Den Kampf gegen die nihilistische Richtung eröffnete Fjodor Michailowitsch, indem er gegen die grobmaterialistische Auffassung der Kunst schrieb, nur begnügte er sich mit recht schwachem, nachsichtigem Widerspruch. Da hielt ich es nicht aus und verfocht bei der ersten Gelegenheit offen und kategorisch eine den nihilistischen Lehren entgegengesetzte Richtung. Ich kann wohl sagen, daß in mir beständig eine gewisse organische Abneigung vor dem Nihilismus vorhanden war und daß ich seit dem Jahre 1855, als er zuerst sich bemerkbar zu machen begann, mit wachsendem Unwillen sein Hervortreten in der Literatur wahrgenommen hatte. Schon in den Jahren 1859 und 60 hatte ich gegen die Absurditäten, die da so unzweideutig und ungeniert ausgesprochen wurden, geschrieben, doch selbst befreundete Redakteure wiesen mich mit aller Entschiedenheit ab und nahmen mir sogar alle Hoffnung, jemals meine Artikel veröffentlicht zu sehen. Damals begriff ich, welch eine Autorität die Blätter dieser Richtung hatten. Um so größer war meine Freude, als die Redaktion der „Zeit“, natürlich nur dank Fjodor Michailowitsch, meinen Artikel „Über die Petersburger Literatur“ für die Juninummer 1861 annahm. Daraufhin schrieb ich fast für jede Nummer in diesem Geiste. Ich erzähle dies alles nur zur Charakteristik der Literatur jener Zeit.
Ich bemühte mich um die größte Gewissenhaftigkeit, suchte meine Angriffe durch ein wirkliches Urteil zu begründen und scheute in der Beziehung keine Mühe; um so mehr interessierte Fjodor Michailowitsch die in ihnen enthaltene Klarlegung der Frage. Ich erwähne das deshalb, weil dieselbe so überaus wichtige Folgen hatte: sie führte zunächst zum vollständigen Bruch der „Zeit“ mit dem „Zeitgenossen“, dem angesehensten Petersburger Journal, und später zur allgemeinen Feindschaft fast des gesamten Petersburger Literatentums gegen die „Zeit“.
Das Problem der bei uns in Rußland sich äußernden Verneinung wurde für unsere Literatur, für das öffentliche Bewußtsein erst durch den Roman Turgenjeffs „Väter und Söhne“ klargestellt, durch denselben Roman, in dem zum erstenmal das Wort „Nihilist“ vorkam, mit dem die Debatten über die „neuen Menschen“ begannen und, kurz, das Ganze seine Formulierung und Popularität erhielt. Turgenjeff verfolgte beständig mit größter Aufmerksamkeit die Veränderungen der bei uns herrschenden Stimmungen und der Ideale des „Helden der Zeit“, weshalb er unsere führenden literarischen Kreise nie aus dem Auge verlor. In dem erwähnten Roman hatte er nun einen Typ geschildert, der entschieden wie eine Offenbarung wirkte, da ihn vorher niemand bemerkt hatte, doch den jetzt plötzlich ein jeder in seiner Umgebung häufig vertreten sah. Die Verwunderung war ungeheuer; man verlor geradezu den Kopf, da die Überraschung für die Dargestellten gar so unerwartet kam und sie sich im Spiegelbilde des Romans nicht erkennen wollten, – obschon der Autor sich keineswegs mit entschiedener Ablehnung zu dem Helden des Romans verhielt. Doch der jungen Generation war das zu wenig; sie erklärte deshalb mit einem Riesenlärm, Turgenjeff, damals der erste Name in unserer Literatur, sei geistig zurückgeblieben und ein Gegner der allgemeinen Sache. In den damaligen endlosen Gesprächen und Disputen hatte ich häufig Gelegenheit, unterschiedlichen Nihilisten zu beweisen, daß sie, wenn sie folgerichtig dächten, sich zu denselben Anschauungen bekennen müßten, die der Nihilist Basaroff im Turgenjeffschen Roman vertritt. Die Mehrzahl des Publikums ereiferte sich, wie gewöhnlich, sehr, hatte aber von der ganzen Sache nur ungenaue, meist recht bunte Vorstellungen. Die eifrigsten Anhänger der nihilistischen Richtung vermuteten nicht einmal, daß z. B. die Wissenschaft und die Kunst gleichfalls ihrem Götzen geopfert werden müßten. Im April 1862 erschien in der „Zeit“ ein Artikel von mir, der Turgenjeff als streng objektiven Künstler scharf verteidigte, und der die Lebenswahrheit des von ihm geschilderten Typus bewies. Turgenjeff, der kurz nach dem Erscheinen des Artikels in Petersburg eintraf und auf der Redaktion der „Zeit“ erschien, wo er die Brüder Dostojewski und mich antraf, und uns alle drei zu einem Diner im Hotel einlud, war durch den Sturm, der sich gegen ihn erhoben hatte, offenbar sehr beunruhigt. In den folgenden Jahren wurde Turgenjeff mit einem ganzen Regen von Vorwürfen und Schimpf überschüttet, so daß er bis 1867 nichts Ähnliches veröffentlichte.
Inzwischen erschien im Jahre 1866 der Roman „Rodion Raskolnikoff“, in dem mit bewunderungswürdiger Kraft ein gewisser extremer und charakteristischer Ausdruck des Nihilismus dargestellt ist, und von diesem Roman bis zu der kurz vor dem Tode geschriebenen „Legende vom Großinquisitor“ zieht sich in den Werken Dostojewskis ununterbrochen eine vielgestaltige und tiefe Analyse unserer sittlichen und geistigen Problematik. Betrachtet man das Ganze von diesem Standpunkt aus, so muß man Dostojewski noch ein ungeheures Verdienst um die Literatur und die Gesellschaft zusprechen. Er allein hat die Aufgabe in ihrer ganzen Tiefe und Breite erfaßt hat, alle Arten und Äußerungen dieser Dummheit und Sittenlosigkeit gezeigt, die sich in russischen Menschen entwickeln, wenn sie den Heimatboden verlassen, d. h. wenn sie sich von der Treue zu Rußland und vom christlichen Geist lossagen. Er blickte in die Seelen dieser Menschen und schilderte den Kampf ihrer Irrtümer mit dem guten Element, das noch in ihrer Seele lebt. Dabei tritt bei ihm das religiöse Element, wie auch die Sittlichkeit und Vaterlandsliebe des Volkes deutlich als Gegengewicht hervor, als Zuflucht und Rettung vor dem Chaos und der Albernheit der verweichlichten oberen Gesellschaftsschicht. Das Ganze ist groß, feinsinnig und tief angefaßt, dazu mit beständigen Hinwendungen zu den ewigen Aufgaben der Menschenseele, mit künstlerischen Versuchen, die erhabensten, wie die anrüchigsten Geheimnisse der Menschenherzen zu erspähen. Es ist kein Wunder, daß solch ein Schriftsteller die Leser schließlich außerordentlich zu interessieren begann.
In dieser kurzen Skizze der Stellungnahme unserer Literatur zum Nihilismus muß ich aus Sachlichkeit auch auf meine kleine Rolle hinweisen.
Auf Grund meines Artikels über Turgenjeff erschien in der nächsten Nummer des „Zeitgenossen“ ein überaus scharfer, ausschließlich gegen mich gerichteter Artikel. Diese Ehre hatte ich hauptsächlich meiner Analyse der nihilistischen Richtung zu verdanken. Und mehr noch dieser meiner Richtung als einigen meiner positiven Anschauungen schreibe ich die Bemerkung Fjodor Michailowitschs zu, die er – viel später einmal, als unsere Freundschaft kühler war – mir gegenüber machte. Es war im Jahre 1873, als er die Redaktion des „Bürger“ übernommen hatte. Da verlangte er von mir, ich solle mehr schreiben; als ich darauf sagte, ich hätte zu wenig Gedanken, um so viel zu schreiben, fiel er mir ins Wort: „Wieso zu wenig Gedanken? Die Hälfte meiner Anschauungen sind Ihre Anschauungen!“ Man wird es verstehen, daß diese in geärgertem Tone gesagte Bemerkung sich als großes Kompliment in meinem Gedächtnis erhalten hat, und ich schreibe sie, wie gesagt, meinem hartnäckigen Einstehen für meinen Standpunkt gegen den Nihilismus zu. Menschen mit künstlerischer Verstandesart sehen oft ein großes Verdienst in der logischen Entwicklung eines Gedankens, wozu sie selbst wenig geneigt sind, und wenn man dann im Kern der Sache eine Übereinstimmung findet, wie es bei Fjodor Michailowitsch und mir größtenteils der Fall war, so ist den Künstlern die abstrakte Formulierung ihrer Ideen und Gefühle sehr angenehm.
Auf den erwähnten Angriff des „Zeitgenossen“ antwortete ich in unserer Mainummer. Doch unsere Polemik wurde durch äußere Verhältnisse unterbrochen. Durch irgendeine Beziehung oder eine Anzeige fiel auf unseren Gegner der Verdacht, mit den revolutionären Proklamationen – nach denen die Brandstiftungen in Petersburg begannen – in Verbindung zu stehen, und der „Zeitgenosse“ wurde auf acht Monate verboten. Wir waren darüber aufrichtig betrübt, denn damit war uns der Gegner genommen, während wir gerade dem Kampf gegen ihn eine große Bedeutung beimaßen. Wir wußten sehr gut, daß seine Richtung trotz seines Schweigens oder sogar noch mehr dank diesem unfreiwilligen Schweigen fortfuhr, sich im Publikum zu entwickeln und zu erstarken. Uns aber fehlte jetzt der allgemein anerkannte Repräsentant der Richtung. Doch ganz abgesehen von diesem sozusagen internen Kummer, war schon die allgemeine Lage sehr schwer und traurig. Die Feuersbrünste flößten ein Grauen ein, das sich schwer beschreiben läßt. Ich entsinne mich noch, wie ich einmal mit Fjodor Michailowitsch nach den Inseln hinausfuhr. Vom Schiff aus sah man in der Ferne Rauchwolken, die sich an drei oder vier Stellen über der Stadt erhoben. Wir kamen in einen der Vergnügungsparks, wo eine Musikkapelle spielte und Zigeuner sangen. Aber wie gern wir uns auch zerstreut und amüsiert hätten, die schwere Stimmung ließ sich doch nicht verscheuchen, und es zog mich bald nach Haus. Daß bei diesen Feuersbrünsten Brandstiftung vorlag, war kaum zu bezweifeln, nur sind sowohl diese wie auch noch andere traurige Vorfälle jener Zeit aus irgendwelchen Gründen vollkommen unaufgeklärt geblieben.
Im Juni dieses Jahres (1862) trat Fjodor Michailowitsch seine erste Reise ins Ausland an. Er fuhr u. a. nach Paris und London, wo er mit Alexander Herzen zusammentraf, den er damals noch sehr milde beurteilte. Seine „Winteraufzeichnungen“ verraten sogar ein wenig den Einfluß Herzens. Später aber, in den letzten Jahren, äußerte er oft seinen Unwillen über die Unfähigkeit Herzens, das russische Volk zu verstehen und seine volkliche Eigenart zu schätzen. Mißachtung der einfachsten und gutmütigen Sitten, Stolz auf den Besitz der Aufklärung – diese Züge Herzens ärgerten Fjodor Michailowitsch sehr; übrigens verurteilte er dieselben auch an Gribojedoff, nicht nur an unseren Revolutionären und kleinen Anklägern.
Aus Paris erhielt ich von Fjodor Michailowitsch einen Brief, in dem er mir genau angab, wie und wo wir uns in Genf treffen könnten, wohin er von Köln aus, den Rhein hinauf, fahren wollte. Die Fortsetzung des Briefes führe ich hier an, da sie viel für ihn Bezeichnendes wiedergibt.
„... Liebster Nikolai Nikolajewitsch, es ist jetzt eine schlimme Zeit, wie Sie schreiben – eine Zeit ungewisser und quälender Erwartung. Aber eine Zeitschrift ist doch eine große Sache ... Herrgott, wenn man bedenkt, wieviel noch nicht getan und noch nicht gesagt ist! Und ich sitze hier in der sogenannten schönen Fremde und brenne doch schon darauf, wenn auch nicht körperlich, so doch geistig, wieder nach Rußland zurückzukehren. Ein jeder, ein jeder muß jetzt mithelfen und vor allem danach trachten, auf den richtigen Weg zu kommen! Gar zu sehr haben sich die Begriffe in unserer Gesellschaft verwirrt. Ein allgemeines Zweifeln und Nicht-Wissen hat begonnen ... Ach, Nikolai Nikolajewitsch, Paris ist die langweiligste Stadt, und wenn es hier nicht sehr viel wirklich gar zu bemerkenswerte Dinge gäbe, so könnte man wahrlich sterben vor Langweile. Die Franzosen sind, bei Gott, ein Volk, von dem einem übel wird. Sie sprachen einmal von den selbstzufrieden-frechen und gemeinen Gesichtern, die auf unseren Petersburger mondänen Promenaden florieren. Aber ich schwöre Ihnen, die hiesigen wiegen die unsrigen auf. Bei uns sind es einfach fleischfressende Lumpen, und zwar wissen sie das größtenteils selber. Hier aber ist der Kerl vollkommen überzeugt, daß es gerade so sein müsse. Der Franzose ist still, ehrlich, höflich, aber falsch und das Geld ist bei ihm alles. Von Idealen keine Spur. Nicht nur keine Überzeugungen, sogar eigenes Nachdenken dürfen Sie nicht verlangen. Das Niveau der allgemeinen Bildung ist bis zum Äußersten niedrig (ich spreche nicht von den staatlich angestellten Gelehrten, dieser gibt es doch nicht viele, und schließlich, ist denn Gelehrtheit Bildung in dem Sinne, wie wir dieses Wort zu verstehen gewöhnt sind?) ... Es gibt gewisse Dinge, die zu bemerken und zu verstehen eine halbe Stunde genügt, und die doch ganze Seiten der Nation deutlich bezeichnen, eben durch den Beweis, daß solche Tatsachen möglich sind, daß es so etwas wirklich gibt ... Und noch etwas, Nikolai Nikolajewitsch: Sie ahnen nicht, wie die Einsamkeit einem hier die Seele bedrückt. Man kommt in eine ganz sehnsüchtige und schwermütige Stimmung. Freilich, Sie sind ein einsamer Mensch und haben keinen Grund, mich deshalb besonders zu bedauern. Aber nichtsdestoweniger: man fühlt sich gewissermaßen losgelöst vom Erdboden und zurückgeblieben hinter der wichtigen, von uns verrichteten Arbeit und den laufenden Fragen im eigenen Vaterlande. Allerdings habe ich es bisher ungünstig getroffen im Auslande; scheußliches Wetter und zudem treibe ich mich immer noch in Nordeuropa umher und habe von den Naturwundern nur den Rhein mit seinen Ufern gesehen. (Nikolai Nikolajewitsch! Das ist wirklich ein Wunder!) Was wird es erst weiterhin geben, wenn ich von den Alpen in die Täler Italiens hinabsteige. Ach, wenn wir’s doch zusammen könnten! Wir sehen uns dann Neapel an, gehen in Rom spazieren, ja vielleicht liebkosen wir sogar eine junge Venezianerin in der Gondel (– Was meinen Sie? Nikolai Nikolajewitsch?) Doch – ‚kein Wort, kein Wort, ich schweige schon‘, – wie Poprischtschin[5] in einem ähnlichen Falle sagt ... Leben Sie wohl. Übrigens richtiger: auf Wiedersehen. Es ist doch nicht möglich, daß wir uns hier im Auslande nicht treffen! Das würde ich mir niemals verzeihen. Ich drücke Ihnen kräftig die Hand. Grüßen Sie von mir alle unsere gemeinsamen Bekannten. Wie benimmt sich Ihr unerzogener Kater? Addio!
Ihr Dostojewski.“
In meiner Antwort auf diesen Brief versprach ich, zur rechten Zeit in Genf einzutreffen, was ich denn auch tat. Um ihn dort zu finden, versuchte ich es mit einem bewährten Mittel: ich begab mich auf die Hauptpromenade, den Kai, und suchte dort die besten Cafés auf. Wenn ich nicht irre, traf ich ihn gleich im ersten. Unsere Freude war natürlich groß, zumal wir uns beide lange Zeit in der Umgebung von ausschließlich Fremden vereinsamt gefühlt hatten, und unsere Begrüßung war denn auch so lebhaft und unsere Freude so laut, daß wir die anderen Cafébesucher, die würdig und schweigsam an ihren Tischchen vor den Zeitungen saßen, belästigten. Wir beeilten uns deshalb, hinauszukommen und waren von nun an selbstverständlich unzertrennlich. Fjodor Michailowitsch war kein Meister im Reisen; ihn interessierte weder die Natur besonders, noch historische Sehenswürdigkeiten, noch Kunstwerke, außer vielleicht die allergrößten. Seine ganze Aufmerksamkeit war auf die Menschen gerichtet: und nur ihre Natur, ihren Charakter suchte er zu erfassen und vielleicht noch so den Gesamteindruck des Straßenlebens. Er begann mir auch sogleich mit Eifer auseinanderzusetzen, daß er die übliche Manier der Reisenden verachte – nach dem Führer alles Berühmte sich anzusehen. Und tatsächlich, wir sahen uns nichts an, sondern spazierten nur, wo es mehr Menschen gab, und unterhielten uns. Genf fand er im allgemeinen düster und langweilig. Auf meinen Vorschlag machten wir an einem schönen Tage einen Ausflug nach Luzern. Dann wollte ich unbedingt nach Florenz, von welcher Stadt Apollon Grigorjeff so begeistert geschrieben und erzählt hatte. Wir fuhren über Turin, Genua, Livorno. Von Turin, der Stadt mit den geraden, ebenen Straßen, sagte Fjodor Michailowitsch, daß es ihn an Petersburg erinnere. In Florenz verbrachten wir eine Woche in einem bescheidenen Hotel „Pension Suisse“ (Via Tornabuoni). Wir hatten es dort gut, denn das Hotel war nicht nur bequem und solid eingerichtet, es zeichnete sich auch noch durch gewisse patriarchalische Sitten aus und nicht durch jene widerlichen Ansprüche auf Luxus und andere Hotelunsitten, die sich in ihm schon ziemlich eingebürgert hatten, als ich 1875 wieder dort einkehrte. Auch in Florenz taten wir nichts von alledem, was Touristen zu tun pflegen. Wir brachten die Tage zu in Spaziergängen und bei der Lektüre von Victor Hugos Roman „Les misérables“, der damals erschien und den Fjodor Michailowitsch Teil für Teil kaufte und von denen wir drei oder vier in dieser Woche durchlasen. Aber ich wollte doch nicht die Gelegenheit versäumen, die großen Kunstschätze kennen zu lernen, und wollte in ruhiger, aufmerksamer Betrachtung versuchen, den geistigen Überschwang, der diese Schönheit geschaffen hatte, zu erfassen und nachzuempfinden. So besuchte ich denn mehreremal die galleria degli Uffizii. Einmal gingen wir auch zusammen hin. Da wir aber keinen bestimmten Vorsatz hatten und unvorbereitet waren, so begann Fjodor Michailowitsch sich alsbald zu langweilen und wir verließen die Galerie, ich glaube, noch bevor wir zur Venus von Medici gekommen waren. Dafür waren unsere Spaziergänge in der Stadt sehr unterhaltsam, obschon Fjodor Michailowitsch manchmal fand, daß der Arno an die Fontanka, einen Petersburger Kanal, erinnere, und obgleich wir kein einziges Mal in den Cascinen waren. Am schönsten aber waren unsere Gespräche abends vor dem Schlafengehen bei einem Glase roten Landweins. Da ich auf den Wein zu sprechen gekommen bin, möchte ich bemerken, daß Fjodor Michailowitsch in dieser Beziehung äußerst mäßig war. Ich erinnere mich nicht eines einzigen Falles in den ganzen zwanzig Jahren, wo ich an ihm auch nur die geringste Wirkung getrunkenen Weines bemerkt hätte. Eher bekundete er eine kleine Vorliebe für Süßigkeiten. Sonst war er im Essen sehr mäßig.
Aus den „Winteraufzeichnungen“ werden die Leser am besten ersehen, worauf seine Aufmerksamkeit im Auslande wie überall gerichtet war: ihn interessierten die Menschen, ausschließlich die Menschen mit ihrer Seelenart, ihrer Lebensweise, ihren Gefühlen und Gedanken.
In Florenz trennten wir uns. Er wollte nach Rom reisen (wozu es jedoch nicht kam) und ich wollte noch auf eine Woche nach Paris.
Im September war unsere ganze Redaktion wieder vollzählig in Petersburg versammelt. Apollon Grigorjeff war schon im Sommer aus Orenburg zurückgekehrt. Wir machten uns alle mit Lust an die Arbeit und es ging so gut, daß es eine Freude war.
Das folgende Jahr, 1863, war eine bedeutungsvolle Zeit in unserer allgemeinen Entwicklung. Im Januar brach der polnische Aufstand aus und rief in unserer Gesellschaft eine große Bestürzung hervor, die eine schroffe Wandlung einzelner Ansichten zur Folge hatte. Bei der liberalen Stimmung nicht nur der Gesellschaft, sondern auch der regierenden Kreise, hatte man die polnische Frage anfangs überhaupt nicht richtig aufzufassen verstanden. Polen, der Selbständigkeit beraubt, erwies sich als Ausgangspunkt unvermeidlicher Erschütterungen. Nicht wenige Patrioten sagten schon lange, daß wir Polen, indem wir es Rußland einverleibten, in unseren Körper wie irgendeine schädlich wirkende Medizin aufgenommen hätten. Deshalb vertraten der „Tag“ und die „Moskauer Nachrichten“ zunächst den Standpunkt, daß die beste Lösung des Problems vielleicht wäre, Polen abzuschütteln und seinem eignen Schicksal zu überlassen. Da kamen aber die Ansprüche der Polen auf das Westgebiet, und diese warfen einerseits ein ganz neues Problem auf, andererseits verwirrten sie die Mehrzahl der gebildeten Leute so weit, daß sie in ihrer tiefen Unkenntnis der Sache mit der Erfüllung dieser neuen Forderungen einverstanden gewesen wären. Da waren es die beiden genannten Moskauer Blätter, die viel zu einer richtigen Beurteilung der Sachlage beitrugen. In der Gesellschaft kam es zu einem krassen Umschwung der Anschauungen: der Patriotismus loderte auf, die nicht bodenständigen Liberalen verloren ihre Bedeutung und Alexander Herzen, der es sich einfallen ließ, für die Polen einzutreten, verlor auf immer sein Ansehen bei den Lesern.
Die Petersburger Literatur hatte zu diesen Vorgängen von Anfang an fast ausnahmslos geschwiegen, vielleicht deshalb, weil sie nicht wußte, was sie sagen sollte, oder weil sie von ihrem abstrakten Standpunkte aus urteilte und den Anmaßungen der Aufständischen sogar beistimmte. Dieses Schweigen reizte die Moskauer Patrioten und die patriotisch Gesinnten der Regierungskreise. Sie fühlten, daß in der Gesellschaft eine den Staatsinteressen in diesem Augenblick feindliche Stimmung oder Richtung vorhanden war und waren darüber mit Recht empört. Und diese Empörung wartete nur auf die erste Kundgebung der geheimen Stimmung, die sich vorläufig nur durch Schweigen ausdrückte, um sie dann als Feind im Innern niederzuschlagen. Und so geschah es denn auch, nur daß die Strafe infolge eines Mißverstehens nicht die Schuldigen traf, sondern die „Zeit“.
Es muß eingestanden werden, daß unsere Zeitschrift den Aufgaben, die zu erfüllen die Pflicht eines jeden Blattes, besonders eines patriotischen gewesen wäre, nur mangelhaft nachkam. Die „Zeit“ war in diesem Jahr in literarischer Hinsicht allerdings interessant, aber zur Polnischen Frage hatte sie sich überhaupt noch nicht geäußert. Ihr erster Artikel über dieses Problem war ein Aufsatz von mir in der Aprilnummer: „Eine verhängnisvolle Frage.“ Und eben dieser Aufsatz wurde mißverstanden und veranlaßte das Verbot der Zeitschrift.
Selbstverständlich war weder bei den Brüdern Dostojewski noch bei mir auch nur eine Spur von Polonophilismus vorhanden. Der Sinn meines Artikels war der, daß wir mit den Polen nicht nur materiell, sondern auch geistig kämpfen müßten und die endgültige Lösung des Problems erst dann eintreten würde, wenn wir die Polen geistig besiegt hätten. Die Polnische Frage erfordert mehr als jede andere die Mitwirkung auch aller unserer inneren Kräfte, sie erinnert uns an unseren Unterschied von Europa und verheißt Klärung und Entwicklung unserer selbständigen Elemente. In Wirklichkeit, im Leben, übertreffen wir die Polen unendlich; doch diese unsere Stärke muß man zu Bewußtsein bringen und aus ihr klare Formen geistiger und kultureller Entwicklung schöpfen. Beide Dostojewskis waren mit meinem Artikel sehr zufrieden und stolz darauf, daß sie ihn brachten. Im Grunde war es eine Umprägung der politischen Frage in eine abstrakte Formel. Aber das Leben mit seinen konkreten Gefühlen und Taten ging so glühend vorwärts, daß es diesmal die Abstraktheit nicht ertrug. Insofern war dieser unselige Artikel natürlich schlecht geschrieben. Nachher machte mir Fjodor Michailowitsch einen leisen Vorwurf eben wegen der trockenen Abstraktheit meiner Ausführungen, was mich damals ein wenig kränkte; doch jetzt gebe ich gern zu, daß er recht hatte. Es tut mir weh, an den Kummer zu denken, den ich unfreiwillig vielen Patrioten zufügte. Aber eine noch viel größere Strafe war es, daß andere wiederum mich für einen Polonophilen hielten und mir gegenüber gerade aus diesem Grunde eine besondere Hochachtung bezeugten. Das schmerzte mich mehr als alle verächtlichen Blicke, deren ich so viele zu ertragen hatte, und alle betonte Kühlheit sogar meiner nahen Bekannten, weil ich in ihren Augen ein Konservativer und Rückschrittler war. Dieses unklare Denken, diese kurzsichtige und enge Auffassung aller Fragen, diese verblüffende Armut an Logik und Kritik findet man in jeder Gesellschaft, in der unsrigen aber hat sie einen besonderen Einfluß. Das ist natürlich von großem Übel, denn es stört die Entwicklung des Denkens und somit auch die der Literatur. Doch um den unangenehmen Eindruck zu erklären, den der Ton meiner Schrift hervorrief, muß ich noch ein paar Worte über mich sagen.
Grenzenloser Patriotismus – das war die Gefühlswelt, in der ich fern von den Hauptstädten aufgewachsen und erzogen worden war. Rußland erschien mir als ein Land von ungeheuren Kräften, mit unvergleichlichem Ruhm bedeckt, als erstes Land der Welt, so daß ich im buchstäblichen Sinn des Wortes Gott dafür dankte, daß ich als Russe zur Welt gekommen war. Deshalb konnte ich es lange Zeit überhaupt nicht fassen, daß es Menschen gab, die in der Beziehung anders fühlten und dachten, und ebenso schwer war mir, Anschauungen zu verstehen, die diesem meinem Gefühl widersprachen. Als ich mich aber schließlich überzeugte, daß Europa uns verachtet, daß es in uns ein halbbarbarisches Volk sieht und daß es für uns nicht nur schwierig, sondern einfach unmöglich ist, die europäischen Völker zu einer anderen Auffassung von uns zu bekehren, da war diese Entdeckung unsäglich schmerzlich für mich, und diesen Schmerz empfinde ich auch jetzt noch. Aber ich habe nie auch nur daran gedacht, mich von meinem Patriotismus loszusagen oder meinem Vaterlande und seinem Geist den Geist gleichviel welch eines anderen Landes vorzuziehen. Wenn es mir auch häufig schien, daß Rußland, wie der Dichter Tjutscheff sagt, „nicht mit dem Verstande zu erfassen“ sei und man an Rußland „nur glauben“ könne, so begann ich doch mit der Zeit immer besser zu erkennen, wie es kam, daß „der stolze Blick der andren Völker nicht verstehen und nicht erkennen kann, was in Rußlands demütiger Nacktheit glüht und voll Geheimnis leuchtet“. Die Verachtung der Europäer war nur der beständige Stachel, der sowohl meine Treue zum Geist meines Volkes verstärkte, wie er das Verstehn dieses Geistes förderte. Eben diese Treue und dieses Verstehen wollte ich auch in anderen erwecken, und deshalb hatte ich von der Anmaßung der Polen geschrieben und darauf hingewiesen, daß wir uns nur durch unerschütterlichen Glauben an uns selbst und die Erkenntnis des Geistes, den wir in uns tragen, über ihre Anmaßung stellen können. Unser Unglück besteht vorläufig nur in der Schwierigkeit und Unklarheit dieser Erkenntnis. Doch dieses Unglück lastet nur auf denen, die sich vom Boden losgerissen haben. Wer aber von uns bestehen will, der suche diesen Geist und richte seinen Verstand darauf, sein Wesen zu erkennen.
Der polnische Aristokratismus ist schon im allgemeinen, besonders aber in seinem Gegensatz zu dem angrenzenden russischen Gebiet, für jeden Russen etwas Widerliches; er hat auch am meisten zum Untergang Polens beigetragen. Er selbst hat sich durch die traditionelle Aneignung der europäischen Bildung entwickelt, auf der er auch jetzt noch beruht. Daraus folgt, daß es zuweilen besser ist, in der Kultur zurückzubleiben, dafür aber seinen eigenen Geist zu behalten und nicht in diesen rettungslosen Zwiespalt der Ziele und Gefühle zu geraten, in dem sich jetzt die Polen befinden. In diesem Sinne hatte ich meinen Artikel „Eine verhängnisvolle Frage“ genannt. Ich war bereit, unumwunden zu sagen, daß es für die Polen keine Rettung mehr gibt, daß die Geschichte sie zum Untergang verurteilt hat. Doch der Artikel entsprach in seiner zu abstrakten Form nicht den landläufigen Begriffen und man verstand ihn falsch. Als sich das Gerücht verbreitete, der „Zeit“ drohe Gefahr, wollten wir es zunächst nicht glauben, denn unser Gewissen war rein. Bald aber war es zu spät zu einer Erklärung: man hatte uns für schuldig befunden und erlaubte uns nicht einmal mehr einen Rechtfertigungsversuch. Die Zeitschrift wurde bedingungslos untersagt und zwar für immer. Ich hatte natürlich alles getan, was ich konnte und wozu man mir riet, doch selbst Persönlichkeiten wie Katkoff[6] und Aksakoff[7] vermochten nicht das Geringste auszurichten.
Unsere Lage war nicht nur ärgerlich, sie war sogar ziemlich schwierig. Mir drohte Ausweisung aus Petersburg, wir alle verloren den Abnehmer für unsere Arbeiten, und noch schlimmer wurden durch den Schlag die Redakteure getroffen, die nun alle ihre Hoffnungen vernichtet sahen. Dennoch kann ich nicht behaupten, daß wir den Kopf hängen ließen. Wir trösteten uns damit, daß der ganze unangenehme Zwiespalt immerhin eine glänzende Reklame für uns sei, zumal der wahre Sachverhalt in den literarischen Kreisen und im Publikum schon bekannt wurde.
Doch unseren neuen Hoffnungen war es nicht bestimmt, in Erfüllung zu gehen. Michail Michailowitsch erhielt nach acht Monaten allerdings die Erlaubnis, ein neues Blatt zu gründen, die „Epoche“, doch begann sie nach mehrfachen Verzögerungen unter sehr ungünstigen Verhältnissen zu erscheinen. Fjodor Michailowitsch war gegen Ende des Sommers ins Ausland gereist und hatte dort wieder gespielt, aber diesmal verloren. Kennen gelernt hatte er das Roulette schon auf der ersten Reise und dabei über 1000 Francs gewonnen. Im Spiel sah er übrigens für sich nichts Schlimmes, da er sich sagte, als Schriftsteller müsse er auch diese Leidenschaft und die Sitten der Spielorte kennen lernen. Soweit ich mich erinnere, hatte er genügend Geld zur Reise mitgenommen, doch infolge der Spielverluste erhielt ich Ende September einen Brief von ihm, in dem er mich dringend bat, zum Verleger Boborykin zu gehen und für einen noch ungeschriebenen Roman dreihundert Rubel als Vorschuß zu erbitten. „Mag Boborykin erfahren,“ schrieb er, „wie es der ‚Zeitgenosse‘ und die ‚Vaterländischen Annalen‘ erfahren haben, daß ich, abgesehen von meinem ersten Roman ‚Arme Leute‘, in meinem Leben noch niemals etwas geschrieben habe, ohne das Honorar im voraus fordern zu müssen. Ich bin als Literat ein Proletarier und wenn jemand meine Arbeit wünscht, so muß er mir vorher meinen Lebensunterhalt sichern. Diese Methode verwünsche ich selbst. Aber es ist einmal so und wird sich wahrscheinlich nie ändern ...“ Aus dem Auslande kehrte er im Spätherbst zurück. Als jedoch die „Epoche“ zu erscheinen begann, war er in Moskau, wo seine Frau im Sterben lag, und, selber krank, konnte er nichts schreiben. Mein Leitartikel „Der Umschwung“ wurde von der Zensur gestrichen, da sie mich für sehr gefährlich hielt, obgleich ich nur den einen Wunsch hatte, meine patriotische Gesinnung zu beweisen. Die anderen Mitarbeiter hielten nicht mehr so zusammen wie früher. Doch vor allem hatte sich das Verhalten des Publikums zur Literatur geändert. Es hatte sich im Jahre 1863 allerdings ein mächtiger „Umschwung“ der Meinungen vollzogen. Das gutgläubige Publikum hatte zum erstenmal wahrgenommen, wohin die gewisse Literaturpartei es führte, und wandte sich nicht nur von ihr, sondern von der Literatur überhaupt ab. Ganz Russland wurde von Patriotismus erfaßt, und da die Literatur nicht sehr patriotisch war, so verlor man den Geschmack an ihr. Unter solchen Umständen hätte es von seiten des Redakteurs einer besonderen Energie bedurft, um die Sache durchzuführen, diese aber fehlte Michail Michailowitsch. Auch Fjodor Michailowitsch konnte nach dem Tode des Bruders trotz aller Energie den Fall der Zeitschrift nicht abwenden. Als die „Epoche“ mit dem Februarheft 1865 zu Ende ging, war außer den Einnahmen auch noch das Kapital verloren, das eine reiche Moskauer Verwandte den beiden Brüdern vermacht und auf deren Bitte im voraus ausgezahlt hatte (jedem zehntausend Rubel), und überdies lastete auf Fjodor Michailowitsch noch eine Schuld von fünfzehntausend Rubeln. Wenn wir jedoch in Erwägung ziehen, daß nach dem Abbruch der journalistischen Tätigkeit schon im nächsten Jahre (1866) der Roman „Rodion Raskolnikoff“, 1868 der „Idiot“, 1870 die „Dämonen“ erschienen, so muß man den Bankerott der „Epoche“ für ein Glück ansehen, denn hätte die Zeitschrift weiterbestanden, so wäre Fjodor Michailowitschs Arbeitskraft von ihr absorbiert worden.
Im Juli 1865 trat Fjodor Michailowitsch wieder eine Auslandsreise an, von der er im November nach Petersburg zurückkehrte, wo er das ganze nächste Jahr blieb. Diese beiden Jahre waren für ihn eine sehr schwere Zeit. Krank, einsam, von Gläubigern bedrängt, hatte er noch für die zahlreiche Familie des verstorbenen Bruders zu sorgen. Man kann nicht umhin, die Energie zu bewundern, mit der er alles überwindet und in derselben Zeit noch sein erstes großes Werk „Rodion Raskolnikoff“ schreibt. Im Oktober 1866 begann er den kleinen Roman „Der Spieler“ niederzuschreiben, doch als er sah, daß er zum Termin nicht fertig werden konnte, erkundigte er sich bei einem Lehrer der Stenographie nach einer Stenographin. Der Lehrer empfahl ihm seine beste Schülerin, Anna Grigorjewna Ssnitkina, ein junges Mädchen, das kurz vorher das Mariengymnasium beendet und in demselben Jahre seinen Vater verloren hatte. Sie war mit Freuden bereit, der Aufforderung Dostojewskis, des von ihrem Vater bevorzugten Schriftstellers, nachzukommen, um so mehr, als er auch von ihr wie von ihrer ganzen Verwandtschaft mit Spannung gelesen wurde. Dieses junge Mädchen sollte später seine Frau werden. Auch in der Ehe half ihm Anna Grigorjewna beständig bei der Arbeit. Er diktierte ihr nach seinen Entwürfen, die er ins unreine mit vielen Korrekturen, Einschaltungen usw. niedergeschrieben hatte, worauf sie ihre stenographische Niederschrift umschrieb. Ihre Trauung fand am 15. Februar 1867 statt. Der Ehe entsprossen vier Kinder: Ssofja, geb. am 28. Februar 1868 in Genf und gest. am 12. Mai; Ljubow, geb. am 14. September 1869 in Dresden; Fjodor, geb. am 16. Juli 1871 in Petersburg; und Alexei, der am 12. August 1875 in Staraja Russa zur Welt kam und am 16. Mai 1878 in Petersburg starb.
Im zweiten Monat nach der Hochzeit reisten sie ins Ausland, wo sie viel länger verblieben, als sie beabsichtigt hatten und wünschten. Von Berlin fuhren sie nach Dresden, wo sie sich zwei Monate aufhielten, von dort nach Baden-Baden, wo Fjodor Michailowitsch wieder spielte, zuerst gewann, später aber alles verlor, so daß er nur dank dem von Katkoff nachgeschickten Vorschuß Baden-Baden verlassen konnte. In Genf trafen sie mit nur dreißig Franken ein. Dort verlebten sie den Winter 1867–68, in welcher Zeit Fjodor Michailowitsch den „Idiot“ schrieb. Sie führten ein einsames, einförmiges Leben, hatten keine Bekannten, außer einem Landsmann, der sie zuweilen besuchte und ihnen manchmal aus der größten Verlegenheit half, indem er ihnen fünf oder zehn Franken lieh. Die Geburt des ersten Töchterchens war eine große Freude. Fjodor Michailowitsch lebte förmlich auf und verbrachte jeden freien Augenblick am Kinderwagen und freute sich über jede Bewegung der Kleinen. Ihren Tod hat er nie verschmerzen können. Den Sommer 1868 verbrachten sie in Vevey am Genfer See. Im September reisten sie nach Italien; zwei Monate verlebten sie in Mailand, darauf den Winter 1868/69 in Florenz, wo er den „Idiot“ beendete. Das Leben in Florenz verlief für sie ebenso eintönig wie in der Schweiz, doch konnten sie hier wenigstens die Gemäldegalerien besuchen, was besonders Anna Grigorjewna sehr oft tat. Zu den Kunstwerken, die Fjodor Michailowitsch am meisten gefielen, gehörte der Turm des Florentiner Domes von Giotto und die Türen des Battistero von Lorenzo Ghiberti. Zu den Italienern verhielt er sich übrigens immer mit großer Sympathie, fand sie schlicht und gutmütig – die Menschen aus dem einfachen Volk erinnerten ihn an russische Bauern. Zuweilen besuchten Dostojewskis auch das Theater, doch das geschah immerhin sehr selten, da bei ihnen ständig Geldmangel herrschte.
Im Juli 1869 kehrten sie über Venedig, Triest, Wien und Prag nach Dresden zurück. In den letzten Monaten des Jahres 1869 schrieb er die Novelle „Der Gatte“ und das ganze folgende Jahr die „Dämonen“. In Dresden, wo ihnen wieder ein Töchterchen geboren wurde, mußten sie fast volle zwei Jahre bleiben, was Fjodor Michailowitsch sehr schwer fiel, da ihn beständig Heimweh und der Gedanke quälte, daß er Rußland fremd werde, Rußland nicht mehr kenne. Die Rückkehr war ihnen jedoch unmöglich, da sie dazu einer größeren Summe bedurften. Das Geld aber, das sie erhielten, reichte trotz ihres bescheidenen Lebens nicht aus: einen bedeutenden Teil desselben verbrauchte der Unterhalt der Witwe des Bruders und seines Stiefsohnes aus erster Ehe, und außerdem mußten noch Prozente für die bei der Abreise versetzten Sachen bezahlt werden; trotzdem verfielen sie zu guter Letzt. Schließlich wurde ihnen der Aufenthalt im Auslande doch zu unerträglich, und sie beschlossen, alle schweren Folgen auf sich zu nehmen – es galt, noch die Schulden zu bezahlen – und am 8. Juli 1871 trafen sie in Petersburg ein.
Das letzte Jahrzehnt seines Lebens brachte Fjodor Michailowitsch in Petersburg zu, abgesehen von kürzeren Reisen nach Ems zu Kurzwecken und dem Sommeraufenthalt in Staraja Russa, wo sie seit 1872 nicht nur jeden Sommer, sondern auch den einen Winter verlebten, als Fjodor Michailowitsch seinen vierten großen Roman schrieb (1874/75). Im Frühling des Jahres 1876 kauften sie sich in Staraja Russa (im Gouvernement Novgorod, südlich vom Ilmen-See) ein Haus mit einem großen alten Garten. Im Juni des Jahres 1879 machte er mit Wladimir Ssolowjoff[8] eine Reise nach einem Kloster in der Nähe von Koselsk (im Gouvernement Kaluga), der Koselskaja Optina, wo er sich fast eine Woche aufhielt. Die Eindrücke dieser Reise sind in den „Brüdern Karamasoff“ wiedergegeben. So sehen wir denn, daß das Leben Fjodor Michailowitschs zu guter Letzt in vollkommen geregelten Verhältnissen verlief und aus einem mehr oder weniger unsteten ein seßhaftes wurde. Diese Besserung der Verhältnisse, die ihm eine gesündere Lebensweise und Freiheit in der Wahl seines Aufenthaltsortes gestattete, war hauptsächlich darauf zurückzuführen, daß Anna Grigorjewna es auf sich nahm, im Selbstverlage Neuausgaben seiner früheren Werke zu machen, was sie im Jahre 1873 mit den „Dämonen“ begann. Fjodor Michailowitsch war nicht nur auf den geistigen Erfolg seines Schaffens aufrichtig stolz, er war auch stolz auf den materiellen Erfolg und freute sich, daß er seine Schulden bezahlen konnte und sich nicht mehr mit dem Gedanken zu quälen brauchte, daß seine Familie einst in Armut zurückbleiben werde. 1878 wandte er sich zum letztenmal mit der Bitte um Vorschuß an die Redaktion des „Russischen Boten“, die ihren Mitarbeiter so lange und bereitwillig mit großen und kleinen Vorschüssen unterstützt hatte. Später hatte er es nicht mehr nötig und konnte sogar ein kleines Kapital beiseite legen. Die Redaktion der „Vaterländischen Annalen“, in denen seine zwei letzten Romane erschienen, zahlte allein für den ersten Abdruck der „Jugend“ 250 Rubel pro Druckbogen, für den Abdruck der „Brüder Karamasoff“ 300 Rubel pro Druckbogen.
Im letzten Jahrzehnt seines Lebens trat er als Publizist nur in den Jahren 1873 und 1876/77 hervor. Die Redaktion des „Bürgers“ war ihm vom Fürsten W. Meschtscherski angeboten worden. Er erhielt für seine Tätigkeit 250 Rubel monatlich, außer dem Honorar für seine Artikel. Fürst Meschtscherski war ihm überaus zugetan und ließ sich gern von ihm beeinflussen. Wer diesen Jahrgang des „Bürger“ liest, wird sich alsbald überzeugen, wieviel Arbeit und Sorgfalt vom Redakteur auf ihn verwandt worden ist. Leider ist es mir nicht bekannt, aus welchen Gründen und Erwägungen Fjodor Michailowitsch die Redaktion später niederlegte.
„Das Tagebuch eines Schriftstellers“ erschien seit 1876. Es hatte einen Riesenerfolg und war tatsächlich ein glücklicher Gedanke, da es dem Bedürfnis und der Schreibweise Fjodor Michailowitschs durchaus entsprach. Jede Nummer enthielt eigentlich nur eine Reihe von Feuilletons, wenn man sich so ausdrücken kann, in denen er über die verschiedensten Tagesfragen, vornehmlich jedoch über politische, soziale und literarische Fragen schrieb. Ja man kann sagen, daß er in seinem „Tagebuch“ gewissermaßen seine eigene Biographie dieser Zeit geschrieben hat, denn er hat in ihm alles zur Sprache gebracht und erklärt, was ihn in jedem der zwölf Monate dieser Jahre beschäftigt, was er gedacht und gefühlt hat. Und nirgends, scheint es mir, drückt sich seine Energie und sein Mut so deutlich aus wie in diesem „Tagebuch“. Besonders setzte die Richtung dieser Zeitschrift die Leser in Erstaunen und riß sie schließlich mit. Diese Richtung widersprach aufs schärfste den Meinungen und Neigungen des Petersburger Publikums und war ein offensichtlicher Protest gegen die herrschende geistige Strömung. Es läßt sich denken, wie sehr sich alle diejenigen freuten, die mit den herrschenden Anschauungen unzufrieden waren und nirgends einen Protest oder die Vertretung der von ihnen geliebten Ideen fanden. Solcher gibt es viele bei uns, doch gehören sie nicht zu denen, die sich mit der Literatur befassen.
In den Jahren 1878, 79 und 80 unterließ Dostojewski aus Rücksicht auf seine Gesundheit und die Arbeit an seinem letzten Werk die Fortführung des „Tagebuchs“, obgleich zuletzt von jeder Nummer sechstausend Exemplare gedruckt worden waren und einzelne Nummern noch eine zweite und dritte Auflage erforderten.
Die Puschkinfeier
(vom 6. bis 8. Juni 1880)
Als Zeuge des Sieges, den Fjodor Michailowitsch auf der Puschkinfeier in Moskau davontrug, will ich versuchen, den ganzen Vorgang, an dem ich leidenschaftlichen Anteil nahm, so gut ich kann, wiederzugeben. Da ich nur Zuschauer war, konnte ich das innere Drama, das sich während dieser Feier abspielte und dessen Hauptrolle Fjodor Michailowitsch zufiel, um so besser erkennen. Er war aus Staraja Russa, wo er den Sommer mit seiner Familie verbrachte, als einer der offiziellen Vertreter des slawischen Wohltätigkeitsvereins kurz vor der Hauptfeier, also bereits vor mir, in Moskau eingetroffen und hatte, wie ich später erfuhr, schon an einem Bankett teilgenommen, das von seinen Verehrern ihm zu Ehren gegeben worden war.
Als ich mich zur Feier aufmachte, erwartete ich, offen gestanden, nichts Gutes. Ich fürchtete viel Lärm, viel leeren Enthusiasmus, und es war sehr möglich, daß sich dabei nichts von Bedeutung ereignen würde. Zum Glück hatte ich mich diesmal getäuscht. Die Rede Dostojewskis gab der Feier einen Inhalt, der nach dem vergänglichen Feuerwerk des ganzen Festes wie ein harter glänzender Kristall bestehen blieb.
Nach der Enthüllung des Puschkindenkmals am 6. Juni, den Festlichkeiten der Moskauer Duma und der Universität, begann am 7. Juni im Adelssaal der literarische Teil der Puschkinfeier mit einer öffentlichen Versammlung der „Gesellschaft der Liebhaber russischer Literatur“. An diesem Tage sollten Turgenjeff und nach ihm Aksakoff ihre Reden halten, also zwei Vertreter der entgegengesetzten Richtungen. Doch da sich die Eröffnung mit allen Ansprachen usw. sehr lange hinzog, so konnte nur Turgenjeff noch zu Wort kommen. Seine Rede wurde selbstverständlich mit großem Beifall aufgenommen. Unter den Literaten aber entspann sich nachher ein lebhafter Streit über den Inhalt dieser Rede, und man äußerte den Wunsch, sie zu widerlegen oder wenigstens zu ergänzen. Anders war es auch nicht zu erwarten von einer „Gesellschaft“, zu der so viele Slawophile gehörten. Besonders war es aufgefallen, auf welche Stufe Turgenjeff Puschkin stellte. Er erkannte ihn zwar als volklichen, d. h. als selbständigen Dichter an, doch stellte er darauf noch die Frage: war Puschkin deshalb ein nationaler Dichter? Denn national könne man nach der Meinung des Redners nur den großen und universalen Dichter nennen. Erst wenn ein Dichter den Geist seines Volkes vollkommen ausdrückt, erst dann ist er der „große“ und zugleich der universale Dichter, der der Schatzkammer der Menschheit einen Beitrag zuträgt. Die Antwort aber auf diese Frage verweigerte der Redner. „Ich behaupte nicht,“ sagte er, „daß Puschkin diese Bedeutung zukomme, aber ich wage auch nicht, sie ihm abzusprechen.“
Das alles und noch manches andere erregte große Unzufriedenheit. In der Gruppe der aktiven Teilnehmer an der Feier hinterließ die Rede ein Gefühl des Unbefriedigtseins und der Unklarheit. Man zerpflückte kritisch die Worte Turgenjeffs und einige Literaten, die am nächsten Tage zu reden hatten, wollten sich zu seiner Stellungnahme äußern und Puschkin gewissermaßen verteidigen. Aber das, was am nächsten Tage, am 8. Juni zur Verteidigung Puschkins geschah, überstieg doch alle Erwartungen und Absichten. Zuerst sollte Aksakoff seine Rede halten, dann Dostojewski, doch weiß ich nicht, aus welchem Grunde beschlossen wurde, daß Dostojewski beginnen sollte. Zwar las er seine Rede vor, aber das war kein Lesen; das waren Worte, die unmittelbar aus dem Herzen kamen und jedes Herz ergriffen. Der ganze Enthusiasmus und die ganze Natürlichkeit, die dem Stil Dostojewskis eigen sind, kamen durch seinen meisterhaften Vortrag noch mehr zur Geltung. Ich spreche noch nicht einmal vom Inhalt der Rede, obgleich er es war, der die Kraft des Vortrags ausmachte. Ist es mir doch, als hörte ich in diesem Augenblick wie über der atemlosen Stille der ganzen großen Versammlung seine Stimme sich erhob: „Demütige dich, stolzer Mensch, arbeite, müßiger Mensch!“
Schon nach den ersten Worten, mit denen Dostojewski begann, horchte alles auf und verstummte. Man hörte zu, als sei vorher nichts von Puschkin gesagt worden, – bis die Spannung sich im ersten Beifallssturm löste. Dann aber war im Publikum jede Zurückhaltung vergessen und schrankenlos gab es sich seiner Begeisterung hin. Sah man doch einen Menschen vor sich, der selbst ganz erfüllt war von Begeisterung, und von diesem Menschen vernahm man eine Deutung, die diese Begeisterung wahrlich auch verdiente.
Von dem Sturm, der sich nach dem Schluß der Rede im Saal erhob, kann sich wohl kaum jemand, der ihn nicht selbst erlebt hat, eine Vorstellung machen. Man erstürmte förmlich die Estrade; ein Jüngling, der sich bis zu Dostojewskis durchgedrängt hatte, fiel in Ohnmacht. Dostojewski wurde umarmt, geküßt. Ich erinnere mich nicht mehr aller Ausrufe der Begeisterten. Aksakoff wandte sich mit den Worten an ihn: „Turgenjeff und ich, er als Vertreter der Westler und ich als Vertreter der Slawophilen, wir sind Ihnen beide unsere volle Zustimmung und unseren tiefsten Dank schuldig!“ Und Annenkoff[9] kam auf mich zu und sagte ganz begeistert: „Was doch eine wirklich geniale Charakteristik bedeutet! – sie hat mit einem Schlage die ganze Sache entschieden!“
Als Aksakoff, der alte Liebling der Moskowiter, später seine Rede halten sollte und das Publikum mit lebhaftem Applaus sein Erscheinen auf der Estrade begrüßte, sagte er nur kurz, daß er nach der Rede Dostojewskis nichts mehr zu sagen habe, denn alles, was er zu sagen beabsichtigt und niedergeschrieben, sei nur eine schwache Variation bloß einiger Themen dieser „genialen Rede“. Diese Worte riefen wieder stürmischen Applaus hervor. „Ich betrachte“, fuhr Aksakoff fort, „die Rede Dostojewskis als ein Ereignis in unserer Literatur. Gestern konnte man noch darüber streiten, ob sie es sei oder nicht; heute ist diese Frage bereits abgetan. Wir kennen jetzt die wahre Bedeutung Puschkins und somit ist alles weitere Reden überflüssig.“ Mit diesen Worten verließ Aksakoff die Rednerbühne. Und wieder wollten die Ovationen der Begeisterten kein Ende nehmen, doch diesmal galt der Beifall auch der Handlungsweise Aksakoffs wie seinem Urteil über die Rede Dostojewskis.
So feierte man in Dostojewski den Helden dieses Tages, der der ganzen Feier Inhalt und Farbe gegeben, der alle Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern sogar weit übertroffen hatte, und man war ihm dankbar für die Befreiung von der zuletzt qualvollen Spannung. Das Publikum verlor ihn von nun an nicht mehr aus den Augen und überschüttete ihn bei jeder Gelegenheit mit den lautesten Beifallsbezeugungen. Dasselbe geschah schon am Abend dieses Tages, an dem die dreitägige Puschkinfeier mit einer literarisch-musikalischen Ausführung ihren Abschluß fand und Dostojewski auf allgemeines Bitten hin Puschkins Gedicht „Der Prophet“ zweimal mit bewunderungswürdiger Meisterschaft vortrug.
So endete diese herrliche Feier. Der letzte Applaus war verstummt, und müde und befriedigt löste sich die Versammlung auf. Der Eindruck, den ich davontrug, war nicht allein stark, er war mir auch vollkommen klar. Ich gedachte jener literarischen Bewegung, in der ich einst mit solchem Interesse mitgewirkt hatte, unseres ganzen Literatenkreises, der zuerst (1859) für das „Russische Wort“ geschrieben hatte, dann für die „Zeit“, die „Epoche“, die „Morgenröte“, den „Bürger“ ... Das waren Gruppen von Menschen, die der Literatur immer eine große Bedeutung beigemessen hatten und ihr am treuesten dienten. In Puschkin sahen sie ihren Dichter, wie denn auch niemand besser über Puschkin geschrieben hat als Apollon Grigorjeff. Ihnen hatte sich Dostojewski angeschlossen, war für einige von ihnen der Führer geworden und hatte ihrer Richtung den Namen gegeben, indem er sie die Richtung der „Bodenständigen“ nannte. Und diese Richtung war es, die hier gesiegt hatte.
Zugleich hatte Dostojewski uns in zweierlei Hinsicht ein großes Beispiel gegeben: das Beispiel eines echten Konservativen und ein Beispiel, wie wir uns zu allem uns National-Feindlichen zu verhalten haben.
Konservatismus und Patriotismus hält man oft für geistige Beschränktheit, für Dummheit und Stumpfheit, was sie freilich auch oft genug sind, da sie von einer Menge Menschen geteilt werden, der Verstand der Menschen aber im allgemeinen schwach und begrenzt ist. Doch das berührt noch nicht die Sache selbst. Was kann im Grunde natürlicher und richtiger sein, als die Liebe zu unserer Umgebung und der Wunsch, das zu erhalten, was wir lieben? Und selbst lieben lernen wir doch von Menschen, die uns nahestehen, und lernen verstehen auf Grund des geistigen Inhalts, der uns zuerst gegeben wird. Ein feinfühliges Herz und ein feiner Geist entdecken allmählich die positive Seite des sie umgebenden Lebens und eignen sie sich an, ebenso wie seine Geistesart und Schönheit, die den Hauptnerv jedes Menschendaseins ausmachen und ohne die das Leben unmöglich ist. Was aber von einem Menschen einmal liebgewonnen, einmal begriffen ist, wird eine tiefe Natur ganz gewiß nicht mehr vergessen, das kann sie nicht mehr wie etwas Überflüssiges und Gleichgültiges fortwerfen. So kann der einfachste und gewöhnlichste Vorgang in begabten Menschen die größte Bedeutung erlangen. Menschen, die für den Konservatismus wenig Sinn haben, die mit Leichtigkeit die Gefühle und Gedanken, die einst in ihnen gelebt, abschütteln können, beweisen damit doch zweifellos nur ihre geringe Feinfühligkeit, die Schwäche ihres Herzensgedächtnisses. Sie lassen sich gewöhnlich von ihrer Energie fortreißen, und darin liegt ihre Rechtfertigung; doch das Schädliche des Nichtverstehens, der Verachtung, der Vergewaltigung drängt sich unvermeidlich in ihre Tätigkeit und entstellt oft eine Tat, die für den edelsten Zweck ausgeführt wird.
Dostojewski war von Natur konservativ. In ihm vollzog sich mächtig, doch schnell der Prozeß, der fast unterschiedslos die Entwicklung aller bedeutenden russischen Schriftsteller charakterisiert. Zuerst begeistern sie sich für abstrakte Gedanken, für Ideale, die sie vom Westen übernehmen, dann kommt es zum inneren Kampf und zur Enttäuschung, bis schließlich die zeitweilig unterdrückten Gefühle, die Liebe zu dem Heiligtum, das Rußlands Leben und Stärke ausmacht, erwachen. Auch Dostojewski gab es auf, nach höheren, führenden Ideen im Westen zu suchen, doch bewahrte er trotzdem Liebe und Verehrung für das europäische Geistesleben. Anderseits vermochte gerade er in der Ausbreitung des extremen Westlertums, das sich Nihilismus nennt, die Wurzel dieser entarteten Bestrebungen zu entdecken, und er verstand und bedauerte auch diese verirrten Seelen. Sein Blick, der nicht nur alle Gegensätze, sondern auch die Möglichkeit eines Ausgleichs der Gegensätze sah, diese feine und tiefe Sympathie, mit der er die beiden Pole unseres geistigen Lebens umfaßte und sie zu einem höheren Lebensprinzip und durch die Tat zu vereinigen suchte – das war der charakteristische Zug Dostojewskis. Seine Feindschaft gegen etwas bedeutete bei ihm nie eine bedingungslose Verneinung des Feindlichen.
Und gerade diese seine Fähigkeit des versöhnenden Verstehens und Mitempfindens war es, die in seiner Rede zur Puschkinfeier zum Ausdruck kam und die Bestrebungen der Westler und der Slawophilen als auf ein und dasselbe höhere Ziel gerichtet zu deuten verstand. Da war es kein Wunder, daß Begeisterung die alten Gegner erfaßte und sie sich in diesem Augenblick versöhnt die Hände reichten.
Nach der Puschkinfeier, die ihm den größten und schönsten seiner literarischen Erfolge verschaffte, blieb ihm nicht mehr viel Zeit zum Leben – kaum acht Monate. Doch gerade diese letzte Zeit verbrachte er in der größten Tätigkeit. Außer der Erläuterung und Verteidigung seiner Moskauer Rede schrieb er in dieser zweiten Hälfte des Jahres 1880 den Schluß der „Brüder Karamasoff“, und noch bevor dieser im „Russischen Boten“ veröffentlicht war, lasen wir bereits die Anzeige, daß im nächsten Jahr das „Tagebuch“ wieder in jedem Monat erscheinen werde. Der Druck der Januarnummer war fast schon beendet, als der Tod seiner fieberhaften Tätigkeit ein Ende setzte.
Für diejenigen, die ihn näher kannten, kam sein Tod eigentlich nicht überraschend. Er lebte augenscheinlich nur noch von den Nerven, denn sein Körper hatte schon einen solchen Grad von Abgezehrtheit erreicht, daß ihn der erste, geringste Stoß zerbrechen konnte. Am erstaunlichsten war dabei seine Unermüdlichkeit in der geistigen Arbeit, obgleich ihm das Arbeiten, wie er mir selbst einmal sagte, schwer fiel und er zum Schreiben eines Druckbogens zweimal oder dreimal mehr Zeit brauchte als früher. Außerdem wurde er in den letzten Jahren, besonders seit der Herausgabe des „Tagebuchs“, mit Briefen überschüttet und von Besuchern zu Tode erschöpft. Aus allen Ecken und Enden von Petersburg kam man zu ihm, oft mit Bitten um Unterstützung, da er Armen stets half und für fremdes Unglück immer Teilnahme hatte. Doch ebensooft kam man zu ihm mit Gewissensfragen, oder um seine Ansichten zu widerlegen, oder um ihm Verehrung zu bezeugen. Von derselben Art waren auch die Briefe, die er aus allen Gegenden Rußlands erhielt. Seine Popularität freute ihn. Er sah darin Beweise, daß seine Worte nicht ungehört verklangen. Das freute ihn sehr, denn er hielt es für seine Pflicht, Menschen zu ermutigen und zum Guten zu lenken. Besonders aufmerksam verhielt er sich zur Jugend, zu Studenten und Studentinnen. War doch der „bekehrte Nihilist“ sein Thema, das er liebte, und nicht nur in „Rodion Raskolnikoff“ hat er es ausgearbeitet, wir finden es auch in allen seinen folgenden Werken wieder. Deshalb ist es verständlich, daß die Jugend sich so zu ihm hingezogen fühlte.
Er war sehr streng gegen sich selbst und von nahezu übertriebener Gewissenhaftigkeit. Er erlaubte sich nicht nur keine häßliche oder böse Handlung, sondern verzieh sich nicht einmal eine häßliche oder böse Empfindung. Man kann sagen, daß er sich in seinem Leben wie in der Arbeit beständig selbst erzog, nur die besten Gefühle in sich entwickelte und in seinen Handlungen nicht nur tadellos und uneigennützig war, sondern sogar bis zur Selbstverleugnung ging. Obgleich er von seiner Begabung eine sehr hohe Meinung hatte – und wohl mit Recht –, so hat er sich doch nie abseits von der ganzen großen Menge der Schreibenden gestellt, nie hochmütig auf die Tagesliteratur herabgesehen. Dieses Fehlen selbst des geringsten literarischen Aristokratismus war sogar rührend. Er wußte, daß er, wenn er in die Öffentlichkeit trat, wie es jeder Schriftsteller tut, damit auf den Markt, auf die Straße hinaustrat, doch es fiel ihm nicht ein, sich seines Handwerks oder seiner Handwerksgenossen zu schämen, denn er wußte nur zu gut, daß das, was er auf den Markt hinaustrug und den Lesern anbot, unermeßlich höher war als Geld und Geldeswert. Er war stolz auf sein Handwerk, es war für ihn etwas Großes, Heiliges – und diese Auffassung kann uns vieles in seinem Verhalten erklären. Denn er wußte, was er tat, wenn er seine Seele auf die Straße trug.
Sein Tod
In den letzten neun Jahren seines Lebens litt Fjodor Michailowitsch an einem Emphysem, das er sich durch eine Erkältung zugezogen hatte. Der tödliche Ausgang dieser Krankheit trat durch das Zerreißen einer Lungenarterie ein. Es begann in der Nacht vom 25. auf den 26. Januar mit einem Nasenbluten, dem er weiter keine Beachtung schenkte. Am 26. fühlte er sich offenbar ganz wohl, bis um vier Uhr nachmittags plötzlich ein Blutsturz erfolgte und anderthalb Stunden darauf ein zweiter, wobei der Kranke das Bewußtsein verlor. Als er wieder zu sich kam, äußerte er sofort den Wunsch, zu beichten und das Abendmahl zu nehmen. In Erwartung des Priesters nahm er Abschied von seiner Frau und seinen Kindern und segnete sie. Nach dem Abendmahl fühlte er sich vollkommen wohl. Am 28. Januar hatte er um zwölf Uhr mittags wieder einen Blutsturz, worauf seine Kräfte schnell abnahmen.
In entscheidenden Augenblicken seines Lebens pflegte Fjodor Michailowitsch die Bibel, die er in seiner Sträflingszeit bei sich gehabt, aufs Geratewohl aufzuschlagen und die ersten Zeilen der aufgeschlagenen Seite zu lesen. So tat er es auch jetzt: er schlug die Bibel auf und bat seine Frau, ihm die aufgeschlagene Stelle vorzulesen. Es war das der vierzehnte Vers aus dem dritten Kapitel Matthäi: „Johannes wehrete ihm und sprach: Ich bedarf wohl, daß ich von dir getauft werde; und du kommst zu mir? Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Halte mich nicht auf; also gebühret es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“ Als er diese Worte hörte, sagte er zu seiner Frau:
„Hörst du? – ‚halte mich nicht auf‘ – also werde ich sterben.“ Und er schloß das Buch.
Sein Vorgefühl sollte recht behalten. Er verschied am 29. Januar um acht Uhr achtunddreißig Minuten abends.
Die Beerdigung
Die Beerdigung Dostojewskis wurde zum Anlaß einer Kundgebung, die alle in Erstaunen setzte. Einen solchen Andrang von Menschen, so zahllose Beweise von Trauer und Verehrung hatten selbst die leidenschaftlichsten Anhänger des Toten nicht erwartet. Man kann wohl behaupten, daß es eine solche Beerdigung in Rußland noch nie gegeben hat. Dabei muß man nicht vergessen, daß Dostojewski ganz unerwartet starb, daß viele von seinem Ableben erst spät erfuhren, so daß in der kurzen Zeit bis zu seiner Beerdigung irgendwelche Verabredungen nicht möglich waren. So handelte jeder Verein, jede Schule aus eigenem Antrieb und jede der zweiundsiebzig Deputationen, jeder der fünfzehn Sängerchöre unabhängig von den anderen.
Und so einfach, so selbstverständlich, so ruhig und feierlich vollzog sich alles. In der Kirche des Heiligen Geistes war nicht nur der Sarg auf dem hohen Katafalk mit Blumen und Kränzen vollständig bedeckt, es standen auch noch ringsum und hingen sogar an den Wänden riesige Kränze, die der Kirche eine ganz besondere, eigenartige, weihevolle Stimmung verliehen. Das Gedränge war groß, doch nichtsdestoweniger herrschte vollkommene Stille. Durch die Ehrung, die man dem toten Schriftsteller erwies – und an der sich alle beteiligten, so daß neben dem Riesenkranz der Petersburger Studenten, den Kränzen der Großfürsten und Großfürstinnen, die bescheidenen Blümchen der Bettler und der ärmsten Kinder lagen –, wurde es erst sichtbar, wie ungeheuer groß der Kreis seiner Anhänger war, und sowohl seine Nächsten wie seine Anhänger selbst waren überrascht, als sie sahen, daß die Zahl seiner Verehrer so unübersehbar war. In der ganzen Stadt begannen später erregte Debatten über die Bedeutung und die Ursache dieser Kundgebung. Personen, die zu Mißtrauen neigten und zur Literatur sich gleichgültig verhielten, behaupteten, diese ungeheuere Menschenmenge habe nur den Wunsch gehabt, den ehemaligen Sträfling zu ehren und dabei ihren Protest gegen die Regierung auszudrücken; andere jedoch, die mit der Literatur besser bekannt und selbst Anhänger fortschrittlicher Ideen waren, kamen der Wahrheit schon näher, wenn sie zu ihrem Leidwesen feststellten, daß diese Liebe und Hingebung dem „Patrioten“ gegolten, was ihrer Meinung nach ein Beweis von Rückständigkeit war. Und schließlich gab es noch eine dritte sonderbare Auslegung, die alles darauf zurückführte, daß Dostojewski, wie sie sagten, der Darsteller alles Dunkeln und aller Schrecken des russischen Lebens gewesen sei, jedoch nicht wie Gogol darüber gelacht, sondern geweint habe.
Unter den Tausenden, die dem Toten das letzte Geleit gaben, werden natürlich Vertreter der verschiedensten Anschauungen gewesen sein, doch die Hauptmasse war entschieden von ganz anderen Gefühlen beherrscht: die beerdigte in Dostojewski ihren Erzieher, ihren Lehrer, den, der zu ihr gesagt hatte: „Demütige dich, stolzer Mensch! Arbeite, müßiger Mensch!“ Alle, die nach einer sittlichen Stütze suchten, sahen in ihm einen Führer, der ihnen die Wege zeigte, auf denen man die Rettung suchen kann und muß. Man achtete und liebte in ihm nicht nur den Patrioten und Konservativen; für viele war er auch ein Trost und eine Hoffnung, und das nicht nur deshalb, weil er die revolutionären Umtriebe gegeißelt und bekämpft hatte, sondern weil er die höchsten, rein geistigen Interessen der russischen Menschen verstand, weil in seinen Worten sich nicht nur religiöse Stimmung, aufrichtige Liebe zum Volk offenbarte, sondern vor allem deshalb, weil ihm unsere staatliche Macht teuer war, teuer unsere volkliche Einheit und unsere politische Aufgabe, für die wir seit jeher soviel geopfert haben und noch jederzeit zu opfern bereit sind.
Gewiß wird es in der ungeheuren Menge, die ihm zum Grabe folgte und in der so viel Jugend vertreten war, auch viele bekehrte und unbekehrte Nihilisten gegeben haben. Denn Dostojewski, der ihre Verirrungen so scharf rügte, verstand die Verirrten doch so tief wie kein anderer, und er war es auch, der ihnen wieder den richtigen Weg wies. Aber zweifellos gab es unter ihnen auch solche, die uns die Hoffnung geben, daß wir dieses große Übel überwinden werden. In dem großen Toten hatte diese Hoffnung wie ein Feuer gebrannt und er hatte in dem Glauben gelebt, daß er für diese rettenden Ansätze arbeitete.
Sein Tod war nicht der Tod eines verdienten Künstlers, der in Ruhe seine Tage zu Ende gelebt, sondern der Tod eines politischen Kämpfers am Vorabend seiner letzten glühenden Rede, die am Tage vor seiner Beerdigung erschien.
Seine Bedeutung
Wenn wir die Entwicklung Dostojewskis verfolgen, so sehen wir, daß mit ihm dasselbe geschah, was nun schon seit dem achtzehnten Jahrhundert mit allen unseren großen Schriftstellern geschehen ist: alle begannen sie damit, daß sie sich für das Fremde begeisterten, und alle kehrten sie später zum Eigenen zurück. So war es zum Teil mit Vonwisin und so geschah es sehr ausgesprochen bei Karamsin, Gribojedoff, Puschkin und Gogol. Dostojewski ist in dieser Beziehung ein neues Ärgernis für unsere Westler, ein neuer und wichtiger Grund für sie, über unsere russische Literatur aufgebracht zu sein.
Diese innere Umkehr, die sich in den Besten von uns vollzieht, wird oft Verrat und Abtrünnigkeit genannt; doch gerade bei Dostojewski ist am deutlichsten zu sehen, daß es sich hierbei nur um Entwicklung handelt, um die Aufdeckung der Anlagen, die in der Natur des Menschen liegen, nicht aber um einen Eintausch fremder Gedanken gegen andere fremde Gedanken. Dostojewski ist von seinem ersten bis zu seinem letzten Werk ein und derselbe; er konnte sich nicht verändern, denn schon in seinem ersten Werk ist seine ganze Seele zu erkennen, die ganze Art seiner Lebensauffassung. Von der Natur dieser Seele hing es ab, welche Einflüsse auf sie einwirkten. Und diese Einflüsse waren: die russische Literatur und das russische einfache Volk.
Als ich Dostojewski kennen lernte, war er ein glühender Verehrer Puschkins und Gogols. Diese beiden Riesen unserer Literatur spiegeln sich schon in seinem ersten Werk „Arme Leute“ in bemerkenswerter Weise wieder. Hier finden wir es unmißverständlich ausgedrückt, daß der Autor mit Gogol nicht ganz zufrieden ist und nur in Puschkin seinen unmittelbaren Führer sieht. Der kleine Beamte Makar Djewuschkin, der Held in „Arme Leute“, der auffallend an Gogols Held im „Mantel“ und in den „Aufzeichnungen eines Irrsinnigen“ erinnert, ist sehr eingenommen von Puschkins „Stationsaufseher“. Er kann die Novelle nicht genug loben und bedauert sehr den armen Helden der Erzählung. Bald darauf liest er aber Gogols Novelle „Der Mantel“, und die macht auf ihn einen geradezu niederschmetternden Eindruck. Er ist aufs tiefste verletzt, da er in dieser schonungslosen Darstellung sich selbst erkennt, er betrinkt sich vor Leid und es widerfährt ihm infolgedessen ein Unglück nach dem anderen. So wird denn die schonungslose Ironie Gogols als gar zu grausame und herzlose Darstellung der Menschen vom Autor verurteilt. Und noch mehr wird sie verurteilt durch die Art, wie Djewuschkin selbst geschildert ist. Während in den Gestalten Gogols nur grauenvolle Leere und Gemeinheit zu sehen ist, besitzt dieser Makar Djewuschkin Schätze an Zartheit und Selbstverleugnung, und Herzenszüge, deren Schönheit er selbst nicht einmal ahnt. Während niemand Gogols Akakij Akakijewitsch oder Poprischtschin sein wollte, muß jeder Leser mit Neid auf den unglücklichen Makar Djewuschkin blicken und sich gestehen, daß zwischen dieser seelischen Schönheit und seiner eigenen Seele ein weiter Abstand ist.
Das war Dostojewskis erster Schritt, im Jahre 1846 – eine kühne und entschlossene Korrektur Gogols. Es war das zugleich eine entscheidende Wendung in unserer Literatur. Ihre Bedeutung lag darin, daß die Korrektur Gogols unentbehrlich war, daß unsere Literatur sie unbedingt ausführen mußte und sie auch noch bis zum heutigen Tage ausführt, daß man in gewissem Sinne auch alle unsere anderen großen Schriftsteller, Ostrowski, wie L. N. Tolstoi, eine Korrektur Gogols nennen und darin ihre größte Originalität sehen kann. Dostojewski aber begann sie als erster.
Gogol hat sich nicht grundlos gequält, nicht grundlos alle seine Kräfte angespannt, um etwas Neues zu schaffen. Diese gespannt feinfühlige Stimmung, in der sich die Gemeinheit des Seienden so deutlich Gogol offenbarte, war am Ende unerträglich. Ein unüberwindlicher Ekel erhob sich in ihm bei der Betrachtung des russischen Lebens, dieses Lebens, in dem alles Gute sich schamhaft und hartnäckig in der Tiefe verbirgt, während das Gemeine und Schmutzige auf der Oberfläche paradiert und allen in die Augen springt. Gewiß hat Gogol die „heimlichen Tränen“ vergossen, von denen er spricht; aber das waren Tränen des Mitleids eines ekstatischen Idealisten, nicht aber Tränen der Liebe. Und je mehr wir in den Sinn der ganzen Literatur nach Gogol, die mit Dostojewski beginnt, eindringen, um so klarer erkennen wir Gogols Grundfehler und die ganze dringende Notwendigkeit, die unsere neueren Schriftsteller empfanden – die Einseitigkeit zu vermeiden und einen neuen Weg einzuschlagen.
Zweifellos wird man Dostojewskis Werke einmal anders auslegen; man wird aus ihnen Schlüsse ziehen und mit ihnen Gefühle nähren, die Dostojewskis wahren Gedanken und Gefühlen aufs tiefste widersprechen. Unsere Intelligenz hat sich gar zu sehr daran gewöhnt, in gewissen Geleisen zu denken. Es gibt zwei Gefühle, die für das Seelenleben unserer gebildeten Leute außer den täglichen Lebensinteressen gewöhnlich bestimmend sind: das eine davon ist das Gefühl des Unwillens, des sogenannten edlen Unwillens über jegliches Böse und Gemeine in Rußland; das andere ist das Gefühl des Mitleids mit Rußland, ein mitleidvolles Erkennen seiner Armseligkeit und seines tragischen Loses. Beide Gefühle sind sehr gut, jedoch zum Unglück nur durch einen gar zu dünnen Strich von schlechten Gefühlen getrennt: der Unwille grenzt an Erbitterung und das Mitleid an Selbstüberhebung, so daß oft Menschen, die sich anscheinend beständig edelster Stimmung hingeben, im Grunde nur ihre schlechten Eigenschaften nähren und nur aus ihnen ihren ganzen Edelsinn schöpfen. Von Dostojewski kann ich dagegen mit aller Bestimmtheit bezeugen, daß ihn niemals auch nur entfernt die Achtung vor seinem großen Vaterlande verlassen hat und der Unwille bei ihm niemals zur Erbitterung geworden ist. In dieser Hinsicht ist er für uns alle ein Beispiel. Man bedenke doch nur, wieviel er unter den bestehenden Verhältnissen zu leiden hatte! Und dennoch war nach allem, was er ausgestanden, nicht die leiseste Erbitterung in ihm und ebensowenig maßte er sich ein Recht auf die Autorität an, die die Gesellschaft bei uns so gern denen zuspricht, die gelitten haben, oder die die Märtyrer sich oft eigenmächtig beimessen. Überhaupt war an ihm die Entwicklung der Persönlichkeit, die ungewöhnliche seelische Energie auffallend. Ich habe ihn in den schwersten Stunden gesehen, doch niemals ließ er den Mut sinken, ja ich glaube sogar, daß man solche Umstände gar nicht ersinnen könnte, unter denen er wirklich zusammengebrochen wäre. So spricht er denn aus seiner eigenen Seele, wenn er einen seiner Helden, Dmitri Karamasoff, sagen läßt: „... ich habe soviel Kraft in mir, daß ich alles besiegen werde, alles werde ich überwinden, alles Leid, nur um mir immer wieder sagen zu können: Ich bin! Unter tausend Qualen – ich bin! Wenn ich mich auch auf der Folterbank krümme – aber ich bin!“ Es war in ihm ein unerschöpflicher Kräftevorrat, der nach jedem Nachlassen und sogar Sinken seines Schaffens sich immer wieder von neuem zu noch höheren Schöpfungen emporschwang. Es war dabei etwas Rätselhaftes in ihm. Neue Gestalten, neue Pläne tauchten beständig vor ihm auf, belagerten ihn geradezu und störten ihn bei der Arbeit. Deshalb sind auch einzelne seiner Romane ganze Knäule durcheinandergeflochtener, verwickelter Themen.
Und so schildert er denn unermüdlich seine Gestalten, macht sie aber nicht wie Viktor Hugo zu Theaterhelden, läßt sie weder Wunder, noch Heldentaten vollbringen. Er hält sich unentwegt an den strengen Realismus, der das Vermächtnis Gogols war, aber selbst unter der größten Verkommenheit versteht er noch menschliche Züge zu entdecken. Dabei ist in jeder Schilderung Dostojewskis soviel Wahrheit, eine solche Tiefe seelischer Wahrheit enthalten, daß man den unmittelbaren Eindruck der Wirklichkeit selbst zu erleben glaubt. Der Fieberzustand seines Idioten, die Qualen eines Verbrechers oder eines Selbstmörders, Fieberträume, Hallucinationen – alles ist verständlich und klar wiedergegeben. Der Leser verfolgt mit Spannung die Gedanken und Gefühle von Personen, von denen er früher überhaupt keine Vorstellung hatte, und sieht mit Verwunderung, daß diese Gedanken und Gefühle in der eigenen Seele einen Widerhall finden.
Leid, Verzweiflung, Verbrechen, Krankheit – das sind die stets wiederkehrenden Themen Dostojewskis. Aber was ist denn ihr Sinn, welches ist ihr Ergebnis? Etwa wieder Mutlosigkeit und Bitterkeit? O nein, sondern Verzeihen und Liebe. Das ist der herrschende Gedanke, den er so glühend und unerschrocken in seinem letzten Roman („Die Brüder Karamasoff“) offen ausspricht. In diesem Ideal Christi fand er die Rechtfertigung seiner beständigen Liebe zum einfachen russischen Volk und fand er den höheren Sinn seiner ganzen, großen, heißen Vaterlandsliebe. Die Liebe zum einfachen Volk, zum Erdboden, wie er es nannte, ist eine bedeutungsvolle Erscheinung in unserer Literatur überhaupt. Die Erkenntnis der geistigen Schönheit und geistigen Gesundheit, die das Volk sich erhalten hat, während wir sie eingebüßt haben, hat bei uns schon lange begonnen und wächst mit jedem Tage. Einem Menschen aber wie Dostojewski, der mit solcher Liebe Volkstypen geschildert hat (bereits in seinen „Aufzeichnungen aus einem Totenhause“) – einem solchen Menschen konnte der Hauptnerv des Volkslebens natürlich nicht verborgen bleiben: Das hohe Ideal der Heiligkeit. Zu diesem Ideal streben sowohl unsere einfältigsten Seelen, wie unsere größten Geister, die bisweilen lange auf anderen Wegen umherirren, bevor sie diesen Weg finden. Wir wissen bereits, daß das Ideal Christi zum höchsten Ideal auch unseres anderen großen Dichters geworden ist – des Grafen L. N. Tolstoi. Die Zusammenhänge sind bei ihm dieselben wie bei Dostojewski. Auch er hat mit dem ganzen volklichen Verstehen seines großen künstlerischen Gefühls in langer, liebevoller Beobachtung des Volkes dessen Ideal erkannt. Diese Übereinstimmung mit Dostojewski ist auffallend. Persönlich kannten sie sich nicht, doch hatten sie in der letzten Zeit immer die Absicht, sich kennen zu lernen. Ich erlaube mir, einige Zeilen aus einem Brief Tolstois, den ich im September des vorigen Jahres von ihm erhielt, hier anzuführen. Er schreibt: