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Sämtliche Werke 13 cover

Sämtliche Werke 13

Chapter 44: Die brennende Tagesfrage
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About This Book

A collection of essays and speeches that probe political, religious and cultural questions through historical and philosophical reflection. Early pieces analyze Western European debates over republic versus monarchy, church and state, political power and cultural currents. A large section focuses on Russia, considering social composition, popular character, reformist paradoxes, finance and diplomatic strategy. Subsequent essays examine Balkan, Ottoman and Asian issues, evaluating war, diplomacy and relations with neighboring regions. Throughout, the writer blends historical narrative, moral and spiritual inquiry and policy argument to debate national identity, international position and possible paths forward.

Eine der wichtigsten gegenwärtigen Fragen

Was sollen wir denn tun?

... Ich habe mir eigentlich vorgenommen, niemals über unsere Belletristik im rein kritischen Sinne zu schreiben, außer wenn es einmal not tun sollte oder, sagen wir, bei einer besonderen „Veranlassung“. Diese Veranlassung hat sich nun[28] ganz plötzlich gefunden: ich bin vor ungefähr einem Monat auf eine dermaßen ernste und charakteristische Stelle in unserer modernen Literatur gestoßen, daß ich sie sogar mit Verwunderung gelesen habe. Der Schriftsteller Graf Leo Tolstoi – ein Künstler im wahrsten Sinne des Wortes und vorzüglicher Erzähler – hat in seinem Roman „Anna Karenina“ alles, was es Wichtiges in unseren gegenwärtigen russischen politischen und sozialen Fragen gibt, in einen Punkt zusammengefaßt. Und das Bemerkenswerteste: er hat es getan mit allen charakteristischen Nüancen unserer gegenwärtigen Zeit, geradeso, wie diese Frage sich uns heute stellt und – unbeantwortet bleibt ...

Über den Roman selbst will ich nur das Notwendigste sagen. Wie wir alle, las auch ich vor langer Zeit den Roman im „Russischen Boten“. Zuerst gefiel er mir sehr; dann, als Ganzes, weniger, wenn auch die Einzelheiten mich noch sehr interessierten. Es schien mir immer, daß ich alles schon einmal irgendwo gelesen hatte, und zwar in „Kindheit und Jugend“ und in „Krieg und Frieden“ desselben Grafen Tolstoi, und – daß es dort frischer gewesen wäre. Immer dieselbe Geschichte einer russischen Gutsbesitzersfamilie, wenn auch das jeweilige Sujet natürlich ein anderes ist. Personen wie Wronski, zum Beispiel, – einer der Helden des Romans –, die unter sich von nichts anderem als von Pferden sprechen, ja, nicht einmal fähig sind, von anderem als von Pferden zu sprechen, waren natürlich interessant genug, um einmal ihren Typ kennen zu lernen, doch sonst furchtbar einförmig und nur zu einer bestimmten Menschen- und Gesellschaftsklasse gehörig. Es schien, daß die Liebe dieses „Hengstes im Waffenrock“, wie ihn einer meiner Freunde nennt, überhaupt nur in ironischem Tone geschildert werden könnte. Als aber der Verfasser von der inneren Welt seines Helden nicht mehr ironisch, sondern im Ernst zu erzählen begann, da erschien mir das sogar langweilig. Doch plötzlich wurden alle meine Vorurteile verscheucht: es kam die Sterbeszene der Heldin (später wurde sie wieder gesund), und ich begriff die eigentlichen Ziele des Verfassers. Mitten in diesem flachen und brutalen Leben tauchte die ewige, große Lebenswahrheit auf und erhellte alles mit einem Schlages. Diese kleinlichen, leeren, verlogenen Leute wurden plötzlich zu aufrichtigen und wahrhaften „Menschen“, die wirklich wert waren dieses Namens – wurden es durch die natürliche Kraft des Naturgesetzes, den Tod. Die Schale fiel ab, und es erschien einzig die wahre Gestalt. Die Letzten wurden die Ersten, und die Ersten (Wronski) wurden plötzlich die Letzten, verloren ihre ganze Aureole und erniedrigten sich tief; doch wurden sie dadurch unvergleichlich besser, würdiger und wahrer, als sie als Erste gewesen waren. Haß und Lüge sprachen in Worten der Verzeihung und Liebe. An Stelle der stumpfen, weltlichen Begriffe trat reine Nächstenliebe. Alle verziehen und gaben den anderen recht. Die Sonderstellung und der Kastengeist verschwanden, und diese „Papiermenschen“ wurden plötzlich wirklichen Menschen ähnlich! Es gab keine Schuldigen: jeder beschuldigte sich selbst, und somit waren sie alle gerechtfertigt. Der Leser fühlt, daß es eine Lebenswahrheit gibt, die allerwirklichste und die allerunvermeidlichste, an die man glauben muß, und daß unser ganzes Leben und alle unsere Erregungen, wie die flachsten und schädlichsten, so auch die, welche wir oft für die höchsten halten, meistens nur kleinliche, phantastische Eitelkeiten sind, die vor dem Moment der Lebenswahrheit fallen und hinschwinden, sogar ohne sich zu verteidigen. Die Hauptsache war der Hinweis, daß dieses Moment wirklich ist, wenn es auch selten in seiner ganzen, erhellenden Klarheit und in manchem Leben vielleicht überhaupt nicht erscheint. Dieses Moment ist vom Dichter gefunden und uns in seiner ganzen furchtbaren Wahrheit gezeigt. Er hat bewiesen, daß diese Wahrheit wirklich vorhanden ist, nicht nur auf Treu und Glauben, nicht nur im Ideal, sondern sichtbar, vor unserem Auge. Gerade dieses, glaube ich, wollte uns der Dichter beweisen, als er sein Werk begann. Den russischen Leser an diese ewige Wahrheit zu erinnern, tat ja nur zu sehr not: wie viele hatten sie schon vergessen! Mit diesem Erinnern hat der Dichter eine gute Tat vollbracht, ganz abgesehen davon, daß er sie als ein Künstler von ungewöhnlicher Größe ausgeführt hat.

Darauf zog sich der Roman wieder hin, und dann plötzlich fand ich zu meinem Erstaunen eine Szene, die unsere „brennende Tagesfrage“ enthielt, eine Szene, die vor allen Dingen nicht etwa tendenziös hineingesetzt war, sondern die sich gerade aus dem ganzen künstlerischen Wesen des Romans von selbst ergab. Nichtsdestoweniger war ich überrascht und nicht wenig erstaunt: solch eine echte „Tagesfrage“ hatte ich denn doch nicht erwartet. Aus irgendeinem Grunde hatte ich nicht geglaubt, daß der Autor sich entschließen werde, seine Helden in ihrer Entwicklung bis zu solchen Extremen zu bringen. In der Tat: in diesen Extremen des Ergebnisses liegt ja gerade der Sinn der Wirklichkeit, und ohne den würde der Roman von etwas unbestimmter Art sein, die nicht entfernt weder den gegenwärtigen noch den wichtigsten russischen Interessen entspricht: es würde irgendein Winkel des Lebens dargestellt sein, mit beabsichtigter Ignorierung des Hauptsächlichsten und Aufregendsten in diesem selben Leben. Übrigens, glaube ich, verfalle ich hier in Kritik. Das aber ist, wie gesagt, nicht meine Absicht. Ich wollte nur auf eine Szene hinweisen, in der zwei Personen sich von einer Seite zeigen, von welcher sie für uns jetzt am charakteristischsten sind. Jener Typ Menschen, zu dem diese beiden gehören, ist vom Autor in den für uns interessantesten Gesichtskreis gestellt – ist in seiner gegenwärtigen sozialen Bedeutung erfaßt worden.

Beide sind Edelleute und echte Gutsbesitzer, und beide leben sie jetzt in der Zeit nach der Bauernreform. Es ist noch nicht lange her, da waren sie Herren leibeigener Gutsbauern. Und nun stellt sich die Frage: was bleibt von diesen Edelleuten nach der Bauernreform noch übrig? Das ist die Frage, die der Verfasser wenigstens teilweise zu beantworten versucht hat. Der eine von ihnen, Stiwa Oblonski, ist Egoist, feiner Epikureer, wohnt in Moskau und ist dort Mitglied des „Englischen Klubs“. Solche Leute hält man gewöhnlich für unschuldige und liebenswürdige Bonvivants, für Lebeleute, die niemanden stören, für geistreiche und bloß zu ihrem Vergnügen lebende Menschen. Meistens haben sie eine zahlreiche Familie; mit der Frau und den Kindern gehen sie freundlich um, doch denken sie wenig an sie. Besonders gefallen ihnen leichte Frauenzimmer, versteht sich – von der anständigen Sorte. Sie sind wenig gebildet, doch lieben sie alles Schöne, Elegante und die Kunst natürlich, und ganz besonders gern hören sie sich selbst reden und die Unterhaltung beherrschen.

Als die Bauernreform durchgeführt wurde, begriff Stiwa Oblonski sofort die ganze Sachlage: er rechnete nach und überlegte, daß ihm immerhin noch ein gewisses Einkommen verblieb, somit also kein Grund vorhanden war, sein Leben zu verändern, und im übrigen: – après moi le déluge. Sich mit Gedanken an die Zukunft seiner Frau und Kinder zu beunruhigen, das fiel ihm im Traume nicht ein. Die Reste seines Vermögens und seine Verbindungen bewahrten ihn vor dem Leben eines Hochstaplers; würden aber seine „Einnahmen“ durch die Reform vollständig verloren gegangen sein, und hätte er nicht länger, ohne selbst etwas zu tun, seine Einkünfte einkassieren können, so würde er vielleicht auch ein raffinierter Dieb geworden sein, selbstverständlich einer, der mit allen Anstrengungen des Verstandes, zuweilen sogar eines sehr scharfen Verstandes, versuchte, wenigstens ein möglichst anständiger und vornehmer Dieb zu bleiben. Früher kam es natürlich vor, daß er, um eine Kartenschuld oder eine Geliebte zu bezahlen, seine Leibeigenen als Soldaten verkaufte; doch solche Erinnerungen peinigten ihn nie, ja, er vergaß sie einfach. Ist er auch Aristokrat, so hat er doch selber seinen Adel niemals geschätzt. Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft aber hat er für ihn überhaupt aufgehört. Für ihn gab’s nur den „Zufallsmenschen“, dann den Beamten von einem gewissen Range ab und ferner den Reichen. Der Eisenbahnaktionär und der Bankier wurden eine Macht für ihn, und alsbald suchte er ihre Bekanntschaft und Freundschaft.

Das Gespräch entspinnt sich aus dem Vorwurf, den Lewin, sein Verwandter (gleichfalls ein Gutsbesitzer, doch der vollkommen entgegengesetzte Typ: der Herr, der auf seinem Gute wohnt und es sogar selbst bewirtschaftet) Oblonski macht, weil dieser zu den „Eisenbahnleuten“ fährt, zu ihren Diners und Festen, zu zweideutigen, nach Lewins Meinung, schädlichen und schändlichen Menschen. Oblonski widerspricht ihm scharf. Überhaupt hat sich ihr Verhältnis zueinander seit der Verheiratung Lewins mit Oblonskis Schwägerin etwas zugespitzt. Hinzu kommt noch, daß in unserem Jahrhundert der Spitzbube, der den Ehrenmann widerlegt, diesem immer „über“ ist; denn er hat den Anschein der Würde, die in der gesunden Vernunft liegt, während der Ehrenmann, der leicht einem Idealisten gleicht, gewöhnlich den Anschein eines Narren hat. Die beiden Jäger sind in einer Bauernscheune, wo sie im Heu übernachten. Oblonski erklärt, daß es unsinnig wäre, die „Eisenbahnleute“, ihre Intrigen, ihren schnellen Verdienst, das Konzessionen Erbitten und Wiederverkaufen, zu verachten; daß sie ebensolche Leute seien wie die anderen, Leute, die mit Mühe und Verstand arbeiteten, ganz so wie alle; und schließlich sei das Ergebnis ihrer Arbeit ein viel bedeutenderes: sie geben uns die Eisenbahn.

„Aber jeder Erwerb, der zu der geleisteten Arbeit in keinem Verhältnis steht, ist unehrlich,“ sagte Lewin darauf.

„Ja, wer bestimmt denn das Verhältnis?“ fuhr Oblonski fort ... „Du hast die Grenze zwischen der ehrlichen und unehrlichen Arbeitsleistung nicht festgesetzt. Daß ich ein größeres Gehalt beziehe als mein Sekretär, obgleich er die Sache viel besser versteht, als ich, – das ist also unehrlich?“

„Ich weiß nicht ...“

„Nun, dann werde ich es dir sagen: daß du von deinem Gute überflüssige, sagen wir, fünf Tausend erhältst, dieser Bauer aber, wie er auch arbeiten mag, nicht mehr als fünfzig Rubel bekommt, ist genau so unehrlich wie das, daß ich ein größeres Gehalt als mein Sekretär beziehe ...“

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„Nein, erlaube,“ unterbrach ihn Lewin. „Du sagst, es sei ungerecht, daß ich fünf Tausend bekomme und dieser Bauer nur fünfzig: das ist wahr. Das ist ungerecht, und ich fühle es auch, aber ...“

„Ja, du fühlst es, aber du gibst ihm nicht dein Gut,“ sagte Oblonski, als ob er Lewin absichtlich reizen wollte.

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„Ich gebe es nicht, weil das niemand von mir verlangt, und selbst wenn ich’s wollte, so darf ich es nicht fortgeben ... und es ist ja auch niemand da, dem ich’s geben könnte.“

„Gib es diesem Bauer, er wird es nicht ablehnen.“

„Ja, aber wie geb’ ich es ihm denn? Soll ich etwa zu ihm gehen und einen Kaufkontrakt mit ihm abschließen?“

„Das weiß ich nicht. Wenn du jedoch überzeugt bist, daß du kein Recht hast ...“

„Ich bin durchaus nicht überzeugt! Im Gegenteil, ich fühle, daß ich nicht das Recht habe, mein Gut fortzugeben, daß ich Pflichten meinem Lande und meiner Familie gegenüber habe!“

„Nein, erlaube; wenn du aber diese Ungleichheit ungerecht findest, warum handelst du dann nicht so ...“

„Ich handle doch so, aber nur negativ, in dem Sinne, daß ich mich nicht bemühen werde, diesen Unterschied, der zwischen mir und ihm besteht, noch zu vergrößern.“

„Nein, verzeih, aber das ist paradox ...“

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„Also, mein Freund: entweder anerkennen, daß die gegenwärtige Einteilung der Gesellschaft gerecht ist, und dann seine Rechte verteidigen, oder gestehen, daß man ungerechte Vorzüge genießt, wie zum Beispiel ich es tue, und sich ihrer mit Vergnügen weiterbedienen.“

„Nein, wenn das ungerecht wäre, so könntest du dich dieser Vorteile nicht mit Vergnügen bedienen, wenigstens ich könnte es nicht. Für mich ist die Hauptsache: zu fühlen, daß ich nicht schuldig bin.

Die brennende Tagesfrage

Man wird mir zugeben müssen, daß dieses Gespräch unsere „brennende Tagesfrage“ aufwirft und sogar alles wiedergibt, was die letztere in sich schließt. Und wie viel bezeichnende, rein russische Züge! Erstens: vor vierzig Jahren fingen diese Gedanken kaum an sich in Europa zu verbreiten, wohl nicht vielen waren Saint-Simon und Fourier – die ersten „idealen“ Vertreter dieser Ideen – bekannt; bei uns aber, bei uns wußten vielleicht nur ein halbes Hundert Leute von dieser neuen Bewegung im Westen. Und heute streiten über diese „Fragen“ schon Gutsbesitzer auf der Jagd, auf dem Nachtlager in einer Bauernscheune, und streiten sogar in der charakteristischsten und kompetentesten Weise, so daß wenigstens die negative Seite der Frage von ihnen schon entschieden und unwiderruflich festgesetzt wird. Es sind allerdings Gutsbesitzer aus der hohen Gesellschaft, die sich im Englischen Klub ernsthaft zu unterhalten pflegen, die ihre Zeitungen lesen, alle Prozesse aus den Blättern und noch anderen Quellen kennen. Doch nichtsdestoweniger bleibt schon allein die Tatsache, daß so ein idealer Unsinn als das alltäglichste Gespräch solcher Gesellschaftsmenschen anerkannt wird, wie die Oblonskis und Lewins, die alles andere, nur keine Professoren oder Spezialisten sind, – diese Tatsache, sage ich, ist eines der charakteristischsten Merkmale des gegenwärtigen Zustandes der russischen Geister. Der zweite charakteristische, gleichfalls gut beobachtete Zug in diesem Gespräch ist, daß über die Gerechtigkeit dieser neuen Ideen ein Mensch urteilt, der für sie, d. h. für das Glück des Proletariers, des Armen, selbst nicht einen Pfennig geben, sondern ihm bei Gelegenheit noch das Letzte abrupfen würde. Doch mit leichtem Herzen und der Heiterkeit eines Witzbolds unterschreibt er sofort den Krach der ganzen Menschheitsgeschichte, erklärt ihre jetzige Verfassung für die Krone des Unsinns und sagt: „Ich bin damit vollkommen einverstanden.“ Wirklich auffallend, wie diese Oblonskis immer als die ersten mit allem einverstanden sind! Mit einem Satz verurteilt er die ganze christliche Ordnung, die Persönlichkeit, die Familie – oh, das macht ihm weiter nichts aus! Wir Russen haben keine Schulung in solchen Dingen; diese Herren aber, die das mit voller Schamlosigkeit eingestehen, die selbst erklären, daß auch sie erst seit gestern darüber nachdenken, entscheiden trotzdem eine Frage von solcher Bedeutung ohne das geringste Bedenken. Und hier haben wir gleich den dritten charakteristischen Zug, – dieser selbe Herr sagt nämlich unumwunden: „Also, mein Freund: entweder anerkennen, daß die gegenwärtige Einteilung der menschlichen Gesellschaft gerecht ist, und dann seine Rechte verteidigen, oder gestehen, daß man ungerechte Vorzüge genießt, wie z. B. ich es tue, und sich ihrer mit Vergnügen weiterbedienen.“ D. h. genau genommen erklärt er offen, indem er seine Meinung über ganz Rußland ausspricht – und es verurteilt – und somit auch über seine Familie, über die Zukunft seiner Kinder, daß dies alles ihn überhaupt nichts angeht: „Ich gebe zu, daß ich ein Spitzbube bin, bleibe aber Spitzbube zu meinem Vergnügen. Et après moi le déluge.“ Er ist ja nur deswegen so ruhig, weil er noch sein Vermögen hat; verlöre er es aber – warum sollte er da nicht Spitzbube werden? – das wäre doch der geradeste Weg! Und gerade dieser Staatsbürger, dieser Familienvater, dieser russische Mensch – welch ein echt russischer Charakter! Vielleicht findet man, daß er doch immerhin eine Ausnahme sei? Was kann er denn für eine Ausnahme sein!? Bitte sich doch nur zu erinnern, wieviel Zynismus wir in den letzten zwanzig Jahren gesehen haben, welch eine Leichtigkeit der Wendungen und Veränderungen, welch einen Mangel an jeder tieferen Überzeugung und welch eine Schnelligkeit in der Aneignung der ersten besten fremden Anschauung, versteht sich, um sie am nächsten Tage für zwei Kopeken wiederzuverkaufen! Nicht der geringste moralische Grund bei uns, außer – après nous le déluge.

Das Interessanteste aber ist, daß dicht neben diesem weit verbreiteten, herrschenden Typ ein ganz anderer steht – der Typ des russischen Edelmannes und Gutsbesitzers, der ein ausgeprägter Gegensatz jenes ersten ist. Ich meine den Lewin. Und solcher Lewins gibt es in Rußland Tausende, fast ebensoviel wie Oblonskis. Ich spreche hier nicht von seinem blonden Haar, nicht von seiner großen starken Gestalt, die der Künstler ihm im Roman verliehen hat; ich spreche nur von einem Zug seines Wesens, der dafür aber der auffallendste und bedeutungsvollste ist, und ich behaupte, daß dieser Zug sich bei uns in einer solchen Verbreitung findet, daß es einen fast wundernehmen kann – inmitten unseres Zynismus, unserer kalmückischen Stellung zur Arbeit! Seit einiger Zeit tut sich dieser Zug allüberall bei uns kund; die Menschen mit diesem Zug streben krampfhaft, fast krankhaft nach Antworten auf ihre Fragen; sie hoffen und glauben leidenschaftlich, obgleich sie beinahe noch nichts zu entscheiden verstehen. Dieser Zug ist vollständig in der Antwort Lewins ausgedrückt:

„Nein, wenn das ungerecht wäre, so könntest du dich dieser Vorteile nicht mit Vergnügen bedienen, wenigstens ich könnte es nicht. Für mich ist die Hauptsache: zu fühlen, daß ich nicht schuldig bin.

Und tatsächlich beruhigt er sich nicht eher, als bis er bei sich entschieden hat, ob er schuldig ist oder nicht. Und bis zu welchem Grade steigert sich vorher seine Unruhe? Er geht bis zum Äußersten, und wenn es nötig ist, wenn es nur nötig ist, wenn er sich nur selbst beweist, daß es nötig ist, so wird er – im Gegensatz zu Oblonski, der da sagt: „Wenn auch als Spitzbube, so fahre ich doch fort, zu leben, zu meinem Vergnügen“ – so wird er vielleicht zu einem zweiten „Wlas“[29] werden, der in einem Anfall des Mitleids und der Angst sein Hab und Gut verschenkte und für den Bau eines Gotteshauses sammeln ging. Oder wenn er nicht für ein Gotteshaus sammeln geht, so wird er doch etwas Ähnliches tun und mit demselben Eifer. Ich beeile mich, zu wiederholen, daß ein Zug hier ganz besonders bemerkenswert ist: das ist diese Menge, diese ganz ungewöhnliche Menge solcher neuen Menschen, solcher neuen Wurzeln russischer Menschen, die der Wahrheit bedürfen, der Wahrheit ohne konventionelle Lüge, und die, um diese Wahrheit zu erreichen, alles, aber auch alles fortgeben. Diese Menschen tauchen gleichfalls seit den letzten zwanzig Jahren bei uns auf, und mit jedem Jahr werden ihrer mehr. Aber man hat sie auch schon früher, auch vor Peter, überhaupt immer schon vorausahnen können. Das ist das anbrechende zukünftige Rußland der ehrlichen Menschen, die einzig der Wahrheit bedürfen! Oh, sie sind auch furchtbar unduldsam: aus Unerfahrenheit verwerfen sie jeden Kompromiß, jede Erklärung sogar. Nur auf eines möchte ich noch mit allem Nachdruck hinweisen, – daß es ein wahrhaftes Gefühl ist, das sie treibt. Einer ihrer charakteristischsten Züge besteht darin, daß sie unter sich auffallend wenig übereinstimmen und vorläufig noch allen möglichen Parteien und Gruppen angehören: da gibt es Aristokraten und Proletariers, Gläubige wie Ungläubige, Reiche und Arme, Gelehrte und Laien, Greise und Backfische, Slawophile und Westler. Ja, diese Uneinigkeit, diese Verschiedenheit in den Überzeugungen ist sogar beispiellos, doch ihr Streben nach Ehrlichkeit und Wahrheit ist unerschütterlich, unablenkbar, und für das Wort der Wahrheit gibt jeder von ihnen sein Leben, Hab und Gut ... Vielleicht wird man behaupten, dieses sei bloß wieder Phantasie von mir, es gäbe bei uns gar nicht so viel Ehrlichkeit und solch ein Dürsten nach Ehrlichkeit. Ich aber bleibe dabei, daß es da ist, dicht neben der schrecklichsten Sittenverderbnis, daß ich sie sehe und fühle, diese emporsteigenden Menschen, denen die Zukunft Rußlands gehört, daß man blind sein muß, um sie nicht zu sehen, und daß der Künstler, der diesen abgelebten Zyniker Oblonski und diesen neuen Menschen Lewin gegeneinander hält, gleichsam diese aufgegebene, sittenlose, furchtbar vielköpfige russische Gesellschaft, die sich durch ihren eigenen Urteilsspruch bereits selber verurteilt hat, gegen die Gesellschaft der neuen Wahrheit hält, die Gesellschaft, die in ihrem Herzen die Überzeugung, sie sei schuldig, nicht ertragen kann, und die alles fortgibt, um ihr Herz von der Schuld zu befreien. Auffallend ist hierbei, daß unsere Gesellschaft sich fast nur in diese beiden Arten teilt – dermaßen groß sind sie und dermaßen umfassen sie das ganze russische Leben – versteht sich, wenn man von der Masse der völlig Gleichgültigen absieht. Doch der charakteristischste, der russischste Zug dieser „brennenden Tagesfrage“, auf die der Verfasser hinweist, besteht darin, daß sein neuer Mensch, sein Lewin, nicht versteht, die ihn beunruhigende Frage zu beantworten. Das heißt, in seinem Herzen hat er sie beinahe beantwortet – nicht zu seinem Vorteil, denn er argwöhnt, daß er schuldig ist: aber etwas Festes, Gerades und Reales in seiner ganzen Natur lehnt sich dagegen auf und hält ihn vorläufig noch von der letzten Entscheidung ab. Oblonski dagegen, dem es völlig einerlei ist, ob er schuldig oder unschuldig ist, entscheidet die Frage ohne das geringste Bedenken, vielmehr kann es ihm gerade so recht sein: „Wenn also alles blödsinnig ist und es nichts Heiliges mehr gibt, so kann man ja machen, was man will, für mich wird die Zeit noch ausreichen, – das Jüngste Gericht kommt ja noch nicht gleich.“ Bemerkenswert ist dabei, daß gerade die schwächste Seite der Frage Lewin verwirrt und vor den Kopf stößt – das ist so echt russisch und so richtig vom Verfasser beobachtet. Die Sache ist nämlich die, daß alle diese Gedanken und Fragen in Rußland – einzig eine Theorie sind: alle sind sie aus anderen Ländern mit anderen Verhältnissen zu uns eingeführt, aus Europa natürlich, wo sie schon längst ihre historische und praktische Seite haben. Unsere beiden Edelleute sind Europäer, und es ist nicht leicht, sich von der europäischen Autorität zu befreien: auch hier muß man Europa den Tribut zahlen. Und da verwechselt nun Lewin, dieses russische Herz, die einzig mögliche rein russische Lösung der Frage mit ihren europäischen Bedingungen: er verwechselt die christliche Lösung mit dem historischen „Recht“.

Stellen wir uns zur Übersicht folgendes vor:

Lewin steht und denkt an sein Gespräch mit Oblonski und wünscht in seiner ehrlichen Seele qualvoll, das ihn verwirrende Problem zu lösen.

„Ja,“ sagt er sich, halb entscheidend, „ja, wenn man so bedenkt, weshalb können denn wir, wie Weslowski vorhin sagte, essen, trinken, auf die Jagd gehen und nichts tun, während der Arme immer und ewig arbeiten muß? Ja, Oblonski hat recht, ich muß mein Gut unter den Armen verteilen und für sie arbeiten gehen.“

Steht da neben Lewin der Arme und spricht:

„Ja, du mußt das tun, es ist deine Pflicht, den Armen dein Gut zu geben und für uns zu arbeiten.“

So stellt sich denn heraus, daß Lewin vollkommen im Recht ist, der „Arme“ aber im Unrecht, natürlich wenn man die Sache sozusagen im höheren Sinne entscheidet. Aber darin liegt ja der ganze Unterschied der Auffassung dieses Problems. Denn seine moralische Lösung darf man nicht mit seiner historischen Lösung verwechseln; sonst gibt es eine heillose Konfusion, – ähnlich der, die sich auch jetzt noch in theoretischen russischen Köpfen fortsetzt, – in den Köpfen der Nichtswürdigen, gleich Oblonski, wie in den Köpfen derer, die reinen Herzens sind, gleich Lewin. In Europa haben das Leben und die Praxis schon die Frage gestellt – wenn auch absurd im Ideal ihres Schlusses, so doch immerhin real im Verlauf ihrer Entwicklung, und ohne zwei heterogene Auffassungen, die moralische und die historische, zu verwechseln, soweit dies überhaupt möglich ist. Vielleicht wird eine kurze Erklärung dieses Gedankens nicht überflüssig sein.

Die Tagesfrage in Europa

In Europa gab es einmal einen Feudalismus und gab es Ritter. Aber in reichlich tausend Jahren erstarkte das Bürgertum, nahm schließlich den Kampf mit den Rittern auf, besiegte sie und – setzte sich an deren Stelle. „Ôte-toi de là que je m’y mette.“ Indem nun die Bourgeoisie den Platz ihrer früheren Herren einnahm, umging sie vollständig das Volk, das Proletariat, und da sie dasselbe nicht als Bruder anerkannte, machte sie es zu ihrer Arbeitskraft, indem sie dadurch sich zum Wohlstand und ihm zu seinem täglichen Stück Brot verhalf. Unser russischer Oblonski entscheidet bei sich, daß er im Unrecht ist, will aber bewußt ein Nichtswürdiger bleiben, denn so hat er ein angenehmes Leben. Der ausländische Oblonski ist anderer Meinung als der unsrige: er hält sich für durchaus im Recht und ist selbstverständlich in seiner Art logischer; denn nach seiner Ansicht kann hierbei überhaupt nicht von Recht, sondern nur von „Geschichte“, von historischer Entwicklung der Dinge die Rede sein. Er nimmt den Platz des Ritters ein, weil er den Ritter mit roher Kraft besiegt hat, und er weiß nur zu gut, daß der Proletarier, der während seines Kampfes mit dem Ritter noch schwach war, leicht erstarken kann, ja, jetzt sogar schon mit jedem Tage stärker wird. Und er sagt sich, daß dieser ihn dann, wenn er ganz stark geworden, ebenso vom Platz verdrängen wird, wie er einst den Ritter verdrängt hat, und ihm ganz ebenso sagen wird: „Ôte-toi de là que je m’y mette.“ Wo ist denn hier „Recht“, hier handelt es sich doch nur um „Geschichte“! Oh, der Bourgeois würde zu einem Kompromiß gern bereit sein, würde sich gern irgendwie mit dem Feinde vertragen, – und er hat es ja auch schon versucht. Da er aber vorzüglich errät, ja, und auch die Erfahrung ihn gelehrt hat, daß der Feind nichts weniger als geneigt ist, sich mit ihm zu vertragen, sich in nichts teilen, sondern alles haben will, und daß außerdem Abtretungen seinerseits ihn, den Bourgeois, nur schwächen würden, so hat er sich also entschlossen, nichts abzutreten und sich zum Kampf vorzubereiten. Diese Stellung ist vielleicht hoffnungslos, doch ist es eine Eigenschaft der menschlichen Natur, sich vor dem Kampf Mut zuzusprechen. So verzagt denn auch der Bourgeois nicht, sondern verstärkt und verschanzt sich immer mehr, legt sich mit allen Mitteln ins Zeug und strengt sich mit aller Kraft an – solange noch Kraft vorhanden ist – und bemüht sich, den Gegner zu schwächen, wo er nur kann ... und das ist alles, was er vorläufig tut.

So steht die Sache heute in Europa. Allerdings, früher, vor nicht langer Zeit sogar, gab es auch dort eine moralische Auffassung der Frage, es gab Fourieristen und Cabetisten, es gab Kongresse, Diskussionen und Debatten über verschiedene äußerst feine, scharfsinnige Fragen. Jetzt jedoch haben die Führer des Proletariats das alles bis zu gelegenerer Zeit aufgeschoben. Sie wollen geradeswegs zum Kampf herausfordern; sie organisieren eine wahre Armee, gründen Vereine, gründen Kassen und sind von ihrem Sieg fest überzeugt: „Und dann, nach dem Siege, wird sich alles von selbst praktisch ergeben, obgleich sehr leicht möglich ist, daß es erst nach Strömen vergossenen Blutes dazu kommen wird.“ Der Bourgeois begreift, daß die Führer der Proletarier diese einfach durch die in Aussicht stehende Plünderung anlocken, und daß es sich folglich nicht lohnt, noch die moralische Seite der Sache hervorzuheben. Einstweilen aber gibt es auch unter den jetzigen Führern zuweilen noch solche, die das moralische Recht der Armen predigen. Die höheren Führer lassen diese Redner eigentlich nur zur „Verschönerung“ zu, um die Sache etwas „auszuschmücken“ und ihr den Anschein einer höheren Gerechtigkeit zu geben. Von diesen „moralischen“ Sozialisten sind viele nur Intriganten, viele aber auch echte Idealisten. Sie erklären offen, daß sie für sich nichts wollen und nur für die Menschheit arbeiten, nur nach einer neuen Einrichtung der Dinge streben, um die Menschheit glücklicher zu machen. Doch hier empfängt sie der Bourgeois schon auf ziemlich festem Boden und hält ihnen sofort vor, daß sie ihn zwingen wollen, der Bruder des Proletariers zu werden und mit ihm sein Hab und Gut zu teilen. Abgesehen davon, daß dieses der Wahrheit ziemlich ähnlich sieht, antworten ihnen die Führer, sie hielten ihn, den Bourgeois, überhaupt nicht für fähig, dem Volke ein Bruder zu werden, und darum würden sie einfach Gewalt anwenden, ihn aber von vornherein aus jeglicher „Brüderschaft“ ausschließen. „Die Brüderschaft,“ sagen sie, „wird sich später bilden, aus den Proletariern, ihr aber, – ihr seid hundert Millionen zum Tode verurteilter Köpfe und weiter nichts! Es ist aus mit euch, zum Glücke der Menschheit!“ Andere Führer sagen heute schon ganz offen, sie brauchten keine Brüderschaft, das Christentum sei Faselei und die zukünftige Menschheit werde sich nur auf wissenschaftlichen Grundlagen aufbauen. Alles das kann natürlich den Bourgeois weder ins Wanken bringen, noch überzeugen. Er wendet ein, daß diese „Gesellschaft auf wissenschaftlichen Grundlagen“ bloße Phantasie ist, daß jene Führer sich den Menschen anders vorstellen, als ihn die Natur geschaffen hat; ferner, daß es dem Menschen schwer und unmöglich ist, dem unbedingten Recht des Eigentums, der Familie und der Freiheit zu entsagen; daß sie von ihrem zukünftigen Menschen zuviel Opfer als Persönlichkeit verlangen, daß man den Menschen nur mit furchtbarem Zwang in dieser Weise hinaufzüchten könnte, nur dann, wenn man ständige Spionage und ununterbrochene Kontrolle der despotischsten Macht anwendete. Zum Schluß fordert der Bourgeois noch auf, ihm doch diejenige Macht zu nennen, die die zukünftigen Menschen zu einer freiwilligen, nicht gezwungenen Gesellschaft zu vereinigen vermöchte. Darauf heben die Führer den Vorteil und die Notwendigkeit hervor, die jeder Mensch anerkennen müsse, und weisen darauf hin, daß er selbst, um der Zerstörung und dem Tode zu entgehen, freiwillig alle verlangten Konzessionen machen werde. Ihnen wird sofort entgegnet, daß der Gesichtspunkt des Vorteils allein niemals die Kraft haben kann, eine volle und einmütige Vereinigung hervorzubringen; daß kein einziger Nutzen imstande ist, den Eigenwillen und die persönlichen Rechte zu ersetzen; daß diese Mächte und Motive viel zu schwach sind und somit diese ganze zukünftige Vereinigung ewig fraglich bleiben wird; daß der Proletarier, wenn die Führer mit nichts als der moralischen Seite der Sache kämen, ihnen überhaupt nicht zuhören würde, und daß er, wenn er es jetzt tut, wenn er ihnen zu folgen scheint und sich zur Schlacht vorbereiten läßt, dies nur deshalb tut, weil er durch die versprochene Plünderung der Reichen angelockt wird und von der Fata morgana des allgemeinen Zusammenbruchs fieberhaft erregt ist. Folglich muß man dann doch die moralische Seite der Frage ganz fallen lassen, da sie nicht der geringsten Kritik standhält, und muß sich einfach zum Kampf vorbereiten.

Das ist die europäische Auffassung der Sache. Die eine wie die andere Partei sind im Unrecht, und die einen wie die anderen werden an ihren eigenen Sünden untergehen. Wiederholen wir es: Am schwersten ist für uns Russen, daß bei uns sogar die Lewins über diese selben Fragen ins Nachdenken geraten, während die einzig mögliche Lösung des Problems, und gerade die russische Lösung, und diese nicht nur für die Russen allein, sondern für die ganze Menschheit – die ethische Auffassung der Frage ist, d. h. die christliche. In Europa ist diese Auffassung nicht denkbar, obgleich man auch dort, früher oder später, nach Strömen von Blut und hundert Millionen von Opfern, sie doch wird anerkennen müssen – denn in ihr allein liegt das Heil.

Die russische Lösung des Problems

Wenn ihr fühlt, daß es euer Gewissen drückt, dieses „Essen, Trinken, Auf-die-Jagd-Gehen und Nichtstun“, und wenn ihr das wirklich fühlt, und wenn es euch wirklich so leid tut um die „Armen“, deren es so viele gibt, – so gebt ihnen euer Hab und Gut und gehet hin, um für sie alle zu arbeiten, und „erwerbt den Schatz im Himmelreich, dort, wo man nicht sammelt, noch nach Gütern trachtet –“. Geht wie „Wlas“, von dem es heißt:

„Groß war diese Kraft der Seele,

Die da auszog, Gott zu dienen.“

Und wollt ihr nicht wie Wlas für den Bau eines Gotteshauses sammeln, so sorgt für die Aufklärung der Seele dieses Armen, erleuchtet ihn, belehrt ihn. Selbst wenn alle Reichen ihre Reichtümer, wie ihr, unter alle Armen austeilen würden, so wäre das doch nur wie ein Tropfen im Meer. Darum aber muß man mehr für das Licht, die Aufklärung, die Wissenschaft und für ein Mehr an Liebe sorgen. Dann erst wird der Reichtum in Wirklichkeit wachsen, und zwar der wirkliche Reichtum; denn der liegt nicht in herrlichen Kleidern, sondern in der Freude der allgemeinen Vereinigung und der festen Hoffnung eines jeden, daß im Unglück ihm und seinen Kindern von allen geholfen werden wird. Und sagt nicht: „Ich bin bloß eine machtlose Eins,“ oder: „Wenn ich allein mein Vermögen verteile und dienen gehe, so kann ich damit doch nichts verbessern“. Im Gegenteil, wenn es nur einige wenige solcher gibt wie ihr, so ist die Sache schon durchgeführt. Und im Grunde ist es nicht einmal unbedingt nötig, sein Gut zu verteilen, – jede Unbedingtheit würde hier, in der Tat der Liebe, nur einer Form gleichen, einer Rubrik, dem Buchstaben. Die Überzeugung, daß man den Buchstaben erfüllt hat, führt nur zu Stolz und Faulheit. Man soll nur das tun, was einem das Herz befiehlt: gebietet es euch, eure Habe zu verteilen – so verteilt sie, gebietet es euch, für die anderen arbeiten zu gehen, – so geht. Doch auch hier tut nicht wie etliche Träumer, die sich sofort an die Schiebkarre machen, was ungefähr heißen soll: „ich will kein Herr sein, ich will arbeiten wie ein Bauer“. Die Schiebkarre ist wiederum – nur eine „Form“.

Im Gegenteil, wenn du fühlst, daß du als Gelehrter allen nützlich sein kannst, so gehe auf die Universität und behalte so viel von deinen Mitteln, als du dafür nötig hast. Nicht die Verteilung des Gutes ist notwendig und nicht das Anziehen des Bauernkittels: all das ist bloß Buchstabe und Formalität. Notwendig und wichtig ist bloß deine Entschlossenheit, alles zu tun um der tätigen Liebe willen, alles, was dir möglich ist, was du selbst aufrichtig als in deiner Kraft stehend anerkennst. Alle diese Bemühungen, sich zu „vereinfachen“ – sind ja doch nur Verkleidungen, die das Volk vor uns herabsetzen und einen selbst erniedrigen. Ihr seid alle zu „kompliziert“, um euch zu „vereinfachen“, ganz abgesehen davon, daß schon eure Bildung allein euch hindert, zum Bauern zu werden. Hebt lieber den Bauer bis zu eurer Bildung empor! Seid nur aufrichtig und treuherzig; das ist besser als jede „Vereinfachung“. Vor allen Dingen aber schreckt euch nicht selbst, sagt nicht: „einer ist keiner“ und ähnliches. Jeder einzelne, der aufrichtig die Wahrheit sucht, der ist schon furchtbar viel. Ahmt auch nicht jenen Phrasenmachern nach, die da ununterbrochen sagen, damit man sie höre: „Man läßt mich nichts machen, bindet mir die Hände, pflanzt mir in die Seele Enttäuschung und Verzweiflung!“ Das sind Helden gewisser Dichtungen schlechten Tones, posierende Faulenzer. Wer Nutzen bringen will, der kann auch mit buchstäblich gebundenen Händen unendlich viel tun. Ein echter Tatmensch sieht, wenn er auf den Weg tritt, sofort so viel Arbeit vor sich, daß er nicht anfangen wird, zu klagen, man lasse ihn nichts machen, sondern er wird sofort irgend etwas finden und wird das, was er sich vornimmt, dann selbst mit gebundenen Händen fertigzustellen verstehen.

Und das wissen auch alle wirklichen Tatmenschen. Wieviel Zeit nimmt bei uns schon allein das „Ergründen Rußlands“, denn nur äußerst, äußerst selten kennt ein Mensch unser Rußland. Die Klagen über Blasiertheit sind einfach dumm: die Freude an dem zu errichtenden Gebäude muß jede Seele erfüllen, auch wenn ihr vorläufig nur ein Sandkörnchen zum Bau des Gebäudes herbeibringt. Eure Belohnung aber sei – Liebe, wenn ihr sie verdient. Solltet ihr aber keiner Liebe bedürfen, so tut ihr doch eine Liebestat, also könnt ihr gar nicht umhin, euch um Liebe zu bewerben. Doch möge es auch niemand sagen, daß ihr es auch ohne Liebe tun müßtet, sozusagen zum eigenen Gewinn, und daß man euch anderenfalls mit Gewalt dazu zwingen werde. Nein, bei uns in Rußland muß man andere Überzeugungen wecken – und besonders was die Begriffe der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit betrifft. In der heutigen Welt hält man Zügellosigkeit für Freiheit, während die wirkliche Freiheit doch nur in der Überwindung seiner selbst und seines Willens liegt, so daß man zuletzt einen sittlichen Zustand erreicht, in dem man immer, in jedem Augenblick, sein eigener Herr ist. Die Zügellosigkeit der Wünsche führt nur zur Sklaverei. Das ist wohl der Grund, warum fast die ganze heutige Welt die Freiheit in der pekuniären Sicherstellung sieht, und in den Gesetzen, die diese pekuniäre Sicherstellung garantieren. „Hab’ ich Geld,“ heißt es, „so kann ich alles machen, was mir gefällt; hab’ ich Geld – so werd’ ich nicht untergehen, noch nötig haben, andere um Hilfe zu bitten; niemanden aber um Hilfe bitten, ist die höchste Freiheit.“ Und doch ist das in Wirklichkeit nicht Freiheit, sondern Knechtschaft, – Knechtschaft durch das Geld. Im Gegenteil, die allerhöchste Freiheit ist – nicht sparen und nicht sich mit Geld versorgen, sondern „unter alle verteilen, was man hat, und hingehen, um allen zu dienen“. Ist der Mensch dazu fähig, ist er fähig, sich bis zu solch einem Grade zu überwinden – so, sagt doch, ist er dann nicht wahrhaft frei? Darin liegt doch die höchste Offenbarung des Willens! Und dann, was ist in der heutigen gebildeten Welt „Gleichheit“? Eifersüchtiges Aufpassen des einen auf den anderen, Hochmut, Aufgeblasenheit und Neid: „Er ist klug, er ist ein Shakespeare, er rühmt sich mit seinem Talent; also muß man ihn erniedrigen, muß ihn vernichten.“ Währenddessen spricht die wirkliche Gleichheit: „Was geht es mich an, daß du talentvoller bist als ich, klüger und schöner als ich? Ich kann mich nur dessen freuen, denn ich liebe dich. Bin ich auch unansehnlicher als du, so versage ich mir doch als Mensch nicht die Achtung, und du weißt das wohl und achtest mich gleichfalls – deine Achtung aber macht mich glücklich. Bringst du mit deinen Begabungen mir und allen anderen hundertfach mehr Nutzen, als ich dir, so segne ich dich dafür, bewundere dich und bin dir dankbar; rechne ich doch meine Bewunderung für dich mir niemals zur Schande an: daß ich dir dankbar bin, ist mein Glück, und wenn ich, so viel wie in meinen schwachen Kräften steht, für dich und für alle arbeite, so geschieht das keineswegs, um mit dir abzurechnen, Freund, sondern nur – weil ich euch alle liebhabe.“

Wenn alle Menschen so sprechen werden, dann erst wird Brüderlichkeit auf Erden herrschen, und zwar nicht um irgendeines ökonomischen Vorteils willen, sondern aus der Fülle des freudigen Lebens heraus, aus der Überfülle der Liebe.

Man wird vielleicht entgegnen, daß das bloß eine Phantasie von mir sei, daß diese „russische Lösung des Problems“ – das „Himmelreich“ ist und selbiges höchstens im Himmel, nicht aber auf Erden möglich sei. Allerdings, die Oblonskis würden sich nicht wenig ärgern, wenn das Himmelreich anbräche. Doch muß man wenigstens in Betracht ziehen, daß in dieser Phantasie einer „russischen Lösung des Problems“ unvergleichlich weniger Phantastisches und unvergleichlich mehr Wahrscheinliches ist als in der europäischen Lösung. Solche Menschen wie „Wlas“ haben wir schon gesehen und sehen sie bei uns in allen Ständen und sogar recht oft; dagegen hat man dort den „zukünftigen Menschen“ noch nirgends gesehen, und selbst verspricht er ja auch, erst nach Vergießung ganzer Ströme von Blut zu kommen. Ihr sagt, mit wenigen Menschen dieser Art sei es nicht getan, man müsse nach gewissen allgemeinen Einrichtungen und Prinzipien streben. Doch selbst, wenn es solche Einrichtungen und Prinzipien geben würde, nach denen man fehlerlos die Gesellschaft bilden könnte, und selbst wenn man sie vor der Praxis erlangen könnte, einfach so a priori, einzig aus den Träumen des Herzens und der „wissenschaftlichen“ Zahlen, die zudem noch der früheren Einrichtung der Gesellschaft entnommen sind, – so wird sich doch mit anfertigen, mit nicht dazu eingedrillten Menschen keine einzige Regel durchführen, kein einziges von all den schönen Prinzipien verwirklichen lassen; im Gegenteil, diese würden nur lästig werden. Ich aber glaube schrankenlos an unsere zukünftigen und schon heraufkommenden Menschen, an diese selben, von denen ich vorhin gesagt, daß sie vorläufig noch nicht übereinstimmen, daß sie in kleinen Lagern und Gruppen zerstreut sind, von denen jedes und jede an eigenen Überzeugungen festhält, die aber dafür vor allen Dingen die Wahrheit suchen, und die, wenn sie nur wissen würden, wo die Wahrheit ist, bereit wären, für ihre Verwirklichung alles zu opfern, selbst das Leben. Glaubt mir, wenn sie endlich den wahren Weg finden und ihn betreten, so werden sie alle nach sich ziehen, und nicht gezwungen, sondern freiwillig wird man ihnen folgen. Ja, das vermögen schon heute die ganz wenigen zu tun. Und das ist dann der Pflug, mit dem man unseren neuen Schatz heben kann. Bevor ihr den Menschen predigt, wie sie sein sollen, zeigt es ihnen an euch selbst. Erfüllt selbst, was ihr verkündigt, und alle werden euch folgen. Ich begreife nicht, was hierbei Utopistisches, Unmögliches sein soll! Es ist wahr, wir sind sehr verderbt, sind kleinmütig – und darum glauben wir nicht und lachen. Doch jetzt liegt es fast nicht mehr an uns, sondern einzig an den Emporsteigenden, den Künftig-Zukünftigen. Das Volk ist reinen Herzens, es muß nur noch erleuchtet werden. Doch Menschen, die reinen Herzens sind, erheben sich auch mitten aus unserer Schar – und das ist das Allerwichtigste! Dies ist es, was man zuerst glauben muß, was zu sehen man verstehen muß. Denen aber, die reinen Herzens sind, noch ein Rat: Selbstbeherrschung und Selbstüberwindung vor jedem ersten Schritt! Erfülle zuerst selbst, statt daß du andere zwingst –: das ist das ganze Geheimnis dieses ersten Schrittes.