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Sämtliche Werke 13 cover

Sämtliche Werke 13

Chapter 35: Das Paradox
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About This Book

A collection of essays and speeches that probe political, religious and cultural questions through historical and philosophical reflection. Early pieces analyze Western European debates over republic versus monarchy, church and state, political power and cultural currents. A large section focuses on Russia, considering social composition, popular character, reformist paradoxes, finance and diplomatic strategy. Subsequent essays examine Balkan, Ottoman and Asian issues, evaluating war, diplomacy and relations with neighboring regions. Throughout, the writer blends historical narrative, moral and spiritual inquiry and policy argument to debate national identity, international position and possible paths forward.

Mein Paradox

Das Paradox

Wieder ein Zusammenstoß mit Europa![21] Und noch kein Krieg? Vom Kriege, sagt man, seien wir, d. h., sei Rußland noch weit entfernt ... Wieder ist die endlose Orientfrage aufs Tapet gebracht, wieder blickt Europa mißtrauisch auf uns Russen ... Doch was geht uns schließlich das Vertrauen Europas an? Hat es denn jemals vertrauensvoll auf uns geblickt? und kann es das überhaupt? Oh, versteht sich, irgendeinmal wird sich dieser Blick ändern, einmal wird Europa auch uns besser begreifen: und es lohnte sich wirklich, über dieses irgendeinmal zu sprechen. Einstweilen jedoch – einstweilen ist mir eine ganz nebensächliche Frage eingefallen, eine, mit deren Beantwortung ich noch kürzlich sehr beschäftigt gewesen bin. Wenn nun auch heute niemand mit mir übereinstimmen wird, so scheint mir doch, daß ich nicht so ganz unrecht habe.

Ich sagte, daß man die Russen in Europa nicht liebe. Nun, das wird, glaube ich, niemand bestreiten; aber unter anderem wirft uns Europa auch vor, daß wir alle, ohne Ausnahme, furchtbar liberal, ja selbst revolutionär seien, und immer, sogar mit einer gewissen Vorliebe, geneigt, uns eher den zerstörenden als den konservativen Elementen Europas anzuschließen. Zur Strafe dafür sehen viele Europäer spöttisch und von oben auf uns herab, nicht selten geradezu gehässig: es ist ihnen unbegreiflich, wie wir darauf kommen, in fremden Angelegenheiten Verneiner zu sein? Sie nehmen uns kurzerhand das Recht, nach europäischer Art zu verneinen – und zwar deshalb, weil sie uns für ein Volk halten, das nicht zur „Zivilisation“ gehört. Eher sehen sie in uns Barbaren, die sich in Europa herumtreiben und sich freuen, irgendwo irgend etwas zerstören zu können – zerstören bloß um der Zerstörung willen, um das Vergnügen zu haben, zuzusehen, wie das alles zusammenkracht – gleich den Hunnen, gleich einer Horde Wilder, die bereit ist, Europa wie das alte Rom zu überschwemmen und alles Große, Alte und Heilige zu zerstören, ohne auch nur zu ahnen, welch einen Schatz sie der Vernichtung weiht.

Daß die Russen tatsächlich in ihrer Mehrzahl sich in Europa als Liberale erwiesen haben – das ist wahr und ist sogar, ich gestehe es, sonderbar. Hat sich aber schon jemand die Frage gestellt, warum das der Fall ist? Warum beinahe neun Zehntel von den Russen, die in diesem Jahrhundert in Europa ihre Bildung erhalten hatten, sich immer derjenigen Partei der Europäer angeschlossen haben, die liberal war, der Partei der „Linken“, d. h. immer derjenigen Seite, die ihre eigene Zivilisation, ihre eigene Kultur verneinte? Das, was Thiers an der Zivilisation verneint, und das, was die Pariser Kommune an ihr 1871 verneinte, ist keineswegs dasselbe. Ebenso „mehr oder weniger“ liberal und ebenso verschieden liberal sind aber auch die Russen in Europa; doch immer sind sie, ich wiederhole es, geneigter als die Europäer, sofort zur äußersten Linken überzutreten, statt sich zunächst noch auf den unteren Stufen des Liberalismus aufzuhalten. Mit einem Wort, man findet unter den Russen weit weniger Thieristen als Kommunarden. Und man beachte wohl: das sind keineswegs irgendwelche vom Wind verwehte Leute – Ausnahmen natürlich zugegeben –, sondern Leute, die sogar sehr solid und zivilisiert aussehen, zuweilen fast schon Minister sind. Doch die Europäer trauen diesem Scheine nicht: „Grattez le Russe et vous verrez le Tartare,“ sagen sie. Das kann ja alles stimmen, aber, frage ich mich, woher kommt das? Schließt sich der Russe in seiner Gemeinschaft mit Europa der äußersten Linken an, weil er Tatar ist und die Zerstörung liebt, also als Wilder, oder bewegen ihn vielleicht andere Gründe dazu? – Das ist die Frage! ... Man wird mir wohl zugeben, daß sie nicht so uninteressant ist. Petersburg spielt jetzt nicht mehr die Rolle des Fensters, das uns aus Europa Licht bringt. Es beginnt etwas Neues, es muß wenigstens etwas Neues beginnen: das sieht jetzt ein jeder ein, der nur ein wenig nachzudenken gelernt hat. Kurz, wir fangen an mehr und mehr zu fühlen, daß wir zu irgend etwas bereit sein müssen, zu einem neuen Zusammenstoß mit Europa, und vielleicht einem viel eigenartigeren, als es die bisherigen waren, – ob es nun in der Orientfrage sein wird, oder sonstwo, wer kann das wissen! ... Darum aber sind ähnliche Fragen, Vermutungen, selbst Rätsel und sogar Paradoxe interessant – und wäre es auch nur, weil sie vielleicht auf einen richtigen Gedanken bringen können. Wie aber soll einem da nicht eine so auffallende Erscheinung zu denken geben, wie die, daß gerade diejenigen Russen, welche sich am meisten für Europäer halten und bei uns allgemein die „Westler“ genannt werden, die auf diesen Namen stolz sind und noch heute auf die anderen Russen wie auf Kwastrinker und Bauernkittel herabsehen, – wie soll es da nicht interessant sein, frage ich, daß gerade diese sich am schnellsten den Verneinern der Zivilisation, den Zerstörern der Kultur, der „äußersten Linken“ anschließen, und daß dieses in Rußland niemanden wundert, ja nicht einmal zum Nachdenken bringt? Wie soll einem das nicht merkwürdig erscheinen?

Ich habe schon eine Antwort auf diese Frage gefunden, doch werde ich meine Idee nicht beweisen, werde sie nur ein wenig zu erklären und die Tatsache zu entwickeln versuchen.

Mir scheint ... folgendes: Zeigt sich nicht in dieser Tatsache – d. h. im Anschluß unserer eifrigsten Westler an jene äußerste Linke, in Wirklichkeit an die verneinenden Elemente Europas, an die Verneiner Europas geradezu, – zeigt sich darin nicht die protestierende russische Seele, der die europäische Kultur von jeher, von Peter dem Großen an, verhaßt gewesen ist, und ihr Protest gegen diese Kultur, die sich in vielem, in allzu vielem, der russischen Seele als fremd erwiesen hat? Geradeso scheint es mir zu sein. Oh, versteht sich, dieser Protest ist fast die ganze Zeit nur unbewußt geschehen, doch wertvoll an ihm ist, daß er zeigt, wie gerade der russische Instinkt nicht erstorben ist: die russische Seele hat, wenn auch unbewußt, gerade im Namen ihres Russentums protestiert, im Namen ihres echt russischen, ursprünglichen, eigenen und dann unterdrückten Kulturversuchs. Natürlich wird man sagen, es sei noch kein Grund vorhanden, sich zu freuen, wenn dem auch so wäre: „Immerhin bist du ein Verneiner – Hunne, Barbar, Tatar –, der nicht im Namen eines Höheren verneint, sondern im Namen seiner eigenen Niedrigkeit, da er ja in ganzen zwei Jahrhunderten die europäische Höhe noch nicht einmal hat begreifen können.“

Ich gebe zu, daß das eine offene Frage ist, doch werde ich nicht versuchen, sie zu beantworten. Ich sage nur, daß ich diesen Einwand aus allen Kräften verneine – eine Begründung würde zu weit führen. Oh, wer wird jetzt noch von uns Russen, und besonders, nachdem das alles vergangen ist – denn diese Periode ist jetzt tatsächlich vergangen –, wer wird jetzt noch gegen die Tat Peters sein, sich gegen das „durchbrochene“ Fenster auflehnen und vom alten Zarenreich Moskau träumen? Doch nicht davon spreche ich jetzt; ich meine nur: wie schön und gut auch alles gewesen sein mag, was wir durch das Fenster erblickt haben, so war doch auch so viel Häßliches und Schädliches darunter, daß der russische Instinkt nicht aufgehört hat, sich dagegen aufzulehnen und zu protestieren, ... wenn er sich auch vielleicht so weit verloren haben mag, daß er selbst nicht mehr wußte, was er mit diesem Protest eigentlich tat. Und er hat nicht aus seinem Tatarentum heraus protestiert, sondern in der Tat vielleicht deswegen, weil er in sich etwas Höheres und Besseres fühlte als das, was er durch das Fenster erblickte ... Versteht sich, der Instinkt hat ja nicht gleich gegen alles protestiert: wir haben viel Gutes und Schönes bekommen, und wollen nicht undankbar sein; nun, aber gegen die Hälfte zum mindesten hat er, glaube ich, doch protestieren können.

Ich wiederhole nochmals, daß dieses ungemein sonderbar vor sich gegangen ist: gerade unsere feurigsten Westler, gerade unsere Kämpfer für die Reform wurden zu gleicher Zeit zu Verneinern Europas und stellten sich in die Reihen der äußersten Linken. Nun, und so geschah es, daß sie sich selbst gerade dadurch zu den eifrigsten Russen machten, zu Kämpfern für Rußland und den russischen Geist. Hätte man ihnen das seinerzeit erklärt, so würden sie entweder – gelacht haben, oder sie wären entsetzt gewesen. Es kann darüber kein Zweifel bestehen, daß sie nicht im geringsten die Höhe und eigentliche Bedeutung ihres Protestes erkannt haben. Im Gegenteil: sie haben ja die ganzen zwei Jahrhunderte hindurch ihren eigensten Wert fortgesetzt verleugnet, und nicht nur den allein, sondern sogar die Achtung vor sich selbst – solche gab es ja auch unter ihnen! – und in einem Grade, der ganz Europa mit Recht wundergenommen hat. Und nun stellt es sich heraus, daß gerade sie sich als die wahren Russen erwiesen haben. Ebendiese meine Deutung aber nenne ich „mein Paradox“. Belinski[22] zum Beispiel, ein von Natur leicht und leidenschaftlich begeisterter Mensch, ist fast als erster direkt zu den europäischen Sozialisten, die schon die ganze Form der europäischen Zivilisation verneinten, übergetreten, und zu gleicher Zeit hat er bei uns, in der russischen Literatur, bis zum Schluß gegen die Slawophilen gekämpft – scheinbar für das ganz Entgegengesetzte. Wie erstaunt wäre er gewesen, wenn ihm diese selben Slawophilen damals gesagt hätten, daß gerade er der erste Kämpfer für das russische Recht, für den russischen Geist und Anfang, gerade für all das, was er in Rußland an Europa bekämpfte, wenn man ihm bewiesen hätte, daß in Wirklichkeit gerade er der russische Konservative sei – und das ausschließlich, weil er in Europa Sozialist und Revolutionär war? Und so war es ja beinahe auch wirklich. Es wurde von beiden Seiten ein großer Fehler begangen, nämlich der, daß alle damaligen Westler Rußland mit Europa verwechselten, im Ernst für Europa hielten und, Europa samt seinen Formen verneinend, ernstlich glaubten, dieselbe Verneinung gälte auch für Rußland, während Rußland durchaus nicht Europa war, sondern nur in einem europäischen Rock steckte, unter ihm aber ein vollkommen anderes Wesen barg. Davon sich zu überzeugen, forderten die Slawophilen auf, indem sie direkt auf die Tatsache hinwiesen, daß die Westler Unvergleichbares verglichen oder gar für identisch hielten, und daß die Folgerung, die für Europa paßte, sich keineswegs auch auf Rußland anwenden ließ: teilweise schon deshalb nicht, weil all das, was sie in Europa wünschten, in Rußland schon längst vorhanden war und ist, jedenfalls wenigstens im Keim und in der Möglichkeit, und sogar sein Wesen ausmacht, nur nicht in revolutionärer Form, sondern gerade in derjenigen, in welcher diese Ideen der universalen Erneuerung der Menschheit erscheinen müssen: in der Gestalt der Wahrheit Gottes, der Wahrhaftigkeit Christi, die sich irgendeinmal auf der Erde doch verwirklichen wird, und die sich unversehrt allein in unserem Glauben erhalten hat. Sie forderten auf, erst Rußland kennen zu lernen und dann Folgerungen zu ziehen. Doch damals waren – um die Wahrheit zu sagen – keine Möglichkeiten vorhanden, etwas von Rußland kennen zu lernen. Und wer konnte denn damals etwas von Rußland wissen? Die Slawophilen wußten, natürlich, hundertmal mehr als die Westler – und das ist das Minimum –; doch auch sie handelten fast nur tastend und tappend, apriorisch und abstrakt, indem sie sich mehr auf ihren bloßen Instinkt verließen. Irgend etwas kennen zu lernen ist erst in den letzten zwanzig Jahren möglich geworden, doch – wie viele wissen denn selbst jetzt etwas von Rußland? Es ist viel, sehr viel, daß schon ein Anfang damit gemacht worden ist. Trotzdem erhebt sich kaum eine wichtige Frage, und alle sind sofort verschiedener Meinung bei uns. Nun, und jetzt erhebt sich von neuem die Orientfrage: Hand aufs Herz, wie viele sind ihrer und welche sind es, – die fähig wären, in dieser Angelegenheit übereinzustimmen, und wenn es sich auch nur um einen einzigen Entschluß handelt? Und das noch in einer so wichtigen, großen, in einer so verhängnisvollen und nationalen Frage! Was Orientfrage! man denke doch bloß an unsere hundert, unsere tausend inneren Tagesfragen: – welch eine allgemeine Verwirrung, welche unbeständigen Anschauungen, welch eine Ungewohntheit zu handeln! Rußland wird inzwischen entwaldet, die Gutsbesitzer und Bauern fällen mit wahrer Wut ihre Bäume. Es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, daß der Holzpreis auf ein Zehntel des früheren herabsinkt. Noch bevor unsere Kinder groß werden, wird schon zehnmal weniger Holz auf dem Markt sein. Was daraus folgt, ist vielleicht unser Verderben. Doch versucht man einmal, etwas von der Einschränkung der Rechte des Waldfällens zu sagen, was bekommt man dann zu hören? Von der einen Seite „staatliche und nationale Notwendigkeit“ und von der anderen „Verletzung der Eigentumsrechte“: zwei entgegengesetzte Begründungen. Sofort bilden sich zwei Lager, und noch weiß man nicht, in welches die liberale, alles entscheidende Meinung treten wird. Und sind es wirklich nur zwei Lager? So wird denn diese Frage noch lange unentschieden bleiben. Einer der heutigen Liberalen hat versucht, einen Witz zu reißen: jedes Übel, meinte er, habe auch sein Gutes, und so müsse hinfort, wenn der ganze russische Wald abgeholzt sei, wenigstens endgültig die Körperstrafe aufhören – denn woher wollen die Landrichter Ruten nehmen, wenn keine Wälder mehr da sind? Natürlich ist das eine kleine Beruhigung, doch traut man auch ihr nicht allzusehr: sind keine Bäume mehr vorhanden, so bleiben doch noch Sträucher, oder man kann ja Ruten aus dem Auslande beziehen. Neuerdings werden die Juden Gutsbesitzer – und überall schreibt und schreit man, daß sie den Boden Rußlands ruinieren, daß der Jude sofort, nachdem er das Gut gekauft, um das Kapital mit den Prozenten zurückzugewinnen, alle Kräfte und Reichtümer des gekauften Landes aussaugt. Versucht jemand, etwas dagegen zu sagen – so wird sofort von allen Seiten losgeschrien, man verletze das Prinzip der ökonomischen Freiheit und der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung! Möge man doch wenigstens hierbei die Gleichberechtigung aus dem Spiel lassen, da es sich in erster Linie um den ausgesprochensten Talmud-status in statu handelt; wenn hier nicht nur Aussaugung des Bodens, sondern auch die Aussaugung unseres Bauern droht, der nun, befreit vom Gutsbesitzer, in die Sklaverei dieser neuen „Herren“ gerät, derselben, die aus dem westrussischen Bauern schon alles gezogen, was aus ihm noch zu ziehen war, die jetzt nicht nur Güter und Bauern kaufen, sondern auch die liberale Meinung – und zwar mit gutem Erfolg. Warum aber ist das alles so bei uns? Warum diese Unentschlossenheit und diese Uneinigkeit bei jedem Entschluß? Meiner Meinung nach kommt das durchaus nicht von irgendeiner Unbegabtheit und Unfähigkeit zur Tat, sondern von unserer fortdauernden Unkenntnis Rußlands, seines Wesens, Sinnes und Geistes, obgleich seit Belinski und den Slawophilen schon zwanzig Jahre vergangen sind. Und es gibt sogar noch einen anderen Grund: in diesen zwanzig Jahren ist die Kenntnis Rußlands in Tatsachen und Einzelheiten weit, weit fortgeschritten, – der russische Instinkt aber hat sich verringert im Verhältnis zu früher. Der Grund hierfür? Wenn nun die Slawophilen durch ihren russischen Instinkt gerettet worden sind, so muß doch dieser Instinkt auch in Belinski gewesen sein und sogar so stark, daß die Slawophilen ihn für ihren besten Freund gehalten haben! Hier lag aber ein großes Mißverständnis von beiden Seiten vor. Nicht umsonst hat man einmal von Belinski gesagt: „wenn er langer gelebt hätte, so wäre er bestimmt zu den Slawophilen übergetreten“. In diesen Worten war ein Gedanke.

Das Ergebnis des Paradoxons

„Sie behaupten also,“ wird man mir sagen, „daß jeder Russe, der sich in einen europäischen Kommunarden verwandelt, allein schon dadurch sofort zum russischen Konservativen wird?“ Nein, das zu behaupten, wäre denn doch etwas zu gewagt. Ich wollte nur bemerken, daß in dieser Idee, selbst wenn man sie wörtlich nimmt, etwas Wahres liegt. Es ist vor allen Dingen viel Unbewußtes dabei und meinerseits vielleicht ein zu starker Glaube an den unvergänglichen russischen Instinkt und an die Lebenszähigkeit des russischen Geistes. Doch schön, schön, mag ich auch selbst wissen, daß es ein Paradox ist, so will ich doch die Folgerung aus ihm ziehen: das ist gleichfalls eine Tatsache, eine Folgerung aus der Tatsache. Ich habe vorhin gesagt, daß die Russen sich in Europa durch Liberalismus auszeichnen, und daß sich ihrer wenigstens neun Zehntel der Linken und äußersten Linken anschließen, sobald sie nur mit Europa in Berührung kommen ... vielleicht sind es auch nicht neun Zehntel: auf der Zahl will ich nicht bestehen. Ich bestehe nur darauf, daß es unvergleichlich mehr liberale Russen gibt, als unliberale. Doch haben wir natürlich auch solche. Tatsächlich gibt es, und hat es immer gegeben, Russen – die Namen einiger von ihnen sind weltberühmt –, die nicht nur die europäische Kultur nicht verneint, sondern, im Gegenteil, sie dermaßen angebetet haben, daß sie schon ihren letzten russischen Instinkt verloren, ihre russische Persönlichkeit und ihre Muttersprache, Russen, die ihre Heimat gewechselt und, wenn sie auch nicht zu fremden Völkern übertraten, so doch ganze Generationen hindurch in Europa blieben. Tatsache ist nun, daß alle diese Russen, im Gegensatz zu den liberalen, im Gegensatz zu deren Atheismus und Kommunismus, sich alsbald zur Rechten und äußersten Rechten geschlagen haben und echte europäische Konservative geworden sind.

Viele von ihnen haben ihren Glauben gewechselt und sind zum Katholizismus übergetreten. Sind das nicht echte Konservative, ist das nicht schon die äußerste Rechte? Sie sind Konservative in Europa und umgekehrt – die vollkommensten Verneiner Rußlands geworden. Sie werden zu Zerstörern, zu Feinden Rußlands! Da sieht man, was das heißt, sich aus einem Russen in einen Europäer verwandeln, sich zum „wahren Sohn der Zivilisation“ machen, – eine bemerkenswerte Tatsache, die zweihundert Jahre Experiment uns gegeben haben. Daraus folgt, daß der Russe, der wirklich Europäer wird, nicht anders kann, als zu gleicher Zeit auch der natürliche Feind Rußlands werden: War es das, was die wollten, die „das Fenster durchbrachen“? Hatten sie das im Auge? Und so bekamen wir zwei Typen des zivilisierten Russen: den Europäer Belinski, der zu gleicher Zeit Europa verneinte und sich im höchsten Grade als Russe erwies, und den echten, altadligen russischen Fürsten Gagarin, der es, nachdem er Europäer geworden, für notwendig befand, nicht nur zum Katholizismus überzutreten, sondern auch noch gleich unter die Jesuiten zu gehen. Wer ist von beiden der größere Feind Rußlands? Wer ist mehr Russe geblieben? Und bekräftigt nicht dieses zweite Beispiel von der äußersten Rechten mein voriges Paradox, daß die russischen europäischen Sozialisten und Kommunarden – vor allen Dingen keine Europäer sind und zum Schluß echte, prächtige Russen werden, sobald das Mißverständnis sich aufklärt und sie ihr Land kennen lernen! Und zweitens, daß kein einziger Russe ernstlich Europäer wird, wenn er nur noch ein bißchen, wenn auch nur verschwindend wenig, Russe bleibt! Ist dem aber so, – dann muß folglich auch Rußland etwas vollkommen Selbständiges und Besonderes sein, etwas, das Europa nicht im geringsten gleicht. Ja, und Europa selbst ist vielleicht gar nicht im Unrecht, wenn es die Russen tadelt und über ihr Revolutionärtum lacht: „Wir sind also Revolutionäre nicht nur für die Zerstörung, dort, wo nicht wir gebaut haben, nicht wie die Hunnen und Tataren, sondern für irgend etwas anderes, das wir bis jetzt selbst noch nicht wissen – die aber, die es wissen, behalten es für sich. Kurz, wir sind – Revolutionäre aus irgendeiner eigenen Notwendigkeit heraus, sozusagen Revolutionäre aus Konservativismus ...“

Doch all das sind Übergangsstadien, wie ich schon gesagt habe, all das ist nebensächlich und liegt abseits – heute wenigstens, da sich die ewig unbeantwortete Orientfrage wieder erhoben hat.

Utopische Geschichtsauffassung

In diesen ganzen hundertfünfzig Jahren nach Peter dem Großen haben wir nichts anderes getan, als die Gemeinschaft mit allen nur möglichen menschlichen Zivilisationsformen zu erwerben versucht, durch die Teilnahme an der Geschichte und durch die Bekanntschaft mit den Idealen aller Völker. Zuerst haben wir uns gezwungen und dann haben wir uns gewöhnt, die Franzosen zu lieben, die Deutschen und all die anderen gleichfalls, als ob das unsere Brüder gewesen wären, ganz abgesehen davon, daß sie uns nie geliebt haben und wohl auch willens sind, uns hinfort nicht zu lieben. Doch darin bestand ja unsere Reform, die ganze Tat Peters des Großen: sie hat in anderthalb Jahrhunderten unseren Blick erweitert, – eine Tatsache, die vielleicht noch bei keinem Volk, weder in der alten noch in der neuen Geschichte, vorgekommen ist. Das Rußland vor Peter war tätig und festgefügt, wenn es sich auch politisch langsam entwickelte. Es hatte sich zur Einheit herausgearbeitet und schickte sich an, seine Grenzen zu befestigen, und bei sich wußte es, daß es einen Schatz in sich trug, wie es keinen zweiten in der Welt mehr gibt – die Rechtgläubigkeit; wußte, daß es der Hüter der Wahrheit Christi ist, wirklich der gewißlichen Wahrheit, des wahrhaften Ebenbildes Christi, das sich in allen anderen Glaubensformen und bei allen anderen Völkern verdunkelt hat. Dieser Schatz, diese ewige, in Rußland gegenwärtige Wahrheit, deren Aufbewahrung uns als Aufgabe zugefallen, befreite geradezu das Gewissen der besten damaligen Russen (nach ihrer eigenen Meinung) von der Pflicht, sich um das Wissen anderer Völker zu kümmern. Ja, in Moskau kam man sogar zu der Überzeugung, daß jede engere Berührung mit Europa schädlich und demoralisierend auf das russische Gemüt und auf die russische Idee wirken, die Rechtgläubigkeit selbst entstellen und Rußland auf den Weg des Verderbens bringen könnte, „nach dem Beispiel aller anderen Völker“. So schickte sich denn das alte Rußland in seiner Abgeschlossenheit an, Unrecht zu tun, – Unrecht an der Menschheit, indem es sich dafür entschied, ratlos seinen Schatz, seine Rechtgläubigkeit bei sich zu behalten und sich von Europa, d. h. von der Menschheit, abzuschließen, – in der Art unserer Sektierer, die mit niemandem aus einer Schüssel essen, sondern es für eine heilige Pflicht halten, daß ein jeder sich eine besondere Tasse und einen besonderen Löffel anschafft. Dieser Vergleich stimmt buchstäblich, denn vor Peter waren unsere politischen wie geistigen Beziehungen zu Europa von derselben Art. Seit der Reform Peters jedoch gewannen wir die beispiellose Erweiterung des Blicks, – und darin, wiederhole ich, besteht die ganze Größe der Tat unseres „Ehernen Reiters“. Dieses ist der Schatz, den wir, die obere kultivierte Schicht Russen, nach einer anderthalb Jahrhunderte langen Abwesenheit aus unserem eigenen Lande dem Volke bringen, und den das Volk, nachdem wir uns selber vor seiner Wahrheit gebeugt, von uns annehmen muß, sina qua non, „widrigenfalls die Vereinigung beider Schichten sich als unmöglich erweisen und alles untergehen wird.“

Was ist das nun für eine „Erweiterung des Blicks“, worin besteht sie und was für eine Bedeutung hat sie?

Das ist nicht die Aufklärung oder Erleuchtung im eigentlichen Sinne des Wortes, auch nicht die Wissenschaft, es ist auch kein Verrat an den russischen moralischen Grundsätzen im Namen der europäischen Kultur. Nein, das ist etwas, was einzig dem russischen Volke eigen ist: denn eine ähnliche Reform hat es nirgends und noch niemals gegeben. Das ist unsere wirklich und in der Tat fast brüderliche Liebe zu den anderen Völkern, eine Liebe, die wir in anderthalb Jahrhunderten Berührung mit ihnen uns erworben haben. Das ist unser Bedürfnis, der ganzen Menschheit zu dienen, zuweilen sogar zum Nachteil der eigenen, wichtigsten und nächsten Interessen; das ist unsere Aussöhnung mit ihren Kulturen, unser Begreifen und Verzeihen ihrer Ideale, selbst dann, wenn sie sich mit den unsrigen nicht vertragen. Das ist unsere Fähigkeit, die wir uns selbst anerzogen haben, in jeder der europäischen Kulturen, oder richtiger, in jeder europäischen Persönlichkeit die in ihr enthaltene Wahrheit zu entdecken, sogar ungeachtet alles dessen, womit wir grundsätzlich nicht übereinstimmen können. Das ist endlich das Bedürfnis, in erster Linie – gerecht zu sein und nur die Wahrheit zu suchen. Mit einem Wort, das ist vielleicht gerade der Anfang, der erste Schritt dieser aktiven Anwendung unseres Schatzes, unserer Rechtgläubigkeit, zum Dienste der ganzen Menschheit – wozu sie ja bestimmt ist und was ihr wirkliches Wesen ausmacht. Auf diese Weise hat die Reform Peters die Erweiterung unserer früheren Idee bewirkt, unserer alten russisch-moskowitischen Idee: wir bekamen ein vervielfachtes und verstärktes Verständnis für dieselbe: wir erkannten unsere Weltbestimmung, unsere Persönlichkeit und unsere Rolle in der Menschheit, übersahen aber, daß diese Bedeutung und diese Rolle grundverschieden sind von denen der anderen Völker; denn dort lebt jede nationale Persönlichkeit einzig für sich und in sich, wir aber werden, wenn unsere Zeit kommt, gerade damit beginnen, daß wir die Diener Aller werden, um der allgemeinen Versöhnung willen. Das ist durchaus nicht schmählich für uns, im Gegenteil, es ist unsere Größe, denn es führt zur endgültigen Vereinigung der Menschheit. Wer der Höchste im Reiche Gottes sein will, – der werde der Diener Aller. So verstehe ich die russische Prädestination in ihrem Ideal.

Der erste Schritt unserer neuen Politik nach Peter spezifizierte sich denn auch ganz von selbst: dieser erste Schritt lag in dem Plan, das ganze Slawentum unter den Flügeln Rußlands zu vereinigen. Und diese Vereinigung nicht etwa zur Aneignung fremden Besitzes, nicht zur Vergewaltigung, nicht zur Vernichtung der einzelnen slawischen Völkerpersönlichkeiten durch den russischen Koloß, sondern um sie zu erneuen und in das ihnen zustehende Verhältnis zu Europa und zur Menschheit zu bringen, ihnen endlich die Möglichkeit zu geben, friedlich leben zu können und sich nach ihren unzähligen, jahrhundertelangen Leiden zu erholen, um sich im gemeinsamen Geiste zu versammeln und, nachdem man seine neue Kraft gefühlt, auch sein Scherflein in die Schatzkammer des menschlichen Geistes zu bringen, auch sein Wort in der Kultur zu sagen. Oh, natürlich, man kann ja über diese meine „Illusionen“ von russischer Prädestination lachen soviel man will, doch bitte ich wenigstens eines sagen zu dürfen: wünschen etwa nicht alle Russen die Befreiung und Erhebung der Slawen gerade auf dieser Basis, gerade für deren volle persönliche Freiheit und die Auferstehung ihres Geistes, und durchaus nicht, um sie für Rußland politisch zu gewinnen und durch sie Rußland politisch zu verstärken, wie es einstweilen Europa argwöhnt? Das ist doch so, nicht wahr? Dann aber sind doch meine „Illusionen“ zum Teil schon gerechtfertigt? Freilich versteht es sich von selbst, daß zu diesem selben Zweck Konstantinopel – früher oder später doch unser werden muß ...

Herrgott, wie spöttisch ein Österreicher oder Engländer lächeln würde, wenn er diese ausgedachten „Illusionen“ lesen könnte und plötzlich solch eine positive Folgerung fände!

„Konstantinopel, das Goldene Horn, der erste politische Punkt der Welt! – das soll keine politische Eroberung sein!?“

Ja, das Goldene Horn und Konstantinopel – all das wird dereinst unser sein, doch nicht um der Eroberung und der Vergewaltigung willen, antworte ich. Und vor allen Dingen: das wird ganz von selbst geschehen, wenn die Zeit dazu kommt. Es ist der natürliche Ausgang der Balkanfragen. Wenn es bis jetzt noch nicht geschehen ist, so war eben die Zeit noch nicht gekommen. In Europa glaubt man an irgendein „Testament Peters des Großen“. Das ist nichts weiter als ein von Polen geschriebenes, untergeschobenes Papier. Doch wenn Peter auch der Gedanke gekommen wäre, anstatt Petersburg zu gründen, Konstantinopel zu erobern, so hätte er doch diesen Gedanken aufgegeben: selbst dann, wenn er die Macht gehabt hätte, den Sultan zu vernichten – denn damals wäre das unzeitgemäß gewesen und hätte sogar Rußlands Verderben sein können.

Schon in dem finnischen Petersburg sind wir dem Einfluß der benachbarten Deutschen nicht entronnen, – wenn er auch nützlich gewesen ist, so hat er doch die russische Entwicklung, bevor sie ihren rechten Weg fand, ungemein gelähmt, – wie hätten wir dann in Konstantinopel, der großen, eigenartigen Stadt, mit den Resten der ältesten und mächtigsten Kultur, dem Einfluß der Griechen entrinnen können, dieser unvergleichlich „geschliffeneren“ Menschen, als es die rauhen, uns vollkommen unähnlichen Deutschen sind, dem Einfluß dieser Menschen, die bedeutend mehr Berührungspunkte mit uns haben, dieser zahlreichen höfischen Griechen, die sofort den Thron umringt hätten und viel früher als die Russen gelehrt und gebildet geworden wären, die unseren Peter selber, nicht nur seine Nachfolger, bezaubert hätten, schon allein durch ihre Kenntnis der Schiffahrt, – seiner schwachen Seite –?? Kurz, sie hätten Rußland politisch erobert, hätten es, wieder auf irgendeinen neuen asiatischen Weg gelockt, nun, und dem wäre natürlich das damalige Rußland nicht gewachsen gewesen. Seine russische Kraft und Nationalität wären in ihrer Entwicklung unterbrochen worden. Der mächtige Großrusse wäre abseits in seinem dunklen schneeigen Norden geblieben und hätte nur als Material für die Zarenstadt gedient, und vielleicht würde er es zum Schluß sogar überflüssig gefunden haben, ihr noch weiter zu folgen. Der Süden Rußlands aber wäre den Griechen anheimgefallen. Ja, vielleicht hätte sich sogar die Rechtgläubigkeit selber in zwei Welten geteilt: in die südlich-zaristische und die nördlich-altrussische ... Kurz, die Sache wäre im höchsten Grade unzeitgemäß gewesen. Jetzt aber ist es etwas ganz anderes.

Jetzt ist Rußland schon in Europa gewesen und ist nicht mehr so unwissend wie damals. Die Hauptsache aber – es hat seine ganze Kraft erkannt und ist wirklich stark geworden; und außerdem weiß es jetzt, wodurch es dereinst am stärksten sein wird. Jetzt weiß es, daß Konstantinopel uns gehören kann, auch ohne dabei die Hauptstadt zu sein; vor zweihundert Jahren aber, da hätte Peter nach der Eroberung von Byzanz nicht umhingekonnt, dorthin seine Residenz zu verlegen, was das Verderben Rußlands gewesen wäre – denn Byzanz ist nicht Rußland und kann auch niemals Rußland werden. Angenommen aber, daß Peter diesen Fehler nicht begangen hätte, so wären doch bestimmt seine Nachfolger dorthin gezogen. Wenn aber Byzanz heute unser wird, so wird es deshalb noch nicht Rußlands Hauptstadt und somit auch nicht die Hauptstadt des Panslawismus, wie einige träumen. Der Panslawismus ohne Rußland wird sich im Kampf mit den Griechen entkräften, selbst dann, wenn er aus seinen Teilen irgend etwas politisch Ganzes bilden könnte. Daß aber die Griechen allein Byzanz erben, ist jetzt schon unmöglich: einen so wichtigen Punkt der Erde kann man ihnen nicht abtreten, das wäre denn doch etwas zuviel für sie. Der Panslawismus aber mit Rußland an der Spitze – oh, der ist natürlich etwas ganz anderes! Aber ist dieses Andere auch etwas Gutes, fragt es sich? Und würde das nicht wie ein Einstecken der Slawen aussehen, was wir durchaus nicht nötig haben? Also im Namen wessen, im Namen welches moralischen Rechtes könnte denn Rußland Konstantinopel begehren? Auf welche höheren Ziele gestützt, könnte es Byzanz von Europa fordern? Nur als Führer der Rechtgläubigkeit, als ihr Beschützer und Erhalter – in der Rolle, die ihm schon seit Iwan III.[23] zusteht: zum Zeichen dessen hat dieser den zweiköpfigen byzantinischen Adler über das alte Wappen Rußlands gestellt, wenn Rußland dieser Führer auch erst seit Peter dem Großen wirklich geworden ist, als es die Kraft in sich fühlte, seine Bestimmung zu erfüllen, und in der Tat der einzige wahrhafte Beschützer und Erhalter der Rechtgläubigkeit, wie der ihr angehörigen Völker wurde. Dieser Grund, dieses Recht auf das alte Byzanz, wäre selbst den auf ihre Unabhängigkeit eifersüchtigsten Slawen und sogar den Griechen verständlich und hätte nichts Kränkendes für sie. Damit würde sich das wirkliche Wesen dieser politischen Beziehungen selbst zu erkennen geben, Beziehungen, die sich unfehlbar in Rußland zu allen übrigen rechtgläubigen Völkern herstellen müssen – ob Slawen oder Griechen, bleibt sich gleich. Rußland ist ihre Beschützerin und vielleicht sogar ihre Führerin, doch nicht ihre Herrscherin. Sollte Rußland aber einmal ihre Zarin werden, so wird das nur auf ihre eigene Wahl hin geschehen können, mit der Aufrechterhaltung alles dessen, was sie selbst zur Sicherung ihrer Unabhängigkeit und Selbständigkeit und Eigenart bestimmen ... so daß zu solch einem Vaterlande auch die nicht rechtgläubigen Slawen werden hinzutreten können, denn sie würden selbst sehen, daß die Vereinigung unter dem Schutze Rußlands nur eine Sicherstellung der unabhängigen Persönlichkeit eines jeden ist, da sie ohne diese große, vereinende Kraft sich vielleicht wieder in Streitigkeiten untereinander entkräften würden, selbst wenn sie einmal von Muselmännern oder Europäern, denen sie jetzt gehören, politisch unabhängig werden sollten.

Wozu mit Worten spielen, wird man mir sagen: was ist das, diese „Rechtgläubigkeit“? und worin liegt hier eine so besondere Idee, solch ein besonderes Recht auf die Vereinigung der Völker? Ist das nicht ganz ebensolch ein politischer Verband wie alle übrigen, wenn auch auf den breitesten Grundlagen, in der Art der Vereinigten Staaten Amerikas vielleicht, oder womöglich auf noch breiteren?

Ich werde diese Frage sofort beantworten.

Nein, es wird nicht dasselbe sein, und es ist auch kein Spiel mit Worten, sondern hierdurch wird wirklich etwas Besonderes und noch nicht Dagewesenes geschehen. Es wird nicht nur eine politische Vereinigung sein und noch weniger eine politische Aneignung oder Vergewaltigung, – wie Europa es sich nicht anders denken kann; und nicht im Namen eines Krämerwesens, oder persönlicher Vorteile und der ewigen, immer gleichen vergötterten Laster unter dem Schein des offiziellen Christentums, an das in Wirklichkeit niemand mehr außer dem Pöbel glaubt. Nein, hierdurch soll die Wahrheit Christi zur Wirklichkeit werden, diese Wahrheit, die einzig im Osten noch erhalten wird, die wirkliche, neue Herrschaft Christi und die Verkündung des endgültigen Wortes der Rechtgläubigkeit, deren Haupt schon längst Rußland ist. Das wird ja das Ärgernis sein für alle Starken dieser Welt, die bis jetzt hienieden triumphiert haben, die immer auf ähnliche „Erwartungen“ mit Verachtung und Spott herabgesehen und nicht einmal begreifen können, wie man ernstlich an die Brüderlichkeit der Menschen, an die Allversöhnung der Völkerschaften glauben kann, an einen Bund, der auf der Basis der Alldienstbarkeit der Menschheit gegründet ist, und endlich selbst an die Erneuerung der Menschen auf Grund der wahrhaften Lehre Christi. Ist aber der Glaube an dieses „neue Wort“, das Rußland als Haupt der vereinten Rechtgläubigkeit der Welt sagen kann, eine „Utopie“, die nur des Spottes wert ist, so möge man auch mich zu diesen Utopisten rechnen, und den Fluch der Lächerlichkeit will ich dann gerne tragen.

„Schon das allein ist Utopie,“ wird man vielleicht noch einwenden, „daß man Rußland irgendeinmal einfach erlauben werde, an die Spitze der Slawen zu treten und in Konstantinopel einzuziehen. Man kann ja nicht verbieten, sich Illusionen zu machen, doch bleiben es immerhin Illusionen.“

Ist das wirklich so? Doch abgesehen davon, daß Rußland stark ist und vielleicht noch viel stärker, als es selbst ahnt, ganz abgesehen davon – waren es nicht unsere eigenen Augen, die noch in den letzten Jahrzehnten zwei riesige, Europa beherrschende Mächte sich aufrichten sahen, von denen die eine in Staub und Schutt zusammenbrach, in einem Tage vom Sturme Gottes hinweggefegt, und an deren Stelle sich ein neues Reich erhob, dem ein an Kraft ähnliches, sollte man meinen, die Erde noch nicht getragen hat? Und wer hätte das voraussehen können? Wenn aber solche Veränderungen möglich sind, schon in unseren Tagen und vor unseren Augen, wie kann dann der menschliche Verstand vollkommen und buchstäblich das Schicksal des Ostens weissagen wollen? Wer hat wirklich Ursache, in der Hoffnung auf die Auferstehung und Einigung der Slawen zu verzagen? Unbekannt sind uns Menschen die Wege Gottes allzeit gewesen.