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Sämtliche Werke 14 cover

Sämtliche Werke 14

Chapter 74: XII.
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About This Book

The volume gathers two early narratives: one is an epistolary story that traces the tender, reciprocal correspondence between two impoverished acquaintances, offering close psychological observation, empathy, and a critique of social inequality; the other is a short psychological tale set in an urban setting in which an ordinary man perceives an uncanny double, precipitating paranoia, identity fracture, and a descent into delusion. Together the pieces contrast intimate human warmth and social realism with darker explorations of the uncanny, fate, and the unstable self, and they showcase emerging techniques of intense inner observation and moral sympathy alongside grotesque satire.

XII.

Petruschka trat ein, sonderbar nachlässig, mit einer triumphierenden Miene. Man sah ihm an, daß er sich irgend etwas dabei dachte und sich vollkommen in seinem Recht fühlte. Auch sah er ganz so aus, wie jemand, der keinen Dienst mehr ausübte, der bereits der Diener eines anderen war, und nicht mehr der seines früheren Herrn.

„Nun, siehst du, mein Lieber,“ begann atemschöpfend unser Held. „Wieviel Uhr ist es jetzt?“

Petruschka begab sich schweigend hinter den Verschlag, kehrte darauf langsam zurück und meldete in ziemlich gleichgültigem Tone, daß es bald halb acht Uhr sei!

„Nun gut, mein Lieber, gut. Siehst du, mein Lieber ... erlaube, daß ich dir sage, mein Lieber, daß zwischen uns, scheinbar, jetzt alles zu Ende ist.“

Petruschka schwieg.

„Nun, und jetzt, da zwischen uns alles zu Ende ist, sage mir aufrichtig, wie ein Freund sage mir, wo du warst, mein Lieber?“

„Wo ich war? Bei guten Menschen war ich.“

„Ich weiß es, mein Freund, ich weiß es. Ich war mit dir immer zufrieden, mein Lieber und werde dir ein gutes Zeugnis geben ... Nun, wirst du denn jetzt bei ihnen dienen?“

„Herr, Sie belieben ja selbst zu wissen ... Ein guter Mensch kann einen nichts Schlechtes lehren.“

„Ich weiß es, mein Lieber, ich weiß es. Gute Menschen gibt es jetzt selten. Schätze sie hoch, mein Freund. Nun, wer sind sie denn?“

„Das ist doch bekannt, wer ... jedenfalls kann ich bei Ihnen, Herr, nicht länger dienen. Sie belieben das selbst zu wissen.“

„Ich weiß es, mein Lieber, ich weiß es, ich kenne deinen Eifer, ich habe alles gesehen, alles bemerkt. Ich, mein Freund, achte dich. Ich achte jeden guten und ehrlichen Menschen, auch wenn er nur ein Diener ist.“

„Nun, das ist bekannt. Unsereiner muß dahin gehen, wo es besser ist. So ist’s. Sie belieben zu wissen, Herr, ohne einen guten Menschen kann ich nicht ... –“

„Schon gut, mein Lieber, schon gut. Ich weiß es ... Nun, hier hast du dein Geld und ein Zeugnis. Jetzt umarmen wir uns, und verzeihen uns gegenseitig ...“

Petruschka blickte ihn an.

„Nun, mein Lieber, bitte ich dich noch um einen Dienst, um einen letzten Dienst,“ sagte Herr Goljädkin in feierlichem Tone. „Siehst du, mein Lieber, alles ist möglich. Kummer, mein Freund, herrscht auch in Palästen, und man kann ihm nirgends entgehen. Du weißt, mein Freund, ich war gegen dich immer freundlich ...“

Petruschka schwieg.

„Ich war, dachte ich, immer freundlich gegen dich, mein Lieber ... Aber sag, was haben wir denn jetzt noch an Wäsche, mein Lieber?“

„Alles was da ist! Leinene Hemden sechs, Socken drei Paar, vier Vorhemden, eine Flanelljacke, Unterbeinkleider zwei. Sie wissen ja selbst alles. Ich, Herr, rühre von dem Ihrigen nichts an ... Ich, Herr, hüte Ihr Eigentum ... Ich, Herr, es ist Ihnen doch bekannt, habe mir nie eine Sünde ... Herr, Sie wissen doch selbst, Herr ...“

„Ich glaube dir, mein Freund, ich glaube Dir. Nicht das meine ich, mein Freund, nicht das, siehst du, mein Freund ...“

„Es ist bekannt, Herr, und wir wissen es ja! Als ich damals noch beim General Stolbujäkoff diente, da entließen sie mich, als sie selbst nach Saratoff reisten ... ein Gut haben sie dort ...“

„Nein, mein Freund, ich rede nicht davon, denke nicht etwa ... mein lieber Freund ...“

„Das ist bekannt. Wie sollte wohl unsereins – Sie belieben das ja selbst zu wissen –, Leute verleumden! Aber mit mir war man überall zufrieden. Das waren Minister, Generäle, Senatoren, Grafen. Ich diente bei vielen, beim Fürsten Swintschatkin, beim Hauptmann Pereborkin, beim General Njedobaroff, sie fuhren alle auf ihre Güter ... Das ist doch bekannt ...“

„Gewiß, mein Freund, gewiß, gut, mein Freund, gut. Siehst du, mein Freund, auch ich werde jetzt verreisen ... Jeder hat seinen Weg, mein Lieber, und keiner weiß, wohin er verschlagen wird! ... Jetzt, mein Freund, muß ich mich umkleiden. Gib mir die Uniform heraus, andere Beinkleider, Tücher, Betten, Kissen ...“

„Soll ich alles in ein Bündel packen?“

„Ja, mein Freund, meinetwegen alles in ein Bündel! Wer weiß, was noch alles mit mir geschehen wird! ... Nun, jetzt, mein Lieber, gehe und hole mir einen Wagen ...“

„Einen Wagen?“

„Ja, mein Freund, einen Wagen, einen bequemen – miete einen auf längere Zeit! Aber du, mein Freund, mußt nicht etwa denken ...“

„Wollen Sie weit fahren? ...“

„Ich weiß es nicht, mein Freund, das weiß ich selbst nicht. Ich denke, ein Federbett muß man auch hineinlegen. Wie denkst du, mein Freund? Ich verlasse mich ganz auf dich, mein Lieber ...“

„Wünschen Sie sofort abzufahren?“

„Ja, mein Freund, ja! Die Umstände verlangen es ... so steht es, mein Lieber, so steht es ...“

„Ich verstehe, Herr! Damals, bei uns im Regiment, war das mit einem Leutnant ebenso: von einem Gutsbesitzer weg ... entführte er sie ...“

„Entführte? ... Wie! Mein Lieber, du ...“

„Ja, entführte, und im nächsten Ort wurden sie getraut. Alles war schon vorbereitet worden ... Es gab eine Verfolgung. Der jetzt verstorbene Fürst jagte ihnen selbst nach, nun ... die Sache wurde beigelegt ...“

„Sie wurden getraut. Ja? ... Du, mein Lieber, wie weißt du denn das, mein Lieber?“

„Nun, das ist doch bekannt! Die Erde trägt das Gerücht weiter, Herr! Wir wissen doch alles, Herr. Natürlich, wer ist denn ohne Sünde? Aber, ich sage Ihnen jetzt nur, Herr, einfach, geradeaus, Herr: wenn das jetzt so ist, so sage ich Ihnen, Herr, daß Sie einen Feind haben, einen Nebenbuhler, Herr, einen starken Nebenbuhler, so ist’s! ...“

„Ich weiß, mein Freund, ich weiß. Du weißt es also auch, mein Lieber ... Nun, darin kann ich mich ganz auf dich verlassen! Was sollen wir also tun, mein Freund, was kannst du mir raten?“

„Aber, Herr, wenn Sie sich auf solche Sachen gelegt haben, Herr, dann müssen Sie noch etwas dazukaufen, wie Laken, Kissen, ein anderes Federpfühl, ein zweischläfriges, eine gute Decke ... hier beim Nachbarn unten ist eine Verkäuferin, Herr, die hat einen Fuchspelz zu verkaufen, den könnte man sich ansehen, sofort hingehen, ansehen und kaufen. Sie werden ihn nötig haben, Herr, ein schöner Fuchspelz mit Atlas bezogen ...“

„Schon gut, mein Freund, schon gut; ich bin ganz mit dir einverstanden; ich verlasse mich ganz auf dich. Meinetwegen, also den Pelz ... Aber nur schnell, schnell! Um Gottes willen, schnell! Ich werde auch den Pelz kaufen, nur bitte – schnell! Es ist bald acht Uhr, schneller, um Gottes willen, schneller, mein Freund! Beeile dich, mein Freund! ...“

Petruschka warf das Bündel Wäsche, Kissen, Decken, Laken und all den anderen Kram zu Boden und stürzte aus dem Zimmer. Herr Goljädkin griff unterdessen noch einmal zum Brief, doch lesen konnte er ihn nicht. Mit beiden Händen griff er nach seinem armen Kopf und lehnte sich vor Verwunderung an die Wand. Denken konnte er an nichts, tun konnte er auch nichts, er wußte selbst nicht, was er beginnen sollte. Endlich, als er bemerkte, daß die Zeit verstrich, und weder Petruschka noch der Fuchspelz erschienen war, entschloß sich Herr Goljädkin, selbst zu gehen. Als er die Tür zum Flur öffnete, hörte er unten auf der Treppe lärmen, sprechen, zetern ... Einige Nachbarsleute schrien und stritten sich – und Herr Goljädkin wußte sofort, worüber. Er hörte Petruschkas Stimme und darauf Schritte nahen. „Gütiger Himmel! sie werden die ganze Welt zusammenrufen!“ stöhnte Herr Goljädkin, rang die Hände vor Verzweiflung und stürzte zurück in sein Zimmer. Dort warf er sich fast besinnungslos auf den Diwan, mit dem Gesicht in die Kissen. Nachdem er einen Augenblick so gelegen hatte, sprang er wieder auf und ohne Petruschka zu erwarten, zog er seine Galoschen und seinen Mantel an, setzte seinen Hut auf, griff nach seinen Papieren und stürzte auf die Treppe hinaus.

„Es ist nichts nötig, mein Lieber! Ich werde selbst, ich werde alles selbst besorgen. Laß nur vorläufig alles so stehen, unterdessen wird sich vielleicht das Ganze zum besten wenden,“ flüsterte Herr Goljädkin eilig Petruschka zu, dem er auf der Treppe begegnete. Darauf lief er die Treppe hinunter und zum Hause hinaus. Sein Herz stand ihm still – er konnte sich zu nichts entschließen ... Was sollte er beginnen, wie sollte er in dieser kritischen Lage handeln ...

„Nun, wie soll ich handeln? Herr, du mein Gott, das mußte gerade noch kommen!“ rief er endlich verzweifelt aus und strich ziellos die Straße entlang, „das mußte gerade noch kommen! Wenn nur das nicht wäre, gerade das, dann würde sich noch alles ordnen und beilegen lassen, mit einem Schlage, mit einem gewandten und festen Schlage würde es sich machen lassen. Ich lasse mir den Finger abschneiden, daß es sich machen ließe! Und ich weiß sogar, auf welche Weise es zu machen ginge. Es würde so gemacht werden: Ich würde also – ich würde das und das, das heißt würde so und so sagen ... ‚mein Herr, mit Erlaubnis gesagt, solche Sachen tut man nicht, mein sehr geehrter Herr, solche Sachen tut man nicht und mit Betrug erreicht man gar nichts: ein Usurpator, mein Herr, ist ein unnützer Mensch, das heißt ein Mensch, der seinem Vaterlande keinen Nutzen bringt. Verstehen Sie das? Verstehen Sie das wohl, mein sehr geehrter Herr?!‘ So, – ja so wäre es zu machen! ...“

„Doch übrigens, – nein: wie ist das ... Das wäre auch nicht das Richtige, durchaus nicht das Richtige ... Was lüge ich, Dummkopf, Erzdummkopf! Ich, Selbstmörder, ich ... Du verworfener Mensch, so wird es nun kommen! ... Wohin soll ich mich jetzt verkriechen? Was werde ich zum Beispiel jetzt mit mir anfangen? Wozu tauge ich jetzt noch? Wozu taugst du jetzt noch, Goljädkin, du Unwürdiger! Was – nun?

Einen Wagen muß ich nehmen. Also nimm, bitte, einen Wagen für sie, sonst macht sie sich die Füßchen naß, wenn es keinen Wagen gibt ... oh, wer hätte das denken können? Ei, ei, meine Dame, ei, ei, mein wohlanständiges Fräulein! Sie haben sich ausgezeichnet, meine Herrin, ausgezeichnet ... Und das kommt alles von der schlechten Erziehung. Wie ich das jetzt übersehe und es durchschaut habe – so ist alles Sittenlosigkeit. Man hätte ihr von Jugend auf – die Rute, tüchtig die Rute geben sollen, sie aber haben sie statt dessen mit Konfekt und allen Süßigkeiten gefüttert und der Alte selbst heulte ihr die Ohren voll: ‚Ach, du meine Liebe, meine Gute, ich werde dich an einen Grafen verheiraten! ...‘

Und was ist dabei herausgekommen? Sie hat uns jetzt ihre Karten gezeigt, da – habt ihr es, das ist mein Spiel! Wenn sie sie doch zu Hause erzogen hätten, statt sie in die Pension zu der französischen Madame zu geben, irgend so einer Emigrantin! Da lernen sie wohl viel Gutes, bei der Emigrantin ... und – da kommt dann so etwas heraus! Gehen Sie jetzt und freuen Sie sich! ‚Seien Sie mit dem Wagen um so und so viel Uhr unter meinem Fenster und singen Sie eine gefühlvolle spanische Romanze: ich werde Sie erwarten, ich weiß, daß Sie mich lieben, fliehen wir zusammen, um in einer Hütte zu leben!‘

Doch, am Ende geht das nicht an: wenn Sie schon so weit gehen, meine Dame ... das geht nicht an! Die Gesetze verbieten es, ein ehrliches und unschuldiges Mädchen ohne Einwilligung der Eltern aus dem Elternhause zu entführen! Und schließlich auch: warum? Ich sehe gar keine Notwendigkeit. Mag sie heiraten, wie es sich gehört, und wen das Geschick ihr bestimmt hat, das wäre eine vernünftige Sache. Ich aber bin ein Beamter und kann deshalb meine Stellung verlieren. Ich, meine Dame, kann deshalb vor Gericht kommen! Sehen Sie, so ist’s, wenn Sie das noch nicht gewußt haben! Diese Deutsche hat das alles eingebrockt, dieser ganze Wirrwarr geht von ihr aus. Deshalb haben sie einen Menschen verleumdet. Deshalb haben sie Weibergeschwätz über ihn ausgedacht, auf den Rat Andrej Philippowitschs. Von dort kommt alles her. Denn sonst, warum haben sie Petruschka hineingezogen? Was hat denn der mit der Sache zu schaffen? Was hat der Schelm bei ihr zu tun?

‚Nein, es geht nicht, meine Dame, es geht wirklich nicht, ich kann nicht ... Für dieses Mal, meine Dame, müssen Sie mich schon entschuldigen. Das kommt alles von Ihnen, meine Dame, nicht von der Deutschen, nicht von der Hexe, sondern einfach von Ihnen selbst. Denn die Hexe ist eine gute Frau, die Hexe ist an nichts schuld, sondern Sie, meine Dame, Sie sind schuld – so ist es! Sie, meine Dame, bringen mich vors Gericht, – unter falschen Anschuldigungen ...‘ Da muß der Mensch zugrunde gehen, da muß der Mensch an sich selbst zugrunde gehen und kann sich selbst nicht erhalten, – wie kann man denn da noch heiraten! Und wie wird denn das alles enden? Und was soll daraus jetzt werden? Ich würde viel darum geben, wenn ich das wissen könnte! ...“

So dachte unser Held in seiner Verzweiflung. Als er plötzlich zu sich kam, bemerkte er, daß er irgendwo auf der Liteinaja stand. Das Wetter war schauderhaft, es taute, vom Himmel fiel Regen und Schnee zusammen, genau wie zu jener unvergeßlichen Stunde um Mitternacht, als das Unglück Herrn Goljädkins seinen Anfang nahm.

„Was wäre das für eine Reise,“ dachte Herr Goljädkin, nach dem Wetter sehend, „das wäre einfach Selbstmord ... Herr des Himmels, wo soll ich denn hier einen Wagen finden? Dort in der Ecke scheint etwas Schwarzes zu dämmern! Wir wollen sehen! ... Herr, du mein Gott,“ fuhr unser Held fort und lenkte seine wankenden Schritte auf die Seite hin, wo so etwas Ähnliches wie ein Wagen stand. „Nein, ich weiß, was ich tue! Ich gehe zu ihm, falle ihm zu Füßen und werde ihn, wenn’s nötig ist, anflehen. So und so: in Ihre Hände lege ich mein Schicksal, in die Hände der Behörde, Ew. Exzellenz, beschützen Sie und begnadigen Sie einen Menschen. Es wäre ein ungesetzliches Verfahren: richten Sie mich nicht zugrunde, ich flehe Sie an, als meinen Vater flehe ich Sie an, verlassen Sie mich nicht ... Retten Sie meine Ehre, meinen Namen, meine Familie ... Retten Sie mich vor dem Bösewicht, vor dem verworfenen Menschen ... Er ist ein anderer Mensch, Ew. Exzellenz, und auch ich bin ein anderer Mensch! Er ist einer für sich und ich bin einer für mich, wirklich, ich bin ganz für mich, Ew. Exzellenz, ich bin etwas ganz für mich. Ew. Exzellenz, so ist’s! Das heißt, ich kann gar nicht Er sein! Ändern Sie das, befehlen Sie, das zu ändern mit ihm und diesem ganzen Doppeltsein! ... Zum Beispiel für andere, Ew. Exzellenz! Ich spreche zu Ihnen, wie zu meinem Vater! Die Behörde, die wohltätige und ehrwürdige Behörde, sollte so etwas unterstützen ... Es liegt meiner Bitte etwas Moralisches zugrunde. Das heißt, wie gesagt, ich wende mich an die Behörde, wie an einen Vater, und vertraue ihr mein Schicksal an. Ich werde nicht murren, ich selbst werde mich von allen zurückziehen, so ist’s!“

„Nun, mein Lieber, bist du frei?“

„Ja, Herr.“

„Habe den Wagen für den Abend nötig ...“

„Belieben Sie weit zu fahren, Herr?“

„Den Abend, den Abend: wie es kommt, mein Lieber, wie es kommt.“

„Wünschen Sie außerhalb der Stadt zu fahren?“

„Ja, mein Freund, vielleicht auch das. Ich weiß es selbst noch nicht genau, mein Lieber, ich kann es deshalb ganz bestimmt noch nicht sagen. Siehst du, mein Lieber, es kann sich noch alles zum besten wenden. Es ist ja bekannt, mein Freund ...“

„Ja, freilich, Herr, Gott gebe es!“

„Ja, mein Freund, ja ich danke dir, mein Lieber. Aber was nimmst du dafür, mein Lieber? ...“

„Belieben Sie sofort zu fahren?“

„Ja, sofort, das heißt, nein, an einer Stelle wartest du ein wenig ... so, nur ein wenig, nicht lange, mein Lieber ...“

„Ja, wenn Sie mich schon auf den ganzen Abend nehmen wollen, so kann ich bei diesem Wetter nicht weniger als sechs Rubel ...“

„Nun gut, mein Lieber, schon gut, ich danke dir, mein Lieber. Und jetzt kannst du mich gleich fahren, mein Lieber.“

„Steigen Sie ein: erlauben Sie, ich habe hier noch ein wenig zurechtzumachen ... Steigen Sie nur ein. Wohin befehlen Sie zu fahren?“

„Zur Ismailoffbrücke, mein Freund.“

Der Droschkenkutscher kletterte auf den Bock und setzte seine beiden Gäule, die er nur mit aller Gewalt vom Heusack wegreißen konnte, in der Richtung auf die Ismailoffbrücke in Bewegung. Doch plötzlich zog Herr Goljädkin an der Schnur, ließ den Wagen anhalten und bat mit flehender Stimme den Kutscher, nicht zur Ismailoffbrücke, sondern in eine bestimmte andere Straße zu fahren. Der Kutscher kehrte um und in zehn Minuten stand die Equipage Herrn Goljädkins vor dem Hause, welches Seine Exzellenz bewohnte. Herr Goljädkin stieg aus dem Wagen, bat seinen Kutscher inständig, zu warten und lief selbst mit zitterndem und zagendem Herzen die Treppe hinauf, in den zweiten Stock. Er klingelte, die Tür wurde geöffnet und unser Held befand sich im Vorzimmer der Exzellenz.

„Ist Ihre Exzellenz zu Hause?“ wandte sich Herr Goljädkin an den Menschen, der ihm die Tür öffnete.

„Was wünschen Sie?“ fragte ihn der Lakai, der Herrn Goljädkin vom Kopf bis zu den Füßen betrachtete.

„Ich, mein Freund, heiße Goljädkin, Titularrat Goljädkin. Ich wünsche – Exzellenz zu sprechen ...“

„Warten Sie bis morgen.“

„Mein Freund, ich kann nicht warten: meine Sache ist zu wichtig ... meine Sache duldet keinen Aufschub ...“

„Ja, von wem kommen Sie denn? Haben Sie eine Aufforderung?“

„Nein, mein Freund, ich komme nur so ... Melde mich, mein Freund, sage: so und so, um zu erklären ... Und ich werde mich dir dankbar erweisen, mein Lieber ...“

„Es ist nicht erlaubt. Mir ist streng befohlen, niemanden vorzulassen. Es sind Gäste da. Kommen Sie morgen um zehn Uhr ...“

„Melden Sie mich an, mein Lieber, ich kann unmöglich warten! Sie, mein Lieber, werden sonst die Verantwortung ...“

„So geh doch, melde ihn. Bist mir auch ein Fauler!“ sagte ein anderer Lakai, der sich auf einer Bank rekelte und bis jetzt noch kein Wort gesagt hatte.

„Ach was, faul! Es ist nun einmal befohlen, niemanden vorzulassen, verstehst du? Die Empfangsstunden sind am Morgen.“

„Melde ihn trotzdem! Glaubst wohl, es könnte deiner Zunge schaden!“

„Na, ich kann ihn ja anmelden, meiner Zunge wird’s nicht schaden! Es ist aber befohlen ... Treten Sie in dieses Zimmer.“

Herr Goljädkin trat in das nächste Zimmer. Auf dem Tisch stand eine Uhr, er sah, daß es halb neun war. In seinem Innern tobte die Unruhe. Er wollte schon wieder umkehren, doch im selben Augenblick rief der Diener, der an der Schwelle zum nächsten Zimmer stand, laut seinen Namen.

„Das ist mal eine Stimme!“ dachte in unbeschreiblicher Verwirrung unser Held. „Was werde ich nur sagen? Ich werde sagen: so und so ... so ist’s ... ich bin gekommen, demütig und untertänigst zu bitten ... geruhen Sie, mich anzuhören – ... Doch nun ist die ganze Sache verdorben, alles in den Wind zerstreut. Oder ... was tut’s ...“ Er hatte übrigens keine Zeit, weiter nachzudenken. Der Lakai kehrte zurück und führte Herrn Goljädkin ins Kabinett Seiner Exzellenz.

Als unser Held eintrat, fühlte er sich wie geblendet, er konnte überhaupt nichts sehen ... Zwei – drei Gestalten tauchten undeutlich vor seinen Augen auf: „Nun, das sind wohl die Gäste,“ ging es Herrn Goljädkin durch den Kopf. Schließlich konnte unser Held den Stern auf dem schwarzen Frack der Exzellenz deutlich erkennen. Damit kam er denn zur Besinnung und erhielt wenigstens sein Unterscheidungsvermögen wieder ...

„Was gibt’s?“ fragte eine bekannte Stimme Herrn Goljädkin.

„Titularrat Goljädkin, Ew. Exzellenz.“

„Nun?“

„Ich bin gekommen, um zu erklären ...“

„Wie? Was?“

„Ja, so ist es. Das heißt, so und so, ich bin gekommen, um zu erklären, Ew. Exzellenz ...“

„Sie ... ja, wer sind Sie denn eigentlich?“

„Ti–ti–tu–lar–rat ... Goljädkin, Ew. Exzellenz.“

„Nun, was wünschen Sie?“

„Das heißt, so und so, ich betrachte Sie als meinen Vater: ich selbst halte mich ganz aus der Sache, und bitte Sie nur, mich vor meinem Feinde zu beschützen, – das ist alles!“

„Was heißt das?“

„Es ist doch bekannt ...“

„Was ist bekannt?“

Herr Goljädkin verstummte: sein Kinn fing an zu zittern ...

„Nun?“

„Ich dachte, moralisch, – Ew. Exzellenz ... ich meinte, in moralischem Sinne: Ew. Exzellenz als Vater anerkennen ... das heißt, so und so, beschützen Sie mich, unter Trä–ä–nen bi–bi–tte ich, so etwas zu – zu – un–ter–stützen ...“

Seine Exzellenz wandte sich ab. Unser Held konnte für einen Augenblick wieder nichts mehr wahrnehmen. Seine Brust war wie zusammengepreßt. Der Atem ging ihm aus. Er wußte nicht mehr, wie er sich auf den Beinen halten sollte ... Er schämte sich und unsagbar traurig war ihm zumute. Gott weiß, was ihn erwartete ...

Als unser Held wieder zu sich kam, bemerkte er, daß Seine Exzellenz mit seinen Gästen sehr lebhaft sprach und sich mit ihnen zu beraten schien. Einen der Gäste erkannte Herr Goljädkin. Es war Andrej Philippowitsch. Den anderen dagegen erkannte er nicht, obgleich ihm das Gesicht sehr bekannt schien: eine hohe volle Erscheinung, in älteren Jahren, mit buschigen Brauen, mächtigem Backenbart und scharfem, ausdrucksvollem Gesicht. Am Halse des Unbekannten hing ein Orden und eine Zigarre stak zwischen den Zähnen. Der Unbekannte rauchte, und ohne die Zigarre aus dem Munde zu nehmen; nickte er bedeutsam mit dem Kopfe, von Zeit zu Zeit zu Herrn Goljädkin hinüberblickend.

Herr Goljädkin fühlte sich fürchterlich unbehaglich. Er wandte seinen Blick zur Seite, und dabei bemerkte er – einen sehr sonderbaren Gast. In der Tür, die unser Held bis jetzt für einen Spiegel angesehen hatte, wie es ihm schon einmal passiert war – erschien er – wir wissen ja schon, wer: der Bekannte und Freund Herrn Goljädkins. Herr Goljädkin der Jüngere hatte sich bis dahin offenbar in einem kleinen Zimmer aufgehalten, um schnell etwas niederzuschreiben. Jetzt hatte man ihn wohl nötig und er war – erschienen. Mit Papieren unter dem Arm, ging er auf Seine Exzellenz zu und in Erwartung, daß sich die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn lenken werde, gelang es ihm auch, sich alsbald sehr geschickt ins Gespräch und in die Beratung mit einzumischen. Er nahm seinen Platz hinter dem Rücken Andrej Philippowitschs ein und wurde teilweise verdeckt von dem Unbekannten, der die Zigarre rauchte.

Ohne weiteres nahm Herr Goljädkin der Jüngere Anteil am Gespräch, dem er mit Eifer folgte, zu dem er mit dem Kopfe nickte, während er in einem fort lächelte und jeden Augenblick Seine Exzellenz ansah, ganz als flehte er mit seinen Blicken um die Erlaubnis, auch ein Wörtchen einzuflechten.

„Schurke!“ dachte Herr Goljädkin und trat unwillkürlich einen Schritt auf ihn zu. In diesem Augenblicke kehrte sich Seine Exzellenz um und näherte sich selbst, etwas unentschieden, Herrn Goljädkin.

„Nun, gut, gut: gehen Sie mit Gott. Ich werde Ihre Sache nachprüfen, und Sie werde ich begleiten lassen ...“ Seine Exzellenz blickte auf den Unbekannten mit dem Backenbart. Dieser nickte zum Zeichen seiner Einwilligung mit dem Kopf.

Herr Goljädkin empfand es und verstand nur zu genau, daß man ihn für etwas anderes nahm und ihn durchaus nicht so behandelte, wie es sich gehörte. „So oder so, aber erklären muß ich mich,“ dachte er, „das heißt: so und so, Ew. Exzellenz!“ Hierbei richtete er in der Verwirrung seine Augen zu Boden und zu seiner äußersten Verwunderung sah er auf den Stiefeln Seiner Exzellenz einen großen weißen Fleck.

„Sind sie wirklich geplatzt?“ dachte Herr Goljädkin. Doch bald entdeckte Herr Goljädkin, daß die Stiefel Seiner Exzellenz durchaus nicht geplatzt waren, sondern nur stark funkelten, ein Phänomen, das sich daraus erklärte, daß die Stiefel von Lack waren und stark glänzten. „Das nennt man aber blank sein,“ dachte Herr Goljädkin, und als er seinen Blick wieder erhob, erkannte er, daß es Zeit war, zu reden, weil die Sache sich sonst zu einem schlechten Ende wenden konnte ... Unser Held trat also einen Schritt nach vorn.

„Das heißt ... so und so ... Ew. Exzellenz,“ sagte er. „Ich meine doch, einen falschen Namen zu tragen, ist in unserer Zeit doch wohl nicht erlaubt.“

Seine Exzellenz antwortete ihm nichts mehr, sondern zog nur heftig an der Glockenschnur. Unser Held trat noch einen Schritt vor.

„Er ist ein gemeiner und verdorbener Mensch, Ew. Exzellenz,“ sagte unser Held, ohne sich zu besinnen, ersterbend vor Furcht, und wies trotz alledem kühn und entschlossen auf seinen unwürdigen Doppelgänger, der sich diesen Augenblick dicht bei Seiner Exzellenz zu schaffen machte. „So und so ... das heißt ... ich spiele auf eine bestimmte Person an.“

Auf diese Worte Herrn Goljädkins folgte eine allgemeine Bewegung. Andrej Philippowitsch und der Unbekannte nickten sich gegenseitig zu. Seine Exzellenz riß noch einmal ungeduldig aus allen Kräften an der Glockenschnur, um seine Leute herbeizurufen. In diesem Augenblick trat Herr Goljädkin der Jüngere vor.

„Ew. Exzellenz,“ sagte er, „untertänigst bitte ich um die Erlaubnis, sprechen zu dürfen.“ In der Stimme Herrn Goljädkins des Jüngeren lag äußerste Entschlossenheit. Alles an ihm drückte aus, daß er sich vollkommen in seinem Recht fühlte.

„Erlauben Sie zu fragen,“ begann er von neuem, eifrig einer Antwort Seiner Exzellenz zuvorkommend, und wandte sich diesmal an Herrn Goljädkin selbst. „Erlauben Sie zu fragen, in wessen Gegenwart Sie sich so auszudrücken belieben? Wissen Sie, vor wem Sie stehen und in wessen Kabinett Sie sich befinden? ...“ Herr Goljädkin der Jüngere war außer sich vor Erregung und ganz rot vor Zorn und Unwillen: Tränen der Empörung traten ihm in die Augen.

„Die Herren Bassawrjukoff!“ rief in diesem Augenblick der Lakai mit lauter Stimme, indem er in der Tür des Kabinetts erschien.

„Eine berühmte adelige Familie aus Klein-Rußland,“ dachte Herr Goljädkin und fühlte im selben Augenblick, wie eine Hand sich ihm in sehr freundschaftlicher Weise auf den Rücken legte. Zugleich legte sich ihm noch eine Hand auf den Rücken und das gemeine Ebenbild von Herrn Goljädkin lief voran und zeigte nach der Tür, als wiese er ihm den Weg – Herr Goljädkin fühlte es deutlich, wie er gewaltsam auf die große Ausgangstür des Kabinetts hinbewegt wurde.

„Genau so wie bei Olssuph Iwanowitsch,“ dachte er, als er sich schon im Vorzimmer befand, begleitet von zwei Lakaien Seiner Exzellenz und von seinem unvermeidlichen Ebenbilde.

„Den Mantel, den Mantel, den Mantel meines Freundes! Den Mantel meines besten Freundes!“ schrie der verworfene Mensch, riß den Mantel aus den Händen des Dieners und warf zur allgemeinen Erheiterung den Mantel Herrn Goljädkin über den Kopf. Während Herr Goljädkin unter seinem Mantel wieder hervorkroch, hörte er deutlich das Gelächter der Diener. Doch er achtete nicht darauf und kümmerte sich um nichts. Ruhig trat er aus dem Vorzimmer auf die hellerleuchtete Treppe hinaus. Herr Goljädkin der Jüngere folgte ihm.

„Leben Sie wohl, Ew. Exzellenz!“ rief dieser Herrn Goljädkin dem Älteren nach.

„Schurke!“ sagte unser Held außer sich.

„Nun, meinetwegen ein Schurke ...“

„Verworfener Mensch! ...“

„Nun, meinetwegen auch ein verworfener Mensch ...“ antwortete dem würdigen Herrn Goljädkin sein unwürdiger Feind mit der ihm eigenen Gemeinheit und sah frech, oben von der Treppe hinunter und ohne die Augen niederzuschlagen Herrn Goljädkin an, als forderte er ihn auf, so weiter fortzufahren. Unser Held spie aus vor Empörung und stürzte zum Hause hinaus. Er war so zerschlagen, daß er kaum wußte, wie er in den Wagen gelangte. Als er endlich zu sich kam, sah er, daß er an der Fontanka entlang fuhr. „Wahrscheinlich fährt er nach der Ismailoffbrücke,“ dachte Herr Goljädkin. Hier wollte Herr Goljädkin noch etwas denken, doch es gelang ihm nicht: es war etwas so Entsetzliches, das zu erklären unmöglich schien ...

„Nun, tut nichts,“ schloß unser Held und fuhr weiter zur Ismailoffbrücke.