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Sämtliche Werke 13 cover

Sämtliche Werke 13

Chapter 65: Der Krieg
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About This Book

A collection of essays and speeches that probe political, religious and cultural questions through historical and philosophical reflection. Early pieces analyze Western European debates over republic versus monarchy, church and state, political power and cultural currents. A large section focuses on Russia, considering social composition, popular character, reformist paradoxes, finance and diplomatic strategy. Subsequent essays examine Balkan, Ottoman and Asian issues, evaluating war, diplomacy and relations with neighboring regions. Throughout, the writer blends historical narrative, moral and spiritual inquiry and policy argument to debate national identity, international position and possible paths forward.

Der Krieg

Wir sind die Stärksten

Krieg!! der Krieg ist erklärt!“ rief man bei uns vor zwei Wochen.[46] „Wird es auch zum Kriege kommen?“ fragten sofort die Zweifler. „Er ist schon erklärt, ist erklärt!!“ antwortete man ihnen. „Wissen wir, – aber wird es überhaupt zum Kriege kommen?“ fuhren jene fort zu fragen.

Solche Fragen gab es damals und gibt es vielleicht noch jetzt. Und nicht nur wegen der langen diplomatischen Unterhandlungen glaubt man nicht an den Krieg; nein, hier ist noch etwas anderes mit im Spiel, das Grund zum Zweifeln gibt: hier ist es einfach – der Instinkt. Alle fühlen, daß etwas Entscheidendes beginnt, daß das Ende von etwas Früherem, jahrhundertelang Gewesenem herannaht, und daß ein Schritt zu etwas ganz Neuem getan wird, zu etwas, was das Frühere zersprengt und zu neuem Leben auferweckt, und ... daß dieser Schritt von uns getan wird, von – Rußland! Das ist es ja, was die „klugen“ Leute nicht glauben können. Instinktives Vorgefühl ist vorhanden, doch der Zweifel währt noch immer: „Rußland! Wie kann es denn, wie wagt es überhaupt? Ist es denn dazu vorbereitet? – innerlich, moralisch, nicht nur materiell? Dort ist Europa, das ist leicht gesagt – Europa! Aber Rußland, was ist denn Rußland? Und nun solch ein Schritt!?“

Das Volk aber glaubt, daß es reif ist zu diesem neuen und großen Schritt. Es ist das Volk, das sich mit seinem Zaren an der Spitze zum Kriege erhoben hat. Als das Zarenwort sich über die russische Erde verbreitete, da zog das Volk in die Kirchen, um zu Gott zu beten; als die Bauern auf dem Lande das Manifest ihres Zaren lasen, bekreuzten sie sich und beglückwünschten einander zu diesem Kriege. Das haben wir selbst hier in Petersburg gesehen und gehört. Und wieder geschieht dasselbe, was im vorigen Jahr geschah. Die Dorfbauern geben je nach ihrem Vermögen Geld oder den durchmarschierenden Truppen Lebensmittel, Pferde und Wagen und plötzlich sagt dieses Volk: „Was sind Spenden, was Vieh und Pferde, wir gehen selbst kämpfen!“ Hier in Petersburg werden von einzelnen mehrere tausend Rubel für die Verwundeten gegeben – ihre Namen kennt man nicht, denn sie wollen ungenannt bleiben. Solche Tatsachen erleben wir jetzt in Unmengen und keinen nehmen sie wunder. Sie bedeuten nur, daß das ganze Volk sich für die Wahrheit erhoben hat, zum Kriege für die heilige Sache. Was unsere „Klugen“ anbetrifft, so werden sie natürlich auch diese Tatsachen leugnen – ganz wie sie im vorigen Sommer die Beweise der Sympathie unseres Volkes für die Balkanslawen leugneten. Auch jetzt lachen sie über das Volk, doch sind ihre Stimmen schon merklich leiser geworden. Warum aber lachen sie nur, woher haben sie soviel Selbstvertrauen? Nun, weil sie sich immer noch für eine Macht halten, immer noch für dieselbe Macht, ohne die man nichts vollbringen kann. Indessen ist das Ende dieser ihrer Macht nicht mehr fern und immer schneller nähern sie sich ihrem furchtbaren Untergang. Wenn aber der Boden unter ihnen anfangen wird zu weichen, dann werden sie sich beeilen, in einer anderen Sprache zu reden, doch dann wird es zu spät sein: alle werden begreifen, daß sie fremde Worte aufs Geratewohl zusammenstellen, und werden sich von ihnen abwenden und ihre Zuversicht dorthin tragen, wo der Zar und mit ihm sein Volk ist.

Wir haben diesen Krieg auch für uns selbst nötig: nicht nur für unsere von den Türken gequälten „slawischen Brüder“ erheben wir uns, sondern auch zur eigenen Rettung. Der Krieg wird die Luft, die wir atmen, erfrischen, die Luft, in der wir in der Ohnmacht unserer Verwesung und geistigen Beengtheit zu ersticken drohten. Die „Klugen“ und „Allweisen“ prophezeien zwar, daß wir an unseren eigenen inneren Unordnungen ersticken und verderben würden und darum an Stelle des Krieges lieber einen langen Frieden wünschen sollten, damit wir uns aus Tieren und Dummköpfen in Menschen verwandeln, zunächst Ordnung, Ehrlichkeit und Ehre lernen können: „Dann erst geht und helft euren slawischen Brüdern,“ schließen sie übereinstimmend ihre Episteln. Es wäre wirklich interessant zu erfahren, wie sie sich diesen Entwicklungsprozeß, durch den sie es besser machen würden, eigentlich denken? Und auf welche Weise sie sich durch evidente Unehre Ehre erwerben wollten? Interessant wäre ferner, wie und wodurch sie ihre Feindschaft gegen das allgemeine, allenthalben durchbrechende Gefühl ihres Volkes rechtfertigen wollen. Nein, wie man sieht, läßt sich die Wahrheit nur durch Märtyrertum erkaufen. Millionen von Menschen bewegen sich und leiden und verschwinden dann spurlos, als ob es ihnen bestimmt gewesen wäre, niemals die Wahrheit zu erkennen. Sie leben mit fremden Gedanken, sie suchen das fertige Wort und Beispiel, klammern sich an die von anderen ihnen suggerierte Tat. Sie prahlen, daß die Autoritäten, daß Europa ihnen recht gebe. Alle anderen, die mit ihnen nicht übereinstimmen, die die Gedankenknechtschaft verachten und an ihre eigene und ihres Volkes Selbständigkeit glauben, pfeifen sie aus. Aber in der Wirklichkeit sind diese Schwärme schreiender Menschen doch nur dazu bestimmt, ein passives Mittel zu sein, auf daß nur wenige Einzelne von ihnen sich der Wahrheit nähern oder von dieser wenigstens so etwas wie ein Vorgefühl bekommen. Diese Einzelnen aber sind es, die dann alle nach sich ziehen, die Führung ergreifen, die Idee gebären und sie als Vermächtnis den sich quälenden Menschenmassen hinterlassen. Solche Einzelne haben wir schon bei uns gehabt. Manche von uns verstehen sie schon, oder sogar viele. Doch die „Klugen“ fahren noch fort, zu lachen und immer noch von sich zu glauben, sie seien eine große Macht! „Die gehen ein wenig spazieren, werden bald zurückkehren,“ sagen sie jetzt von unseren Truppen, die schon die Grenze überschritten haben, sagen es sogar laut. „Wo soll’s denn Krieg geben? Wie könnten wir denn Krieg führen? Es ist einfach ein militärischer Spaziergang und einige Manöver mit Verschwendung Hunderter von Millionen – zur Aufrechterhaltung der Ehre.“ Das ist ihre intime Auffassung der Sache, oder richtiger, ihre nicht intime.

Sollte es nun geschehen, daß wir besiegt werden, oder unter dem Druck der Verhältnisse für Lappalien Frieden schließen, – oh, dann würden die „Klugen“ natürlich triumphieren! Und welch ein Auspfeifen und Heidenlärm und Zynismus wird dann wieder beginnen, welch ein Bacchanal von Selbstbespeiung, Selbstbeschimpfung und Selbstverspottung wird dann wieder anheben! – Und das nicht etwa, um ein neues Leben bei uns zu erwecken, sondern gerade wegen des Triumphes der eigenen Ehrlosigkeit, Unpersönlichkeit und Kraftlosigkeit. Und der neue Nihilismus wird ganz genau so, wie der alte, mit der Verneinung des russischen Volkes und seiner Selbständigkeit beginnen, und – das Wichtigste – wird solche Macht ergreifen und so tief Wurzel treiben, daß er fraglos das Heiligste Rußlands unterdrücken wird. Und wieder wird die Jugend ihre Familien und ihr Elternhaus beschimpfen und vor der Weisheit der Greise davonlaufen, weil diese doch nur ein und dasselbe wiederholen: immer die alten, allen überdrüssig gewordenen Lieder von der europäischen Herrlichkeit und von unserer Pflicht, möglichst unpersönlich zu sein. Das ist ja das Schrecklichste, daß es dann wieder dieselben alten Lieder, dieselben alten Worte geben wird und die Hoffnung auf etwas Neues dann auf lange, lange hinausgeschoben werden muß!! Nein, wir brauchen Krieg und Siege! Mit Krieg und Siegen wird das neue Wort kommen und wird das lebendige Leben beginnen und nicht das ertötende Geschwätz von früher sich fortsetzen ... was sag’ ich, „von früher“! – von heute, meine Herren.

Nichtsdestoweniger muß man auf alles gefaßt sein: setzen wir den für uns schlechtesten Ausgang des begonnenen Krieges voraus, so wird doch, selbst wenn wir viel Schändliches, viel schon so zuwider gewordenes altes Leid werden ertragen müssen, so wird doch der Koloß nicht ins Wanken gebracht werden und früher oder später das Seine nehmen. Das ist nicht nur meine Hoffnung – das ist meine volle Überzeugung. In dieser Unmöglichkeit, den Koloß ins Wanken zu bringen, liegt unsere ganze Macht Europa gegenüber. Dieser Koloß ist unser Volk. Und der jetzige volkstümliche Krieg und all die ihm kurz vorhergegangenen Bewegungen haben allen, die zu sehen verstehen, deutlich unsere volkliche Einheit und Frische gezeigt, und bis zu welch einem Grade unsere Volkskräfte von jener Zersetzung, die unsere „Klugen“ überfallen hat, bewahrt geblieben sind. Und welch einen Dienst uns diese „Weisen“ in den Augen Europas erwiesen haben! Noch vor kurzem schrien sie, so daß die ganze Welt es hörte, wir seien arm und nichtig; sie versicherten spöttisch allen, einen Volksgeist hätten wir überhaupt nicht, einfach weil kein Volk vorhanden wäre; weil auch unser „Volk“ ganz so wie sein „Geist“ nur von der Phantasie einheimischer, moskowitischer Denker erfunden worden sei; daß die achtzig Millionen russischer Bauernkerle im ganzen nur Millionen passiver, betrunkener, steuerpflichtiger Nummern wären; daß von einer Verbindung des Zaren mit dem Volke überhaupt nicht die Rede sein könne – letzteres stehe nur in alten Schriften; daß, im Gegenteil, alles losgelöst und vom Nihilismus angefressen sei; daß unsere Soldaten die Gewehre wegwerfen und wie die Lämmer zurücklaufen würden; daß wir weder Munition noch Proviant hätten; und zu guter letzt, hieß es, sähen wir selbst ein, daß wir uns zuviel zugemutet hätten, und warteten jetzt nur auf einen Vorwand, um uns zurückziehen zu können, ohne gerade die ganzschimpflichsten Ohrfeigen davontragen zu müssen, und beteten zu Gott, daß Europa uns diesen Vorwand ausdächte! Das ist die Meinung unserer „Weisen“ von uns ... Wahrlich, man kann sich schlechterdings kaum über sie ärgern: das ist nun einmal ihre eingefleischte Überzeugung. Und es ist ja auch wahr: ja, wir sind arm, ja, in vielem sind wir sogar bedauernswert; ja, wir haben wirklich so viel Schlechtes, daß der „Kluge“, und besonders wenn er noch unser „Kluger“ ist, nichts anderes tun kann, wenn er sich „treu“ bleiben will, als ausrufen: „Wozu das Ende Rußlands noch bedauern!“ Und diese lieben Gedanken unserer Klugen sind bereits durch ganz Europa geflattert, besonders mit Hilfe der europäischen Korrespondenten, die schwarmweis seit dem Ausbruch des Krieges zu uns kommen, um uns an Ort und Stelle zu studieren, uns mit ihren europäischen Äuglein zu durchschauen und unsere Kräfte mit ihrem europäischen Zentimetermaß zu messen. Selbstverständlich haben sie nur unsere „Klugen, Allwissenden und Vernünftigen“ angehört. Die Volkskraft und der Volksgeist sind ihnen allen entgangen. Und so ist denn auch schon die Nachricht, daß Rußland untergeht, daß es nichts ist, nichts war und nichts werden wird, nach Europa telegraphiert worden. Als diese erste Botschaft noch vor dem Kriege hinauszog, da erbebten die Herzen unserer uralten Feinde und Neider, denen wir schon zwei Jahrhunderte lang Verdruß bereiten, vor Freude, und mit ihnen frohlockten die Herzen vieler Tausende europäischer Juden und die Herzen vieler Millionen verjudeter „Christen“. Es freute sich auch das Herz Beaconsfields: ihm ward gesagt, Rußland werde eher alles ertragen, alles, bis zur beleidigendsten letzten Ohrfeige, als daß es einen Krieg begönne – dermaßen groß, hieß es, sei seine „Friedensliebe“. Gott jedoch schützte uns und schlug sie alle mit Blindheit. Da sie fest an den Untergang und die Nichtigkeit Rußlands glaubten, konnte ihnen das Wichtigste entgehen: sie übersahen das ganze russische Volk als lebendige Kraft und übersahen die kolossale Tatsache: das Einssein des Zaren mit seinem Volke! Ja, nur das ist ihnen entgangen! Außerdem konnten sie unmöglich begreifen und glauben, daß unser Zar wirklich friedliebend sei und wirklich nicht Menschenblut vergießen wolle; sie dachten, all das werde bei uns nur „aus Politik“ gesagt. Und sogar jetzt noch sehen sie nichts von alledem: sie schreiben, daß bei uns plötzlich nach dem Manifest des Zaren der „Patriotismus“ ausgebrochen sei. Ist denn das Patriotismus, ist denn diese Verbindung des Zaren mit dem Volk für die große Sache etwa nur Patriotismus? Darin besteht ja unser Talisman, daß sie nichts von Rußland verstehen, nichts in Rußland sehen! Sie wissen nicht, daß wir durch nichts in der Welt besiegt werden können, daß wir meinetwegen Schlachten verlieren können, doch nichtsdestoweniger unbesiegbar bleiben, gerade durch die Einheit des Volksgeistes in dem Bewußtsein: daß wir nicht Frankreich sind, das ganz in Paris liegt, daß wir nicht Europa sind, das ganz von den Börsen seiner Bourgeosie abhängt und von der „Ruhe“ seiner Proletarier, die bereits durch die letzten Anstrengungen der dortigen Regierungen erkauft wird – nur auf eine Stunde. Sie begreifen es nicht und wissen es nicht, daß, wenn wir wollen, uns alle Juden der Welt zusammengenommen nicht werden besiegen können, nicht die Millionen ihres Goldes, nicht die Millionen ihrer Armeen; daß, wenn wir wollen, man uns nicht wird zwingen können, etwas gegen unseren Willen zu tun, daß es keine einzige irdische Macht gibt, die dazu fähig wäre! Das Unglück ist nur, daß man über diese Worte nicht nur in Europa lachen wird, sondern auch bei uns, und daß es hier nicht bloß unsere „Weisen“ tun werden, nein, auch die wirklichen Russen unserer intelligenten Schicht – dermaßen wenig kennen wir uns selbst und unsere Urkraft, die sich, Gott sei Dank, bis jetzt noch ungeschwächt erhalten hat. Die guten Leute begreifen es nicht, daß bei uns, in unserem unabsehbaren und eigenartigen, Europa im höchsten Grade ungleichen Lande sogar die Kriegstaktik – eine doch so allgemeine Sache! – der europäischen vielleicht ganz unähnlich ist; daß die Grundlagen der europäischen Taktik – Geld und wissenschaftliche Organisation militärischer Einfälle in unser Land – über dieses Land straucheln und hier bei uns auf eine neue, ihnen noch vollkommen unbekannte Kraft stoßen können, auf die Kraft, deren Wurzeln in der Natur des unabsehbaren Russenlandes und in der Natur des allvereinenden russischen Geistes liegen. Doch mögen es vorläufig auch noch so viele gute Leute bei uns nicht wissen – nicht wissen und sich ängstigen –; dafür wissen es unsere Zaren und fühlt es unser Volk. Alexander I. wußte um diese unsere eigenartige Kraft Bescheid, als er sagte, er werde sich einen langen Bart wachsen lassen und mit seinem Volke in die Wälder gehen, doch könne er nicht das Schwert niederlegen und sich dem Willen Napoleons fügen. An dieser Kraft wäre auch ganz Europa zerschellt; denn zu solch einem Kriege reicht weder sein Geld noch die Einheitlichkeit seiner Organisation aus. Wenn einst bei uns alle Russen wissen werden, daß wir so stark sind, dann werden wir es auch erreichen, daß wir nicht mehr Krieg zu führen brauchen; dann wird man an uns glauben und dann wird uns Europa zum erstenmal entdecken, so wie es einst Amerika entdeckte. Auf daß nun aber dies möglich werde, müssen wir uns selber, und zwar vor ihnen, entdecken, und muß unsere Intelligenz endlich begreifen, daß sie sich nicht mehr von unserem Volke absondern darf ...

Nicht immer ist der Krieg eine Geißel, zuweilen ist er sogar die einzige Rettung

Doch unsere „Klugen“ haben sich auch an die andere Seite der Sache gemacht: sie predigen Nächstenliebe und „Humanität“, sie trauern um vergossenes Blut und sind tief unglücklich, daß wir zu unserer Vertierung in den Krieg ziehen, uns somit noch weiter von dem inneren Fortschritt, dem richtigen Wege, der Wissenschaft entfernen. Ja, der Krieg ist schließlich ein Unglück, doch vieles ist auch kurzsichtig gesehen in diesem Urteil der „Humanen“; vor allem aber haben wir wirklich genug von ihren bourgeoisen Moralpredigten! Die Heldentat des Selbstopfers für all das, was wir heilig halten, ist doch wohl ethischer als der ganze bourgeoise Moralkatechismus. Der Aufschwung des Geistes der Nationen für eine hochherzige Idee – ist ein Schritt nach vorn, aber nicht „Vertierung“. Natürlich können wir uns ja irren in dem, was wir eine hochherzige Idee nennen; ist aber das, was wir heilig halten, schimpflich und lasterhaft, so werden wir der Strafe der Natur nicht entgehen: das Schimpfliche und Lasterhafte trägt seinen Tod in sich und richtet sich früher oder später doch selbst. Der Krieg, der zur Eroberung fremder Reichtümer geführt wird, auf Wunsch der unersättlichen Börse, – wenn er auch vielleicht im tiefsten Grunde auf dem allen Völkern gemeinsamen Gesetz der Ausbreitung ihrer nationalen Persönlichkeit beruhen mag, so gibt es doch eine Grenze, die bei dieser Ausbreitung nicht überschritten werden darf, über die hinaus jede Aneignung schon Überfluß ist –: solch ein Krieg zeugt bereits von der Dekadenz der Nation und kann ihr nur den Tod bringen. So würde England, wenn es in diesem Kriege für die Türken eintreten und aus Interesse für seine handelspolitischen Vorteile die Leiden gequälter Menschen ganz und gar vergessen wollte, zweifellos ein Schwert erheben, das früher oder später auf sein eigenes Haupt zurückfallen würde. Und umgekehrt: welch eine Tat könnte reiner und heiliger sein als dieser Krieg, den Rußland jetzt unternommen hat? Man wird vielleicht sagen: „Auch Rußland will sich doch in diesen Völkern, die es jetzt, nehmen wir an, aus tatsächlich uneigennützigen Gründen zu befreien und selbständig zu machen beabsichtigt, durch diese selbe Tat für die Zukunft Verbündete, d. h. also, eine neue Kraft erwerben; – das aber geschieht natürlich nach diesem selben Gesetz der Ausbreitung der nationalen Persönlichkeit, dem zufolge auch England zu erobern strebt. Da aber das Ziel des ‚Panslawismus‘ durch seine Kolossalität Europa fraglos schrecken kann, so hat Europa allein schon nach dem Gesetz des Selbsterhaltungstriebes das Recht, uns aufzuhalten, ganz so wie wir das Recht haben, vorwärts zu gehen, ohne uns durch seine Angst auch nur im geringsten aufhalten zu lassen, und uns in unserem Gang nur nach dem zu richten, was uns die eigene politische Umsicht und Klugheit rät. Auf diese Weise gibt es hierbei weder Heiliges noch Schmähliches, sondern nur einen ewigen, sagen wir, tierischen Instinkt der Völker, dem sich ausnahmslos alle noch ungenügend und unvernünftig entwickelten Nationen der Welt unterwerfen. Trotzdem aber müssen die erworbene Erkenntnis, die Wissenschaft und Menschlichkeit endlich einmal, sei es wann es sei, den ewigen tierischen Instinkt der unvernünftigen Nationen schwächen und in ihnen allen den Wunsch nach Frieden, nach allvolklicher Vereinigung und philanthropischem Fortschritt entfachen. Daraus folgt, daß man Frieden und nicht Blut verkünden muß.“

Heilige Worte! Im gegenwärtigen Augenblick jedoch kann man sie nicht gut auf Rußland anwenden, oder, um es besser auszudrücken –: in der jetzigen historischen Epoche ganz Europas stellt Rußland gewissermaßen eine Ausnahme dar. Sollte sich Rußland, das sich jetzt uneigennützig zur Errettung der geknechteten Völker gerüstet hat, späterhin auch durch dieselben verstärken, so würde es doch selbst dann ein Ausnahmebeispiel bleiben, was natürlich Europa, das Rußland nur nach sich beurteilt, vorläufig noch keineswegs für möglich hält. Rußland wird sich, selbst wenn es sich durch das Bündnis mit den von ihm befreiten Völkern ungemein verstärkt, doch nicht mit seinem Schwerte auf Europa stürzen, nichts von ihm verlangen, nichts von ihm fortnehmen, wie es umgekehrt Europa bestimmt tun würde, wenn es die Möglichkeit fände, sich wieder als Ganzes gegen Rußland zu vereinigen, und wie es in Europa alle Nationen von jeher tun – wenn sich nur eine Gelegenheit findet, sich auf Kosten der lieben Nachbarin zu verstärken. Das geschieht dort seit den ältesten Zeiten, und noch kürzlich ist es wieder geschehen: die gelehrteste, aufgeklärteste aller Nationen stürzte sich auf die andere, ebenso gelehrte und aufgeklärte Nation und packte sie wie ein grimmes Tiers, sog ihr das Blut aus, preßte ihre Kräfte in Gestalt von Milliarden heraus und hieb ihr eine ganze Seite – die beste – ab! Ist es wirklich noch Europas Schuld, wenn es nach alledem Rußlands Bestimmung nicht verstehen kann? Wie sollten sie, die Stolzen, Gelehrten, Starken, sich auch nur träumen lassen, daß Rußland vielleicht gerade zu ihrer Rettung bestimmt und geschaffen ist, und daß es vielleicht erst zum Schluß sein erlösendes Wort aussprechen wird! – Oh, wahrlich wahrlich, wir werden ihnen nichts wegnehmen! – Doch gerade durch den Umstand, daß wir uns so ungemein verstärken – und zwar durch eine Vereinigung in Liebe und Brüderlichkeit, und nicht durch Überfall, Eroberung und Gewalt – gerade durch diese Tatsache wird es uns endlich möglich sein, das Schwert ruhen zu lassen und in der Ruhe unserer Kraft das Beispiel des wahren Friedens zu geben, der internationalen Allvereinigung und Uneigennützigkeit. Wir werden die ersten sein, die der Welt kundtun, daß wir nicht durch Unterdrückung der Persönlichkeit uns fremder Nationalitäten das eigene Gedeihen erreichen wollen, sondern, im Gegenteil, Letzteres nur in der freiesten und selbständigsten Entwicklung aller anderen Nationen sehen und in der brüderlichen Vereinigung mit ihnen, die einen die anderen ergänzend, indem wir uns ihre organischen Besonderheiten einimpfen und ihnen auch von uns Pfropfreiser geben, uns gegenseitig seelisch und geistig aufnehmen, von ihnen lernen und wiederum sie lehren – bis die Menschheit dereinst sich durch den universalen Umgang der Völker bis zur allgemeinen Einheit vervollständigen und wie ein großer prachtvoller Baum die glückliche Erde beschatten wird. Mögen sie doch lachen über diese „phantastischen“ Worte, unsere jetzigen Kosmopoliten und Selbstbespeier! Wir aber fühlen keine Schuld in uns, wenn wir mit unserem Volke, das daran glaubt, Hand in Hand gehen. Fragt doch das Volk, fragt die Soldaten: warum erheben sie sich, warum ziehen sie jetzt westwärts, und was ersehnen sie von diesem begonnenen Kriege? Alle werden sie wie aus einem Munde antworten, daß sie gehen, um Christus zu dienen, und um die bedrückten Brüder zu befreien, – und keiner ist unter ihnen, sage ich euch, der da an Eroberung dächte! Ja, jetzt, gerade in diesem Kriege werden wir den Europäern unsere ganze Idee der zukünftigen Bestimmung Rußlands in Europa beweisen, indem wir uns nach der Befreiung der slawischen Länder von ihnen keine Scholle aneignen – was Österreich bereits heute beabsichtigt, in Zukunft für sich zu tun –; sondern indem wir, im Gegenteil, nur über ihr gegenseitiges Einverständnis wachen und ihre Freiheit und Selbständigkeit, sollte es darauf ankommen, auch gegen ganz Europa verteidigen. Ist dem aber so, dann ist unsere Idee heilig und unser Krieg nicht „ewiger tierischer Instinkt unvernünftiger Nationen“, wohl aber der erste Schritt zur Verwirklichung jenes ewigen Friedens, an den zu glauben wir das große Glück haben, zur Verwirklichung der fürwahr internationalen Vereinigung und des wahrhaften Gedeihens! Also sage ich euch: nicht immer muß man den Frieden predigen, und nicht im Frieden allein liegt einzig die Erlösung – die kann zuweilen auch der Krieg bringen.

Rettet denn vergossenes Blut?

„Aber es wird doch Blut dabei vergossen! – Menschenblut!“ rufen unsere Klugen entsetzt, und wieder beginnen sie ihr altes Lied. Alle diese Rumpelkammerphrasen von vergossenem Blut sind mitunter wirklich nichts weiter als eine Häufung der allernichtigsten schönen Worte zu einem bestimmten Zweck. Die Börsenspekulanten z. B. lieben es jetzt geradezu auffallend, über die Humanität zu philosophieren, – doch für wie viele von ihnen ist sie nur ein Geschäft! Indessen wäre ohne Krieg vielleicht noch mehr Blut vergossen worden. Glaubt mir, in nicht wenigen Fällen, wenn nicht in allen – abgesehen von Bürgerkriegen –, ist der Krieg ein Mittel, durch das man mit dem geringsten Blutvergießen, dem geringsten Weh und der geringsten Kraftverschwendung internationale Ruhe erreicht, und durch die sich, wenn auch nur annähernd, einigermaßen normale Beziehungen zwischen den Nationen herstellen. Selbstverständlich ist das traurig, doch was tun, wenn es so ist! Lieber einmal mit dem Schwerte dreinschlagen, als endlos Leid tragen. Und wodurch ist denn der jetzige Friede zwischen zivilisierten Nationen besser als – Krieg? Im Gegenteil: weit eher als der Kampf vertiert der Friede, besonders der lange Friede, den Menschen und macht ihn grausam. Ein langer Friede züchtet stets Gemeinheit, Feigheit und rohen, feisten Egoismus, vor allem aber – geistigen Stillstand. In der Zeit eines langen Friedens werden nur die Ausbeuter des Volkes fett. Man glaubt im allgemeinen, daß Friede Reichtum erzeuge, – aber das trifft doch nur für ein Zehntel der Menschheit zu! Und dieses Zehntel, das gar bald von den Krankheiten des Reichtums angesteckt ist, überträgt dann diese Krankheiten natürlich auch auf die übrigen neun Zehntel, versteht sich, ohne Reichtum. Krank aber ist es durch Verderbnis und Zynismus. Durch die übermäßige Anhäufung des Reichtums in den Händen Einzelner verrohen deren Gefühle bis zur Stupidität. Das Gefühl für das Vornehme verwandelt sich in die Gier launischen Übermutes und launischer Anormalitäten. Sinnenlust gebiert Grausamkeit und Feigheit. Die betrunkene rohe Seele des Wollüstlings ist grausamer als jede andere, selbst lasterhafte Seele. Mancher Wollüstling, der beim Anblick eines abgeschnittenen Fingers in Ohnmacht fällt, kann einem armen Schlucker nicht einmal eine lumpige Schuld verzeihen und bringt ihn ruhig ins Gefängnis. Grausamkeit aber erzeugt verstärkte, schon allzu feige Sorge um die Sicherstellung seiner selbst, und diese verwandelt sich am Ende eines langen Friedens in eine geradezu krankhafte Angst um die eigene Person, durchdringt schließlich alle Schichten der Gesellschaft und bringt die furchtbarste Gier nach Gelderwerb hervor. Der Glaube an die Solidarität der Menschen, an ihre Brüderlichkeit, an die Hilfe der Gesellschaft, geht verloren und die These: „Ein jeder für sich und nur für sich“ wird laut auf den Märkten verkündet. Der Arme sieht nur zu gut, was der Reiche ist, und was er ihm für ein „Bruder“ sein kann; und so sondern sich alle ab und vereinsamen. Großmut und Hochherzigkeit werden vom Egoismus ertötet. Nur die Kunst erhält in der Menschheit noch das höhere Leben: sie hält noch die Seelen wach, die in den Perioden langen Friedens einzuschlafen drohen und auch pflegen. Deswegen glaubt man auch, daß die Kunst nur zur Zeit eines langen Friedens blühen könne – welch ein Irrtum! Die Kunst, d. h. die wirkliche Kunst, entwickelt sich im Frieden ja nur deshalb, weil sie allen trunkenen, lasterhaften Einschläferungen der Seelen entgegengesetzt ist und durch ihre Schöpfungen in diesen Perioden stets zum Ideal ruft, Protest und Tadel aufwirbelt, die Gesellschaft bewegt und oftmals Menschen leiden macht, die da lechzen nach der Errettung aus der übelriechenden Grube. Und so erweist es sich, daß der lange bourgeoise Friede zu guter Letzt selber das Bedürfnis nach Krieg erzeugt, ihn wie eine traurige Folge gleichsam von selbst aus sich hervorbringt. Doch leider kommt es dann nicht zu einem Kriege mit einem großen, gerechten Ziele, das einer großen Nation würdig ist, sondern zu einem aus irgendwelchen erbärmlichen Börseninteressen, zur Erwerbung neuer Märkte für die Besitzer der Goldsäcke, mit einem Wort: zu einem Kriege aus Gründen, die nicht einmal durch die Notwendigkeit der Selbsterhaltung gerechtfertigt werden, sondern umgekehrt, nur von dem launischen, krankhaften Zustande des Nationalorganismus zeugen. Diese Interessen und die Kriege, die um ihretwillen geführt werden, verderben die Völker, ja, richten sie völlig zugrunde; während der Krieg mit einem hochherzigen Ziele – zur Befreiung Unterdrückter, für eine uneigennützige und heilige Idee – nur die von giftigen Miasmen erfüllte Luft reinigt, die Seele heilt, die schmähliche Feigheit und Faulheit verjagt, ein festes Ziel setzt und schließlich eine Idee gibt und sie verständlich macht, eine Idee, zu deren Verwirklichung diese oder jene Nation berufen ist. Ein solcher Krieg stärkt jede Seele durch das Bewußtsein des Selbstopfers und den Geist der ganzen Nation durch das Bewußtsein der Solidarität und Vereinigung aller, die die Nation ausmachen, vor allem aber durch das Bewußtsein der erfüllten Pflicht, der vollbrachten guten Tat –: „so sind wir doch noch nicht ganz gefallen und verderbt, so gibt es auch in uns noch Menschliches!“ Und womit fingen denn diese unsere jüngsten Prediger des Friedens und der „Menschlichkeit“ ihre Reden an? Mit der allerunmenschlichsten Härte. Sie wollten selbst nicht helfen und ließen auch nicht zu, daß andere den Gemarterten, die nach uns riefen, halfen. Sie, die scheinbar so „human“ und gefühlvoll sind, leugneten kaltblütig und spöttisch die Notwendigkeit des Selbstopfers und der geistigen Heldentat für uns. Sie wollten Rußland auf den erbärmlichsten, einer großen Nation unwürdigsten Weg stoßen, – ganz zu schweigen von ihrer Verachtung für das Volk, das in den slawischen Märtyrern seine Brüder anerkannte, und ihrer hochmütigen Abwendung vom Volkswillen, über den sie ihre falsche „europäische“ Bildung stellten. Ihre Lieblingsthese war: „Arzt, heile dich selbst.“ „Ihr drängt euch, andere zu heilen und zu retten, während bei euch noch nicht einmal Schulen gebaut sind,“ hoben sie ganz besonders hervor. „Nun gut, dann wollen wir uns heilen. Schulen sind eine wichtige Sache, das wird niemand leugnen; doch Schulen brauchen einen Geist und eine Richtung, – so gehen wir denn jetzt in den Krieg, um uns mit Geist zu versehen und eine gesunde Richtung zu erlangen. Und das werden wir auch erreichen, und werden es doppelt, wenn Gott uns Sieg schickt. Mit dem Bewußtsein, daß wir eine uneigennützige Tat vollbracht, daß wir mit unserem Blute ruhmvoll der Menschheit gedient, mit dem Bewußtsein unserer erneuten Kraft und Energie werden wir dann zurückkehren – und werden all das an die Stelle unseres jetzigen kläglichen Wankelmutes setzen, an die Stelle unseres ertötenden Stillstandes in dem sinnlos übernommenen Europäismus. Und wir schließen uns dem Volke an und vereinigen uns fester mit ihm; denn nur in ihm allein werden wir die Heilung von unserer Krankheit finden – von unserer zwei Jahrhunderte langen unfruchtbaren Kraftlosigkeit.“

Im allgemeinen kann man sagen, daß, wenn die Menschheit ungesund und voll Ansteckungsstoff ist, selbst eine so nützliche Sache, wie ein langer Friede, der Gesellschaft anstatt Nutzen nur Schaden bringt. Das ließe sich im allgemeinen auf ganz Europa anwenden. Nicht umsonst ist in der europäischen Geschichte, wenigstens seit der Zeit, da wir uns ihrer erinnern, noch keine einzige Generation ohne Krieg ausgekommen. So ist, wie man sieht, wohl auch der Krieg zu irgend etwas nötig, kann auch der Krieg die Menschheit heilen und ihr das Leben erleichtern. Es mag empörend sein, wenn man es theoretisch überdenkt, doch in der Praxis ergibt sich diese eine Tatsache gerade aus der anderen Tatsache, daß nämlich für einen kranken Organismus auch der schöne Frieden nur Schaden bringt. Wirklich nützlich erweist sich freilich nur der Krieg, der für eine große Idee unternommen wird und nicht wegen materieller Interessen, nicht zu gieriger Eroberung, nicht um hochmütiger Vergewaltigung willen. Solche Kriege haben die Nationen bis jetzt nur auf falsche Wege verschlagen und sie stets verdorben. Wenn nicht wir, so werden es unsere Kinder erleben, wie England enden wird. Jetzt aber ist für alle in der Welt bereits „die Stunde nah“. Und wahrlich, es ist auch die höchste Zeit.

Wie Rußlands „sanftester“ Zar die Orientfrage aufgefaßt hat

Man hat mir vor kurzem einen Auszug aus einem Buch zugesandt, das im vorigen Jahr in Kiew erschienen ist. Es heißt: „Das Moskowitische Reich zur Zeit des Zaren Alexei Michailowitsch und des Patriarchen Nikon nach den Aufzeichnungen des Archidiakonus Pawel Alepski.“ Herausgegeben ist es von Iwan Obolenski.

Ich will nun einen Teil dieses Auszuges hier in meinem „Tagebuch“ anführen, da es vielleicht meine Leser interessieren wird, zu erfahren, wie Rußlands „sanftester Zar“ Alexei Michailowitsch (1645–1676) die Orientfrage aufgefaßt hat. Zugleich ersehen wir aus dieser charakteristischen Aufzeichnung, welch einen Kummer es ihm bereitet hat, nicht der „Zar-Befreier“ der unterdrückten Balkanslawen sein zu können:

Und man sprach, daß der Zar zum heiligen Osterfest (1656), als er mit den griechischen Kaufherren, die alsdann in Moskau weilten, den Osterkuß tauschte, zu ihnen auch also gesprochen habe: „Wollt ihr vielleicht und erwartet ihr, daß ich euch aus der Gefangenschaft befreie und loskaufe?“ und als sie geantwortet: „Wie kann es anders sein? wie sollen wir das nicht wollen?“ habe er weitergesagt: „So bittet denn, wenn ihr heimkehrt in euer Land, alle Bischöfe und Mönche, zu Gott für mich zu beten und Messen zu lesen, auf daß mir durch ihre Gebete die Kraft zuteil werde, das Haupt ihres Feindes zu fällen.“ Und nachdem er hierauf viele Tränen geweint, habe er sich an die Edlen gewandt und also zu ihnen gesprochen: „Mein Herz ist betrübt und verzehrt sich in Kummer um das Los dieser Armen, die von den Feinden unseres Glaubens unterdrückt werden; am Tage des Gerichtes wird Gott mich zu sich rufen und von mir Rechenschaft fordern, warum ich, wenn ich die Macht hatte, sie zu befreien, selbiges zu tun unterlassen ... Ich weiß nicht, wie lang er währen wird, dieser schlechte Zustand der Reichssachen, doch seit der Zeit meines Vaters und meiner Väter Väter haben nicht aufgehört Patriarchen, Bischöfe, Mönche und viel arme Leute mit Klagen über ihre Bedrängung durch die Unterdrücker zu uns zu kommen, und keiner von ihnen hatte anders die Heimat verlassen, als verfolgt von rauhem Leid und auf daß er der Grausamkeit entginge. Und Angst erfaßt mich vor den Fragen des Schöpfers an jenem Tage! So habe ich denn beschlossen in meinem Sinn, wenn es Gott gefällig ist, meine treuen Heere und mein ganzes Gold dahinzugeben und mein Blut bis auf den letzten Tropfen zu vergießen, auf daß ich sie befreie.“ Darauf haben die Edlen geantwortet: „Herr, tue also, wie dein Herz es dir befiehlt.

Aus dem Buch der Weissagungen Johannes Lichtenbergers – aus dem Jahre 1528

Und man hat mir auch noch von einem sehr sonderbaren Dokument Mitteilung gemacht. Es ist das eine alte, schleierhafte und allegorische Weissagung der heutigen Ereignisse und des heutigen Krieges. Einer unserer jungen Gelehrten hat in London, in der Königlichen Bibliothek, einen alten Folianten gefunden: „Das Buch der Weissagungen“, „Prognosticationes“ von Johannes Lichtenberger, eine Ausgabe in lateinischer Sprache aus dem Jahre 1528. Jedenfalls ein seltenes Exemplar, – vielleicht das einzige in der Welt. In nebelhaften Bildern wird in diesem Buch die Zukunft Europas und der Menschheit geschildert. Ein sonderbar mystisches Buch. Ich führe nur die Zeilen an, die für uns nicht ohne Interesse sind.

Nach der Prophezeiung der Französischen Revolution (1789) und Napoleons I., der aquila grandis genannt wird, heißt es weiter von den zukünftigen europäischen Ereignissen wie folgt:

Post haec veniet altera aquila

Hierauf wird ein anderer Adler kommen,

quae ignem fovebit in gremio sponsae Christi

der im Schoße der Braut Christi Feuer erwecken wird,

et erunt tres adulteri unusque legitimus

und es werden drei Uneheliche sein und ein Rechtmäßiger,

qui alios vorabit.

der die anderen verschlingen wird.

Exsurget aquila grandis in

Aufsteigen wird der große Adler

Oriente, aquicolae occidentales

im Osten, die westlichen Inselbewohner

moerebunt. Tria regna

werden anfangen zu weinen. Drei Reiche wird er

comportabit. Ispa est aquila grandis,

verschlingen. Dieses ist der große Adler,

quae dormiet annis multis, refutata

der viele Jahre schläft, der besiegte

resurget et contremiscere faciet aquicolas

wird sich wieder erheben und die westlichen

occidentales in terra Virginis

Wasserbewohner im jungfräulichen Lande

et alios montes Superbissimos; et volabit

zittern machen und noch andere stolze Gipfel; und

ad meridiem recuperando amissa.

fliegen wird er gegen Süden, um das Verlorene

Et amore charitatis inflammabit Deus

wiederzunehmen. Und mit der Liebe der Barmherzigkeit wird Gott den östlichen

aquilam orientalem volando ad ardua

Adler entflammen, der zu Großem fliegt

alis duabus fulgens in montibus christianitatis.

mit zwei leuchtenden Schwingen auf die Gipfel des Christentums.

„Der große östliche Adler, der viele Jahre schläft, und der besiegte“ (bezieht sich das nicht auf unseren Krieg mit Europa vor 22 Jahren?) „wird sich wieder erheben und die westlichen Bewohner im jungfräulichen Lande zittern machen,“ – sollte sich das nicht auf die Gegenwart anwenden lassen, natürlich wenn man von unseren europäisierenden „Weisen“ absieht, die immer noch gewissermaßen vor den Bewohnern des Westens Angst zu haben scheinen, im Widerspruch zu dieser Weissagung, und das in einer Zeit, in der sich der Adler „mit zwei leuchtenden Schwingen“ schon erhoben hat. Doch es sind ja nur die „Weisen“, die da zittern, nicht der Adler! Dann: „die Bewohner im jungfräulichen Lande“ könnte sich, wenn man an die heutigen Verhältnisse denkt, auf England beziehen. In dem Falle jedoch – warum das „jungfräuliche Land“? Im Jahre 1528 gab es noch keine Königin Elisabeth. Oder meint Lichtenberger mit dieser Allegorie vielleicht Großbritannien in dem Sinne, wie sich einst Napoleon über die europäischen Hauptstädte, in die er eingezogen war, geäußert: „Eine Residenz, die sich vom Feinde hat einnehmen lassen, gleicht einer Jungfrau, die ihre Jungfräulichkeit verloren hat“ –? Doch der Adler wird nach der Weissagung auch andere „stolze Gipfel zittern machen“, wird „gegen Süden fliegen, um das Verlorene wieder zu nehmen“, und – was am auffallendsten ist – „mit der Liebe der Barmherzigkeit wird Gott den östlichen Adler entflammen“. Nun, dieses könnte schon stimmen. Hat sich nicht unser Adler aus Barmherzigkeit für die Unterdrückten und Gequälten erhoben? War es nicht die christliche Liebe, die unser Volk zur „schweren Tat“ zog, im vorigen wie in diesem Jahre? Wer will das leugnen? Diese Bauern, diese Soldaten aus diesem unserem Volke, das die „Gebete nicht auswendig kann“, haben einstweilen in der Krim, vor Sebastopol, zuerst die verwundeten Franzosen aufgehoben und zum Verbandsplatz getragen, und dann erst die Russen: „Lassen wir die noch etwas liegen: einen Russen wird jeder aufheben, aber solch ein armes Französchen ist hier doch ganz fremd und allein, für ihn muß man zuerst sorgen.“ Ist nicht Christi Geist in diesen gutmütig gesagten Worten? Ist nicht die Seele Christi in unserem Volke – in dem „dunklen“, doch guten, unwissenden, aber niemals barbarischen Volke? Ja, Christus ist seine Kraft, ist unsere russische Kraft, jetzt, da der Adler gegen Süden fliegt! Was bedeutet da irgendeine Anekdote von den Sebastopoler Soldaten gegenüber den Tausenden von Beweisen des christlichen Geistes und der „barmherzigen Liebe“, die in unserer Zeit offenbar geworden sind, wenn auch die „Weisen“ sich immer noch aus allen Kräften bemühen, den Gedanken zu unterdrücken und die Tatsache zu begraben, daß unser Volk mit Herz und Geist an dem heutigen Schicksal Rußlands und des Balkans Anteil nimmt? Ihr „Gebildeten“, weist nicht auf die „Roheit und Stumpfheit“ des Volkes hin, auf seine Unwissenheit und Rückständigkeit, bei der es, wie es heißt, unmöglich begreifen könne, was jetzt vor sich geht. Seid überzeugt, das Wesen der Sache versteht es vorzüglich – schon seit vier Jahrhunderten. Nur die jetzigen Diplomaten würde es nicht verstehen, wenn es sie kennen lernte; doch wer kann denn diese überhaupt verstehen? Ja, unser großes Volk ist wie ein Tier auferzogen worden, hat Qualen seit seinem ersten Tage und die ganzen tausend Jahre seiner Geschichte erduldet, Marter, wie sie kein einziges Volk der Welt ertragen hätte, sondern unter ihnen zerfallen und vergangen wäre. Unser Volk aber ist in ihnen nur stärker und fester geworden. So werft ihm doch, meine Herren Gelehrten, nicht „Roheit und Unwissenheit“ vor; denn ihr, gerade ihr habt für euer Volk nichts getan. Ihr habt es vor zweihundert Jahren verlassen und euch von ihm endgültig getrennt, habt es in zinspflichtige Nummern verwandelt, in eine für euch arbeitende Maschine; und so ist es aufgewachsen, meine europäisch gebildeten Herren, von euch vergessen und verstoßen, von euch wie ein Tier in seine Höhle verjagt. Doch mit ihm war Christus und mit dem allein hat es bis zu dem großen Tage gelebt, da vor zwanzig Jahren der nordische Adler sich erhob und seine Flügel ausbreitete und es segnete. Ja, es ist viel Roheit in unserem Volke, doch weist nicht auf sie hin! Diese Roheit – das ist der Schlamm der dunklen Jahrhunderte, von dem die Zeit das Volk befreien wird. Doch nicht das ist schlimm, daß noch Roheit vorhanden ist, schlimm ist es, wenn Roheit für Tugend angesehen wird. Ich habe Verbrecher gesehen, die viel Tierisches getan und mit ihrem verderbten, geschwächten Willen tiefer als tief gesunken waren; doch selbst diese Tiere wußten wenigstens von sich, daß sie Tiere waren, sie fühlten, wie tief sie gesunken, und in reinen, hellen Augenblicken, die Gott auch solchen „Tieren“ schickt, verstanden sie, sich selber zu verurteilen, wenn sie auch oftmals nicht mehr die Kraft hatten, sich wieder aufzurichten. Etwas ganz anderes aber ist es, wenn die Roheit wie ein Idol über alles erhoben wird und die Menschen es anbeten und gerade deswegen glauben, Helden zu sein. Der Earl of Beaconsfield und nach ihm alle anderen russischen wie europäischen Beaconsfields halten sich die Ohren zu und schließen die Augen, um nicht die Marter zu sehen, die man ganzen Völkern auflegt, und verraten Christus aus Liebe zu den „Interessen der Zivilisation“, und weil die Gemarterten Slawen sind, also etwas Neues in sich tragen und man sie folglich mit der Wurzel ausrotten muß – und das gleichfalls für die Interessen der alten angefaulten Zivilisation! Das ist meiner Meinung nach Roheit, bloß gebildete und zur Tugend erhobene. Und vor diesem Idol beugt man sich nicht nur im Westen, sondern auch in Rußland! Und der „allerheiligste Papst, der unfehlbare Stellvertreter Gottes“, – hat der nicht in seinen letzten Tagen noch den Türken, den Quälern der Christenheit, Sieg gewünscht über die Russen, die im Namen Christi für die Christenheit auszogen? – Und warum? Weil nach seiner „unfehlbaren“ Definition die Türken immerhin besser seien als die russischen Ketzer, die den Papst nicht anerkennen! Ist das nicht Roheit, ist das etwa nicht barbarisch? Die Weissagung Johannes Lichtenbergers scheint sich wirklich auf unsere Zeit zu beziehen. Und ist nicht einer der „stolzen Gipfel“ – der Papst? Übrigens, was mag Lichtenberger mit diesen Worten gemeint haben: „Hierauf wird ein anderer Adler kommen, der im Schoße der Braut Christi Feuer erwecken wird, und es werden drei Uneheliche sein und ein Rechtmäßiger, der die anderen verschlingen wird“? In der religiösen, mystischen Sprache hat man unter der „Braut Christi“ immer die „Kirche“ im allgemeinen verstanden. Was oder wer sind nun die drei Illegitimen und der eine Legitime? Man könnte annehmen, hiermit seien die drei verschiedenen Kirchen gemeint: die katholische, die protestantische und ... welche ist nun die dritte illegitime? Und welche dann die legitime?

Doch das ist ja nur eine mystische Allegorie. Jenes Buch ist im Jahre 1528 geschrieben und gedruckt, was immerhin sehr beachtenswert ist: in jener Zeit sind wahrscheinlich des öfteren solche Bücher entstanden. Obgleich die Zeit den Stürmen der großen protestantischen Reformation voranging, gab es doch schon viele Protestanten, Reformatoren und Propheten. Bekannt ist auch, daß später, besonders unter protestantischem Kriegsvolk, verzückte „Propheten“ sich erhoben und geweissagt haben. Diesen lateinischen Auszug aus dem alten Buch habe ich nicht etwa als Wunder angeführt, sondern weil diese Weissagung doch eine merkwürdige Tatsache bleibt. Und überhaupt: sind es denn nur die Wunder allein, die ein Wunder sind? Das größte Wunder ist häufig das, was in der Wirklichkeit geschieht. Wir sehen die Wirklichkeit immer nur so, wie wir sie sehen wollen, wie wir sie uns selbst voreingenommen, vorurteilsvoll erklären. Sehen wir aber dann plötzlich in dem Sichtbaren nicht das, was wir sehen wollten, sondern das, was in Wirklichkeit ist, so halten wir es sofort für ein Wunder. Oh, das geschieht keineswegs selten! Bisweilen aber, wahrlich glauben wir eher an Wunder und Unmöglichkeiten als an die Wirklichkeit, an die wir nicht glauben wollen. Und so ist es immer in der Welt gewesen, darin besteht ja die ganze Geschichte der Menschheit.