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Sämtliche Werke 13 cover

Sämtliche Werke 13

Chapter 17: Die deutsche Weltfrage
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About This Book

A collection of essays and speeches that probe political, religious and cultural questions through historical and philosophical reflection. Early pieces analyze Western European debates over republic versus monarchy, church and state, political power and cultural currents. A large section focuses on Russia, considering social composition, popular character, reformist paradoxes, finance and diplomatic strategy. Subsequent essays examine Balkan, Ottoman and Asian issues, evaluating war, diplomacy and relations with neighboring regions. Throughout, the writer blends historical narrative, moral and spiritual inquiry and policy argument to debate national identity, international position and possible paths forward.

Die deutsche Weltfrage

Deutschland, die protestierende Macht

Sprechen wir jetzt[11] einmal von Deutschland, über seine jetzige Aufgabe, diese ganze verhängnisvolle und auch alle anderen Völker angehende deutsche Weltfrage.

Was ist das nun für eine Aufgabe? Und warum hat sich diese Aufgabe denn erst jetzt für Deutschland in eine so schwierige Frage verwandelt, warum nicht schon früher, warum nicht schon längst, sondern erst vor einem Jahr, was sag’ ich, erst vor zwei Monaten?

Diese Aufgabe Deutschlands, seine einzige, hat es auch früher schon gegeben, hat es gegeben, solange es überhaupt ein Deutschland gibt. Das ist sein Protestantentum: nicht allein jene Formel des Protestantismus, die sich zu Luthers Zeiten entwickelte, sondern sein ewiges Protestantentum, sein ewiger Protest, wie er einsetzte einst mit Armin gegen die römische Welt, gegen alles, was Rom und römische Aufgabe war, und später gegen alles, was vom alten Rom aufs neue Rom und auf all die Völker überging, die Roms Idee, seine Formel und sein Wesen übernahmen, der Protest gegen die Erben Roms und gegen alles, was dieses Erbe ausmacht. Ich bin überzeugt, daß viele Leser über das, was ich soeben geschrieben, mit den Achseln zucken und lachen werden: „Wie kann man nur im neunzehnten Jahrhundert, im Jahrhundert der freien Ideen und der Wissenschaft, noch über Katholizismus und Protestantismus reden und streiten, ganz so, als ob wir noch im Mittelalter wären! Es gibt ja allerdings noch religiöse Leute und sogar Fanatiker, aber die haben sich doch nur noch wie archäologische Raritäten erhalten, die verdammt und verlacht und von allen verurteilt in weltfernen Winkeln sitzen, ein armseliges, klägliches Häuschen rückständiger Leutchen. Wie kann man sie bei einer so großen Frage, wie es die der Weltpolitik ist, überhaupt nur erwähnen?“

Ich aber meine nicht den „Protestantismus“, noch denke ich dabei an die zeitweiligen Formeln der altrömischen Idee, noch an den ewig gegen sie gerichteten germanischen Protest. Ich nehme nur die Grundidee, die schon vor zweitausend Jahren geboren wurde und seit der Zeit nicht gestorben ist, obgleich sie sich fortlaufend in verschiedenen Formeln verkörpert hat. Und heute ist es die Erbin Roms, die ganze westeuropäische Welt, die sich in den Geburtswehen einer neuen Umgestaltung dieser übererbten alten Idee windet und quält. Das ist für denjenigen, der zu schauen versteht, schon dermaßen augenscheinlich, daß es für ihn weiter keiner Erklärungen bedarf.

Das alte Rom war die erste Macht, die die Idee einer universalen Vereinigung der Menschen hervorbrachte, und die erste, die da glaubte und fest überzeugt war, sie praktisch in Gestalt einer Weltmonarchie verwirklichen zu können. Diese Formel jedoch fiel vor dem Christentum, – die Formel, aber nicht die Idee. Denn diese Idee ist die Idee der europäischen Menschheit, aus ihr bildete sich deren Kultur, für sie allein lebt sie überhaupt. Es fiel bloß die Idee der universalen römischen Monarchie, und sie wurde durch das neue Ideal einer wiederum universalen neuen Vereinigung in Christo ersetzt. Dieses neue Ideal zerspaltete sich in das östliche, das Ideal der vollkommen geistigen Vereinigung der Menschen, und das westeuropäische, römisch-katholische des Papstes, das dem östlichen durchaus entgegengesetzt ist. Diese westliche, römisch-katholische Verkörperung der Idee vollzog sich auf ihre Art, ohne den christlichen, geistigen Ursprung der Idee ganz zu verlieren, und indem sie diese Idee mit dem altrömischen Erbe verband. Das römische Papsttum verkündete, daß das Christentum und seine Idee ohne die universale Beherrschung der Länder und Völker, – nicht geistig, sondern staatlich, mit anderen Worten: daß es ohne die irdische Verwirklichung einer neuen universalen römischen Monarchie, deren Haupt nicht der römische Imperator, sondern der Papst sein würde – nicht verwirklichbar wäre. Und da begann dann wieder der Versuch einer universalen Monarchie – ganz und gar im Geiste der altrömischen Welt, aber doch schon in einer anderen Form. Auf diese Weise ist das östliche Ideal: zuerst die geistige Vereinigung der Menschheit in Christo anstreben und dann erst, kraft dieser geistigen Vereinigung aller in Christo, die zweifellos sich aus ihr ergebende rechte staatliche wie soziale Vereinigung verwirklichen. Nach der römischen Auffassung ist das Ideal dagegen das umgekehrte: zuerst sich eine dauerhafte staatliche Vereinigung in der Form einer universalen Monarchie zu sichern und dann, nachher, meinetwegen auch eine geistige Vereinigung zustande zu bringen unter der Obrigkeit des Papstes, des Herrn dieser Welt.

Seit der Zeit hat dieser Versuch in der römischen Welt immer Fortschritte gemacht und sich ununterbrochen verändert. Mit der Entwicklung dieses selben Versuchs ist dann der wesentlichste Teil der christlichen Grundsätze gänzlich eingebüßt worden. Als aber die Erben der altrömischen Welt schließlich das Christentum geistig verwarfen, da verwarfen sie mit ihm auch das Papsttum. Das geschah in der Französischen Revolution, die im Grunde nichts anderes war wie die letzte Gestaltveränderung oder Umverkörperung dieser selben altrömischen Formel der universalen Vereinigung. Doch die neue Formel erwies sich als ungenügend, die neue Idee verwirklichte sich nicht. Es gab sogar einen Augenblick, da alle Nationen, die die altrömische Bestimmung übernommen hatten, fast verzweifelten. Oh, versteht sich, der Teil der menschlichen Gesellschaft, der 1789 für sich die politische Suprematie gewonnen hatte, – die Bourgeoisie – triumphierte natürlich und erklärte, daß weiter zu gehen nun nicht mehr nötig sei. Dafür aber schlugen sich alle die Geister, die nach den unvergänglichen Gesetzen der Natur zur ewigen Beunruhigung der Welt bestimmt sind, zum Suchen neuer Formeln des Ideals und des neuen Wortes, wie sie beide unentbehrlich sind, – sie alle schlugen sich zu den Erniedrigten und Umgangenen, zu denen, die von der neuen Formel der allmenschlichen Vereinigung, die von der Französischen Revolution 1789 proklamiert worden war, nichts erhalten hatten. Diese Geister verkündeten nun ihr neues Wort, gerade die Notwendigkeit der Allvereinigung der Menschheit, und zwar nicht mehr in der Absicht, Gleichheit der Lebensrechte für etwa einen vierten Teil der ganzen Menschheit zu verschaffen und die übrigen bloß als Rohmaterial und auszunutzendes Mittel zum Glück dieses Viertels bestehen zu lassen, sondern im Gegenteil: um die Allvereinigung der Menschen auf den Grundsätzen der allgemeinen Gleichheit zustande zu bringen, mit der Teilnahme aller und jedes einzelnen an der Nutznießung der Güter dieser Welt, welcher Art sie auch sein mögen. Zur Verwirklichung dieser Lösung aber beschlossen sie, sich jedes Mittels zu bedienen, d. h. also durchaus nicht nur mit den Mitteln der christlichen Kultur vorzugehen, sondern vor nichts mehr zurückzuschrecken.

Was hat nun das alles in diesen ganzen zweitausend Jahren mit Deutschland und den Deutschen zu tun gehabt? Der charakteristischste, wesentlichste Zug dieses großen, stolzen und besonderen Volkes bestand schon seit dem ersten Augenblick seines Auftretens in der geschichtlichen Welt darin, daß es sich niemals, weder in seiner Bestimmung noch in seinen Grundsätzen, mit der äußersten westlichen europäischen Welt hat vereinigen wollen, d. h. mit all den Erben der altrömischen Bestimmung. Es protestierte gegen diese Welt diese ganzen zweitausend Jahre hindurch, und wenn es auch sein eigenes Wort nicht aussprach – und es überhaupt noch nie ausgesprochen hat, sein scharf formuliertes eigenes Ideal, zum positiven Ersatz für die von ihm zerstörte altrömische Idee – so, glaube ich, war es doch im Herzen immer überzeugt, daß es noch einmal imstande sein werde, dieses neue Wort zu sagen und mit ihm die Menschheit zu führen. Schon mit Armin begann es, gegen die römische Welt zu kämpfen. Darauf, zur Zeit des römischen Christentums, kämpfte es mit dem neuen Rom mehr denn jedes andere Volk um die Vorherrschaft. Und endlich protestierte es in der mächtigsten Weise, indem es die neue Formel des Protestes aus den geistigsten, elementarsten Gründen der germanischen Welt zog. Die Stimme Gottes tönte aus ihm und verkündete die Freiheit des Geistes. Die Spaltung war furchtbar und allgemein, – die Formel des Protestes war gefunden und ging in Erfüllung, – wenngleich es noch immer eine negative Formel blieb, und das positive Wort noch immer nicht gesagt wurde.

Und siehe, nachdem der germanische Geist dieses neue Wort des Protestes gesprochen – erstarb er geradezu für eine Zeitlang, und zwar geschah das parallel mit einer ebensolchen Erschlaffung der früher scharf formulierten Einheit der Kräfte seines Gegners. Die äußerste westliche Welt suchte, unter dem Einfluß der Entdeckung Amerikas, der neuen Wissenschaften und der neuen Grundsätze, sich in eine andere „neue Wahrheit“ umzugebären, gleichfalls in eine neue Phase einzutreten. Als der erste Versuch dieser Umgestaltung zur Zeit der Französischen Revolution gemacht wurde, da war der germanische Geist in großer Verwirrung und nahe daran, seine Individualität zu verlieren, mitsamt dem Glauben an sich. Er konnte nichts gegen die neuen Ideen der äußersten westlichen europäischen Welt sagen. Luthers Protestantismus hatte seine Zeit schon längst hinter sich, die Idee aber des freien Geistes, der freien Forschung war bereits von der Wissenschaft der ganzen Welt angenommen worden. Der riesige Organismus Deutschlands fühlte mehr denn je, daß er keinen, sagen wir, Körper und keine Form für seinen Ausdruck hatte. Und damals war es denn, daß in ihm das dringende Bedürfnis entstand, sich wenigstens äußerlich in einen einzigen festen Organismus zusammenzufügen, in Anbetracht der neuen herannahenden Phasen seines ewigen Kampfes mit der äußersten westlichen Welt Europas. Hierbei ist nun ein interessantes Zusammentreffen bemerkenswert: beide feindlichen Lager, beide Gegner, beide Kämpfer um die Hegemonie im alten Europa ergreifen und erfüllen zu ein und derselben Zeit – oder ungefähr ein und derselben – jeder eine Aufgabe, die der des anderen sehr ähnlich sieht. Die neue, noch phantastische zukünftige Formel der äußersten westlichen Welt – die Erneuerung der menschlichen Gesellschaft durch neue soziale Grundsätze – diese Formel, die fast unser ganzes Jahrhundert hindurch nur von Schwärmern und ihren halbwissenschaftlichen Vertretern, von allen möglichen Idealisten und Phantasten gepredigt worden ist, verändert plötzlich in den letzten Jahren ihr Aussehen und den Gang ihrer Entwicklung und beschließt: vorläufig von der theoretischen Definition und Propagandierung ihrer Aufgabe abzulassen und sofort den ersten praktischen Schritt zu tun, das heißt so viel wie sofort den Kampf zu beginnen, zu diesem Zweck aber die Vereinigung aller zukünftigen Kämpfer für die neue Idee in einer einzigen Organisation zustande zu bringen, also des ganzen vierten 1789 umgangenen Standes, aller Besitzlosen, aller Arbeitenden, aller Armen, und erst darauf die rote Fahne der neuen unerhörten Weltrevolution zu erheben. Es bildete sich die Internationale, die Vereinigung aller Armen dieser Welt, es gab Zusammenkünfte, Kongresse, Beschlüsse, neue Ordnungen, – mit einem Wort, im ganzen alten Westeuropa wurde der Grundstein zu einem neuen status in statu gelegt, und die zukünftige Ordnung dieser Welt sollte die alte, die dort im äußersten Westen Europas herrscht, verschlingen. Zu derselben Zeit aber, da dieses beim Gegner vor sich ging, begriff der deutsche Geist, daß auch die deutsche Aufgabe, vor allen anderen Dingen und neuen Anfängen, vor jedem Versuch eines neuen Wortes gegen den aus der alten katholischen Idee umgestalteten Gegner, zuerst nur eine war –: die eigene politische Einheit herzustellen, die Schöpfung des eigenen staatlichen Organismus zu vollenden und, erst nachdem das geschehen war, sich Stirn gegen Stirn seinem alten Feinde entgegenzustellen. So geschah es auch: nachdem Deutschland seine Vereinigung innerlich vollendet hatte, warf es sich auf den Gegner und trat mit ihm in eine neue Kampfperiode ein, die mit Eisen und Blut begann. Der Kampf mit dem Eisen ist heute beendet, – jetzt steht nur noch bevor, ihn geistig zu beenden.

Da taucht aber plötzlich für Deutschland eine neue Sorge auf, eine neue, unerwartete Wendung der Sache, die die Aufgabe arg erschwert. Was ist das nun für eine Aufgabe, und worin besteht diese neue Wendung der Sache?

Ein genial-mißtrauischer Mensch
(Bismarck)

Diese Aufgabe, diese unvorhergesehene Sorge Deutschlands, hat sich, wenn man will, schon längst erklären wollen, aber erst jetzt ist sie, vielleicht etwas zu plötzlich, allen sichtbar geworden – und zwar infolge der unvorhergesehenen klerikalen Umwälzung in Frankreich. Man kann sie etwa in der Form folgenden Zweifels ausdrücken: Hat sich nun der deutsche Organismus tatsächlich in ein einziges Ganzes vereinigt, durch die genialen Anstrengungen der Führer Deutschlands in den letzten fünfundzwanzig Jahren? Und überdies noch: Hat er sich denn wirklich politisch vereinigt, ist nicht vielleicht auch das nur ein Trugbild, ungeachtet des Deutsch-Französischen Krieges und des nach ihm proklamierten, früher undenkbar gewesenen großen Deutschen Reiches?

Die ganze Schwierigkeit dieser Frage besteht hauptsächlich darin, daß man sie fast bis zur allerjüngsten Zeit als überhaupt nicht vorhanden annahm – wenigstens, wenn man dabei an die große Mehrzahl der Deutschen denkt. Begeisterung für sich selber, Stolz und unanfechtbarer Glaube an ihre unumschränkte Macht haben ja alle Deutschen ohne Ausnahme nach dem Kriege wie trunken gemacht. Dieses Volk, das ungewöhnlich selten gesiegt hat, dafür aber bis zur Seltsamkeit oft besiegt worden ist, – dieses Volk besiegte plötzlich einen Feind, der fast immer und überall Sieger gewesen. Da es aber nun einmal klar war, daß es ihn nicht nicht-besiegen konnte, infolge der mustergültigen Organisation seiner großen Armee und der eigenartigen Umgestaltung derselben nach völlig neuen Grundsätzen, und außerdem, da es so geniale Führer an der Spitze hatte, so war es für den Deutschen natürlich ganz unmöglich, darauf nicht bis zur Trunkenheit stolz zu werden. Hier braucht man gar nicht den uralten Zug des deutschen Charakters, die selbstzufriedene Prahlerei eines jeden Deutschen, in Betracht zu ziehen. Anderseits: aus dem so kürzlich noch zerstückelten staatlichen Organismus entstand plötzlich ein so festes Ganzes, daß der Deutsche nicht gut auch hierüber in Zweifel geraten konnte und daher einwandlos glaubte, die Einigung sei nun tatsächlich für immer vollbracht, und für den deutschen Organismus bräche nun eine neue, glänzende und große Phase der Entwicklung an. Und so wuchsen denn nicht nur Stolz und Chauvinismus, sondern es schoß sogar richtiger Leichtsinn auf. Was konnte es noch für Fragen geben, – nicht nur für irgendeinen kriegerischen Ladenjüngling oder Bäckergesellen, sondern selbst für einen Professor oder Minister? Einstweilen aber blieb doch noch ein kleiner Kreis von Deutschen übrig, der schon sehr bald, fast sofort nach dem Deutsch-Französischen Kriege, zu zweifeln und nachzudenken begann.

Das Haupt dieses Kreises war zweifellos Fürst Bismarck.

Noch hatten die deutschen Truppen Frankreich nicht verlassen, als er schon einsah, daß mit „Blut und Eisen“ zu wenig getan worden war, daß man, wenn man Ziele von solcher Größe vor sich hatte, wenigstens zweimal mehr hätte tun müssen, da die Gelegenheit nun einmal so günstig war. Allerdings, militärische Vorteile blieben immerhin unvergleichlich mehr auf seiten Deutschlands, und das noch für lange. Frankreich ist nach der Abtretung der beiden Provinzen Elsaß und Lothringen für eine Großmacht an Landumfang so klein geworden, daß im Fall eines neuen Krieges nach ein oder zwei für Deutschland erfolgreichen Schlachten die deutschen Heere schon im Zentrum Frankreichs stehen würden und es somit in strategischer Beziehung erobert hätten. Sind nun aber diese Siege so gewiß, kann man sich wirklich auf diese zwei erfolgreichen Schlachten mit solcher Sicherheit verlassen? 1870–71 haben ja die Deutschen eigentlich nicht Frankreich besiegt, sondern nur Napoleon und seine Institutionen. Nicht immer werden in Frankreich die Heere so schlecht organisiert sein und kommandiert werden; nicht immer werden dort Usurpatoren herrschen, die aus dynastischen Interessen gezwungen sind, solche klägliche Fahrlässigkeit zu dulden, daß ein reguläres Heer sich nicht ein paar Monate im Felde erhalten kann. Nicht immer wird sich auch ein Sedan finden, denn Sedan war ja im Grunde nur ein einzelner Fall, der sich aus dem Umstande ergab, daß Napoleon nach Paris nur durch die Gnade des Königs von Preußen hätte zurückkehren können. Und nicht immer werden dort so wenig begabte Generale wie Mac-Mahon oder solche „Verräter“ wie Bazaine sein. Die Deutschen, trunken von einem bis dahin noch nie erlebten Triumph, konnten natürlich alle bis auf den letzten glauben, alles das hätten sie, und nur sie allein, einzig mit ihrem kriegerischen Genie gemacht. In jenem zweifelnden Kreise jedoch dachte man anders, ... besonders nachdem der besiegte Feind, noch eben so zerrüttet und erschüttert, plötzlich mit einem Schlage fünf Milliarden Kontribution bezahlte und dabei nicht mal die Miene verzog. Das, versteht sich, betrübte sehr den Fürsten Bismarck.

Von der anderen Seite stellte sich dem zweifelnden Kreise noch eine zweite, vielleicht noch wichtigere Frage, und zwar: Hat sich nun wirklich die staatliche und bürgerliche Vereinigung innerhalb des Organismus vollzogen? Ich glaube, in ganz Europa, und besonders bei uns in Rußland, hat bis jetzt noch niemand daran gezweifelt. Überhaupt haben wir Russen alles, was in Deutschland in den letzten zehn, fünfzehn Jahren geschehen ist, für etwas Endgültiges, im höchsten Grade nicht Zufälliges, sondern durchaus Natürliches angesehen, für etwas, das sich nun nicht mehr verändern kann. Die vollbrachten Taten flößten uns außerordentliche Achtung ein. Währenddessen aber nahm wohl in den Augen so genialer Menschen, wie Fürst Bismarck, kaum alles, so wie er es sich innerlich wünschte, bereits die Gestalt endgültiger Dauerhaftigkeit an. Das, was heute noch dauerhaft scheint, kann dies vielleicht nur in der Phantasie sein. Es ist schwer, anzunehmen, daß eine so alte Gewöhnung der Deutschen an politische Zerspaltung so schnell verschwunden sei wie ein ausgetrunkenes Glas Wasser. Der Deutsche ist schon von Natur starrsinnig. Zudem wurde die jetzige Generation der Deutschen von den Erfolgen bestochen, trunken gemacht durch den Stolz und von der eisernen Hand der Führer gelenkt. In Zukunft aber, wenn diese Führer in das Jenseits abgerufen sein werden und ihren Platz im Diesseits anderen überlassen haben, werden sich vielleicht doch die zeitweilig unterdrückten Probleme und Instinkte wieder einstellen. Sehr wahrscheinlich ist gleichfalls, daß dann die Energie der Einheitsbewegung wieder erschlafft sein wird und im Gegenteil die alte Energie der Opposition von neuem ersteht und das ins Wanken bringt, was so mühsam aufgebaut wurde. Es wird sich das Bestreben, sich abzusondern, sich zurückzuziehen, einstellen, und das gerade dann, wenn sich im Westen der furchtbare Feind von dem Schlage ganz und gar erholt hat, dieser Feind, der auch jetzt nicht schläft, nicht müßig ist, und von dem man weiß, welches seine erste Aufgabe sein muß von allen, die er sich gestellt hat. Und da kommt dann noch zum Überfluß, sagen wir, das Naturgesetz selber hinzu: Deutschland ist doch in Europa immerhin das Land, das in der Mitte liegt: wie stark es also auch sein mag – auf der einen Seite bleibt Frankreich, auf der anderen Rußland. Es ist ja wahr, die Russen sind vorläufig noch höflich. Wie aber, wenn sie plötzlich erraten, daß nicht sie das Bündnis mit Deutschland brauchen, wohl aber Deutschland das Bündnis mit Rußland; und überdies noch: daß die Abhängigkeit von dem Bündnis mit Rußland allem Anschein nach die verhängnisvolle Bestimmung Deutschlands ist, und besonders seit dem Deutsch-Französischen Kriege –?[12] Das ist es ja, warum an die allzu große Ehrerbietung Rußlands selbst ein von seiner Kraft so überzeugter Mensch, wie Fürst Bismarck, nicht imstande ist, zu glauben. Ja, bis zu diesem letzten, unvorhergesehenen Zwischenfall in Frankreich, der plötzlich die ganze Sachlage verändert hat, hoffte Fürst Bismarck immer noch, daß die ungewöhnliche Höflichkeit Rußlands noch lange unerschütterlich anhalten werde. Und nun plötzlich dieser Zwischenfall! Ja, es ist in der Tat etwas Ungewöhnliches geschehen.

Ungewöhnlich für alle, doch nicht für den Fürsten Bismarck! Jetzt erweist es sich, daß sein genialer Blick dieses „Ereignis“ schon längst vorausgesehen hat. Oder ist es nicht sein Genie, sein scharfes Auge, das den Hauptfeind bereits vor so langer Zeit entdeckte? Warum haßte er denn gerade so den Katholizismus, warum verfolgte er alles, was von Rom, – d. h. vom Papste – ausging, nun schon so viele Jahre lang? Warum bemühte er sich so weitsichtig, sich das Bündnis – so kann man sich ausdrücken – mit Italien zu sichern, wenn nicht, um mit Hilfe der italienischen Regierung die Wurzel des Papsttums in der Hand zu haben, wenn die Zeit kommen wird, da ein neuer Papst gewählt werden muß? Nicht den katholischen Glauben verfolgte er, sondern den römischen Ursprung dieses Glaubens. Zweifellos handelte er dabei als Deutscher, als Protestant; er arbeitete gegen die Grundmacht der äußersten westlichen, Deutschland immer feindlichen Welt – trotzdem sahen viele, sehr, sehr viele von den intelligentesten und liberalsten Denkern Europas auf diesen Feldzug des mächtigen Bismarck gegen den nichtssagenden Papst wie auf den Kampf eines Elefanten mit einer Mücke. Manche erklärten sich das mit einer Marotte oder einer Laune des genialen Mannes. Das wichtigste war aber, daß der geniale Politiker, vielleicht als einziger von allen Staatsmännern der Welt, einzuschätzen verstand, wie stark das römische Element noch in sich selbst und inmitten der Feinde Deutschlands ist, und was für einen furchtbaren Kitt es in Zukunft abgeben kann, wenn es heißt, alle diese Feinde zu vereinigen. Er allein war fähig, zu erraten, daß sich vielleicht einzig in der römischen Idee eine solche Fahne wird finden lassen, unter der man in dem unheilvollen und in Bismarcks Augen unabwendbaren Augenblick alle von ihm schon erdrückten Feinde Deutschlands wieder zu einem furchtbaren Ganzen wird zusammenbringen können. Und siehe, der geniale Argwohn hat sich plötzlich bewahrheitet: alle Parteien im besiegten Frankreich, die eine Bewegung gegen Deutschland hätten beginnen können, waren zersprengt, und keine einzige konnte die anderen besiegen und die Macht in Frankreich an sich reißen. Vereinigen konnten sie sich gleichfalls auf keine Weise, da jede ihre besonderen, entgegengesetzten Ziele im Auge hatte. – Und nun vereint die Fahne des Papstes und der Jesuiten mit einem Male alle! Der Feind erhebt sich, und dieser Feind ist nicht mehr Frankreich, sondern der Papst selbst. Es ist der Papst, der Führer aller, dem die römische Idee vermacht ist, der da kommt, um sich auf Deutschland zu stürzen.

Wie aber sieht es nun im Lager dieser Gegner Deutschlands aus?

Ärger und Macht
(Papstmacht)

Der Papst liegt im Sterben und wird bald gestorben sein. Die ganze katholische Welt, die an Christus in der Gestalt der römischen Idee glaubt, ist schon lange in ungewöhnlicher Aufregung: der unheilvolle Augenblick rückt heran – da heißt es denn, Nichts versäumen und außer acht lassen; denn sonst ist das Todesurteil der römischen Idee gefällt. Es kann nämlich geschehen, daß der neue Papst unter dem Druck der Regierungen ganz Europas, also nicht „frei“, gewählt wird, und daß er, zum Papst ausgerufen, einwilligt, auf ewig und im Prinzip jedem Landbesitz zu entsagen, wie auch natürlich dem Titel des weltlichen Herrschers, auf den Pius IX. nicht verzichtete, vielmehr in demselben verhängnisvollen Augenblick, da ihm Rom und das letzte Stück Land genommen wurde und ihm nur noch der Vatikan blieb, wie zum Trotz seine Unfehlbarkeit verkündete und zu gleicher Zeit die These vertrat, daß ohne irdisches Reich das Christentum auf Erden nicht bestehen könne, – also im Grunde sich für den Herrscher der Welt erklärte, und vor den Katholizismus dogmatisch als einziges Ziel die universale Monarchie hinstellte, nach deren Verwirklichung zu streben er zum Ruhme Gottes des Vaters und des Sohnes auf Erden einfach befahl –! Selbstverständlich belustigte er damit seinerzeit alle geistreichen Leute: „Er ärgert sich, doch hilft ihm das nichts,“ sagte man damals. Und jetzt, plötzlich, wenn der neugewählte Papst bestochen wird, wenn sogar das Konklave selber unter dem Druck ganz Europas gezwungen wird, mit den Gegnern der römischen Idee einen Kompromiß zu schließen, – nun, dann kann man sie ja begraben! Denn, wenn einmal ein regelrecht gewählter, folglich also ein „unfehlbarer“ Papst im Prinzip die Würde eines weltlichen Herrschers ablehnt, so wird es auch weiterhin und auf ewig so bleiben. Anderseits: tut der durch das Konklave neugewählte Papst fest und über die ganze Welt hin kund, daß er nichts abzulehnen gedenke und ganz und gar in der alten Idee verbleibe, und schleudert er das Anathema gegen alle Feinde Roms und des römischen Katholizismus, so können ihn die Regierungen Europas, wenn sie wollen, nicht anerkennen und somit eine so verhängnisvolle Erschütterung der römischen Kirche heraufbeschwören, daß die Folgen derselben unberechenbar und unabsehbar wären.

Oh, für die Politiker und Diplomaten fast ganz Europas war der gestürzte, im Vatikan gefangene Papst in den letzten Jahren solch eine Nichtigkeit, daß sie sich schämten, ihn auch nur zu erwähnen, besonders die geistreichen und liberalen unter ihnen. Der Papst, der Allokutionen hielt und Syllabusse herausgab, Pilger empfing und verfluchend im Sterben lag, glich in ihren Augen einem Narren, der bloß zu ihrer Belustigung lebte. Daß die größte Idee der Welt, die Idee, die aus dem Kopfe des Teufels entsprungen während seiner Versuchung Christi in der Wüste, die Idee, die in der Welt schon zweitausend Jahre lebt, daß diese Idee so einfach mir nichts dir nichts sich hinzulegen und sterben werde, womöglich in einer kurzen Minute – das wurde als unbestreitbar angenommen! Der Fehler lag hier natürlich in der Auffassung der religiösen Bedeutung dieser Idee, lag darin, daß zwei Bedeutungen verwechselt wurden: „Da heutzutage,“ hieß es, „selten jemand in der Welt noch an Gott glaubt, von dem Gott der römischen Auslegung schon ganz zu schweigen, in Frankreich aber selbst das Volk nicht mehr glaubt, höchstens noch die höhere Gesellschaft – aber auch die nicht wirklich mehr glaubt, sondern nur so tut – ergo, was können dann in unserem Jahrhundert der Bildung der Papst und der römische Katholizismus noch für eine Macht haben?“ – das ist es, wovon jetzt die geistreichen Leute überzeugt sind. Doch die religiöse Idee und die Papstidee sind grundverschieden. Und diese selbe Papstidee hat nun plötzlich in unseren Tagen, im ganzen erst vor zwei Monaten, mit einemmal solch eine Lebenszähigkeit bewiesen, solch eine Kraft, daß sie in Frankreich die radikalste politische Umwälzung zustande gebracht, ganz Frankreich den Zaum aufgelegt hat und es jetzt sklavisch nach sich zieht.

In Frankreich bildete sich in den letzten Jahren die parlamentarische Mehrheit aus Republikanern: und sie führten ihre Sachen ziemlich gut, ehrlich, ruhig, ohne Aufregungen durch. Sie verbesserten die Armee, bewilligten für sie ohne ein Wort des Streites riesige Summen, dachten aber nicht einmal an den Krieg, und alle begriffen, in Frankreich wie in Europa, daß, wenn es irgendwo eine friedliebende Partei gab, es zweifellos diese republikanische in Frankreich war. Ihre Führer zeichneten sich durch Mäßigung und eine an ihnen ganz ungewohnte Vernunft aus. Einstweilen aber sind das in Wirklichkeit lauter abstrakte Leute und Idealisten, Sänger eines schon längst verklungenen Liedes und furchtbar kraftlose Menschen: liberale, ergraute, doch sich jünger machende Greise, die sich einbilden, immer noch jung zu sein. Sie sind bei den Ideen der ersten französischen Revolution stehen geblieben, d. h. beim Triumph des dritten Standes, und sind im vollen Sinne des Wortes die Verkörperung des Begriffes „Bourgeoisie“. Das ist ganz dieselbe Julimonarchie, aber nur mit dem Unterschied, daß sie Republik heißt und es keinen König in ihr gibt – versteht sich, letzteren im Sinne von „Tyrann“. Alles, was sie Neues gebracht haben – das ist das Anno 48 eingeführte allgemeine Stimmrecht, das von der königlichen Juliregierung so gefürchtet wurde, und aus dem nicht nur nichts Gefährliches entstanden ist, sondern umgekehrt, sogar sehr viel für die Bourgeoisie Nützliches. Sehr zustatten kam diese Idee auch der Regierung Napoleons III. Doch die alten Herren waren im höchsten Grade zufrieden mit ihr, und es beruhigt und lullt sie ein wie kleine Kinder, daß sie „Republikaner“ sind. Das Wort „Republik“ hat bei ihnen etwas Komisch-Ideales. Man sollte meinen, daß diese unschuldige Partei Frankreich und die Franzosen vollkommen zufriedenstellen könnte, das heißt, die städtische Bourgeoisie und die Grundbesitzer. Doch siehe, in Wirklichkeit ist es umgekehrt. In der Tat, warum erschien die Republik in Frankreich immer als eine unzuverlässige Regierungsform? Und wenn die Republikaner nicht immer gehaßt worden sind, so werden sie doch immer von der großen Mehrzahl der Bourgeoisie wegen ihrer Kraftlosigkeit verachtet, oder wenn auch nicht gleich verachtet, so doch immerhin nicht wirklich geachtet. Auch das Volk hat ihnen fast nie getraut. Jedesmal, wenn in Frankreich die Republik die Regierung antrat, verlor geradezu alles im Lande seine Festigkeit und sein Selbstvertrauen. Bis jetzt ist die Republik immer nur ein Übergangszustand gewesen – zwischen revolutionären Versuchen allerschrecklichster Art und irgendeinem, zuweilen allerdummdreistesten Usurpator. Und da sie fast immer ein solches Ende genommen, hat sich auch die Gesellschaft gewöhnt, sie danach zu beurteilen. Dieses Mal war es nicht anders: kaum daß die Republik begann, fingen alle an, sich gleichsam in einem Interregnum zu fühlen – und wie vernünftig die Republikaner auch regieren mögen, die Bourgeoisie bleibt doch im stillen überzeugt, daß früher oder später der rote Bund aufflammen oder wieder irgendeine Monarchie beginnen wird. Das Ergebnis ist, daß der Bourgeoisie nun die monarchische Regierung viel lieber geworden ist als die republikanische, sogar ungeachtet dessen, daß die Monarchie, wie zum Beispiel die Napoleons III., gewissermaßen Versuche einer Vereinbarung mit den Sozialisten gemacht hat, während doch in der ganzen Welt niemand und nichts den Sozialisten feindlicher sein kann als die echten Republikaner: für die ist ja nur das Wort „Republik“ nötig, die Sozialisten aber suchen nicht Worte, sondern Taten. Nach den Prinzipien der Sozialisten ist’s ihnen einerlei – bilden sie eine Republik oder eine Monarchie, bleiben sie Franzosen oder werden sie womöglich Deutsche, und, offen gestanden, selbst wenn sich die Sache irgendwie so wenden sollte, daß ihnen der Papst zustatten käme, so würden sie selbst den Papst wählen. Sie suchen vor allen anderen Dingen zuerst ihre Sache durchzuführen, das heißt, den Sieg des vierten Standes sowie Gleichheit in der Verteilung der Rechte bei der Nutznießung der Lebensgüter, unter welch einer Fahne jedoch – das ist ihnen einerlei, meinetwegen unter der allerdespotischsten.

Auffallend ist, daß Fürst Bismarck den Sozialismus nicht weniger als das Papsttum haßt, und daß die deutsche Regierung, besonders in der allerletzten Zeit, scheinbar schon etwas zu sehr die sozialistische Propaganda zu fürchten anfängt. Zweifellos geschieht das nur, weil der Sozialismus die nationale Grundlage aufhebt, überhaupt die Wurzel der Nationalität untergräbt: das Prinzip der Nationalität aber ist die Grundlage der ganzen deutschen Einheit, die Hauptidee alles dessen, was in Deutschland in den letzten Jahren vollführt worden ist. Es kann jedoch sehr leicht möglich sein, daß Fürst Bismarck noch tiefer sieht und sich folgendes sagt: Der Sozialismus ist für ganz Westeuropa eine zukünftige Macht oder doch Kraft, und wenn das Papsttum irgendeinmal von den Mächten dieser Welt verlassen und verworfen sein wird, so kann es sehr, sehr leicht geschehen, daß es sich in die Arme des Sozialismus wirft und mit ihm zu einem Ganzen verschmilzt. Der Papst kommt mit bloßen Füßen zu allen Armen und sagt, daß alles, was sie lehren, schon längst in der Bibel geschrieben stehe, daß bisher bloß die Zeit für sie noch nicht gekommen wäre, dieses zu wissen, jetzt aber sei sie endlich angebrochen, und nun sei er, der Papst selber, bereit, ihnen Christus zu opfern, und statt an Ihn, gleichfalls an den menschlichen Ameisenhaufen zu glauben. Der römische Katholizismus – das liegt auf der Hand – bedarf nicht Christi, sondern der Weltherrschaft: „Also ihr braucht eine Vereinigung gegen den Feind? Vereinigt euch unter meiner Macht; denn ich allein bin von allen Mächten und Machthabern der Welt universal, – laßt uns zusammengehen!“ Dieses Zukunftsbild stellt sich wahrscheinlich Fürst Bismarck vor; denn von allen Diplomaten hat er allein einen so scharfen Blick gehabt, um die Lebenszähigkeit der römischen Idee und diese ganze Energie zu erkennen, mit der sie bereit ist, sich zu verteidigen, ohne jetzt noch die Mittel zu wählen. Leben will sie höllisch gern, sie zu töten aber ist schwer, denn sie ist eine Schlange! – Der einzige, der das erkennt, ist Bismarck – der größte Feind des Papsttums und der römischen Idee!

Doch siehe, die sich immer jünger machenden alten Herrchen, die französischen Republikaner, sind nicht fähig, dies zu verstehen. Den Klerus hassen sie schon aus bloßem Liberalismus, den Papst halten sie für machtlos und verächtlich und die römische Idee für vollständig überlebt. Sie verfallen nicht mal darauf, sich mit der furchtbaren klerikalen Partei zu versöhnen, wenn auch nur politisch, um sich etwas mehr Festigkeit zu verleihen. Wenigstens könnten sie es doch vorläufig unterlassen, die Klerikalen zu reizen, sie mit einem so anmaßenden Selbstvertrauen zu foppen, ja, sie könnten ihnen sogar einige Unterstützung bei der so nah bevorstehenden Wahl des neuen Papstes versprechen. Sie aber tun gerade das Gegenteil – entweder aus der idealen Ehrlichkeit ihrer Überzeugungen, oder einfach aus Leichtsinn. In der letzten Zeit haben sie noch zum Überfluß angefangen ganz besonders den Klerus zu verfolgen, und zwar genau in dem Augenblick, da dem Papsttum nur noch Frankreich als einzige Stütze verblieb. Denn wer könnte wohl im Notfalle für die „Freiheit“ der Papstwahl und für die Freiheit des gewählten Papstes das Schwert ziehen? Und dieses Schwert muß zudem noch stark und mächtig sein. Es blieb keine andere Wahl als Frankreich und seine große Armee. Und nun Frankreich an der Spitze der Feinde! Freilich, Marschall Mac-Mahon ist gehorsam, doch ist er selber in der Klemme und kann sich nicht mal selbst befreien: Die Mehrheit der Kammer ist republikanisch und liberal, und keine einzige der anderen Parteien vermag sie zu stürzen. Kurz, die republikanische Mehrheit zu verdrängen ist unmöglich ... Und nun plötzlich befreit dieser Klerus – dieser verachtete, machtlose Klerus! – den Marschall Mac-Mahon und beweist der ganzen Welt eine Macht, wie sie niemand von ihm mehr erwartet hätte. Die Pfaffen geben den Parteien zu verstehen, daß sie sich nur unter der Fahne des Klerus vereinigen können, und die Parteien, frappiert durch die Augenscheinlichkeit dieser Wahrheit, sind sofort mit ihnen einverstanden. In der Tat: für die Legitimisten wie für die Bonapartisten ist der größte und nächste Feind – diese selbe republikanische Mehrheit. Wenn jede dieser Parteien einzeln für sich arbeiten wollte, so würde sie nichts erreichen, zusammen aber, vereint, können sie eine Macht bilden, die am Ende fähig wäre, alle zu besiegen und selbst die Republikaner zu verjagen. Dann aber, wenn sie die Republik erdrosselt haben, wird jede Partei sich um sich allein kümmern können und, versteht sich, jede von ihnen wird dann um so größere Aussichten auf Erfolg haben, je mehr sie dem Klerus Gefallen erweist. Alles das hat der Klerus mathematisch berechnet und – – die Vereinigung ist zustande gekommen: schon hat die klerikale Mehrheit des Senats den Marschall Mac-Mahon ermächtigt, die Republikaner anzugreifen.

Das schwarze Heer.
Die Meinung der Legionen als neues Element der Zivilisation

Nachdem der Klerus plötzlich solch eine unerwartete Macht und Gewandtheit bewiesen hat, wird er fraglos noch weiter gehen. Dieses schwarze Heer wird einfach in der entscheidenden Stunde Deutschland den Krieg erklären – und das ist es, was Fürst Bismarck alsbald durchschaut hat! Das Wichtigste haben sie ja schon erreicht: Mac-Mahon hat eingewilligt, Frankreich in die Abenteuerpolitik zu stürzen. Nun, und die Klerikalen sind nicht derart, um vor dem Weiteren zurückzuschrecken. Die haben kein Mitleid mit Frankreich. Wie alles in der Welt, brauchen sie auch Frankreich nur so lange, wie sie aus ihm Nutzen ziehen können. Dieses Land, das ihre einzige Hoffnung ist und ihnen so viele Jahrhunderte lang treu gedient hat, könnten sie eigentlich wohl verschonen! Aber ihre Stunde im Jahrtausend hebt schon an zum Schlage, und wenn ihnen da gerade Frankreich in die Hände fällt: warum sollen sie dann nicht aus ihm Kräfte herausquetschen, soviel sie eben nur können, und wenn sie damit auch hundertmal seine Existenz, sein Leben aufs Spiel setzen? Sie müssen alles nehmen, was es noch hergeben kann, und vor allen Dingen dürfen sie keinen Augenblick versäumen: wollten sie nur ein wenig später beginnen, so wäre es für sie schon zu spät. Darum heißt es gerade jetzt versuchen, Bismarck zu schlagen; denn wenn jemand bei der Wahl des Papstes stören wird, so ist es natürlich nur er. Und hinzu kommt jetzt noch, daß Bismarck gerade in diesem Augenblick ganz allein ist, ohne einen einzigen Verbündeten: Rußland – seine ganze Hoffnung – ist durch den Krieg in Anspruch genommen. Und schließlich, wenn es gelingt, Bismarck, wenn auch nur zeitweilig, zu besänftigen, so heißt es für sie doch, so schnell wie nur möglich, das Zukünftige anbahnen: den günstigen Augenblick benutzen und ein für allemal aus Frankreich einen dauerhaften Bundesgenossen machen, einen, der zu allem bereit ist und gehorsam bleibt, und der einwilligt, zu diesem Zweck daselbst eine radikale, diesmal aber ernstliche, auf ewig geltende Umwälzung zustande zu bringen. Zweifellos ist damit viel gewagt, doch schwanken können wohl andere, nicht aber die Jesuiten. Die Sache liegt nämlich so, daß sie gegenwärtig überhaupt keine andere Wahl haben, als riskieren und riskieren und nochmals riskieren ... Sich mit der klerikalen Umwälzung in Frankreich begnügen, – ohne Krieg mit Deutschland und ohne ernstliche Revolution in Frankreich, ist ihnen einfach unmöglich: derart ist jetzt ihre Lage. Sie wollen alles haben – oder nichts –, und da würde wenig nehmen, sich mit irgendeinem „Einfluß auf die Regierung“ zufrieden geben, ihnen nicht den geringsten Nutzen bringen. Ihre Bedürfnisse aber sind jetzt riesengroß! Und so bleibt ihnen nichts anderes übrig, als va banque zu spielen. Wenn ihnen aber, nehmen wir an, der Coup in Frankreich nicht gelingt, wenn, sagen wir, die Deutschen nochmals siegen und Frankreich den letzten Todesstoß geben, so kommt es für sie doch auf eins heraus: sie, also der Klerus, werden es deswegen nicht schlechter haben als jetzt, ich meine, als wenn sie jetzt artig die Hände in den Schoß legten und keine Umwälzung beabsichtigten: sie würden beim Alten bleiben, bei dem, wo sie vor den „Abenteuern“ waren, das heißt soviel wie in der allerschlimmsten Lage, die nur einen Trost hat, nämlich den, daß sie nicht mehr schlimmer werden kann. Eine andere Sache ist es mit Frankreich: wird es nochmals besiegt, so ist es unrettbar verloren. Doch nicht den Jesuiten steht es an, davor zurückzuschrecken: sie wissen, daß sie, wenn Frankreich siegt, alles bekommen und sich dann endgültig einnisten können. Dazu aber haben sie ihre besonderen Mittel, in Frankreich noch unerhörte Mittel!

Alle anderen Revolutionäre, selbst die wildesten „rotesten“, verbinden sich doch, wenn sie den Umsturz vollbracht, mit irgend etwas Allgemeinem, vorher Gegebenem und sogar Gesetzmäßigem. Die revolutionären Jesuiten jedoch können nicht gesetzmäßig, sondern nur ungewöhnlich handeln. Dieses schwarze Heer steht außerhalb der Menschheit, außerhalb des Bürgertums, außerhalb der Zivilisation und geht ganz von sich allein aus. Das ist ein status in statu, das ist die Armee des Papstes, die braucht nur den Triumph einzig ihrer Idee, – das übrige mag untergehen, was ihr im Wege liegt, mag verderben, was nicht mit ihnen übereinstimmt, mag sterben – Kultur, Gesellschaft, Wissenschaft! Sicherlich wollen sie Frankreich zu einer neuen und jedenfalls endgültigen Form umarbeiten, wenn bloß die Gelegenheit ihnen günstig ist; und wollen aus dem Lande allen Kehricht hinausfegen, und zwar mit einem Ofenbesen, wie ihn bis jetzt noch niemand gesehen hat, auf daß nicht einmal ein Geruch von irgendeinem Widerstande im Lande bleibe; und wollen dann dem Französischen Staat eine neue Verfassung geben, die ewig unter der strengsten Vormundschaft der Jesuiten bleiben muß.

All das kann auf den ersten Blick lächerlich absurd erscheinen. In der französischen Presse – und auch in der unsrigen – sind alle wohlgesinnten Leute fest davon überzeugt, daß die klerikale Partei sich bei den nächsten Wahlen unbedingt das Bein brechen werde. Die französischen Republikaner sind in ihrer geistigen Unschuld gleichfalls vollkommen überzeugt, daß „die ganze activité dévorante der von neuem ausgesandten Präfekten und Maires so gut wie nichts erreichen wird und nur die früheren Republikaner gewählt werden, die dann wiederum die frühere Mehrheit ausmachen und alsbald den Absichten Mac-Mahons ein Veto entgegensetzen werden; darauf wird dann der ganze Klerus verjagt und mit ihm vielleicht auch Mac-Mahon“. Doch diese Überzeugung ist leider nicht sehr begründet, und sicher machen sich die Klerikalen in der Beziehung die geringsten Sorgen. Die Sache ist nämlich eigentlich die, daß die naiven, harmlosen Greise, wie es scheint, immer noch nicht, trotz der vielen Erfahrungen, im ganzen Umfang begreifen können, mit was für Leuten sie es zu tun haben. Denn so wie die Wahlen für die Klerikalen nur ein wenig unvorteilhaft ausfallen, werden sie auch die neue Kammer auflösen, ungeachtet aller konstitutionellen Rechte derselben. Man wird vielleicht einwenden, dieses sei ungesetzmäßig, illegitim und darum unmöglich? Das ist allerdings wahr, doch wann kümmert sich dieses schwarze Heer um das Gesetz und die Rechte? Sie werden bestimmt – wir haben ja schon Tatsachen, die davon zeugen – ihrem gehorsamen Marschall den tollkühnen Gedanken eingehen, ein Mittel zu gebrauchen, das in Frankreich noch nie angewandt worden ist, und zwar: den militärischen Despotismus. Man wird natürlich sofort sagen, daß das ein altes Mittel sei, daß es schon mehrmals angewandt worden wäre, zum Beispiel von den Napoleonen! Und doch wage ich zu behaupten, daß es in seiner ganzen Gewaltsamkeit tatsächlich noch kein einziges Mal in Frankreich gebraucht worden ist. Hat sich der Marschall Mac-Mahon der Armee versichert, so kann er die ganze zukünftige Versammlung der Landesvertreter, wenn sie gegen ihn ist, einfach mit dem Bajonett auseinanderjagen und darauf dem Volke erklären, daß die Armee es so gewollt habe. Wie ein römischer Imperator der Verfallszeit kann er daraufhin ruhig kundtun, daß er sich hinfort „nur noch nach der Meinung der Armee richten werde“. Dann kommt der allgemeine Belagerungszustand und der militärische Despotismus, – und Sie werden sehen, meine Herrschaften, das wird furchtbar vielen in Frankreich sogar ungemein gefallen! Glauben Sie mir, wenn es not tut, werden auch die Abgeordneten kommen und mit der Stimmenmehrheit ganz Frankreich den Krieg gestatten und die nötigen Gelder dazu hergeben. In seiner kürzlichen Rede an das Heer hat sich der Marschall wenigstens in diesem Sinne ausgedrückt, und seine Worte haben großen Anklang gefunden. Wir können also nicht mehr zweifeln, daß das Heer mehr auf seiner Seite ist. Hinzu kommt noch, daß er jetzt schon zu weit gegangen ist, um noch stehenbleiben zu können, andernfalls würde er seinen Posten nicht mehr behalten, während doch seine ganze Politik und seine ganze Person sich in dem einen Wort „J’y suis et j’y reste“ ausdrückt. Über diese Phrase hinaus ist er bekanntlich noch nicht gegangen, doch wird er selbstverständlich alles für den Triumph derselben tun, wird, wenn’s drauf ankommt, selbst die Existenz Frankreichs aufs Spiel setzen. Die Fähigkeit und Bereitwilligkeit zu solch einem Wagnis hat er ja schon einmal im Deutsch-Französischen Krieg bewiesen, als er sich unter dem Einfluß der Bonapartisten entschloß, aus Treue zur Dynastie Napoleons, Frankreich bewußt seiner Armee zu berauben. Die Klerikalen haben ihm bestimmt sein „J’y suis et j’y reste“ sicher gestellt. Zweifellos haben sie es schon verstanden, Mac-Mahon geschickt darauf hinzuweisen, daß man im Notfalle – sind erst einmal die Parteien, die Bonapartisten und Legitimisten, unter der Fahne vereinigt – daß man im Notfalle, wie gesagt, auch ohne Chambord und ohne Bonaparte auskommen könne und man sie durchaus nicht zu rufen brauche, ja, dieses sogar in keinem Fall, sondern daß einfach der Marschall Mac-Mahon Diktator und unabsetzbarer Regent – doch dann nicht nur auf sieben Jahre – werden könne. Auf diese Weise würde sich also die These „J’y suis et j’y reste“ ohne Wunder verwirklichen – wenn man nur erst das Einverständnis der Armee hätte! Die Zustimmung Frankreichs kommt später ganz von selbst hinzu, denn eine feste Diktatorenhand an der Spitze der Macht wird vielen, sehr vielen gefallen. Solcher schmeichelhaften Hinweise wird es, wie gesagt, fraglos schon gegeben haben. Vielleicht wird man Bedenken tragen, ob ein Mann wie Mac-Mahon so etwas unternehmen und auch ausführen kann? Nun, erstens hat er schon die eine Hälfte ausgeführt, und zwar diejenige Hälfte, die, was Entschlossenheit anbetrifft, keineswegs leichter ist als die andere. Und zweitens, – gerade solche Leute, die an und für sich nicht im geringsten unternehmend sind, können, wenn sie plötzlich unter irgend jemandes höheren, energischen Einfluß kommen, eine ganz unerwartete, verhängnisvolle Entschlossenheit bekunden – nicht etwa weil sie Genies sind, sondern viel eher aus dem entgegengesetzten Grunde. Hier handelt es sich nicht um Erwägung, sondern einfach um das In-Bewegung-Setzen, darum daß man den Anstoß gibt; und hat man solche Menschen erst einmal ordentlich vorwärtsgestoßen, so ziehen sie eben die Karre so lange schnurgerade weiter, bis sie entweder mit dem Kopf die Wand einrennen oder aber sich selbst die Hörner abstoßen.

Ein ziemlich unangenehmes Geheimnis
(Ausblicke)

All das begreift man in Deutschland nur zu gut. Wenigstens halten alle offiziösen Organe der Presse, die vom Fürsten Bismarck beeinflußt werden, den Krieg für unvermeidlich. Wer von den Gegnern sich zuerst auf den anderen stürzen wird, und wann gerade, – das kann man natürlich nicht voraussagen, doch kann der Krieg sehr, sehr leicht ausbrechen. Selbstverständlich „kann“ das Gewitter auch vorüberziehen, nämlich wenn Mac-Mahon plötzlich Angst befällt vor dem, was er auf sich genommen, und er, wie einstmals Ajax, in Zweifeln befangen, auf halbem Wege stehenbleibt. Dieser Zufall ist allerdings möglich, doch kann man wohl kaum irgendwie auf ihn oder mit ihm rechnen. Vorläufig verfolgt Fürst Bismarck mit fieberhafter Aufmerksamkeit alles, was in Frankreich vor sich geht, und beobachtet und wartet. Für ihn besteht das Verhängnisvolle gerade darin, daß die Sache nicht in dem Augenblick angefangen hat, in dem er es erwartete. Jetzt jedoch sind ihm die Hände gebunden. Am unangenehmsten aber ist, daß sich plötzlich die Wunden aufgedeckt haben, die bis jetzt so sorgsam geheimgehalten wurden. Über die größte von ihnen habe ich schon einmal gesprochen – das ist die Befürchtung, Rußland könnte erraten, wie mächtig es ist, und welch eine Bedeutung sein entscheidendes Wort jetzt, gerade in diesem Augenblick haben kann, und – die Hauptsache – „daß die Abhängigkeit vom Bündnis mit Rußland allem Anschein nach die Schicksalsbestimmung Deutschlands ist, besonders seit dem Deutsch-Französischen Kriege“. Dieses deutsche Geheimnis könnte jetzt plötzlich ans Licht kommen – und das wäre für die Deutschen zum mindesten peinlich. Wie aufrichtig gewogen uns auch die Politik Deutschlands in den letzten Jahren gewesen ist: dieses Geheimnis ist von allen Deutschen streng bewahrt worden, niemals auch nur angedeutet worden – auch nicht in der Presse. Bis jetzt hatten die Deutschen immer eine ruhige und stolze Haltung, die natürlicherweise der Macht, die niemandes Hilfe braucht, eigen ist; nun aber muß die schwache Stelle leider herauskommen. Denn wenn das klerikale Frankreich sich zum verhängnisvollen Kampf entschließt, so ist es damit nicht getan, daß man seinen Angriff, falls es zuerst angreifen sollte, zurückschlägt, sondern man muß es für immer entkräften, es einfach erdrücken und die Gelegenheit ausnutzen – das ist die Aufgabe! Da aber Frankreich zudem reichlich eine Million Soldaten hat, so muß es den Sieg, um des Endes der Sache gewiß zu sein, unbedingt sicher stellen; denn anders lohnt es sich überhaupt nicht, anzufangen. Und die einzige Sicherstellung wäre, sich des entscheidenden Wortes Rußlands zu vergewissern. Kurz, am unangenehmsten ist, daß all das so plötzlich und unvorbereitet herauskommt. Alle früheren Berechnungen sind umgeworfen, und jetzt sind es schon die Ereignisse, die die Berechnungen lenken – nicht umgekehrt, wie früher. Heute oder morgen kann Frankreich im Innern mit sich zur Ruhe kommen. Es hat sich in eine Abenteuerpolitik gestürzt, und daher kann man sich wohl fragen, wo diese Abenteuer aufhören werden, wo ihnen eine Grenze gezogen sein wird? Das ist sehr unangenehm: noch vor so kurzer Zeit zeigten die Deutschen ein so unabhängiges Auftreten, besonders im letzten Jahre. Erinnern wir uns, daß in diesem Jahre auch Rußland sich bemühte, in Europa zu erkennen, wer ihm freund war, und die Deutschen kannten unsere Sorgen und machten ihre feierlich-festlichste Miene, die wohl den Umständen am angemessensten war. Es ist ja verständlich, wenn Deutschland sich über jede slawische Bewegung immer ein wenig beunruhigt; doch kann man wohl sagen, daß die Kriegserklärung Rußlands vor zwei Monaten für Deutschland vielleicht sogar nicht einmal so ganz unangenehm war: „Nein, jetzt werden sie es schon bestimmt nicht erraten,“ dachte man in Deutschland vor zwei Monaten, „daß wir es sind, die ihrer bedürfen, jetzt werden die Russen, an der Donau, dem ‚deutschen Strom‘, stehend, vollkommen überzeugt sein, daß, umgekehrt, mir sie allein uns furchtbar nötig haben und es am Ende des Krieges ohne unser gewichtiges Wort unmöglich abgehen wird. Und es ist gut, daß die Russen so denken, das kann uns später sehr zustatten kommen.“ Fraglos hat es viele kluge Deutsche gegeben, die vor zwei Monaten so von uns gedacht haben; ihre ganze Presse dachte und schrieb so und – nun plötzlich hat diese klerikale Stimmung durch alles einen Strich gezogen und alles umgestürzt! „Oh, jetzt werden sie es erraten, jetzt werden sie alles erraten! Und außerdem ist es unbedingt nötig, daß Rußland so schnell wie möglich diesen Krieg beendet und wieder frei wird! Doch wäre es äußerst gefährlich, hierbei eine Beeinflussung zu versuchen. Vielleicht wird es vor England und Österreich Angst bekommen – was aber nicht anzunehmen ist. Uns aber England und Österreich zur Beeinflussung Rußlands anzuschließen, daran ist nicht zu denken: die werden später sowieso nicht helfen, und Rußland würden wir nur verärgern. Sonderbare Lage! Oder sollte man Rußland womöglich helfen, damit es den Krieg schneller los wird? Nun ... das könnte man auch ohne Waffen tun, einfach mit politischem Druck, auf Österreich zum Beispiel ...“ So ungefähr überlegen jetzt dieselben Politiker, und es kann sehr, sehr leicht geschehen, daß all das in Wirklichkeit eintrifft.

Um es kurz zu machen – ich wollte nur meine Überzeugung äußern, meinen Glauben, daß Rußland nicht nur so stark und mächtig wie immer ist, sondern jetzt, gerade jetzt, die stärkste aller europäischen Mächte ist, und daß noch niemals sein entscheidendes Wort in Europa so geschätzt werden konnte wie im gegenwärtigen Augenblick. Mag Rußland jetzt auch mit den Türken beschäftigt sein, so kann doch schon seine Entscheidung für diesen oder jenen die Wage der europäischen Politik je nach seinem Wunsch und Willen in starkes Schwanken bringen. Sogar England selbst sieht jetzt, wie es, in Anbetracht der Möglichkeit äußerst umständlicher neuer Ereignisse in Westeuropa, sogar in den Augen der Russen zwei Drittel seines Prestige verliert, und wie doch endlich auch die mißtrauischsten Russen begreifen, daß es ihm, England, nicht einfällt, es auf einen Krieg ankommen zu lassen, wenn Rußland fest entschlossen ist, seine Sache fortzuführen, und daß England weit mehr auf eine Teilung des Erbes nach dem Tore des „kranken Mannes“ spekuliert, als daß es sich entschlösse, für denselben, in dieser ohnehin schon ungemütlichen Zeit, noch einen offenen Krieg zu beginnen. In der Tat, sollte es geschehen, daß etwas Unerwartetes, Unheilvolles in Westeuropa ausbräche, so wird doch England sich nie und nimmer in eine so heikle Sache gar zu sehr einmischen, die dem gewohnten Charakter seiner Interessen so überaus unähnlich sieht, und wird, versteht sich, bloß eine aufmerksam beobachtende Stellung einnehmen und nach seiner alten Gewohnheit den günstigen Augenblick abwarten, in dem sich irgendwo irgendeine Teilung der Beute ausschnüffeln läßt, um sich dann geschwind mit seinen Forderungen einzufinden. Jetzt jedoch, das heißt, vor der Klärung der Verhältnisse im Westen, wäre es keine Berechnung für England, gegen Rußland irgend etwas Ernstes zu unternehmen. Anderseits: was kann Österreich machen, wenn es allein bleibt? Ist es doch unwahrscheinlich, daß die klerikale Verwicklung der Sache in Westeuropa nicht auch auf Österreich hinüberwirken wird. Und so harrt denn natürlich auch Österreich, ganz wie alle anderen, der ferneren Dinge und der Entscheidungen der Fragen, so daß auch ihm jetzt, ganz wie allen anderen, die Hände teilweise gebunden sind. Ja, allen sind jetzt die Hände irgendwie gebunden, nur Rußland hat die seinen noch frei. Nun, und da hat denn auch schon etwas Unvorhergesehenes zu unseren Gunsten eingesetzt. Wie soll man auch nicht mit dem Unvorhergesehenen rechnen, wenn es sich um die Geschicksentscheidung der Menschheit handelt?

Gott und seine Gesetze regieren die Welt, und wenn über Europa sich wirklich etwas Neues mit Schicksalsmacht entladen soll, so ist es wohl nötig, daß es früher oder später geschieht. Gebe Gott, daß ich mich täusche. Gebe Gott, daß die heraufziehende Wolke sich verzieht und all meine Vorahnungen sich nur als meine eigenen „hitzigen“ Phantasien erweisen – als Phantasien eines Menschen, der von der Politik nichts versteht. Die ganze Frage ist ja nur –: Haben die offiziösen Organe der deutschen Presse, die den Krieg prophezeien und ihn erwarten, recht oder unrecht? Anderseits versichern die Minister Mac-Mahons den Franzosen und der ganzen Welt aus allen Kräften – übrigens ohne jegliche beschuldigende Anspielungen –, daß „Frankreich den Krieg nicht beginnen wird“. Nun, da wird man doch wohl zugeben müssen, daß all dieses zum mindesten verdächtig ist, und daß die Lösung der Zweifel, schon nach dem Gang der Sache selbst zu urteilen, in äußerst kurzer Zeit eintreffen kann. Wie aber, wenn jetzt so viel von der „Meinung der Armee“ abhängt? Schlimm, wenn es soweit kommt: dann ist es zu Ende mit Frankreich. Übrigens kann das ja nur mit Frankreich allein geschehen und sonst mit niemandem in der ganzen Welt. Doch gebe Gott, daß es auch mit ihm nicht geschehe: Das würde ein schlimmer Anfang sein und ein noch schlimmeres Beispiel.