Lakaientum oder Zartgefühl
Bekanntlich sind alle intelligenten Russen außerordentlich taktvoll in Fällen, in denen es sich um Europa handelt, oder wenn sie glauben, daß Europa auf sie sehe – obgleich Europa sie im Grunde niemals beachtet.[48] Zu Haus aber, da entschädigen sie sich dafür: zu Hause wird der ganze Europäismus in den allermeisten Fällen beiseite geschoben ... Und wer von ihnen glaubt denn auch im Ernst an diese uns so lange schon gepredigten „europäischen Ideen“? Freilich, manch ehrlicher und guter Mensch glaubt einfach aus Herzensgüte an sie; aber gibt es denn viele solcher Menschen bei uns? Um die Wahrheit zu sagen: genau genommen, gibt es doch keinen einzigen Europäer unter uns; denn wir sind ja überhaupt nicht fähig, Europäer zu sein. Unsere Börsengeister und andere führende Geister haben die europäischen Ideen anscheinend bloß gepachtet. Russen aber mit großen, gesunden Gedanken, die glauben freilich nicht an diese „europäischen Ideen“; denn da ist auch wirklich nichts, woran zu glauben sich lohnte. Nichts ist uns unklarer, nebelhafter, unbestimmbarer als dieser Zyklus von Ideen, den wir in der Periode unserer zweihundertjährigen europäischen Nachahmung uns angeeignet haben, – in Wahrheit kein Zyklus, sondern ein Chaos abgerissener Gefühle, fremder, unverstandener Gedanken, fremder Schlüsse und fremder Gewohnheiten, – und alles in allem doch nur Worte und Worte, europäische liberale Worte vielleicht, aber für uns doch nur Worte und Worte.
Mit Papageieninstinkten läßt sich das gerade auch nicht erklären, ebensowenig mit einem Lakaientum russischer Gedanken Europa gegenüber. Lakaiengedanken gibt es ja sonst sehr viele bei uns, aber der höhere Grund unserer europäischen Knechtschaft ist doch wohl nicht ein Lakaientum, sondern schon eher unser angeborenes Zartgefühl Europa gegenüber. Man wird sagen, daß Zartgefühl und Lakaientum in dem Falle ein und dasselbe sei. In vielen Fällen – vielleicht, aber nicht in allen. Ich spreche hier selbstverständlich nicht von den Geistern, die ich vorhin erwähnte; diesen „Europäern“ ist es niemals weder um Europa noch um Rußland zu tun gewesen. Die hatten als kluge Menschen im Trüben gut fischen, und das taten sie denn auch zwei Jahrhunderte lang.
Da äußert sich, zum Beispiel, der Engländer Gladstone über den jetzigen russischen Krieg mit den Türken folgendermaßen:
„Was man auch sonst über einige Kapitel der russischen Geschichte sagen könnte, durch die Befreiung vieler Millionen Menschen unterdrückter Völker von einem harten und erniedrigenden Joch erweist Rußland der Menschheit einen der größten Dienste, deren sich die Geschichte der Menschheit erinnern wird.“
Was glauben sie wohl, würde solche Worte ein russischer Europäer je auszusprechen wagen? Nie und nimmer! Eher würde er sich die Zunge abbeißen, würde aus Zartgefühl über und über erröten, nicht nur vor Europa, sondern auch vor sich selbst, wenn er Ähnliches nur hörte oder es womöglich noch von einem Russen auf russisch geschrieben lesen müßte. „Um Gottes willen! Wie sollten wir uns unterstehen ... und noch dazu für die ganze Menschheit ... wir Russen? Wir, die wir noch nicht einmal mit der Nase an solche Aufgaben heranreichen, wir, mit unserem schiefen, unausgeglichenen Gesicht, sollen ‚die Menschheit befreien‘! Welch unliberaler Gedanke! Rußland befreit die Völker!!“
Das wäre die aufrichtige Meinung des russischen Europäers, und er schlüge sich eher die Finger ab, als daß er Gladstones Worten Ähnliches niederschriebe. „Gladstone kann ja vieles zu irgendwelchen Zwecken erfinden, aber von Rußland versteht er doch nichts,“ würde er behaupten. Einige von unseren Europäern aber würden nicht ohne Stolz noch hinzufügen: „Wir russischen Europäer sind vielleicht doch noch liberaler als die europäischen Europäer; denn wer von unseren nüchternen Köpfen würde jetzt auch nur mit einer Silbe von der Befreiung der Völker reden? Welch ein Rückschritt! Und Gladstone schämt sich nicht einmal, so etwas zu sagen!“
Wie soll man das nun nennen, meine Herren? Lakaientum oder Zartgefühl Europa gegenüber?
Ich bleibe doch bei der Ansicht, daß in der europäischen Periode unserer Geschichte das Zartgefühl eine große Rolle gespielt hat. Viele von unseren Europäern sind doch achtenswerte und tapfere Leute, Ehrenmänner durch und durch – wenn auch nach den Begriffen einer fremden, anerzogenen und von diesen unseren Rittern selbst nicht allemal verstandenen Ehre –, aber immerhin irgendeiner Ehre; sind Leute, die es nicht erlauben, daß man ihnen auf die Füße tritt. Wie kann man sie nur so mir nichts, dir nichts Lakaien nennen? Nein, das Zartgefühl beherrscht sie, nicht das Lakaientum!
Unsere Damen, die begeistert den gefangenen Türken Konfekt und Zigaretten bringen, tun das ja gleichfalls nur aus Zartgefühl. Jetzt haben einige undelikate Leute diese Damen zur Vernunft gewiesen, aber vorher ... Nehmen wir an, daß nach dem Eisenbahnzuge mit den gefangenen Türken, denen unsere Damen Buketts und Konfekt verehrten, ein zweiter Zug mit echten Baschi-Bozuks ankäme – mit dieser berühmten Landwehr, die sich ganz besonders durch das Zerreißen von Säuglingen auszeichnet und durch die Kunst, aus den Rücken der Mütter Riemen zu schneiden – ja, ich glaube, unsere Damen würden diesen zweiten Zug mit einem Schrei des Entzückens empfangen, würden die interessante Landwehr mit Süßigkeiten überschütten und in ihren Komitees womöglich Stipendien am Gymnasium für sie erwirken. O, man glaube mir, meine Voraussetzung ist durchaus nicht so phantastisch: dieses Zartgefühl kann sich bei uns bis zum Äußersten steigern. Wenn diese Damen sich im Spiegel betrachten, so denken sie sicher ganz verliebt in sich selbst: „Wie human, wie liberal wir doch sind!“ Ich glaube nicht, daß ich übertreibe! Dieser hochmütige Blick, zum Beispiel, den der sogenannte russische Europäer für unser Volk nur übrighat, und dieses Lächeln, mit dem er das Streben des Volkes kritisiert und ihm jegliches Denken abspricht – „außer einigen schreiend blöden Einfällen von einigen tausend Bauernköpfen und irgendeinem Dummkopf“ –: kommt das nicht dem gleich, was ich von unseren Damen gesagt habe?
Dieses Zartgefühl, das wir Europa entgegenbringen, verläßt uns bei keiner Gelegenheit. Die türkischen Gefangenen verlangten Weißbrot und sie erhielten es sofort. Ja, die türkischen Gefangenen weigerten sich sogar, zu arbeiten. Fürst Meschtscherski schreibt in seinem „Tagebuch“ als Augenzeuge aus dem Kaukasus:
Unsere Gefangenen verließen Tiflis. Man wollte sie in offenen Wagen transportieren, sie aber revoltierten und erdreisteten sich, zu erklären, daß sie in solchen Wagen nicht fahren würden. Daraufhin gab man ihnen Postequipagen, jede Equipage mit sechs Pferden bespannt. Darüber drückten sie ihre Zufriedenheit aus. Die Folge davon aber war, daß aus Mangel an Pferden die Reisenden auf der großen Grusinischen Heerstraße dreimal vierundzwanzig Stunden warten mußten. Die russischen Offiziere aber, die die gefangenen Türken begleiteten, und die nur 50 Kop. täglich erhielten, setzte man nicht in die Equipage, sondern wie Bediente in einen Omnibus! Das nennt man dann „Humanität“! (Moskauer Nachrichten.)
Das ist freilich nicht Humanität, sondern eben jenes besagte Zartgefühl der europäischen Meinung gegenüber. „Europa sieht auf uns, folglich muß man in Galauniform den Paschas die besten Wagen anbieten.“
Die „Moskauer Nachrichten“ berichten unter anderem auch von dem Erstaunen der Moskowiter bei der Ankunft der gefangenen Türken, als sie sahen, wie man sie transportierte:
Die gefangenen türkischen Soldaten waren bequem in Waggons dritter Klasse untergebracht, die Offiziere in Waggons zweiter Klasse, und der Pascha nahm einen ganzen Waggon erster Klasse ein. „Warum wird ihnen so viel Luxus geboten?“ hörte man im Publikum fragen. „Unsere Grenadiere wurden aus Moskau in Viehwaggons transportiert, diese türkischen Gefangenen aber fahren in Luxuszügen.“
„Was, Grenadiere,“ rief darauf aus der Menge ein Kaufmann – „sogar unsere verwundeten Soldaten wurden in Viehwaggons transportiert, und dabei hatte man ihnen nicht einmal Stroh untergebreitet. Diesen feisten Pascha da, diesen Aufgefütterten, den hätte man in den Viehwagen einsperren sollen, damit er wenigstens etwas von seinem Fett verliert!“
„Dort unten haben sie unsere Verwundeten zu Tode gequält, ihnen die Sehnen herausgezogen, sie mit glühendem Eisen gebrannt, und jetzt werden sie bei uns dafür verhätschelt ...“
Solche Stimmen, bemerkt die Moskauer Zeitung, waren nicht vereinzelt; in ihnen tat sich die Volksmeinung kund: ist es doch schmerzlich zu sehen, daß diese Baschi-Bozuks, dieser ganze türkische Abschaum besser behandelt wird als unsere eigenen Soldaten.
Wir, die Intelligenz, sehen nichts Besonderes darin: es ist eben Zartgefühl oder richtiger die äußere Form eines Zartgefühls der europäischen Meinung gegenüber – und weiter nichts. Das ist doch schon zweihundert Jahre lang bei uns so Sitte gewesen – es wäre Zeit, sich daran zu gewöhnen!
Da ich einmal auf diese Dinge zu sprechen gekommen bin, will ich noch ein kennzeichnendes Beispiel wiedergeben. Ich las diese Geschichte vor kurzem in der Petersburger Zeitung, die sie einem Briefe entnommen hatte.
In seinem Bericht vom Kriegsschauplatz erzählt Herr Krestowski unter anderem von einem spaßigen Fall. „In der Suite des Großfürsten erschien ein sonderbarer Engländer: er trug einen Korkhelm und einen Mantel von erbsgrüner Farbe. Es heißt, er sei Mitglied des Parlaments und benutze seine freie Zeit, um vom Kriegsschauplatz an eine der großen Londoner Zeitungen (Times) Bericht zu erstatten. Andere versichern, er sei nur ein ‚reisender Engländer‘, wiederum andere, er sei einfach ein Russenfreund. Doch wie dem nun auch sei, jedenfalls führt sich dieser Herr etwas exzentrisch auf. In Gegenwart des Großfürsten, wenn alle stehen, Seine Hoheit nicht ausgenommen, bleibt er z. B. ruhig sitzen, und bei Tisch erhebt er sich, wann es ihm gefällt. Vor kurzem wandte er sich an einen bekannten Offizier mit der Bitte, ihm seinen erbsfarbenen Mantel zu halten. Der Offizier maß ihn mit etwas erstauntem Blick, lächelte darauf ein wenig ironisch, zuckte die Achsel und half ihm schließlich widerspruchslos in den Mantel. Freilich, es blieb ihm auch nichts anderes übrig. Der Engländer aber berührte nur flüchtig mit der Hand den Schirm seines Korkhelms ...“
Die Petersburger Zeitung findet diesen Fall spaßig. Zu meinem Bedauern kann ich wirklich nichts Spaßiges in ihm entdecken, sondern nur sehr viel Ärgerliches. Bei uns hat sich aus Romanen und französischen Vaudevilles der Glaube ein für allemal festgesetzt, daß jeder Engländer ein Sonderling sei. Aber was ist denn ein Sonderling? Nicht immer braucht so ein Sonderling gleich dermaßen naiv zu sein, nicht einmal erraten zu können, daß in der Welt nicht überall dieselben Sitten und Gebräuche herrschen, die irgendwo dort in England allgemein angenommen sein mögen. Die Engländer sind, im Gegenteil, ein kluges Volk; als Seefahrer, und zudem noch als gebildete Seefahrer, haben sie mit ihrem scharfen Blick besser als alle Europäer die Völker aller Erdteile und ihre Sitten zu beobachten verstanden; sie sind ganz ungewöhnlich begabte Beobachter. Solch ein Engländer nun, und noch dazu einer, der Mitglied des Parlaments ist, sollte nicht wissen, wo und wann er stehen, wo und wann er sitzen muß!? Es gibt ja kein einziges Land, in dem die Etikette eine so große Rolle spielt wie gerade in England. Die englische Hofetikette ist die komplizierteste der ganzen Welt. Wenn dieser Engländer Parlamentarier ist, so muß er als solcher doch wenigstens wissen, wie sich die Mitglieder des Unterhauses zu denen des Oberhauses zu verhalten haben, und zwar gerade in dem Sinne: wer vor wem sitzen bleiben, und wer vor wem aufstehen muß. Und wenn er noch gar zur höheren Gesellschaft gehört – wo geht es denn zeremonieller zu als bei den Diners und auf den Bällen oder in den Empfangssälen der Londoner Aristokratie? Nein, dieser Engländer scheint mir keineswegs ein Sonderling zu sein – soweit man ihn nach dieser Beschreibung beurteilen kann. Nein, das ist englischer Stolz, und nicht nur Stolz, sondern ist einfach Anmaßung, Herausforderung. Dieser „Russenfreund“ kann doch kein großer Freund von uns sein. Er bleibt ruhig sitzen und denkt bei sich über die russischen Offiziere: „Meine Herren, ich weiß, daß Sie ein Löwenherz haben! ... Sie unternehmen ja fast Unmögliches und führen es auch aus. Furcht vor dem Feinde kennen Sie nicht; jeder einzelne von Ihnen ist ein Held, und was Ehre ist, wissen Sie alle nur zu gut. Ich kann nicht abstreiten, was ich mit meinen eigenen Augen sehe. Doch nichtsdestoweniger bin ich Engländer, Sie aber sind nur Russen; ich bin Europäer, und Europa gegenüber sind Sie verpflichtet, zartfühlend und aufmerksam zu sein. Welche Löwenherzen Sie auch haben mögen – im Vergleich mit Ihnen bin ich doch ... nun eben ein höherer Typ Mensch. Es ist mir sehr angenehm, sehr angenehm, Ihr Zartgefühl mir gegenüber zu beobachten ... Sie denken, daß das alles nur Kleinigkeiten sind, aber gerade diese Kleinigkeiten sind es, die mich amüsieren. Ich habe diese Vergnügungsreise gemacht, weil ich hörte, daß Sie Helden seien; ich bin hergekommen, um Sie mir näher anzusehen, aber ich werde wieder einmal mit der Überzeugung heimkehren, daß ich als Sohn Old-Englands“ – sein Herz erbebt vor Stolz – „auf der Welt doch ein Mensch ersten Ranges bin und bleibe: Sie aber, meine Herren, sind als Russen doch nur zweitrangige Kreaturen ...“
Am interessantesten sind in dem Briefe zweifellos die letzten Zeilen: „Der Offizier maß ihn mit etwas erstauntem Blick, lächelte darauf ein wenig ironisch, zuckte die Achsel und half ihm schließlich widerspruchslos in seinen Mantel. Freilich, es blieb ihm auch nichts anderes übrig.“
Wieso: „freilich“? Warum blieb ihm nichts anderes übrig? Im Gegenteil, da hätte man gerade das Entgegengesetzte tun sollen: man hätte ihn vom Kopf bis zu den Füßen mit nicht mißzuverstehendem Blick messen, ironisch lächeln, mit den Schultern zucken und vorübergehen sollen, ohne den Mantel anzurühren. Hatte man denn wirklich nicht bemerkt, daß der aufgeklärte Seefahrer bloß seine Stückchen machte, daß der feinste Kenner der Etikette den Augenblick benutzte, um seinen kleinlichen Stolz zu befriedigen? Das ist es ja, daß man in dem Augenblick nicht darauf verfallen konnte, denn unser „Zartgefühl“ verhinderte es. Doch, das war nicht etwa Zartgefühl diesem Engländer gegenüber – weder als Mitglied des Parlaments, noch als Besitzer jenes Korkhelms –, sondern unser Zartgefühl Europa, der europäischen Aufklärung gegenüber, unser Zartgefühl, in dem wir aufgewachsen sind, und das uns bis zum Verlust unserer eigenen Selbständigkeit und Persönlichkeit beherrscht, und von dem wir uns noch lange nicht werden befreien können. Die Lieferung von Patronen an die Türkei, die England und Amerika besorgen, soll wirklich enorm sein. Wir wissen ja ganz genau, daß der türkische Soldat bei Plewna bisweilen an 500 Patronen täglich verbraucht: die Türkei aber hat weder so viel Geld, noch solch einen Kredit, um ihre Armee dermaßen mit Munition versehen zu können. Daß die Engländer ihnen in jeder Beziehung helfen, liegt auf der Hand; ihre Schiffe bringen den Türken alles, was zum Kriege nötig ist. Bei uns aber schweigen die Zeitungen darüber – aus „Zartgefühl“ natürlich: „Ach, sprechen Sie nicht davon, werfen Sie doch nur nicht solche Fragen auf, wir wollen nichts davon sehen, nichts hören, sonst würden wir die gebildeten Seefahrer womöglich erzürnen und dann ...“
Nun, und was dann? Warum fürchtet ihr euch? Wahrlich, über dieses Thema „Zartgefühl“ könnte man noch vieles hinzufügen.
Selbst wenn es diese gewissen Wechsel und Wechselchen gibt, die wir Europa in Gestalt verschiedener Versprechungen eingehändigt haben sollen, so ist doch auch das nur aus Zartgefühl Europa gegenüber und aus Verehrung für seine Kultur geschehen. Doch vorläufig will ich dieses Thema fallen lassen. Ich erinnere mich, zu Anfang dieses Kapitels noch hinzugefügt zu haben, all das geschehe ja nur Europa gegenüber, bei uns zu Hause kämen wir schon auf unsere Rechnung. Ich möchte nun die Gelegenheit benutzen, zu zeigen, wie wir es verstehen, uns dafür zu entschädigen.
Der größte Beweis unseres Lakaientums
Erinnern Sie sich noch, meine Herren, wie wir im Sommer, als wir kurz vor Plewna in Bulgarien eindrangen, plötzlich vor Unwillen einfach erstarrten? Übrigens waren nicht alle so ungehalten, das muß ich vorausschicken. Doch die Stimmen der Herren Kriegsberichterstatter fanden in unseren Petersburger Zeitungen einen lebhaften Widerhall.
Es handelte sich um folgendes: Uns, wie der ganzen Welt, ist es bekannt, daß wir auszogen, um die unterdrückten, erniedrigten und gequälten Balkanslawen zu befreien. Ich erinnere mich noch, ganz zu Anfang des Krieges in einer unserer besten Zeitungen gelesen zu haben: „Wenn wir in Bulgarien einziehen, werden wir nicht nur unsere Armee zu ernähren haben, sondern auch die bulgarische Bevölkerung, die bereits dem Hungertode nahe ist.“ Und siehe da, nachdem wir uns eine solche Vorstellung gemacht hatten – von den Bedrückten, Gepeinigten und Hungernden, und von allen Flüssen und aus allen Gauen Rußlands hinzogen, um uns für sie aufzuopfern –, stehen wir plötzlich vor reizenden Bulgarenhäuschen, die, umgeben von Blumen und Obstgärten, weidenden Viehherden und Ackerland, keineswegs unseren Erwartungen entsprechen. Und zur Vollendung des Ganzen gibt es gleich im ersten bulgarischen Städtchen drei orthodoxe Kirchen und nur eine Moschee. Das war im Lande der Bulgaren, der des Glaubens wegen Unterdrückten! „Wie wagen sie es nur!“ ereiferten sich gleich die beleidigten Herzen der Befreier, und das Blut stieg ihnen zu Kopf. „Wir sind doch hergekommen, um sie zu befreien! – Auf den Knien müßten sie uns empfangen! Und statt über unser Kommen froh zu sein, sehen sie uns noch mißtrauisch an! Uns! ... Allerdings, sie bringen uns Salz und Brot, das ist schließlich wahr, aber von der Seite sehen sie uns doch mißtrauisch an! ...“ Was meinen Sie, meine Herren, wenn Sie plötzlich ein Telegramm bekämen mit der Nachricht, daß ein Ihnen nahestehender Mensch, ein Freund oder Bruder, im Sterben liegt oder verunglückt ist, oder daß man ihn beraubt hat, so werden Sie sich doch so schnell wie möglich zu ihrem unglücklichen Bruder begeben, nicht wahr? Und siehe da: plötzlich ist nichts von alledem geschehen: Sie treffen den Menschen bei vorzüglichster Gesundheit beim Mittagstisch an! Freudig lädt er sie ein, mit ihm zu speisen, und er lacht von ganzem Herzen über das Mißverständnis, über das qui pro quo. Ob Sie nun diesen Menschen lieben oder nicht lieben: es wird Ihnen doch niemals einfallen; es ihm zu verübeln, daß er nicht in Lebensgefahr schwebt, daß man ihn nicht beraubt hat, oder daß ihm nicht sonst ein Unglück zugestoßen ist? Oder gar, daß er so gesund aussieht, zu Mittag speist und dazu Wein trinkt? Ich glaube, doch nicht! Im Gegenteil, Sie würden sich freuen, daß er lebt und womöglich noch wohler aussieht als Sie selbst. Nun, freilich wäre es menschlich, sich ein bißchen zu ärgern – aber doch nicht etwa darüber, daß man ihm, sagen wir, nicht die Beine abgefahren hat? Sie werden doch nicht gleich vom Tische aufstehen und über ihn Bericht erstatten, Anekdoten von ihm erzählen, seine schlechten Charaktereigenschaften hervorheben ...? Bei den Bulgaren hat man es aber getan. „Bei uns kann sich ein wohlhabender Bauer nicht so gut ernähren wie dieser unterdrückte Bulgare,“ hieß es. Andere kamen sogar zu der Überzeugung, daß nur die Russen die Ursache des Unglücks der Bulgaren seien: „Wenn wir nicht den Türken gedroht hätten und nicht hingezogen wären, um diese angeblich geplünderten und unterdrückten Bulgaren zu ‚befreien‘, so lebten sie noch heute wie im Wollkorbe.“ Das kann man auch jetzt noch hören.
Und so mußten wir uns denn für unser Zartgefühl Europa gegenüber und für unseren aufgeklärten Europäismus zu Hause entschädigen, mußten, wo Europa nicht auf uns sieht, unser Herz erleichtern können. Und in Bulgarien waren wir ja so gut wie zu Hause. „Wir sind gekommen, um sie zu befreien, folglich gehören sie ja fast zu uns. Besitzt der Bulgare einen Garten oder ein Gut, so hat er es jetzt gleichsam geschenkt von uns wiedererhalten: wir nehmen dafür nichts von ihm und genau genommen haben wir ja auch nicht das Recht dazu, aber er muß es doch empfinden und uns ewig dafür dankbar sein, daß wir ihm zu Hilfe gekommen sind, ihn und sein Hab und Gut von dem Türken, seinem Unterdrücker, befreit haben. Das müßte er doch begreifen!“ Und da sehen wir plötzlich, daß ihn niemand unterdrückt! Welch eine beleidigende Situation, nicht wahr?
Und welch ein Lakaientum im Grunde, statt wirklichen Zartgefühls! Und welch eine Komik! Es ist schlechthin die komischste aller Entschädigungen „bei uns zu Haus“ für die unbequeme Uniform des europäischen Zartgefühls, in der wir uns Europa zu präsentieren lieben! Welch ein Lakaientum in den Gedanken dieser leicht erregbaren Herren! Die Situation überraschte viele von unseren Tapferen dermaßen, daß sie einfach ihre Geistesgegenwart verloren; und diese Verblüffung ist schon etwas ernster zu nehmen als jene Überrumpelung unseres Offiziers durch den Engländer mit dem erbsgrünen Mantel.
Später klärte sich natürlich alles auf, die Wahrheit enthüllte sich den Entrüsteten. Es stellte sich heraus, daß der Bulgare arbeitsam und sein Land sehr fruchtbar ist. Und wenn er auch mißtrauisch auf die russischen Truppen sieht, so muß man doch bedenken, daß er schon vier Jahrhunderte lang Sklave ist und infolgedessen, wenn er seinem neuen Herrn entgegentritt, nicht gut glauben kann, daß der ihm ein Bruder sein wolle. Außerdem muß er doch noch seinen früheren Herrn fürchten und sich unwillkürlich sagen: „Wenn der nun wiederkommt und es erfährt, daß ich diesem hier Salz und Brot gereicht habe, – was dann?“ Und der Arme hatte durchaus recht. Nachdem wir unseren ersten tapferen Angriff jenseits des Balkan gemacht hatten, traten wir den Rückzug an. Zu den Bulgaren aber kamen wieder die Türken – und wie sie von diesen behandelt wurden, wird die Weltgeschichte erzählen! Ihre hübschen Häuschen, diese Aussaaten, Gärten und Viehherden, alles wurde geplündert, in Staub und Asche verwandelt, dem Erdboden gleichgemacht. Nicht zu Hunderten, sondern zu Tausenden und Zehntausenden wurden die Bulgaren durch Feuer und Schwert vernichtet, ihre Kinder wurden in Stücke gerissen und sie starben unter den schrecklichsten Qualen, ihre Frauen und Töchter wurden geschändet, zum Verkauf fortgeschleppt oder totgeschlagen. Die Männer, die, welche die Russen mit Salz und Brot begrüßt hatten und obendrein auch noch jene, die die Russen nicht begrüßt hatten, mußten alle auf dem Scheiterhaufen oder am Galgen dafür büßen. Man nagelte sie am Abend mit den Ohren an die Zäune, und am anderen Morgen mußte einer von den Verurteilten alle seine Gefährten aufhängen, zum Schluß aber wurde er selbst aufgeknüpft – unter dem Gelächter dieser wollüstigen Bestien, die sich eine türkische Nation nennen.
Auf diese Weise kamen die über das gute Leben der Bulgaren so entrüsteten Herren bald zu der Erkenntnis, daß dieses Leben im Grunde genommen nur eine Dekoration gewesen war, daß alle diese Häuser und Gärten und die Frauen und Kinder, die unmündigen Knaben und Mädchen in diesen Häusern, dem Türken gehörten. Und der nahm sie, wann es ihm gefiel: auch in friedlichen Zeiten überfiel er sie, nahm ihnen Geld und Vieh, Frauen und Mädchen.
Doch jetzt, da sie in Wut geraten sind, plündern und zerstören sie die unglücklichen bulgarischen Provinzen bis auf den nackten Erdboden. Wenn wir lange vor Plewna liegen müssen und nur langsam vorrücken, so werden die Türken, wenn sie sehen, daß sie Bulgarien vielleicht auf immer verlieren, das Land ganz und gar in Asche verwandeln, solange sie noch Zeit dazu haben. Jedenfalls aber sind die Ansichten unserer Klugen darüber wirklich bemerkenswert; sie behaupten: wenn wir uns nicht in türkische Angelegenheiten eingemischt hätten, würden die Bulgaren noch heute gleichsam im Wollkorbe leben, und wir Russen allein seien an ihrem Unglück schuld. Der bekannte Korrespondent der „Daily News“, Mr. Forbes, sagt uns darüber in einem seiner vorzüglichen Berichte vom Kriegsschauplatz seine ganze englische Wahrheit. Er gesteht den Türken aufrichtig zu, daß sie das volle Recht gehabt hätten, alle Bulgaren, die nördlich vom Balkan lebten, in der Zeit zu vernichten, als die russische Armee sich über die Donau zurückzog. Mr. Forbes bedauert fast – natürlich nur politisch –, daß dies nicht geschehen ist, und kommt zu dem Schluß, daß die Bulgaren den Türken zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet seien, weil diese sie nicht wie eine Herde Schafe geschlachtet haben. Wenn man jetzt an die russische Auffassung denkt, an die „Bulgaren im Wollkorbe“, und sie dem Ausspruch Forbes’ gegenüberstellt, könnte man sich ja mit folgenden Worten an den Bulgaren wenden: „Wie solltest du nicht im Wollkorbe leben, da man dich nicht einfach geschlachtet hat?“ Sonderbar ist dabei nur eines: Wie ist es möglich, daß ein solches Recht den Türken kaltherzig zugesprochen werden kann, und noch dazu von einem so gebildeten Menschen wie Mr. Forbes, der doch einer so aufgeklärten und großen Nation angehört? Sind das die letzten Blüten und Früchte der englischen Zivilisation? Selbstverständlich hätte er sich anders ausgedrückt, wenn es sich, anstatt um Bulgaren, um Franzosen oder Italiener gehandelt hätte. Es handelte sich hier aber nur um Slawen, um Bulgaren! In Europa scheint man eine geradezu blutliche und ererbte Verachtung für die Slawen, für die slawische Rasse überhaupt zu haben. Man zählt sie dort zu den Hunnen. Europa würde es ruhig zulassen, daß man sie alle, mit Weibern und Kindern bis auf den Letzten vernichtete. Und bitte vor allen Dingen nicht zu vergessen, daß es nicht ein Earl of Beaconsfield ist, der jenen Ausspruch getan – der könnte solche Überzeugungen noch aus Rücksicht auf die „englischen Interessen“ haben –, sondern Mr. Forbes, ein Privatmann, der doch keineswegs verpflichtet ist, die Interessen Englands um jeden Preis, und was es auch koste, zu wahren, ein ehrlicher, talentvoller, „wahrhaft humaner Mensch“, wie er uns in seinen ersten Briefen erschien. Nein, diesem Urteil liegt eine westeuropäische Antipathie gegen alles, was Slawe heißt, zugrunde. Diese Bulgaren kann man mit siedendem Wasser übergießen, wie ein Wanzennest in einem alten Holzbett. Ist es bei den Europäern vielleicht ein Instinkt, eine Vorahnung, daß die östlichen Slawenstämme, wenn sie einmal befreit sein werden, eine große Rolle in der neu heraufkommenden Menschheit spielen und den Platz der alten, vom Wege abgekommenen Kulturträger einnehmen könnten? Bewußte Westler können das natürlich weder zulassen, noch sich vorstellen, daß dieses Wanzennest sich wirklich zu etwas Höherem zu entwickeln vermöchte. Aber da ist ja noch Rußland, das augenscheinlich der Träger einer neuen Idee ist und die Fahne der Zukunft, zum Ärger und Erstaunen aller, hochhebt. Da Rußland aber kein Wanzennest ist, sondern ein Gigant und eine Kraft, die man nicht leugnen kann, und da Rußland gleichfalls aus einer slawischen Nation besteht, – wie müssen diese Europäer da Rußland in ihrem Herzen hassen, wie müssen sie sich unwillkürlich und vielleicht noch ganz unbewußt über unsere Mißerfolge freuen, wie über jegliches Unglück, das uns trifft! Sollte das nicht aus Instinkt, aus Vorgefühl geschehen?
Ein ganz persönliches Wort über die Slawen, das ich schon lange habe sagen wollen
Da ich nun einmal darauf zu sprechen gekommen bin, will ich noch ein ganz persönliches Wort über die Slawen und die Slawenfrage sagen. Wer diskutiert heutzutage bei uns nicht über die Möglichkeit eines baldigen Friedens, über die Möglichkeit irgendeiner Entscheidung in der Slawenfrage? Geben wir also unserer Phantasie einmal volle Freiheit und stellen wir uns vor, daß Rußland durch sein Blut die Slawen bereits befreit habe, daß das Türkische Reich überhaupt nicht mehr existiere und die Balkanvölker nun ein neues, freies Leben führen können. Es ist natürlich schwer vorauszusagen, welche Form diese Freiheit der Slawen annehmen, ob es zu einer Föderation der befreiten kleineren Völker kommen wird, oder ob sich die einzelnen Völker zu selbständigen kleinen Reichen emporschwingen werden, mit Herrschern, die man natürlich aus den verschiedenen regierenden Häusern Europas wählen würde. Und schließlich: werden alle diese Länder und Ländchen vollständig unabhängig sein, oder werden sie unter dem Schutze und der Aufsicht eines „europäischen Bundes der Mächte“, zu dem auch Rußland gehören wird, stehen? Ich glaube, alle diese kleinen Völker werden sich auf jeden Fall einen „europäischen Bund der Mächte“ ausbitten, auch wenn Rußland in diesen einbegriffen sein wird. Denn was sollten sie sonst zum Schutz vor Rußlands Herrschsucht tun?
Alles das läßt sich heute noch nicht im einzelnen voraussagen, doch zwei Dinge kann man auch jetzt schon mit Bestimmtheit wissen: erstens, daß bald, oder vielleicht auch noch nicht so bald, alle slawischen Stämme sich vom Türkenjoch befreien und ein neues, und vielleicht sogar unabhängiges Leben führen werden; und zweitens ... Doch gerade über diesen zweiten Punkt wollte ich schon seit langer Zeit meine persönliche Meinung sagen.
Es ist meine feste Überzeugung, daß Rußland noch nie solche Neider, Verleumder und sogar so bittere Feinde gehabt hat, wie es alle diese Slawen sein werden, wenn Rußland sie befreit haben wird und Europa sie als Befreite wird anerkennen müssen. Möge man deswegen nicht glauben, daß ich die Slawen hasse! Im Gegenteil, ich liebe die Slawen sehr und werde mich deshalb nicht lange verteidigen; weiß ich doch, daß alles, was ich jetzt behaupte, in Erfüllung gehen wird, und daß diese Feindschaft nicht etwa einer besonderen slawischen Charakterlosigkeit oder Undankbarkeit entspringen wird – in dieser Beziehung sind die Slawen wie alle anderen Völker –, sondern es wird geschehen, weil solche Dinge in der Welt nun einmal keinen anderen Lauf nehmen können. Doch ich werde mich nicht weiter dabei aufhalten; ich will nur sagen, daß wir jetzt keine Dankbarkeit von den Slawen verlangen können, uns vielmehr darauf gefaßt machen müssen, daß sie uns keine entgegenbringen werden. Nach der Befreiung werden sie ihr neues Leben sicherlich damit beginnen, daß sie Europa, wahrscheinlich England und Deutschland, um die Sicherstellung ihrer Freiheit bitten. Sie werden sich die größte Mühe geben, sich selbst davon zu überzeugen, daß sie Rußland nicht die geringste Dankbarkeit schuldig, sondern gezwungen seien, beim Friedensschluß Europas Schutz zu erflehen, auf daß Rußland, nachdem es sie von den Türken befreit, sie nicht etwa selber verschlinge – „zur Erweiterung seiner Grenzen und Gründung des großen allslawischen Reiches durch die Unterwerfung der Slawen unter den gierigen, schlauen, barbarischen Staat der Großrussen“. Lange, oh, lange noch werden sie nicht imstande sein, weder die Uneigennützigkeit Rußlands, noch seine große heilige Idee anzuerkennen: eine jener mächtigen Ideen, durch die die Menschheit lebt, ohne die aber die Menschheit, wenn sie aufhören sollte, in ihr zu leben – erstarren, verkrüppeln und sterben würde an ihren Seuchen und ihrer Kraftlosigkeit. Nehmen wir zum Beispiel den gegenwärtigen Krieg, diesen volkstümlichen russischen Krieg, der ein Kampf gegen die türkischen Ungeheuer zur Befreiung unglücklicher Völker ist, – haben die Slawen diesen Krieg etwa verstanden? Jetzt haben sie uns noch nötig, wir kämpfen ja noch für sie. Wenn aber der Krieg beendet sein wird, werden sie ihn dann auch noch für eine große Tat ansehen, für die sie uns Dankbarkeit schuldig sind? Nie und nimmer werden sie das tun!
Im Gegenteil, sie werden es als politische und womöglich gar wissenschaftliche Wahrheit aufstellen, daß sie sich, wenn nicht Rußland dagewesen wäre, schon längst allein, durch eigenen Heldenmut, oder mit Hilfe Europas zu befreien verstanden hätten. Europa hätte, wenn wieder dieses Rußland nicht auf der Welt gewesen wäre, nichts gegen ihre Freiheit einzuwenden gehabt, sondern sie womöglich selber von den Türken befreit. Diese schlaue Lehre hat ja schon jetzt viele Anhänger unter ihnen und wird sich in der Folge noch zu einem wissenschaftlichen und politischen Axiom entwickeln. Sogar von den Türken werden diese Balkanslawen mit größerer Ehrfurcht sprechen als von uns. Vielleicht werden sie ein ganzes Jahrhundert oder noch länger für ihre Freiheit bangen und vor der Herrschsucht Rußlands zittern; sie werden sich bei den europäischen Mächten einschmeicheln, werden Rußland verleumden und überall gegen uns intrigieren. O, ich spreche nicht von einzelnen Personen: gewiß wird es auch unter ihnen Menschen geben, die wissen werden, was Rußland für sie war und immer sein wird. Diese Menschen verstehen auch sicher die ganze Größe und Heiligkeit der Tat Rußlands und seiner großen Idee, die es hochhält vor der ganzen Menschheit. Aber dieser Menschen wird es zuerst so wenige geben, daß man sie auslachen oder sogar politisch verfolgen wird. Besonders gern werden die befreiten Slawen aller Welt verkünden, daß sie gebildete Völker seien, sogar höchst kulturfähig, im europäischen Sinne, während Rußland ein barbarisches Land, ein dunkler nordischer Koloß, dabei längst nicht vom reinsten slawischen Blute, ein Unterdrücker und Feind der europäischen Zivilisation sei und bleibe. Sie werden natürlich eine konstitutionelle Regierung haben, ein Parlament, verantwortliche Minister, Redner und Reden. Das wird sie außerordentlich beruhigen und entzücken. Es wird ihnen ungeheuer schmeicheln, in den Pariser und Londoner Blättern Telegramme zu lesen, die durch die ganze Welt gehen und allen melden, daß z. B. nach langem Parlamentssturm endlich das bulgarische Ministerium gefallen sei und eine neue liberale Mehrheit sich gebildet habe, daß ein Bulgare namens Iwan Tschiftlik endlich eingewilligt, das Portefeuille des Ministerpräsidenten anzunehmen ... Ja, in Rußland muß man sich jetzt ernsthaft darauf vorbereiten, daß alle diese von uns befreiten Slawen sich zunächst begeistert auf Europa stürzen, bis zum Verlust der eigenen Persönlichkeit europäische Formen, politische wie soziale, annehmen und auf die Weise erst eine lange Periode des Europäismus durchleben werden, ehe sie etwas von ihrer slawischen Bedeutung und ihrer eigenen Berufung unter den Völkern werden begreifen lernen. Übrigens werden sie sich ewig untereinander streiten, ewig sich gegenseitig beneiden und gegen einander intrigieren. Sollte ihnen aber Gefahr drohen, so würden sie alle natürlich wieder Rußland um Hilfe bitten. Denn wie sie uns in Europa auch verleumden, wie sie mit Europa auch liebäugeln mögen, sie werden doch immer instinktiv fühlen (selbstverständlich erst im Augenblick der Gefahr, nicht früher), daß Europa der einzige Feind ihrer Selbständigkeit ist, war und immer sein wird. Sie werden begreifen, daß sie auf der Welt nur noch existieren, weil der große feststehende Magnet Rußland unwiderstehlich sie alle an sich zieht und so ihre Nationalität und Einheit erhält. Es wird auch Minuten geben, da sie imstande sein werden, beinahe bewußt einzugestehen, daß, wenn sie nicht Rußland hätten, das große östliche Zentrum der großen aufkommenden Ideen, ihre volkliche Einheit und Selbständigkeit im Augenblick auseinanderfallen, ihre ganze Nationalität sich auflösen und im europäischen Ozean wie einzelne Wassertropfen im Meere verschwinden würde. Noch auf lange aber wird Rußland die Sorge verbleiben, sie zu versöhnen, ihnen Vernunft beizubringen und vielleicht sogar noch das Schwert für sie zu ziehen. Natürlich wirft sich dabei die Frage auf, welch einen Vorteil Rußland denn für sich erwartet, warum Rußland sich so oft für sie geschlagen, sein Blut, seine Kräfte, sein Geld für sie hingegeben? Doch nicht etwa, um so viel kleinlichen Haß und so häßliche Undankbarkeit zu ernten? Freilich hat Rußland immer gewußt, daß es das Zentrum der slawischen Einheit ist, daß, wenn die Slawen in Zukunft ein freies, nationales Leben führen werden, Rußland das gewollt und durchgesetzt haben wird. Welch einen Vorteil bringt uns nun dieses Bewußtsein, außer Arbeit, Ärger und Sorgen?
Die Antwort darauf ist schwer, und vielleicht werden nicht alle sie verstehen können. Wir wissen ja, daß Rußland niemals auch nur auf den Gedanken kommen wird, sein Territorium auf Kosten der Slawen erweitern, sie politisch an sich ketten oder gar ihre Länder zu russischen Gouvernements machen zu wollen. Alle Slawen verdächtigen jetzt Rußland dieser Absicht, und Europa wird noch weitere hundert Jahre diesen Argwohn gegen uns hegen. Möge Gott Rußland vor solchen Absichten bewahren! Denn je mehr es seine politische Uneigennützigkeit den Slawen gegenüber aufrechterhält, desto sicherer wird es eine volle Einigung der Slawen unter einander erreichen, vielleicht schon im Verlauf von einem Jahrhundert. Wenn es den Slawen von Anfang an politische Freiheit gibt und sich jeder Vormundschaft enthält, doch zu jeder Zeit bereit ist, sein Schwert für die Freiheit ihres Glaubens und ihrer Nationalität zu ziehen, so wird Rußland zu seinem und zu ihrem Wohl mehr erreichen, als wenn es mit Gewalt seinen politischen Einfluß auf die Slawen aufrechtzuerhalten strebte. Ja, gerade ... wenn Rußland seine vollständige Uneigennützigkeit ihnen gegenüber bewahrt, wird es sie besiegen und ihr Vertrauen gewinnen. Zuerst werden sie vielleicht nur im Notfalle zu uns kommen, dann aber werden sie sich mit dem vollen Vertrauen eines Kindes an uns schmiegen. Alle werden sie in das heimatliche Nest, zu Rußland, zurückkehren. Oh, viele Russen, Gelehrte wie auch Dichter, setzen schon große Hoffnungen auf diese Vereinigung. Sie erwarten, daß die befreiten und auferstandenen slawischen Völkerschaften viele neue und noch nie dagewesene Elemente ins russische Leben bringen, das Slawentum Rußlands erweitern und auf die Seele Rußlands einen großen Einfluß ausüben werden; ja, sogar die russische Sprache, die russische Literatur, das russische Schaffen überhaupt sollen sie geistig bereichern und ihm neue Horizonte eröffnen. Ich muß gestehen, daß mir diese Begeisterung immer etwas literarisch erschienen ist. Vielleicht wird Ähnliches einmal wirklich geschehen, aber wohl nicht früher als in hundert Jahren; für dieses ganze Jahrhundert dagegen wird Rußland von den Slawen nichts zu nehmen brauchen, weder von ihren Ideen, noch von ihrer Literatur, denn was könnten sie uns jetzt geben? Rußland wird dieses ganze Jahrhundert hindurch nur gegen ihre Beschränktheit und ihren Eigensinn zu kämpfen haben, desgleichen gegen ihre schlechten Angewohnheiten und ihren Verrat am Slawentum, ihren Verrat um europäischer Formen willen in politischen wie sozialen Dingen. Nach der Slawenfrage steht Rußland noch die Orientfrage bevor. Die Slawen werden heute überhaupt nicht verstehen, was diese Orientfrage eigentlich bedeutet! Ganz so, wie sie auch die slawische Einigung zu einer allgemeinen Brüderschaft noch lange nicht verstehen werden. Ihnen diese durch die Tat und das Beispiel zu erklären, wird in Zukunft die Aufgabe Rußlands sein. Wieder wird man fragen, wozu und warum soll Rußland eine solche Arbeit auf sich nehmen? Wozu? um ein höheres Leben zu führen, um die Welt mit einer großen uneigennützigen Idee zu durchleuchten, um einen großen, mächtigen Organismus brüderlicher Einigung von Völkerstämmen zu schaffen, – nicht durch politische Gewalt, nicht mit Feuer und Schwert, sondern durch Überzeugung, Liebe, Uneigennützigkeit und Aufklärung: um endlich alle Kleinen um sich zu scharen und ihnen die mütterliche Aufgabe Rußlands zu beweisen. Das ist unser Ziel und das ist meinetwegen auch unser Vorteil. Denn wenn eine Nation für keine höheren Ideen, nicht mit höheren Zielen zum Wohle der Menschheit, sondern nur ihren eigenen „Interessen“ lebt, so wird diese Nation untergehen. Höhere Ziele für Rußland kann es aber nicht geben, als uneigennützig den Slawen zu dienen, ohne von ihnen Dankbarkeit zu erwarten, nach ihrer sittlichen und geistigen, nicht nur nach ihrer politischen Einigung zu streben. Nur durch diese Tat würde das Slawentum der Menschheit eine neue, wertvolle Idee geben ... Höhere Ziele als solche gibt es nicht auf dieser Welt, und es kann für Rußland nichts „vorteilhafter“ sein, als solche Ziele zu haben, sie sich mehr und mehr klarzumachen, um die eigene Seele zu heben in dieser ewigen, unermüdlichen, heldenhaften Arbeit für die Menschheit. Darum aber ist eines gewiß: füllt dieser Krieg für Rußland günstig aus, so tritt Rußland in eine neue und höhere Phase seines Seins ...
Was man jetzt über den Frieden spricht.
Muß Konstantinopel Rußland gehören,
und ist das überhaupt möglich? Verschiedene
Meinungen
Vor einiger Zeit fing man bei uns an, über die baldige Beendigung des Krieges zu sprechen, und heute spricht bereits alle Welt von möglichen und unmöglichen Friedensbedingungen. Es freut mich sehr, daß große politische Zeitungen Rußlands unsere Mühen und Opfer hochschätzen und Friedensbedingungen vorschlagen, die diesen gebrachten Opfern angemessen sind. Auch ist es beruhigend zu hören, daß die Mehrzahl der Urteile die selbständige Entscheidung Rußlands beim Friedensschluß verlangt, das Recht, einen persönlichen, separaten Frieden zu schließen, ohne Europa herbeizurufen, und wenn möglich, ohne sich um die europäischen Meinungen überhaupt zu kümmern. Das Los der Slawen wird gleichfalls in Betracht gezogen. Man streitet über die Kriegsentschädigungen und verlangt in der Begeisterung sogar die türkischen Panzerschiffe. Das Recht, uns Kars und Erserum einzuverleiben, gestehen uns fast alle zu. Natürlich gibt es auch wieder Leute, die schon bei der bloßen Annahme, wir könnten es wagen, Kars zu annektieren, beleidigt sind. Und wiederum gibt es andere, die nicht nur über Kars, sondern selbst über Konstantinopel verfügen und sogar behaupten, daß Konstantinopel einmal uns gehören müsse! Diese Debatten über den Frieden werden sich natürlich nach jeder größeren Aktion unseres Heeres wiederholen. Ich will hier nur darauf hinweisen, daß in den Urteilen unserer großen Blätter ein Irrtum sich bemerkbar macht. Alle halten sie das Europa von heute noch für das Europa von früher – das heißt, man nimmt bei uns an, daß die europäischen Großmächte immer noch dieselben sind, man setzt immer noch das alte „europäische Gleichgewicht“ voraus. Indessen verändert sich Europa jetzt von Stunde zu Stunde: was vor einem halben Jahr war, wird vielleicht schon nach drei Monaten nicht mehr sein – so sehr kann sich bis zum nächsten Frühling Europas früheres Aussehen verändert haben. Die ungeheuren und verhängnisvollen Gegenwartsprobleme, die sich erst noch herausarbeiten müssen, und die vielleicht sehr bald eine Entscheidung heischen werden, zieht man noch immer nicht in dem Umfange in Betracht, den sie tatsächlich in der Welt einnehmen. Sogar der Bestand jenes Europas, das sich beim Friedensschluß einmischen könnte, ist schwer schon jetzt festzustellen. Deshalb aber kann man, meiner Meinung nach, auf Grund der früheren Verhältnisse die Friedensbedingungen unmöglich im voraus bestimmen, ohne zu berücksichtigen, daß Europa selber von der Stelle rückt und selber neuer Bestimmungen harrt. Übrigens, davon später. Jetzt will ich, da schon einmal von Konstantinopel die Rede ist, noch eine sehr sonderbare Meinung Nicolai Jakowlewitsch Danilewskis[49] über das „nächste Schicksal Konstantinopels“ vermerken.
Ich werde sie übrigens nicht in allen Einzelheiten wiedergeben können.
Nach vielen durchaus richtigen Bemerkungen – wie zum Beispiel, daß Konstantinopel nach der Vertreibung der Türken nicht eine freie Stadt werden kann, wie es etwa Krakau einmal war, ohne zu riskieren, ein Sammelplatz und Zufluchtsort von Verbrechern und Verschwörern der ganzen Welt, eine Beute der Juden, Spekulanten und Intriganten zu werden – fordert N. J. Danilewski, daß Konstantinopel in den „gemeinsamen Besitz aller östlichen Völker“ übergehe. Allen Völkern sollen die gleichen Rechte über diese Stadt zugestanden werden: Russen, Slawen, Griechen, Bulgaren sollen alle zusammen Konstantinopel besitzen. Eine solche Ansicht ist meiner Meinung nach denn doch etwas sonderbar. Wie kann Rußland den Besitz dieser Stadt mit anderen Völkern teilen, wenn Rußland ihnen in jeder Beziehung weit überlegen ist, nicht nur jedem einzelnen kleinen Balkanvolk, sondern auch allen diesen Völkern zusammen genommen? Der Riese Gulliver könnte, wenn er wollte, den Liliputanern hundertmal versichern, daß er ihnen in jeder Beziehung gleich sei, es würde ihm doch niemals geglaubt werden. Wie kann man nur eine solche Geschmacklosigkeit behaupten und dazu noch selbst mit aller Gewalt an so etwas glauben? Nein, Konstantinopel muß uns gehören, muß von uns Russen erobert werden und muß bis in alle Ewigkeiten in unserem Besitz verbleiben. Uns allein soll die Stadt gehören; wir aber können dann, wenn wir sie beherrschen, alle Slawen und meinetwegen auch noch alle anderen Völker der Welt mit der Gewährung der größten Freiheiten in ihr aufnehmen – aber keine Föderation zusammen mit den Slawen! Man bedenke doch nur, daß eine solche Föderation kaum in einem Jahrhundert durchgesetzt werden kann! Nur Rußland ist der Aufgabe gewachsen, Konstantinopel zu beherrschen, denn wir dürfen nicht die dazu gehörige Umgebung, den Bosporus und die Dardanellen vergessen. Nur Rußland kann dort ein Heer und eine Flotte halten. O, natürlich wird es jetzt sofort heißen: „Also ist die Hilfe, die die Russen den Slawen bringen, doch nicht so uneigennützig!“ – Darauf können wir antworten: Rußland wird nie aufhören, den Slawen zu dienen und wird sie durch seine große zentrale Kraft ewig am Leben erhalten; solch ein Dienst läßt sich aber mit nichts entgelten, und wenn Rußland jetzt auch Konstantinopel einnehmen sollte, so würde das doch nur geschehen, weil zu seinen Aufgaben, außer der Lösung der slawischen Frage, noch die Lösung einer viel größeren, der Orientfrage, gehört. Diese Aufgabe aber kann nur durch die Eroberung Konstantinopels erfüllt werden. Eine föderative Verwaltung Konstantinopels durch verschiedene Völker könnte die Orientfrage einfach vernichten, während wir doch, im Gegenteil, eine baldige Lösung derselben vor allem wünschen müssen, da sie mit dem Schicksal und der Bestimmung Rußlands so eng verbunden ist. Ganz abgesehen davon, daß alle diese Völkchen sich um den Einfluß und die Vorherrschaft in der Stadt nur streiten würden ... Mit einem Wort, Konstantinopel wäre nur ein Stein des Anstoßes für die ganze östliche Welt, würde nur die Einigung der Slawen verhindern und ihre gesunde Lebensentwicklung aufhalten. Die einzige Rettung ist, daß Rußland allein und auf eigene Rechnung Konstantinopel nimmt; denn nur Rußland kann ruhig sagen, daß es ganz allein dieser Aufgabe gewachsen sein wird. Und ist das denn nicht wahr? Rußland ist das geistige Zentrum, das Haupt des Ostens, Konstantinopel aber ist die Stadt, das Zentrum der östlichen Welt. Rußland hat es nötig – und es wäre ihm sogar nützlich –, sich jetzt dem Orient zuzuwenden und auf einige Zeit Petersburg, wenn auch nur ein wenig, zu vergessen – in Anbetracht der baldigen Veränderung seines Schicksals, sowie der Schicksale ganz Europas. Doch wozu schon jetzt alle Mißstände erörtern, die durch einen gemeinsamen Besitz der Stadt unter den Slawen entstehen würden! Wenden wir uns lieber dem Schicksal der Griechen und der rechtgläubigen Bevölkerung Konstantinopels zu – dem Schicksal, dem sie bestimmt nicht werden entgehen können, wenn Byzanz „Gemeingut“ wird.
Die Griechen werden eifersüchtig auf die neue slawische Basis in Konstantinopel sehen und werden die Slawen sogar noch mehr hassen und noch mehr fürchten, als vorher die Mohammedaner. Der jüngste Streit zwischen den Bulgaren und dem ökumenischen Patriarchen kann für die Zukunft als Beispiel dienen. Die Repräsentanten der Rechtgläubigkeit in Konstantinopel werden sich bis zu Intrigen und kleinlichen Verschwörungen, bis zu gegenseitigen Exkommunikationen und weiß Gott wozu noch erniedrigen, werden vielleicht sogar Ketzer werden – und alles das aus nationalen Gründen, aus nationaler Empfindlichkeit. „Warum stehen die Slawen über uns?“ werden die Griechen fragen, „warum wird ihnen ein unumschränktes Recht auf Konstantinopel zugesprochen, ... wenn auch mit uns zusammen?“ Beherrscht aber Rußland allein Konstantinopel, hat Rußland allein die Autorität in der Stadt, so fällt selbst die Möglichkeit solcher Fragen fort. Sogar die Griechen würden dann Rußland nicht um den Besitz Konstantinopels beneiden und sich nicht gekränkt fühlen. Rußland würde in Konstantinopel gleichsam auf der Wacht stehen für alle Slawen und alle Balkanvölker, ohne etwa letztere den Slawen nachzustellen. Die Herrschaft der Mohammedaner war in diesen Jahrhunderten für die Balkanvölker keine vereinigende, sondern eine unterdrückende Macht, unter der sie sich nicht zu rühren, nicht einmal wie Menschen zu leben wagten. Nach der Vernichtung der mohammedanischen Herrschaft kann aus diesen Völkern, die aus der Knechtschaft zur Herrschaft kommen, ein Chaos entstehen; so daß nicht nur eine regelrechte Föderation, sondern selbst eine Übereinstimmung unter ihnen höchstens in ferner Zukunft möglich sein wird. Dagegen würde Rußland zweifellos die alle Balkanvölker vereinigende Kraft sein, wenn es sich in Konstantinopel festsetzte ... Auch ist doch nur Rußland allein fähig, die Fahne der neuen Idee des Ostens zu erheben und der ganzen östlichen Welt ihre neue Bestimmung zu erklären. Denn was ist die Orientfrage im Grunde anderes als die Schicksalsfrage der Rechtgläubigkeit überhaupt? Das Schicksal der Rechtgläubigkeit aber ist wiederum untrennbar mit der Bestimmung Rußlands verbunden. „Was ist denn das für ein Schicksal?“ wird man fragen.
Der römische Katholizismus, der Christus für weltlichen Besitz verkaufte, was die Menschheit veranlaßte, sich von ihm abzuwenden, und was zur Hauptursache der Verbreitung des europäischen Materialismus und Atheismus wurde, – dieser Katholizismus erzeugte in Europa naturgemäß auch den Sozialismus. Denn die Aufgabe des Sozialismus ist, das Schicksal der Menschheit nicht durch Christus, sondern außerhalb von Gott und Christus zu bestimmen. Er hat sich in Europa auf ganz natürliche Weise bilden müssen zum Ersatz für das dort gefallene christliche Prinzip. Doch die im Westen entstellte Lehre Christi hat sich in ihrer ganzen Reinheit in der Rechtgläubigkeit erhalten. Aus dem Osten wird das neue Wort an die Welt ausgehen, wird dem Sozialismus entgegenziehen und von neuem die europäische Menschheit erlösen. Das ist die Bestimmung des Ostens, das ist die Bedeutung der Orientfrage für Rußland! Ich weiß, sehr viele nennen eine solche Überzeugung „Besessenheit“; doch Herr N. J. Danilewski wird verstehen, was ich sagen will. Infolge dieser Bestimmung hat Rußland Konstantinopel nötig, denn Konstantinopel ist, wie ich schon sagte, das Zentrum der östlichen Welt. Rußland – ich meine das Volk zusammen mit seinem Zaren – erkennt und fühlt, daß es allein der Träger der Christenidee ist, und daß das Wort der Rechtgläubigkeit sich in ihm zu einer großen Tat gestaltet, daß diese Tat schon mit dem jetzigen Kriege begonnen hat, und daß uns noch Jahrhunderte der Arbeit und Selbstverleugnung bevorstehen, um die Brüderschaft der Völker zu verwirklichen, jener Völker, denen wir mit heißer Mutterliebe wie teuren Kindern dienen wollen.
Diese große christliche Tat, diese neue Tätigkeit des Christentums und der Rechtgläubigkeit, hat schon mit dem jetzigen Kriege begonnen, mit der bloßen Tatsache, daß wir diesen Krieg führen ... Doch Herr N. J. Danilewski glaubt noch immer nicht daran. Augenscheinlich glaubt er nicht daran, weil er Rußland nicht für würdig hält, Konstantinopel zu beherrschen. Sollten die Russen wirklich dem nicht gewachsen sein – oder was will er sonst damit sagen? Natürlich ist es schwer, eine Herrschaft in dieser Stadt zu errichten; aber Herr Danilewski gibt doch zu, daß Rußland Konstantinopel vorläufig allein beherrschen könnte, d. h. natürlich nur, um die Stadt später den Völkern als Gemeingut zu übergeben. Es fragt sich bloß, warum und wozu übergeben? Wie es scheint, glaubt Herr Danilewski, daß der Besitz Konstantinopels für Rußland verderblich sein würde, in ihm schlechte, eroberungsgierige Instinkte wachrufen könnte. Aber es wäre doch Zeit, endlich an Rußland zu glauben, besonders nach der Heldentat dieses Krieges, denn es ist dieser Aufgabe doch tatsächlich gewachsen ...
Und plötzlich kann sich der Autor nicht einmal entschließen, diese Stadt auch nur zeitweilig diesem Rußland anzuvertrauen! Und – man stelle sich nur vor, womit er schließt: man müsse vorläufig die Existenz der Türkei noch verlängern, ihr zwar alle Slawen und den Balkan nehmen, Konstantinopel jedoch ihr noch auf einige Zeit überlassen – und das sei für Rußland jetzt sogar das Vorteilhafteste, sei sozusagen ein Fingerzeig Gottes! Warum ein Fingerzeig Gottes, warum? Herr Danilewski setzt natürlich voraus, daß die Türkei in ihrer neuen Existenz ganz unter dem Einfluß Rußlands, d. h. von Rußland abhängig sein werde. Aber wozu denn diese Maskerade? Bedenken wir bloß, daß Europa in eine solche Konstellation erst recht nicht einwilligen würde. Europa wäre eine vollständige Besiegung der Türkei, wäre die vollendete Tatsache lieber, als einen neuen Orientkrieg in der allernächsten Zukunft befürchten zu müssen. Somit stimmt ja Herr Danilewski zum Schluß mit der politischen Meinung Lord Beaconsfields überein, nach der die Existenz der Türkei durchaus nötig sei und sie nicht vernichtet werden dürfe.
„Von der Türkei wird nur ein Schatten übrigbleiben,“ sagt Herr Danilewski – „dieser Schatten aber muß (?) vorläufig noch die Ufer des Bosporus und der Dardanellen verdunkeln; denn ihn schon jetzt durch einen lebendigen und dazu gesunden Organismus zu ersetzen, ist noch nicht möglich (!?) ...“
Also wäre Rußland ein so ungesunder und toter Organismus, daß es die Hauptstadt der Rechtgläubigkeit an Stelle der in Fäulnis übergegangenen Türkei nicht besetzen dürfte? Das scheint mir doch sonderbar! Oder will Herr Danilewski damit vielleicht sagen, daß Rußland Konstantinopel nicht besetzen dürfe, weil Europa es ihm nicht gestatten würde? Er sagt an einer Stelle seines Aufsatzes: „Der Besetzung Konstantinopels durch die Russen werden die meisten europäischen Mächte den größten Widerstand entgegensetzen.“ Freilich, wenn er die Unmöglichkeit darin sieht, so wird seine Behauptung – bezüglich der Notwendigkeit, den Türken vorläufig noch Konstantinopel zu überlassen – verständlicher. Nichtsdestoweniger kann man in betreff des „Widerstandes der meisten europäischen Mächte“ eines positiv behaupten: erstens, daß Europa, wie ich schon gesagt habe, eher die Besetzung Konstantinopels durch uns wünschen würde als ein Fortbestehen der Türkei „unter voller Vormundschaft Rußlands, ohne den Balkan, ohne Slawen, ohne Flotte“ – mit einem Wort, als ein „Schatten“ der früheren Türkei, wie sich Herr Danilewski ausdrückt. Wen würden wir mit diesem Gespenst betrügen können? Die Europäer würden sich doch sagen: „Wenn die Russen nicht heute in Konstantinopel einziehen, so werden sie es morgen tun.“ Und deshalb würden sie auch eine endgültige Form einem zeitweiligen Schatten vorziehen. Und zweitens: wir müssen doch einsehen, daß es niemals eine für uns so günstige Zeit geben wird – in Anbetracht der gegenwärtigen politischen Lage Europas.
Zum letztenmal noch eine „Prophezeiung“. Man sagt: „Die Mehrzahl der europäischen Mächte wird es nicht erlauben.“ Aber aus welchen Reichen besteht denn jetzt diese „Mehrzahl der europäischen Mächte“? Ich wiederhole hier schon einmal von mir Gesagtes: „Europa verändert sich von Stunde zu Stunde: was noch vor einem halben Jahr war, wird vielleicht in drei Monaten nicht mehr sein!“ Wir befinden uns am Vorabend der allergrößten und erschütterndsten Ereignisse und Umwälzungen in Europa. Augenblicklich, also jetzt im November, besteht „diese Mehrzahl der europäischen Mächte“, die uns beim Friedensschluß ihr drohendes Veto entgegenstellen könnten, nur aus England und kaum noch aus Österreich, obgleich England alles tut, um Österreich zu einem Bündnis gegen uns zu zwingen und nebenbei noch eines mit Frankreich zu schließen. Doch wir werden nicht allein sein: soviel ist jetzt schon klar. In Europa gibt es ja noch Deutschland, und Deutschland wird zu uns halten.
Europa stehen große Umwälzungen so sonderbarer Art bevor, daß der Verstand des Menschen sich sträubt, an sie zu glauben, und ihre Verwirklichung für unmöglich hält, weil sie ihm viel zu phantastisch erscheinen. Doch vieles, was man in diesem Sommer noch für phantastisch, unmöglich und für übertrieben hielt, ereignete sich zu Ende des Jahres in Europa buchstäblich, und die Meinung, zum Beispiel, daß die katholische Verschwörung eine Macht habe – eine Meinung, über die alle noch im Sommer zu lachen bereit waren, oder im äußersten Falle zog man es vor, sich einer Kritik über sie zu enthalten – wird jetzt von allen geteilt und durch Tatsachen als keineswegs übertrieben bestätigt. Ich erwähne dies nur, damit die Leser auch meiner jetzigen „Prophezeiung“ mehr Glauben schenken und sie nicht für ein phantastisches und übertriebenes Hirngespinst erklären.
Der einzige Politiker Europas, der mit seinem genialen Blick bis in die Tiefe der Erscheinungen dringt, ist – Fürst Bismarck. Den schrecklichsten Feind Deutschlands, seiner Einheit und seiner erneuten Zukunft hat er schon vor langer Zeit, früher als alle anderen erkannt: im römischen Katholizismus und in dem vom Katholizismus erzeugten Ungeheuer – dem Sozialismus. Deutschland ist durchsetzt von Sozialismus. Bismarck hält es für unumgänglich nötig, dem Katholizismus im Augenblick der Wahl des neuen Papstes den Todesstoß zu versetzen. Oh, er weiß, daß er den Papst nicht endgültig wird vernichten können, und daß er ihn höchstens in eine neue Phase des Kampfes drängen wird. Denn der Kampf des Katholizismus wird so lange fortdauern, wie Frankreich lebt. Solange Frankreich noch lebt, hat der Katholizismus ein starkes Schwert in der Hand und die Möglichkeit, eine europäische Koalition gegen Deutschland zustande zu bringen. Was Frankreich anbetrifft, so ist dieses Land in den Augen des Fürsten Bismarck freilich schon seinem Schicksal verfallen. Für Bismarck gibt es jetzt nur noch eine Frage: Frankreich – oder Deutschland? Fällt aber Frankreich, so tritt der Katholizismus zusammen mit dem Sozialismus in eine neue Phase seines Daseins. Während nun die europäischen Politiker den sich hinziehenden Kampf Mac-Mahons mit den Republikanern verfolgen und von ganzem Herzen den Republikanern den Sieg wünschen, da sie glauben, die Republik sei in Frankreich eine volkliche Regierung und fähig, Frankreich zu einigen, – weiß Fürst Bismarck, daß Frankreich seine Zeit bereits überlebt hat und die französische Nation innerlich auf ewig zerstückt ist, daß es in ihr niemals mehr eine alle vereinende, starke und gesunde nationale Regierung geben wird. Nun könnte allein schon diese Schwäche Frankreichs in Deutschland große Hoffnungen erwecken; doch Fürst Bismarck weiß, ich wiederhole es: solange Frankreich lebt, wird auch der römische Katholizismus noch lebendig sein, – ganz abgesehen davon, daß der Katholizismus noch einmal, und wenn auch nur auf kurze Zeit, wenn auch nur außenpolitisch, diesem zersetzten Lande als vereinigende Idee dienen kann. Denn anders kann es ja gar nicht kommen: früher oder später wird Frankreich – selbst wenn es Republik bleiben sollte – sein Schwert doch für den Papst und den Katholizismus ziehen. Die Republikaner werden es noch selbst einsehen, daß ihre Stellung in Frankreich unhaltbar werden würde, wenn sie den Papst und den Katholizismus fallen ließen. Oder vielleicht werden sie zu dieser Einsicht nicht fähig sein und so bis zu ihrem Ende die Protégés des Fürsten Bismarck bleiben, – Protégés, die er im geheimen schon zum Tode verurteilt hat, obschon sie immer noch den Anspruch auf die Fähigkeit haben, Frankreich von neuem zu einem festen Ganzen zu vereinigen. Ja, die französischen Republikaner sind nicht nur Bismarcks Schützlinge, sondern auch Deutschlands Sklaven, die ganz Frankreich an Deutschland nicht bloß zu politischer, sondern auch zu innerer, geistiger Sklaverei ausliefern, und zwar tun sie dies, indem sie Frankreich gerade seiner selbständigsten politischen und historischen Idee berauben, wenn sie ihrem Vaterlande jene Fahne aus der Hand reißen, die es so viele Jahrhunderte hindurch als Vertreter des romanischen Elements in der europäischen Menschheit hochgehalten hat. Dafür aber werden sich diejenigen, welche die unbegabten, unnützen Republikaner gerade deswegen stürzen wollen, unbedingt sofort bemühen – Bismarck weiß das bereits –, zum letztenmal die katholische Fahne gegen Deutschland zu erheben, die Fahne, an die Frankreich nicht mehr glaubt, die fast schon von der ganzen Nation verneint wird, doch den Franzosen politisch noch zum letzten Vereinungs- und Stützpunkt dienen kann gegen den verhängnisvollen (und gleichfalls letzten) Angriff des protestantischen Deutschland, das ewig gegen die vom alten Rom geerbten Grundsätze der ganzen westlichen Hälfte der europäischen Menschheit protestiert und protestieren wird.
Deshalb aber hat Fürst Bismarck Frankreichs Schicksal wahrscheinlich schon bestimmt. Das Schicksal Polens erwartet auch Frankreich, und politisch wird es tot sein oder Deutschland müßte aufhören zu sein. Wenn Bismarck das erreicht haben wird, dann wird er auch den kämpfenden römischen Katholizismus – der bestimmt bis zum Ende der Welt kämpfen wird – zwingen, in eine neue Phase des Daseins und des Kampfes um das Dasein einzutreten, – in die Phase des unterirdischen, reptilhaften Verschwörerkrieges. Bismarck aber erwartet ihn schon in dieser neuen Phase. Und je früher dies geschehen wird, desto besser für ihn, denn hier erwartet er bereits die Vereinigung beider Feinde Deutschlands und der Menschheit, die Vereinigung des Katholizismus mit dem Sozialismus, und hofft, sie gerade so leichter vernichten zu können, beide auf einmal ...
Man muß den Augenblick benutzen. Diese Vereinigung der beiden Feinde wird zweifellos stattfinden, sobald Frankreich politisch gefallen ist, denn diese beiden Feinde haben in Frankreich immer einen organischen Zusammenhang gehabt. Der Katholizismus war fast bis zur jüngsten Zeit Frankreichs vereinigende und wesentlichste Idee. Und aus ihr heraus ist in Frankreich der Sozialismus entstanden. So hofft denn Fürst Bismarck, auch dem Sozialismus einen starken Schlag zu versetzen, wenn er Frankreichs politisches Leben vernichtet. Der Sozialismus aber als Fortsetzung des Katholizismus und als Ausdruck Frankreichs – ist für den echten Germanen das Verhaßteste von allem Verhaßten, und so ist es wohl verzeihlich, daß die führenden Männer Deutschlands glauben, leicht mit ihm fertig werden zu können, wenn sie Frankreich als seine Quelle und Basis politisch vernichten. Doch aller Wahrscheinlichkeit nach wird etwas ganz anderes geschehen, wenn Frankreich politisch fällt. Der Katholizismus, der mit dem Sturze Frankreichs sein Schwert verliert, wird sich dann zum erstenmal an das von ihm so lange verachtete Volk wenden. Früher hatte er noch die Könige und Kaiser dieser Welt, jetzt jedoch hat er niemanden mehr, außer dem Volk. Und so wird er sich denn an die beweglichsten, unruhigsten Elemente desselben wenden – an die Sozialisten. Dem Volke wird Rom sagen, daß alles, was die Sozialisten den Menschen verkünden, schon von Christus gepredigt worden sei. Noch einmal wird Rom Christus entstellen und diesmal an das Volk verkaufen, so wie es ihn früher schon so oft für weltliche Herrschaft verkauft hat, wie z. B. damals, als es für das Recht der Inquisition eintrat. Vergessen wir nicht, daß diese Inquisition die Menschen für ihre Gewissensfreiheit im Namen Christi folterte, – Christi, dem nur ein freiwilliger Jünger lieb war, nicht aber ein abgekaufter oder durch Furcht gezwungener. Und der Katholizismus verkaufte Christus, als er die Jesuiten segnete und ihren Wahlspruch „Der Zweck heiligt das Mittel“ guthieß. Die ganze christliche Lehre hat er ja nur zum Erwerb irdischen Gutes und zur Erlangung der erträumten Herrschaft über die ganze Welt benutzt. Als die katholische Menschheit sich von jenem Ungeheuer, als das ihnen Christus zu guter Letzt gezeigt wurde, abwandte, da tauchen denn – nach einer Reihe von Jahrhunderten der Proteste und Reformationen – zu Anfang des jetzigen Jahrhunderts Versuche auf, sich ohne Gott und Christus einzurichten. Doch ohne den Instinkt der Bienen und Ameisen zu haben, die sich fehlerlos ihre Stöcke und Ameisenhaufen schaffen, wollten auch die Menschen sich in der Art der Ameisen von neuem einrichten. Sie verstießen die von Gott herkommende und durch die Offenbarung dem Menschen verkündete einzige Formel seiner Rettung: „Liebe deinen Nächsten als dich selbst“, und ersetzten sie durch praktische Folgerungen von der Art des „Chacun pour soi et Dieu pour tous“, oder durch wissenschaftliche Axiome von der Art des „Kampf ums Dasein“. Da die Menschen den Instinkt der Tiere, der diese lehrt, ihren Staat fehlerlos einzurichten, nicht haben, verließen sie sich stolz auf die Wissenschaft, – wobei sie natürlich ganz vergaßen, daß die Wissenschaft einer solchen Tat, wie es die Schaffung der Gleichheit wäre, noch längst nicht gewachsen ist, ja, im Verhältnis zu ihr gleichsam noch in den Windeln liegt. Man baute Luftschlösser. Der zukünftige Turm von Babel wurde einerseits zum Ideal und andererseits zum Schreckgespenst der Menschheit. Doch nach den Träumern kamen bald andere Lehrer, die einfach und allen verständlich ungefähr folgendes predigten: „Zuerst die Reichen plündern, die Welt mit Blut überschwemmen, dann aber wird alles schon von selbst irgendwie von neuem entstehen!“ Schließlich ging man noch weiter: es kam die Lehre vom Anarchismus. Wenn dieser sich einmal verwirklichen könnte, dann würde bestimmt wieder eine Periode der Menschenfresserei eintreten, und die Menschen wären gezwungen, alles von neuem zu beginnen, wie vor zehntausend Jahren. Der Katholizismus begreift das alles vorzüglich und wird es verstehen, die Führer des unterirdischen Kampfes für sich zu gewinnen. Er wird ihnen sagen: „Ihr habt kein Zentrum, keine Ordnung in der Führung eurer Sache, ihr seid eine über die ganze Welt verbreitete, aber zerstückelte Kraft und seid jetzt durch den Fall Frankreichs sogar völlig haltlos. Ich werde euch vereinigen und euch auch alle diejenigen noch zuführen, die an mich glauben.“ Wie es auch kommen mag: eine Einigung wird jedenfalls stattfinden. Der Katholizismus will nicht sterben; eine soziale Revolution jedoch, eine neue soziale Periode, stehen Europa sicher bevor: diese zwei, wenn auch verschiedenen, Kräfte werden sich unbedingt vereinigen, die zwei Strömungen werden ineinanderfließen müssen. Selbstverständlich wäre für den Katholizismus Zerstörung, Blutvergießen, Plünderung, ja selbst die Menschenfresserei sehr vorteilhaft. Kann er doch hoffen, gerade dann im trüben Wasser noch einmal seinen Fisch zu fangen: im rechten Augenblick, wenn die gequälte Menschheit sich ihm wieder in die Arme wirft, von neuem der „unumschränkte Alleinherrscher und die einzige Autorität dieser Welt“ zu werden und somit endgültig sein Ziel zu erreichen. Dieses Zukunftsbild ist leider – keine Phantasie. Ich bin fest überzeugt, daß es im Westen schon von vielen gesehen wird, und wahrscheinlich sieht man es auch in Deutschland. Doch die Führer des deutschen Volkes täuschen sich bloß in einem: in der Leichtigkeit, die beiden furchtbaren und dann bereits vereinten Feinde zu besiegen. Sie hoffen auf die Kraft des erneuten Deutschland, auf seinen protestantischen, gegen das alte und neue Rom, gegen Roms Grundsätze und deren Folgen protestierenden Geist. Doch nicht sie werden das Ungeheuer zum Stehen bringen: stellen und besiegen wird es nur der wiedervereinte Osten durch das neue Wort, das er der Menschheit bringen wird.
In jedem Fall aber ist eines klar: Deutschland hat uns sogar weit nötiger, als wir denken. Denn Deutschland braucht uns nicht zu einem zeitweiligen politischen, sondern zu einem ewigen Bündnis. Die Idee des wiedervereinten Deutschland ist groß und stolz und reicht hinab bis in die Tiefe der Jahrhunderte. Doch was will denn Deutschland mit uns teilen? Die ganze westliche Menschheit ist sein Objekt, die ganze westliche Welt Europas hat es für sich bestimmt: statt der römischen und romanischen Idee soll hier die germanische die Führung übernehmen. Uns aber, Rußland, überläßt es den Osten. Zwei großen Völkern, uns und ihm, ist es bestimmt, das Angesicht der ganzen Welt zu verändern. Das ist kein menschliches Hirngespinst, das ist kein menschlicher Ehrgeiz, der sich das erdacht: so setzt sich die Welt selbst auseinander. Neue und sonderbare Fakta tauchen auf und bestätigen es von Tag zu Tag. Als man bei uns vom Besitze Konstantinopels noch nicht einmal zu träumen wagte, sprachen die deutschen Zeitungen von der Besetzung Konstantinopels durch uns Russen schon wie von einer ganz selbstverständlichen Sache. Das ist beinahe sonderbar im Vergleich zu den früheren Beziehungen Deutschlands zu uns. Man kann annehmen, daß die Freundschaft Rußlands zu Deutschland aufrichtig und stark ist, und daß diese Freundschaft mehr und mehr im Volksbewußtsein beider Nationen erstarken wird. Infolgedessen aber ist für Rußland noch keine Zeit zur endgültigen Entscheidung der Orientfrage so günstig gewesen wie gerade die gegenwärtige. In Deutschland wartet man auf die Beendung des Krieges vielleicht noch ungeduldiger als bei uns. Und doch kann man jetzt noch nichts voraussagen, und wäre es auch nur auf drei Monate. Werden wir den Krieg noch vor den letzten und schicksalsschweren Umwälzungen in Europa beenden? Alles dies ist noch ungewiß. Doch ob wir Deutschland noch werden zu Hilfe eilen können oder nicht, jedenfalls rechnet Deutschland auf uns nicht als zeitweiligen, sondern als ewigen Bundesgenossen. Was aber die Gegenwart anbetrifft, so kann man nur sagen, daß der Schlüssel zur Katastrophe in Frankreich und in der Wahl des neuen Papstes liegt. So kann denn der jetzt schon so gut wie sichere Zusammenstoß Deutschlands mit Frankreich bald erfolgen, besonders da England sich die größte Mühe gibt, sie aufeinander zu hetzen, und dann auch Österreich das Seine dazu beitragen wird ...
Auf jeden Fall muß Rußland diesen günstigen Augenblick benutzen, denn wir wissen nicht, wie lange er noch währen wird. Solange die jetzigen großen Führer Deutschlands noch am Ruder sind, ist die Zeit für uns wahrscheinlich am günstigsten ...