Foma Daniloff
Es ist jetzt[24] wohl ein Jahr her, daß die Zeitungen die Nachricht brachten von dem Märtyrertode des Unteroffiziers des 2. Turkistanischen Schützenbataillons, Foma Daniloff. Er war in die Gefangenschaft der Kiptschaken geraten und von ihnen in Magelan nach vielen raffinierten Foltern endlich am 21. November barbarisch umgebracht worden, weil er nicht in ihren Dienst und zum Mohammedanismus hatte übertreten wollen. Der Chan selber hat ihm Belohnungen, seine Gunst und alle möglichen Ehren versprochen, wenn er eingewilligt hätte, Christus zu verleugnen. Daniloff aber hat geantwortet, daß er das Kreuz nicht verraten könne und als Untertan des Zaren, wenn auch in der Gefangenschaft, seine Pflicht dem Zaren und dem Christentum gegenüber erfüllen müsse. Seine Peiniger haben sich über die Kraft seiner Seele gewundert und ihn einen Helden genannt.
Damals rief diese Nachricht, wenn sie auch von allen Zeitungen mitgeteilt wurde, doch kein besonderes Interesse in der Gesellschaft hervor; ja, selbst die Blätter, die sie nur wie eine gewöhnliche Tagesneuigkeit brachten, fanden es nicht für nötig, sich noch besonders darüber zu verbreiten. Darauf kamen die slawische Bewegung, Tschernjäjeff[25], die Serben und manches andere. Es kamen Spenden und Freiwillige, und der gefolterte Foma geriet in völlige Vergessenheit – das heißt in den Zeitungen. Erst kürzlich hörten wir wieder etwas von ihm, oder vielmehr von seiner Familie, nach der der Gouverneur von Samara inzwischen geforscht hatte. Daniloff hat eine 27jährige Frau, Jewrossinja, und eine sechsjährige Tochter, Ulita, in ärmlichen Verhältnissen zurückgelassen. Eine Sammlung für sie ergab 1320 Rubel, von denen 600 für die Tochter bis zu ihrer Mündigkeit verzinst werden sollen, während den Rest die Mutter erhält; außerdem hat eine Schule die kleine Ulita als Stipendiatin aufgenommen. Bald darauf benachrichtigte dann der Chef des Generalstabes den Gouverneur von Samara, daß nach Allerhöchster Bestimmung der Witwe eine lebenslängliche Pension von 120 Rubel jährlich ausgezahlt werden solle. Und nun – wird die Sache wahrscheinlich wieder vergessen werden, besonders in Anbetracht der gegenwärtigen Aufregungen, politischen Befürchtungen, der schwebenden Fragen, Krachs usw.
Oh, ich will durchaus nicht behaupten, daß unsere Gesellschaft sich zu dieser ungewöhnlichen Tat gleichgültig, wie zu einem nicht beachtenswerten Geschehnis, verhalten hätte! Tatsache ist nur, daß darüber wenig gesprochen worden ist, oder richtiger, daß niemand davon als von etwas Besonderem gesprochen hat. Übrigens, vielleicht hat man es auch irgendwo getan, bei Kaufleuten, bei Geistlichen zum Beispiel, nicht aber in der „Gesellschaft“, nicht in den Kreisen unserer „Intelligenz“. Das Volk natürlich wird diesen großen Tod nicht vergessen. Dieser Held hat Qualen für Christus erduldet und ist ein großer Russe gewesen: das versteht das Volk zu schätzen, und solche Taten vergißt es nie. Und doch ist es mir, als hörte ich schon einige mir so wohlbekannte Stimmen sagen: „Tja, das ist allerdings Kraft, Stärke, und wir erkennen sie ja auch an, aber – es ist doch immer eine blinde, sagen wir wie das Volk: eine ‚dunkle‘ Kraft, die sich in etwas allzu vorsintflutlicher Gestalt geoffenbart hat, und darum – was hätten wir da als etwas Besonderes besprechen sollen? Nicht von unserer Welt ist das. Eine ganz andere Sache aber ist Kraft, die sich intellektuell, die sich bewußt zeigt. Es gibt noch andere Dulder und andere Kräfte, es gibt auch Ideen, die unvergleichlich höher sind – die kosmopolitische Idee zum Beispiel ...“
Doch trotz dieser vernünftigen und „intellektuellen“ Stimmen scheint es mir erlaubt und verzeihlich, etwas Besonderes auch über Daniloff zu sagen. Ja, ich glaube sogar, daß es selbst unsere Intelligenz nicht gar so sehr erniedrigen würde, wenn sie sich etwas aufmerksamer zu dieser Tat verhalten hätte. Mich, zum Beispiel, wundert am meisten, daß sich damals nirgendwo Verwunderung geäußert hat, – gerade Verwunderung. Ich rede nicht vom Volke: dort ist Verwunderung nicht nötig, und darum wird es sich auch in diesem Falle nicht gewundert haben: die Tat Daniloffs kann ihm nicht ungewöhnlich erscheinen, schon allein wegen des großen Glaubens unseres Volkes an sich selber nicht. Seine Antwort auf diese Heldentat wird nur ein mächtiges Gefühl und eine tiefe Rührung sein. Sollte aber etwas Ähnliches in Europa geschehen, ich meine, ein solcher Beweis von Mut und Größe, sei es bei den Engländern, bei den Franzosen oder bei den Deutschen, so würde der Ruhm des betreffenden Helden über die ganze Welt hin erschallen. Nein, hört mal, wißt ihr auch, wie mir dieser „dunkle“, unbekannte Soldat des Turkistanischen Bataillons vorkommt? Ja, der ist doch – der ist doch das Symbol ganz Rußlands, unseres ganzen volklichen Rußlands, das wahrhafteste Abbild dieses selben Rußlands, dem unsere Zyniker und Allwissenden jetzt schon jeden Geist abstreiten, wie jede Möglichkeit der Erhebung und Offenbarung eines großen Gedankens oder großen Gefühls. Hört mal, ihr seid ja gar nicht diese Zyniker. Ihr seid ja im ganzen nur intellektuell-europäisierte Russen, das heißt, im Grunde die gutmütigsten Leute! Auch ihr, nicht wahr, leugnet doch nicht, daß unser Volk im vergangenen Sommer stellenweis ungewöhnliche Geisteskraft bewiesen hat: viele Bauern verließen bekanntlich ihre Häuser und Kinder und gingen hin, um für den Glauben zu sterben, für die bedrückten Brüder, – weiß Gott wohin und weiß Gott mit welchen Mitteln, ganz genau so, wie einst vor neun Jahrhunderten in Europa die ersten Kreuzfahrer auszogen, – diese selben Kreuzfahrer, deren Wiedererscheinen manch einer unserer Intellektuellen für fast lächerlich und beleidigend halten würde, „in unserem,“ wie er sagt, „Jahrhundert des Fortschritts, der positiven Aufgaben usw.“ Schön, mag diese unsere Bewegung im vorigen Sommer auch nach eurer Meinung blind und sogar „nicht recht gescheit“ gewesen sein, sozusagen „kreuzfahrerisch“, so könnt ihr doch nicht leugnen, wenn ihr nur ein wenig größer schaut, daß es eine überzeugungsvolle und großmütige Bewegung gewesen ist. Eine mächtige Idee erwachte und erweckte und zog vielleicht Hunderttausend, vielleicht Millionen Seelen mit einem Schlage aus der Gleichgültigkeit, dem Zynismus und dem Schmutz, in dem sie sich bis dahin gewälzt. Wie ihr wißt, hält man unser Volk bis jetzt noch, wenn auch für gutmütig und geistig sogar sehr begabt, doch für eine dunkle, elementare, erkenntnislose Masse, die ohne Ausnahme Lastern und Vorurteilen ergeben und fast durchweg sittenlos ist. Nun aber erdreiste ich mich, etwas auszusprechen, das man, wenn man will, ein Axiom nennen kann, und zwar: Um über die sittliche Kraft eines Volkes und darüber, zu was es in Zukunft fähig sein kann, zu urteilen, muß man nicht den Grad der Verderbnis, bis zu der es sich zeitweilig und womöglich in seiner Mehrzahl selbst erniedrigt, in Betracht ziehen, sondern nur die Geisteshöhe, bis zu der es sich wird emporschwingen können, wenn die Zeit dazu gekommen sein wird. Denn Verderbnis ist nur ein temporäres Unglück und hängt so gut wie immer von den vorhergehenden und vorübergehenden Umständen ab, von der Sklaverei, der Unterdrückung, Verrohung; die Gabe aber der Großmut ist ewig, elementar, ist eine Gabe, die mit dem Volke geboren wird und um so höher zu ehren ist, wenn sie durch Jahrhunderte der Sklaverei, des Unglücks und der Armut sich trotzdem im Herzen dieses Volkes unverletzt erhalten hat.
Foma Daniloff war dem Ansehen nach vielleicht eines der allergewöhnlichsten und unauffälligsten Exemplare des russischen Bauern, so unauffällig wie das russische Volk selber. – Oh, viele haben dieses Volk überhaupt noch nicht bemerkt! – Möglich, daß er seinerzeit nicht ungern ohne Arbeit war und ein Gläschen trank, möglich, daß er nicht einmal viel betete, wenn er auch natürlich seinen Gott nie vergaß! Und plötzlich befiehlt man ihm nun, seinen Glauben zu ändern, – unter Androhung des Märtyrertodes! Dabei nicht zu vergessen, was das für eine Folter ist, diese asiatische Folter! Vor ihm sitzt der Chan in eigener Person und verheißt ihm seine Gnade und alles Schöne. Und Daniloff begreift nur zu gut, daß seine Weigerung den Mächtigen unbedingt reizen wird und es die Eigenliebe der Kiptschaken kränken muß, daß „ein Christenhund es wagt, den Islam so zu verachten“. Doch trotz allem, was ihn erwartet, nimmt dieser unansehnliche russische Mensch die grausamen Qualen auf sich und stirbt, seine Peiniger in Erstaunen setzend. Wißt ihr auch, daß von uns kein einziger das getan hätte? Vor aller Augen leiden, mag zuweilen sogar angenehm sein, hier aber ging doch die Qual ganz weltfern vor sich, in einem stummen Winkel: keiner sah ihn; und Foma selber konnte nicht wissen, daß seine Tat über das ganze Land der Russen hin bekannt werden würde. Ich glaube, gar manchen großen Märtyrern, sogar solchen aus den ersten Jahrhunderten des Christentums, gereichte es, wenn sie das Kreuz auf sich nahmen, nicht wenig zum Trost und zur Erleichterung, sich sagen zu können, daß ihr Tod den Zaghaften und Schwankenden ein Beispiel sei und noch mehr Jünger für Christus werben werde. Foma Daniloff konnte selbst diesen großen Trost nicht haben: er war allein unter seinen Henkern – niemand, mußte er sich sagen, würde erfahren, was mit ihm geschah. Er war noch jung und hatte Weib und Kind in der Heimat, – niemals würde er sie wiedersehen – doch sei es! „Wo ich auch bin, gegen mein Gewissen kann ich nicht handeln; ich wähle den Märtyrertod,“ – Wahrheit um der Wahrheit willen und nicht zum Ruhme! Und weder Lug noch Trug noch sophistisches Spiel mit dem eigenen Gewissen: „Werde den Islam einfach zum Schein annehmen, errege lieber keinen Anstoß, es wird ja doch niemand sehen, später kann ich ja Buße tun, das Leben ist lang, werde der Kirche spenden, Gutes tun ...“ Nichts davon war in ihm, sondern nur wundernehmende, uranfängliche, elementare Ehrlichkeit. Nein, ich glaube nicht, daß wir ebenso gehandelt hätten!
Doch das sind wir, – aber für unser Volk, wiederhole ich, hat die Heldentat Daniloffs vielleicht sogar nicht das geringste Verwunderliche. Das ist es ja, daß hier geradezu ein Symbol des russischen Volkes geboten wird, eine ganze Darstellung unseres Volkes: deswegen berührt dieser Tod mich so nah und auch euch, natürlich auch euch! Gerade so liebt unser Volk die Wahrheit nur um der Wahrheit willen und nicht um des Ruhmes willen. Möge es auch noch so roh und gemein und sündig und unscheinbar sein; doch laßt nur seine Zeit kommen, laßt nur die Zeit der Volkswahrheit anbrechen, so werdet auch ihr erstaunen über seine Geistesfreiheit, die seine Größe dann vor dem Joch des Materialismus, der Leidenschaften, der Geld- und Habgier, und sogar unter Androhung des grausamsten Foltertodes, beweisen wird. Und all das wird es einfach, ohne Phrasen und Gesten tun, nur fest in seiner Überzeugung, ohne Belohnung oder Lob zu verlangen, ohne mit seiner Tat zu prahlen: „Woran ich glaube, das bekenne ich auch.“
Wißt, man muß die Wahrheit nicht zu umgehen suchen: ich glaube, daß wir solch ein Volk nichts mehr lehren können. Das ist ein Sophismus, versteht sich, doch kommt er einem zuweilen unwillkürlich in den Sinn. Oh, natürlich, wir sind gebildeter als das Volk, aber was sollen wir es denn lehren – fragt es sich! Ich rede hier nicht von den Handwerken, nicht von der Technik, nicht von der Mathematik, – das werden ihm auch die zugereisten Deutschen schon für Lohn beibringen, wenn wir es selbst nicht tun. Nein, aber wir, was sollen wir es lehren? Wir sind doch Russen, sind Brüder diesem Volke und folglich verpflichtet, es zu erleuchten. Was können wir ihm Moralisches, welches Höhere können wir ihm geben, was ihm erklären, und womit diese „dunklen“ Seelen erleuchten? Volksaufklärung ist unser Recht und unsere Pflicht im höchsten christlichen Sinne: wer das Gute weiß und das wahrhafte Wort des Lebens kennt, der muß, der ist verpflichtet, es seinem nichtwissenden, im Dunkel irrenden Bruder zu sagen, lehrt uns die Bibel. Was sollen wir nun dem Irrenden sagen, was er selbst nicht besser wüßte als wir? Zuerst natürlich, daß „lernen nützlich ist und man lernen muß“, – nicht wahr? Aber das Volk hat schon vor uns gesagt: „lernen – ist Licht, nicht lernen – ist Finsternis“. Besiegung der Vorurteile, zum Beispiel, Vernichtung der Götzen? Aber in uns selber ist doch solch eine Unmenge von Vorurteilen, und Götzen haben wir uns so viele zugelegt, daß das Volk uns offen sagen wird: „Arzt, heile dich selber.“ – Und unsere Götzen versteht es bereits ganz vorzüglich zu erkennen! Oder sollen wir es Selbstachtung lehren, persönliche Würde? Aber unser Volk, als Ganzes genommen, achtet sich selber viel mehr als wir uns, ehrt und begreift seine Würde viel tiefer als wir. In der Tat, wir sind so furchtbar in uns selbst verliebt, aber wir achten uns dabei doch nicht im geringsten, und persönliche Würde, einerlei worin sie auch bestände, gibt es bei uns überhaupt nicht. Oder sollen wir dem Volk etwa Achtung vor fremden Überzeugungen beibringen? Unser Volk beweist schon seit Peters des Großen Zeiten, daß es auch die Überzeugungen Fremder zu achten versteht, wir aber verzeihen ja nicht einmal unter unseresgleichen die kleinste Abweichung von unseren Überzeugungen, und wer mit uns nicht übereinstimmt, den halten wir einfach für einen Dummkopf, wobei wir ganz vergessen, daß, wer so leicht die Achtung für andere verliert, in erster Linie sich selbst nicht achtet. Oder sollen wir etwa das Volk Glauben an sich und seine Kräfte lehren? Das Volk hat Foma Daniloffs zu Tausenden, wir aber glauben überhaupt nicht an russische Kräfte, ja, und halten diesen Unglauben noch für höhere Bildung, und es fehlt nicht viel, auch noch für Heldenhaftigkeit. Aber so sagt doch, was können wir das Volk denn lehren? Wir verabscheuen, wir hassen sogar all das, was unser Volk liebt und ehrt, und wonach sein Herz sich sehnt. Nun also: was sind wir denn für Volksfreunde? Man wird vielleicht entgegnen, daß wir folglich das Volk nur um so mehr lieben, wenn wir, ihm Besseres wünschend, seine Unwissenheit verabscheuen. O nein, meine Herren, keineswegs: wenn wir wahrhaft und in der Tat unser Volk liebten und nicht nur in Artikeln und Broschüren, so würden wir etwas näher zu ihm hingehen und uns bemühen, erst einmal das kennen zu lernen, was wir jetzt, wie es uns gerade beliebt, nach europäischer Schablone in ihm vernichten wollen: dann würden wir vielleicht selbst so viel Neues lernen, wie wir uns jetzt noch nicht einmal träumen lassen.
Übrigens haben wir einen Trost: unseren großen Stolz vor unserem Volke. Darum verachten wir es ja auch so: verachten es, weil es national ist und aus seiner ganzen Kraft auf dieser seiner Nationalität besteht, wir aber – wir haben kosmopolitische Überzeugungen, haben uns als unser Ziel die Allmenschheit gesetzt und uns über unser Volk somit selbst hinausgehoben. Nun, und das ist ja unsere ganze Zwietracht, unser ganzer Bruch mit dem Volk. Und so sage ich denn meine Meinung: versöhnen wir uns mit ihm in diesem Punkte, so hört sofort auch unser Zwist mit ihm auf. Dazu aber gibt es eine Möglichkeit, die außerdem sehr leicht zu finden ist. Im übrigen wiederhole ich nochmals nachdrücklichst, daß sogar unser allerschroffster Widerspruch im Grunde nur eine – Selbsttäuschung ist.
Doch was ist das nun für eine Versöhnungsmöglichkeit?
Die Versöhnungsmöglichkeit außerhalb der Wissenschaft
Zuerst hebe ich das am meisten Bestrittene hervor und beginne ohne weiteres damit:
„Jedes große Volk glaubt und muß glauben, wenn es nur lange am Leben bleiben will, daß in ihm, und nur in ihm allein, die Rettung der Welt liegt, daß es bloß lebt, um an die Spitze aller Völker zu treten, sie alle in das eigene Volk aufzunehmen und sie, in harmonischem Chor, zum endgültigen, ihnen allen vorbestimmten Ziele zu führen.“
Ich behaupte, daß es so mit allen großen Völkern der Erde war, mit den ältesten, wie mit den jüngsten, daß nur dieser Glaube allein sie zu der Möglichkeit, jedes zu seiner Zeit einen großen Einfluß auf die Schicksale dir Menschheit auszuüben, erhoben hat. So war es zweifellos mit dem alten Rom, und so war es später mit dem zweiten Rom in der katholischen Periode der Geschichte dieser Stadt. Als dann Frankreich seine katholische Idee erbte, geschah ganz dasselbe auch mit Frankreich, und im Zeitraum von fast zwei Jahrhunderten, bis zu seinem Sturz in unserem Jahrhundert und seiner jetzigen Resignation, glaubte Frankreich sich zweifellos die ganze Zeit über an der Spitze der Völker, hielt sich, wenigstens moralisch, zeitweilig aber auch politisch, für ihren Führer und Wegweiser zur Zukunft. Danach strebte freilich auch Deutschland in seinen Träumen und stellte der katholischen Weltidee und ihrer Autorität seinen Protestantismus und die unbegrenzte Freiheit des Geistes und der Forschung gegenüber. Ich wiederhole, dasselbe geschieht mehr oder weniger mit allen großen Nationen auf der Höhe ihrer Entwicklung. Man wird mir sagen, daß das nicht wahr sei, daß das ein Irrtum von mir sei, und wird mich auf das Bewußtsein dieser selben Völker aufmerksam machen, auf die Erkenntnis ihrer Gelehrten und Denker, die gerade auf die gemeinschaftliche, die vereinte Bedeutung der europäischen Nationen hingewiesen haben, der Nationen, die vereint an der Schöpfung und Vollendung der europäischen Zivilisation mitgewirkt haben ... nun, und ich werde diesen Einwand selbstverständlich nicht ohne weiteres abweisen. Doch abgesehen davon, daß solche Vernunftschlüsse im allgemeinen gewissermaßen das Ende des lebendigen Lebens eines Volkes bedeuten, will ich einstweilen nur auf eines hinweisen: diese selben kosmopolitischen Denker haben, was sie da auch von der Weltharmonie der Nationen geschrieben, immerhin zu gleicher Zeit und meistenteils mit unmittelbarem, lebendigem und aufrichtigem Gefühl, ganz so wie die Masse ihres Volkes, fortgesetzt geglaubt, daß in diesem Chor der Nationen, die die Weltharmonie und die gemeinsame Zivilisation ausmachen, gerade sie (sagen wir, zum Beispiel, die Franzosen) das Haupt dieser ganzen Vereinigung sind, sie die vordersten, sie diejenigen, denen es vorherbestimmt ist, zu führen, die anderen aber ihnen nur nachfolgen: daß sie (die Franzosen) von diesen anderen Völkern nun, meinetwegen, vielleicht auch etwas entlehnen, doch immerhin nur etwas, daß dafür aber jene anderen Völker von ihnen alles übernehmen, wenigstens alles Erstrangige, und nur von ihrem Geist und von ihrer Idee zu leben vermögen, ja, und ihnen überhaupt nichts übrigbleibe, als sich schließlich ihrem Geiste anzuschließen und sich mit ihnen, den Franzosen, früher oder später zu verschmelzen. Und auch in dem heutigen resignierten und innerlich zerfallenen Frankreich lebt noch eine derartige Idee, die eine neue, doch meiner Meinung nach vollkommen natürliche Phase gerade seiner früheren katholischen Weltidee in ihrer Entwicklung ist; und nicht weniger als die Hälfte aller Franzosen glaubt auch jetzt, daß in ihr und nur in ihr allein die Rettung nicht nur Frankreichs, sondern der ganzen Welt liegt: das ist ihr französischer Sozialismus. Diese Idee – das heißt, dieser ihr Sozialismus – ist natürlich unwahr und aussichtslos; doch jetzt handelt es sich nicht mehr um ihre Qualität, sondern darum, daß sie jetzt vorhanden ist, ein lebendiges Leben lebt, und daß diejenigen, die sich zu ihr bekennen, nicht von Wehmut und Zweifeln befallen sind, wie alle übrigen Franzosen. Anderseits sehe man sich doch den Engländer an, einerlei was für einen, den Lord oder den Arbeiter, den Gelehrten oder den Ungebildeten, und man wird sich überzeugen, daß jeder einzelne Engländer sich bemüht, vor allen Dingen Engländer zu sein, in allen Lebenslagen Engländer zu bleiben, im öffentlichen wie im Privatleben, in der Politik wie in der Gesellschaft und im Geschäft: und sogar die Menschheit zu lieben, bemüht er sich nicht anders, denn nur als Engländer. Und wenn dem auch so wäre, wird man mir entgegnen, so wie ich es behaupte, dann würde doch solch ein Eigendünkel jedes großen Volkes unwürdig sein: der Egoismus und unsinnige Chauvinismus würden seine Bedeutung verringern oder gar sein nationales Leben schon gleich zu Anfang schädigen und verderben, statt ihm Lebenskraft zu geben. Man wird sagen, daß ähnliche sinnlose, stolze Ideen keiner Nachahmung wert seien, sondern, im Gegenteil, von der Vernunft, die alle Vorurteile vernichtet, ausgerottet werden müßten. Nun, wenn das von der einen Seite auch sein Wahres hat, so muß man doch, denke ich, nichtsdestoweniger die Frage auch von der anderen Seite nehmen: dann aber erscheint meine Meinung durchaus nicht erniedrigend, sondern sogar umgekehrt – erhebend. Was tut’s, daß der lebensfremde Jüngling träumt, dereinst ein Held zu werden? Glaubt mir: stolze und hochmütige Träume können diesem Jüngling viel nützlicher und lebenbringender sein als die „Vernünftigkeit“ eines Knaben, der schon mit sechzehn Jahren an der weisen Regel festhält, daß „Glück besser als Heldentum“ sei. Glaubt mir, das Leben jenes Jünglings wird nach durchlebter Armut und mißglückten Versuchen als Ganzes doch schöner sein als das behagliche Dahinvegetieren seines vernünftigen Schulkameraden, der sein Leben unter allen nur denkbaren Bequemlichkeiten verbringt. Solch ein Glaube an sich ist nicht unmoralisch und keineswegs eine Selbstüberhebung. Und ebenso ist es auch mit den Völkern: mag es auch vernünftige, friedliche und zufriedene Völker geben, die ohne Überschwenglichkeiten ein gutes Leben führen, Handel treiben, Schiffe bauen, und sich mit Behagen ihres Lebens freuen: nun, Gott hab’ sie selig, weit werden sie es nicht bringen! Daraus wird doch nur so eine echte Mittelmäßigkeit entstehen, von der die Menschheit nichts, aber auch nichts hat: die große Energie, die mächtige Selbstachtung fehlt ihnen! Jene Kraft ist nicht unter ihnen, die alle großen Völker treibt. Der Glaube daran, daß du der Welt das letzte Wort sagen willst und kannst, daß du die Welt mit dem Überfluß deiner lebendigen Kraft erneuen wirst, der Glaube an die Heiligkeit der eigenen Ideale, der Glaube an die Kraft der eigenen Liebe und des eigenen Verlangens, der Menschheit zu dienen, – nein, solch ein Glaube ist das Unterpfand für das allerhöchste Leben der Nationen, und nur mit ihm bringen sie der Menschheit den ganzen Nutzen, den zu bringen ihnen vorherbestimmt gewesen, jenen ganzen Teil ihrer Lebenskraft und organischen Idee, die die Natur selber bei ihrer Schöpfung ihnen vorausbestimmt hat, als Erbe der späteren Menschheit zu vermachen. Nur die eines solchen Glaubens fähige Nation hat das Recht auf ein höheres Leben. Der legendäre Ritter der alten Zeiten glaubte, daß er alle Hindernisse, alle Gespenster und Ungeheuer besiegen, daß er alles erreichen werde, wenn er nur treu sein Gelübde „Gerechtigkeit, Keuschheit und Armut“ bewahrte. Ihr sagt: „Ach, das sind Legenden und alte Lieder, an die nur ein Don Quijote noch glaubt! nicht derart sind die Gesetze des wirklichen Lebens der Nationen.“ Nun, dann fange und überführe ich euch zum Trotz und sage, daß auch ihr ganz solche Don Quijotes seid, daß auch ihr selbst ebensolch eine Idee habt, an die ihr glaubt und durch die ihr die Menschheit erneuen wollt!
In der Tat, woran glaubt ihr denn? Ihr glaubt – ja, und ich mit euch – an die Allmenschheit, das heißt, daran, daß dereinst vor dem Lichte der Vernunft und Erkenntnis die natürlichen Schranken und Vorurteile, die bis heute noch die freie Gemeinschaft der Nationen durch den Egoismus der nationalen Forderungen vereiteln, fallen werden, und daß dann erst die Völker beginnen können, in einem einheitlichen Geiste und einhellig wie Brüder zu leben, vernünftig und mit Liebe zu allgemeiner Harmonie strebend. Nun, meine Freunde, was kann es Höheres und Heiligeres geben, als dieser euer Glaube es ist? Und die Hauptsache ist noch: diesen Glauben werdet ihr nirgends in der ganzen Welt finden, bei keinem einzigen Volk zum Beispiel in Europa, wo die Charaktere der Nationen doch ungewöhnlich scharf umrissen sind, wo dieser Glaube, wenn er überhaupt da ist, nicht anders sich findet, als in Gestalt irgendeiner bloß apriorischen, einer vielleicht lebhaften und feurigen, aber doch nicht mehr als bloß studierstubenhaften Erkenntnis. Bei euch aber, das heißt nicht gerade bei euch, wohl aber bei uns, bei uns allen, uns Russen, – ist dieser Glaube allgemein lebendig und überwiegt alle anderen Ideen. Von uns glauben alle daran, sei es mit vollem Bewußtsein in der intellektuellen Welt, sei es ganz einfach mit lebendigem Instinkt im einfachen Volke, dem seine Religion schon befiehlt, an diesem selben Glauben festzuhalten. Ihr dachtet wohl, ihr wäret die einzigen „Allmenschen“ aus der ganzen russischen Intelligenz, die anderen aber nur Slawophile oder Nationalisten? So ist es denn doch nicht: die Slawophilen und Nationalisten glauben an ganz genau dasselbe, an was ihr glaubt, ja, und tun das noch viel stärker als ihr!
Ich nehme jetzt nur die Slawophilen: was war es denn, das sie durch ihre ersten Führer von ihrer Lehre verkündeten? Sie erklärten in klaren, treffenden Folgerungen: daß Rußland zusammen mit allen Slawen, und selbst an ihrer Spitze, der ganzen Welt das größte Wort sagen werde, das die Menschheit jemals vernommen hat, und daß dieses Wort gerade das Gebot der allmenschlichen Vereinigung sein wird, und zwar nicht im Geiste eines persönlichen Egoismus, in dem sich jetzt Menschen und Nationen künstlich und unnatürlich in ihrer Zivilisation vereinigen, zum „Kampf ums Dasein“, indem sie mittels positiver Wissenschaft dem freien Geiste moralische Grenzen setzen und zu gleicher Zeit sich gegenseitig Gruben graben, belügen, beschimpfen und verleumden. Das Ideal der Slawophilen war vielmehr die Vereinigung im Geiste der wahren großen Liebe, ohne Lüge und Materialismus, und auf Grund des persönlichen großmütigen Beispiels, wie es bestimmt ist, vom russischen Volke an der Spitze der freien panslawischen Vereinigung Europa gegeben zu werden. Ihr sagt allerdings, daran glaubtet ihr keineswegs, und all das seien nur Spekulationen der Gelehrtenstuben. Doch hier ist nicht das wichtig, was irgend jemand glaubt, sondern wichtig ist, daß bei uns alle, trotz ihrer ganzen Meinungsverschiedenheiten, in diesem einen endgültigen, gemeinsamen Gedanken der allmenschlichen Vereinigung sich treffen und übereinstimmen. Das ist eine Tatsache, die keinem Zweifel untersteht, und die an sich schon erstaunlich ist; denn dieses Gefühl gibt es noch nirgends, in keinem einzigen Volke, in einem solchen Grade: als ein so lebendiges und hauptsächliches Bedürfnis. Ist dem aber so, dann haben also auch wir, wir alle, eine feste und bestimmte Nationalidee: ja, gerade eine nationale Idee. Folglich wäre, wenn die nationale russische Idee zu guter Letzt nur die universale allmenschliche Vereinigung ist, das Ratsamste für uns, so schnell wie möglich unsere Uneinigkeiten beizulegen und national, d. h. Russen, zu werden. Unsere ganze Rettung liegt ja darin, daß wir nicht im voraus darüber streiten, wie und wann sich diese Idee verwirklichen wird, ob nach eurer oder nach unserer Annahme, sondern daß wir alle zusammen von der Betrachtung geradeswegs zur Tat übergehen. Aber gerade hier liegt nun freilich der wunde Punkt.
In Europa sind wir bloß Landstreicher
Denn wie seid ihr eigentlich zur Tat übergegangen? Ihr habt doch schon längst begonnen, schon vor langer, langer Zeit, aber was habt ihr denn für die Allmenschheit, das heißt zur Verwirklichung eurer Idee getan?
Ihr begannt mit ziellosem Umherstreichen durch Europa, mit dem heftigen Verlangen, euch in „Europäer“ zu verwandeln, wenn auch nur dem Anscheine nach. Das ganze achtzehnte Jahrhundert hindurch taten wir ja nichts anderes, als den Schein eines Europäertums annehmen. Wir zwangen uns europäischen Geschmack auf, aßen sogar allerhand ekelhaftes gepfeffertes Zeug nach europäischem Beispiel und bemühten uns krampfhaft, dabei das Gesicht nicht zu verziehen: „Seht, was ich für ein Engländer bin, kann nichts mehr ohne Paprika essen!“ Ihr glaubt vielleicht, daß ich euch verspotten will? Fällt mir nicht ein. Ich verstehe nur zu gut, daß man anders überhaupt nicht hätte anfangen können, „Europäer“ zu werden. Wir mußten gerade mit der Verachtung des Eigenen beginnen, und wenn wir ganze zwei Jahrhunderte auf diesem Punkt geblieben sind, uns weder vorwärts noch rückwärts bewegt haben, so wird das wohl die uns von der Natur bestimmte Frist gewesen sein. Allerdings, so ganz regungslos sind wir doch nicht geblieben: unsere Verachtung für das Eigene wuchs immer mehr, und besonders als wir anfingen, Europa etwas gründlicher zu verstehen. In Europa übrigens verwirrte uns die schroffe Absonderung der Nationen, die scharfe Zeichnung der Typen nationaler Charaktere nicht im geringsten. Unser Erstes war ja, daß wir „alles Entgegengesetzte abwarfen“ und den kosmopolitischen Typus des „Europäers“ annahmen, das heißt also, daß wir gleich am Anfang schon das Gemeinsame, was sie alle verbindet, herauszufinden verstanden, – und das ist sehr bezeichnend. Mit der Zeit noch klüger geworden, hielten wir uns darauf unmittelbar an die Zivilisation und glaubten sofort blind und kritiklos, daß in ihr allein das „Gemeinsame“, das berufen ist, die Menschheit zu vereinen, enthalten sei. Sogar die Europäer wunderten sich, wenn sie uns, die Fremdlinge, sahen, über diesen unseren begeisterten Glauben, um so mehr, als sie damals schon anfingen diesen selben Glauben bei sich zu verlieren. Begeistert empfingen wir Rousseau und Voltaire, freuten uns innigst mit dem reisenden Karamsin[26] über die Zusammenrufung der „Nationalstaaten“ im Jahre 1789, und wenn wir auch später, nach dem ersten Viertel unseres Jahrhunderts, mit den fortgeschrittensten Europäern in Verzweiflung gerieten über die untergegangenen Träume und zerschlagenen Ideale, so verloren wir doch nicht unseren Glauben und trösteten sogar noch die Europäer. Selbst die im Vaterlande „weißesten“ Russen wurden in Europa sofort „rot“ – gleichfalls ein außerordentlich charakteristischer Zug. Darauf, schon in der Mitte dieses Jahrhunderts, erachteten sich einige von uns bereits für würdig, zum französischen Sozialismus überzutreten, und sie nahmen ihn ohne das geringste Bedenken für die endgültige Lösung der allmenschlichen Vereinigung, also für die Erreichung unserer ganzen Idee, die uns bis jetzt mit sich fortgerissen. Auf diese Weise hielten wir für das realisierte Ziel das, was in Wirklichkeit der größte Egoismus war, was den Gipfel der Unmenschlichkeit, der ökonomischen Sinnlosigkeit und des politischen Wirrwarrs, den Gipfel der Verleugnung aller menschlichen Natur, den Gipfel der Vernichtung jeder menschlichen Freiheit ausmachte. Doch das, wie gesagt, beunruhigte uns weiter nicht. Im Gegenteil: sahen wir betrübtes Bedenken oder Nichtbegreifenkönnen mancher tiefen europäischen Denker, so nannten wir sie ohne Bedenken dumm. Wir glaubten widerspruchslos, und glauben ja auch jetzt noch, daß die positive Wissenschaft durchaus fähig sei, die moralischen Grenzen zwischen den Persönlichkeiten der einzelnen wie der Nationen zu bestimmen, – als ob die Wissenschaft, selbst wenn ihr das möglich wäre, diese Geheimnisse vor der Vollendung des Versuchs, das heißt, vor der Vollendung aller Schicksale des Menschen auf der Erde, entdecken könnte. Unsere Gutsbesitzer verkauften ihre leibeigenen Bauern und fuhren nach Paris, um dort sozialistische Blätter herauszugeben, und unsere Rudins[27] starben auf den Barrikaden. Währenddessen hatten wir uns aber schon so von unserer russischen Erde gelöst, daß wir jede Vorstellung davon verloren, bis zu welchem Grade solch eine Lehre sich von der Seele des russischen Volkes entfernt. Übrigens schätzten wir den russischen Volkscharakter nicht nur nicht, sondern sprachen unserem Volk überhaupt jeden Charakter ab. Wir vergaßen, an unser Volk auch nur zu denken, und waren in unerschütterlicher Ruhe überzeugt – ohne überhaupt zu fragen –, daß unser Volk sofort alles annehmen werde, worauf wir es hinweisen, richtiger: was wir ihm befehlen würden. In dieser Hinsicht hat es bei uns immer die komischsten Anekdoten über das Volk gegeben. Unsere Allmenschen blieben im Verhältnis zu ihrem Volk durchaus Gutsherren und Gutsbesitzer, und das sogar noch nach der Bauernreform.
Was aber haben wir damit erreicht? Wirklich sonderbare Ergebnisse: vor allem werden wir von ganz Europa spöttisch angesehen. Auf die allerklügsten Russen blickt man im Westen nur mit hochmütiger Herablassung. Davor hat sie nicht einmal die Emigration gerettet, auch die politische nicht. Um keinen Preis wollen uns die Europäer für ihresgleichen anerkennen, für keine Opfer und auf keinen Fall! „Grattez le Russe,“ sagen die Franzosen, „et vous verrez le Tartare,“ und so ist es noch heute. Unser Barbarentum ist bei ihnen zum Sprichwort geworden. Und je mehr wir ihnen zu Gefallen unsere Nationalität verachteten, um so mehr verachteten sie wiederum uns. Wir scharwenzelten vor ihnen, bekannten ihnen knechtisch unsere „europäischen“ Anschauungen und Überzeugungen; sie aber hörten uns herablassend kaum an und meinten gewöhnlich mit, nun ja, höflichem Lächeln, um uns schneller los zu werden, wir hätten das bei ihnen „nicht ganz richtig verstanden“. Es wundert sie, daß wir, die wir solche Tataren sind, auf keinerlei Art und Weise Russen werden können. Wir jedoch haben es ihnen niemals erklären können, daß wir nicht Russen, sondern Allmenschen sein wollen. Es ist wahr, in der letzten Zeit scheint ihnen doch irgend etwas aufgegangen zu sein: sie haben begriffen, daß wir etwas wollen, etwas, das für sie furchtbar und gefährlich ist; sie sagen sich, daß es unserer viele gibt, achtzig Millionen, daß wir alle europäischen Ideen kennen und verstehen, während sie von unseren russischen Ideen überhaupt nichts wissen, und daß sie, wenn sie auch etwas von ihnen wüßten, sie doch nicht verstehen könnten; daß wir alle Sprachen sprechen, sie aber nur die ihrigen – nun, und noch vieles andere scheint ihnen mit der Zeit halbwegs aufgegangen zu sein und ihren Verdacht erweckt zu haben. Kurz, die Folge davon war, daß sie uns die Feinde und zukünftigen Zerstörer der europäischen Zivilisation nannten. So haben sie unser leidenschaftliches Ideal, Allmenschen zu werden, verstanden!
Und doch können wir uns unmöglich von Europa lossagen. Europa ist uns zum zweiten Vaterlande geworden – ich selbst bin der erste, der sich leidenschaftlich zu Europa bekennt. Europa ist uns allen fast ebenso teuer wie Rußland. In ihm wohnt Japhets Stamm, und unsere Idee ist: die Vereinigung aller Nationen dieses Stammes – und sogar noch weiter, viel weiter, bis zu Sem und Ham. Was sollen wir da nun tun?
Als erstes und vor allen Dingen – Russen werden. Ist die Allmenschheit die russische Nationalidee, so muß vor allem ein jeder von uns erst Russe werden, das bedeutet aber so viel wie: „er selbst“. Dann wird sich vom ersten Schritt an alles verändern. Russe werden, heißt aufhören, sein eigenes Volk zu verachten. Sobald der Europäer sieht, daß wir unser Volk und unsere Nationalität achten, wird er sofort auch uns achten. In der Tat, je stärker und selbständiger wir uns in unserem nationalen Geiste entwickeln würden, desto stärkeren und tieferen Widerhall dürften wir im Europäer finden und ihm sofort verständlicher werden. Dann würde man uns auch nicht mehr hochmütig loswerden wollen, sondern würde uns gern zuhören. Auch äußerlich würden wir dann anders werden. Sind wir erst wir selbst geworden, so werden wir auch endlich Menschengestalt annehmen, und nicht wie bisher nur Affengestalt haben. Wir werden wie freie Wesen, nicht wie Sklaven oder Diener sein; und man wird uns dann für Menschen halten, nicht für internationale Landstreicher, nicht für die Elenden des Europäismus, Liberalismus und Sozialismus. Auch reden werden wir mit ihnen klüger als jetzt; denn in unserem Volke und seinem Geiste können wir neue Worte finden, die den Europäern bestimmt verständlicher sein werden. Und wir selbst werden dann einsehen, daß vieles von dem, was wir an unserem Volke verachtet haben, – nicht Finsternis, sondern Licht ist, nicht Dummheit, sondern im Gegenteil – Geist. Und haben wir erst das begriffen, dann werden wir Europa jenes Wort sagen, das man dort noch niemals gehört hat. Dann werden wir uns überzeugen, daß das wirkliche soziale Wort kein anderes Volk als unser Volk in sich trügt; daß in seiner Idee, in seinem Geiste das lebendige Bedürfnis nach der Allvereinigung der Menschheit liegt, nach einer Vereinigung, die volle Achtung für die Persönlichkeit jeder einzelnen Nation und für ihre Erhaltung, für die Erhaltung der Freiheit der Menschen in sich schließt, und die nur den Hinweis darauf enthält, worin diese Freiheit besteht: in der Vereinigung durch Liebe, sichergestellt bereits durch die Tat, durch das lebendige Beispiel, durch das Bedürfnis nach der wahrhaften Brüderlichkeit in der Wirklichkeit, – nicht aber durch die Guillotine, nicht durch Millionen gefällter Köpfe ...
Hm ... habe ich etwa wirklich jemanden überzeugen wollen? Das war ja nur ein Scherz. Doch – schwach ist nun einmal der Mensch: vielleicht liest es einer von den Knaben ... einer von der jungen Generation ...