Mein Gott, daß es so enden würde, so!
Ich kam um neun Uhr. Sie war bereits da. Ich erblickte sie schon von weitem: sie stand wie damals, als ich sie zum ersten Male sah, damals, am Kai, und stützte sich auf das Geländer und hörte nicht, wie ich mich ihr näherte.
„Nasstenka!“ rief ich sie an, kaum fähig, meine Erregung zu bezwingen.
Sie fuhr zusammen und wandte sich schnell nach mir um.
„Nun,“ sagte sie, „nun? Schneller!“
Ich sah sie verständnislos an.
„Geben Sie mir den Brief! Sie haben doch den Brief gebracht?!“ Ihre Hand griff nach dem Geländer.
„Nein, ich habe keinen Brief,“ sagte ich langsam. „Ist er denn noch nicht hier gewesen?“
Sie ward unheimlich blaß und sah mich lange starr an. Ich hatte ihre letzte Hoffnung vernichtet.
„Gott mit ihm!“ sagte sie endlich mit stockender Stimme und zuckenden Lippen. „Gott mit ihm, wenn er mich so verläßt ...“
Sie schlug die Augen nieder – wollte dann zu mir aufsehen, vermochte es aber nicht. Eine Weile stand sie noch und meisterte ihre Erregung, dann wandte sie sich plötzlich fort, stützte die Ellenbogen auf das Geländer und brach in Tränen aus.
„Beruhigen Sie sich! Beruhigen Sie sich!“ suchte ich sie zu trösten, doch hatte ich beim Anblick ihres Kummers nicht mehr die Kraft, fortzufahren – und was sollte ich ihr denn auch sagen?
„Suchen Sie nicht mich zu trösten,“ sagte sie weinend, „reden Sie nicht von ihm, sagen Sie nicht, daß er noch kommen wird, und es nicht wahr sei, daß er mich so grausam verlassen habe, so unmenschlich grausam, wie er es getan! Und warum, warum? Sollte denn wirklich etwas Schlechtes in meinem Brief gewesen sein, in diesem unseligen Brief? ...“
Erneutes Schluchzen erstickte ihre Stimme. Ich glaubte, mein Herz müsse brechen vor Mitleid.
„Oh, wie unmenschlich grausam das ist!“ begann sie wieder.
„Und keine Zeile, kein Wort! Wenn er doch wenigstens geantwortet hätte, geschrieben, daß er mich nicht brauche, daß er mich nicht wolle! Aber so – nicht eine Zeile, nicht ein Wort in den ganzen drei Tagen! Wie leicht es ihm fällt, mich zu kränken, ein armes schutzloses Mädchen zu verletzen, dessen einzige Schuld nur darin besteht, ihn zu lieben! Oh, was ich in diesen drei Tagen durchgemacht habe! Mein Gott! Mein Gott! Wenn ich denke, daß ich das erstemal ungerufen, ungebeten zu ihm gegangen bin, daß ich mich vor ihm erniedrigt habe, geweint, daß ich ihn um ein wenig, nur ein wenig Liebe gebeten ... Und jetzt das! ... Nein, wissen Sie,“ – sie wandte sich mir wieder zu und ihre dunklen Augen sprühten – „es ist ja nicht möglich! Es kann doch nicht so sein! Das ist doch unmenschlich! Entweder habe ich mich getäuscht – oder Sie! Vielleicht hat er den Brief gar nicht erhalten? Vielleicht weiß er bis jetzt noch nichts von ihm? Anders ist es doch nicht möglich, urteilen Sie doch selbst, sagen Sie mir, um Gottes willen, erklären Sie mir – ich kann es nicht begreifen – wie kann man einen Menschen so barbarisch roh behandeln, wie er mich behandelt hat! Kein einziges Wort auf meinen Brief! Selbst mit dem unwürdigsten Menschen geht man doch mitleidiger um! Oder – oder sollte ihm jemand etwas über mich erzählt haben?“ wandte sie sich plötzlich an mich. „Wie? was meinen Sie?“
„Wissen Sie was, Nasstenka: ich werde morgen zu ihm gehen, in Ihrem Namen.“
„Und?“
„Und ich werde ihn einfach fragen und ihm alles erzählen.“
„Und dann?“
„Und Sie schreiben ihm einen Brief. Sagen Sie nicht nein, Nasstenka, sagen Sie nicht nein! Ich werde ihn zwingen, Ihre Handlungsweise zu achten, er soll alles erfahren, und wenn er ...“
„Nein, mein Freund, nein!“ fiel sie mir ins Wort. „Lassen Sie es gut sein. Von mir wird er weiter kein Wort hören, kein Wort. Ich kenne ihn nicht mehr, ich liebe ihn nicht mehr, ich werde ihn ... ver ... ges ... sen ...“
Sie sprach nicht weiter.
„Beruhigen Sie sich, beruhigen Sie sich! Setzen Sie sich hier auf die Bank, Nasstenka,“ redete ich ihr zu und führte sie ein paar Schritte weiter, auf die Bank zu ...
„Ich bin ja ruhig. Schon gut. Das ist nun einmal so. Diese Tränen – die werden schon versiegen! Was glauben Sie denn – daß ich mich umbringen werde, mich etwa ertränken werde? ...“
Mein Herz war zum Zerspringen voll. Ich wollte sprechen, aber ich konnte nicht.
„Hören Sie!“ fuhr sie fort und sie ergriff meine Hand. „Sagen Sie: Sie würden doch nicht so gehandelt haben? Sie würden doch nicht dem Mädchen, das selbst zu Ihnen gekommen ist, weil es sein schwaches dummes Herz nicht zu meistern verstand – mit einem Hohnlachen antworten? Sie würden sie doch sicherlich geschont haben? Sie würden sich doch sagen, daß sie allein stand? daß sie vom Leben noch nichts wußte und daß sie sich nicht in acht zu nehmen und vor der Liebe zu Ihnen zu bewahren verstand, und daß das Ganze nicht ihre Schuld ist ... daß sie nichts getan hat ... O mein Gott! mein Gott!“
„Nasstenka!“ rief ich, unfähig, meine Erregung noch langer zurückzuhalten, „Nasstenka, Sie martern mich! Sie zerreißen mein Herz, Sie töten mich, Nasstenka! Ich kann nicht länger schweigen! Ich muß endlich sprechen, muß es aussprechen, was hier aus meinem Herzen heraus muß.“
Während ich das sagte, erhob ich mich von der Bank. Sie nahm meine Hand und sah mich verwundert an.
„Was ist mit Ihnen?“ fragte sie schließlich.
„Lassen Sie mich alles sagen, Nasstenka!“ bat ich entschlossen. „Erschrecken Sie nicht, Nasstenka, was ich Ihnen jetzt sagen werde, ist alles Unsinn, ist unmöglich und dumm! Ich weiß, daß es sich niemals verwirklichen wird, aber ich kann nicht länger schweigen – bei allem, was Sie jetzt leiden, beschwöre ich Sie und bitte ich Sie, mir im voraus zu verzeihen! ...“
„Aber was, was ist es denn?“ Sie hatte schon aufgehört, zu weinen, und sah mich unverwandt an. In ihren erstaunten Augen lag eine seltsame Neugier. „Was haben Sie nur?!“
„Es ist ja unmöglich, Nasstenka, ich weiß es, aber ich – ich liebe Sie, Nasstenka! Das ist es! So, jetzt ist alles gesagt! ... Jetzt wissen Sie, ob Sie so zu mir sprechen dürfen, wie Sie es soeben taten, und auch, ob Sie das anhören dürfen, was ich Ihnen noch sagen will ...“
„Ja was ... was denn? ... Was ist denn dabei? Ich weiß es doch schon lange, daß Sie mich lieben, es schien mir nur immer, daß Sie mich bloß – so ... einfach irgendwie – liebhätten ... Ach Gott!“
„Anfangs war es auch einfach so, Nasstenka, jetzt aber, jetzt! ... mit mir ist es ebenso wie mit Ihnen, als Sie damals mit Ihrem Bündelchen zu ihm gingen. Nein, ich bin noch schlimmer daran, als Sie, Nasstenka, denn er liebte damals niemand. Sie aber lieben ...“
„Was sagen Sie mir da! Ich ... ich verstehe Sie nicht. Aber, hören Sie, warum denn das ... oder, nein, wozu denn das alles, und so plötzlich ... Gott! Was für Dummheiten ich rede! Aber Sie ...“
Nasstenka geriet vollends in Verwirrung, ihre Wangen färbten sich purpurn und sie sah zu Boden.
„Was soll ich denn tun, Nasstenka, was soll ich denn? Ich bin schuld, ich habe da irgend etwas mißbraucht ... Oder nein! nein, Nasstenka, ich habe keine Schuld, Nasstenka. Ich fühle das, ich spüre es, denn mein Herz sagt mir, daß ich kein Unrecht tue, ich kann Sie doch damit nicht kränken oder gar beleidigen! Ich war Ihr Freund; nun, und auch jetzt bin ich Ihr Freund – ich habe nichts verraten und habe keine Treulosigkeit begangen. Da sehen Sie, da rollen mir die Tränen über die Wangen, Nasstenka. Mögen sie rollen, mögen sie – sie stören niemanden. Von selbst werden sie wieder versiegen, Nasstenka ...“
„Aber so setzen Sie sich doch, setzen Sie sich!“ Und sie wollte mich förmlich zwingen, mich hinzusetzen. „Ach, mein Gott!“
„Nein, Nasstenka, ich will nicht sitzen. Ich kann jetzt nicht mehr lange bleiben und Sie werden mich auch nicht wiedersehen: ich werde Ihnen alles sagen – und dann gehe ich. Sie hätten es nie erfahren, daß ich Sie liebe. Ich hätte mein Geheimnis zu bewahren gewußt und hätte nicht angefangen, Sie jetzt in dieser Stunde mit mir und meinem Eigennutz zu quälen. Nein! Aber ich – ich habe es doch nicht ausgehalten! Sie fingen an, davon zu sprechen, Sie sind schuld, Sie sind an allem schuld, ich aber bin unschuldig. Sie können mich nicht so von sich stoßen ...“
„Aber nein, nein, ich schicke Sie ja gar nicht fort, nein!“ beteuerte Nasstenka, und sie gab sich die größte Mühe, ihre Verwirrung zu verbergen.
„Nicht? wirklich nicht? Und ich wollte schon von Ihnen fortlaufen. Ich werde auch fortgehen, nur muß ich vorher alles sagen, denn als Sie hier sprachen, als Sie hier weinten und vor mir standen mit Ihrer Qual, und das, weil ... nun, weil – ich werde es aussprechen, Nasstenka –, weil man Sie verschmäht, da fühlte ich, daß in meinem Herzen soviel Liebe für Sie ist, Nasstenka, soviel Liebe! ... Und es tat mir so bitter weh, daß ich Ihnen mit dieser Liebe nicht helfen konnte, daß mir das Herz darüber schier brechen wollte, und ich, ich ... konnte nicht mehr schweigen, ich mußte sprechen, Nasstenka, ich mußte sprechen! ...“
„Ja, ja! schon gut! Sprechen Sie nur, sprechen Sie ruhig so zu mir!“ sagte Nasstenka plötzlich mit einer unerklärbaren Bewegung. „Es wird Sie vielleicht in Erstaunen setzen, daß ich Ihnen das sage, aber ... sprechen Sie nur! Ich werde es Ihnen nachher erklären. Ich werde Ihnen alles erzählen!“
„Ich tue Ihnen leid, Nasstenka, Sie haben einfach nur Mitleid mit mir, Kind! Nun! Was verloren ist, ist verloren. Was man gesagt hat, läßt sich nicht zurücknehmen. Nicht wahr? Nun also, Sie wissen jetzt alles. Dies wäre unser Ausgangspunkt. Nun gut: so weit wäre alles erledigt, jetzt hören Sie weiter. Als Sie hier saßen und weinten, da dachte ich bei mir, – ach, bitte, Nasstenka, lassen Sie mich sagen, was ich dachte! – ich dachte, daß Sie ... daß Sie da irgendwie ... nun, mit einem Wort: daß Sie auf irgendeine Weise aufgehört hätten, ihn zu lieben. Dann – das habe ich auch gestern schon gedacht, Nasstenka, und auch vorgestern schon – dann würde ich es unbedingt so gemacht haben, daß Sie mich liebgewonnen hätten. Sie sagten doch, Sie selbst haben es doch gesagt, daß Sie mich fast schon liebhätten. Nun, und – was nun weiter? Ja, das ist nun fast alles, was ich sagen wollte. Zu sagen bliebe nur noch, was dann wäre, wenn Sie mich nun wirklich liebgewönnen: nur das! Also hören Sie, meine Freundin – denn meine Freundin sind Sie deshalb doch nach wie vor –: ich bin natürlich nur ein einfacher Mensch, bin arm und gering, doch handelt es sich ja nicht darum – ich weiß nicht, ich rede immer von ganz anderen Dingen, aber das kommt nur von der Verwirrung, Nasstenka –, nur würde ich Sie so lieben, Nasstenka, so lieben, daß Sie, auch wenn Sie ihn, den ich nicht kenne, immer noch weiter lieben sollten, doch nie merken würden, daß meine Liebe Ihnen irgendwie lästig wäre. Sie würden bloß spüren, würden bloß in jeder Minute fühlen, daß neben Ihnen ein dankbares, oh, so dankbares Herz schlägt, ein heißes Herz, das für Sie ... Ach, Nasstenka, Nasstenka! Was haben Sie aus mir gemacht!!!“
„Aber so weinen Sie doch nicht, ich will nicht, daß Sie weinen!“ sagte Nasstenka und stand schnell von der Bank auf. „Gehen wir, kommen Sie, weinen Sie nicht, so weinen Sie doch nicht!“ Und sie wischte mit ihrem Tüchlein über meine Wangen. „So, gehen wir jetzt. Ich werde Ihnen vielleicht etwas sagen ... Wenn er mich schon verlassen und vergessen hat, so ... obschon ich ihn noch liebe – ich kann Ihnen das nicht verheimlichen und will Sie nicht täuschen – aber hören Sie, und dann antworten Sie mir. Wenn ich zum Beispiel Sie liebgewönne, das heißt, wenn ich nur ... Oh, mein Freund, mein guter Freund! wenn ich bedenke, wie ich Sie gekränkt und wie weh ich Ihnen getan haben muß, als ich Sie dafür lobte, daß Sie sich nicht in mich verliebt hätten! O Gott! Ja wie konnte ich nur das nicht voraussehen, wie konnte ich nur so dumm sein, wie ... aber ... Nun ... nun gut, ich habe mich entschlossen, und ich werde Ihnen alles sagen ...“
„Hören Sie, Nasstenka, wissen Sie was? Ich werde jetzt fortgehen von Ihnen, das wird das beste sein. Ich sehe doch, ich quäle Sie nur. Da machen Sie sich jetzt Gewissensbisse, weil Sie sich über mich lustig gemacht haben, ich will aber nicht, daß Sie außer Ihrem Leid ... Ich bin natürlich schuld daran, Nasstenka, also – leben Sie wohl!“
„Nein, bleiben Sie, hören Sie mich zuerst an: können Sie warten?“
„Warten? Worauf warten?“
„Ich liebe ihn; aber das wird vergehen, das muß vergehen, das kann gar nicht – nicht vergehen; es vergeht schon, ich fühle es schon jetzt ... Wer weiß, vielleicht wird es noch heute ganz vergehen, denn ich hasse ihn, weil er sich über mich lustig gemacht hat, während Sie hier mit mir geweint haben ... und Sie, Sie hätten mich auch nicht so verstoßen, wie er es getan, denn Sie lieben wirklich, er aber hat mich überhaupt nicht geliebt, – und dann weil ich Sie ... schließlich selbst liebe ... Ja, liebe! so liebe, wie Sie mich lieben. Ich habe es Ihnen doch schon einmal gesagt, Sie haben es schon gehört, – ich liebe Sie, weil Sie besser sind, als er, weil Sie anständiger sind, als er, weil ... weil er ...“
Ihre Stimme versagte vor Erregung, sie legte ihren Kopf an meine Schulter, beugte ihn aber immer mehr, bis er an meiner Brust lag: und dann begann sie bitterlich zu weinen. Ich tröstete, ich streichelte sie, ich redete ihr zu, aber sie vermochte sich nicht zu beherrschen; sie drückte meine Hand und stammelte unter Schluchzen: „Warten Sie, warten Sie noch ein wenig. Es wird gleich vergehen ... ich höre ja schon auf ... Ich will Ihnen nur sagen ... denken Sie nicht, daß diese Tränen ... das ist nur so – von der Schwäche, warten Sie, bis es vergeht ...“
Endlich versiegten die Tränen, sie richtete sich auf, wischte noch die letzten Tränenspuren von den Wangen und wir gingen. Ich wollte sprechen, aber sie bat mich immer wieder, ihr noch ein wenig Zeit zum Nachdenken zu lassen. So schwiegen wir denn ... Endlich nahm sie sich zusammen und begann:
„Also hören Sie,“ sagte sie mit schwacher und unsicherer Stimme, aus der aber plötzlich ein eigenes Gefühl klang und mein Herz so traf, daß es wie in einem süßen Schmerz erzitterte. „Denken Sie nicht, daß ich unbeständig und leichtsinnig sei, oder daß ich so schnell und leicht vergessen könne und untreu werde ... Ich habe ihn ein ganzes Jahr geliebt und ich schwöre bei Gott, daß ich niemals, niemals auch nur mit einem Gedanken ihm untreu gewesen bin. Er aber hat das mißachtet: er hat sich mit mir nur einen Scherz erlaubt – Gott mit ihm! Aber es hat mich doch verletzt und mein Herz gekränkt. Ich ... ich liebe ihn nicht mehr, denn ich kann nur das lieben, was gütig ist, großmütig, was mich versteht und was anständig ist; denn ich selbst bin so, er aber ist meiner unwürdig, – nun, noch einmal, Gott mit ihm! Es ist besser so, als wenn ich später erfahren hätte, wie er eigentlich ist ... Also – jetzt hat das ein Ende! Und wer weiß, mein guter Freund,“ fuhr sie fort, indem sie mir die Hand drückte, „wer weiß, vielleicht war meine ganze Liebe nur eine Gefühlstäuschung oder nur Einbildung, vielleicht begann das alles mit ihm nur aus Unart, weil ich dieses eintönige Leben führte und ewig an Großmutters Kleid angesteckt war? Vielleicht ist es mir bestimmt, einen ganz anderen zu lieben, einen, der mehr Mitleid mit mir hat und ... und ... Nun, lassen wir das, reden wir nicht mehr davon,“ unterbrach sich Nasstenka stockend und atemlos vor Erregung, „ich wollte Ihnen nur sagen ... ich wollte Ihnen sagen, wenn Sie, obwohl ich ihn liebe – nein, geliebt habe, – wenn Sie mir trotzdem sagen ... Ich meine, wenn Sie fühlen und glauben ... Ihre Liebe sei so groß, daß sie die frühere aus meinem Herzen verdrängen könnte ... wenn Sie soviel Mitleid mit mir haben und mich jetzt nicht allein meinem Schicksal überlassen wollen, ohne Trost und Hoffnung, wenn Sie mich vielmehr immer so lieben wollen, wie Sie mich jetzt lieben, so – schwöre ich Ihnen, daß meine Dankbarkeit ... daß meine Liebe Ihrer Liebe wert sein wird ... Wollen Sie daraufhin meine Hand nehmen?“
„Nasstenka!!“ Ich glaube, Jauchzen und Tränen erstickten meine Stimme. „Nasstenka! ... Oh, Nasstenka! ...“
„Schon gut, schon gut! Nun lassen Sie es genug sein!“ sagte sie schnell, in augenscheinlicher Hast, und sich nur mit Mühe beherrschend. „Jetzt ist alles gesagt, nicht wahr? Ja? Nun, und Sie sind jetzt glücklich und ich bin glücklich, also wollen wir weiter kein Wort mehr davon sprechen! Warten Sie ... schnell, erbarmen Sie sich – sprechen Sie von irgend etwas anderem, um Gottes willen! ...“
„Ja, Nasstenka, ja! Genug davon, ich bin jetzt glücklich, ich ... Gut, Nasstenka, gut, sprechen wir von etwas anderem, schnell, schnell! ja! Ich bin bereit.“
Und wir wußten beide nicht, wovon wir sprechen sollten, wir lachten und weinten und sprachen tausend Worte ohne Gedanken und Zusammenhang. Bald gingen wir auf dem Trottoir auf und ab, bald über die Straße hinüber und blieben stehen, bald kehrten wir wieder um und gingen zum Kai: wir waren wie die Kinder ...
„Ich lebe allein, Nasstenka,“ sagte ich einmal, „aber ... Nun, ich bin, versteht sich, Sie wissen es ja, Nasstenka, ich bin arm, ich bekomme jährlich nur tausendzweihundert Rubel, aber das macht ja nichts ...“
„Natürlich nicht, und Großmutter hat ihre Pension, so braucht sie von uns nichts. Wir müssen doch Großmutter zu uns nehmen.“
„Natürlich, die Großmutter müssen wir zu uns nehmen ... Aber meine Matrjona ...“
„Ach ja, und wir haben ja auch noch Fjokla!“
„Matrjona ist eine gute Seele, nur einen Fehler hat sie: sie hat nämlich gar kein Vorstellungsvermögen, Nasstenka, gar keines, Nasstenka, sie begreift nur, was sie aus Erfahrung kennt. Aber auch das schadet nichts ...“
„Natürlich nicht, die können beide zusammen leben. Nur müssen Sie schon morgen zu uns kommen.“
„Wie das? Zu Ihnen? Gut, ich bin bereit ...“
„Sie mieten einfach bei uns. Wir haben doch oben noch ein Zimmer: das steht jetzt leer. Wir hatten eine Mieterin, eine alte Frau, eine Adlige, aber sie ist ausgezogen und abgereist, und Großmama will nun, das weiß ich, einen jungen Mann zum Mieter haben. Ich fragte sie: ‚Warum denn gerade einen jungen Mann?‘ Darauf sagte sie: ‚Es ist doch immer besser, man ist auch sicherer, und ich bin schon alt. Du brauchst deshalb nicht zu glauben, Nasstenka, daß ich dich mit ihm verheiraten will.‘ Da wußte ich denn, daß sie es gerade deshalb will ...“
„Ach, Nasstenka! ...“
Und wir lachten beide.
„Nun, genug, hören Sie auf. Aber wo wohnen Sie denn? Ich habe ganz vergessen, zu fragen.“
„Dort, in der Nähe der ... Brücke, im Hause eines gewissen Barannikoff.“
„Das ist so ein großes Haus, nicht?“
„Ja, ein großes Haus.“
„Ach, das kenne ich, das ist ein schönes Haus. Nur, wissen Sie, ziehen Sie aus und kommen Sie recht bald zu uns ...“
„Morgen, Nasstenka, gleich morgen! Ich schulde dort wohl noch ein wenig für die Wohnung, aber das schadet nichts ... Ich bekomme bald mein Gehalt ...“
„Wissen Sie, ich werde Stunden geben, um auch zu verdienen; ich werde noch dazulernen, was mir fehlt, und dann kann ich Unterricht geben ...“
„Natürlich, das wird vortrefflich gehen ... und ich werde bald Zulage erhalten, Nasstenka ...“
„Dann werden Sie also schon morgen unser Mieter sein!“
„Ja, und dann fahren wir in die Oper und hören den Barbier von Sevilla, denn der wird bald wieder gegeben werden.“
„Ja, fahren wir!“ sagte Nasstenka lachend, „oder nein, lieber nicht zum Barbier von Sevilla, sondern wenn etwas anderes gegeben wird ...“
„Gut, also zu einer anderen Aufführung. Natürlich, das wird auch viel besser sein, ich dachte im Augenblick nicht daran ...“
Und wir sprachen und gingen: alles war wie ein Rausch – als hielte uns ein Nebel umfangen und als wüßten wir selbst nicht, was mit uns geschah. Bald blieben wir stehen und sprachen lange Zeit stehend auf einem Fleck, bald gingen wir wieder und gingen Gott weiß wie weit, ohne es zu bemerken, immer unter Lachen und Weinen ... Bald wollte Nasstenka plötzlich unbedingt nach Haus und ich wagte nicht, sie zurückzuhalten und wir machten uns schon auf den Weg; nach einer Viertelstunde aber bemerkten wir plötzlich, daß wir wieder auf unserer Bank am Kai angelangt waren. Bald seufzte sie tief auf und ein Tränchen rollte über ihre Wange – ich sah sie erschrocken und verzagt an ... Da drückte sie mir schon von neuem die Hand und wir gingen abermals und sprachen weiter ...
„Aber jetzt ist es Zeit, jetzt ist es wirklich Zeit, daß ich nach Hause gehe! Ich glaube, es ist schon sehr spät,“ sagte Nasstenka endlich entschlossen, „wir dürfen nicht gar zu kindisch sein!“
„Ja, Nasstenka, aber schlafen werde ich heute doch nicht mehr. Ich gehe überhaupt nicht nach Hause.“
„Ich werde, glaube ich, auch nicht einschlafen. Aber Sie müssen mich noch begleiten ...“
„Selbstverständlich!“
„Doch diesmal drehen wir nicht mehr um, hören Sie?“
„Nein, diesmal nicht ...“
„Ehrenwort? ... Denn einmal muß man doch wirklich nach Hause gehen!“
„Also: mein Ehrenwort, diesmal wird es ernst,“ sagte ich lachend ...
„Nun, gehen wir!“
„Gehen wir.“
„Sehen Sie den Himmel, Nasstenka, schauen Sie hinauf! Morgen werden wir einen wundervollen Tag haben ... Wie blau der Himmel ist, und sehen Sie nur den Mond! Diese kleine gelbe Wolke wird ihn gleich verdecken ... sehen Sie, sehen Sie! ... Nein, sie gleitet am Rande vorüber ... Sehen Sie doch, sehen Sie! ...“
Doch Nasstenka sah weder die Wolke, noch den Himmel – sie stand wie erstarrt neben mir und dann schmiegte sie sich plötzlich mit einer seltsamen Verzagtheit an mich, immer fester, als suche sie Schutz, und ihre Hand erzitterte in meiner Hand. Ich sah sie an ... noch schwerer stützte sie sich auf mich.
In diesem Augenblick ging ein junger Mann an uns vorüber – er sah uns scharf an, zögerte, blieb stehen und ging ein paar Schritte weiter. Mein Herz erbebte ...
„Nasstenka, wer ist das?“ fragte ich leise.
„Das ist er!“ flüsterte sie und klammerte sich zitternd an meinen Arm. Ich hielt mich kaum auf den Füßen.
„Nasstenka! Nasstenka! Bist du es?“ erscholl es da plötzlich hinter uns und zugleich trat der junge Mann wieder ein paar Schritte näher ...
Mein Gott, was klang aus diesem Ruf! Wie sie zusammenfuhr! Wie sie sich von mir losriß und ihm entgegeneilte! ... Ich stand und sah zu ihm hinüber, stand und sah ... Doch kaum hatte sie ihm die Hand gereicht, kaum hatte er sie in seine Arme geschlossen, da befreite sie sich schon von ihm und ehe ich mich dessen versah, stand sie wieder vor mir, umschlang mit beiden Armen fest meinen Hals und drückte mir einen heißen Kuß auf die Lippen. Dann, ohne mir ein Wort zu sagen, lief sie zu ihm zurück, erfaßte seine Hände und zog ihn fort.
Lange stand ich und sah ihnen nach ... bald waren sie meinen Blicken entschwunden.