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Sämtliche Werke 14 cover

Sämtliche Werke 14

Chapter 64: II.
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About This Book

The volume gathers two early narratives: one is an epistolary story that traces the tender, reciprocal correspondence between two impoverished acquaintances, offering close psychological observation, empathy, and a critique of social inequality; the other is a short psychological tale set in an urban setting in which an ordinary man perceives an uncanny double, precipitating paranoia, identity fracture, and a descent into delusion. Together the pieces contrast intimate human warmth and social realism with darker explorations of the uncanny, fate, and the unstable self, and they showcase emerging techniques of intense inner observation and moral sympathy alongside grotesque satire.

II.

Der Doktor der Medizin und Chirurgie, Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz, ein überaus gesunder, obschon bejahrter Mann mit dichten, bereits ergrauenden Augenbrauen und ebensolchem Backenbart, einem ausdrucksvollen, funkelnden Blick, mit dem allein er dem Anscheine nach schon Krankheiten zu vertreiben vermochte, und, nicht zu vergessen, mit einem bedeutenden Orden, den er auch vormittags schon auf der Brust trug, saß an diesem Morgen wie gewöhnlich in seinem Kabinett, bequem im Stuhl zurückgelehnt, trank den Kaffee, den ihm seine Frau persönlich zu bringen pflegte, rauchte eine Zigarre und schrieb von Zeit zu Zeit Rezepte für seine Patienten. Nachdem er soeben ein solches für einen leidenden alten Herrn aufgeschrieben und diesen zur Tür geleitet hatte, setzte sich Krestjan Iwanowitsch wieder in seinen Sessel und erwartete den nächsten Leidenden. Herr Goljädkin trat ein.

Ersichtlich hatte Krestjan Iwanowitsch gerade diesen Herrn nicht im geringsten erwartet – und wie es schien, wünschte er auch gar nicht, ihn vor sich zu sehen, denn in seinem Gesicht machte sich im ersten Augenblick eine gewisse Unruhe bemerkbar, die aber schon im nächsten Augenblick einem seltsamen, man kann wohl sagen, recht unzufriedenen Ausdruck wich. Da nun Herr Goljädkin seinerseits fast immer den Mut und gewissermaßen auch sich selbst verlor, sobald er jemanden in seinen eigenen kleinen Angelegenheiten anreden mußte, so geriet er auch diesmal beim ersten Satz, der bei ihm stets im wahren Sinn des Wortes der Stein des Anstoßes war, in nicht geringe Verwirrung, murmelte irgend etwas, das wohl so etwas wie eine Entschuldigung sein sollte, und da er nun entschieden nicht mehr wußte, was weiter tun, nahm er einen Stuhl und – setzte sich. Doch kaum war das geschehen, da fiel es ihm auch schon ein, daß er unaufgefordert Platz genommen hatte, errötete ob seiner Unhöflichkeit, und beeilte sich, um seinen Verstoß gegen den guten Ton möglichst ungeschehen zu machen, sogleich wieder aufzustehen. Leider kam er erst nach dieser „Tat“ zur Besinnung und begriff trotz seiner etwas wirren Verfassung, daß er der ersten Dummheit nur eine zweite hatte folgen lassen, weshalb er sich schnell zur dritten entschloß, indem er irgend etwas wie zu seiner Rechtfertigung murmelte, dazu lächelte, verwirrt errötete, vielsagend verstummte und sich schließlich wieder hinsetzte, diesmal jedoch endgültig, worauf er sich auf alle Fälle mit einem gewissen herausfordernden Blick gleichsam sicherstellte, der die ungeheure Macht besaß, sämtliche Feinde Herrn Goljädkins im Geiste niederzuschmettern und zu vernichten. Überdies drückte besagter Blick die vollkommene Unabhängigkeit Herrn Goljädkins aus, d. h. er gab deutlich zu verstehen, daß Herr Goljädkin niemanden etwas anzugehen wünsche und daß er wie alle Menschen ein Mensch für sich sei.

Krestjan Iwanowitsch räusperte sich, hustete – beides offenbar zum Zeichen seines Einverständnisses und des Beifalls, den er dem gewählten Standpunkt zollte – und richtete seinen Inspektorenblick fragend auf Herrn Goljädkin.

„Ich bin, wie Sie sehen, Krestjan Iwanowitsch,“ begann Herr Goljädkin mit einem Lächeln, „bin gekommen, um Sie nochmals mit meinem Besuch zu belästigen ... wage es, Sie nochmals um Ihre Nachsicht zu bitten ...“

Herrn Goljädkin fiel es offenbar schwer, sich kurz und bündig auszudrücken.

„Hm ... ja!“ äußerte sich dazu Krestjan Iwanowitsch, indem er langsam den Rauch ausstieß und die Zigarre auf den Tisch legte, „aber Sie müssen die Vorschriften befolgen, anders geht es nicht! Ich habe Ihnen doch erklärt, daß Ihre Behandlung in einer Veränderung der Lebensweise bestehen muß ... Also etwa Zerstreuungen, sagen wir, etwa Besuche bei Freunden ... außerdem dürfen Sie auch der Flasche nicht feind sein ... fröhliche Gesellschaft sollten Sie nicht meiden ...“

Hier machte Herr Goljädkin, der immer noch lächelte, schnell die Bemerkung, daß er, wie er annehme, ganz ebenso lebe, wie alle, daß er seine eigene Wohnung habe und dieselben Zerstreuungen, wie die anderen ... daß er natürlich auch noch das Theater besuchen könne, zumal er ja gleichfalls, ganz wie alle anderen, die Mittel dazu habe, daß er tagsüber im Amte sei, abends aber bei sich zu Hause ... ja, er deutete flüchtig an, daß es ihm, wie ihm scheine, nicht schlechter ginge als anderen, daß er, wie gesagt, seine eigene Wohnung habe, und auch noch den Petruschka. Hier stockte Herr Goljädkin plötzlich.

„Hm! nein, diese Lebensweise ist es nicht, aber ich wollte Sie etwas anderes fragen. Ich möchte ganz im allgemeinen nur wissen, ob Sie gern in munterer Gesellschaft sind, ob Sie die Zeit lustig verbringen ... Nun, etwa, ob Sie jetzt ein melancholisches oder ein heiteres Leben führen?“

„Ich ... Herr Doktor ...“

„Hm! ... ich sage Ihnen,“ unterbrach ihn der Doktor, „daß Sie ein von Grund aus verändertes Leben führen und in gewissem Sinne auch Ihren Charakter von Grund aus verändern müssen.“ – Krestjan Iwanowitsch betonte das „von Grund aus“ ganz besonders, worauf er, um der größeren Wirkung willen, eine kleine Pause folgen ließ, nach der er eindringlich fortfuhr: „Sie dürfen der Geselligkeit nicht aus dem Wege gehen, Sie müssen das Theater und den Klub besuchen, und vor allem geistigen Getränken nicht abhold sein. Zu Hause zu sitzen, ist nicht ratsam ... oder vielmehr – Sie dürfen überhaupt nicht zu Hause sitzen.“

„Aber, Krestjan Iwanowitsch – ich liebe doch die Stille,“ wandte Herr Goljädkin ein, indem er den Doktor bedeutsam ansah und offenbar nach Worten suchte, die seine Gedanken am besten hätten ausdrücken können, „in meiner Wohnung sind nur ich und Petruschka ... das heißt, mein Diener, Herr Doktor. Ich will damit sagen, Krestjan Iwanowitsch, daß ich meinen eigenen Weg gehe, und ganz für mich lebe, Herr Doktor. Wirklich: ich lebe ganz für mich, und wie mir scheint, bin ich von niemandem abhängig. Gewiß: ich gehe zuweilen spazieren ...“

„Was? ... Ja, so! Nun, jetzt bereitet das Spazierengehen einem gerade kein Vergnügen: das Wetter ist nicht danach.“

„Ja, das allerdings nicht, Herr Doktor. Aber sehen Sie, Krestjan Iwanowitsch, ich bin ein stiller Mensch, wie ich Ihnen bereits mitzuteilen, glaube ich, die Ehre hatte, und mein Weg führt mich nicht mit anderen zusammen. Der allgemeine Lebensweg ist breit, Krestjan Iwanowitsch ... Ich will ... ich will damit nur sagen ... Entschuldigen Sie, ich bin kein Meister in der Redekunst, Krestjan Iwanowitsch ...“

„Hm! ... Sie sagen ...“

„Ich sage oder bitte vielmehr, mich zu entschuldigen, Krestjan Iwanowitsch, da ich kein Meister in der Redekunst bin,“ versetzte Herr Goljädkin in halbwegs gekränktem Tone, doch merklich verwirrt und unsicher. „In dieser Beziehung bin ich ... bin ich, wie gesagt, nicht so wie andere,“ fuhr er mit einem eigentümlichen Lächeln fort, „ich verstehe nicht logisch zu reden ... ebensowenig wie der Rede Schönheit zu verleihen ... das habe ich nicht gelernt. Dafür aber, Krestjan Iwanowitsch, handle ich: ja, dafür handle ich, Krestjan Iwanowitsch.“

„Hm! ... Wie denn ... wie handeln Sie denn?“ forschte Krestjan Iwanowitsch. Darauf folgte beiderseitiges Schweigen. Der Arzt blickte etwas seltsam und mißtrauisch Herrn Goljädkin an, der auch seinerseits heimlich einen recht mißtrauischen Blick auf ihn warf.

„Ich ... sehen Sie, Krestjan Iwanowitsch,“ fuhr Herr Goljädkin schließlich im selben Tone fort, ein wenig gereizt und zugleich verwundert über das Verhalten Krestjan Iwanowitschs, „ich liebe, wie gesagt, die Ruhe und nicht die gesellschaftliche Unruhe und den Lärm und alles das. Dort bei ihnen, sage ich, in der großen Gesellschaft, dort muß man verstehen, das Parkett mit den Stiefeln zu polieren ...“ – hierbei scharrte auch Herr Goljädkin leicht mit dem Fuß auf dem Fußboden –, „dort wird das verlangt, und auch Geist und Witz wird dort verlangt ... duftige Komplimente muß man dort zu sagen verstehen ... sehen Sie, so etwas wird dort verlangt! Ich aber habe das alles nicht gelernt, sehen Sie, alle diese Kniffe sind mir fremd, ich habe keine Zeit gehabt, so etwas zu lernen. Ich bin ein einfacher Mensch, bin nicht erfinderisch, es ist auch nichts äußerlich Bestechendes an mir. Damit strecke ich die Waffen, Krestjan Iwanowitsch; ich strecke sie einfach, das heißt, ich lege sie hin ... indem ich in diesem Sinne rede.“

Alles dies brachte unser Held mit einer Miene vor, die deutlich zu erkennen gab, daß er es nicht im geringsten bedauere, daß er „in diesem Sinne“ die Waffen strecke und „jene Kniffe“ nicht gelernt habe, – vielmehr ganz im Gegenteil!

Krestjan Iwanowitsch sah, während er zuhörte, mit einem sehr unangenehmen Gesichtsausdruck zu Boden und schien schon einiges vorauszusehen oder vielleicht auch nur zu ahnen.

Der langen Rede Herrn Goljädkins folgte ein ziemlich langes und bedeutsames Schweigen.

„Sie sind, glaube ich, ein wenig vom Thema abgekommen,“ sagte schließlich Krestjan Iwanowitsch halblaut, „ich habe Sie, offen gesagt, nicht ganz verstanden.“

„Ich bin, wie gesagt, kein Meister in der Redekunst, Krestjan Iwanowitsch ... ich hatte bereits die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß ich im Schönreden kein Meister bin,“ versetzte Herr Goljädkin diesmal in scharfem und energischem Tone.

„Hm! ...“

„Krestjan Iwanowitsch!“ fuhr darauf unser Held etwas stiller fort, doch mit einer vielsagenden Klangfarbe in seiner Stimme, die etwas feierlich anmutete, welchen Eindruck er dadurch noch verstärkte, daß er nach jedem Satz eine kleine Kunstpause machte. „Krestjan Iwanowitsch! als ich hier eintrat, begann ich mit Entschuldigungen. Jetzt wiederhole ich es und bitte Sie nochmals um Nachsicht für eine kurze Zeit. Ich habe vor Ihnen, Krestjan Iwanowitsch, nichts zu verbergen. Ich bin ein kleiner Mensch, wie Sie wissen. Doch zu meinem Glück tut es mir nicht leid, daß ich ein kleiner Mensch bin. Sogar im Gegenteil, Krestjan Iwanowitsch: ich bin sogar stolz darauf, daß ich kein großer, sondern nur ein kleiner Mensch bin. Ich bin kein Ränkeschmied, – und auch darauf bin ich stolz. Ich tue nichts heimlich und hinterrücks, sondern offen und ohne alle Berechnung, und obschon auch ich meinerseits jemandem schaden könnte, und das sogar sehr, und obschon ich sogar weiß, wem und wie, das heißt, wem ich schaden könnte und wie das anzustellen wäre, so will ich mich mit solchen Sachen doch nicht befassen und wasche lieber in dieser Beziehung meine Hände in Unschuld. Ja, in dieser Beziehung wasche ich sie, Krestjan Iwanowitsch – in diesem Sinne!“

Herr Goljädkin verstummte für einen Augenblick sehr ausdrucksvoll. Er hatte mit bescheidenem Stolz gesprochen.

„Ich pflege, wie ich Ihnen, Krestjan Iwanowitsch, bereits sagte,“ fuhr er fort, „ich pflege offen, ohne Umschweife und Umwege vorzugehen: ich verachte Umwege und überlasse sie anderen. Ich bemühe mich nicht, jene zu erniedrigen, die vielleicht reiner sind als wir beide ... das heißt, ich wollte sagen, als unsereiner, Krestjan Iwanowitsch, als unsereiner, und nicht, als wir beide. Ich liebe keine halben Worte, elende Heuchelei und Falschheit mag ich nicht, Verleumdung und Klatsch verachte ich. Eine Maske trage ich nur, wenn ich mich maskiere, gehe aber nicht tagtäglich mit einer solchen unter die Menschen. Jetzt frage ich Sie nur, Krestjan Iwanowitsch, wie Sie sich an Ihrem Feinde rächen würden, an Ihrem ärgsten Feinde – an dem, den Sie für einen solchen hielten?“ schloß Herr Goljädkin plötzlich mit einem herausfordernden Blick auf Krestjan Iwanowitsch.

Herr Goljädkin hatte zwar jedes Wort so deutlich ausgesprochen, wie man es deutlicher nicht hätte aussprechen können: ruhig, klar, verständlich und mit Überzeugung, indem er von vornherein des größten Eindrucks gewiß war – doch blickte er jetzt nichtsdestoweniger mit Unruhe, mit großer Unruhe, sogar mit äußerst großer Unruhe Krestjan Iwanowitsch an. Der ganze Mensch war nur noch Blick und erwartete fast schüchtern in peinigender Ungeduld die Antwort Krestjan Iwanowitschs. Doch wer beschreibt die Verwunderung und Überraschung Herrn Goljädkins, als er sehen mußte, daß Krestjan Iwanowitsch statt dessen nur etwas in den Bart murmelte, dann seinen Stuhl näher an den Tisch rückte und endlich ziemlich trocken, doch noch ganz höflich erklärte, daß seine Zeit sehr knapp bemessen sei und er ihn nicht ganz verstehe: übrigens sei er ja gern bereit, zu tun, was in seinen Kräften stünde, doch alles übrige, was nicht zur Sache gehöre, gehe ihn nichts an. Damit griff er zur Feder, nahm ein Blatt Papier, schnitt einen Zettel für das Rezept zurecht und sagte, daß er sogleich aufschreiben werde, was nottue.

„Nein, es tut nichts not, Krestjan Iwanowitsch! Nein, wirklich, glauben Sie mir, es tut hier gar nichts not!“ versicherte Herr Goljädkin, der plötzlich vom Stuhl aufstand und Krestjan Iwanowitschs rechte Hand ergriff. „Nein, Krestjan Iwanowitsch, hier tut gar nichts not ...“

Doch während er das noch sprach, ging bereits eine seltsame Veränderung in ihm vor. Seine grauen Augen blitzten eigentümlich, seine Lippen bebten und alle Muskeln seines Gesichts begannen zu zucken und sich zu bewegen. Er erzitterte am ganzen Körper. Nachdem er im ersten Augenblick Krestjan Iwanowitschs Hand erfaßt und festgehalten hatte, stand er jetzt unbeweglich, als traue er sich selbst nicht und erwarte eine Eingebung, die ihm sagte, was er nun weiter tun solle.

Doch da geschah etwas ganz Unerwartetes.

Krestjan Iwanowitsch saß zunächst etwas verdutzt auf seinem Platz und sah Herrn Goljädkin sprachlos mit großen Augen an, ganz wie jener auch ihn ansah. Dann stand er langsam auf und faßte Herrn Goljädkin am Rockaufschlag. So standen sie eine ganze Weile regungslos, ohne einen Blick voneinander abzuwenden. Goljädkins Lippen und Kinn begannen zu zittern, und plötzlich brach unser Held in Tränen aus. Schluchzend, schluckend nickte er mit dem Kopf, schlug sich mit der Hand vor die Brust und erfaßte mit der linken Hand gleichfalls den Rockaufschlag Krestjan Iwanowitschs: er wollte irgend etwas sprechen, erklären, vermochte aber kein Wort hervorzubringen. Da besann sich Krestjan Iwanowitsch, schüttelte seine Verwunderung ab und nahm sich zusammen.

„Beruhigen Sie sich, regen Sie sich nicht auf, setzen Sie sich!“ sagte er, und versuchte, ihn auf den Stuhl zu drücken.

„Ich habe Feinde, Krestjan Iwanowitsch, ich habe Feinde ... ich habe gehässige Feinde, die sich verschworen haben, mich zugrunde zu richten ...“ beteuerte Herr Goljädkin, ängstlich flüsternd.

„Oh, das wird nicht so schlimm sein mit Ihren Feinden! Denken Sie nicht an so etwas! Das ist ganz überflüssig. Setzen Sie sich, setzen Sie sich nur ruhig hin,“ fuhr Krestjan Iwanowitsch fort, und es gelang ihm auch, Herrn Goljädkin zum Sitzen zu bringen: er setzte sich endlich, verwandte aber keinen Blick von Krestjan Iwanowitsch. Diesem schien das jedoch nicht zu behagen: er wandte sich bald von ihm fort und begann, in seinem Kabinett auf und ab zu schreiten. Sie schwiegen beide eine lange Zeit.

„Ich danke Ihnen, Krestjan Iwanowitsch,“ brach endlich Herr Goljädkin das Schweigen, indem er sich mit gekränkter Miene vom Stuhl erhob, „ich bin Ihnen sehr dankbar und weiß es zu schätzen, was Sie für mich getan haben. Ich werde Ihre Freundlichkeit bis zum Tode nicht vergessen.“

„Schon gut! Bleiben Sie nur sitzen!“ antwortete Krestjan Iwanowitsch in ziemlich strengem Tone auf den Ausfall Herrn Goljädkins, den er hierdurch zum zweitenmal zum Sitzen brachte.

„Nun, was haben Sie denn? Erzählen Sie mir doch, was Sie dort Unangenehmes vorhaben,“ fuhr Krestjan Iwanowitsch fort, „und was sind denn das für Feinde, von denen Sie sprachen? Um was handelt es sich denn, erzählen Sie mir doch!“

„Nein, Krestjan Iwanowitsch, davon wollen wir jetzt lieber nicht reden,“ lenkte Herr Goljädkin gesenkten Blickes ab, „das wollen wir vorläufig bleiben lassen ... bis zu einer gelegeneren Zeit ... bis zu einer besseren Zeit, Krestjan Iwanowitsch, bis zu einer bequemeren Zeit, wenn alles bereits zutage getreten, die Maske von gewissen Gesichtern abgerissen und dann, wie gesagt, gar manches aufgedeckt sein wird. Jetzt aber – das heißt vorläufig ... und nach dem, was hier vorgefallen ist ... werden Sie doch selbst zugeben, Krestjan Iwanowitsch ... Gestatten Sie, Ihnen einen Guten Morgen zu wünschen.“ – Und damit griff Herr Goljädkin plötzlich entschlossen nach seinem Hut.

„Tja, nun ... wie Sie wollen ... hm ...“

Es folgte ein kurzes Schweigen.

„Ich meinerseits, das wissen Sie, würde ja gern tun, was in meinen Kräften steht ... und ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute ...“

„Ich verstehe Sie, Krestjan Iwanowitsch, ich verstehe Sie: ich verstehe Sie jetzt vollkommen. Jedenfalls bitte ich um Entschuldigung, daß ich Sie belästigt habe.“

„Hm ... nein, ich wollte Ihnen nicht das sagen. Übrigens – wie Sie wollen. Was die Medikamente betrifft, so können Sie fortfahren, dieselben zu nehmen ...“

„Das werde ich, wie Sie sagen, Krestjan Iwanowitsch, das werde ich, – dieselben Medikamente und aus derselben Apotheke ... Heutzutage ist Apotheker sein schon eine große Sache, Krestjan Iwanowitsch ...“

„Was? In welch einem Sinne wollen Sie das gesagt haben?“

„In einem ganz gewöhnlichen Sinne, Krestjan Iwanowitsch. Ich will nur sagen, daß die Welt heutzutage so ist ...“

„Hm ...“

„Und daß jetzt ein jeder Bengel, nicht nur ein Apothekerbengel, vor einem anständigen Menschen die Nase hoch trägt.“

„Hm! Wie meinen Sie denn das?“

„Ich rede von einem bestimmten Menschen, Krestjan Iwanowitsch ... von unserem gemeinsamen Bekannten ... sagen wir zum Beispiel – nun, meinetwegen von Wladimir Ssemjonowitsch ...“

„Ah! ...“

„Ja, Krestjan Iwanowitsch: auch ich kenne einige Menschen, denen an der öffentlichen Meinung nicht gar so viel gelegen ist, um nicht mitunter die Wahrheit zu sagen.“

„Ah! ... Und wie denn das?“

„Ja so. Doch das ist nebensächlich! Ich meine nur: sie verstehen zuweilen, so ein Bonbon mit Füllung zu verabreichen.“

„Was? ... Was zu verabreichen?“

„Ein Bonbon mit Füllung, Krestjan Iwanowitsch: das ist so eine russische Redensart. Sie verstehen zum Beispiel, zur rechten Zeit jemandem zu gratulieren, – es gibt solche Leute, Krestjan Iwanowitsch.“

„Zu gratulieren, sagen Sie?“

„Zu gratulieren, Krestjan Iwanowitsch, wie es vor einigen Tagen einer meiner näheren Bekannten tat! ...“

„Einer Ihrer näheren Bekannten ... hm! ja aber wie denn das?“ forschte Krestjan Iwanowitsch, der Herrn Goljädkin jetzt aufmerksam beobachtete.

„Ja, einer meiner näheren Bekannten gratulierte einem anderen gleichfalls sehr nahen Bekannten und sogar Freunde zum Assessor, zu dem er neuerdings ernannt worden war. Und da sagte er denn wörtlich: ‚Freue mich aufrichtig, Wladimir Ssemjonowitsch, Ihnen zum Assessor gratulieren zu können, empfangen Sie meinen aufrichtigen Glückwunsch. Ich freue mich um so mehr über diesen Fall, als es heutzutage bekanntlich keine Klatschbasen mehr gibt‘.“ – Und Herr Goljädkin nickte listig mit dem Kopf und blickte blinzelnd zu Krestjan Iwanowitsch hinüber ...

„Hm. Gesagt hat das also ...“

„Gesagt, gewiß gesagt, Krestjan Iwanowitsch, und indem er es sagte, blickte er noch zu Andrej Philippowitsch hinüber, der nämlich der Onkel unseres Nesthäkchens Wladimir Ssemjonowitsch ist. Aber was geht das mich an, daß er zum Assessor aufrückte? Was schert das mich? Nur – sehen Sie, er will doch heiraten, er, dem die Lippen noch nicht trocken von der Kindermilch geworden sind. Das sagte ich ihm denn auch. Ganz einfach sagte ich es ihm. Doch – jetzt habe ich Ihnen wirklich alles erzählt. Gestatten Sie daher, daß ich aufbreche und mich entferne.“

„Hm ...“

„Ja, Krestjan Iwanowitsch, erlauben Sie mir jetzt, wiederhole ich, mich zu entfernen. Doch hier – um gleich zwei Sperlinge mit einem Stein zu treffen – nachdem ich den Jüngling mit den Klatschbasen so aufs Trockene gesetzt hatte, wandte ich mich an Klara Olssuphjewna – die ganze Sache spielte sich vorgestern bei Olssuph Iwanowitsch ab –, sie aber hatte gerade eine gefühlvolle Romanze gesungen, – da sagte ich ihr ungefähr: ‚Ja, eine gefühlvolle Romanze haben Sie gesungen, nur hört man Ihnen nicht reinen Herzens zu.‘ Und damit spielte ich, verstehen Sie, spielte ich deutlich darauf an, daß man eigentlich nicht – sie im Auge hat, sondern weiter blickt ...“

„Ah! Nun und was tat er?“

„Er biß in die Zitrone, Krestjan Iwanowitsch, wie man zu sagen pflegt, sogar ohne die Miene zu verziehen.“

„Hm ...“

„Ja, Krestjan Iwanowitsch. Auch dem Alten sagte ich ungefähr: ‚Olssuph Iwanowitsch, ich weiß, was ich Ihnen schuldig bin,‘ sagte ich, ‚ich weiß die Wohltaten, die Sie mir fast von Kindesbeinen an erwiesen haben, zu schätzen. Aber öffnen Sie jetzt die Augen, Olssuph Iwanowitsch,‘ sagte ich. ‚Schauen Sie mit offenen Augen um sich. Ich selbst gehe offen und ehrlich vor, Olssuph Iwanowitsch.‘“

„Ah, also so!“

„Ja, Krestjan Iwanowitsch, so ist es ...“

„Nun, und er?“

„Ja, was sollte er, Krestjan Iwanowitsch? Brummte da etwas: dies und jenes, ich kenne dich, Se. Exzellenz sei ein guter Mensch – und so weiter, und so weiter – verbreitete sich ausführlich darüber ... Aber was hilft das! Er ist eben, wie man sagt, schon etwas altersschwach geworden.“

„Hm! Also so steht es jetzt!“

„Ja, Krestjan Iwanowitsch. Und alle sind wir doch so – was rede ich vom Alten! – Der ist wohl schon mit einem Bein im Grabe, wie man zu sagen pflegt. Es braucht da nur irgendeine Weiberklatschgeschichte in Umlauf gebracht zu werden, so ist auch er gleich mit beiden Ohren dabei. Anders geht es nicht ...“

„Klatschgeschichten, sagen Sie?“

„Ja, Krestjan Iwanowitsch, sie haben eine Klatschgeschichte in Umlauf gebracht. Beteiligt haben sich daran außer anderen unser Bär und dessen Neffe, unser Nesthäkchen: Erst haben sie sich mit alten Weibern zusammengetan und dann die Sache ausgeheckt. Was glauben Sie wohl, was sie ersonnen haben – um einen Menschen zu töten?“

„Zu töten?“

„Ja, Krestjan Iwanowitsch, um einen Menschen zu töten, um ihn moralisch zu töten. Sie haben das Gerücht verbreitet ... ich rede immer von einem nahen Bekannten ...“

Krestjan Iwanowitsch nickte mit dem Kopf.

„Sie haben über ihn das Gerücht verbreitet ... Offen gestanden, Krestjan Iwanowitsch, ich schäme mich fast, so etwas nur auszusprechen!“

„Hm ...“

„Das Gerücht verbreitet, sage ich, daß er sich bereits schriftlich verpflichtet habe, zu heiraten: daß er bereits der Bräutigam einer anderen sei ... Und was glauben Sie wohl, Krestjan Iwanowitsch, der Bräutigam wessen?“

„Nun?“

„Der Bräutigam einer Köchin, einer Deutschen, die ihn beköstigt: und anstatt seine Schuld für das Essen zu bezahlen, habe er um ihre Hand angehalten!“

„Das haben sie also verbreitet?“

„Können Sie es glauben, Krestjan Iwanowitsch? Eine Deutsche, eine gemeine, schamlose, unverschämte Person, die Karolina Iwanowna heißt, wenn Sie es wissen wollen ...“

„Ich gestehe, daß ich meinerseits ...“

„Ich verstehe, Krestjan Iwanowitsch, ich verstehe Sie, und fühle auch meinerseits ...“

„Sagen Sie, bitte, wo wohnen Sie jetzt?“

„Wo ich jetzt wohne, fragen Sie?“

„Ja ... ich will ... Sie lebten doch früher, glaube ich ...“

„Gewiß, Krestjan Iwanowitsch, gewiß lebte ich, gewiß lebte ich auch früher, wie sollte ich nicht!“ unterbrach ihn schnell Herr Goljädkin mit einem leisen Lachen, nachdem er mit seiner Antwort Krestjan Iwanowitsch ein wenig stutzig gemacht hatte.

„Nein, Sie haben mich falsch verstanden; ich wollte meinerseits ...“

„Ich wollte gleichfalls, Krestjan Iwanowitsch, ich wollte gleichfalls meinerseits!“ fuhr Herr Goljädkin lachend fort. „Aber ich, verzeihen Sie, Krestjan Iwanowitsch, ich halte Sie ja schon unverantwortlich lange auf. Sie werden mir, hoffe ich, jetzt gestatten ... Ihnen einen Guten Morgen zu wünschen ...“

„Hm ...“

„Ja, Krestjan Iwanowitsch, ich verstehe Sie, ich verstehe Sie jetzt vollkommen,“ versetzte unser Held ein wenig geziert. „Also, wie gesagt, gestatten Sie, Ihnen einen Guten Morgen zu wünschen ...“

Damit verbeugte sich unser Held und verließ das Zimmer, begleitet von den Blicken Krestjan Iwanowitschs, der ihm in höchster Verwunderung nachsah.

Während Herr Goljädkin die Treppe hinabstieg, schmunzelte er und rieb sich froh die Hände. Draußen angelangt, atmete er tief die frische Luft ein, und da er sich jetzt wieder frei fühlte, war er fast bereit, sich für den glücklichsten Sterblichen zu halten, mit welchen Gefühlen er schon den Weg zu seinem Departement einschlagen wollte, – als plötzlich eine Equipage ratternd vorfuhr und vor dem Portal hielt: er starrte sie zunächst unverständlich an, doch plötzlich fiel ihm alles wieder ein. Petruschka riß bereits den Wagenschlag auf.

Ein seltsames und höchst unangenehmes Gefühl erfaßte den ganzen Herrn Goljädkin. Für einen Augenblick schien er wieder zu erröten. Wie ein Stich traf es ihn.

Im Begriff, den Fuß auf den Wagentritt zu setzen, wandte er sich plötzlich um und sah hinauf zu den Fenstern Krestjan Iwanowitschs. Richtig! Dort stand Krestjan Iwanowitsch am Fenster, strich sich mit der Rechten seinen Backenbart und blickte neugierig und aufmerksam unserem Helden nach.

„Dieser Doktor ist dumm,“ dachte Herr Goljädkin, indem er einstieg, „äußerst dumm. Es ist ja möglich, daß er seine Kranken ganz gut kuriert, aber immerhin ... er selbst ist unglaublich dumm.“

Herr Goljädkin setzte sich, Petruschka rief: „Fahr zu!“ und die Equipage rollte davon, wieder geradeaus zum Newskij Prospekt.