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Sämtliche Werke 15 cover

Sämtliche Werke 15

Chapter 6: Die erste Nacht.
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About This Book

This collection gathers three short Petersburg novellas and a brief semi-humorous epistolary piece that dwell on the city's dim twilight and the interior lives of its inhabitants. The narratives examine loneliness, moral ambiguity, and fragile human dignity through intimate encounters and reflective monologues, blending melancholic lyricism with social observation. Characters are portrayed with tender realism, revealing inward beauty amid urban decay, uncertainty, and conflicting identities. One lighter epistolary tale offers a comic counterpoint, while the overall tone emphasizes psychological depth, moral questioning, and the quiet intensity of personal feeling.

Die erste Nacht.

Es war eine wundervolle Nacht – eine Nacht, wie wir sie vielleicht nur sehen, wenn wir jung sind, mein lieber Leser. Der Himmel war so tief und nachthell, daß man sich bei seinem Anblick unwillkürlich fragen mußte, ob denn wirklich unter einem solchen Himmel böse und launische Menschen leben können? Das ist nun freilich eine Frage, auf die man nur in jungen Jahren verfallen kann, nur in sehr jungen sogar, mein lieber Leser! Doch möge der Herr sie öfter in Ihrer Seele erwecken! ... Während ich noch in dieser Weise an die verschiedensten Menschen dachte, mußte ich mich unwillkürlich auch meiner eigenen löblichen Aufführung an diesem Tage erinnern. Schon vom Morgen an hatte mich eine wunderliche Stimmung bedrückt. Ich hatte die Empfindung, daß ich, der ohnehin Einsame, von allen verlassen wurde, daß alle sich von mir zurückzogen. Natürlich hat jetzt ein jeder das Recht, mich zu fragen: ja, wer sind denn diese „alle“? Lebe ich doch bereits das achte Jahr in Petersburg und habe trotzdem noch so gut wie keine einzige Bekanntschaft zu machen verstanden. Wozu brauchte ich auch Bekannte? Ich bin sowieso schon mit ganz Petersburg bekannt. Eben deshalb schien es mir aber, als ob alle mich verließen, als ob sich jetzt ganz Petersburg aufmachte, um in die Sommerfrische zu gehen. Mir wurde es fast unheimlich, allein zu bleiben, und drei Tage lang strich ich tief bekümmert in der Stadt umher, entschieden unfähig zu begreifen, was in mir vorging. Auf dem Newskij, im Sommergarten, an den Kais war kein einziges von den Gesichtern zu sehen, denen ich tagtäglich zu bestimmter Stunde an derselben Stelle zu begegnen pflegte. Die Betreffenden kennen mich natürlich nicht, aber ich – ich kenne sie. Ich kenne sie sogar ganz genau: ich habe ihre Physiognomien studiert und freue mich, wenn sie froh sind, und fühle mich verstimmt, wenn sie betrübt sind. Ja ich kann sogar sagen, daß ich einmal fast eine Freundschaft geschlossen hätte: das war mit einem alten kleinen Herrn, dem ich jeden Tag, den Gott werden ließ, zur selben Stunde an der Fontanka begegnete. Er hatte eine so wichtige, nachdenkliche Miene und sein Unterkiefer bewegte sich immer, ganz so als kaue er etwas, der linke Arm schlenkerte ein wenig und in der rechten Hand hatte er einen langen Knotenstock mit einem goldenen Knopf. Auch er hatte mich bemerkt und nahm seitdem innigen Anteil an mir. So bin ich überzeugt, daß er, wenn er mich einmal nicht zur gewohnten Stunde an der gewohnten Stelle der Fontanka treffen sollte, sich gleichfalls entschieden verstimmt fühlen würde. Deshalb fehlte denn auch nicht viel, daß wir uns grüßten, namentlich wenn wir beide bei guter Laune waren. Vor kurzem noch, als wir uns ganze zwei Tage nicht gesehen hatten und dann einander am dritten Tage begegneten, hätten wir schon beinahe an die Hüte gegriffen, besannen uns aber zum Glück noch rechtzeitig, ließen die Hände sinken und gingen mit sichtlich anteilnehmender Zuvorkommenheit aneinander vorüber.

Ich bin auch mit den Häusern bekannt. Wenn ich so gehe, dann ist es, als laufe jedes, sobald es mich erblickt, ein paar Schritte aus der Front und sehe mich aus allen Fenstern an und sage gewissermaßen: „Guten Tag, hier bin ich! und wie geht es Ihnen? Auch ich bin, Gott sei Dank, ganz frisch und munter, aber im Mai wird man mir noch ein Stockwerk aufsetzen.“ Oder: „Guten Tag! Wie geht’s? Denken Sie sich, ich werde morgen neu angestrichen!“ Oder: „Bei mir gab’s Feuer und ich wäre um ein Haar niedergebrannt – ich habe mich dabei so erschreckt!“ Und so weiter: in dieser Art. Unter ihnen habe ich natürlich meine Lieblinge, sogar gute Freunde. Eines von ihnen will sich in diesem Sommer von einem Architekten operieren lassen – umbauen, und ähnliches. Werde da unbedingt täglich hingehen, damit man mir den Freund nicht etwa vollkommen umbringt! Gott behüte ihn davor! ... Doch niemals werde ich die Geschichte mit dem einen kleinen allerliebsten hellrosa Häuschen vergessen! Es war das solch ein reizendes Häuschen, so freundlich sah es mich immer an und so stolz war es auf seine Reize unter den plumpen Nachbarn, daß mein Herz jedesmal lachte, wenn ich an ihm vorüberging. Plötzlich, in der vorigen Woche, wie ich in die Straße einbiege und nach meinem kleinen Liebling hinsehe – höre ich ein jammervolles Wehklagen: „Man tüncht mich gelb!“ Diese Barbaren! Diese Bösewichter! Nichts hatten sie verschont. Weder die Pfeiler noch die Karniese! Mein kleiner Freund war in der Tat gelb wie ein Kanarienvogel. Ich war nahe daran, vor Ärger selbst die Gelbsucht zu kriegen, so gallig machte mich der Fall, und bis jetzt bin ich noch nicht imstande gewesen, ihn wiederzusehen, meinen entstellten armen Kleinen, den die Unbarmherzigen in der Farbe des Reichs der Mitte angestrichen haben.

Also folglich – jetzt begreifen Sie wohl, mein verehrter Leser, auf welche Weise ich mit ganz Petersburg bekannt bin.

Ich sagte bereits, daß mich volle drei Tage eine seltsame Unruhe quälte, bis ich endlich ihre Ursache erriet. Auf der Straße fühlte ich mich nicht wohl (der eine war nicht zu sehen, der andere nicht, der dritte und vierte auch nicht – „wo mag wohl jener geblieben sein?“) – und auch zu Hause fühlte ich mich so anders, daß ich mich selbst kaum wiedererkannte. Zwei Abende versuchte ich vergeblich, zu ergründen, was mir nun eigentlich in meinen vier Wänden fehlen mochte. Warum fühlte ich mich mit einem Male so unbehaglich im Zimmer? Prüfend schaute ich mir meine grünen, verräucherten Wände an, musterte die Decke, an der Matrjona mit großem Erfolge das Spinngewebe behütete, besah mir meine Einrichtung, insbesondere jeden Stuhl, und fragte mich in Gedanken, ob nicht hier der Grund liege (denn wenn bei mir auch nur ein Stuhl nicht so steht, wie er gestern stand, dann bin ich nicht mehr ich selbst). Ich blickte nach dem Fenster – doch alles war umsonst ... mir ward deshalb nicht leichter zumute! Ja ich kam sogar auf den Gedanken, Matrjona zu rufen und ihr in väterlichem Tone einen gelinden Vorwurf wegen des Spinngewebes und der allgemeinen Vernachlässigung zu machen; aber sie sah mich nur verwundert an und ging fort, ohne ein Wort zu erwidern, so daß das Spinngewebe auch jetzt noch wohlbehalten an der Decke hängt. Erst heute morgen erriet ich endlich, um was es sich handelte. Also: sie zogen ja alle in die Sommerfrische und ließen mich im Stich! – das war’s: sie kniffen aus! Verzeihen Sie das triviale Wort, aber es war mir in dem Augenblick nicht um einen klassischen Ausdruck zu tun ... Es hatte doch wirklich alles, was in Petersburg lebte, die Stadt bereits verlassen, oder verließ sie noch täglich und stündlich. Wenigstens verwandelte sich in meinen Augen jeder ältere Herr von solidem Äußeren, der sich in eine Droschke setzte, in einen ehrwürdigen Familienvater, der nach den alltäglichen Geschäften in der Stadt hinausfuhr, um den Rest des Tages im Schoße seiner Familie zu verbringen. Jeder Mensch auf der Straße hatte jetzt ein völlig anderes Aussehen, eines, das jedem etwa sagen zu wollen schien: „Wir sind ja nur so, sind nur noch kurze Zeit hier, in zwei Stunden bereits fahren wir hinaus ins Grüne!“ Oder öffnete sich ein Fenster, an dessen Scheiben zuerst schlanke, weiße Fingerchen getrommelt, und beugte sich das hübsche Köpfchen eines jungen Mädchens hinaus, um den Blumenhändler herbeizurufen, – da stellte ich mir vor, daß diese Blumen auch „nur so“ von ihr gekauft wurden und durchaus nicht deshalb, um sich an diesem Blumentopf mit den paar Knospen und Blüten wie an einem Stück Frühling in der dumpfen Stube zu erfreuen, und daß sehr bald alle die Stadt verlassen und auch die Blumen mitnehmen würden. Doch damit noch nicht genug, ich machte vielmehr in meinem neuen Entdeckerberuf solche Fortschritte, daß ich bald schon allein nach dem Äußeren unfehlbar festzustellen vermochte, welchen Villenort ein jeder gewählt hatte. Die Bewohner der fashionablen Inseln[1] oder der Villen an der Peterhofstraße zeichneten sich durch auserlesene Eleganz sowohl im Gang und in jeder Geste, wie in den Sommerkostümen und Hüten aus und besaßen prachtvolle Equipagen, in denen sie zur Stadt gefahren kamen. Die Einwohner von Pargolowo und dort weiter hinaus „imponierten“ einem auf den ersten Blick durch ihre vernünftige Gediegenheit, und die von der Krestowskij-Insel durch ihre unverwüstlich heitere Gemütsverfassung. Traf es sich, daß ich einer langen Prozession von Frachtfuhrleuten begegnete, die, die Leine in der Hand, gemächlich einhertrotteten ... neben ihren hochbeladenen Lastwagen, auf denen ganze Berge von Tischen, Betten, Stühlen, türkischen und nichttürkischen Diwans schaukelten und auf deren Gipfel oft noch eine Küchenfee mit etwas verzagten Mienen thronte, oder auch, wenn sie sich sicherer fühlte, das herrschaftliche Gut mit Argusaugen bewachte, damit nur ja nichts unterwegs verloren ginge, – oder sah ich auf der Newa oder der Fontanka ein paar mit Hausgerät beladene Boote nach den Inseln oder stromaufwärts nach der Tschornaja-rjetschka ziehen, – die Boote wie die Fuhren verzehn-, verhundertfachten sich in meinen Augen –: so schien es mir, als mache alle Welt sich auf und ziehe in Karawanen hinaus, und als verwandle Petersburg sich in eine Wüste, so daß ich mich zu guter Letzt entschieden beschämt und gekränkt fühlte, und natürlich auch betrübt, denn nur ich allein hatte keine Möglichkeit und wohl auch keinen Grund, in die Sommerfrische hinauszuziehen. Und doch war ich bereit, auf jeden Lastwagen zu springen, mit jedem Herrn, der sich in eine Droschke setzte, mitzufahren; aber nicht einer von ihnen, kein einziger forderte mich dazu auf. Es war, als hätten sie mich plötzlich alle vergessen, als wäre ich ihnen allen im Grunde doch vollkommen fremd.

Ich spazierte oft und lange umher, so daß ich meiner Gewohnheit gemäß wieder einmal vergessen hatte, wo ich eigentlich ging, bis ich mich schließlich an der Stadtgrenze fand. Da ward mir im Augenblick fröhlich zumute und ich trat hinter den Schlagbaum und ging weiter zwischen den besäten Feldern und Wiesen, ohne Müdigkeit zu verspüren, fühlte aber, daß mir eine Last von der Seele genommen wurde. Alle, die an mir vorüberfuhren, sahen mich so freundlich an, daß es fast wie ein Gruß war; alle schienen sie über irgend etwas froh zu sein. Und auch ich wurde so froh, wie ich noch nie in meinem Leben gewesen ...

Ganz als befände ich mich plötzlich in Italien – so mächtig wirkte die Natur auf mich, den halbkranken Städter, der zwischen den Häusermauern fast schon erstickt war.

Es liegt etwas unsagbar Rührendes in unserer Petersburger Natur, wenn sie im Frühling erwacht und plötzlich ihre ganze Macht offenbar und alle ihre vom Himmel verliehenen Kräfte entfaltet: wenn sie sich mit jungem weichem Laub umhüllt und mit bunten Blumen und zarten Blüten schmückt ... Dann erinnert sie mich unwillkürlich an ein sieches Mädchen, auf das man zuweilen mit Bedauern, zuweilen mit einer seltsam mitleidigen Liebe blickt oder das man zuweilen auch überhaupt nicht bemerkt, das dann aber plötzlich, auf einen Augenblick und ganz unverhofft, nahezu märchenhaft schön wird, so schön, daß man bestürzt und berauscht vor ihr steht und sich verwundert fragt: welche Macht hat in ihren traurigen, verträumten Augen dieses Leuchten erweckt? Was hat das Blut in ihre bleichen abgezehrten Wangen getrieben und läßt nun diese zarten Züge tiefe Leidenschaft widerspiegeln? Weshalb hebt sich ihre Brust? Was hat so plötzlich Kraft, Leben und Schönheit in das Antlitz des armen Mädchens gebracht, daß es in süßem Lächeln erglänzt und zu sprühendem Lachen fähig wird? Und man sieht sich im Kreise um, man sucht jemand, man beginnt zu ahnen, zu erraten ... Doch der Augenblick ist vergänglich und vielleicht morgen schon werden wir wieder dem zerstreuten, verträumten Blick begegnen, wie früher, und werden wieder das blasse Gesicht wahrnehmen und dieselbe Ergebung und Schüchternheit in den Bewegungen und sogar so etwas wie Reue, sogar Spuren eines lähmenden Kummers und Ärgers über dieses kurze Aufleben ... Und es tut einem leid, daß die Schönheit so schnell und unwiderruflich verwelkt ist, daß sie so trügerisch und vergeblich vor einem geleuchtet hat – leid, weil man nicht einmal Zeit gehabt, sie liebzugewinnen ...

Und doch war meine Nacht noch schöner als der Tag.

Ich kehrte erst spät in die Stadt zurück und es schlug bereits zehn, als ich mich meiner Wohnung näherte. Mein Weg führte am Kanal entlang, wo zu dieser Stunde gewöhnlich keine lebende Seele zu sehen ist. Freilich lebe ich auch in einem sehr stillen entlegenen Stadtteil. Ich ging und sang, denn wenn ich glücklich bin, muß ich unbedingt irgend etwas vor mich hinsummen, wie eben jeder glückliche Mensch, der weder Freunde noch gute Bekannte hat, noch einen Menschen, mit dem er seine frohen Augenblicke teilen kann. Da nun, in dieser Nacht, hatte ich plötzlich ein überraschendes Abenteuer.

Nicht weit vor mir erblickte ich eine Gestalt in Frauenkleidern: sie stand und stützte die Ellbogen auf das Geländer des Kais und sah, wie es schien, aufmerksam in das trübe Wasser des Kanals. Sie trug ein entzückendes gelbes Hütchen und eine kokette kleine schwarze Mantille. „Das ist ein junges Mädchen und sicherlich ist sie brünett,“ dachte ich. Sie schien meine Schritte nicht zu hören, denn sie rührte sich nicht, als ich langsam mit angehaltenem Atem und laut pochendem Herzen an ihr vorüberging. „Sonderbar!“ dachte ich, „jedenfalls muß sie ganz in Gedanken versunken sein“ – und plötzlich zuckte ich zusammen und blieb wie gebannt stehen: ich hörte dumpfes Schluchzen ... Ja! ich täuschte mich nicht: das junge Mädchen weinte – nach einer Weile klang es wieder wie ein Aufschluchzen, und dann wieder. Mein Gott! Das Herz krampfte sich mir zusammen. Wie befangen ich auch sonst Frauen gegenüber bin, diesmal – es waren aber auch so seltsame Umstände! ... Kurz, ich entschloß mich im Augenblick, trat auf sie zu und – würde unbedingt „Meine Gnädigste!“ gesagt haben, wenn ich nicht gewußt hätte, daß diese Anrede in allen russischen Romanen, die die höheren Gesellschaftskreise schildern, mindestens tausendmal vorkommt. Das allein hielt mich davon ab. Doch während ich noch nach einer passenden Anrede suchte, kam das junge Mädchen wieder zu sich, sah sich um, erblickte mich, schlug die Augen nieder und huschte an mir vorüber. Ich folgte ihr sogleich, was sie jedoch zu fühlen schien, denn sie verließ den Kai, überschritt die Straße und ging auf dem anderen Trottoir weiter. Ich wagte nicht, ihr dorthin zu folgen. Mein Herz zitterte wie einem gefangenen Vogel. Da kam mir ein Zufall zu Hilfe.

Auf jenem Trottoir tauchte plötzlich in der Nähe meiner Unbekannten ein Herr auf – ein Herr in zweifellos soliden Jahren, jedoch mit einer Gangart, die sich nicht gerade als solid bezeichnen ließ. Er ging wankend und stützte sich mitunter an die Häuser. Das junge Mädchen schritt indes gesenkten Blicks weiter, ohne sich umzusehen, und so schnell, wie es alle jungen Mädchen tun, die nicht wünschen, daß jemand sich ihnen nähere und sich erbiete, sie in der Nacht nach Hause zu begleiten. Der wankende Herr hätte sie auch niemals eingeholt, wenn er nicht mit einer gewissen Schlauheit auf etwas Nichtvorherzusehendes verfallen wäre: ohne ein Wort oder einen Anruf, raffte er sich nämlich plötzlich auf und lief ihr möglichst leise nach. Sie ging wie der Wind, doch der Herr kam ihr schnell näher und holte sie ein – das Mädchen schrie auf, und ... ich dankte dem Schicksal für den Rohrstock, den ich in meiner Rechten hielt! Im Augenblick war ich auf der anderen Seite, im Augenblick begriff auch der Herr, um was es sich handelte, und die Vernunft siegte in ihm: er schwieg, trat zurück, und erst als wir fast schon außer Hörweite waren, protestierte er in ziemlich energischen Ausdrücken gegen meine Handlungsweise. Doch wir hörten ihn kaum.

„Nehmen Sie meinen Arm,“ sagte ich zu der Unbekannten, „dann wird er es nicht mehr wagen, Sie zu belästigen.“

Schweigend legte sie ihr Händchen, das von der Aufregung und dem Schreck noch zitterte, auf meinen Arm. Oh, du ungerufener Herr! Wie segnete ich dich in diesem Augenblick! Ich warf einen schnellen Blick auf meine Begleiterin: sie sah reizend aus und war brünett, wie ich es mir gleich gedacht hatte. An ihren dunkeln Wimpern glänzten noch Tränen – ob vom Schreck oder von dem Kummers, über den sie am Kai geweint, das lasse ich dahingestellt. Aber ihre Lippen versuchten schon, zu lächeln. Auch sie sah mich heimlich an, errötete, als ich es bemerkte, und senkte den Blick.

„Sehen Sie, nun, warum liefen Sie vorhin von mir fort? Wäre ich bei Ihnen gewesen, so wäre nichts geschehen ...“

„Aber ich kannte Sie doch nicht! Ich dachte, daß Sie ebenso ...“

„Ja, kennen Sie mich denn jetzt?“

„Ein wenig. Aber – weshalb zittern Sie?“

„Oh, da haben Sie gleich alles erraten!“ versetzte ich entzückt, denn ich glaubte aus ihrer Bemerkung entnehmen zu dürfen, daß sie, die so schön war, auch klug war. „Wie Sie gleich auf den ersten Blick erkennen, mit wem Sie es zu tun haben! Es ist wahr, ich bin Frauen gegenüber befangen, und ich leugne auch nicht, daß ich mich im Augenblick erregt fühle, ebenso wie Sie vor ein paar Minuten, als jener Herr Sie erschreckte ... Auch ich fühle jetzt so etwas wie einen Schreck: die ganze Nacht erscheint mir wie ein Traum, mir, der ich es mir niemals habe träumen lassen, daß ich jemals in die Lage kommen könnte, mit einem jungen Mädchen in dieser Weise zu sprechen.“

„Was? Wirklich?“

„Mein Wort darauf; und wenn mein Arm jetzt bebt, so kommt das nur daher, daß er noch nie von einer so reizenden kleinen Hand, wie die Ihrige, berührt worden ist. Ich bin jetzt des Umgangs mit Frauen vollständig ungewohnt; das heißt, ich will damit nicht etwa sagen, daß ich früher einmal einen solchen Umgang gewohnt gewesen bin. Nein, ich lebe von jeher allein und für mich ... Ich weiß nicht einmal, wie man mit ihnen spricht. Auch jetzt zum Beispiel weiß ich nicht, ob ich Ihnen nicht irgendeine Dummheit gesagt habe. Ist das der Fall, so sagen Sie es mir, bitte, ganz offen. Ich werde es Ihnen nicht übelnehmen ...“

„Nein, nein, gar nicht, im Gegenteil. Und wenn Sie schon einmal verlangen, daß ich aufrichtig sein soll, dann will ich Ihnen sagen, daß solche Befangenheit den Frauen sogar sehr gefällt. Und wenn Sie noch mehr wissen wollen, dann will ich gleich gestehen, daß sie auch mir gefällt, und ich werde Sie nicht früher fortschicken, als bis ich bei unserem Hause angelangt bin.“

„Sie sind ja so reizend, daß ich gleich meine ganze Befangenheit verliere,“ rief ich entzückt, „und dann – lebt wohl alle meine Chancen! ...“

„Chancen? Was für Chancen, und wozu? Nein, das gefällt mir nun wieder gar nicht!“

„Verzeihung, es war mir auch nur so ... entschlüpft, ganz gegen meinen Willen! Aber wie können Sie auch verlangen, daß in einem solchen Augenblick nicht der Wunsch erwachen soll ...?“

„Zu gefallen etwa?“

„Nun ja, versteht sich. Aber seien Sie – oh, um Gottes willen, seien Sie großmütig! Bedenken Sie, wer ich bin! Ich bin schon sechsundzwanzig Jahre alt – und noch habe ich mit keinem Menschen Verkehr gehabt. Wie sollte ich da plötzlich nach allen Regeln der Kunst eine Unterhaltung anzuknüpfen verstehen? Aber Sie werden mich um so besser begreifen, wenn alles offen vor Ihnen liegt ... Ich verstehe nicht zu schweigen, wenn das Herz in mir spricht. Nun, gleichviel ... Glauben Sie mir, ich kenne keine einzige Frau, keine einzige! Ich habe überhaupt keine Bekanntschaft. Ich träume nur jeden Tag, daß ich endlich irgend einmal irgendwo doch irgend jemand treffen und kennen lernen werde. Ach, wenn Sie wüßten, wie oft ich schon auf diese Weise verliebt gewesen bin ...“

„Aber wie denn das, in wen denn?“

„Ja, in niemand, einfach in ein Ideal, das ich im Traum vor mir sehe. Ich ersinne in meinen Träumen gewöhnlich ganze Romane. Oh, Sie kennen mich noch nicht! Doch was sage ich! – natürlich habe ich mit zwei oder drei Frauen gesprochen, aber was waren denn das für Frauen? Das waren ja nur solche Wirtinnen, daß ... Aber ich will Sie lieber fröhlich machen und Ihnen etwas erzählen: Ich habe schon mehrmals die Absicht gehabt, so ganz ohne weiteres irgendeine Aristokratin auf der Straße anzureden. Selbstverständlich, wenn sie allein ist, und ebenso selbstverständlich mit aller Ehrerbietung, aber doch mit Bangen, und um ihr dann voll Leidenschaft zu sagen, daß ich so allein umkomme, und um sie zu bitten, daß sie mich nicht fortjage und daß ich sonst keine Möglichkeit habe, auch nur je irgendeine Frau kennen zu lernen. Ich würde ihr sagen, daß es sogar die Pflicht jeder Frau sei, die bescheidene Bitte eines so unglücklichen Menschen, wie ich einer bin, nicht abzuschlagen. Daß schließlich alles, um was ich sie bitte, nichts weiter sei, als daß sie mir erlaube, ihr brüderlich zwei Worte sagen zu dürfen, daß sie mir nur etwas Teilnahme zeigen und mich nicht gleich im ersten Augenblick davonjagen solle, daß sie mir vielmehr aufs Wort glauben und daß sie anhören möge, was ich ihr zu sagen wünsche, und sollte sie mich auch auslachen, gleichviel! – aber daß sie mir wenigstens etwas Hoffnung geben und mir zwei Worte sagen müsse, nur zwei Worte, damit würde ich mich zufrieden geben, und sollten wir uns auch nie wiedersehen! ... Aber Sie lachen ... Übrigens rede ich ja auch nur deshalb ...“

„Seien Sie mir nicht böse. Ich lache, weil Sie ja Ihr eigener Feind sind ... wenn Sie es versuchten, so würde es Ihnen schon gelingen, und wäre es auch auf der Straße: je einfacher, desto besser. Kein einziges Mädchen, wenn sie nur nicht schlecht oder dumm ist oder in dem Augenblick gerade sehr geärgert über irgend etwas, würde es übers Herz bringen, Sie fortzuschicken, ohne Ihre zwei Worte anzuhören – wenn Sie so bescheiden darum bitten ... Doch nein, was sage ich! Natürlich würde sie Sie für einen Verrückten halten! Im übrigen habe ich da nach meinem Empfinden geurteilt. Ich weiß doch auch ein wenig, wie die Menschen sind.“

„Oh, ich danke Ihnen,“ rief ich, „Sie wissen nicht, was Sie mir mit Ihrer Antwort gegeben haben!“

„Gut, gut! Aber sagen Sie mir, woran haben Sie es erkannt, daß ich ein Mädchen bin, mit dem man ... nun, das Sie für würdig halten ... Ihrer Aufmerksamkeit und Freundschaft ... Mit einem Wort, keine Hauswirtin, wie Sie sagten ... Warum entschlossen Sie sich, sich gerade mir zu nähern?“

„Warum? Warum! Sie waren allein, jener Herr benahm sich so dreist und jetzt ist es Nacht: da werden Sie doch zugeben, daß es meine Pflicht war ...“

„Nein, nein, vorher, dort, auf der anderen Seite, am Kai. Da wollten Sie sich mir doch schon nähern?“

„Dort, auf jener Seite? Ich weiß nicht, was ich Ihnen darauf antworten soll ... Ich fürchte ... Ja sehen Sie, ich war heute so glücklich: ich ging und sang, ich war draußen vor der Stadt ... ich habe mich noch nie so glücklich gefühlt. Sie dagegen ... aber vielleicht schien es mir nur so ... verzeihen Sie, daß ich Sie daran erinnere – es schien mir, daß Sie weinten, und ich ... ich vermochte das nicht mitanzuhören ... es preßte mir das Herz zusammen ... Mein Gott, konnte ich Ihnen denn nicht helfen? Durfte ich nicht Ihren Kummer teilen? War es denn Sünde, daß ich brüderliches Mitleid mit Ihnen empfand? ... Verzeihen Sie, ich sagte Mitleid ... Nun gleichviel, mit einem Wort – konnte es Sie denn beleidigen, wenn ich da unwillkürlich das Verlangen empfand, mich Ihnen zu nähern? ...“

„Schon gut, hören Sie auf, sprechen Sie nicht weiter ...“ unterbrach mich das Mädchen. Sie sah verwirrt zu Boden und ich fühlte, wie ihre Hand zuckte. „Es ist meine Schuld, daß ich überhaupt davon anfing. Aber es freut mich, daß ich mich in Ihnen nicht getäuscht habe ... So, jetzt bin ich gleich zu Hause, ich muß hierher in die Querstraße, nur noch zwei Schritte ... Leben Sie wohl, und ich danke Ihnen ...“

„Ja, sollen wir uns denn wirklich niemals wiedersehen? ... Soll das denn schon das Ende sein?“

„Sehen Sie, wie Sie sind!“ sagte sie lachend, „anfangs wollten Sie nur zwei Worte reden, und jetzt! ... Übrigens will ich nichts verschwören ... Vielleicht werden wir einander noch begegnen ...“

„Ich werde morgen wieder hier sein,“ sagte ich schnell. „Verzeihen Sie, ich fordere bereits ...“

„Ja, Sie sind recht ungeduldig ... fast fordern Sie bereits ...“

„Hören Sie, hören Sie!“ unterbrach ich sie, „verzeihen Sie, wenn ich Ihnen wieder irgend so etwas sage ... Aber sehen Sie: ich kann nicht anders, ich muß morgen hierherkommen. Ich bin ein Träumer, ich kenne so wenig wirkliches Leben, und einen solchen Augenblick, wie diesen, erlebe ich so selten, daß es mir ganz unmöglich wäre, ihn mir in meinen Träumen nicht immer wieder zu vergegenwärtigen. Von Ihnen werde ich jetzt die ganze Nacht träumen, die ganze Woche, das ganze Jahr! Ich werde unbedingt morgen hierherkommen, gerade hierher, wo wir jetzt stehen, und um dieselbe Zeit, und ich werde glücklich sein in der Erinnerung an die heutige Begegnung. Schon jetzt ist mir diese Stelle hier lieb. So habe ich noch zwei oder drei andere Stellen in Petersburg, die mir lieb sind. Ich habe einmal sogar geweint, ganz wie Sie vorhin, als plötzlich eine Erinnerung in mir erwachte ... Vielleicht haben Sie heute dort am Kai gleichfalls nur deshalb geweint, weil eine Erinnerung über Sie kam ... Verzeihen Sie, ich habe wieder davon gesprochen! Sie waren dort vielleicht einmal ganz besonders glücklich ...“

„Nun gut,“ sagte das Mädchen plötzlich, „also hören Sie: ich werde morgen auch hierherkommen, um zehn Uhr. Ich sehe, daß ich es Ihnen doch nicht verwehren kann ... Aber Sie wissen noch nicht, um was es sich handelt – ich muß nämlich sowieso unbedingt hierherkommen. Denken Sie deshalb nicht, daß ich Ihnen ein Stelldichein gebe. Ich muß vielmehr aus einem ganz besonderen Grunde und in meinem eigenen Interesse hierherkommen, damit Sie’s wissen. Aber ... nun gut, ich will ganz aufrichtig sein: es tut nichts, wenn auch Sie kommen. Erstens könnte es wieder eine Unannehmlichkeit geben, wenn ich allein bin, wie heute, aber das ist nicht so wichtig ... Nein, kurz, ich würde Sie gern wiedersehen, um ... um ein paar Worte mit Ihnen zu sprechen. Nur, sehen Sie, Sie werden mich doch jetzt nicht verurteilen? Denken Sie deshalb nicht, daß ich so leicht ein Stelldichein gebe ... Ich würde es auch nicht tun, wenn nicht ... Nein, das mag noch mein Geheimnis bleiben! Aber zuvor eine Bedingung ...“

„Eine Bedingung?! Sagen Sie, sprechen Sie es aus – ich bin mit allem einverstanden, bin zu allem bereit!“ rief ich förmlich begeistert. „Ich stehe für mich ein – ich werde gehorsam, werde ehrerbietig sein ... Sie kennen mich –“

„Gerade deshalb, weil ich Sie kenne, fordere ich Sie auch für morgen auf,“ sagte das Mädchen lachend. „Ich kenne Sie bereits ganz genau. Aber wie gesagt, kommen Sie nur unter einer Bedingung: seien Sie so gut und erfüllen Sie meine Bitte, ja? Sie sehen, ich rede ganz offen: Also: daß Sie sich nicht in mich verlieben ... Das darf nicht geschehen, auf keinen Fall. Zur Freundschaft bin ich herzlich gern bereit, hier, meine Hand darauf ... Aber verlieben, nein, nur das nicht, ich bitte Sie!“

„Ich schwöre Ihnen,“ rief ich und ergriff ihre Hand.

„Schon gut, schwören Sie nicht, ich weiß ja doch, daß Sie fähig sind, sich wie Pulver zu entzünden. Verübeln Sie es mir nicht, wenn ich Ihnen so etwas sage. Aber wenn Sie wüßten ... Ich habe auch keinen Menschen, mit dem ich ein Wort sprechen oder den ich um Rat fragen könnte. Natürlich sucht man im allgemeinen seine Ratgeber nicht auf der Straße, aber Sie sind eine Ausnahme. Ich kenne Sie schon so gut, als wären wir zwanzig Jahre Freunde. Nicht wahr, Sie sind doch kein Ungetreuer, Sie werden Ihr Versprechen doch halten? ...“

„Sie werden sehen, Sie werden sehen ... nur freilich, wie ich die nächsten vierundzwanzig Stunden überleben soll, das weiß ich nicht!“

„Schlafen Sie so fest wie möglich. Und nun, gute Nacht – und vergessen Sie nicht, daß ich Ihnen schon mein Vertrauen geschenkt habe. Aber es war so hübsch, was Sie vorhin sagten, und Sie haben recht, man kann einander doch wirklich nicht über jedes Gefühl Rechenschaft geben, und wenn es auch nur brüderliches Mitgefühl ist! Wissen Sie, das sagten Sie so lieb, daß mir sogleich der Gedanke kam, mich Ihnen anzuvertrauen ...“

„Ja, aber worin denn?“

„Morgen sag’ ich’s Ihnen. Bis dahin mag es noch mein Geheimnis bleiben. Um so besser für Sie: das Ganze wird so wenigstens wirklich wie ein Roman aussehen. Vielleicht werde ich es Ihnen schon morgen sagen, vielleicht aber auch morgen noch nicht ... Ich werde mit Ihnen vorher noch von anderem sprechen: wir müssen uns erst näher kennen lernen ...“

„Oh, was mich betrifft, so erzähle ich Ihnen morgen meinetwegen alles von mir! Aber was ist das nur? Mir kommt es vor, als geschehe ein Wunder mit mir ... Wo bin ich, mein Gott?! So sagen Sie doch, sind Sie nun wirklich nicht ungehalten darüber, daß Sie mich nicht gleich zu Anfang fortgeschickt haben? Es waren nur zwei Minuten: und Sie haben mich für immer glücklich gemacht. Ja, glücklich! Wer weiß, vielleicht haben Sie mich sogar mit mir selbst versöhnt und alle meine Zweifel aufgehoben ... Vielleicht habe ich Augenblicke ... Ach nein, morgen erzähle ich Ihnen alles, dann werden Sie alles erfahren, alles ...“

„Gut, abgemacht! Und Sie erzählen zuerst.“

„Einverstanden.“

„Dann also auf Wiedersehen!“

„Auf Wiedersehen!“

Wir trennten uns. Ich lief noch die ganze Nacht umher: ich konnte mich nicht entschließen, nach Haus zurückzukehren. Ich war so glücklich ... ich dachte nur an dieses Wiedersehen!