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Sämtliche Werke 14 cover

Sämtliche Werke 14

Chapter 62: Der Doppelgänger
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About This Book

The volume gathers two early narratives: one is an epistolary story that traces the tender, reciprocal correspondence between two impoverished acquaintances, offering close psychological observation, empathy, and a critique of social inequality; the other is a short psychological tale set in an urban setting in which an ordinary man perceives an uncanny double, precipitating paranoia, identity fracture, and a descent into delusion. Together the pieces contrast intimate human warmth and social realism with darker explorations of the uncanny, fate, and the unstable self, and they showcase emerging techniques of intense inner observation and moral sympathy alongside grotesque satire.

Der Doppelgänger

I.

Es war kurz vor acht Uhr morgens, als der Titularrat Jakoff Petrowitsch Goljädkin nach langem Schlaf erwachte.

Er blinzelte zunächst nur ein wenig, gähnte verschlafen, streckte langsam die Glieder, und erst nach und nach öffnete er die Augen vollständig. Doch blieb er noch eine gute Weile regungslos in seinem Bett liegen, wie eben ein Mensch, der sich selbst noch nicht ganz klar darüber zu werden vermag, ob er nun wirklich schon erwacht und rings von Wirklichkeit umgeben ist, oder ob er noch schläft und nur ein Traumbild vor sich sieht. Bald jedoch klärten sich seine Sinne so weit, daß er mit besserem Bewußtsein und regerer Vernunft die geschauten Eindrücke in sich aufnehmen und in der Tat als bereits längst bekannte und ganz alltägliche Wirklichkeit erkennen konnte. Wohl vertraut blickten ihn die grünlichen, verräucherten und ewig bestaubten Wände seines kleinen Zimmers an, wohl vertraut seine rotbraune Kommode und die Stühle von derselben Farbe, wohlvertraut der rotbraune Tisch und der türkische Diwan mit dem in der Grundfarbe rötlichen, doch grüngeblümten Wachsleinwandbezug, und wohlvertraut schließlich auch die gestern abend in der Eile abgeworfenen Kleider, die in einem Haufen auf eben diesem Diwan lagen. Bei alledem sah auch noch der unfreundliche Herbsttag mit seinem trüben, fast schmutzig trüben Licht so griesgrämig und so mißvergnügt durch die grauen Fensterscheiben ins Zimmer, daß Herr Goljädkin unmöglich daran zweifeln konnte, daß er sich in keinem Wolkenkuckucksheim befand, sondern in Petersburg, in der Hauptstadt des russischen Reiches, und zwar in seiner eigenen Wohnung, in einem großen, vier Stockwerke hohen Hause, das an der Straße lag, die man die Schestilawotschnaja nennt. Nachdem er zu dieser wichtigen Erkenntnis gelangt war, schloß Herr Goljädkin, plötzlich vor Schreck zusammenzuckend, zunächst blitzschnell wieder die Augen, um, wenn möglich, weiterzuschlafen – ganz als wäre nichts geschehen. Doch hielt er diesen Zustand nicht lange aus, denn plötzlich – es war noch keine Minute vergangen – fuhr er von neuem auf und sprang diesmal sofort aus dem Bett, ganz als seien seine Gedanken endlich auf denjenigen Punkt gestoßen, um den sie bis dahin aus Mangel an jeglicher Ordnung in blinder Reihenfolge ergebnislos gekreist hatten.

Kaum war er nun aus dem Bett gesprungen, so war das erste, was er tat, daß er zu dem runden Spiegelchen stürzte, das auf der Kommode stand. Und obwohl das verschlafene Gesicht mit den kurzsichtigen Augen und dem ziemlich gelichteten Haupthaar, das ihm aus dem Spiegel entgegenschaute, von so unbedeutender Art war, daß es ganz entschieden sonst keines einzigen Menschen Aufmerksamkeit hätte fesseln können, schien der Besitzer desselben doch mit dem Erblickten sehr zufrieden zu sein.

„Das wäre was Nettes,“ murmelte Herr Goljädkin halblaut vor sich hin, „gerade was Nettes, wenn mir heute irgend etwas fehlen würde, wenn zum Beispiel irgend so etwas ... sagen wir, ein Pustelchen aufgekeimt wäre, oder eine ähnliche Unannehmlichkeit. Aber bis jetzt ist noch alles gut gegangen ... jawohl: vorläufig ist alles gut!“

Und damit setzte Herr Goljädkin, sehr erfreut über diese Feststellung, den Spiegel wieder auf die Kommode, worauf er selbst, obschon er noch barfuß und nur mit einem Hemde bekleidet war, zum Fenster eilte, um mit großer Neugier in den Hof hinabzuspähen. Offenbar wurde er durch das, was er dort unten erblickte, vollkommen zufriedengestellt, denn ein Lächeln erhellte sein Antlitz.

Dann – nachdem er zuvor noch einen Blick hinter die Scheidewand in die Kammer Petruschkas, seines „Kammerdieners“, geworfen und sich überzeugt hatte, daß Petruschka nicht anwesend war – schlich er leise zum Tisch, schloß das Schubfach auf, suchte im verborgensten Winkel dieses Schubfaches zwischen alten vergilbten Papieren und anderem Kram, bis er schließlich eine abgenutzte grüne Brieftasche zutage förderte, die er vorsichtig aufklappte, um ebenso vorsichtig und mit wonnevollem Entzücken und offenbarem Genuß in das geheimste Täschchen hineinzuspähen. Wahrscheinlich blickten auch die grünen und grauen und blauen und roten Papierchen, die sich darin befanden, ebenso freundlich und zustimmend Herrn Goljädkin an, wie er sie: wenigstens legte er die offene Tasche mit geradezu strahlender Miene vor sich auf den Tisch, worauf er sich zum Ausdruck seines Vergnügens kräftig die Hände rieb.

Endlich beugte er sich wieder über die Brieftasche und entnahm dem letzten und verborgensten Täschchen das ganze, ihn so ungemein erfreuende bunte Paketchen Papier, um zum hundertsten Male – bloß vom letzten Abend gerechnet – die Geldscheine nachzuzählen, wobei er jeden Schein gewissenhaft mit Daumen und Zeigefinger rieb, damit ihm nicht etwa zwei für einen durchgingen.

„Siebenhundertfünfzig Rubel in Papiergeld!“ murmelte er dann vor sich hin. „Siebenhundertfünfzig Rubel ... eine große Summe! Eine sehr annehmbare Summe,“ fuhr er mit bebender, vor Wonne ganz weich klingender Stimme in seinem Selbstgespräch fort, indem er das Paket mit den Geldscheinen in der geschlossenen Hand wog und bedeutsam dazu lächelte: „Sogar eine überaus annehmbare Summe! Sogar für einen jeden eine überaus annehmbare Summe! Ich wollte den Menschen sehen, für den diese Summe eine geringe Summe wäre! Eine solche Summe kann einen Menschen weit bringen ...“

„Aber was ist denn das?“ fuhr Herr Goljädkin aus seinem fröhlichen Gedankengang plötzlich auf, „wo ist denn mein Petruschka?“ Und er begab sich, immer noch ohne weitere Bekleidung, zum zweiten Male zur Scheidewand – doch Petruschka war auch diesmal in seiner Kammer nicht zu erblicken. Statt seiner stand dort nur der Samowar auf der Diele und brummte und ärgerte sich und kochte vor Wut, unter der unausgesetzten Drohung, jeden Augenblick überzulaufen, indem er mit heißestem Eifer in den Gutturallauten seiner sich überstürzenden und unverständlichen Sprache brodelnd und zischend Herrn Goljädkin sagen zu wollen schien: So nimm mich doch endlich, guter Mann, ich bin ja schon längst und vollkommen fertig und mehr wie bereit!

„Das ist doch des Teufels!“ dachte Herr Goljädkin, „diese faule Bestie kann einen Menschen ja um seine letzte Geduld bringen! Wo er sich nur wieder herumtreibt?!“

Und in gerechtem Unwillen öffnete er die Tür zum Vorzimmer – einem kleinen Korridor, aus dem eine Tür auf den Treppenflur führte – und erblickte dort seinen Diener, den eine stattliche Anzahl dienstbarer Geister, aus der Nachbarschaft und von der verschiedensten Art, eifrig umringte. Petruschka erzählte und die anderen hörten zu. Augenscheinlich mißfiel jedoch sowohl das Thema der Unterhaltung wie die Unterhaltung selbst Herrn Goljädkin nicht wenig. Er rief sogleich seinen Petruschka und kehrte nicht nur unzufrieden, sondern ordentlich aus dem Gleichgewicht gebracht in sein Zimmer zurück.

„Diese Bestie ist ja wahrhaftig bereit, für weniger als eine Kopeke einen Menschen zu verkaufen, um wieviel mehr noch seinen Brotherrn,“ dachte er bei sich, „und das hat er, oh, das hat er auch schon getan, ich wette, daß er’s getan hat! – Nun, was?“ wandte er sich an den eingetretenen Petruschka.

„Die Livree ist gebracht worden, Herr.“

„Dann zieh sie an und komm her.“

Petruschka tat, wie ihm befohlen, und erschien darauf mit einem dummen Grinsen wieder im Zimmer seines Herrn, diesmal in einem unbeschreiblich seltsamen Aufzuge.

Er trug einen grünen, bereits stark mitgenommenen Dienerfrack mit mehr als schadhaften goldenen Tressen, eine Livree, die für einen Menschen gemacht worden war, der mindestens um eine Elle länger sein mußte, als Petruschka.

In der Hand hielt er einen gleichfalls mit Goldtressen und mit grünen Federn garnierten Hut, und an der Seite hing ihm ein Dienerschwert in einer ledernen Scheide.

Zur Vervollständigung des Bildes sei noch erwähnt, daß Petruschka, der seiner ausgesprochenen Vorliebe für alles Bequeme zufolge fast nur im Negligee zu gehen pflegte, auch jetzt, trotz Hut und Schwert und Frack, barfuß erschienen war. Herr Goljädkin betrachtete seinen Petruschka von allen Seiten, schien aber zufriedengestellt zu sein. Die Livree war offenbar zu irgendeinem feierlichen Vorhaben gemietet worden. Auffallend war an Petruschka noch, daß er während der Musterung, deren ihn sein Herr unterzog, seltsam erwartungsvoll und mit größter Neugier jede Bewegung dieses seines Herrn verfolgte, was Herrn Goljädkin, der es merkte, geradezu befangen machte.

„Nun, und die Equipage?“

„Auch die Equipage ist gekommen.“

„Für den ganzen Tag?“

„Für den ganzen Tag. Fünfundzwanzig Rubel.“

„Und auch die Stiefel sind gebracht worden?“

„Auch die Stiefel sind gebracht worden.“

„Esel! Kannst du nicht einfach jawohl sagen? Gib sie her!“

Nachdem Herr Goljädkin dann seine Zufriedenheit mit der Leistung des Schusters ausgedrückt hatte, wollte er Tee trinken, sich waschen und rasieren. Letzteres tat er sehr gewissenhaft, auch beim Waschen legte er viel Sorgfalt an den Tag, doch vom Tee trank er nur eilig im Vorübergehen, und dann machte er sich sofort an die weitere Bekleidung seiner Person. Zunächst zog er ein Paar fast nagelneuer Beinkleider an, dann ein Plätthemd mit Knöpfen, die ganz so aussahen, als wären sie von Gold, und eine Weste mit sehr grellen, aber netten Blümchen. Um den Hals band er sich eine bunte, seidene Krawatte, und zu guter Letzt zog er noch seinen Uniformrock an, der gleichfalls fast ganz neu und sorgfältig gebürstet war. Während des Ankleidens schaute er mehrmals mit liebevollen Blicken auf seine neuen Stiefel hinab, hob bald diesen, bald jenen Fuß, betrachtete mit Wohlgefallen die Form, und murmelte etwas Unverständliches vor sich hin, wobei sein beredtes Mienenspiel, das hier und da entfernt an ein Gesichterschneiden gemahnte, seinen Gedanken beifällig zustimmte. Übrigens war Herr Goljädkin an diesem Morgen sehr zerstreut, weshalb ihm denn auch das sonderbare Spiel der Mundwinkel und Augenbrauen Petruschkas, während ihm dieser beim Ankleiden behilflich war, völlig entging.

Als endlich alles getan, was zu tun war, und Herr Goljädkin vollständig angekleidet dastand, steckte er als Letztes noch seine Brieftasche in die Brusttasche, weidete sich nochmals am Anblick Petruschkas, der inzwischen Stiefel angezogen hatte und folglich gleichfalls vollständig angekleidet war –, und als er sich dann sagen mußte, daß „somit alles fertig“ sei und folglich kein Grund vorhanden, noch länger zu warten, wandte er sich eilig und geschäftig und mit einer leisen Herzensunruhe dem Ausgang zu und eilte die Treppe hinab. Eine hellblaue Mietsequipage mit eigentümlichem Wappen fuhr donnernd vom Hof unter den Torbogen und hielt vor der Treppe. Petruschka, der noch mit dem Kutscher und ein paar anderen Maulaffen schnell ein Augenzwinkern austauschte, klappte den Wagenschlag zu, rief mit einer ganz ungewohnten Stimme und kaum zurückgehaltenem Lachen „fahr zu!“ zum Kutscher hinauf, sprang selbst auf den Dienersitz hinten am Wagen – und dann rollte das Ganze donnernd und knatternd, wackelnd und klirrend über das holperige Steinpflaster unter dem Torbogen auf die Straße hinaus und weiter zum Newskij Prospekt.

Kaum hatte die hellblaue Equipage den Torbogen verlassen, als Herr Goljädkin sich auch schon geschwind die Hände rieb und sichtbar, doch unhörbar vor sich hinlachte, wie eben ein Mensch von heiterer Gemütsart, dem ein köstlicher Streich gelungen ist und der sich darüber selbst königlich freut, zu lachen pflegt. Übrigens schlug dieser Anfall von Lustigkeit sogleich in eine andere Stimmung um: das Lachen im Gesicht Herrn Goljädkins wich plötzlich einem eigentümlich besorgten Ausdruck.

Obgleich das Wetter feucht und trübe war, ließ er beide Fenster herab und begann vorsichtig nach den Vorübergehenden auszuschauen, um dann blitzschnell wieder eine sozusagen vornehme Miene aufzusetzen, sobald er bemerkte, daß jemand ihn ansah. An einer Straßenkreuzung – der Wagen bog gerade von der Liteinaja auf den Newskij Prospekt – zuckte er mit einem Male wie von einer höchst unangenehmen Empfindung zusammen, als wäre ihm jemand versehentlich auf ein Hühnerauge getreten, und zog sich schleunigst in den dunkelsten Winkel seiner Equipage zurück, in den er sich fast mit einem Angstgefühl hineindrückte. Die Ursache seines Schrecks war nichts anderes, als daß er plötzlich zwei junge Beamte erblickt hatte, die seine Kollegen waren. Zum Unglück hatten diese auch ihn erblickt und, wie es Herrn Goljädkin schien, in höchster Verwunderung angestarrt: als trauten sie ihren Augen nicht, ihren Kollegen in einem solchen Aufzuge zu sehen. Der eine von ihnen hatte sogar mit dem Finger nach ihm gewiesen. Ja, es schien Herrn Goljädkin, daß der andere ihn laut beim Namen angerufen habe, was doch auf der Straße entschieden unzulässig war. Doch unser Held versteckte sich und tat, als hätte er nichts gehört.

„Diese dummen Jungen!“ dachte er statt dessen bei sich selbst, „was ist denn da für eine Veranlassung, sich zu wundern? Ein Mensch in einer Equipage! Der Betreffende mußte eben einmal in einer Equipage fahren, und da hat er sich eine gemietet! Weshalb sich da aufregen? Aber ich kenne sie ja! – grüne Jungen, die noch versohlt werden müßten! Die haben nichts als Tingeltangel im Kopf! Wie sie sich amüsieren können, das ist ihr ganzer Lebensinhalt. Ich würde ihnen mal etwas sagen, etwas ...“

Herr Goljädkin stockte und erstarrte vor Schreck: rechts neben seiner Equipage war ein ihm merkwürdig bekanntes Paar feuriger Kasaner Pferde aufgetaucht, in blitzendem Geschirr vor einem eleganten offenen Wagen, der seine Equipage alsbald überholte. Der Herr aber, der im Wagen saß, und zufällig den gerade recht unvorsichtig zum Fenster hinausschauenden Kopf Herrn Goljädkins erblickte, war allem Anscheine nach gleichfalls höchlichst erstaunt über diese Begegnung, und indem er sich so weit als möglich vorbeugte, blickte er mit dem größten Interesse gerade nach jenem Winkel der Equipage, in den sich unser Held wieder schleunigst zurückgezogen hatte.

Der Herr im offenen Wagen war Staatsrat Andrej Philippowitsch, der Chef derselben Abteilung, der Herr Goljädkin angehörte. Herr Goljädkin sah und begriff sehr wohl, daß sein hoher Vorgesetzter ihn erkannt hatte, daß er ihm starr in die Augen sah, und ein Entrinnen oder Verstecken vollkommen ausgeschlossen war, und er fühlte, wie er unter seinem Blick bis über die Ohren errötete, doch –

„Soll ich grüßen, oder soll ich nicht?“ fragte sich unser Held trotzdem unentschlossen und in unbeschreiblich qualvoller Beklemmung, „soll ich ihn erkennen oder soll ich tun, als wäre ich gar nicht ich, sondern irgendein anderer, der mir nur zum Verwechseln ähnlich sieht? – und soll ich ihn ansehen, genau so, als läge gar nichts vor? – Jawohl, ich bin einfach nicht ich – und damit basta!“ beschloß Herr Goljädkin mit stockendem Herzschlag, ohne den Hut vor Andrej Philippowitsch zu ziehen und ohne seinen Blick von ihm wegzuwenden. „Ich ... ich, ich bin eben einfach gar nicht ich,“ dachte er unter Gefühlen, als müsse er auf der Stelle vergehen, „gar nicht ich, ganz einfach, bin ein ganz anderer – und nichts weiter!“

Bald jedoch hatte der Wagen die Equipage überholt und damit war der Magnetismus, der in den Blicken des Gestrengen gelegen hatte, gebrochen. Freilich, Herr Goljädkin war immer noch feuerrot und lächelte und murmelte Unverständliches vor sich hin ...

„... Es war doch eine Dummheit von mir, nicht zu grüßen,“ sagte er sich endlich in besserer Erkenntnis, „ich hätte ganz ruhig und dreist handeln sollen, offen und anständig, – einfach: so und so, Andrej Philippowitsch, bin eben gleichfalls zu einem Diner geladen, sehen Sie!“

Und da leuchtete es ihm erst so recht ein, wie groß der Fehler war, den er begangen hatte: er wurde nochmals feuerrot, runzelte die Stirn und warf einen fürchterlichen und zugleich herausfordernden Blick nach dem Wagenwinkel ihm gegenüber, als wolle er mit diesem einen Blick auf der Stelle seine sämtlichen Feinde niederschmettern. Plötzlich aber kam ihm ein Gedanke – wie eine höhere Eingebung war es: er zog an der Schnur, die an den linken Arm des Kutschers gebunden war, ließ anhalten und befahl, nach der Liteinaja zurückzufahren. Herr Goljädkin empfand nämlich das dringende Bedürfnis, zu seiner eigenen Beruhigung etwas sehr Wichtiges seinem Arzt Krestjan Iwanowitsch mitzuteilen. Er war freilich erst seit kurzer Zeit mit ihm bekannt – er hatte ihn erst in der vergangenen Woche zum erstenmal besucht, um in irgendeiner Angelegenheit seinen Rat einzuholen, aber ... der Arzt soll doch, wie man sagt, so etwas wie ein Beichtiger des Menschen sein, dessen Pflicht es ist, seinen Patienten zu kennen.

„Wird das nun auch das Richtige sein?“ fragte sich unser Held, von gelinden Zweifeln erfaßt, indem er vor dem Portal eines fünf Stockwerke hohen Hauses an der Liteinaja, vor dem er hatte halten lassen, ausstieg, „wird das nun auch das Richtige sein? – und gut und wohl? und zur rechten Zeit?“ fuhr er auf der Treppe beim Hinaufsteigen fort, und er holte tief Atem, um das Herz, das die Angewohnheit hatte, auf fremden Treppen regelmäßig stärker zu pochen, ein wenig ausruhen zu lassen. „Aber – was? – was ist denn dabei? Ich komme doch nur in meiner eigenen Angelegenheit, dabei ist nichts Anstößiges, nichts, das zu tadeln wäre ... Es würde dumm sein, sich zu verstecken. Gerade auf diese Weise tue ich, als hätte ich nichts Besonderes ... als käme ich eben nur so im Vorüberfahren ... Da wird er sich doch sagen müssen, daß es nun einmal so ist und daß etwas anderes überhaupt nicht möglich war.“

Mit diesen Gedanken beschäftigt, stieg Herr Goljädkin zum zweiten Stockwerk empor und blieb vor einer Tür stehen, an der ein kleines Messingschild befestigt war, das die Aufschrift trug:

Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz,
Doktor der Medizin und Chirurgie.

Als unser Held stehen geblieben war, bemühte er sich zunächst, seiner Physiognomie einen anständigen, harmlos freundlichen und in etwa sogar liebenswürdigen Ausdruck zu verleihen, worauf er sich anschickte, den Klingelzug zu ziehen. Kaum aber war er im Begriff, dies zu tun, da fiel ihm plötzlich noch rechtzeitig ein, daß es vielleicht doch besser wäre, erst am nächsten Tage vorzusprechen, und daß es ja heute gar nicht so notwendig sei. Doch in diesem Augenblick vernahm er Schritte auf der Treppe, und das bewirkte wiederum, daß er sogleich seinen neuen Entschluß aufgab und so, wie es kam und kommen sollte, doch mit der entschlossensten Miene, an der Tür Krestjan Iwanowitschs die Klingel zog.