Russische Finanzen[33]
„Und die Finanzen? Wie steht es mit einem Artikel über die Finanzen?“ – fragt man mich. Ja, bin ich denn ein Finanzmann? Wie sollte ich es wagen, über die Finanzen zu schreiben. Wenn auch ich es bin, der hier das Thema aufwirft, so wage ich das doch nur, weil ich im voraus überzeugt bin, daß ich von den Finanzen alsbald auf etwas ganz anderes übergehen werde. Das gibt mir dann andererseits freilich den Mut zu einer solchen Überschrift; denn ich weiß es ja selbst, daß ich gar nicht fähig bin, über unsere Finanzen zu schreiben, da ich auf unsere Finanzen nicht vom europäischen Standpunkt aus sehe und auch überhaupt nicht daran glaube, daß man diesen europäischen Standpunkt bei uns einnehmen kann, aus dem einfachen Grunde, weil wir nun einmal nicht „Europa“ sind und im Vergleich zu „Europa“ fast wie auf dem Monde leben.
In Europa z. B. veränderten sich die Beziehungen der niederen Stände zu den höheren, feudalen, im Laufe von Jahrhunderten, und zuletzt durch die Revolution: alles vollzog sich mit einem Wort „historisch und kulturell“. Bei uns dagegen wurde die Leibeigenschaft mit allen ihren Folgen in einem einzigen Augenblick abgeschafft, und das geschah Gott sei Dank ohne jegliche Revolution. Aber warum mußte das gleichwohl eine so ungeheuere finanzielle Erschütterung verursachen? Wahr ist ja allerdings, daß das, was plötzlich fällt, immer gefährlich fällt. Versteht sich, nicht ich bedauere es, daß die Leibeigenschaft plötzlich fiel, im Gegenteil, groß und gut war es, daß diese ganze schwere geschichtliche Sünde durch das machtvolle Wort des Zar-Befreiers von uns genommen wurde. Nichtsdestoweniger war das Naturgesetz nicht zu umgehen, und die Erschütterung war groß. Nun gut: sie mußte ja groß sein, aber warum war sie denn so ungeheuer? Jede politische Umwälzung hat ihre historischen Gesetze, und ohne Zweifel wird es auch heute schon Menschen geben, die bereits klar erkennen, warum die Folgen dieser Umwälzung so groß waren. Leider kann ich dieses Thema nicht weiter entwickeln, denn es ist zu gewaltig und umfangreich; erst ein Historiker des nächsten Jahrhunderts wird ihm gewachsen sein. Ich will nur auf einzelne Wirkungen, die von ihr ausgingen und die auffallen und beunruhigen, hinweisen. Sehen wir uns die Sache näher an. Die Leibeigenschaft wurde aufgehoben, denn sie behinderte alles, sogar die Entwicklung der Landwirtschaft. Jetzt, so schien es, mußte der Bauer seine Lage verbessern können! Doch nichts von alledem geschah: in der Landwirtschaft kam der Bauer gerade auf das Minimum von dem, was ihm sein Land geben konnte. Unser jetziges Unglück besteht hauptsächlich darin, daß es uns unbekannt ist, ob sich in Zukunft solch eine Kraft finden und worin sie bestehen wird, durch die der Bauer über das Minimum hinauskommen und seine Erde zum Maximum des Ertrages zwingen kann. Die Klugen im Lande werden behaupten, daß diese Frage längst beantwortet sei, ich aber bin fest überzeugt, daß sie noch längst nicht beantwortet sein kann, daß sie viel weiter reicht, viel tiefer greift und unvergleichlich inhaltsvoller ist, als man von ihr voraussetzt. Die ganze frühere herrschaftliche Landwirtschaft sank bis zur Kläglichkeit; doch gleichzeitig begann eine Neuordnung des Besitzstandes, es schien ein neues intelligentes Einheits- und Gesamtvolk zu entstehen. Nun, Schöneres, Besseres hätte man sich nicht wünschen können, als eine derartige Erneuerung, denn eine intelligente Führung hat das Volk nötig und es sucht nach ihr. Aber bedauerlicherweise ist auch das bei uns erst nur ein Ideal, ist wie ein schöner Vogel, der unter den Wolken herumfliegt. Die Wirklichkeit ist von diesem Ideal weit entfernt! Ja, will denn der grundherrschaftliche Stand, der frühere Gutsbesitzer, überhaupt mit dem Volke zu einer klugen, einer intelligenten Gesamtnation zusammenwachsen? Das ist die Frage, die allerwichtigste, die allerbedeutendste, die es zurzeit bei uns überhaupt gibt, und von der vielleicht unsere ganze Zukunft abhängt!
Währenddessen aber wissen wir noch längst nicht, auf welchem Wege wir sie beantworten können. Will nicht, im Gegenteil, der besitzende Stand sich über das Volk erheben, und sucht er es nicht wieder mit Macht zu beherrschen, zwar nicht mehr wie zur Zeit der Leibeigenschaft, versteht sich, aber immerhin: will er nicht, statt eine Vereinigung mit dem Volk zu erstreben, aus seiner Bildung eine neue und scheidende Macht aufrichten und es mit einer Aristokratie der Intelligenz bevormunden? Oder will er das Volk aufrichtig als seinen Bruder im Blute wie im Geiste anerkennen, das achten, was unser Volk achtet, einwilligen zu lieben, was unser Volk mehr liebt als sich selbst? Denn sonst wird er sich nie mit ihm vereinigen können! Was das Volk achtet und liebt, das hält es fest und gibt es nicht hin, auch für keine Intelligenz, selbst dann nicht, wenn es auch noch so sehr nach dieser verlangt. Alles das ist bei uns noch ganz unentschieden, ist eine Frage, die Zeit, Geschichte, Kultur und Generationen verlangt, uns aber steht es wieder bevor, sie in einem einzigen Augenblicke zu entscheiden. Das ist ja eben der Unterschied zwischen uns und Europa, daß bei uns die Dinge nicht auf „historischem und kulturellem“ Wege sich entwickeln können, sondern schnell und ganz plötzlich sich entwickeln müssen, oft geradezu – wie in diesem Falle – auf völlig unvorhergesehenen staatlichen Befehl und Willen. Sie werden mir zugeben, daß Europa eine solche Geschichte nicht kennt. Wie kann man da von uns „Europa“ verlangen, und gar Finanzen nach „europäischem System“? Ich, zum Beispiel, glaube wie an ein ökonomisches Axiom, daß in einem Staate nicht die Eisenbahnaktionäre, nicht die Industriellen, nicht die Millionäre, nicht die Banken und nicht die Juden das Land beherrschen, sondern allen voran und ganz allein die Landwirte: denn wer das Land bearbeitet, der zieht alles andere mit sich. Der Landmann ist die Quintessenz, der Kern, das Mark des Reiches. Wie ist es aber bei uns, ist es hier nicht gerade umgekehrt? Beherrschen uns nicht gerade die ökonomischen Kräfte, der Eisenbahnaktionär und der Jude? Europa baute seine Eisenbahnen ein halbes Jahrhundert lang – und das bei seinem Reichtum! Bei uns dagegen wurden die letzten fünfzehn- bis sechzehntausend Werst Eisenbahn in zehn Jahren gebaut – und das bei unserer Armut und in einer ökonomisch so zerrütteten Zeit: gleich nach der Aufhebung der Leibeigenschaft! Alles Kapital wurde dorthin gezogen, gerade als das Land es am meisten brauchte. Die Eisenbahn wurde gleichsam auf die zerrüttete Landwirtschaft gebaut. Und ist denn die Frage des privaten Landbesitzes bei uns überhaupt schon beantwortet? Wird der Einzelbesitz sich neben dem Bauernland halten können und seine bestimmte Arbeitskraft finden, aber eine gesunde und feste, und nicht auf das Proletariat und die Schenke angewiesen sein? Was kann da Gutes herauskommen, solange nicht eine vernünftige Lösung dieses Problems gefunden ist? Wir haben gesunde Entschlüsse nötig, früher werden wir nicht zur Ruhe kommen. Und nur die Ruhe ist die Quelle jeder großen Kraft. Wie kann man bei uns jetzt europäische Budgets und geordnete Finanzen verlangen, wo es doch noch ein Rätsel ist, wie wir überhaupt all dem haben standhalten können, was auf uns einstürmte? – Nur mit der großen, verbindenden Volkskraft haben wir standzuhalten vermocht!
Ruhe haben wir wenig, besonders geistige Ruhe fehlt uns, und gerade diese wäre die Hauptsache, denn ohne geistige Ruhe wird nichts. Dem schenkt man aber bei uns gar keine Aufmerksamkeit, denn man strebt nur nach zeitlichem materiellem Wohlergehen. Wenn wir keine geistige Ruhe haben, so haben wir auch keine Festigkeit, weder in unseren Überzeugungen, noch in unseren Ansichten, unseren Nerven, und zu guter Letzt auch nicht in unserem Geschmack. Arbeit und die Erkenntnis, daß du nur durch Arbeit „erlöst wirst“ – fehlt bei uns sogar ganz. Das Pflichtgefühl geht uns völlig ab, ja, und woher sollten wir es auch haben, da wir anderthalb Jahrhunderte lang eine falsche Kultur bei uns hatten, oder, besser gesagt, gar keine?! „Warum soll ich mich bemühen, wenn ich durch ebendiese meine Kultur dahin gekommen bin, alles um mich herum zu verneinen? Und wenn es Dummköpfe gibt, die das Gebäude durch irgendwelche europäische Formen zu retten glauben, so verneine ich die Dummköpfe und behaupte: ‚je schlechter desto besser!‘ Das ist meine ganze Philosophie!“ – Ich versichere Sie, daß bei uns viele so denken, die einen laut, die anderen leise für sich. Die Leute mit solchen Aphorismen sind indessen selbst durchaus von Fleisch und Bein. „Je schlechter desto besser,“ sagen sie, aber wünschen tun sie dabei sicher das „schlechter“ nur für die anderen, das „besser“ jedoch wohlweislich für sich selbst; so wird man wohl ihre Philosophie verstehen müssen. Denn er hat ja einen Wolfshunger, dieser Russe. Groß ist er wie ein Bär, aber Nerven hat er wie eine Frau; verweichlicht und verwöhnt, grausam und leidenschaftlich ist er, ertragen kann er nichts, „ja, und wozu sich abmühen und aushalten?“ Ist es zu Ende mit den Diners im Restaurant, ist es zu Ende mit den Kokotten, wozu lohnt’s sich dann noch zu leben, denkt er und – krach, schießt er sich eine Kugel vor den Kopf! Und gut ist es noch, wenn er sich eine Kugel vor den Kopf schießt, sonst geht er hin und bestiehlt einen anderen auf irgendeinem mehr oder weniger gesetzlichen Wege. Aber arbeiten? – nein, das wird er nicht! Und so entsteht eine allgemeine Armut bei ständig wachsendem Appetit.
Unter anderem möchte ich noch bemerken, daß der Gogolsche Typ des „Hauptmann Kopeikin“ sich in zahllosen Varianten, bis zum aufgeblasensten Weltmann hinauf, bei uns erschreckend vermehrt hat. Alle fletschen sie nach dem Bargelde die Zähne, alle bilden sie sich, wenn auch nicht zu Räubern auf der offenen Landstraße wie der wirkliche „Kopeikin“, so doch zu Taschendieben aus, einige unter dem Deckmantel des Staats, andere ohne ihn. Einige von ihnen behaupten sogar stolz: „Ich handle darum so, weil ich alles verneine und jegliche Verneinung fördere.“ Oh, es gibt sogar liberale Kopeikins! Die haben nur zu gut verstanden, daß der Liberalismus in Mode ist, und daß man mit ihm gut fährt. Wer hat sie nicht gesehen, diese Allerweltsliberalen und billigen Atheisten, wie sie jetzt dem Volke gegenüber mit ihrer Fünfkopekenweisheit großtun. Es ist der niedrigste Typ von all unseren liberalen Erscheinungen, aber nichtsdestoweniger hat auch er jenen ungeheueren Appetit. Er ist der erste, der an eine mechanische Heilung der Wurzeln von außen glaubt. Diese Leute gruppieren sich und haben einen Einfluß, der sich oft bis auf die ehrlichsten Leute erstreckt, die eigentlich nicht schuld daran sind, daß sie solch ein Kontingent haben: „Jegliche Veränderung ist gut, wenn sie nur ohne Mühe vor sich geht.“ Der liberale Kopeikin fügt dann noch in Gedanken hinzu: „Bei jeder Umwälzung fällt für mich immer etwas ab!“ Und gerade von dieser Seite ist er am gefährlichsten, wenn er auch nur ein – Kopeikin ist. Aber mit ihm wollen wir uns jetzt nicht weiter beschäftigen. Das bisher Gesagte ist ja sowieso nur eine Ergänzung zu unserem Thema. Doch nun zu den Finanzen, zu den Finanzen!
Es ist nun einmal meine Angewohnheit, immer gleich mit dem Ergebnis zu beginnen, den Kern meiner ganzen Idee vorauszuschicken. Niemals habe ich es verstanden, ihn allmählich herauszuschälen und ihn erst dann bloßzulegen, wenn es mir gelungen ist, alles vorher klarzumachen und nach Möglichkeit zu beweisen. Meine Geduld reicht dazu nicht aus, mein Charakter verhindert es einfach; damit schade ich mir freilich sehr, denn manch eine Idee setzt, geradeaus gesagt, ohne jegliche Vorbereitung, ohne vorhergegangenen Beweis, nur in Erstaunen und Verwunderung, wenn sie nicht Gelächter hervorruft. So komme ich denn auch hier gleich wieder mit einer Behauptung, über die man – ich fühle es schon im voraus – lachen wird, wenn man nicht auf sie vorbereitet ist. Meine Behauptung ist folgende: „Wenn die Finanzen in einem Staate gewisse Erschütterungen erlitten haben, so denke man nicht so sehr an gegenwärtige Bedürfnisse, wie schreiend diese auch sein mögen, sondern zuerst an die Gesundung der Wurzeln, und – die Finanzen werden sich von selbst bessern.“
An sich ist das ja nichts Neues: welcher Finanzminister hätte sich nicht schon darum bemüht, besonders unser jetziger, der gerade an so eine Wurzel faßte, als er die Salzsteuer aufhob. Man erwartet sogar noch andere Reformen, große, wirklich die Hauptwurzel erfassende. Freilich wurden auch früher schon, bereits vor zehn Jahren, „zur Gesundung der Wurzeln“ viele Mittel angewandt: Revisionen wurden eingeleitet, Kommissionen berufen zur Untersuchung und Verbesserung der Lage unseres russischen Bauern, seines Gewerbes, seiner Gerichte, Verwaltung, seiner Krankheiten, Sitten und Gewohnheiten. Die Kommissionen teilten sich in Unterkommissionen zur Sammlung statistischer Unterlagen, und die Sache ging wie geölt, das heißt auf dem allerbesten administrativen Wege, den es nur geben kann. Aber ich habe ja gar nicht davon sprechen wollen; denn nicht nur die Unterkommissionen, sondern sogar so wesentliche Reformen wie die Aufhebung der Salzsteuer oder das große noch zu erwartende Steuersystem, sind meiner Meinung nach nur Palliativmittel, etwas Äußeres, und noch keineswegs die Wurzel Heilendes. Das aber ist es, worauf ich hinweisen möchte. Eine Heilung der Wurzel würde es dagegen sein, wenn wir z. B. wenigstens zur Hälfte das Nur-Gegenwärtige vergessen könnten: alle Tagesfragen, die schreienden Bedürfnisse unseres Budgets, die Zinsen der ausländischen Anleihen, die Defizite, den Rubel, den Staatsbankerott sogar, – der übrigens nie bei uns eintreten wird, wie sehr ihn auch unsere schadenfrohen ausländischen Feinde prophezeien mögen; mit einem Wort, wenn wir alles Nur-Gegenwärtige vergessen und so lange für die Wurzel arbeiten würden, bis wir in Wirklichkeit eine reiche und gesunde Frucht ernten können. Dann kann man ja wieder mit der Gegenwart leben oder, besser gesagt, mit dem neuen Kommenden; denn in diesem Zwischenraum, das muß man sich sagen, wird alles Frühere (d. h. das jetzt Gegenwärtige) sich so radikal verändert und einen so neuen Charakter angenommen haben, daß wir es nicht wiedererkennen werden. Ich begreife natürlich, daß alles, was ich jetzt behaupte, allen sehr sonderbar erscheinen muß: nicht an den Rubel zu denken, an das Bezahlen der Schulden, an den Bankerott, an das Heer, kurz, an all das, was man anscheinend zuerst bedenken und zufriedenstellen muß. Ich versichere Sie, auch ich verstehe das und ich gestehe Ihnen, daß ich mit Absicht meine Behauptung so scharf hingestellt und meine Wünsche bis zum unerreichbaren Ideal gesteigert habe. Ich dachte dabei, fange ich beim Absurden an, so werde ich später allen verständlicher, und so sagte ich denn: wenn wir nur zur Hälfte das Gegenwärtige vergessen könnten und unsere Aufmerksamkeit auf etwas anderes lenkten, in eine Tiefe, in die bis jetzt in Wahrheit noch niemand geschaut hat – denn Tiefe suchte man bisher doch nur an der Oberfläche. Ich will aber gleich auch diese meine Formel noch abschwächen und statt ihrer vorschlagen: wenn nicht einmal die Hälfte – auf die Hälfte will ich verzichten – wenn nur ein zwanzigster Teil vom Gegenwärtigen zu vergessen möglich wäre, und wenn man jedes folgende Jahr zu diesem zwanzigsten Teil noch einen zwanzigsten Teil hinzufügen könnte und so weiter und so weiter bis zu drei Vierteln des Ganzen! ... Nicht der Teil ist hierbei wichtig, sondern wichtig wäre das Prinzip, das man damit aufstellt, und dem man folgt.
Aber wie soll man denn das Gegenwärtige lassen?! Man kann doch die Wirklichkeit nicht einfach ausstreichen! Ich sage „nicht ausstreichen“, weiß ich doch selbst, daß man die Wirklichkeit nicht unwirklich machen kann ... Aber wissen Sie – manchmal kann man auch das! Wenn wir von unserer krankhaft erregten Aufmerksamkeit jährlich nur einen zwanzigsten Teil auf etwas anderes ablenkten! Dabei ist gar nicht zu befürchten, daß sie der Gegenwart verloren ginge, nein, ich wiederhole es: wenn sie sich nur auch etwas anderem zuwendete, sich einem neuen Prinzip unterwerfen würde, einem, das die Gedanken und den Geist umbildet – zu etwas Besserem, zu etwas viel Besserem! Man wird sagen, daß ich in Rätseln spreche, aber dem ist nicht so. Doch gut, ich werde zunächst ein kleines Beispiel anführen, um zu zeigen, auf welche Weise man den Übergang vom Nur-Gegenwärtigen zur Heilung der Wurzeln sofort beginnen könnte.
Wie wäre es zum Beispiel, wenn Petersburg plötzlich – sagen wir, durch irgendein Wunder – von seinem Hochmut dem übrigen Rußland gegenüber abließe? Welch ein großer erster Schritt wäre das schon zur Gesundung der Wurzeln! Denn wie steht es jetzt mit Petersburg? Es ist doch schon so weit gekommen, daß Petersburg sich für ganz Rußland hält, und dieser Irrtum steigert sich noch von Generation zu Generation. Es will in gewissem Sinne dem Beispiel von Paris folgen, ungeachtet dessen, daß es Paris gar nicht ähnlich ist. Für Paris hat es die historische Entwicklung mit sich gebracht, daß es ganz Frankreich, sein politisches wie soziales Leben, in sich aufsog. Nehmen Sie Frankreich Paris, was würde ihm dann noch verbleiben? Nur seine geographische Lage. Nun, und auch bei uns glauben einige schon, daß ganz Rußland in Petersburg enthalten sei. Doch Petersburg ist längst nicht Rußland, für die größere Hälfte des russischen Volkes hat Petersburg nur dadurch eine Bedeutung, daß sein Zar dort lebt. Unsere Petersburger Intelligenz aber, das wissen wir alle, versteht von Generation zu Generation Rußland immer weniger, und das wohl darum, weil Petersburg, eingeschlossen in seinem finnischen Sumpf, mehr und mehr eine falsche Vorstellung von Rußland bekommt. So hat sich bei einigen von diesen Herren der Horizont bereits arg verengert, ja, er ist fast schon so eng geworden wie der Horizont von Karlsruhe.[34] Aber blicken Sie nur über Petersburg hinaus: und vor Ihnen liegt ein ganzes weites Meer russischen Landes, ein uferloser Ozean. Doch siehe, der Sohn der Petersburger Väter verneint auf die gleichmütigste Weise dieses russische Volksmeer und verhält sich zu ihm wie zu etwas Passivem und Unbewußtem, geistig Nichtigem und jedenfalls im höchsten Grade Rückständigem. „Vielköpfig ist es, aber dumm, taugt nur dazu, uns zu erhalten, wofür wir ihm Verstand beibringen und es an eine staatliche Ordnung gewöhnen müssen.“ Tanzend und das Parkett polierend, werden in Petersburg die zukünftigen Sohne des Vaterlandes gebildet, und die Petersburger Beamten studieren ihr Vaterland in den Kanzleien. Versteht sich: irgend etwas erlernen sie schließlich in ihnen, nur ist das nicht Rußland, sondern etwas ganz anderes, etwas sehr Besonderes. Und dieses ganz Andere und Besondere wird dann Rußland aufgebunden. Doch währenddessen bewegt sich das Volksmeer nach seinem eigenen Gesetze und sondert sich mehr und mehr von Petersburg ab. Und sagen Sie nicht, daß es, wenn auch ein mächtiges, so doch unbewußtes Leben führe, was nicht nur die Petersburger allein glauben, sondern auch noch andere Russen, die Rußland besser kennen. Wenn man nur wüßte, wieviel Erkenntnis sich schon im Volke angesammelt hat! Und das Erkennen wächst noch von Tag zu Tag. Wie würden sich die Petersburger wundern, wenn sie wüßten, wie vieles dem Volke schon zugänglich und verständlich ist! Wenn sich das auch noch nicht im großen Ganzen äußert, so tut es sich doch schon an allen Ecken und in allen Hütten kund, wofern man es nur zu fühlen und zu sehen versteht. Wie sollte es sich auch schon im Ganzen äußern können, das Ganze ist ja ein Meer! ein Ozean! Aber wenn es sich einmal äußern wird, in welch maßloses Erstaunen wird es da den intelligenten Petersburger versetzen! Freilich wird das europäische Menschlein das Volk noch lange verneinen und wird sich dem Volke noch immer nicht ergeben wollen. Ja, viele werden so hinsterben, ohne von ihm überhaupt etwas zu ahnen. Wäre es da nicht besser, wiederhole ich, um großen heraufkommenden Mißverständnissen vorzubeugen, er ließe, wenn auch nur in seinen besten Vertretern, ein wenig ab, von seinem Hochmut Rußland gegenüber? Nur ein wenig mehr Eingehen, Verständnis, nur ein wenig mehr Demut im Herzen vor dieser großen russischen Erde, vor diesem Volksmeer – das ist es, was uns nottut. Das wäre der erste Schritt, den wir zur „Heilung der Wurzeln“ machen müßten.
„Aber erlauben Sie, mein Herr,“ unterbricht man mich, „was Sie bis jetzt gesagt haben, sind doch nur alte, verbrauchte, unrealisierbare Phantastereien der Slawophilen. Und was wollen Sie damit sagen: zur ‚Heilung der Wurzeln‘? Welcher Wurzeln? Und was verstehen Sie darunter?“
„Sie haben recht, meine Herren, ich muß zunächst doch noch einiges über die Wurzeln sagen.“
Die Hauptwurzel, die einer Heilung zu allererst bedarf, ist ohne Zweifel dieses große russische Volksmeer selbst, von dem soeben die Rede war. Ich spreche jetzt von unserem einfachen Mann und Bauern, von der bezahlten Kraft unserer schwieligen, abgearbeiteten Hände: von unserem russischen Volksozean. Oh, wie sollte ich nicht wissen, was die Regierung für ihn getan hat und noch ununterbrochen tut, von der Aufhebung der Leibeigenschaft an? Sie sorgt für seine Bedürfnisse, seine Aufklärung, für seine Gesundung, vergibt ihm sogar manches Mal seine Rückständigkeit, mit einem Wort, sie tut viel für ihn, wer wollte das leugnen! Aber nicht davon soll hier die Rede sein, sondern von der seelischen Heilung dieser Hauptwurzel, die der Anfang zu allem sein müßte. Unser Volk ist seelisch krank; noch ist das Innerste seiner Seele gesund, aber die Krankheit ist trotzdem schwer. Welcher Art ist nun diese Krankheit? Es ist unmöglich, sie in einem Worte auszudrücken. Man könnte sie so formulieren: Es ist ein „unstillbarer Durst nach Wahrheit“. Das Volk sucht und sucht die Wahrheit, kann aber den Weg zu ihr nicht finden. Ich wollte meine Ansicht über diese Krankheit auf das Finanzielle begrenzen, aber ich muß doch noch einmal auf anderes zurückkommen.
Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft tauchte im Volke das Bedürfnis nach etwas Neuem, noch nicht Dagewesenem auf: es war ein Durst nach Wahrheit, der ganzen vollen Wahrheit, und nach einer Auferstehung zu einem neuen Leben. Das Volk verlangte nach neuen Anschauungen, neue Gefühle stiegen in ihm auf, und es begann, mit ganzer Seele an die neue Ordnung zu glauben. Aber etwas anderes trat ein, etwas, was es nicht erwartet hatte. Die neue Ordnung, an die das Volk so gern geglaubt hätte, die – verstand es nicht. Es begriff sie nicht, wurde irre an ihr und verlor zuletzt seinen Glauben an sie. Sie erschien ihm als etwas Fremdes, Äußerliches und nicht als sein Eigenes. Doch dieses Thema immer wieder vorzubringen, das schon so oft besprochen worden ist, lohnt sich nicht: andere wissen mehr davon als ich – lesen Sie unsere Zeitungen. Es kam damals eine wilde Verzweiflung über unser Volk: wie ein trunkenes Meer wogte es über Rußland hin, und wenn man auch versuchte, den Durst nach Wahrheit in Strömen von Branntwein zu stillen, so wurde er doch nicht befriedigt. Niemals war das Volk allen fremden Einflüssen mehr preisgegeben als jetzt. Nehmen Sie als nur ein Beispiel etwa die „Stunde“,[35] und sehen Sie, welch einen Erfolg sie im Volke hat: was aber beweist das? Doch nur das Suchen nach Wahrheit und die innere Unruhe unseres Volkes. Gerade die Unruhe ist es: das Volk ist seelisch aufgewühlt, und ich bin überzeugt, wenn die nihilistische Propaganda bis jetzt ihren Weg ins Volk noch nicht gefunden hat, so geschah das nur dank der Unfähigkeit und Dummheit ihrer Führer, die das Volk nicht zu nehmen verstehen. Aber sonst, bei der geringsten demagogischen Fähigkeit wäre auch sie so ins Volk gedrungen, wie das Luthertum durch die „Stunde“. Wie soll man das Volk vor Ähnlichem bewahren, denn es ist gesagt: „Es werden Zeiten kommen, wo man euch sagen wird: weder hier ist Christus, noch dort, glaubet nicht!“ So steht es auch jetzt bei uns, und nicht nur mit unserem Volk, sondern auch mit unserer Intelligenz.
Verschiedene ungewöhnliche Gerüchte dringen ins Volk, man spricht von Veränderungen, Anweisungen eines Landanteils, von einer goldenen Urkunde! Unlängst las man ihm in den Kirchen eine öffentliche Warnung vor, daß es nicht daran glauben solle, daß nichts davon wahr wäre – und was geschah? Gerade nach dieser Warnung befestigte sich das Gerücht nur noch mehr im Volke. Ich weiß von einem Fall, wo Bauern sich bei einem benachbarten Gutsbesitzer Land kaufen wollten und schon mit dem Preise einig waren, nach dem Verlesen dieser Warnung sich aber vom Kaufe zurückzogen. „Wir bekommen es noch ohne Geld,“ sagten sie und – warten. Und was die Hauptsache ist: das Volk steht bei uns allein, ist nur seinen eigenen Kräften überlassen, und niemand unterstützt es moralisch. Es hat zwar sein „Semstwo“, aber das ist „Obrigkeit“. Sein Gericht, aber – auch das ist „Obrigkeit“. Und seine „Gemeinde“ scheint sich gleichfalls dazu entwickeln zu wollen. Die Zeitungen sind voll von Beschreibungen, wie das Volk seine Vertreter wählt, natürlich immer in Gegenwart der Obrigkeit, deren Mitglied der neu Erwählte denn auch meist ist. Und was ergibt sich daraus? Da sieht solch ein armer einfältiger Kerl um sich und kommt plötzlich zum Schluß, daß es nur den Ausbeutern und Schmarotzern gut geht und alles nur für sie gemacht zu sein scheint: „Also werde auch ich dasselbe tun!“ – Nun, und so tut er es denn auch. Ein anderer betrinkt sich wieder, nicht etwa weil die Armut ihn drückt, sondern weil ihn die Rechtlosigkeit so anwidert. Was läßt sich da machen? Das ist Fatum! Man sollte meinen, da gibt es doch eine Verwaltung und Vorgesetzte, da müßte doch alles wie am Schnürchen gehen – doch gerade das Gegenteil ist der Fall. Es ist ausgerechnet worden, daß für das Volk in unserer Zeit fast zwanzig Regierungsämter eingerichtet worden sind, ausschließlich für das Volk, um es zu beschützen und zu beraten. Nun sind aber für den armen Menschen ohnehin schon alle und jeder „Obrigkeit“ – und jetzt hat er noch zwanzig solcher „Obrigkeiten“ hinzubekommen! Seine Bewegungsfreiheit ist ja gleich der einer Fliege, die in einen Teller mit Honig gefallen ist. Doch eine solche Freiheit ist nicht nur vom moralischen Standpunkte aus schädlich, sondern auch vom ökonomischen Standpunkte aus. So ist denn das Volk im Grunde doch allein und ohne Ratgeber. Es hat niemanden außer Gott und dem Zaren – mit diesen beiden moralischen Kräften, mit diesen beiden großen Hoffnungen hält es sich aufrecht. Alle anderen Ratgeber gehen an ihm vorüber, ohne es auch nur zu berühren. Die ganze fortschrittliche Intelligenz, zum Beispiel, geht glatt an ihm vorüber, und das ist schade; denn auch in unserer Intelligenz gibt es begabte Menschen – bloß für das russische Volk haben sie wenig Verständnis. Bei uns verneint man es nur; oder man beklagt sich ununterbrochen: warum sich die Gesellschaft nicht zu dieser Idee einer Vereinigung mit dem Volke „beleben“ läßt! und was das für sie für eine Aufgabe wäre! Man sollte aber doch wissen, daß man sich zu ihr gar nicht „beleben“ kann, einfach, weil das Volk der Gesellschaft fremd ist. Die letztere bildet nur eine Schicht über dem Volke – mit der einzigen Beziehung zu ihm, daß das Volk durch seine Arbeit ihr dient, ihr die Möglichkeit verschafft, sich europäische Bildung anzueignen. Doch in diesen zwei Jahrhunderten europäischer Bildung hat das Volk sich nur noch mehr von ihr entfremdet. Wenn die fortschrittliche Intelligenz jetzt behauptet: „Wir sind es, die um das Volk leiden, wir, die so viel über dasselbe schreiben und es zu uns emporziehen wollen,“ so ist doch das russische Volk instinktiv überzeugt, daß es sich hier nur um ein imaginäres Volk handelt, ein in den Köpfen der Intelligenz entstandenes, daß das wirkliche Volk aber von der Intelligenz nur verachtet wird. Ich gebe zu: das verächtliche Verhalten zum Volk ist bei einigen von uns gar nicht bewußt, ja, man kann ruhig sagen, unabsichtlich. Es ist ein Überbleibsel des Leibeigenschaftsverhältnisses und stammt aus der Zeit, als das Volk um unserer „europäischen Bildung“ willen staatlich erdrosselt wurde; und es ist zweifellos auch jetzt noch in uns, obschon das Volk nun „auferstanden“ ist. Deshalb wird es uns auch noch lange unmöglich sein, uns mit dem Volke zu vereinigen, wenn nicht ein Wunder in russischen Landen geschieht. Das Volk ist in seiner großen Masse rechtgläubig und lebt nur der religiösen Idee, es braucht sich sogar dieser Idee gar nicht bewußt zu sein. Im Grunde genommen hat es überhaupt keine andere Idee außer dieser, aus ihr kommt alles bei ihm. Wenigstens will das Volk mit seinem ganzen Herzen und aus seiner tiefsten Überzeugung, daß alles, was bei ihm geschieht und was man ihm gibt, aus dieser „Idee“ heraus geschehe, auch ungeachtet dessen, daß vieles beim Volke selbst nicht von dieser Idee ausgeht, daß es oft willenlos von dunklen, verbrecherischen, barbarischen Instinkten beherrscht ist. Aber jeder Verbrecher und Barbar, mag er auch noch so sündig sein, betet doch zu Gott in den besseren Minuten seines Seelenlebens und bittet ihn, seine Sünden auszulöschen und ihn wieder seiner „Idee“ leben zu lassen. Diese Idee will nun unsere Intelligenz nicht anerkennen. Unsere Intellektuellen weisen auf seine Sünde und seinen Schmutz hin, an dem sie, die das Volk zwei Jahrhunderte lang geknechtet haben, doch selbst Schuld tragen, weisen auf seine Vorurteile und religiöse Gleichgültigkeit hin, und einige behaupten sogar, daß das russische Volk geradezu „verkörperter Atheismus“ sei. Ihr größter Irrtum besteht eben darin, daß sie im russischen Volke keine Kirche anerkennen wollen. Ich spreche jetzt nicht von der Herde Christi, sondern von unserem russischen „Sozialismus“, dessen Ziel es ist, die „Kirche“ aller Völker zu werden, soweit die Erde diese „Kirche“ überhaupt verwirklichen kann. Ich spreche ferner von dem unstillbaren Durst nach der großen, allgemeinen, allbrüderlichen Vereinigung im Namen Christi, einer Idee, die im russischen Volke immer gegenwärtig ist. Und wenn diese Vereinigung auch erst im Wunsche und im Gebet besteht, nicht in der Tat, so treibt doch der religiöse Instinkt dieser millionenköpfigen Masse nicht zu mechanischen Formen: nicht im Kommunismus liegt der Sozialismus des russischen Volkes, sondern es glaubt, sein Seelenheil in der Vereinigung aller Völker im Namen Jesu Christi zu finden. Das ist unser russischer Sozialismus! Über diese höhere vereinigende kirchliche Idee im russischen Volke lachen unsere Europäer. Oh, es gibt noch viele solcher „Ideen“ im Volke, mit denen die Herren nicht übereinstimmen werden, und die sie aus ihrer europäischen Weltanschauung heraus als „tatarisch“ verurteilen. Man kann daher ruhig die Behauptung aufstellen: wer diese Hauptidee des Volkes, die Erwartung des in ihm heraufkommenden Schöpferischen, das Gottesschicksal seiner weltumfassenden Kirche nicht versteht, der wird auch nie das russische Volk selbst verstehen und es auch nie lieben können. Bei manch einem von unseren Europäern ist das Herz rein, gerecht und sehnt sich nach Liebe, – aber lieben wird er nicht das Volk, sondern nur jene Vorstellung, die er sich von ihm macht. Da das Volk aber Volk bleibt, d. h. es selbst bleibt, so kann man für die Zukunft nur einen unvermeidlichen und gefährlichen Zusammenstoß voraussehen. Denn meine Behauptung hat auch eine umgekehrte Auslegung, nämlich die, daß das Volk solch einen russischen Europäer niemals als zu sich gehörig betrachten wird: „Liebe zuerst mein Heiligtum, achte, was ich achte, dann erst bist du wie ich, bist mein Bruder, ungeachtet dessen, daß du nicht so angekleidet bist wie ich, daß du ein Herr bist, daß du zur ‚Obrigkeit‘ gehörst, und daß du dich manchmal nicht einmal in russischer Sprache richtig auszudrücken verstehst.“ Das wird ihnen das Volk sagen, denn unser Volk hat einen klugen und weiten Verstand. Es achtet und liebt auch gewiß jeden guten und klugen Menschen, dankt ihm für seine Ratschläge und befolgt sie gern, ohne daß jener an dasselbe zu glauben brauchte, woran das Volk glaubt. Das russische Volk vermag mit einem jeden auszukommen, denn es hat viele Typen gesehen, vieles beobachtet und behalten in seinem langen, schweren Leben während der letzten zwei Jahrhunderte. Aber sich einleben und sich mit einem Menschen eins fühlen – sind zwei verschiedene Sachen. Doch ohne Zusammengehörigkeitsgefühl kann keine Vereinigung stattfinden.
So ist die Kluft zwischen der Intelligenz und dem Volke außergewöhnlich groß, das Volk ist allein, sich selbst überlassen; außer in seinem Zaren, an den es unerschütterlich glaubt, sieht es in nichts und niemandem eine Stütze. Froh wäre es, eine zu erblicken – aber vergeblich schaut es danach aus. Welch eine große, schöpferische, Segen bringende, neue Kraft aber würde in Rußland erstehen, wenn bei uns eine geistige Vereinigung der Intelligenz mit dem Volke erfolgte! Oh, meine Herren Finanzminister, ganz andere jährliche Budgets werden Sie dann aufstellen als die, welche sich jetzt ergeben! Milch und Honig würden in unserem Reiche überfließen, und alle Ideale wären mit einem Schlage erreicht! – „Ja, aber wie das anfangen, und ist es denn wirklich unsere europäische Aufklärung, die uns daran hindert?“ Nein, nicht diese, denn im Grunde gibt es diese Aufklärung bei uns überhaupt nicht, auch heute noch nicht. Ich denke so: existierte bei uns eine wirkliche Aufklärung, so wäre eine Trennung zwischen Volk und Intelligenz nie erfolgt, denn auch das Volk verlangt doch nach Aufklärung. Wir aber sind, „Aufklärung“ suchend, auf den Mond geflogen und haben den Weg zum Volke verloren. Wie wäre es nun uns verflogenen Menschen möglich, die Sorge um die Heilung des Volkes auf uns zu nehmen? Was können wir tun, damit der beunruhigte Volksgeist sich wieder stärkt und beruhigt? Seine Finanzen, sein Kapital verlangt moralische Ruhe, denn sonst wird es versiegen. Was soll man tun, damit der Geist des Volkes die Wahrheit findet und sich in ihr beruhigt? Diese Wahrheit ist ja vielleicht schon da, aber was soll man tun, damit das Volk an sie zu glauben lernt? Wie soll man es ihm in die Seele pflanzen, daß die Wahrheit in der russischen Erde liegt? Was soll man tun, damit das Volk an sein Gericht, an seine Obrigkeit zu glauben anfängt und sie anerkennt als Fleisch von seinem Fleisch und Blut von seinem Blut? Oh, wenn die Wahrheit wenigstens für die Zukunft im Volke ungefährdet bliebe, damit es den Glauben nicht verlöre, daß sie einmal doch bestimmt noch kommen wird! Wenn die Fliege sich nur ein wenig von dem Teller mit Honigseim fortbewegen könnte, so wäre das schon eine große, große Beruhigung. Und nochmals sage ich: das ganze Unglück kommt von der Trennung der höheren intelligenten Stände vom unteren, niedrigeren – von unserem Volke. Wie aber dieses Volksmeer mit unserer Intelligenz aussöhnen, damit es nicht zu einem großen Aufruhr in ihm kommt?
Dazu gibt es nur eine Möglichkeit, ein magisches Wort, das lautet: „Vertrauen zeigen“! Zu unserem Volke kann man Vertrauen haben, denn es ist dieses Vertrauens wert. Ruft die grauen Bauernkittel und fragt sie, was ihnen fehlt, und was sie nötig haben, und sie werden euch die Wahrheit sagen, und wir alle werden dann vielleicht zum ersten Male die Wahrheit hören. Dazu sind keine großen Versammlungen nötig: das Volk kann man an allen Orten und in jeder Hütte fragen, denn an jedem einzelnen Ort sagt es Wort für Wort dasselbe; was die ganze Masse zusammen auch sagen würde, das Volk ist überall eins. Auch die getrennte Einheit würde nur das eine wiedergeben, denn der Geist ist derselbe. Jede Ortschaft würde vielleicht eine kleine örtliche Besonderheit hinzufügen, aber im ganzen, im allgemeinen würde alles in allem übereinstimmen. Man muß sich nur in acht nehmen, daß es auch wirklich der Bauer ist, der echte Bauer, nicht etwa der Schmarotzer oder Ausbeuter. Aber schließlich, selbst der Freischlucker wird der Erde nicht untreu und wird die Wahrheit sagen – das ist schon so eine Eigenschaft unseres Volkes. Wie soll man aber diesen Vorschlag ausführen? Oh, Menschen, die die Macht dazu haben, können das besser bestimmen als ich; ich möchte nur behaupten, daß es dazu besonderer Formeln nicht bedarf. Unser Volk jagt nicht nach Formeln, besonders nicht nach fertigen, fremdländischen, die hat es nicht nötig und die wird es auch nie nötig haben. Es hat etwas ganz anderes im Kopfe, hat seine eigene Ansicht über die Sache; und in seinen Anschauungen ist ein Volk wie das unsrige durchaus unseres Vertrauens würdig. Und wer der Russen Liebe zum Zaren gesehen und gefühlt hat, der weiß, daß sie des Zaren Kinder sind und der Zar ihr Vater ist. Wer daran nicht glaubt, versteht nichts von Rußland. Nein, darin liegt eine tiefe und ursprüngliche Idee: und sie bedingt einen lebendigen, mächtigen Volksorganismus, der mit seinem Zaren in eins verschmilzt. Diese Idee ist eine Kraft, und diese Kraft ist mit den Jahrhunderten noch gewachsen, besonders in den letzten für das Volk so schrecklichen zwei Jahrhunderten, die wir wegen unserer europäischen Aufklärung so preisen, – wobei wir freilich ganz vergessen, daß diese Aufklärung uns nur durch das Kreuzesleiden unseres Volkes ermöglicht wurde. Aber das Volk glaubte an seinen Befreier, wartete auf ihn und – er kam! Wie sollen wir da nicht seine Kinder sein? Der Zar ist für das Volk keine äußere Kraft, nicht die Kraft irgendeines Besiegers – wie es z. B. die Dynastien der früheren Könige in Frankreich waren –, sondern eine volkliche, verbindende Kraft, die das Volk selbst wollte, die aus seinem Herzen wuchs, die es liebte, für die es litt, von der allein es seinen Auszug aus Ägypten erhoffte. Für das Volk ist der Zar die Verkörperung seines Selbst, seiner Idee, seines Glaubens und seiner Hoffnungen. Und diese Hoffnungen wurden ihm noch kürzlich so glänzend erfüllt, wie sollte es da weitere Hoffnungen aufgeben? Im Gegenteil, sie bestärken und befestigen sich, denn der Zar wurde nach der Aufhebung der Leibeigenschaft nicht nur in der Idee oder in der Hoffnung, sondern in der Tat zu seinem Vater. Diese Beziehung des Volkes zum Zaren als zu einem Vater ist die einzige felsenfeste Grundlage, auf der jede Reform bei uns geschaffen und aufgebaut werden kann. Wenn Sie wollen, so gibt es bei uns gar keine andere schöpferische, erhaltende und führende Kraft in Rußland als das organische und lebendige Bündnis des Volkes mit seinem Zaren: nur ihm entspringt bei uns alles. Wer hätte auf diese Bauernreform hoffen können, wenn er nicht im voraus geglaubt und gewußt hätte, daß der Zar dem Volke ein Vater ist, und daß der Glaube an den Zaren wie an seinen Vater das Volk retten und vor Unglück behüten werde. Wahrlich, schlecht wäre ein Sozialökonom als Reformator, der die wirklichen, lebendigen Kräfte des Volkes aus Vorurteil oder um fremder Überzeugungen willen außer acht läßt. Ja: wir – die Intelligenz – sind schon deshalb nicht eins mit dem Volke und können es nicht verstehen, weil wir, auch wenn wir seine Beziehung zum Zaren einsehen, doch das Wichtigste in seiner ganzen Tiefe und Bedeutung für unsere Zukunft nicht erfassen können: daß gerade durch diese Beziehung zu seinem Zaren das russische Volk sich von allen Völkern Europas und der ganzen Welt unterscheidet; daß das nicht ein zeitlicher, ein vorübergehender Zustand, nicht ein Zeichen von Volksjugend, wie manche klugen Köpfe vielleicht schließen, sondern eine ewige, immerwährende und niemals oder wenigstens lange noch nicht, sehr lange noch nicht sich verändernde Kraft ist. Wie sollte sich da nicht schon deswegen unser Volk von allen anderen Völkern unterscheiden, nicht seine eigene Idee in sich tragen? Ist es nicht klar, im Gegenteil, daß unser Volk schon den organischen Keim einer unterschiedlichen Idee in sich trägt? Diese Idee schließt eine so große Kraft in sich, daß sie natürlich unsere ganze weitere Geschichte beeinflussen wird, und da sie eine ausschließlich russisch-eigenartige ist, so kann auch unsere Geschichte nicht der Geschichte anderer europäischer Völker ähnlich und noch viel weniger ihre sklavische Kopie sein. Das ist es, was unsere klugen Köpfe nicht verstehen wollen, die da glauben, bei uns könne sich alles ohne jegliche Eigenart genau nach europäischem Muster verwandeln, und die sogar diese unsere Eigenart hassen, so daß es vielleicht noch mit einem Unglück enden kann. Daß aber bei uns alles anders und ursprünglich ist, dazu diene folgendes Beispiel. In unserer Zukunft, wenn wir die Periode unseres Pseudoeuropäismus überwunden haben werden, kann z. B. die bürgerliche Freiheit sich nur bei uns in einem Grade entwickeln, wie nirgends in Europa und nicht einmal in den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Auf dieser felsenfesten Grundlage, auf der Liebe des Volkes zu seinem Zaren als seinem Vater, und nicht durch ein geschriebenes Gesetz wird diese Entwicklung sich vollziehen – denn Kindern kann man vieles erlauben, was bei anderen Völkern, die nach Kontrakten leben, undenkbar ist, Kindern kann man ebenso vieles auch anvertrauen und ebenso vieles verzeihen, denn Kinder werden ihren Vater nicht verraten und wie Kinder von ihm jeden Verweis ihrer Fehler in Liebe entgegennehmen.
Und einem solchen Volke soll man nun nicht Vertrauen schenken? Mag es deshalb selbst von seinen Bedürfnissen reden und nicht andere für sich sprechen lassen: wir, die Intelligenz des Volkes, wir müssen erst hören, was es sagt. Oh, nicht aus politischen Gründen schlage ich etwa vor, zeitweise unsere Intelligenz aus dem Spiele zu lassen – schreiben Sie mir bitte nicht politische Ziele zu –, nein, ich habe den Vorschlag aus rein pädagogischen Gründen gemacht. Ja, hören wir zu, wie klar und vernünftig das Volk, ganz ohne unsere Hilfe, seine Wahrheit ausdrücken und wie es in der Sache gerade den Nagel auf den Kopf treffen wird, und ohne uns zu beleidigen, wenn auch von uns die Rede sein sollte. Mögen wir vom Volke lernen, wie man die Wahrheit spricht. Von ihm können wir Demut und Lebenserfahrung und Wirklichkeitssinn lernen. Sie werden mir antworten: „Soeben sagten Sie, wie leicht das Volk allen unsinnigen Gerüchten glaube, – welch eine Weisheit können wir da von ihm erwarten?“ Nun, Gerüchte sind etwas ganz anderes, und nicht – die Einheit in der allgemeinen Sache. Hier, im Volk, werden wir etwas Ganzes erblicken, und das Ganze wirkt durch sich selbst und das Ganze bringt zur Vernunft. Ja, für uns wird es in Wahrheit eine Schule sein, die fruchtbringendste Schule. Wir werden erstaunt sein, beim Volke so viel Lebenserfahrung und Ernst zu finden; freilich wird es auch solche geben, die ihren Augen nicht trauen wollen, aber solcher sind wenige, denn alle wirklich Aufrichtigen, die nach Wahrheit verlangt, und denen es um die allgemeine Sache und den allgemeinen Nutzen zu tun ist – die werden sich an die wahren Worte des Volkes halten. Alle diejenigen aber, die nicht aufrichtig der Sache ergeben sind, werden mit ihrem Mißtrauen nur ihre eigene Inhaltslosigkeit aufdecken. Und wenn es noch welche gibt, die dem Volke nicht Glauben schenken, so sind das nur Altgläubige und Doktrinäre der vierziger und fünfziger Jahre, alte, unverbesserliche Kinder, die nur lächerlich und ganz unschädlich sein werden. Doch alle anderen außer diesen werden sich die Augen reiben und endlich zu sehen anfangen. Das kann außerordentlich wichtige Folgen haben, denn ... denn auf diese Weise kann der Anfang, der erste Schritt zur Vereinigung unseres Standes, der Intelligenz, die so hoch über dem Volke zu stehen meint, mit dem Volke gemacht werden. Ich spreche nur von einer geistigen Vereinigung, denn die nur haben wir nötig, die wird uns zu allem verhelfen, wird alles umschaffen und eine neue Idee bringen. Unsere helle und frische Jugend, denke ich, wird die erste sein, die ihr Herz dem Volke schenken und es verstehen wird. Ich hoffe auch deshalb so sehr gerade auf sie, weil sie selbst so leidet im „Suchen nach Wahrheit“: in der Sehnsucht nach ihr wird sie sofort fühlen, daß auch das Volk nach ihr sucht. Und wenn die Jugend der Seele des Volkes nahestehen wird, dann wird sie auch diese Phantasien lassen, die jetzt so viele Jünglinge beherrschen, alle jene, die sich einbilden, die Wahrheit in den verstiegensten europäischen Lehren zu finden. Oh, ich glaube, daß ich nicht phantasiere und die heilsamen Folgen vergrößere, die aus diesem Ereignisse hervorgehen würden. Der Hochmut würde fallen und die Ehrfurcht vor der mütterlichen Erde wiedergeboren werden. Eine ganz neue Idee würde plötzlich in unsere Seele leuchten und alles erleuchten, was bis jetzt im Dunkeln gelegen, und mit ihrem Lichte die Lüge ertöten. Und, wer weiß, vielleicht wäre das der Anfang einer Reform, die durch ihre Bedeutung hoch über der Reform der Leibeigenschaft stände: wäre sie doch gleichfalls eine Befreiung – eine Befreiung unserer Geister und Herzen von dem Leibeigenschaftsverhältnis zu Europa, in dem wir zwei Jahrhunderte gestanden, ganz ähnlich unserem Bauern – unlängst noch ein Sklave wie er. Und wenn diese zweite Reform sich verwirklichen könnte, so wäre sie auch nur eine Folge der großen ersten Reform, der Aufhebung der Leibeigenschaft zu Anfang der Regierung unseres Zar-Befreiers. Mit der einen wäre die materielle Wand gefallen, die das Volk von der Intelligenz trennte, mit der zweiten fiele diese Wand auch ideell. Was könnte höher stehen, was wäre fruchtbringender für Rußland als dieser geistige Bund aller Stände? Die, welche sich bis jetzt des Volkes schämten, des angeblich barbarischen und jegliche Entwicklung hemmenden, die werden sich dieses Schämens schämen und sich mit dem Volke aussöhnen und vieles wieder achten können, was sie früher verachteten. Und wenn das Volk ihnen geantwortet, seine Sache ihnen vorgelegt hat und sein demütiger Mund verstummt – dann fragen Sie meinethalben auch unsere Intelligenz, und wär’s auch nur nach ihrer Meinung über das Volk, und sie werden sofort die Folgen bemerken. Oh, auch ihr Wort wird dann fruchtbar werden, denn sie ist doch nun einmal die Intelligenz, und das letzte Wort gehört ihr. Das uns alsdann vom Volke gegebene Beispiel würde uns auf jeden Fall von Unüberlegtheiten und Dummheiten abhalten, die von uns, wenn wir zuerst das Wort gehabt hätten, unfehlbar begangen worden wären. Und Sie werden sehen: unsere Intelligenz würde dann nichts mehr im Widerspruch zum Volke sagen, sondern würde dessen Wahrheit in die ganze Breite seiner Bildung hineinentwickeln und sie wissenschaftlich erläutern und begründen – denn auch das Volk hat die Wissenschaft nötig. Ja, und wenn sich auch Widersprüche einstellen würden, Widersprüche gegen gewisse Grundlagen unseres Volkes, so würden sie es doch nicht wagen, sich so heftig gegen den Volksgeist aufzulehnen, und das ist sogar sehr wichtig.
Ja, es ist sogar sehr leicht möglich, daß unsere seelische Ruhe schon bei dem ersten Schritt wiederkehrt. Es würde eine allgemeine, alle vereinigende Hoffnung erstehen, und wir würden uns über unsere Ziele klarer werden. Das aber wäre wichtig: denn unsere bewußte Kraft, unsere Intelligenz, ahnt ja kaum, welchen Inhalts unsere nationalen und staatlichen Ziele sind oder sein können. Gerade hier liegt heute die Unsicherheit, und gerade die ist gewiß auch die Quelle unserer Ruhelosigkeit und Verstimmtheit, und nicht nur dem Gegenwärtigen, sondern noch viel mehr dem Zukünftigen gegenüber. Alles das könnte aufgeklärt und erläutert werden, oder wir bekämen einen Hinweis auf Mittel, mit denen man bei uns etwas erlangen könnte, wir würden auf neue Gedanken kommen ...
Doch genug! Ich habe gesprochen, wie ich es verstanden habe. Wenn man nicht alles versteht, wenn ich mich unzureichend ausgedrückt, so nehme ich die Schuld auf mich – aber das, was man versteht, möge man in einer friedlichen und unverletzenden Weise verstehen. Ich wünschte nur, daß man unparteiisch begriffe: daß ich zuerst und vor allen Dingen für das Volk stehe, daß ich an seine Seele, an seine Kräfte, deren Größe noch niemand von uns zu ahnen scheint, wie an ein Heiligtum glaube, hauptsächlich aber an die errettende Bedeutung des großen, alles erhaltenden und aufbauenden Volksgeistes. Mich verlangt nur nach einem: daß alle ihn erschauten – denn wenn sie ihn nur einmal erschaut haben, werden sie sofort auch alles Übrige verstehen.