russische Volk. Ich muß unbedingt auf diese Schönheit aufmerksam machen, den aristokratischen Typus zeigen usw. Unwillkürlich fühlst du, daß er menschlich nicht unter dir steht; und bald werdet ihr fühlen, daß er höher steht als ihr.
Katerina Iwanowna („Brüder Karamasoff“).
Ein Mensch, der in seinem ganzen Leben nicht lebt, sondern sich selbst ausdenkt.
Eine Konstitution.
Unsere Intellektuellen werden vom Volk doch nichts Vernünftiges zu sagen verstehen. Sie werden das Volk nur in Erstaunen setzen und es zu guter Letzt, und zwar sehr bald, um seine Geduld bringen – und damit wird die Sache enden.
Väter und Söhne ...
„Väter und Söhne“ – die Eigenen erkennen die Eigenen nicht.
Volk ...
Die Behörden und alle diese Beamten, die sind doch in ihrem Verhalten zum Volk ungefähr: „A quelle sauce voulez vous qu’on vous mange, mais nous ne voulons pas“, usw. Dumpfe Verzweiflung.
Das Volk – dort ist alles. Das ist doch ein Meer, das wir bloß nicht sehen, da wir uns vom Volk im finnischen Sumpf abgesondert haben.
„Ich liebe dich, Schöpfung Peters ...“
Pardon, nein, ich liebe sie nicht.
Fenster, Löcher – und Monumente.
Niemand traut uns, alle hassen uns, – warum? Weil Europa instinktiv etwas Neues, ihm nicht im geringsten Ähnliches in uns spürt. In diesem Punkt stimmt Europa ganz mit unseren Westlern überein: die hassen Rußland gleichfalls, weil sie in ihm etwas Neues, noch nie Dagewesenes wittern.
Der Osten, Asien, Eisenbahnen! Wir aber leben für Europa. Sparen sollten wir, 4 statt 40 ausgeben – Peter der Große hätte es getan – und nicht vergessen: Rußland liegt zwar in Europa, aber in der Hauptsache doch in Asien. Nach Asien! nach Asien!
Formel.
Das russische Volk lebt ganz in der Rechtgläubigkeit und in ihrer Idee. Außer der Rechtgläubigkeit ist in ihm nichts und hat es nichts – und braucht es auch nichts, denn die Rechtgläubigkeit ist alles; sie ist – Kirche, und Kirche ist die Krönung des Gebäudes, und zwar auf ewig. Sie denken, ich werde das jetzt zu erklären anfangen? – keineswegs! Alles später und unermüdlich. Vorläufig aber stelle ich nur die Formel auf und füge noch eine andere hinzu: Wer die Rechtgläubigkeit nicht versteht – der wird auch nie und nimmer das russische Volk verstehen. Ja nicht nur das: der kann das russische Volk nicht einmal lieben, sondern wird höchstens ein imaginäres Volk lieben, wie er das russische Volk in Wirklichkeit zu sehen wünschte. Und andererseits wird auch das Volk einen solchen Menschen nicht als zu ihm gehörig anerkennen: liebst du nicht das, was ich liebe, glaubst du nicht daran, woran ich glaube und achtest du nicht mein Heiligtum, so bist du nicht mein Bruder. Oh, das Volk wird ihm deshalb nicht zu nahe treten, wird ihn weder überfallen, noch berauben, noch verprügeln, es wird ihm nicht einmal ein böses Wort sagen. Es ist zu großzügig dazu, es kann viel aushalten und ist in Glaubenssachen duldsam. Das Volk wird den, der es anders sehen wollte, ruhig anhören – wenn er gescheit ist und zu reden versteht –, wird ihm für Ratschläge sogar danken, für die Wissenschaft, die man ihm bringt, wird sogar manchen Rat befolgen, denn das russische Volk ist großzügig und versteht die Dinge auseinanderzuhalten. Aber als seinesgleichen wird es ihn doch nicht ansehen, seine Hand wird es ihm nicht geben und sein Herz ebensowenig. Unsere Intelligenz aber im finnischen Sumpf sieht an ihm vorbei, und ärgert sich, wenn man ihr sagt, daß sie das Volk nicht kenne.
Die Lage des Bauern.
Grund genug zum Verzweifeln. Wozu soll er sich ausnutzen lassen, auch er wird zum Exploiteur. Höchstens ein Heiliger bleibt standhaft.
Konstitutionelle, Reaktionäre.
Sie werden doch nur die Interessen Ihrer Gesellschaft vertreten, nicht aber die des Volkes. Das Volk werden Sie wieder zu Leibeigenen machen wollen. Kanonen werden Sie gegen das Volk verlangen! Und die Presse – die Presse werden Sie nach Sibirien verbannen, sobald sie nur im geringsten Ihr Mißfallen erregt. Nicht nur gegen Sie etwas zu sagen wird verboten sein – nicht einmal atmen wird man in Ihrer Gegenwart dürfen.
Grundbesitz.
Der Hauptgrund, weshalb unsere Gutsbesitzer sich mit dem Volk nicht verstehen und keine Arbeiter finden können, ist der, daß sie selber nicht Russen, sondern vom Boden losgelöste Europäer sind.
Klassischer Unterricht.
... Wenn man ihn allmählich einführt, nicht plötzlich in unverhältnismäßiger Weise die Bildung erweitert, sondern vorläufig nur den Boden vorbereitet – dann bekämen wir nach und nach ein Kontingent junger Leute mit klassischer Bildung. Und diese würden den Grundstock, den Anfang des weiteren bilden. Ferner könnte man etwa alle fünf Jahre, oder alle vier Jahre einmal die Unterrichtsstunden der klassischen Sprachen vermehren ... Das dauerte länger, aber es wäre richtiger. Bei uns aber hat man eine Vorliebe fürs Plötzliche (sic) – zwanzigtausend Werst Eisenbahn wurden bei uns in zehn Jahren gebaut, obschon das alles freie Kapital von der Landwirtschaft und der Industrie fortzog. So berief man die tschechischen Lehrer der alten Sprachen, – diese kalten, teilnahmslosen, der Jugend feindlich Gesinnten, die die russische Sprache nicht verstehen und als minderwertig erachten. Sie wurden gehaßt, verachtet, verspottet. Mitunter war sogar das Nationalgefühl im Schüler verletzt – bei uns aber ist davon ohnehin schon erschreckend wenig übriggeblieben ...
Wie man ...
Wie man bei uns glaubt, alles Unglück Rußlands würde durch eine Konstitution beseitigt werden, so ist man in Europa übereingekommen – bewußt und unbewußt –, daß man zunächst mit Rußland ein Ende machen müsse, denn Rußland halte die Völker Europas von der inneren Arbeit ab, zwinge sie, ihre großen Heere zu erhalten und den Sultan zu beschützen, so daß sie ihn nicht aus Europa hinausjagen und seinen Besitz unter sich teilen können! An allem, heißt es, ist Rußland schuld ...
Wir können uns ihrem Haß nicht entziehen und einmal werden sie sich auf uns stürzen und uns zerreißen.
Ein Projekt.
Nein, wir wissen noch nicht einmal, wie sie uns hassen. Nein, es ist nicht nur das, daß es nicht ihre Zivilisation ist und wir nicht Europäer sind. Nein, sie wittern die Idee, die zukünftige, selbständige, russische, obschon sie bei uns noch nicht geboren, nur die Erde unheimlich schwanger von ihr ist und sich schon anschickt, sie unter furchtbaren Qualen zu gebären. Wir glauben es bloß nicht und lachen. Nun, die Europäer aber ahnen sie schon. Sie ahnen mehr als wir selbst, d. h. als die russische Intelligenz. Was soll uns die Idee, wir bringen sie selber um. Wir leben für Europa, heißt es doch, alle nur zum Zeitvertreib für Europa, alle und alles – und für unsere Unschuld.
Dann wird man’s glauben.
Staat ist Kirche. Virchow. (Sehr wichtig.)
Der Unterschied zwischen uns und Europa.
Der Staat ist eine vorwiegend christliche Gesellschaft und hat die Tendenz, Kirche zu werden. In Europa ist es umgekehrt (einer der tiefen Unterschiede zwischen uns und Europa). Siehe die Rede Virchows („Nowoje Wremja“, Nr. 1745, 6. Januar 1881). Virchow erklärt, der Staat sei vorwiegend eine von Religion und Christentum freie Gesellschaft. So ist es in Frankreich (Gambetta). Unsere kleinen Dummköpfe haben die Formel des Westens sogleich aufgegriffen und in ihren Katechismus eingetragen. Bei uns aber, im russischen Volk, – uns ist sie bis ins Herz hinein fremd. Virchow fürchtet ganz einfach, die Christen könnten die Nichtchristen sogleich zu vernichten suchen. Im Gegenteil: der Geist des wahren Christentums ist – vollständige Glaubensfreiheit. Glaube freiwillig – das ist unsere Formel. Der Heiland ist vom Kreuz nicht herabgestiegen, weil er nicht gewaltsam durch ein äußeres Wunder bekehren, sondern gerade die Glaubensfreiheit wollte. Das ist der Geist des Christentums und auch unseres Volkes! Wenn es aber Abweichungen gibt, so bedauern wir es.
Meinen Kritikern.
Ich suche keine Ehren und werde nichts annehmen, und wahrlich ist es nicht meine Absicht, für meine Richtung mir Sterne zu erraffen.
Ich.
Ich bin wie Puschkin ein Diener des Zaren, weil seine Kinder, sein Volk, des Zaren Diener nicht verachten werden. Ich werde noch mehr sein Diener sein, wenn er wirklich glauben lernt, daß das Volk sich als seine Kinder fühlt. Ich weiß nicht, weshalb er es noch immer nicht recht glauben zu wollen scheint.
Volksschulen.
Zwei Kategorien von Volksschulen, in der ersten nur lesen; so gut es geht, auch schreiben (erlernen sie es – können sie Schreiber werden, sehr wenige werden es ganz verlernen) und die drei Gebete. Und dann die zweite Kategorie – gleichfalls für die Bauern – mit etwas höherem Lehrplan. Von dieser zweiten Kategorie vorläufig nur sehr wenige Schulen, denn wenn wir wenigstens die von der ersten ins Leben riefen, so wäre schon eine Kraft erzeugt. Wer lesen und schreiben kann – der vermag sich schon zu bewegen, der kann schon vorwärtskommen, der ist schon ausgerüstet und bewaffnet. Und Sie werden sehen, wie dann nach wenigen Jahren ganz von selbst die höheren Volksschulen entstehen werden: zunächst gilt es, die Lust zum Lernen hervorzurufen, dann wird das Verlangen nach weiterem Lernen und das Entstehen höherer Schulen nicht auf sich warten lassen. Bei uns aber soll alles plötzlich entstehen.
Der deutsche Junge (Pflicht), der russische Junge (zerfallene Familie).
Geschichte würde bei uns geistige Ideen wachrufen. Die geistigen Ideen des deutschen Jungen sind andere: seine Ordnung, seine Lebensweise, seine Nationalität. Bei uns aber, in unseren Familien ist nichts als Fäulnis. Hier könnte der Geschichtsunterricht rettend eingreifen und den Sinn des Jünglings wenigstens auf die historische Welt richten und somit von den abstrakten Phantastereien und dem ideellen Mischmasch, der die geistige Welt unserer Gesellschaft ausmacht, ablenken. Mit einem Wort, man hat nicht in nationalem Sinn gehandelt (der russische Junge ist entwicklungsfähiger als der Deutsche). Nur die Lehrer der Literatur könnte man kontrollieren, damit sie nicht liberale Absurditäten predigen.
Entwicklung der Kinder.
Zwei Bälle werden über dem Kinderbett angebracht, ein roter und ein blauer, und zwar zur Beschleunigung der Entwicklung, um Gedanken zu erwecken. Als wolle man die Natur beseitigen! Der Eindruck der Harmonie des Ganzen in der Natur wird dadurch aufgehoben. Die werden ihr Lebtag im Ganzen Details, grelle Punkte, Ecken, Einzelheiten suchen.
Erziehung.
Der unkultivierte russische Vater hat entweder seine Beamtenwelt und sein Kartenspiel, oder wenn er sich mit irgend etwas befaßt – geht er in Abstraktheit auf, in Weltfragen, in Sehnsucht nach der äußeren Form einer Konstitution oder im Materialismus. Bei der geringsten praktischen Betätigung quält er sich mit ewiger Unentschiedenheit über das, was Ehre und Gewissen ist (was seinem Sohn doch nicht entgehen kann) und das Auffallendste an ihm ist sein vollständiges Nichtverstehen alles dessen, was vor seiner Nase ist, der Widerwille gegen alles, was vor ihm liegt. Und dasselbe findet sich beim Sohn. Schade, daß ich mich kurz fassen muß und nicht das ganze Thema entwickeln kann. Aber der Geschichtsunterricht, die allgemeine Geschichte würde wenigstens Achtung vor den historischen Formen des Menschenlebens einflößen, würde wenigstens in den Erscheinungen einen Sinn zu sehen lehren. „Ideen sind nicht nötig,“ heißt es. – Dann werden sie eben selber Ideen erfinden.
Von den Vorzügen der Naturwissenschaften haben doch nur diejenigen so viel geredet, die nichts von ihnen verstehen. Wie viele von unseren Redakteuren und Zeitungsverlegern wissen denn etwas von ihnen? Um die Wahrheit zu sagen, unsere Gelehrten sind (und mancher ist sogar in Europa als Fachmann bekannt) – sind größtenteils vortreffliche Spezialisten, sagen wir meinetwegen sogar große Spezialisten, nur sind sie nichtsdestoweniger größtenteils ungebildete Leute, die über das klassische Unterrichtssystem natürlich kein Urteil haben können. Und über diesen stehen dann die Ausführenden, die von ihnen sich Rat holen, an und für sich zumeist die unschuldigsten Leute (mit einem Schimmer von Europäertum), die sich in ihrer Unschuld für glänzende Europäer halten, aus Unschuld, wie gesagt, und die auch aus purer Unschuld meist so gut wie überhaupt nichts von Rußland wissen – nun, und was kommt dabei heraus? Nichts, ganz wie bisher noch nichts herausgekommen ist ... Eine Kultur fehlt.
An die „Vaterländischen Annalen“.
Die ganze Literatur zittert vor Ihnen, besonders vor dem „Satirischen Alten“. Niemand wagt es, gegen ihn aufzutreten. Er ist doch ein Liberaler, ist durch und durch liberal! – Nein, meine Herren, seien Sie erst einmal liberal, wenn das unvorteilhaft ist, dann würde ich Sie gern sehen wollen!
Mit abgedroschenen alten Gedanken schlagen Sie sich durch.
Die Presse.
Die Presse sichert jedem Schurken das Wort, wenn er auf dem Papier zu schimpfen versteht, jedem, den man in anständiger Gesellschaft unter keinen Umständen reden ließe. In der Presse finden alle diese Menschen ihr Asyl, – komm, schimpf soviel du willst, – – sogar mit Ehrerbietung wird er aufgenommen.
Die Brüder Karamasoff.
Die Schurken foppen mich mit meinem angeblich ungebildeten und rückständigen Glauben an Gott. Diese Tölpel haben sich eine solche Gottesleugnung noch nicht einmal träumen lassen, wie sie in meinem „Großinquisitor“ und dem vorhergehenden Kapitel ausgedrückt ist und auf die das ganze Buch die Antwort gibt. Wenn ich an Gott glaube, so tue ich es doch nicht wie ein Dummkopf (wie ein Fanatiker). Diese da wollen mich belehren und lachen über meine Beschränktheit! Ihre dumme Kreatur hat sich ja nicht einmal träumen lassen von einer solchen Gewalt der Verneinung, wie ich sie durchgemacht habe. Und die wollen mich unterrichten!
Der Teufel.
(Eine psychologische und ausführliche kritische Erklärung Iwan Karamasoffs und der Erscheinung des Teufels.) Iwan ist tief, ist nicht einer der zeitgenössischen Atheisten, die mit ihrem Unglauben nur die Beschränktheit ihrer Weltanschauung und die Stumpfheit ihres kleinen Gehirns beweisen.
Bjelinski.
Ein ungewöhnlicher Eifer in der Aufnahme neuer Ideen, mit dem größten Verlangen, jedesmal bei der Aufnahme von etwas Neuem, alles Alte zu zertrampeln, mit Haß und Schimpf und Spott zu vernichten. Eine Art Rachegelüst ... „und ich verbrannte alles, was ich einst anbetete“.
Das Geschimpfe meiner Feinde.
Wenn physische Verrichtungen auf der Straße verboten sind, ebenso nackt einherspazierende Menschen, warum dann nicht auch dieses verbieten? – Ist es doch dieselbe physische Verrichtung, schädlich und gemein! Die Staatsanwaltschaft müßte sie ohne weiteres wegen Unmäßigkeit zur Rechenschaft ziehen.
Leontjeff[37]. („Es lohnt nicht, der Welt Gutes zu wünschen, denn es steht geschrieben, daß sie vergehen werde“.)
In dieser Auffassung liegt etwas Unvernünftiges und Ruchloses.
Überdies ist es eine ungemein bequeme Anschauung, so für den Hausgebrauch: denn wenn es schon geschrieben steht, daß alle verurteilt sind, wozu soll man sich dann noch anstrengen, wozu anderen Gutes tun? Lebe für dich! Lebe hinfort ein jeder ruhig für seinen Wanst.
Nach dem Erscheinen der Augustnummer meines „Tagebuchs“ und meiner Rede in Moskau.
Hier sprach außer der Meinungsverschiedenheit mit mir noch eine Art Neid mit. Ja vielleicht war es überhaupt nur Neid, der da sprach. Natürlich kann man von Herrn Leontjeff nicht verlangen, daß er das schriftlich eingesteht. Aber möge dieser Publizist seinem Gewissen die Frage vorlegen und sich selbst die Wahrheit gestehen; auch das würde genügen. (Für einen anständigen Menschen genügt auch das.)
Gelehrtheit.
Es gibt gewisse Dinge, lebendige Dinge, die zu begreifen vor übermäßiger Gelehrtheit sehr schwer ist. Die Gelehrtheit, die ja auch selbst im Übermaß immer noch eine schöne Sache ist, kann sich aber bei der Berührung mit manchen lebendigen Dingen sogar in eine äußerst schädliche Sache verwandeln. Es sind eben nicht alle lebendigen Dinge leicht zu begreifen. Das ist ein Axiom. Übermäßige Gelehrtheit hat bisweilen etwas Ertötendes in sich. Gelehrtheit ist ein Material, dem manche nicht gewachsen sind.
Auch ist die übermäßige Gelehrtheit nicht immer die wahre oder richtige Gelehrtheit. Die wahre Gelehrtheit ist nicht nur nicht feindlich dem Leben gegenüber, sondern stimmt schließlich mit dem Leben immer überein, dem sie neue Offenbarungen gibt, die sie im Leben selbst entdeckt. Das ist das wesentliche und großartige Kennzeichen der wahren Gelehrtheit. Die unwahre Gelehrtheit dagegen ist, und mag sie auch noch so groß sein, dem Leben doch immer irgendwie feindlich und geht womöglich bis zur Verneinung des Lebens. – Bei uns ist von Gelehrten der ersten Kategorie seltsamerweise wenig zu hören, dafür aber genug von solchen der zweiten Art, ja wie es scheint sogar nur von dieser. Es kann selbst die übermäßigste Gelehrtheit keine Gewähr dafür bieten, daß der Gelehrte nicht doch nur zur zweiten Kategorie gehört. Doch brauchen wir die Zuversicht nicht aufzugeben, daß es bei uns auch solche von der ersten geben wird. Irgend einmal werden wir sie doch haben. Wozu denn jede Hoffnung verlieren?
Wie viele Menschen denken nicht selbst, sondern leben mit Gedanken, die andere bereits fertiggedacht haben! Bei uns aber lebt man nicht nur mit fertigen Gedanken, sondern lebt sogar mit fertigem Leid (und dabei ohne Kultur).
Der Nihilismus ...
Der Nihilismus ist bei uns aufgetreten, weil wir alle Nihilisten sind. Uns hat nur die neue, originelle Form seiner Erscheinung erschreckt. (Alle sind ohne Ausnahme Fjodor Pawlowitsch Karamasoff.)
Komisch war die Bestürzung und die Sorge unserer Klugen, die zu erforschen suchten, woher die Nihilisten kämen. Sie sind eben nirgendwoher gekommen, sondern sind die ganze Zeit mit uns, in uns und bei uns gewesen. (Die Dämonen.) „Aber nein, wie denn das, wir sind nicht Nihilisten,“ behaupteten die Klugen, „wir wollen nur durch die Verneinung Rußlands Rußland retten (d. h. indem wir in der Art einer besonderen Sphäre, etwa als Aristokraten, über dem Volke stehen, das wir zu unserer Nichtigkeit emporheben wollen).“ Der Nihilismus ließe sich mit unserer Kirchenspaltung vergleichen. Ja aber die Kirchenspaltung war für uns von großem Nutzen.
Religion ...
Nicht aus Ekel vor der Welt haben sich die Heiligen in die Einsamkeit zurückgezogen, sondern zu ihrer sittlichen Vervollkommnung. Unsere früheren Mönche lebten sogar fast auf dem Marktplatz. Z. B. der Mönch Parfeni. Allein schon das Verlangen nach geistiger Erleuchtung ist – geistige Erleuchtung.
Gewissen ohne Gott ist etwas Entsetzliches, es kann sich bis zur größten Unsittlichkeit verirren.
Es ist unzureichend, Sittlichkeit als Überzeugungstreue zu definieren. Man muß sich auch noch fortwährend fragen: sind meine Überzeugungen richtig? Ihr Prüfstein aber ist – Christus. Doch hier kommt nicht mehr Philosophie in Frage, sondern Glaube. Glaube jedoch ist wie eine Farbe.
Tatmenschen seien nur Leute von fragwürdiger Sittlichkeit. – Wie man wohl auf diesen Gedanken gekommen sein mag?
Einen Menschen, der Ketzer verbrennt, kann ich nicht für sittlich erklären, denn ich erkenne eure These nicht an, nach welcher Sittlichkeit Übereinstimmung mit den inneren Überzeugungen sei. Das ist nur Ehrlichkeit, nicht aber Sittlichkeit. Für mich ist das Beispiel und Ideal der Sittlichkeit Christus. Ich frage: hätte er Ketzer verbrannt? – nein. Also ist es eine unsittliche Handlung.
Der Großinquisitor ist allein schon deshalb unsittlich, weil sich in seinem Herzen und Gewissen die Idee festsetzen konnte, Menschen zu verbrennen sei notwendig.
Gut – das Nützliche. Schlecht – das Nichtnützliche. Nein, gut ist das, was wir lieben. Alle Ideen Christi sind vom Menschenverstande verdorben worden und scheinen unerfüllbar zu sein. Die linke Backe ... mehr als sich selbst lieben ... Aber ich bitte, wozu das, wozu? Ich bin hier für einen Augenblick, Unsterblichkeit gibt es nicht, da lebe ich lieber wie ich will. Das sei keine Berechnung (sagt ein englischer Priester). Erlauben Sie mir, selber zu wissen, was für mich eine Berechnung oder keine Berechnung ist.
Der Staat ...
Der Staat wurde für die Mittelmäßigen geschaffen. – Wann hat denn der Staat bei seinem Entstehen gesagt: ich erschaffe mich für die Mittelmäßigen? Sie sagen, so habe es die Geschichte gemacht. Nein, immer haben Auserwählte geführt! Aber nach diesen, das ist allerdings wahr, hat sogleich die Mittelmäßigkeit auf den Ideen der höheren Menschen ihren kleinen mittelmäßigen Kodex aufgebaut. Bis dann wieder ein großer oder ursprünglicher Mensch kam und den Kodex zerstörte. Sie halten, scheint es, den Staat für etwas Absolutes? Glauben Sie mir, wir haben nicht nur keinen absoluten, sondern noch nicht einmal einen mehr oder weniger vollendeten Staat gesehen. Alles Embryonen.
Die Gesellschaften seien entstanden aus dem Bedürfnis, sich einzurichten? – Das ist nicht wahr, sondern immer infolge einer großen Idee.
Ethik ...
Die andere Backe hinhalten, den Nächsten mehr lieben, als sich selbst – nicht deshalb, weil es vorteilhaft ist, sondern weil es einem gefällt, bis zum brennenden Gefühl, bis zur Leidenschaft. Christus habe sich geirrt – das sei erwiesen! Doch dieses brennende Gefühl sagt: lieber bleibe ich bei meinem Irrtum mit Christus als mit euch.
Sie sagen: Europa habe doch viel Christliches auch ohne den Papst und den Protestantismus getan. Oh, selbstverständlich, das Christentum ist dort doch nicht in einem Augenblick gestorben, es brauchte doch zum Sterben eine lange Zeit, es hinterließ doch Spuren. Es gibt dort auch jetzt noch Christen, aber auch schrecklich viel falsche Auffassung vom Christentum.
Ihre Handlung ist sittlich, aber nicht ihre Idee.
Sittlich ist nur das, was mit unserem Schönheitsgefühl übereinstimmt und mit dem Ideal, in welchem dasselbe sich verkörpert.
Sein Verhalten mag ehrlich sein, aber seine Handlung ist nicht sittlich. Denn, wenn die Handlung eines Menschen bloß mit seinen Überzeugungen übereinstimmt, so braucht sie deshalb noch nicht sittlich zu sein. Es ist bisweilen sittlicher, nicht nach seiner Überzeugung zu handeln, wie es mancher tut, der dabei seiner Überzeugung durchaus treu bleibt, doch infolge eines Gefühls die Handlung nicht ausführt. Mit seinem Verstande schilt und verachtet er sich deshalb, aber sein Gefühl, d. h. sein Gewissen läßt ihn doch nicht die Tat ausführen (und schließlich weiß er auch, daß er sie nicht aus Feigheit unterläßt). Er unterläßt die Befolgung seiner Überzeugung nur deshalb, weil er dies als sittlicher erkannt hat, denn eine Befolgung wäre.
Rußland ...
Es gibt bei uns allerdings Kulturmenschen, aber sie entstanden, indem sie das Ganze verneinten und nur der kleinste Teil kehrte zum Volk zurück. Die übrigen sind alle negativ kultiviert. (Übrigens: weshalb mußte Peter das Volk zu Leibeigenen machen, um einen gebildeten Stand zu erhalten?!) Die Befreiung der Bauern geschah ganz abstrakt, ohne Verständnis für den russischen Bauern und sogar: indem man ihn verneinte; man bemitleidete ihn als Sklaven, aber man sprach ihm seine Persönlichkeit, seine Selbständigkeit, seinen ganzen Geist dabei ab.
Ich ...
Bei vollständigem Realismus im Menschen den Menschen finden. Das ist ein durchaus russischer Zug, und in diesem Sinne bin ich natürlich volklich (denn meine Richtung entspringt der Tiefe des christlichen Volksgeistes), obschon ich dem Gegenwärtigen russischen Volk unbekannt bin – doch das Zukünftige wird mich kennen.
Man nennt mich einen Psychologen. Das ist nicht richtig. Ich bin nur ein Realist im höheren Sinne, d. h. ich zeige alle Tiefen der Menschenseele.
Christus ...
... Ich frage: weshalb ist es unsittlich, Blut zu vergießen? Wenn ich das Gegenteil behaupte, werden Sie meine Behauptung natürlich auf keine Weise widerlegen können.
Wenn wir nicht im Glauben und in Christus eine Autorität hätten, würden wir uns in allem verirren.
Es gibt sittliche Ideen. Sie erwachsen aus dem religiösen Gefühl, aber mit der Logik allein sind sie niemals zu rechtfertigen.
Es wäre nicht mehr möglich, zu leben.
Ein Beispiel: Der Jesuit lügt und ist überzeugt, daß lügen um eines guten Zweckes willen nützlich und gut sei. Sie loben es, daß er seiner Überzeugung gemäß handelt, d. h. er lügt und das ist schlecht, da er aber aus Überzeugung lügt, so ist das gut. Also einerseits ist lügen gut, andererseits schlecht. Wunderbar!
Auf dem Boden, auf dem Sie stehen, werden Sie immer geschlagen werden. Das werden Sie nur dann nicht, wenn Sie anerkennen, daß es sittliche Ideen gibt (aus dem Gefühl, von Christus), beweisen aber, daß sie sittlich sind, ist unmöglich (Berührung mit anderen Welten).
... Natürlich ist das nicht wissenschaftlich, obschon – warum schließlich nicht? Die gewaltige Tatsache der Erscheinung Christi auf Erden und alles dessen, was darauf folgte, verlangt meiner Ansicht nach auch wissenschaftliche Ausarbeitung. Die Wissenschaft kann es doch nicht für unter ihrer Würde halten, die Bedeutung der Religion in der Menschheit zu untersuchen, und wäre es auch nur im Hinblick auf die historische Tatsache, die durch ihre Ununterbrochenheit und Beharrlichkeit frappiert. Die Überzeugung aber der Menschheit von der Berührung mit anderen Welten – diese unausrottbare Überzeugung ist doch gleichfalls sehr bedeutsam. So etwas läßt sich doch nicht mit einem Federstrich lösen.
Der Großinquisitor und das Kapitel von den Kindern. Angesichts dieser beiden Kapitel hätten Sie über mich, vielleicht wissenschaftlich, aber nicht in philosophischer Hinsicht so geringschätzig zu urteilen brauchen, obschon Philosophie nicht meine Spezialität ist. Auch in Europa gibt es keinen atheistischen Ausdruck von solcher Gewalt und hat es nie gegeben. Folglich glaube ich an Christus und bekenne ich mich zu diesem Glauben nicht wie ein Kind, sondern mein Hosianna ist durch das große Fegefeuer der Zweifel hindurchgegangen, wie in meinem letzten Roman der Teufel von sich sagt.