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Sämtliche Werke 15 cover

Sämtliche Werke 15

Chapter 11: Der Morgen.
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About This Book

This collection gathers three short Petersburg novellas and a brief semi-humorous epistolary piece that dwell on the city's dim twilight and the interior lives of its inhabitants. The narratives examine loneliness, moral ambiguity, and fragile human dignity through intimate encounters and reflective monologues, blending melancholic lyricism with social observation. Characters are portrayed with tender realism, revealing inward beauty amid urban decay, uncertainty, and conflicting identities. One lighter epistolary tale offers a comic counterpoint, while the overall tone emphasizes psychological depth, moral questioning, and the quiet intensity of personal feeling.

Der Morgen.

Meine Nächte endeten mit einem Morgen. Der Tag war unfreundlich: es regnete und die Tropfen schlugen in eintöniger Wehmut an meine Fensterscheiben; im Zimmer war es düster, wie gewöhnlich an Regentagen, und draußen trübe. Mein Kopf schmerzte, mich schwindelte und das Fieber einer Erkältung schlich durch meine Glieder.

„Ein Brief, Herr, durch die Stadtpost, der Postbote hat ihn gebracht,“ sagte Matrjona.

„Ein Brief! Von wem?“

„Ja, das kann ich Ihnen nicht sagen, Herr, sehen Sie nach, vielleicht steht es drin, von wem er ist.“

Ich erbrach das Siegel. Der Brief war von ihr.

„Oh, verzeihen Sie, verzeihen Sie mir!“ schrieb mir Nasstenka. „Auf den Knien bitte ich Sie, mir nicht böse zu sein! Ich habe Sie wie mich selbst getäuscht. Es war ein Traum, eine Täuschung ... Der Gedanke an Sie macht mich jetzt krank vor Qual. Verzeihen Sie, oh, verzeihen Sie mir! ...

Beschuldigen Sie mich nicht, denn was ich für Sie empfand, empfinde ich auch jetzt noch: ich sagte Ihnen, ich würde Sie lieben, und ich liebe Sie auch jetzt, ja ich empfinde für Sie jetzt noch viel mehr, als Liebe. Gott, wenn ich Sie doch beide zugleich lieben könnte! Oh, wenn Sie und er doch ein Mensch wären!

Gott sieht und weiß, was ich alles für Sie tun würde! Ich weiß, daß Sie nun schwer zu tragen haben und daß Sie traurig sind. Ich habe Sie gekränkt und habe Ihnen weh getan, aber Sie wissen doch – wenn man liebt, gedenkt man der Kränkung nicht lange. Sie aber lieben mich!

Ich danke Ihnen! Ja! Ich danke Ihnen für diese Liebe. Denn in meiner Erinnerung wird sie mich durchs ganze Leben begleiten wie ein süßer Traum, den man auch nach dem Erwachen nimmer vergessen kann. Nein, nie werde ich vergessen, wie Sie mir so brüderlich Ihr Herz offenbarten und in Ihrer Güte für Ihr ganzes Herz mein krankes, verwundetes annahmen, um es mit Zartheit und Liebe zu pflegen und wieder gesund zu machen ... Wenn Sie mir verzeihen, wird die Erinnerung an Sie sich verklären durch das Gefühl ewiger Dankbarkeit, die in meiner Seele niemals erlöschen kann. Und diese Erinnerung werde ich heilig halten und nie vergessen, denn mein Herz ist treu. Es ist auch gestern nur zu dem zurückgekehrt, dem es von jeher gehörte.

Wir werden uns wiedersehen, Sie werden zu uns kommen, Sie werden uns nicht verlassen, werden ewig unser Freund sein und mein Bruder ... Und wenn wir uns wiedersehen, dann geben Sie mir Ihre Hand – ja? Sie werden Sie mir entgegenstrecken, wenn Sie mir verziehen haben, nicht wahr? Sie lieben mich doch unverändert?

Ja, lieben Sie mich, verlassen Sie mich nicht, denn jetzt liebe ich Sie so tief, weil ich Ihrer Liebe würdig sein will, weil ich sie verdienen will ... mein lieber Freund! In der nächsten Woche wird unsere Hochzeit sein. Er ist voll Liebe zu mir zurückgekehrt, er hat mich niemals vergessen ... Seien Sie nicht böse, daß ich von ihm geschrieben habe. Aber ich will mit ihm zu Ihnen kommen, und Sie werden ihn auch liebgewinnen, nicht wahr?

So verzeihen Sie mir denn und vergessen Sie mich nicht und behalten Sie lieb Ihre

Nasstenka.“

Lange las ich diesen Brief, las ihn immer wieder, und Tränen traten mir in die Augen; schließlich entfiel er meiner Hand und ich vergrub mein Gesicht in den Händen.

„Nun, Herr, sehen Sie denn gar nichts,“ hörte ich nach einer Weile Matrjonas Stimme.

„Was, Alte?“

„Nu, ich hab’ doch das Spinngewebe von überall runtergeholt, können jetzt heiraten, wenn Sie wollen, können Gäste einladen, wenn’s Ihnen einfällt, mir soll’s recht sein ...“

Ich sah sie an. Sie ist eine rüstige, noch junge Alte, aber ich weiß nicht, weshalb ich sie plötzlich mit erloschenem Blick, mit tiefen Runzeln im Gesicht, alt und schwächlich vor mir zu sehen glaubte ... Ich weiß nicht, weshalb es mir plötzlich schien, daß auch mein Zimmer um ebensoviel Jahre älter geworden sei wie sie. Die Farbe der Wände sah ich verblichen, an der Zimmerdecke sah ich noch mehr Spinngewebe, als sich bisher dort angesammelt hatten. Ich weiß nicht, weshalb es mir, als ich durch das Fenster hinausblickte, schien, als ob das Haus gegenüber gleichfalls gealtert sei, trübseliger und baufälliger geworden, die Stukkatur von den Säulen abgebröckelt, die Karniese rissig und geschwärzt und die hellbraunen Wände fleckig und schmutzig.

Vielleicht war der Sonnenstrahl daran schuld, der plötzlich durch die Wolken brach, um sich gleich wieder hinter einer noch dunkleren Regenwolke zu verstecken, so daß alles noch trüber, düsterer wurde ... Oder hatten meine Augen in meine Zukunft geschaut und etwas Ödes, Trauriges in ihr erblickt, etwa mich selbst, wie ich jetzt bin, nur um fünfzehn Jahre älter, in demselben Zimmer, ebenso einsam, mit derselben Matrjona, die in all den Jahren doch um nichts klüger geworden ist ...?

Aber die Kränkung nicht verzeihen, Nasstenka, dein helles seliges Glück mit dunkeln Wolken trüben, dir Vorwürfe machen, damit dein Herz sich quäle und gräme und kummervoll poche, während es doch nichts soll als jauchzen vor Seligkeit, oder auch nur ein Blatt der zarten Blüten, die du zur Trauung mit ihm in deine braunen Locken flichst, mit rauher Hand berühren ... o nein, Nasstenka, das werde ich nie, nie! Möge dein Leben Glück sein und so hell und lieb, wie dein süßes Lächeln, und sei gesegnet für den Augenblick der Seligkeit und des Glücks, den du einem anderen einsamen, dankbaren Herzen gegeben hast!

Mein Gott! Einen ganzen Augenblick der Seligkeit! Ja, ist dann das nicht genug für ein ganzes Menschenleben? ...