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Sämtliche Werke 14 cover

Sämtliche Werke 14

Chapter 72: X.
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About This Book

The volume gathers two early narratives: one is an epistolary story that traces the tender, reciprocal correspondence between two impoverished acquaintances, offering close psychological observation, empathy, and a critique of social inequality; the other is a short psychological tale set in an urban setting in which an ordinary man perceives an uncanny double, precipitating paranoia, identity fracture, and a descent into delusion. Together the pieces contrast intimate human warmth and social realism with darker explorations of the uncanny, fate, and the unstable self, and they showcase emerging techniques of intense inner observation and moral sympathy alongside grotesque satire.

X.

Man kann sagen, daß die Erlebnisse des gestrigen Tages Herrn Goljädkin bis auf den Grund seines Seins erschüttert hatten. Unser Held schlief sehr schlecht, das heißt, er konnte nicht einmal auf fünf Minuten wirklich einschlafen. Es war ihm, als hätte irgendein mutwilliger Schelm ihm geschnittene Schweineborsten ins Bett gestreut. Die ganze Nacht verbrachte er im Halbschlaf und drehte sich fortgesetzt von der einen Seite auf die andere. Schlief er einmal – stöhnend, ächzend – auf einen Augenblick ein, so erwachte er im nächsten sofort wieder, und alles das war begleitet von einem seltsamen Gefühl der Trauer, unklaren Erinnerungen und widerlichen Traumgesichtern, mit einem Wort von allem, was es nur an Unangenehmem geben kann ... So erschien ihm in rätselhaftem Halbdunkel die Gestalt Andrej Philippowitschs, eine trockene Erscheinung, mit bösem Blick und gefühllos höflicher Sprechweise ... Als aber Herr Goljädkin die Absicht zeigte, auf Andrej Philippowitsch zuzugehen, um sich auf seine Weise zu rechtfertigen, „so oder so,“ sich jedenfalls zu rechtfertigen und ihm zu beweisen, daß er durchaus nicht so sei, wie seine Feinde ihn schilderten, daß er vielmehr ein ganz anderer sei, und außer seinen gewöhnlichen ihm angeborenen Fähigkeiten noch diese und jene besitze – da erschien plötzlich eine ihm durch ihre übelwollende Gesinnung nur zu bekannte Person und durch ein empörendes Mittel wurden auf einmal alle Bemühungen des Herrn Goljädkin vereitelt, und Herr Goljädkin sah vor seinen eigenen Augen seine Würde und seine Ansprüche auf Beachtung endgültig in den Schmutz gezogen, während diese Person seine, jawohl, seine Stellung im Dienst wie in der Gesellschaft einnahm. Dann wieder ging Herr Goljädkin die Empfindung eines Nasenstübers durch den Kopf, den er vor kurzem erhalten und demütig hingenommen hatte: war es nun im gewöhnlichen Leben oder in dienstlicher Angelegenheit gewesen – jedenfalls war es unmöglich, gegen diesen Nasenstüber sich zu wehren und ihn abzulehnen oder zu leugnen ... Während aber Herr Goljädkin sich noch den Kopf darüber zerbrach, warum es denn so unmöglich war, sich gegen diesen Nasenstüber zu wehren – ging der Nasenstüber unmerklich in eine andere Form über – in die Form einer ziemlich bekannten, kleinen, aber doch bedeutenden Nichtsnutzigkeit, die er gesehen oder gehört oder selbst unlängst vollbracht hatte, und zwar nicht etwa aus schlechter Absicht oder aus einem gemeinen Antrieb, sondern so – nun, so – aus Zufall, aus Zartgefühl ... vielleicht auch aus seiner vollkommenen Hilflosigkeit heraus, und schließlich, weil ... weil, nun, Herr Goljädkin wußte sehr gut, warum!

Dabei errötete Herr Goljädkin sogar im Traum, und weil er sich beherrschen wollte, murmelte er vor sich hin, daß man, zum Beispiel, jetzt Charakterfestigkeit zeigen müsse ... Es kam nur darauf an, was Charakterfestigkeit eigentlich sei ... und wie man sie auffassen solle.

Doch mehr als alles andere, reizte es Herrn Goljädkin und versetzte ihn in Wut, daß gerade in diesem Augenblick, gerufen oder ungerufen, die Person auftauchte, die ihm in ihrer fast karikaturenhaften Abscheulichkeit nur zu bekannt war, und ihm, obwohl ihm damit gar nichts Neues, sondern nur zu Bekanntes gesagt wurde, mit einem bösartigen Lächeln zuflüsterte: „Wozu denn Charakterfestigkeit! Und welche Charakterfestigkeit hätten wir beide, Jakoff Petrowitsch, wohl aufzuweisen! ...“

Dann träumte Herrn Goljädkin wiederum, daß er sich in einer prächtigen Gesellschaft befände, die sich durch Geist und den vornehmen Ton aller anwesenden Personen auszeichnete: daß er, Goljädkin, sich seinerseits durch Liebenswürdigkeit und Scharfsinn auszeichnete, daß alle ihn liebten, sogar einige seiner Feinde, die zugegen waren, sich ihm zugetan zeigten, was Herr Goljädkin sehr angenehm empfand, daß ihm alle den Vorzug gaben und er selbst, Goljädkin, mit Vergnügen anhören durfte, wie der Wirt einen seiner Gäste beiseite führte, um ihm Lobenswertes über Herrn Goljädkin zu sagen ... Doch plötzlich, mir nichts dir nichts, erschien wieder dasselbe mißvergnügte und mit wahrhaft tierischen Zügen begabte Gesicht des Herrn Goljädkin junior und zerstörte den ganzen Triumph und den Ruhm des Herrn Goljädkin senior, verdunkelte seine glänzende gesellschaftliche Erscheinung, trat ihn abermals in den Schmutz und bewies allen klar, daß Herr Goljädkin der Ältere, daß der wirkliche Goljädkin – gar nicht der wirkliche sei, sondern ein nachgemachter, während er, er selbst, der wirkliche wäre ... Herr Goljädkin der Ältere aber, der sei, sagte er, durchaus nicht derjenige, als der er erscheine, sondern bald dieser, bald jener: und folglich habe er auch gar nicht das Recht, zu der Gesellschaft so trefflicher Leute von gutem Ton zu gehören!

Und alles das geschah so schnell, daß Herr Goljädkin der Ältere vor Erstaunen nicht einmal den Mund zu öffnen vermochte – daß er nur noch zusehen konnte, wie sich schon alle mit Leib und Seele dem abscheulichen und falschen Herrn Goljädkin hingegeben hatten und sich mit der tiefsten Verachtung von ihm, dem wahren und so unschuldigen Herrn Goljädkin, abwandten. Es gab keine Person mehr, bis auf die unbedeutendste der ganzen Gesellschaft, bei der sich nicht Herr Goljädkin, der falsche, mit seinen süßen Manieren und auf seine geschmeidige Art eingeschmeichelt hätte und vor denen er nicht, seiner Gewohnheit gemäß, Weihrauch ausstreute, angenehmen und süßduftenden Weihrauch, so daß die auf diese Weise angeräucherten Personen bis zu Tränen niesen mußten – zum Zeichen ihres höchsten Vergnügens.

Und was die Hauptsache war – alles das geschah in einem Augenblick: die Geschwindigkeit des Vorgangs war erstaunlich! Kaum gelang es dem falschen Herrn Goljädkin, sich dem einen zu nähern, als es ihm auch schon gelang, das Wohlwollen des andern zu gewinnen – und im selben Augenblick stand er auch schon bei dem dritten. Er schmeichelte hin, schmeichelte her, schmeichelte sich im stillen ein, entriß jedem ein Lächeln des Wohlwollens und kratzte vor ihm mit seinen kurzen, runden, übrigens recht steifen Beinchen – und siehe da, schon machte er einem Neuen den Hof und schloß mit ihm Freundschaft. Den Mund konnte man kaum öffnen, nicht aus dem Erstaunen heraus konnte man kommen, und er war schon bei einem vierten, und mit diesem vierten in denselben Beziehungen! Fabelhaft: einfach Zauberei schien es zu sein! Und alle waren sie entzückt von ihm und alle liebten ihn und bemühten sich um ihn. Alle wiederholten im Chor, daß seine Liebenswürdigkeit und sein blitzender Humor unvergleichlich höher stände, als die Liebenswürdigkeit und der Geist des anderen Herrn Goljädkin, und beschämten dadurch diesen wirklichen und unschuldigen Herrn Goljädkin und wandten sich von dem wahren Herrn Goljädkin ab, und jagten den wohlgesinnten Herrn Goljädkin, den durch seine Nächstenliebe bekannten echten Herrn Goljädkin mit Puffern und Nasenstübern einfach hinaus! ...

Außer sich, voll Schreck und Kummer, lief der bemitleidenswerte Herr Goljädkin auf die Straße und wollte sich eine Droschke nehmen, um geradewegs zu seiner Exzellenz zu fliehen, und wenn nicht zu ihm, dann doch wenigstens zu Andrej Philippowitsch, aber o Schrecken! Der Droschkenkutscher weigerte sich, Herrn Goljädkin aufzunehmen, „wie, Herr, kann man einen Menschen doppelt fahren? Ew. Wohlgeboren, ein guter Mensch bemüht sich, in Ehrbarkeit zu leben, aber nicht so wie Sie – nicht ... irgendwie – doppelt!!“

Sprachlos vor Scham sah der doch so vollkommen ehrenwerte Herr Goljädkin sich um, und konnte sich so selbst und mit seinen eigenen Augen überzeugen, daß der Droschkenkutscher, so wie Petruschka, der offenbar mit ihm unter einer Decke steckte, im Recht waren, denn der andere, der nichtsnutzige Herr Goljädkin stand in der Tat in greifbarer Nähe neben ihm und seinen schlechten Gewohnheiten gemäß, war er auch hier, in diesem kritischen Augenblick, im Begriff, etwas sehr Gemeines zu tun, etwas, das allerdings keinen edlen Charakter bewies, wie er ihn durch Erziehung erhalten haben sollte – keinen Anstand, keine Form, keinen Takt, mit denen der widerwärtige Herr Goljädkin der Zweite doch bei jeder Gelegenheit zu prahlen pflegte.

Ohne sich zu besinnen, voll Scham und Verzweiflung floh der unglückliche und ehrenwerte Herr Goljädkin von dannen, floh, lief, wohin ihn seine Füße trugen, wohin das Schicksal ihn führen würde. Doch bei jedem Schritt, den er machte, bei jedem Aufschlag seiner Füße auf das harte Trottoir, sprang wie aus der Erde hervor, ein ebensolcher Herr Goljädkin, jener andere Herr Goljädkin, jener verworfene, ruchlose, abscheuliche Zweite. Und alle diese Ebenbilder begannen nun, kaum, daß sie erschienen, einer dem anderen nachzulaufen. In einer langen Kette, wie einer Reihe gespenstischer Wesen, zogen sie sich hinter Herrn Goljädkin dem Älteren her, so daß es ganz unmöglich war, ihnen zu entfliehen, so daß dem bedauernswerten Herrn Goljädkin der Atem stockte, so daß zuletzt eine furchtbare Anzahl solcher Ebenbilder sich ansammelte, so daß ganz Petersburg von ihnen überschwemmt war und ein Polizist, der diese Störung der öffentlichen Ruhe schließlich bemerkte, sich veranlaßt sah, alle diese Ebenbilder am Kragen zu packen, und sie auf die Wache zu führen ...

Gebannt und erstarrt vor Schrecken erwachte unser Held und gebannt und erstarrt vor Schrecken fühlte er sich auch noch im wachen Zustande nicht besser. Schwer und quälend war ihm zumute ... Er hatte ein Gefühl, als ob ihm jemand das Herz aus der Brust risse ...

Endlich konnte es Herr Goljädkin nicht länger aushalten. „Das darf nicht sein!“ rief er mit Entschlossenheit aus, und erhob sich vom Bett, woraufhin er vollständig wach wurde.

Der Tag hatte augenscheinlich längst begonnen. Im Zimmer war es ganz außergewöhnlich hell. Die Sonnenstrahlen drangen durch die gefrorenen Fensterscheiben und zerstreuten sich verschwenderisch im Zimmer, was Herrn Goljädkin nicht wenig verwunderte. Denn nur zu Mittag konnte die Sonne zu ihm hineinsehen, und zu anderer Stunde war so etwas, soweit Herr Goljädkin sich erinnern konnte, nie vorgekommen. Während unser Held noch ganz verwundert darüber nachdachte, begann die Wanduhr hinter dem Vorschlag zu schnurren – was ankündigte, daß sie gleich darauf schlagen werde.

„Nun, aufgepaßt!“ dachte Herr Goljädkin und horchte auf, in gespannter Erwartung ... Doch zu seiner höchsten Verwunderung holte die Uhr aus und schlug nur ein einziges Mal. „Was ist denn das für eine Geschichte?“ rief unser Held aus und sprang jetzt endgültig aus dem Bett. Wie es schien, traute er seinen eigenen Ohren nicht und lief hinter den Verschlag. Die Uhr zeigte wirklich „eins“. Herr Goljädkin blickte auf Petruschkas Bett, doch im Zimmer war von Petruschka keine Spur zu sehen. Sein Bett war augenscheinlich schon lange gemacht, und seine Stiefel waren nirgends zu erblicken, ein unzweifelhaftes Zeichen, daß Petruschka wirklich nicht zu Hause war. Herr Goljädkin stürzte zur Tür: die Tür war verschlossen.

„Wo ist denn Petruschka?“ fuhr er flüsternd fort, in schrecklicher Erregung, an allen Gliedern zitternd. Plötzlich kam ihm ein Gedanke ... Herr Goljädkin stürzte an den Tisch, übersah ihn, suchte und – richtig: sein gestriger Brief an Wachramejeff war nicht da ... Petruschka war auch nicht im Verschlag ... die Uhr war eins ... und im gestrigen Brief von Wachramejeff waren einige Punkte, übrigens, auf den ersten Blick sehr unklare Punkte, die sich gleichwohl für ihn jetzt vollkommen aufklärten ... Also auch Petruschka war erkauft worden! Das war es!

„So, jawohl, so wird alles zu einem Knoten von Ränken und Verrat!“ rief Herr Goljädkin aus, schlug sich an die Stirn und riß immer noch mehr die Augen auf. „Also im Nest dieser abscheulichen Deutschen verbirgt sich die ganze Macht der bösen Kräfte! Sie hat mich nur höchst geschickt ablenken wollen, indem sie mich auf die Ismailoffbrücke wies, die Augen schlug sie nieder, diese nichtsnutzige Hexe, und hat auf mich in dieser Weise geheime Anschläge gemacht!!! So ist es! Wenn man die Sache von dieser Seite betrachtet, dann ist es eben so! Und die Erscheinung dieses Taugenichts ist auch darauf zurückzuführen: so gehört eines zum anderen. Sie hatten ihn schon lange vorbereitet und für den schwarzen Tag zurecht gemacht. So also ist’s, wie sich jetzt alles aufklärt! Doch wie ist das nur gekommen? Nun, tut nichts! Noch ist keine Zeit verloren! ...“

Hierbei erinnerte sich Herr Goljädkin mit Schrecken daran, daß es bereits halb zwei Uhr nachmittags sei. „Wie, wenn es ihnen inzwischen gelungen ...“ Ein Stöhnen entrang sich seiner Brust ... „Doch nein, nein, sie lügen, es gelingt ihnen nicht, – wollen doch sehen ...“ Er kleidete sich schnell irgendwie an, ergriff Papier und Feder und schrieb folgenden Brief:

„Mein geehrter Herr Jakoff Petrowitsch!

Entweder Sie oder ich, aber wir beide – ganz unmöglich! Und darum erkläre ich Ihnen, daß Ihr sonderbarer, lächerlicher und unsinniger Wunsch, sich für meinen Zwillingsbruder auszugeben, zu nichts anderem führen wird, als zu Ihrem vollständigen Ruin. Ich bitte Sie daher, und um Ihres eigenen Vorteils willen, ehrenwerten Leuten mit wohlgesinnten Absichten den Weg frei zu geben. Im anderen Fall bin ich bereit, selbst zu den äußersten Maßregeln zu greifen. Ich lege die Feder hin und warte ... Im übrigen stehe ich zu Ihrer Verfügung – auch mit der Pistole.

J. Goljädkin.“

Unser Held rieb sich energisch die Hände, als er dieses Schreiben beendet hatte. Dann zog er sich den Mantel an, setzte den Hut auf, öffnete mit einem zweiten Schlüssel die Tür und begab sich in die Kanzlei. Er ging auch bis zum Departementsgebäude, konnte sich aber nicht entschließen hinein zu gehen, denn es war wirklich schon zu spät. Die Uhr des Herrn Goljädkin zeigte halb drei. Plötzlich erregte ein scheinbar sehr nebensächlicher Umstand einiges Bedenken bei Herrn Goljädkin. Aus einer Ecke des Gebäudes tauchte nämlich mit einem Male eine erhitzte und keuchende Figur auf, schlich sich verstohlen auf die Treppe und von dort in den Vorraum. Es war der Schreiber Ostaffjeff, ein Mensch, der Herrn Goljädkin genau bekannt, ein Mensch, der zuweilen für einige zehn Kopekenstücke zu allem bereit war. Da Herr Goljädkin die schwache Seite Ostaffjeffs kannte und richtig vermutete, daß er, der offenbar gerade aus einer benachbarten Kneipe kam, wahrscheinlich mehr denn je Verlangen nach Kopeken empfand, so entschloß sich unser Held, diese nicht zu sparen. Er ging sofort auf die Treppe und folgte Ostaffjeff in den Vorraum, rief ihn an und forderte ihn geheimnisvoll auf, mit ihm zur Seite zu treten, in ein verstohlenes Winkelchen hinter einem großen eisernen Ofen. Nachdem er ihn dahin geführt hatte, begann unser Held ihn auszufragen.

„Nun, wie mein Freund, wie ist’s damit ... Du verstehst mich doch? ...“

„Ich höre, Ew. Wohlgeboren und wünsche Ew. Wohlgeboren Gesundheit.“

„Gut, mein Lieber, schon gut; ich danke dir, mein Lieber. Nun, aber, wie steht es denn, mein Lieber?“

„Wonach geruhen Sie zu fragen?“ Ostaffjeff hielt dabei die Hand vor den Mund.

„Nun sieh, mein Lieber, ich spreche davon ... Du brauchst aber nun nicht etwa zu denken ... Sage, ist Andrej Philippowitsch hier? ...“

„Er ist hier.“

„Und die Beamten sind auch hier?“

„Und die Beamten auch, wie es sich gehört.“

„Und Seine Exzellenz gleichfalls?“

„Und auch Seine Exzellenz.“ Wieder legte der Schreiber seine Hand vor den Mund und blickte neugierig und verwundert Herrn Goljädkin an. Wenigstens schien es unserem Helden so.

„Und es ist nichts Besonderes vorgefallen, mein Lieber?“

„Nein, gar nichts, gar nichts.“

„Und von mir, mein Lieber, ist da nicht dort so ... irgendwas von mir zu hören gewesen? ... Wie? Nur so, mein Freund, verstehst du?“

„Nein, es ist bis jetzt nichts zu hören gewesen,“ wieder legte der Schreiber seine Hand vor den Mund und sah Herrn Goljädkin sehr sonderbar an. Unser Held versuchte jetzt aus dem Gesicht Ostaffjeffs herauszulesen, ob er etwas vor ihm verheimliche. Und wirklich schien in ihm etwas vor sich zu gehen. Ostaffjeff wurde nämlich immer trockener, fast unhöflich und zeigte für Herrn Goljädkin lange nicht mehr soviel Teilnahme, wie zu Anfang des Gespräches. „Er ist auf gewisse Weise in seinem Recht,“ dachte Herr Goljädkin, „was gehe ich ihn eigentlich an? Vielleicht hat er auch schon von anderer Seite ein Geschenk empfangen? Vielleicht kommt er gerade ... und ich treffe ihn, weil – Aber auch ich werde ihm ...“ Herr Goljädkin begriff, daß die Zeit für das Trinkgeld gekommen war.

„Hier, mein Lieber ...“

„Danke ergebenst, Ew. Wohlgeboren.“

„Ich werde dir noch mehr geben.“

„Schön, Ew. Wohlgeboren.“

„Jetzt, sofort werde ich dir noch mehr geben, und wenn die Sache beendigt ist, gebe ich dir noch einmal soviel. Verstehst du?“

Der Schreiber schwieg, er stand kerzengerade vor Herrn Goljädkin und sah ihn unbeweglich an.

„Nun, jetzt sprich: ist etwas über mich zu hören? ...“

„Es scheint, daß bis jetzt noch ... davon ... nichts, bis jetzt wenigstens.“ Ostaffjeff antwortete in Pausen und ganz wie Herr Goljädkin, nahm auch er eine geheimnisvolle Miene an, zog die Augenbrauen hoch, sah zur Erde, versuchte den richtigen Ton zu treffen, kurz, tat alles, um auch noch das Versprochene zu verdienen, denn das Erhaltene sah er bereits für etwas endgültig von ihm Erworbenes an.

„Also, es ist noch nichts bekannt? ...“

„Bis jetzt noch nichts.“

„Doch höre, ... es wird vielleicht ... noch bekannt werden? ...“

„Versteht sich, späterhin wird es vielleicht bekannt werden.“

„Schlimm!“ dachte unser Held. „Höre: hier hast du noch, mein Freund.“

„Danke ergebenst, Ew. Wohlgeboren.“

„War Wachramejeff gestern hier? ...“

„Ja, er war hier.“

„War nicht sonst noch jemand hier? Denke mal nach, mein Lieber!“

Der Schreiber suchte einen Augenblick in seinen Erinnerungen: offenbar fiel ihm nichts ein.

„Nein, es war sonst niemand hier.“

„Hm!“ Es folgte ein Schweigen.

„Höre, Lieber, noch eins: sage mir alles was du weißt.“

„Zu Befehl.“

„Sage mir, Lieber, wie ist er angeschrieben?“

„So ... gut ... –“ antwortete der Schreiber und sah mit großen Augen auf Herrn Goljädkin.

„Wie das, ... gut –?“

„Das heißt, so ...“ Ostaffjeff zog die Augenbrauen noch bedeutend höher. Er stand dumm da und wußte entschieden nicht, was er antworten sollte.

„Schlimm!“ dachte Herr Goljädkin. „Weiß man sonst etwas über Wachramejeff?“

„Ja, alles ganz wie früher.“

„Denke mal nach.“

„Ja, man sagt ...“

„Nun, was denn? ...“

Ostaffjeff bedeckte mit der Hand seinen Mund.

„Ist nicht ein Brief von ihm da, an mich?“

„Ja, heute ging der Kanzleidiener Michejeff zu Wachramejeff in die Wohnung, ging zu einer Deutschen – wenn es nötig ist, kann ich auch hingehen und fragen?“

„Tu es, sei so gut, mein Lieber, um’s Himmels willen! Das heißt, ich meine nur so ... Du, mein Lieber, denke dir nichts dabei ... wie gesagt, ich meine nur so ... Ja, frage nach, mein Lieber, forsche, ob man da etwas vorbereitet – auf meine Rechnung? Und was er tun wird? Das muß ich wissen, versuche es zu erfahren, mein Lieber, ich werde dir dafür danken, mein Lieber ...“

„Zu Befehl, Ew. Wohlgeboren. Ihren Platz nahm heute Iwan Ssemjonowitsch ein.“

„Iwan Ssemjonowitsch? Ach! Ja! Wirklich!“

„Andrej Philippowitsch befahlen ihm, sich auf Ihren Platz zu begeben.“

„Wirklich? Aus welcher Veranlassung? Versuche es zu erfahren, mein Lieber; versuche alles zu erfahren – und ich werde dir danken, mein Lieber, das ist es ja, was ich nötig habe und wissen muß ... Du aber, glaube nur ja nicht, mein Lieber ...“

„Verstehe, verstehe, ich gehe sogleich –. Und Sie, Ew. Wohlgeboren, Sie gehen heute nicht hin?“

„Nein, mein Lieber, ich bin nur so ... ich bin nur so gekommen, um zu sehn, mein Lieber – ich würde dir aber dankbar sein, mein Lieber ...“

„Zu Befehl.“ Der Schreiber lief schnell und eilig die Treppe hinauf und Herr Goljädkin blieb allein.

„Schlimm!“ dachte er. „Ach, schlimm, schlimm! Ach, sehr schlimm steht jetzt unsere Sache! Was hatte das alles zu bedeuten? Was bedeuteten einige Anspielungen dieses Kerls, und von wem gehen sie aus? Ah! Jetzt weiß ich’s. Sie haben die Sache erfahren und ihn infolgedessen hingesetzt. Übrigens, was ... hingesetzt? Dieser Andrej Philippowitsch hat Iwan Ssemjonowitsch befohlen, sich hinzusetzen, doch warum hat er ihn hingesetzt, zu welchem Zweck hat er ihn hingesetzt? Wahrscheinlich haben sie erfahren ... Dieser Wachramejeff intrigiert, das heißt, nicht Wachramejeff, er ist so dumm, wie ein Stück Holz, dieser Wachramejeff! Sie machen das alles für ihn und haben diesen Halunken nun hingesetzt. Oh, die Deutsche hat sie bestochen, die Einäugige! Ich hatte immer den Verdacht, daß diese Intrige nicht so einfach ist, und daß hinter diesem Altweiberklatsch etwas steckt ... Dasselbe habe ich auch Krestjan Iwanowitsch gesagt, daß sie sich geschworen haben, im moralischen Sinne einen Menschen zu morden – und da bedienen sie sich denn Karolina Iwanownas. Nein, hier sind Meister an der Arbeit, das sieht man! Hier, mein Herr, erkennt man eine Meisterhand und nicht die Wachramejeffs. Wie gesagt, dieser Wachramejeff ist dumm, doch ich weiß, wer für sie alle jetzt arbeitet: dieser Schurke ist es, dieser Usurpator meines Namens ist es! An ihm allein hängt alles, was ja auch zum Teil seine Erfolge in der Gesellschaft bewiesen haben. Es wäre wirklich wünschenswert, zu wissen, auf welchem Fuße er jetzt ... was er dort bei ihnen gilt?

Doch wozu haben sie diesen Iwan Ssemjonowitsch genommen? Zum Teufel, wozu hatten sie denn den nötig? Ganz als ob sich kein anderer finden ließe. Übrigens, wen sie auch dahin gesetzt hätten, es wäre doch immer dasselbe gewesen! Das einzige, was ich weiß, ist, daß mir dieser Iwan Ssemjonowitsch schon längst verdächtig vorkam: so ein alter widerlicher Kerl! Man sagt, er leihe Geld aus und nehme Wucherzinsen. Doch das macht ja alles der Bär, in alle diese Sachen hat sich der Bär eingemischt. Das fing so an, bei der Ismailoffbrücke fing es an: so war es ...“

Hierbei verzog Herr Goljädkin gar schrecklich sein Gesicht, ganz, als hätte er in eine Zitrone gebissen – jedenfalls dachte er an etwas für ihn sehr Unangenehmes.

„Nun, tut nichts, und übrigens!“ dachte er, „ich werde schon für mich stehen ... Warum kommt denn der Ostaffjeff nicht? Wahrscheinlich haben sie ihn dort aufgehalten! Es ist zum Teil gut, daß ich so intrigiere und auch meinerseits Schlingen lege. Ostaffjeff brauche ich nur ein Trinkgeld zu geben und so habe ich ihn – auf meiner Seite. Vielleicht tun sie das auch ihrerseits und intrigieren ihrerseits durch ihn gegen mich? Denn der Schurke sieht aus wie ein Räuber, der reine Räuber! Er verheimlicht alles, der Schuft! ‚Nein, nichts,‘ sagt er, ‚ich danke, Ew. Wohlgeboren,‘ sagt er. Solch ein Räuber!“

Man hörte ein Geräusch ... Herr Goljädkin kroch ganz in sich zusammen und sprang hinter den Ofen. Jemand kam die Treppe herunter und ging auf die Straße.

„Wer kann da jetzt weggegangen sein?“ dachte Herr Goljädkin bei sich. Nach einer Weile hörte man wieder Schritte ... Jetzt konnte es Herr Goljädkin nicht mehr aushalten, er streckte ein wenig seine Nase aus dem Versteck heraus, zog sie aber schnell wieder zurück, als wäre sie ihm mit einer Nadel gestochen worden. Dieses Mal konnte man sich ja denken, wer da kam, ... der Schuft, der Intrigant und Verderber selbst ... Er ging vorüber, wie gewöhnlich, mit seinen gemeinen, kleinen Schrittchen, und warf seine Beinchen aus, ganz als wolle er jemandem ein Bein stellen.

„Schurke!“ murmelte unser Held vor sich hin. Übrigens konnte es Herrn Goljädkin nicht entgehen, daß der Schurke unter dem Arm eine große grüne Mappe trug, die Seiner Exzellenz gehörte.

„Also wieder in besonderen Aufträgen,“ dachte Herr Goljädkin, verkroch sich noch mehr und wurde rot vor Ärger. Kaum war Herr Goljädkin der Jüngere an Herrn Goljädkin dem Älteren vorübergegangen, ohne ihn zu bemerken, als man zum dritten Male Schritte hörte: wie Herr Goljädkin sich gedacht, waren es die Schritte eines Schreibers. Wirklich: es war das glänzende Gesicht eines Schreibers, das zu ihm hinter den Ofen sah: nur war es nicht das Gesicht Ostaffjeffs, sondern das eines anderen Schreibers, Pissarenko genannt. Das setzte Herrn Goljädkin in Erstaunen. „Warum hat er andere in das Geheimnis eingeweiht?“ dachte unser Held. „Ach, diese Schurken – alle! Es gibt nichts Heiliges für sie!“

„Nun, mein Lieber?“ sagte er zu Pissarenko gewandt. „Von wem kommst du, mein Lieber? ...“

„In Ihrer Sache gibt es noch nichts Neues, gar keine Nachrichten, wenn was kommen sollte, so werde ich es Ihnen überbringen.“

„Und Ostaffjeff?“

„Der, Ew. Wohlgeboren, kann jetzt nicht abkommen. Seine Exzellenz ist schon zweimal durch unsere Abteilung gekommen, und auch ich habe keine Zeit.“

„Danke dir, mein Lieber, danke dir ... Aber du sagst mir doch ...“

„Bei Gott, ich habe keine Zeit ... Jeden Augenblick werden wir gerufen ... Aber belieben Sie hier noch stehen zu bleiben, wenn etwas in betreff Ihrer Sache geschieht, so werden wir Sie benachrichtigen. –“

„Warte, warte, mein Lieber! Sofort mein Lieber! ... Hier, nimm diesen Brief, mein Lieber, ich werde dir danken, mein Freund.“

„Gut!“

„Gib ihn ab, mein Lieber, gib ihn Herrn Goljädkin.“

„Goljädkin?“

„Ja, mein Lieber, Herrn Goljädkin.“

„Schön! Ich werde ihn geben, sobald ich Zeit finde. Sie aber bleiben hier inzwischen stehen. Hier wird Sie niemand sehen ...“

„Nein, mein Lieber, du mußt nicht denken ... daß ich hier stehe, damit mich niemand sieht. Ich, mein Freund, werde nicht mehr hier ... ich werde dort in der Nebenstraße warten. Dort ist ein Kaffeehaus, dort werde ich warten, und wenn etwas passiert, wirst du mich benachrichtigen, verstehst du?“

„Schön. Gehen Sie nur, ich verstehe ...“

„Ich werde mich dir dankbar erweisen, mein Lieber!“ rief Herr Goljädkin dem Schreiber nach, der sich endlich von ihm befreit hatte.

„Der Schuft wurde ordentlich grob zuletzt,“ dachte unser Held und schlich sich hinter dem Ofen hervor. „Dort steckt noch ein Haken ... Das ist klar ... Zuerst war er so, dann so ... Übrigens, vielleicht mußte er sich auch wirklich beeilen. Vielleicht haben sie dort viel zu tun. Und Seine Exzellenz ging zweimal durch ihre Abteilung ... Aus welcher Veranlassung geschah das wohl? Ach! nun, einerlei! Übrigens, tut nichts ... vielleicht –; nun, wir werden ja sehen ...“

Herr Goljädkin hatte bereits die Tür geöffnet und wollte soeben auf die Straße hinaustreten, als plötzlich, gerade in dem Augenblick, der Wagen Seiner Exzellenz rasselnd vorfuhr. Herrn Goljädkin war das kaum erst bewußt geworden, als auch schon die Tür der Equipage von innen geöffnet wurde und der in ihr sitzende Herr auf die Treppe hinaussprang. Der Betreffende aber war niemand anders, als jener Herr Goljädkin der Jüngere, welcher, wie er selbst gesehen hatte, vor etwa zehn Minuten weggegangen war. Doch Herr Goljädkin der Ältere erinnerte sich gleichzeitig, daß die Wohnung der Exzellenz sich in der nächsten Nähe befand.

„Er war in besonderem Auftrage ...“ dachte sich unser Held. Unterdessen hatte Herr Goljädkin der Jüngere aus dem Wagen die dicke grüne Aktenmappe und einige andere Papiere hervorgezogen, gab dem Kutscher noch einen Befehl, öffnete die Tür, stieß mit ihr beinahe gegen Herrn Goljädkin den Älteren und – als ob er ihn beleidigen und absichtlich nicht bemerken wollte – eilte schnell die Treppe zur Kanzlei hinauf.

„Schlimm!“ dachte Herr Goljädkin. „Was hat die Sache doch jetzt für eine Wendung genommen! Gott, mein Gott!“ Einen Augenblick stand unser Held unbeweglich da, dann faßte er sich endlich. Ohne lange nachzudenken, doch unter starkem Herzklopfen, an allen Gliedern zitternd, lief er gleichfalls die Treppe hinauf, seinem Ebenbilde nach. „Mag es sein, wie es ist, was geht’s mich an! Ich bin hier Nebensache!“ Im Vorraum nahm er seinen Hut ab, zog Mantel und Galoschen aus.

Als Herr Goljädkin in das Bureau eintrat, war es bereits halbdunkel. Weder Andrej Philippowitsch noch Anton Antonowitsch waren anwesend. Beide befanden sich im Kabinett des Direktors, um Meldungen zu machen. Der Direktor wiederum war, wie es hieß, von neuem zur Exzellenz geeilt. Infolge dieser Umstände, und da es bereits, wie gesagt, zu dunkeln begonnen hatte, auch die Bureauzeit sich ihrem Ende näherte, hatten die Beamten, vorzugsweise die jüngeren, sich bereits süßer Beschäftigungslosigkeit ergeben. Sie gingen auf und ab, unterhielten sich miteinander, balgten sich und lachten. Und einige der allerjüngsten, die ranglosesten unter den noch ranglosen Beamten, hatten im stillen, begünstigt durch das allgemeine Geräusch, in einer Ecke am Fenster, „Schrift oder Adler“ zu spielen begonnen.

Herr Goljädkin, der sich zu benehmen wußte und zudem das lebhafte Bedürfnis fühlte, sich jemandem anzuschließen, ging auf einen Kollegen zu, mit dem er sich sonst gut stand, wünschte ihm einen guten Tag usw. Aber man erwiderte die Höflichkeit des Herrn Goljädkin auf eine seltsame Weise. Er wurde unangenehm überrascht durch die allgemeine Kälte, Trockenheit und man kann wohl sagen Strenge des Empfanges. Es reichte ihm niemand die Hand. Einige sagten einfach „guten Tag“ und wandten sich ab, andere nickten nur mit dem Kopf, irgend jemand wandte sich einfach um, als hätte er ihn nicht bemerkt, und einige sogar – und was Herrn Goljädkin am meisten beleidigte – einige aus der ranglosesten Jugend, halbe Kinder, die, wie Herr Goljädkin sich ganz richtig ausdrückte, nur erst „Adler oder Schrift“ zu spielen verstanden und sich im übrigen umherzutreiben pflegten – umgaben Herrn Goljädkin und gruppierten sich um ihn, so daß sie ihm beinahe den Durchgang versperrten. Alle blickten sie ihn mit einer beleidigenden Neugier an.

Das war entschieden ein schlechtes Zeichen! Herr Goljädkin fühlte es und bereitete sich vernünftigerweise vor, seinerseits nichts zu bemerken. Plötzlich trat aber ein ganz unerwarteter Umstand ein, der, wie man sagt, Herrn Goljädkin vollständig vernichtete.

In dem Kreis der jungen, ihn umgebenden Kollegen erschien plötzlich und gerade für Herrn Goljädkin in dem allerpeinlichsten Augenblick – erschien Herr Goljädkin der Jüngere, wie immer fröhlich, wie immer mit einem Lächeln auf den Lippen, wie immer tänzelnd, kurz, wie immer als der geborene Spaßmacher und Gesellschaftsmensch, der er war, mit leichter Zunge und leichten Füßen, so wie er stets erschien, so wie er schon früher, so wie er noch gestern erschienen war, als er so ungelegen und verhängnisvoll wie nur möglich für Herrn Goljädkin auftauchte. Schmunzelnd beweglich, mit einem Lächeln, das allen zu sagen schien: „Guten Abend“, drehte er sich im Kreise der Beamten herum, reichte dem die Hand, klopfte diesem auf die Schulter; umarmte schnell den dritten, erklärte dem vierten, mit welchen Aufträgen er für Seine Exzellenz beschäftigt gewesen sei, wohin er gefahren war, was er getan und was er mit sich gebracht hatte; den fünften, offenbar seinen besten Freund, küßte er auf den Mund – kurz, alles geschah genau so, wie es Herrn Goljädkin dem Älteren geträumt hatte.

Nachdem er genug herumgesprungen war und alle auf seine Art begrüßt und für sich eingenommen hatte, ob es nun nötig oder unnötig war, hatte er nur Herrn Goljädkin den Älteren, wohl aus Versehen, noch gar nicht bemerkt: erst jetzt reichte er ihm die Hand. Und wahrscheinlich –, und auch nur aus Versehen –, weil er den betrügerischen Herrn Goljädkin den Jüngeren jetzt erst bemerkte, ergriff unser Held sofort und gierig und ganz unerwartet dessen Hand und drückte sie auf die allerkräftigste, freundschaftlichste Weise, drückte sie mit ganz sonderbarer innerer Bewegung und mit den rührendsten Gefühlen. Es ist schwer zu sagen, ob unser Held dabei einem plötzlichen Antriebe folgte und durch die eine Bewegung seines scheinheiligen Feindes verführt wurde – oder ob er in seiner tiefsten Seele die ganze furchtbare Größe seiner Hilflosigkeit spürte und erkannte. Denn Tatsache war, daß Herr Goljädkin der Ältere, bei gesundem Verstande, aus freiem Willen und vor allen Zeugen feierlich die Hand dessen drückte, den er doch seinen Todfeind nannte.

Aber wie groß war seine Verwunderung, das Entsetzen und die Wut, wie groß war der Schreck und die Schande Herrn Goljädkin des Älteren, als sein Verräter und Todfeind, der hinterlistige Herr Goljädkin der Jüngere, den begangenen Fehler des unschuldigen und treulos verratenen Menschen bemerkte und gefühllos, schamlos, mitleidslos, gewissenlos, mit unerhörter Niedertracht und Grobheit, plötzlich seine Hand aus der Hand Herrn Goljädkins des Älteren riß. Und nicht genug damit, daß er ihm seine Hand entzog und sie abwischte, als hätte er sie durch etwas Unreines beschmutzt – er spie auch noch zur Seite und begleitete das mit einer höchst beleidigenden Gebärde. Und noch nicht genug damit, er zog auch noch sein Taschentuch heraus und wischte sich auf die unerlaubteste Weise die Finger ab, dies sich auf einen Augenblick in der Hand des Herrn Goljädkin befunden hatten.

Nach diesem Verfahren sah sich Herr Goljädkin der Jüngere nach seiner niederträchtigen Gewohnheit im Kreise um, tat es, damit alle sein Benehmen bemerken sollten, blickte allen verständnisinnig in die Augen und bemühte sich offenbar, bei allen einen ungünstigen Eindruck von Herrn Goljädkin dem Älteren hervorzurufen.

Das Benehmen des widerwärtigen Herrn Goljädkins des Jüngeren schien jedoch offenbar eher Unwillen bei den Anwesenden hervorzurufen. Sogar die „Jugend“ bezeugte ihre Unzufriedenheit. Ringsum erhob sich Gespräch und Murren. Die allgemeine Bewegung konnte Herrn Goljädkin dem Älteren nicht entgehen. Doch plötzlich – ein rechtzeitiges Wort, ein gelungener Witz von den Lippen Herrn Goljädkins des Jüngeren – und die letzte Hoffnung unseres Helden wurde wieder zerstört und die Wage neigte sich von neuem zugunsten seines Todfeindes.

„Das ist unser russischer Faublas, meine Herren! Erlauben Sie, Ihnen den jungen Faublas vorzustellen,“ quiekte Herr Goljädkin der Jüngere mit der ihm eigenen Frechheit – und wies dabei auf den ganz erstarrten echten Herrn Goljädkin.

„Küssen wir uns, mein Herzchen!“ fuhr er in unerträglicher Familiarität fort, indem er auf den von ihm verräterisch Betrogenen zutrat. Dieser nichtswürdige Scherz Herrn Goljädkins des Jüngeren war es, der ein williges Echo fand, um so mehr, als in ihm eine Anspielung auf einen Umstand enthalten schien, der augenscheinlich allen bekannt war. Unser Held fühlte die Arme seines Feindes auf seinen Schultern lasten. Doch er hatte sich schon gefaßt. Mit glühenden Blicken, mit bleichem Gesicht und einem starren Lächeln riß er sich aus der Menge los und mit unsicheren, wankenden Schritten begab er sich geradewegs zum Kabinett Seiner Exzellenz. Im Vorzimmer stieß er jedoch auf Andrej Philippowitsch, der soeben das Kabinett Seiner Exzellenz verlassen hatte. Und obgleich auch noch eine Menge anderer unbeteiligter Personen anwesend war, schenkte unser Held diesen doch nicht die geringste Aufmerksamkeit. Entschlossen, kühn, innerlich darüber selbst verwundert, doch seiner Kühnheit sich rühmend, redete er vielmehr unumwunden Andrej Philippowitsch an, der über diesen plötzlichen Überfall nicht wenig erstaunt war.

„Wie! ... Was wollen Sie ... was ist Ihnen gefällig?“ fragte der Abteilungschef, ohne den auf ihn zustolpernden Herrn Goljädkin weiter anzuhören.

„Andrej Philippowitsch, ich ... kann ich, Andrej Philippowitsch, kann ich jetzt Aug’ in Aug’ eine Unterredung mit Seiner Exzellenz haben?“ sagte klar und deutlich unser Held und sah mit einem sehr entschlossenen Blick auf Andrej Philippowitsch.

„Was? Natürlich: nicht.“ Andrej Philippowitsch maß Herrn Goljädkin vom Kopf bis zu den Füßen.

„Ich, Andrej Philippowitsch – ich möchte nämlich meine Verwunderung ausdrücken, daß hier niemand den Usurpator und Schurken erkennt.“

„W–a–a–s?“

„Den Schurken, Andrej Philippowitsch.“

„Von wem belieben Sie zu sprechen?“

„Von einer bekannten Person, Andrej Philippowitsch. Ja, Andrej Philippowitsch, ich spiele auf eine bekannte Person an. Ich bin in meinem Recht ... Ich denke, Andrej Philippowitsch, daß die Regierung solch eine innere Regung, wie ich sie verspüre, unterstützen müßte,“ fügte Herr Goljädkin hinzu, offenbar ganz außer sich geraten. „Andrej Philippowitsch ... Sie sehen doch selbst, Andrej Philippowitsch, daß diese Regung in mir echt ist und meine wohlgesinnten Ansichten und Absichten ausdrückt – den Chef als einen Vater anzusehen, die Regierung als einen Vater anzusehen und sein Schicksal ihr blindlings anzuvertrauen. So, so ist es ... also so ...“ Herrn Goljädkins Stimme fing an zu zittern, sein Gesicht wurde dunkelrot und zwei Tränen hingen an seinen Wimpern.

Als Andrej Philippowitsch Herrn Goljädkin in dieser Weise reden hörte, war er so verwundert, daß er unwillkürlich einige Schritte zurücktrat. Dann blickte er sich sehr unruhig um ... Es ist schwer zu sagen, wie die Sache geendigt hätte ... Plötzlich öffnete sich die Tür zum Kabinett Seiner Exzellenz und dieser selbst trat in Begleitung einiger Beamter heraus. Alle, die im Zimmer waren, schlossen sich ihm an. Seine Exzellenz rief Andrej Philippowitsch zu sich und ging, sich mit ihm unterredend, weiter.

Als sich bereits alle aus dem Zimmer entfernt hatten, besann sich auch Herr Goljädkin. Unterwürfig suchte er Schutz unter den Flügeln Anton Antonowitsch Ssjetotschkins, der seinerseits hinter allen her hinkte, mit einem, wie es Herrn Goljädkin schien, sehr strengen und nachdenklichen Gesicht.

„Auch dort bin ich abgefallen, auch dort habe ich nur Unfug angerichtet,“ dachte Herr Goljädkin bei sich, „nun, tut nichts. Ich hoffe, wenigstens Sie, Anton Antonowitsch, werden geneigt sein, mich anzuhören und sich für meine Sache zu verwenden,“ wandte er sich an diesen mit leiser und noch vor Erregung zitternder Stimme. „Von allen verlassen, wende ich mich an Sie. Ich verstehe nicht, was die Worte Andrej Philippowitschs bedeuten, Anton Antonowitsch. Können Sie sie mir erklären, wenn möglich ...“

„Zu seiner Zeit wird sich alles erklären,“ antwortete ihm nach einer langen Pause streng Anton Antonowitsch, und, wie es Herrn Goljädkin schien, mit einer Miene, die deutlich ausdrückte, daß Anton Antonowitsch durchaus nicht wünschte, das Gespräch weiter fortzusetzen. „Sie werden in kurzer Zeit alles erfahren, noch heute werden Sie formell von allem unterrichtet werden.“

„Was heißt das, formell, Anton Antonowitsch? Warum denn gerade formell?“ fragte kleinlaut unser Held.

„Nicht uns kommt es zu, Jakoff Petrowitsch, darüber zu urteilen, wie die Regierung entscheidet.“

„Warum denn die Regierung, Anton Antonowitsch,“ fragte Herr Goljädkin noch kleinlauter, „warum denn die Regierung? Ich sehe keinen Grund, warum man hier die Regierung beunruhigen sollte, Anton Antonowitsch ... Sie wollen mir vielleicht etwas in bezug auf das Gestrige sagen, Anton Antonowitsch?“

„Nein, nicht das Gestrige: dort hinkt noch etwas anderes bei Ihnen.“

„Was hinkt denn bei mir, Anton Antonowitsch? Mir scheint, Anton Antonowitsch, daß nichts an mir hinkt ...“

„Schlaue Mätzchen wollten Sie machen!“ unterbrach Anton Antonowitsch den völlig bestürzten Herrn Goljädkin in scharfem Ton. Herr Goljädkin zuckte zusammen und wurde weiß wie ein Tuch.

„Freilich, Anton Antonowitsch,“ sagte er mit kaum hörbarer Stimme, „wenn man nur die Stimme der Verleumdung und die unserer Feinde hört, ohne die Rechtfertigung von der anderen Seite zuzulassen, dann, freilich ... freilich, Anton Antonowitsch, dann muß man unschuldig leiden, Anton Antonowitsch, unschuldig und um nichts leiden.“

„Ja – ja – ja, aber Ihr boshafter Angriff auf den Ruf eines wohlgesitteten Mädchens aus einer ehrenwerten, achtenswerten und bekannten Familie, die Ihnen Wohltaten erwiesen hat? ...“

„Welch ein Angriff, Anton Antonowitsch?“

„Ja – ja – ja. Und dann Ihr Betragen dem anderen Mädchen gegenüber, wenn auch einem armen, doch von ehrlicher ausländischer Herkunft – davon wissen Sie wohl auch nichts?“

„Erlauben Sie, Anton Antonowitsch ... belieben Sie mich, Anton Antonowitsch, anzuhören ...“

„Und Ihr treuloses Verfahren gegen eine andere Person – und die verleumderische Beschuldigung dieser anderen Person in Dingen, in denen Sie selbst, gerade Sie, gesündigt haben? Wie nennt man denn das?“

„Ich, Anton Antonowitsch, ich habe ihn nicht hinausgeworfen,“ sprach zitternd unser Held – „und Petruschka, das heißt, meinen Diener, habe ich nicht dazu angehalten ... Er hat mein Brot gegessen, Anton Antonowitsch, hat meine Gastfreundschaft genossen,“ fügte ausdrucksvoll und mit tiefem Gefühl unser Held hinzu, so daß ihm das Kinn zu zittern anfing und er schon wieder Tränen vergießen wollte.

„Das sagen Sie mir so, Jakoff Petrowitsch, daß er Ihr Brot gegessen,“ erwiderte Anton Antonowitsch und in seiner Stimme hörte man ordentlich die Hinterlist, so daß sich das Herz Herrn Goljädkins schmerzhaft zusammenzog.

„Erlauben Sie noch eines, Anton Antonowitsch, untertänigst zu fragen, ist von alledem etwas Seiner Exzellenz bekannt?“

„Selbstverständlich! Doch entschuldigen Sie mich bitte jetzt, ich habe keine Zeit, mit Ihnen ... Heute noch werden Sie alles erfahren, was Sie zu erfahren nötig haben.“

„Erlauben Sie, um’s Himmels willen, noch einen Augenblick, Anton Antonowitsch.“

„Später, später, erzählen Sie später ...“

„Nein, Anton Antonowitsch: ich, sehen Sie, hören Sie nur, Anton Antonowitsch ... Ich liebe durchaus nicht die Freigeisterei, Anton Antonowitsch: ich fliehe sie: ich bin durchaus bereit, und ich habe sogar die Idee gehabt ...“

„Gut, gut. Ich habe schon gehört.“

„Nein, das haben Sie nicht gehört, Anton Antonowitsch. Das ist etwas ganz anderes, Anton Antonowitsch, das ist gut, wirklich gut und angenehm zu hören ... Ich gebe diese Idee zu, wie schon gesagt, Anton Antonowitsch, daß durch die Fügung Gottes zwei ganz ähnliche Wesen geschaffen wurden, und daß die Regierung, die diese Fügung Gottes sah, diese beiden Zwillinge versorgt hat. Das ist gut, Anton Antonowitsch, Sie sehen, daß das sehr gut ist, und daß ich weit entfernt von aller Freidenkerei bin. Ich sehe die wohltätige Behörde als Vater an. Der Staat – das heißt, die wohltätige Regierung, und Sie ... das heißt ... ein junger Mensch muß seinen Dienst tun. Unterstützen Sie mich, Anton Antonowitsch ... stehen Sie mir bei, Anton Antonowitsch ... Ich tue nichts Böses, Anton Antonowitsch ... um Gottes willen, noch ein Wort ... Anton Antonowitsch ...“

Aber Anton Antonowitsch war schon weit entfernt von Herrn Goljädkin ... Unser Held wußte nicht mehr, wo er stand, was er hörte, was er tat und was mit ihm geschah, so sehr erschütterte und verwirrte ihn alles Gehörte und Geschehene.

Mit flehenden Blicken suchte er unter der Menge von Beamten nach Anton Antonowitsch, um sich noch weiter vor dessen Augen zu rechtfertigen und ihm irgend etwas Edles und Angenehmes von sich zu sagen ... Doch zugleich begann, nach und nach, ein neues Licht durch die Verwirrung des Herrn Goljädkin zu dringen, ein neues, schreckliches Licht, das ihm plötzlich die Aussicht in bis jetzt vollkommen unbekannte, ganz ungeahnte Umstände eröffnete ... In diesem Augenblick stieß jemand unseren Helden in die Seite. Er blickte sich um. Vor ihm stand Pissarenko.

„Den Brief, Ew. Wohlgeboren.“

„Ah! ... Du bist schon dort gewesen, mein Lieber?“

„Nein, den hat man schon morgens um zehn Uhr hierher gebracht. Ssergej Michejeff brachte ihn aus der Wohnung des Gouvernements-Sekretärs Wachramejeff.“

„Gut, mein Freund, gut, ich werde dir dafür erkenntlich sein, mein Lieber.“

Mit diesen Worten steckte Herr Goljädkin den Brief in die Seitentasche seines Uniformrockes und knöpfte den letzteren von oben bis unten zu, dann blickte er sich um und bemerkte zu seiner Verwunderung, daß er sich bereits in der Vorhalle des Departements befand, umgeben von Beamten, die dem Ausgange zuströmten, da die Kanzleistunden ihr Ende hatten. Herr Goljädkin hatte diesen letzteren Umstand nicht nur nicht bemerkt, er konnte auch nicht begreifen, daß er sich plötzlich in Mantel und Galoschen befand und seinen Hut in der Hand hielt. Jetzt standen die Beamten alle unbeweglich in ehrfurchtsvoller Erwartung da. Die Ursache war nämlich die: Exzellenz selbst wartete unten auf seine Equipage, die sich aus irgendwelchen Gründen verspätet hatte, und führte mit zwei Räten und Andrej Philippowitsch ein sehr interessantes Gespräch. Etwas entfernt von ihnen stand Anton Antonowitsch Ssjetotschkin und noch einige andere Beamte, die beflissen mitlachten, als sie sahen, daß Seine Exzellenz zu scherzen und zu lachen beliebte. Die Beamten, die sich oben auf der Treppe drängten, lachten gleichfalls, wohl in Erwartung, daß Exzellenz wieder lachen würde. Und es lächelte auch der dicke aufgeblasene Portier Fedossejitsch, der mit Ungeduld den Augenblick seiner täglichen Genugtuung erwartete, die darin bestand, daß er mit einem gewaltigen Ruck die eine Hälfte der großen Tür aufriß, um dann, zu einem Bogen sich tief hinabbiegend, Seiner Exzellenz ehrerbietig den Weg freizugeben. Doch mehr als alle freute sich offenbar der unwürdige, unehrenwerte Feind Herrn Goljädkins. In diesem Augenblick vergaß er sogar die um ihn stehenden Beamten, bei denen er sich sonst immer nach seiner unangenehmen Manier so beliebt zu machen suchte, und ließ die gute Gelegenheit unbenutzt, es auch jetzt zu tun. Er verwandelte sich ganz in Augen und Ohren und beugte sich weit vor, wahrscheinlich um Seine Exzellenz besser sehen und hören zu können, und hin und wieder nur, an der krampfhaften Bewegung der Hände und Füße, bemerkte man die Aufregung seiner Seele.

„Sieh, wie er sich Mühe gibt!“ dachte unser Held. „Tut, als wäre er ein Günstling, der Schurke! Ich möchte gern wissen, wie er es nur macht, um sich in der höheren Gesellschaft zu behaupten. Weder Geist, noch Charakter, noch Bildung, noch Gefühl: aber es gelingt dem Schurken! Mein Gott, wie schnell doch ein Mensch vorwärts kommen kann – wenn man das bedenkt – und sich überall anfreundet! Ich will darauf schwören, daß dieser Mensch noch weit kommen wird, Glück hat so ein Schuft! Ich möchte nur wissen, was er ihnen da zusteckt? Welche Beziehungen und Geheimnisse zwischen ihnen bestehen? Mein Gott! Wie, wenn auch ich mit ihm ein wenig ... – wenn ich ihn vielleicht fragen würde ... so und so ... ich werde vom Kampf zurücktreten ... nehmen wir einfach an, ich sei der Schuldige ... ich weiß doch, Exzellenz, es muß auch neue Beamte geben ... über alles aber, was mich angeht, über dieses Dunkle, Unerklärliche werde ich mich nicht mehr aufregen ... Auch widersprechen werde ich nicht mehr und alles in Geduld und Ergebung tragen – wie? Sollte ich nicht so handeln? ... Er ist sonst nicht zu fangen, der Halunke, und mit Worten nicht zu schlagen. Vernunft kann man ihm auch nicht in den Kopf bringen! Also ... wollen wir es versuchen. Sollte es sein, daß ich einen günstigen Augenblick erwische, so werde ich es versuchen ...“

In seiner Unruhe, Sorge und Verwirrung fühlte er, daß es so nicht bleiben könne, daß der entscheidende Augenblick gekommen sei, um sich endlich mit jemandem auseinanderzusetzen. Unser Held bewegte sich daher ein wenig auf die Stelle zu, wo sein abscheulicher und rätselhafter Feind stand, doch in demselben Augenblick rollte die langerwartete Equipage Seiner Exzellenz vor die Tür. Fedossejitsch riß die Tür auf, machte drei Bogen nacheinander, während Seine Exzellenz an ihm vorüberging. Die Wartenden stürzten alle auf einmal zum Ausgang und drängten Herrn Goljädkin den Älteren von Herrn Goljädkin dem Jüngeren ab.

„Du entgehst mir nicht!“ dachte unser Held, und schob sich durch die Menge, ohne den anderen aus dem Auge zu verlieren. Die Menge hatte sich endlich zerstreut, unser Held fühlte sich wieder befreit und stürzte seinem Feinde nach.