Was ist Asien für uns?
Geok-Tepe, die Festung der Achal Teke, ist erstürmt! Die Tekinzen sind geschlagen, und wenn sie sich uns auch noch nicht ganz unterworfen haben, so ist doch unser Sieg gewiß![50]
Die Gesellschaft und die Presse sind wieder einmal stolz ... Doch wie lange ist es denn her, daß sich diese wie jene noch vollkommen gleichgültig zu unseren transkaspischen Angelegenheiten verhielten? War das nicht, wenn ich mich recht erinnere, noch vor kurzem, noch nach dem ersten Mißerfolge General Lomakins, und sogar noch zu Anfang der Vorbereitungen zum zweiten Angriff?
„Was suchen wir dort, was schert uns dieses Asien?“ hieß es damals. „Wieviel Geld ist dafür verschwendet worden, während bei uns Hungersnot und Diphtheritis herrschen und Schulen gebaut werden müssen!“
Natürlich waren längst nicht alle derselben Meinung – o nein! Doch trotzdem laßt es sich nicht leugnen, daß es eine Zeit gab, in der sich sogar sehr viele zu unserer Offensivpolitik in Asien feindselig verhielten. Allerdings trug die Ungewißheit der unternommenen Expedition manches zu dieser Feindseligkeit bei. Aber trotz alledem kann man nicht sagen, daß unsere Gesellschaft sich unserer Mission in Asien klar bewußt sei, noch dessen, was Asien überhaupt für uns bedeutet oder in Zukunft bedeuten wird. Die meisten europäischen Russen sehen auf unser russisches Asien – auch Sibirien einbegriffen – immer noch wie auf irgendein Anhängsel, an das man am liebsten überhaupt nicht denkt. „Wir sind Europäer,“ heißt es, „was sollen wir in Asien machen?“ oder: „Ach, dieses ewige Asien! Wir können ja nicht einmal in Europa Ordnung schaffen, da lädt man uns nun zum Überfluß auch noch Asien auf den Hals! Ach was, – schütteln wir es einfach ab!“ Diese Auffassung wird selbst jetzt noch von unseren „Klugen“ geteilt (die haben sie natürlich nur von ihrem allzu großen Verstande) ...
Der Sieg Skobeleffs wird in ganz Asien, selbst in seinen weltfernsten Winkeln, Widerhall finden. „Also hat sich wieder ein wildes und stolzes mohammedanisches Volk dem weißen Zaren unterworfen,“ werden jetzt die asiatischen Völker denken. Möge das Echo unseres Sieges über ganz Asien hallen, bis nach Indien hin! Möge es in diesen Millionen von Menschen den Glauben an die Unbesiegbarkeit des weißen Zaren verstärken! Auf diesem Wege können wir nicht mehr stehenbleiben. Diese Völker können ihre Chans und Emire behalten, in ihrer Phantasie mag England, dessen Macht sie in Erstaunen setzt, als drohende Wolke fortbestehen, – doch der Name des weißen Zaren muß über den Chans und Emiren stehen, muß über dem der Kaiserin von Indien leuchten, ja sogar über dem des Kalifen. Der weiße Zar ist Zar auch des Kalifen. Diese und keine andere Überzeugung muß dort Wurzel schlagen! Und das geschieht ja auch schon von Jahr zu Jahr immer mehr, und das ist es, was not tut, denn es bereitet die Zukunft vor und gewöhnt jene Völker an das Unvermeidliche.
„Was für eine Zukunft? Worin besteht die Notwendigkeit, Asien uns einzuverleiben? Was sollen wir denn in Asien tun?“
„Es ist eine Notwendigkeit, weil Rußland nicht nur in Europa liegt, sondern auch in Asien, weil der Russe nicht nur Europäer, sondern auch Asiate ist. Weil in Asien vielleicht noch mehr unserer Hoffnungen liegen als in Europa. Und das ist noch nicht alles: in unserem zukünftigen Schicksal wird gerade Asien unser Ausweg sein!“
Ich fühle schon im voraus den Unwillen, mit dem viele meine rückständige Anschauung lesen werden; – für mich aber ist das Gesagte bereits ein Axiom. Ja, wenn es eine wichtige kranke Wurzel bei uns gibt, eine, die man um jeden Preis heilen muß, so ist das gerade unsre Auffassung von Asien. Wir müssen die knechtische Furcht, Europa könnte uns asiatische Barbaren nennen und von uns sagen, wir seien überhaupt noch nicht Europäer geworden, doch endlich einmal überwinden. Diese Angst vor der „Schande“, Europa könnte uns vielleicht doch für Asiaten halten, verfolgt uns ja fast schon zweihundert Jahre lang. Doch in diesem neunzehnten Jahrhundert hat diese Scham sich in uns noch ganz besonders verstärkt: sie ist beinahe schon in Panik ausgeartet. Diese falsche Scham und falsche Selbstbeurteilung, wenn wir uns ausschließlich für Europäer halten und nicht auch für Asiaten (die zu sein wir nie aufgehört haben), sind uns in diesen letzten zwei Jahrhunderten teuer, sehr teuer zu stehen gekommen: wir haben ihretwegen unsere geistige Selbständigkeit eingebüßt und sie mit unserer mißlungenen europäischen Politik bezahlt, und schließlich noch mit Geld, und Geld, und Geld, das, Gott weiß wieviel, dafür verschwendet worden ist, nur um Europa zu beweisen, daß wir ausschließlich Europäer seien und keineswegs Asiaten ... Aber der Vorstoß Peters nach Europa ist denn doch zu stark gewesen, wenn er am Anfang auch notwendig und erlösend war, und so tragen eigentlich nicht wir die Schuld an unserer schiefen Stellung. Was haben wir nicht alles getan, damit Europa uns als die Seinigen anerkenne, als Europäer, als Nur-Europäer und Nicht-Tataren! Allstündlich und unermüdlich sind wir hingelaufen und haben uns immer wieder aufdringlich angeboten. Bald haben wir Europa durch unsere Kraft erschreckt, unsere Heere hingeschickt, um die „Könige zu retten“; bald wiederum haben wir uns vor ihm gebeugt und geschworen, unsere einzige Aufgabe sei, nur ihm, Europa, zu dienen und es glücklich zu machen! Als wir 1812 Napoleon vertrieben hatten, versöhnten wir uns nachher nicht mit ihm, wie es damals einige kluge und einsichtsvolle Russen rieten und wünschten, sondern rückten in geschlossenen Reihen weiter, um Europa zu beglücken, da wir es nun einmal von dem großen Thronräuber befreit hatten. Das gab natürlich ein schönes Bild ab: auf der einen Seite stand der Despot und Räuber, auf der anderen – der Friedensstifter und Befreier. Doch unser politisches Glück lag damals durchaus nicht in diesem Bilde, sondern wäre anderswo zu finden gewesen. Dieser Räuber war nämlich gerade zu der Zeit, zum ersten Male während seiner ganzen Laufbahn, in einer solchen Lage, daß er sich aufrichtig und fest mit uns verbündet haben würde. Unter der Bedingung, ihn in Europa nicht zu stören, hätte er uns den Orient überlassen, und unsere heutige Orientfrage – das Unglück und das drohende Gewitter unserer Gegenwart und Zukunft – wäre jetzt schon längst abgetan. Der Usurpator hat es später selbst gesagt und hat bestimmt nicht nachträglich gelogen; denn er hätte wahrlich nichts Klügeres tun können, als auch hinfort mit uns verbündet zu bleiben, – unter der Bedingung, wie gesagt, daß wir für den Osten ihm den Westen überließen. Die europäischen Völker waren damals noch viel zu schwach, um uns im Orient zu stören; selbst England hätte es nicht gekonnt. Napoleon wäre später vielleicht gestürzt oder, wenn nicht er, dann nach seinem Tode seine Dynastie; der Orient aber wäre uns verblieben, und wir hätten jetzt das Meer und könnten England auch zur See entgegentreten. Wir aber gaben alles hin für dieses schöne lebende Bild! Und was war die Folge? Alle diese von uns befreiten Völker blickten sofort, noch bevor sie Napoleon gänzlich geschlagen hatten, mißgünstig und mit den gehässigsten Verdächtigungen auf uns. Auf den Kongressen verbündeten sie sich alle gegen uns und nahmen alles für sich, uns aber ließen sie nichts, und außerdem zwangen sie uns noch zu Versprechungen, die für Rußland selbst nur nachteilig waren. Und trotz dieser erhaltenen Lehre, – was haben wir in all den folgenden Jahren des Jahrhunderts und noch bis auf den heutigen Tag getan? Haben wir nicht zur Verstärkung der deutschen Mächte noch beigetragen? Haben wir nicht ihre Kraft so anwachsen lassen, daß sie jetzt vielleicht mächtiger sind als wir selbst? Es ist wirklich nicht übertrieben, wenn man sagt, daß wir ihr Wachstum und ihre Stärke gefördert haben. Sind wir nicht auf ihren Ruf hingegangen, um ihre Zwietracht beizulegen, haben wir nicht ihren Rücken geschützt, wenn ihnen Gefahr drohte? Und siehe – waren es nicht gerade sie, die uns in den Rücken fielen, als uns Gefahr drohte, und wollten sie uns nicht in den Rücken fallen, als eine andere Gefahr sich uns näherte? Und die Folge ist, daß jetzt jeder in Europa, jede Rasse, jede Nation einen Stein für uns in der Tasche bereit hält und nur auf den ersten Anlaß wartet, um ihn auf uns zu schleudern. Was haben wir also von den Europäern dadurch erworben, daß wir ihnen so oft gedient? – Nur ihren Haß!
Warum nur haßt uns Europa so sehr, warum können die Menschen dort nicht ein für allemal Zutrauen zu uns fassen und uns glauben, daß wir ihre Freunde und Diener sind, ihre guten, treuen Diener? Und daß sogar unsere ganze europäische Bestimmung nur ist: Europa und seiner Wohlfahrt zu dienen. Oder wenn das vielleicht auch nicht ganz stimmen sollte, so haben wir doch das ganze Jahrhundert hindurch danach gehandelt. Haben wir denn etwas für uns getan, etwas für uns erstrebt? Alles doch nur für Europa, immer nur für Europa! ... Nein, sie können kein Zutrauen zu uns fassen! Warum nicht? – Weil es ihnen unmöglich ist, uns als Ihresgleichen anzuerkennen.
Niemals und für keinen Preis werden sie es glauben, daß wir fähig sind, zusammen mit ihnen und auf ihrer Höhe an der ferneren Entwicklung der Kultur mitzuwirken. Sie sagen, wir seien unfähig, ihre Kultur zu begreifen, seien Fremdlinge in Europa, Namensusurpatoren. Sie nennen uns Diebe, die ihre Bildung stehlen und sich mit ihren Kleidern schmücken. Türken und Semiten stehen ihrem Herzen näher als wir Arier. All dieses hat nun natürlich einen gewichtigen Grund: wir tragen eine ganz besondere Idee, eine andere als sie, in die Menschheit – das ist die Ursache! Und das tun wir – trotz der krampfhaften Versicherungen unserer „russischen Europäer“ in Europa, daß es bei uns überhaupt keine besondere Idee gebe, und es auch weiterhin keine geben werde, daß Rußland überhaupt nicht fähig sei, eine eigene Idee zu haben, sondern höchstens nachahmen könne, und es dabei auch bleiben werde, also beim Nachahmen, und daß wir keineswegs Asiaten oder Barbaren seien, sondern durchaus ganz so wie sie – „Europäer“. Europa jedoch glaubt unseren „russischen Europäern“ wenigstens dieses eine nicht. Was dies anbetrifft, so stimmt es in seinen Schlüssen eher mit den Slawophilen überein, obgleich es die letzteren höchstens vom Hörensagen kennt, oder selbst das nicht einmal. Diese Übereinstimmung besteht in folgendem: Europa glaubt, ganz wie die Slawophilen, daß wir eine „Idee“ haben, eine eigene, besondere und nicht europäische Idee, und daß Rußland fähig sei, eine Idee zu haben. Vom Wesen dieser Idee weiß Europa natürlich noch nichts, – denn wenn es etwas von ihm wüßte, würde es sich sofort beruhigen, ja sogar freuen. Doch einmal wird es unsere Idee bestimmt kennen lernen, und zwar gerade in dem Augenblick, wenn seine kritische Zeit anbricht. Jetzt jedoch traut uns Europa noch nicht; indem es uns überhaupt eine Idee zugesteht, fürchtet es sie bereits. Und schließlich: wir erregen in den Europäern doch nur Ekel, sogar persönlichen Ekel, obgleich man dort zuweilen auch höflich gegen uns ist. Man gibt dort gerne zu, daß die russische Wissenschaft, so jung sie sei, doch schon mehrere bemerkenswerte Vertreter aufzuweisen hat, sowie mehrere gute Arbeiten, die sogar ihrer europäischen Wissenschaft zustatten gekommen sind. Doch um nichts in der Welt würde uns Europa jetzt glauben, daß bei uns in Rußland nicht nur Arbeiter in der Wissenschaft – sogar sehr begabte – geboren werden können, sondern auch Genies, Führer der Menschheit, von der Art der europäischen! Daran werden die Europäer niemals glauben, denn sie können doch nicht uns Kulturfähigkeit zugestehen, und von unserer aufsteigenden Idee wissen sie ja noch nichts. Nach den Tatsachen zu urteilen, haben sie ja schließlich auch recht; denn ganz gewiß werden wir weder einen Bacon, noch einen Newton, noch einen Kant hervorbringen, so lange wir uns nicht „gerade“ auf den Weg stellen und geistig selbständig werden. Was das übrige betrifft, so ist es dasselbe – in der Kunst, wie im Gewerbe: Europa ist bereit, uns zu loben, uns wie einem braven Jungen den Kopf zu streicheln, doch als die Seinigen erkennt es uns nicht an, o nein! Dazu verachtet es uns innerlich und äußerlich viel zu sehr! Es hält uns für niedriger als Menschen, niedriger als Rasse, und zuweilen flößen wir ihm sogar Ekel ein, Ekel im allgemeinen – und Ekel im besonderen, wenn wir uns mit brüderlichen Küssen ihm an den Hals werfen.
Es ist schwer, sich von dem Fenster nach Europa, das Peter für uns durchbrochen hat, abzuwenden – das ist nun einmal unser Verhängnis. Indessen ist aber Asien ... – Ja, das kann doch tatsächlich unsere Rettung sein! Wenn sich bei uns nur ein etwas richtigeres Verständnis für Asien, für diese Idee „Asien“ durchsetzen würde, welch eine große nationale Wurzel würde dann gesunden! Asien, unser asiatisches Rußland –, das ist ja gleichfalls eine unserer kranken Wurzeln, eine, die man nicht nur pflegen, nein, die man ganz ausgraben und von neuem pflanzen muß! Ein Prinzip, ein neues Prinzip, eine neue Anschauung – das ist es, was uns not tut!
Fragen und Antworten
„Ja, aber warum denn, wozu?“ höre ich gereizte Stimmen fragen. „Asien kostet uns sowieso schon viel verlorenes Geld und ununterbrochen Militär. Und wo ist denn dort Industrie? Und wo findet man dort Abnehmer für unsere Waren? Und da verlangen Sie nun, aus unbekannten Gründen, wir sollen uns auf ewig von Europa abwenden!“
„Nicht auf ewig, nur zeitweilig und auch nicht ganz; wir würden uns doch nicht losreißen können, selbst wenn wir es wollten. Wir dürfen Europa nicht ganz verlassen. Aber das ist auch durchaus nicht nötig. Europa ist und bleibt ‚das Land der heiligen Wunder‘ – wie es der eifrigste Slawophile benannt hat. Europa ist uns gleichfalls eine Mutter, wir haben viel von ihr genommen und werden noch vieles von ihr nehmen, und wir wollen doch nicht undankbar sein. Ich habe einmal über die; große zukünftige Bedeutung des russischen Volkes für Europa – meine Überzeugung – einige Worte im vorigen Jahr zur Puschkinfeier in Moskau gesagt, und man hat mich dafür später mit Schmutz und Schimpf beworfen, und sogar diejenigen haben es getan, die mich damals für meine Worte umarmten – ganz, als ob ich etwas Schmutziges, Gemeines begangen hätte, als ich mein Wort sagte.
Doch vielleicht wird man dieses Wort nicht vergessen. Übrigens, lassen wir das ruhen. Wir haben nichtsdestoweniger das Recht, für unseren Auszug aus Ägypten Sorge zu tragen; denn wir selbst haben uns aus Europa gewissermaßen ein geistiges Ägypten gemacht.“
„Erlauben Sie mal! Wodurch kann uns denn Asien selbständig machen? Wir können dort höchstens asiatisch einschlafen, nicht aber selbständig werden!“
„Sehen Sie, durch die Wendung nach Asien und durch unsere neue Auffassung dieses Landes kann mit uns vielleicht dasselbe geschehen, was zum Beispiel mit Europa geschah, als Amerika entdeckt wurde. Denn genau genommen ist Asien für uns dieses selbe von uns bisher noch nicht entdeckte damalige Amerika. Mit der Strömung nach Asien wird sich unser Geist wieder erheben und werden sich unsere Kräfte wieder stärken. Sind wir erst selbständiger geworden, so werden wir auch sofort wissen, was wir zu tun haben; in und mit Europa aber haben wir uns in zweihundert Jahren nur von jeglicher Arbeit entwöhnt und sind zu Schwätzern und Faulenzern geworden.“
„Na, wie wollen Sie uns dann bis nach Asien bringen, wenn wir Faulenzer sind? Und wer wird denn von uns hingehen, selbst wenn man es so sicher wie zweimal zwei beweisen könnte, daß dort unser Glück liegt?“
„In Europa waren wir aus Gnade und Barmherzigkeit aufgenommen, waren wir Sklaven; nach Asien aber kommen wir als Herren. In Europa waren wir Tataren, in Asien aber sind auch wir Europäer. Unsere Mission, unsere zivilisatorische Mission in Asien, wird unseren Geist verlocken und uns dorthin ziehen, wenn nur erst einmal die Bewegung angefangen hat. Baut nur zwei Eisenbahnen, beginnt nur mit dem Bau, – eine nach Sibirien und die andere nach Mittelasien, und ihr werdet euch von den Folgen überzeugen können.“
„Haha, Sie wollen wirklich wenig!“ ist die Antwort, und man lacht mich aus. „Woher die Mittel dazu nehmen, und was bringt uns das ein: Unkosten und Verlust und weiter nichts.“
„Wenn wir in den letzten fünfundzwanzig Jahren im ganzen nur drei Millionen jährlich für diese Bahnen zurückgelegt hätten – und drei Millionen jährlich gleiten uns so manches Mal für nichts und wieder nichts aus den Fingern –, so wäre jetzt schon für fünfundsiebzig Millionen Eisenbahn in Asien gebaut, also ungefähr tausend Werst – mindestens! Sie sprechen von Verlust. Oh, wenn in Rußland an unserer Stelle Engländer oder Amerikaner lebten: die würden Ihnen diesen ‚Verlust‘ schon beweisen! Die hätten schon längst unser Amerika entdeckt! Wissen Sie auch, daß es dort Länder gibt, die uns weniger bekannt sind als das Innere Afrikas? Und wissen wir denn, was für Reichtümer im Schoße dieser unermeßlichen Länder verborgen liegen? Oh, die Engländer und Amerikaner, die würden schon alles hervorkratzen, Metalle und Mineralien und unzählige Steinkohlenlager, – alles würden sie finden, alles aufsuchen! Und die würden auch schon wissen, wie das Material zu gebrauchen ist, und wozu es sich verwenden läßt. Sie würden die Wissenschaft hinrufen und die Erde zwingen, fünfzigmal zu gebären, – diese selbe Erde, von der wir hier glauben, daß sie eine wie unsere Handfläche nackte Steppe sei. Zu dem erworbenen Brote würden die Menschen hinziehen und Gewerbe und Industrie mitbringen. Und um Abnehmer und den Weg zu ihnen braucht man sich nicht zu beunruhigen! – die würden sie auch dort in den Eingeweiden Asiens, wo sie jetzt noch zu Millionen schlafen, finden – und sie würden neue Wege zu ihnen bauen!“
„Wie, Sie singen das Lob der Wissenschaft und bereden uns doch zur Abwendung von der Wissenschaft und Bildung, indem Sie uns auffordern, Asiaten zu werden!?“
„Aber dort wird ja noch mehr Wissenschaft nötig sein! – Was sind wir jetzt in der Wissenschaft anderes als Laien und Dilettanten? Dort aber werden wir Schöpfer sein. Die Not wird uns zwingen zu schaffen und wird uns zu allem geschickt machen, sobald sich erst nur ein wenig selbständiger, unternehmender Geist erhebt! – So werden wir auch in der Wissenschaft Meister sein und nicht nur ewig verehrende Jünger, wie wir es bis jetzt sind. Doch das Wichtigste: unsere zivilisatorische Mission in Asien wird – das unterliegt keinem Zweifel – vom ersten Schritte an von uns verstanden werden, und sie wird uns begeistern. Sie wird unseren Mut erheben, sie wird uns Würde und Selbstbewußtsein geben – die aber hat jetzt keiner von uns, oder höchstens wenige nur ein wenig. Der Zug nach Asien würde außerdem, wenn er bei uns erst einmal anfangen wollte, für unzählige unruhige Geister ein Ausweg sein, für alle Sehnsüchtigen, alle Gelangweilten, alle grundlos Faulen, alle grundlos Müden. Baut nur einen Abzug für das Wasser, und der Schimmel und Gestank werden von selbst verschwinden. Ist aber die Sache erst einmal im Gange, dann wird sich schon niemand mehr langweilen, alle werden sich verändern. Sogar mancher Unfähige mit verwundetem, quälendem Stolz würde dort seine Erlösung finden. Wie oft haben wir es erlebt – besonders in den europäischen Kolonien –, daß Menschen, die an einem Ort die Unfähigkeit selber waren, am anderen sich womöglich als Genies erwiesen ... Rußland wird deshalb nicht zur Wüste werden, das braucht ihr wahrlich nicht zu fürchten. Zuerst werden nur wenige hingehen, doch bald werden Nachrichten von ihnen zurückkommen und wieder neue Menschen hinziehen. Und doch wird es in dem russischen Meere unbemerkbar sein. Zieht die Fliege auf dem Honigseim und richtet ihr ein wenig die Flügel zurecht! Es wird ja nur ein ganz geringer Prozentsatz der Bevölkerung hinziehen; man wird es hier nicht einmal merken, daß wir Asien bevölkern. Dort aber, – Gott, wie man es dort merken wird! Wo sich in Asien ein Russe niederläßt, dort wird auch das Land gleich russisch. Es würde ein neues Rußland entstehen, ein Rußland, das mit der Zeit das alte erneuen und ihm seinen Weg weisen und erklären könnte. Zu all dem gehört aber ein neues Prinzip und der Entschluß zur Umkehr. Und am allerwenigsten braucht es dazu großen Lärmes und großer Erschütterungen. Möge man nur ein wenig begreifen – aber auch wirklich begreifen –, daß in Zukunft Asien unser Ausweg sein wird, daß dort unsere Reichtümer liegen, daß wir dort den Ozean haben. Wenn in Europa der erniedrigende Kommunismus eingeführt sein wird, wenn sie sich dort alle zuhauf um einen Herd versammeln und mit der Zeit die einzelnen Haushaltungen auflösen und alle in Kommunen leben, wenn dort die Kinder in Erziehungsanstalten aufwachsen – drei Viertel von ihnen als Ausgesetzte –, dann wird bei uns noch überall Weite und Licht sein, Wiesen und Wälder und weiter Horizont; und unsere Kinder werden von den eigenen Vätern erzogen werden, nicht in steinernen Massen, sondern zwischen Gärten und Saatfeldern, und werden über sich noch den klaren Himmel schauen. Ja, viele unserer Hoffnungen liegen dort, und unbegrenzte Möglichkeiten, von denen wir uns hier überhaupt noch keinen Begriff machen können! Nicht nur Gold allein liegt dort verborgen. Doch zuerst tut ein neues Prinzip not! Haben wir erst das, dann werden wir auch das zur Sache nötige Geld haben. Wozu sollen wir, und besonders jetzt, in Europa, sagen wir, so viel Gesandtschaften mit so teuerem Aufwand, mit ihrem feinen Esprit und ihren noch feineren Diners, mit so zahlreichem, überflüssigem Personal unterhalten? Und was gehen uns denn – besonders jetzt – alle Gambettas an und der Papst samt dem ihn erwartenden Schicksal, und ob er auch noch so sehr von Bismarck bedrängt wird!? Wäre es nicht besser, zeitweilig sich diesem Europa ärmer zu zeigen, sich an den Weg zu setzen und die Kopeken in die Mütze zu sammeln? – ‚La Russie se recueille‘ würde es dann heißen – und währenddessen sich zu Hause zu sammeln, sich innerlich vorzubereiten? ...“
„Wozu sich denn erniedrigen?“ wird man fragen.
„Das täten wir ja gar nicht, ich habe das mit der Mütze doch nur allegorisch gemeint. Nein, wir würden uns nicht erniedrigen, sondern uns mit einem Schlage erhöhen, ja, so würde es sein! Europa ist schlau und klug und würde uns sofort durchschauen und, glaubt mir, würde uns sofort auch achten! Unsere Selbständigkeit würde zuerst natürlich stutzig machen, doch würde sie teilweise auch gefallen. Wenn Europa jedoch sieht, daß wir uns entschlossen haben, uns nach der Decke zu strecken, und daß auch wir sparsam zu sein verstehen und unseren Rubel selbst hüten und schätzen und ihn nicht mehr aus Papier machen, so wird auch Europa unseren Rubel auf seinen Märkten sofort höher bewerten. Und wenn die Europäer gar sehen, daß wir selbst Defizite und Bankerotte nicht fürchten, vielmehr unentwegt auf unser festes Ziel zuschreiten, so werden sie von selbst zu uns kommen, um uns ihr Geld anzubieten, – und sie werden es dann wie ernsten Menschen anbieten, wie Leuten, die ihre Sache gelernt haben und schon wissen, wie man etwas anfassen muß ...“
„Erlauben Sie ...“ unterbricht mich eine Stimme, „Sie sprachen da von Gambetta. Wir können doch unmöglich dort alles im Stich lassen! Nehmen wir allein die Orientfrage: die bleibt doch bestehen, und wie sollen wir sie denn nun plötzlich aufgeben?“
„In betreff der Orientfrage würde ich jetzt, in unserer Zeit, folgendes sagen: so, wie die Dinge heute nun einmal liegen, findet sich in den politischen Sphären vielleicht kein einziger, der es als selbstverständlich zugeben würde, daß Konstantinopel unser werden muß – außer vielleicht in ferner, dunkler Zukunft einmal. Worauf sollen wir also noch warten? Das ganze Wesen der Orientfrage ist augenblicklich im Bündnis Deutschlands mit Österreich enthalten, und außerdem noch in der türkischen Beute, die Österreich mit Bismarcks Genehmigung einstecken will. Wir können und werden natürlich dagegen protestieren, in irgendeinem, sagen wir, äußersten Fall; doch so lange, wie diese beiden Nationen zusammen sind, – was können wir da ohne große Gefahr für uns tun? Und eines nicht zu vergessen: die Verbündeten warten vielleicht nur darauf, daß wir endlich in Zorn geraten. Die slawischen Völker können wir wie immer beschützen und lieben, und wenn es nottut, können wir ihnen auch, so viel wie in unseren Kräften steht, helfen. Zudem werden sie in nächster Zeit wohl nicht allzu große Gefahr laufen, unterzugehen. Und wer weiß, ob diesem Zustande nicht sowieso bald ein Ende bereitet wird? Wenn wir zeigen, daß wir nicht mehr Lust haben, uns wie früher in Europa einzumischen, so werden sie sich dort, ohne uns, alle wahrscheinlich noch früher in den Haaren liegen. Denn nie und nimmer wird Österreich glauben, daß Deutschland es einzig wegen seiner schönen Augen dermaßen liebgewonnen habe. Es weiß sogar ganz genau, daß Deutschland zu guter Letzt doch die österreichischen Deutschen sich einstecken will. Österreich jedoch wird um nichts in der Welt auf seine Deutschen verzichten wollen, bewahre! – selbst dann nicht, wenn man ihm als Ersatz für sie Konstantinopel geben würde, – dermaßen hoch schätzt es sie! Somit wäre Grund zum Streit bereits genügend vorhanden. Und dann haben unsere Nachbarn immer noch diese unentschiedene französische Frage zu bewältigen, die jetzt für Deutschland vielleicht schon zur ‚ewigen‘ geworden ist. Und dann kann es noch geschehen, daß sich plötzlich selbst die ganze Einigung Deutschlands als nicht nur unvollendet erweist, sondern tatsächlich ins Wanken gerät. Und dann könnte es sich womöglich noch erweisen, daß der europäische Sozialismus immer drohender wird. Kurz, wir brauchen nur abzuwarten und uns nicht einzumischen, auch nicht, wenn sie uns rufen, und dann – wenn dort der Streit ausbricht und ihr ‚politisches Gleichgewicht‘ erzittert – dann mit einem Schlage auch unsere ganze Orientfrage erledigen, den richtigen Augenblick wählen und einfach erklären: ‚Wir wollen die österreichischen Aneignungen in der Türkei nicht anerkennen‘, und die Aneignungen werden verschwinden, vielleicht sogar mit Österreich zusammen ...
Nun, und dann werden wir schon wieder einholen, was wir zeitweilig scheinbar versäumt haben ...“
„Aber England? Sie vergessen England? Unser Zug nach Asien würde es fraglos sofort beunruhigen.“
„‚Wer England fürchtet, – der bleibe zu Haus‘ könnte auch ein Sprichwort sein. Und was würde denn England so besonders beunruhigen? Was unsere Absichten für die Zukunft betrifft, so erwartet es von uns doch sowieso das Allerschlimmste. Wenn es dagegen den wahren Charakter unserer Absichten in Asien begriffe, würde es wahrscheinlich viele seiner Befürchtungen aufgeben ... Übrigens, ich gebe zu, daß es sie nicht aufgeben würde. Doch wie gesagt: ‚wer England fürchtet, – der bleibe zu Haus!‘ Und darum nochmals: Es lebe der Sieg von Geok-Tepe! Hoch Skobeleff und seine Soldaten! Und ewiger Ruhm den Helden, die dort gefallen sind!“