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Sämtliche Werke 13 cover

Sämtliche Werke 13

Chapter 32: Der Bauer Marei
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About This Book

A collection of essays and speeches that probe political, religious and cultural questions through historical and philosophical reflection. Early pieces analyze Western European debates over republic versus monarchy, church and state, political power and cultural currents. A large section focuses on Russia, considering social composition, popular character, reformist paradoxes, finance and diplomatic strategy. Subsequent essays examine Balkan, Ottoman and Asian issues, evaluating war, diplomacy and relations with neighboring regions. Throughout, the writer blends historical narrative, moral and spiritual inquiry and policy argument to debate national identity, international position and possible paths forward.

Zweiter Teil.
Russisches

Vom russischen Volk

Davon, daß wir gute Menschen sind.
Die Ähnlichkeit der russischen Gesellschaft mit dem Marschall Mac-Mahon[17]

Ja, in der Tat: sind wir nicht alle gute Menschen, – nun, versteht sich, ausgenommen die schlechten? Ich füge sogar noch hinzu: es gibt bei uns überhaupt keine schlechten Menschen, sondern nur untaugliche. An die wirklich Schlechten reichen wir gar nicht hinan! Denken Sie nach, lachen Sie nicht über mich: aus Mangel an schlechten Menschen waren wir seinerzeit sehr bereit, verschiedene wirklich schlechte Menschen hochzuschätzen, wie es gewisse Typen unserer Literatur beweisen, die größtenteils der ausländischen entlehnt worden sind. Oh, nicht genug damit, daß wir sie schätzten, nein, sklavisch versuchten wir, sie im wirklichen Leben zu kopieren. Beinahe waren wir schon nicht mehr wir selbst, nicht mehr Russen! Erinnern Sie sich nur dieser vielen Petschorins, die es bei uns gab, die angeregt durch die Lektüre von Lermontoffs „Helden unserer Zeit“ in Wirklichkeit Schlechtigkeiten vollführten. Der Ahnherr all dieser schlechten Menschlein in unserer Literatur ist wohl der Typ Silvio, den unser herrlicher Puschkin dem Engländer Byron entlehnt hatte.

Wenn wir diese schlechten Menschen so achteten, so geschah es nur deshalb, weil diese Menschen eines andauernden Hasses fähig waren, im Gegensatz zu uns Russen, die wir nun einmal nicht richtig hassen können und uns darum damals nicht wenig selbst verachteten. Der russische Mensch ist in der Tat nicht imstande, ernstlich und lange zu hassen, weder Menschen noch Laster, weder Unwissenheit noch Despotismus, noch tiefsten Obskurantismus. Bei uns ist man sofort bereit, sich zu versöhnen, gleich bei der ersten Gelegenheit sogar. Oder ist das nicht wahr? In der Tat, warum sollte einer den anderen hassen? Wegen schlechter Handlungen etwa? Nun, lassen wir dieses Thema lieber, es ist zu zweischneidig. Und der Haß der Überzeugung? An den Haß glaube ich schon gar nicht bei uns. Früher einmal, gewiß, gab es bei uns Slawophile und Westler, und die haßten sich sehr – aber dann, als es mit der Aufhebung der Leibeigenschaft auch mit der Reform Peters des Großen zu Ende ging, und ein allgemeines „sauve qui peut“ eintrat, da waren Slawophile und Westler einig in demselben Gedanken, daß man jetzt alles vom Volke selbst erwarten müsse, daß es auferstehen werde, und daß nur das Volk allein uns in allem das letzte Wort sagen könne. Darüber hätten sich die Slawophilen und Westler ja nun versöhnen können, aber das ging auch wieder nicht an, denn die Slawophilen glauben an das Volk, weil sie das Eigene und Eigenartige seiner Anlagen anerkennen. Die Westler dagegen lassen sich nur unter der Bedingung herbei, an das Volk zu glauben, daß man ihm alles Eigene und Eigenartige nimmt. Und siehe da, der Kampf dauert fort. Doch an diesen Haß: Kampf gegen Kampf und Haß gegen Haß, an den glaube ich, wie gesagt, nicht. Warum können sich die Streitenden nicht auch zu gleicher Zeit liebhaben? Das geschieht bei uns nur zu oft in den Fällen, in denen sich gute, allzu gute Menschen streiten. Und warum sollten wir nicht gute Menschen sein? Auch streiten wir uns doch hauptsächlich nur, weil jetzt eine Zeit angebrochen ist, die von uns nicht mehr Theorien und Kritik, sondern Taten und praktische Entschlüsse verlangt. Plötzlich hatte man bei uns das Bedürfnis nach grundlegenden Worten über Pädagogik, Eisenbahnen, Semstwo, Hygiene und hundert andere Themata. Und alles wollte man sofort wissen, möglichst schnell, um nicht die Arbeit aufzuhalten. Da wir aber alle, nach hundertjähriger Entwöhnung von jeglicher Arbeit, sogar von der kleinsten, uns als dazu unfähig erwiesen, so war es nur natürlich, daß wir uns gegenseitig in die Haare gerieten – und zwar stritt im allgemeinen derjenige am meisten, der sich zu ihr am allerunfähigsten erwies. Was ist dabei Schlechtes, frage ich Sie? Das ist doch bloß rührend und weiter nichts. Sehen Sie die Kinder an: die streiten sich nur dann, wenn sie noch nicht gelernt haben, ihre Gedanken auszudrücken: genau so machen wir es. Und es ist auch gar nichts Unerfreuliches dabei, im Gegenteil, es zeugt ja nur von unserer Frische und Unberührtheit und Jugend. In unserer Literatur beispielsweise beschimpft man sich aus Mangel an Gedanken buchstäblich mit allen Schimpfwörtern auf einmal: ein äußerst naives Verfahren, das man sonst nur bei den Urvölkern findet. Doch auch darin liegt beinahe etwas Rührendes, diese Unerfahrenheit, dieses kindliche Unvermögen sogar – sich tüchtig auszuschimpfen. Ich scherze durchaus nicht, und ich spotte über niemanden. Es ist aber bei uns allerorten ein ehrliches Wünschen und Erwarten des Guten. Das ist gewiß wahr. Der Wunsch nach allgemeiner Arbeit und allgemeinem Wohlergehen steht über jeglichem Egoismus. Die naivsten Wünsche werden wach, und alles ist voller Glauben bei uns. Es gibt bei uns keinen Kastengeist, oder höchstens nur in ganz kleinen und seltenen Erscheinungen, die kaum bemerkt werden. Das ist sehr wichtig! Doch genug davon. Weshalb sollte also noch von einem wirklichen Haß die Rede sein? Die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit unserer Gesellschaft unterliegt nicht nur keinem Zweifel, sondern fällt geradezu auf. Beobachten Sie doch nur, und Sie werden bemerken, daß der Glaube an die Idee, an das Ideal allem persönlichen, materiellen Wohlergehen vorangeht. Oh, natürlich, den schlechten Menschen gelingt es auch bei uns, ihre Geschäftchen abzuwickeln, Geschäftchen gerade im eigennützigsten Sinne, und in unserer Zeit, scheint es, mehr denn je. Doch dafür beherrschen diese nichtsnutzigen Menschen niemals die Meinung, gehen nie der Gesellschaft irgendwie voran, sondern sind selbst dann, wenn sie auf der sogenannten Höhe des Lebens stehen, überhäuft mit allen Ehren – selbst dann sind sie noch genötigt, sich dem Tone der Idealisten, der Jungen und Abstrakten, diesen in ihren Augen nur lächerlichen Menschen, irgendwie anzupassen. In diesem Sinne gleicht unsere Gesellschaft durchaus unserem einfachen Volke, darin liegt der Hauptpunkt seiner Einheit mit dem Volke, das auch seinen Glauben und seine Ideale höher schätzt als alles Materielle und Vergängliche. Der Idealismus ist ihm lieb, hier wie dort: ist der Idealismus verloren, so kann man ihn mit keinem Gelde zurückkaufen. Wenn unser Volk auch von seinen Lastern geknechtet wird, jetzt vielleicht mehr denn je, und wenn es auch noch in einer richtigen Anarchie lebt, so hat doch selbst der letzte Schurke bei uns noch niemals gesagt: „So wie ich es mache, ist es richtig.“ Im Gegenteil, immer weiß er und seufzt selbst darüber, daß er schlecht ist, und daß es ein Gutes in der Welt gibt, das besser ist als er und alles, was er tut. Der Glaube an die Ideale ist in unserem Volke unerschütterlich. Verbessert seine Lage, verringert die Lasterhaftigkeit, und das Volk wird sich aufrichten! Die Ideale aber stehen dann noch unerschütterlicher und heiliger da als je vorher. Unsere Jugend sucht große Taten und bringt ihren Ideen alles zum Opfer. Unser zeitgenössischer russischer Jüngling, von dem so viel in verschiedenem Sinne gesprochen wird, vergöttert oft das allersimpelste Paradox und weiht ihm sein Leben und sein Schicksal, nur, weil er das Paradox für eine Wahrheit hält. Es fehlt ihm nur noch an Aufklärung, aber das Licht wird sich schon verbreiten, und andere Anschauungen werden dann ganz von selbst auftauchen, und die Paradoxe werden verschwinden. Die Reinheit seines Herzens jedoch bleibt und damit auch der Durst in ihm nach Taten und Opfer: das aber ist das Gute. Nichtsdestoweniger gibt es eine Frage, die bei uns bis jetzt noch nicht beantwortet ist. Alle nämlich, die wir das Wohl aller und die Besserung der allgemeinen Lage in unserem Lande und unserem Volke wünschen – worin sehen wir nun die Mittel zu diesem Wohl und zu dieser Besserung? Man muß leider gestehen, daß bei uns in dieser Hinsicht noch wenig geschehen ist, und daß unsere Gesellschaft in diesem Sinne – dem Marschall Mac-Mahon sehr ähnlich sieht. Auf einer seiner Reisen durch Frankreich erklärte der ehrenwerte Marschall unlängst in einer feierlichen Rede, als Antwort auf eine Ansprache irgendeines Maires – die Franzosen sind ja solche Liebhaber von feierlichen Reden und Ansprachen –, daß nach seiner Meinung die ganze Politik in dem einen Worte enthalten sei: „Die Liebe zum Vaterlande“. Ein sehr sinniger Ausspruch, meine ich, in einem Augenblicke, da ganz Frankreich gespannt darauf wartet, was er sagen wird. Eine wichtige Behauptung, unbestreitbar lobenswert, aber – sonderbar unbestimmt. Der Maire hätte seiner Exzellenz antworten können, daß man mit derselben Liebe auch das Vaterland zugrunde richten könnte. Aber der Maire erwiderte nichts, vielleicht aus Angst, die Antwort zu erhalten: „J’y suis et j’y reste“, eine Phrase, über die der ehrenwerte Marschall nun einmal nicht hinauskommt. Nun, und gerade so steht es mit unserer Gesellschaft: wir alle verstehen uns in der Liebe zum Vaterlande oder zur „allgemeinen Sache“ – Worte tun’s nicht! Worin bestehen aber die Mittel, und nicht nur die Mittel, sondern worin besteht die allgemeine Sache selbst? Darüber herrscht bei uns, meines Erachtens, gerade solch eine Unklarheit, wie bei dem Marschall Mac-Mahon.

Von der Liebe zum Volke.
Der unumgänglich notwendige Vertrag der Gesellschaft mit dem Volke

Vor kurzem schrieb ich, daß unser Volk noch roh und unwissend sei und dem Laster ergeben: „ein Barbar, der das Licht erwartet,“ wie ich mich ausdrückte! Bald darauf habe ich in der „Hilfe“ einen Artikel Konstantin Akssakoffs, unseres unvergeßlichen und allen Russen teuren Verstorbenen, gelesen, nach welchem unser russisches Volk schon lange aufgeklärt und gebildet sein soll. Ist nun dieser augenscheinliche Gegensatz meiner Meinung und derjenigen Konstantin Akssakoffs ein Widerspruch? Nicht im geringsten: ich teile seine Ansicht vollständig und fühle ihre Wahrheit schon lange. Trotzdem aber bleibt doch der Widerspruch? Gewiß – darin besteht gerade mein Geheimnis: während nach der Meinung anderer diese beiden Behauptungen unvereinbar scheinen, behaupte ich das Gegenteil. In dem russischen Menschen, in dem Volke muß man eben die Schönheit dieser Barbarei zu sehen verstehen. Der ganzen russischen Geschichte nach war unser Volk so dem Laster ergeben und dermaßen verdorben, verirrt und ständig gequält und gepeinigt, daß es wunderbar ist, wie es überhaupt noch sein menschliches Aussehen hat bewahren können, und nicht nur das allein, sondern auch noch seine volkliche Schönheit. Die aber hat es sich wirklich bewahrt! Wer ein aufrichtiger Freund des Volkes ist, wem das Herz nur einmal für die Leiden des Volkes geschlagen hat, der versteht es und wird auch den Schmutz entschuldigen, in den unser Volk gesunken ist, und die Perlen trotzdem zu finden wissen. Ich wiederhole es: Richtet nicht das russische Volk nach seinen Fehlern und Lastern, sondern beurteilt es nach seinen großen und heiligen Idealen, nach denen es in seinem Schmutze lechzt. Und es gibt in unserem Volke nicht nur Schurken und Verbrecher, sondern auch Heilige, die uns voranleuchten und unser Dunkel erhellen! Und ich glaube tief und fest, daß es bei uns keinen Schurken gibt, der nicht wüßte, daß er schlecht und gemein ist. Bei den anderen Völkern ist es anders: wenn dort jemand eine Gemeinheit vollführt, so stellt er sie zum Prinzip auf, bejaht sie, behauptet, daß in ihr die Ordnung und das Licht der Zivilisation läge – und der Unglückliche kommt schließlich so weit, daß er daran blind und sogar ehrlich glaubt. Nein, beurteilen Sie unser Volk nicht danach, wie es ist, sondern danach, wie es sein möchte. Seine Ideale sind stark und heilig, und sie retteten das Volk in all diesen Jahrhunderten vor dem Elend und dem völligen Untergang. Sie wuchsen mit seiner Seele zusammen und gaben ihr bis in alle Ewigkeit Einfachheit, Gutmütigkeit und Aufrichtigkeit und einen weiten, offenen Verstand – und alles das in einer anziehenden, zusammenklingenden, einer schönen Vereinigung. Und wenn trotzdem so viel Schmutz in dem russischen Menschen ist, so leidet er darunter selbst am meisten: er glaubt und hofft, daß das nur zeitlich und eine teuflische Versuchung sei, daß die Dunkelheit, die ihn umgibt, einmal aufhören und das ewige Licht dann auch auf ihn herniederscheinen werde. Ich will noch nicht einmal von seinen historischen Idealgestalten reden, von Feodossij Petscherski[18] oder Tichon Sadonski.[19] Übrigens: wie viele von uns kennen denn überhaupt einen Tichon Sadonski? Warum liest man nie etwas von ihm? Glauben Sie mir, Sie würden zu Ihrem Erstaunen wunderbare Sachen erfahren. Und abgesehen von diesen Volksheiligen: wie steht es mit unserer Literatur? Alles, was in ihr wahrhaft schön ist, das ist aus dem Volke genommen. Der Typ Belkin von Puschkin zum Beispiel! Bei uns ist alles von Puschkin. Seine Umkehr zum Volke, schon in der frühesten Zeit seiner Tätigkeit, ist so beispiellos und Erstaunen erregend und bedeutete einen für die damalige Zeit so unerwarteten und neuen Schritt, daß sie sich, wenn nicht durch ein Wunder, dann eben nur durch seine geniale Größe erklären läßt, die wir nur, füge ich hinzu, bis jetzt noch nicht die Kraft hatten, richtig zu werten. Erinnern Sie sich der „Oblomoffs“ von Gontscharoff, der „Väter und Söhne“ von Turgenjeff. In denen ist freilich nicht vom Volke die Rede, aber alles, was in den Typen Turgenjeffs und Gontscharoffs Ewiges und Schönes ist, das liegt dort, wo sie sich mit dem Volke kreuzen. Nur die Berührung mit dem Volke gibt ihnen diese ungewöhnliche Kraft. Diese Typen haben seine Gutmütigkeit, Reinheit und Bescheidenheit, die Weite seines Verstandes und seiner Güte, im Gegensatz zu allem Unnatürlichen und Falschem angenommen. Wundern Sie sich bitte nicht, daß ich plötzlich von unserer Literatur spreche; aber ihr gebührt das Verdienst, daß sie in ihren besten Vertretern und früher als unsere ganze Intelligenz, bemerken Sie das wohl, sich vor der Wahrheit des Volkes gebeugt und die Ideale des Volkes als die wahrhaft schönen anerkannt hat. Es ist wahr, daß unsere Dichter zum Teil dazu genötigt waren und es wohl mehr aus künstlerischem Instinkt, als aus gutem vaterländischem Willen taten. Doch genug von der Literatur – sprach ich von ihr doch nur im großen Zusammenhange mit dem Volke und mit der allgemeinen Frage der russischen Volklichkeit!

Diese Frage und das richtige Verständnis derselben ist für uns jetzt das Wichtigste: von ihr hängt unsere ganze, auch die praktische Zukunft ab. Aber das Volk ist für uns alle noch immer Theorie und ein Rätsel. Wir alle, wir Freunde des Volkes, sehen auf das Volk wie auf eine Theorie, und niemand liebt daher dasselbe so, wie es in der Tat ist, sondern so, wie er es sich vorstellt. Wenn das russische Volk in der Folge sich nicht als dasjenige erweisen sollte, als das ein jeder von uns es sich vorstellt, so würden wir, ungeachtet unserer vermeintlichen Liebe zu ihm, uns sofort und ohne jegliches Bedauern von ihm abwenden. Ich behaupte das von allen, die Slawophilen nicht ausgenommen: ja, die würden es vielleicht sogar noch früher tun als alle anderen. Was mich anbelangt, so verhehle ich nicht meine Überzeugung, und um Mißverständnissen vorzubeugen, weise ich geradezu auf sie hin. Ich glaube nämlich, daß wir Intellektuellen kaum so gut und vortrefflich sind, um uns als Ideal vor das Volk hinstellen und von ihm ohne weiteres verlangen zu können, daß es gerade so werde, wie wir sind. Wundern Sie sich nicht über die Frage (man ist ihr noch nie bei uns begegnet): „Wer ist besser – wir oder das Volk? Sollen wir uns nach dem Volke richten oder das Volk sich nach uns?“ Das ist die Frage, die uns jetzt alle beschäftigt, wenigstens diejenigen unter uns, die nicht aller Gedanken bar sind und die Sache des russischen Volkes in ihrem Herzen tragen. Denen kann ich auch aufrichtig antworten: daß wir uns vor dem Volke beugen müssen und von ihm alles zu erwarten haben, unsere Gedanken und Vorstellungen, daß wir uns vor der Wahrheit des Volkes beugen und sie als unsere Wahrheit anerkennen müssen, selbst in dem Falle, wenn sie zum Teil aus dem Leben der Volksheiligen käme. Mit einem Wort, wir sind die verirrten Kinder, die zweihundert Jahre nicht zu Hause waren, aber doch als Russen zurückkehrten, – was unser einziges Verdienst ist. Aber wir können uns nur unter einer Bedingung vor dem Volke beugen und das sine qua non: daß das Volk auch das von uns annimmt, was wir ihm Gutes mitgebracht haben. Ganz vernichten und aufgeben können wir uns doch nicht, selbst vor einerlei welcher Wahrheit des Volkes nicht; sonst behalten wir lieber das Unserige für uns, und müßten wir auch im äußersten Falle auf das Glück einer Vereinigung mit dem Volke verzichten. Dann mögen wir eben beide untergehen. Aber zu diesem Äußersten wird es nie kommen. Ich bin überzeugt, daß auch das Unserige, das wir mitbringen, in der Tat etwas ist: nicht ein Hirngespinst etwa, sondern daß es Bild, Form und Gewicht hat. Nichtsdestoweniger bleibt vor uns das Rätsel bestehen, das uns auf seine Lösung warten läßt – und es ist angstvoll, zu warten. Zweifel an der Zivilisation tauchen auf. Man behauptet, daß die Zivilisation das Volk verderbe. Der Gang der Dinge wäre danach der, daß neben der Erlösung und dem Lichte auch viel Falsches und Unwahres und eine große Unruhe heraufzöge. Nur den zukünftigen Geschlechtern würde ihr guter Samen aufgehen, aber uns und unseren Kindern drohe Verderben. Ist das auch Eure Meinung, die Ihr dieses lest? Ist es unserem Volke bestimmt, noch eine neue Phase von Lüge und Verderbnis durchzumachen, wie wir sie mit dem europäischen Pfropfreis von Zivilisation schon durchgemacht haben? Ich glaube, niemand wird es bestreiten, daß bei uns die Zivilisation zunächst mit der Sittenverderbnis anfing. Doch ich glaube auch, daß unser Volk von einer so ungeheuren Größe und Tiefe ist, daß alle neuen trüben und unreinen Ströme, die es aufnimmt, in ihm verschwinden werden, und es nur reine und klare wiederausströmen wird. Lassen Sie uns zusammenwirken, reichen Sie mir dazu die Hand, auf daß ein jeder mit seiner kleinen Arbeit das Seine beisteuere, auf daß die Dinge sich gerade und immer fehlerloser entwickeln! Wir selbst verstehen davon wenig: wir „lieben nur unser Vaterland“. In den Mitteln, ihm zu helfen, stimmen wir nicht überein und werden nicht aufhören, uns darüber zu streiten: aber nun ist doch wenigstens schon einmal ausgemacht, daß wir gute Menschen sind, und schließlich muß doch alles zu einer Ordnung kommen. Daran glaube ich, und ich wiederhole es, daß es nur die zweihundertjährige Entwöhnung von jeglicher Arbeit ist und weiter nichts. So, wie es jetzt ist, schließen wir unsere „Kulturperiode“ damit ab, daß wir allgemein aufhören, uns gegenseitig zu verstehen. Ich spreche nur von den aufrichtigen und ernsten Menschen – nur sie allein wollen sich nicht mehr verstehen. Spekulanten sind eine andere Sache: die haben sich bei uns immer und zu jeder Zeit verstanden.

Der Bauer Marei

Ich will, zur Abwechselung, einmal eine kleine Geschichte erzählen. Das heißt: eigentlich kann man das nicht recht eine Geschichte nennen; es ist nur eine alte Erinnerung. Ich war damals neun Jahre alt ... Doch nein: ich werde lieber mit meinem neunundzwanzigsten Jahre beginnen.

Es war am zweiten Osterfeiertag. Die Luft war warm, der Himmel hoch und blau und die Sonne so hell und schön. In meiner Seele aber war es dunkel und häßlich. Ich schlenderte hinter den Kasernen umher, betrachtete den Palisadenzaun, der unser Gefängnis umgab, und zählte die einzelnen Pfähle. Doch selbst das ewige Zählen wurde langweilig, wenn ich’s auch nur ganz mechanisch, aus Gewohnheit, tat. Es war schon der zweite Tag, daß im Gefängnis „gefeiert“ wurde: die Gefangenen brauchten nicht zu arbeiten, und so waren denn fast alle betrunken. In jedem Augenblick entstand ein neuer Streit, der mit Schimpfwörtern begann und mit Schlägen endete. Gemeine Lieder, Spielhöllen unter den Pritschen, mehrere für besonderen Unfug von den Kameraden halbtotgeprügelte Sträflinge, die man mit Pelzen bedeckt hatte und ruhig liegen ließ, bis sie wieder zu sich kommen und aufwachen würden; oft schon waren die Messer gezogen worden: all das hatte mich in den zwei Feiertagen bis zum Wahnsinn gequält.

Niemals habe ich betrunkenes Volk ohne Ekel sehen können; hier aber, an diesem Ort, war es mir ganz besonders widerlich. An solchen Feiertagen kamen nicht einmal die Beamten ins Gefängnis, um zu inspizieren oder nach dem verbotenen Branntwein zu suchen. Sie sahen wohl ein, daß man auch diesen Verstoßenen doch wenigstens einmal im Jahr etwas Freiheit lassen mußte, um Schlimmerem vorzubeugen.

Plötzlich ertrug ich die Qual nicht mehr. Heiße Wut packte mich. Da kam mir der Pole M...tzki, auch ein „politischer“ Zwangssarbeiter, entgegen; er blieb vor mir stehen und sah mich zornig, mit zuckenden Lippen, an. „Je hais ces brigands!“ stieß er halblaut durch die Zähne hervor und ging an mir vorüber. Ich kehrte in die Kaserne zurück, obgleich ich erst vor einer Viertelstunde halb wahnsinnig aus ihr hinausgelaufen war; denn sechs Kerle, wahre Athleten, hatten sich zugleich auf den betrunkenen Tataren Gasin gestürzt, um ihn mit den Fäusten zu „beruhigen“. Sie schlugen ihn unsinnig (ein Kamel hätte solche Schläge nicht überlebt), wußten aber, daß dieser tatarische Herkules viel aushalten konnte. Als ich nun zurückkam, sah ich in einer Ecke den schändlich zugerichteten Gasin, der ohne jedes Lebenszeichen auf seiner Pritsche lag. Man hatte ihn mit einem Pelz zugedeckt. Die anderen umstanden ihn schweigend. Wenn sie auch überzeugt waren, daß er am nächsten Tage wiedererwachen werde, so kratzte sich doch einer von ihnen den Kopf und meinte etwas besorgt: „Aber ... Weiß Gott doch ... Ist die Stunde vertrackt, so stirbt ’n Mensch wie nichts von solchen Schlägen.“ Ich ging zu meiner Pritsche am vergitterten Fenster, legte mich auf den Rücken, schob die Hände unter den Kopf und schloß die Augen. So lag ich immer gern: die Schlafenden werden gewöhnlich in Ruhe gelassen, und so kann man denken und träumen. Diesmal wollte es jedoch mit dem Träumen nicht gehen: mein Herz schlug unruhig, und in den Ohren klang mir noch das Wort: „Je hais ces brigands!“ Jetzt noch träume ich in mancher Nacht von jener Zeit; ich kenne keinen qualvolleren Traum.

Allmählich vergaß ich die Gegenwart und verlor mich unmerklich in Erinnerungen. In den langen Jahren, die ich dort verbrachte, erinnerte ich mich meines ganzen früheren Lebens: ich glaube, ich habe es so von Anfang an nochmals durchlebt. Diese Erinnerungen kamen, ohne daß ich selbst wußte, wie; nur selten habe ich sie gerufen. Gewöhnlich fingen sie mit irgendeinem Punkt, einem kleinen Zug an, dem sich dann immer mehr Züge anfügten, bis das Vergangene zum großen Bilde wurde. Ich analysierte dann die alten Eindrücke, fügte dem längst Erlebten neue Seiten hinzu und (die Hauptsache) verbesserte, verbesserte ununterbrochen: darin bestand ja mein einziger Zeitvertreib, meine Unterhaltung und Zerstreuung. An jenem zweiten Osterfeiertag nun stand mir plötzlich, ich weiß nicht warum, eine Stunde aus meiner Kindheit vor der Seele, eine Begegnung des Neunjährigen, die ich schon längst vergessen hatte; und ich liebte damals Erinnerungen aus meinen Kinderjahren ganz besonders.

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Mir fiel der Augustmonat auf unserem Landgut ein. Ein trockenen klarer Tag; ein wenig kühl und windig; der Sommer neigt sich dem Ende zu, und bald muß man wieder nach Moskau fahren, wieder den ganzen Winter über in französischen Stunden sich langweilen; und ich verlasse das Landgut so ungern! Ich ging hinter die Tenne und weiter in die Schlucht, von der sich auf der anderen Seite ein dichtes Gestrüpp bis zum Wald hinzog. Weiter und immer weiter drang ich in das Buschwerk ein und höre noch, wie, vielleicht dreißig Schritt vor mir, auf dem Neubruch einsam ein Bauer pflügt. Ich weiß: er muß steil den Abhang heraufpflügen, das Pferd hat es schwer, und manchmal tönt bis zu mir sein ermunternder Zuruf: „Nu, nu!“ Ich kenne alle unsere Bauern, weiß aber nicht, welcher von ihnen da gerade pflügt; ist mir auch einerlei. Ich bin ganz und gar in meine eigene Arbeit vertieft; denn auch ich bin beschäftigt: von einem Nußbaum breche ich mir eine gute Gerte, um mit ihr Frösche zu schlagen. Die Gerten von Nußbäumen sind so hübsch, viel besser als Birkenruten. Auch Käfer und andere Tierchen nehmen mich in Anspruch; ich habe sogar eine große Käfersammlung. Viele sind so putzig! Auch liebe ich die kleinen rotgelben Eidechsen mit den schwarzen Tüpfelchen; doch vor Schlangen habe ich Angst. Aber Schlangen trifft man viel seltener als Eidechsen. Pilze gibt’s hier wenig. Pilze muß man im Birkenwald suchen. Und ich mache mich auf, weiter durch das Gestrüpp in den Wald zu gehen. In meinem ganzen Leben habe ich nichts so geliebt, wie den Wald mit seinen Pilzen und Beeren, mit seinen Käfern und Vögeln, Igeln und Eichkätzchen, mit dem mich immer wieder entzückenden feuchten Duft faulender Blätter. Und noch jetzt, während ich dieses schreibe, rieche ich geradezu, atme ich den Duft unseres Birkenwaldes; solche Eindrücke haften fürs ganze Leben.

Da, plötzlich, inmitten der tiefen Stille, hörte ich laut und deutlich den Ruf: „Ein Wolf kommt!“ Ich schrie auf vor Schreck und lief schreiend auf die Wiese zu dem pflügenden Bauer.

Es war unser Bauer Marei. Ich weiß nicht, ob es den Namen gibt; aber bei uns nannten ihn alle Marei. Er war ein etwa fünfzigjähriger, stämmiger, ziemlich großer Mann, mit langem, schon stark ergrautem dunkelblondem Bart. Ich kannte ihn, hatte aber noch nie mit ihm gesprochen. Als er jetzt meinen Schrei hörte, hielt er das Pferd an und blieb stehen. Ich raste den Abhang hinab auf ihn zu und ergriff, um im vollen Lauf nicht zu fallen, hastig mit einer Hand die Pflugstange und mit der anderen seinen Ärmel: er beugte sich zu mir nieder; und da erst gewahrte er meinen Schreck.

„Ein Wolf kommt!“ keuchte ich atemlos.

Er hob schnell den Kopf und blickte sich unwillig um; einen Augenblick glaubte er mir.

„Es schrie ... Jemand schrie: Ein Wolf kommt! ...“ stammelte ich zitternd.

„Geh doch! Wo denn? Was für ’n Wolf soll denn – ... Ist dir ja nur so vorgekommen! Was kann denn hier für ’n Wolf sein!“ sprach er halblaut in den Bart, wie um mich zu beruhigen.

Ich aber zitterte noch immer am ganzen Leibe, klammerte mich noch fester an seinen Bauernkittel und war, glaube ich, sehr bleich. Er betrachtete mich mit besorgtem Lächeln; offenbar regte er sich meinetwegen auf.

„Sieh mal an! Du hast dich aber verschreckt! Ei – ei!“ sagte er und schüttelte den Kopf. „Genug schon, Kleinerchen, nun, laß gut sein!“ Er streckte die Hand aus und streichelte plötzlich meine Wange. „Nun, schon gut, Kleinerchen! Christus ist mit dir; mach ’n Kreuz!“

Doch ich bekreuzte mich nicht. Meine Mundwinkel zuckten. Das schien ihn besonders zu wundern: langsam erhob er seinen dicken, mit Erde beschmutzten Mittelfinger und berührte vorsichtig meine zitternden Lippen. „Sieh mal an! So was! Ei – ei!“ sagte er lächelnd (es war ein ganz besonderes, mütterlich zärtliches Lächeln). „Herrgott! Das ist doch ...“

Endlich begriff ich, daß der Schrei: „Ein Wolf kommt!“ in meiner Phantasie entstanden war. Der Schrei hatte so hell und deutlich geklungen, daß ein Zweifel ausgeschlossen schien; doch ich wußte, daß ich schon früher manchmal irgendeinen Schrei zu hören geglaubt hatte, während in Wirklichkeit alles still gewesen war. Später vergingen diese Halluzinationen der Kinderjahre.

„Jetzt werde ich gehen,“ sagte ich endlich, nachdem ich etwas Mut gefaßt hatte; doch blickte ich Marei noch fragend und schüchtern an.

„Nu, geh nur; und ich werde Dir nachsehen. Ich werde Dich schon nicht vom Wolf nehmen lassen!“ fügte er mit demselben mütterlichen Lächeln hinzu. „Nu, Christus ist mit dir, nu, geh nur“; und er bekreuzte mich mit seinen erdigen Fingern und bekreuzte sich dann selbst.

Ich ging. Doch jedesmal, wenn ich zehn Schritte gemacht hatte, blickte ich mich nach ihm um. Marei stand mit seinem Pferdchen, während ich die Schlucht hinunter- und wieder hinaufging, stand am Pflug und sah mir nach; und so oft ich mich umkehrte, nickte er mir mit dem Kopf zu. Ich schämte mich, offen gestanden, nicht wenig vor ihm: weil ich solche Angst gehabt hatte. Trotzdem fürchtete ich mich immer noch vor dem Wolf, bis ich glücklich auf der anderen Seite der Schlucht an der Getreidedarre ankam: hier verließ mich die Angst; und plötzlich kam auch noch, ich weiß nicht, woher, unser Hofhund Woltschok mir entgegengelaufen. Erst in dessen Begleitung fühlte ich mich ganz sicher; und so wandte ich mich denn zum letztenmal nach Marei um. Sein Gesicht konnte ich nicht mehr unterscheiden; aber ich fühlte, daß er mir noch ebenso freundlich zulächelte und mit dem Kopf zunickte. Ich winkte ihm noch einmal mit der Hand zu und er winkte mir wieder. Dann wandte er sich zum Pflug und trieb das Pferd an. „Nu, nu!“ Noch von fern her hörte ich seinen Zuruf; und das Pferd zog wieder den Pflug.

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Ich weiß nicht, warum mir das alles mit einemmal einfiel, und warum noch dazu alle Einzelheiten so deutlich vor mir standen. Ich wachte plötzlich auf, setzte mich auf die Pritsche; und ich weiß: auf meinem Gesicht fühlte ich noch das Lächeln der Erinnerung. Eine Weile dachte ich weiter nach und suchte mich des Folgenden zu erinnern.

Als ich damals von Marei nach Hause gekommen war, hatte ich keinem Menschen von meinem „Erlebnis“ erzählt. Was war denn da auch zu erzählen? Den Marei vergaß ich gar bald. Wenn ich ihn später traf, sprach ich niemals mit ihm, nicht nur nicht über den Wolf, sondern überhaupt nicht. Und nun, plötzlich, nach zwanzig Jahren, in Sibirien, steht diese Begegnung so deutlich, bis in die kleinsten Einzelheiten, vor mir. Also muß sie doch, mir unbewußt, in meiner Seele geblieben sein, ganz von selbst und vielleicht sogar gegen meinen Willen; und sie tauchte erst wieder auf, als die Zeit gekommen war. Mir fiel dieses zärtliche, mütterliche Lächeln des armen Leibeigenen ein, seine Bekreuzung und sein Kopfschütteln: „Ei – ei, du hast dich aber verschreckt, Kleinerchen!“ Und besonders der dicke, von der Erde beschmutzte Finger mit dem schwarzen Nagel, mit dem er vorsichtig, in so schüchterner Zärtlichkeit, meine zuckenden Lippen berührte. Natürlich: Ein jeder hätte ein erschrecktes Kind beruhigt; doch hier, bei dieser einsamen Begegnung, geschah etwas ganz anderes. Und wenn ich sein eigener Sohn gewesen wäre, hätte Marei mich nicht mit einer tieferen, helleren Liebe anzublicken vermocht. Wer aber zwang ihn dazu? Er war unser Leibeigener und ich immerhin sein Herrensohn. Niemand hätte jemals erfahren, daß er mich gestreichelt, niemand ihn dafür belohnt. Liebte er vielleicht kleine Kinder so sehr? Solche Leute gibt es allerdings. Die Begegnung geschah auf einsamem Feld, und nur Gott wußte, mit welch einem tiefen, heiligen menschlichen Gefühl, von welch einer weichen, fast weiblichen Zärtlichkeit die Seele eines rohen, tierisch unwissenden russischen Muschiks erfüllt sein kann. War es nicht dieses, was Konstantin Akssakoff meinte, als er von der tiefen inneren Bildung des russischen Volkes sprach?

Ich weiß noch: als ich von der Pritsche aufstand und mich umblickte, fühlte ich mit einemmal, daß ich diese Unglücklichen mit ganz anderen Augen betrachten konnte, und daß plötzlich, wie durch ein Wunder, aller Haß und alle Wut aus meinem Herzen verschwunden waren. Ich ging wieder hinaus und schaute aufmerksam in die Gesichter der Gefangenen, die mir begegneten. Dieser glattrasierte ehrlose Muschik mit dem gebrandmarkten Verbrechergesicht, der mit heiserer Stimme sein rohes Lied gröhlt, ist vielleicht auch so einer wie der Marei, der mich als Kind streichelte: ich kann ja nicht in sein Herz sehen.

Am selben Abend traf ich noch einmal den Polen M...tzki. Der Arme! Der konnte keine Erinnerungen an irgendeinen Marei haben und für alle diese Menschen nichts anderes empfinden als: „Je hais ces brigands!“ Wahrhaftig: diese Polen haben dort doch mehr gelitten als unsereiner!