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Sämtliche Werke 15 cover

Sämtliche Werke 15

Chapter 8: Nasstenkas Geschichte.
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About This Book

This collection gathers three short Petersburg novellas and a brief semi-humorous epistolary piece that dwell on the city's dim twilight and the interior lives of its inhabitants. The narratives examine loneliness, moral ambiguity, and fragile human dignity through intimate encounters and reflective monologues, blending melancholic lyricism with social observation. Characters are portrayed with tender realism, revealing inward beauty amid urban decay, uncertainty, and conflicting identities. One lighter epistolary tale offers a comic counterpoint, while the overall tone emphasizes psychological depth, moral questioning, and the quiet intensity of personal feeling.

Nasstenkas Geschichte.

„Die eine Hälfte meiner Geschichte kennen Sie bereits, das heißt, Sie wissen, daß ich eine alte Großmutter habe ...“

„Wenn die zweite Hälfte nicht länger ist als diese ...“ wandte ich lachend ein.

„Schweigen Sie und hören Sie mir zu. Ganz zuerst eine Abmachung: Sie dürfen mich nicht unterbrechen, sonst machen Sie mich schließlich noch verwirrt. Also, hören Sie jetzt artig zu.

„Ich habe eine alte Großmutter. Zu der kam ich schon als ganz kleines Mädchen, denn meine Eltern starben früh. Ich nehme an, daß Großmutter einmal reicher war, denn sie spricht immer von den früheren besseren Tagen. Sie selbst hat mich denn auch Französisch gelehrt. Später nahm sie einen Lehrer. Als ich fünfzehn Jahre alt war – jetzt bin ich siebzehn – hörte der Unterricht auf. Damals war es also, daß ich ihr meinen Streich spielte. Was ich nun eigentlich verbrach, das werde ich Ihnen nicht sagen; genug, daß es durchaus kein schlimmer Streich war. Immerhin hatte er zur Folge, daß Großmutter mich eines Morgens zu sich rief und sagte, sie könne mich, da sie blind sei, nicht beaufsichtigen, und damit nahm sie dann eine Stecknadel und steckte mein Kleid an das ihrige und erklärte mir, daß wir so unser Leben verbringen würden, wenn ich mich nicht besserte. In der ersten Zeit war mir jede Möglichkeit genommen, mich freizumachem: was ich auch tat, arbeiten und lesen und lernen – alles mußte ich an Großmutters Seite tun. Einmal versuchte ich es mit einer List und beredete Fjokla, sich auf meinen Platz zu setzen. Fjokla ist unsere Magd, und die ist taub. Sie setzte sich also auf meinen Platz, als Großmutter in ihrem Stuhl eingeschlummert war, und ich lief schnell in die Nachbarschaft zu einer Freundin. Das ging aber schlecht aus. Großmutter wachte auf, bevor ich zurück war, und fragte irgend etwas, natürlich im Glauben, daß ich neben ihr säße, denn sie ist ja blind. Fjokla aber, die Großmutter wohl sprechen sah, konnte sie nicht verstehen, da sie doch nichts hört; also denkt und denkt sie, was sie wohl tun soll, steckt dann schnell die Stecknadel ab und kommt mir nachgelaufen ...“

Nasstenka begann zu lachen. Natürlich lachte ich auch. Doch wurde sie gleich wieder ernst.

„Hören Sie, nein, lachen Sie nicht über Großmutter. Ich lache nur deshalb, weil es so komisch war ... Was soll man denn machen, wenn Großmutter wirklich so ist. Trotz allem habe ich sie doch lieb. Nun ja, mich erwartete aber doch eine schöne Strafpredigt: ich mußte mich sofort wieder hinsetzen und wurde von neuem angesteckt und dann: o Gott – nicht rühren durfte ich mich!

„Nun also – ja, da habe ich noch zu sagen vergessen, daß wir, oder vielmehr, daß Großmutter ein kleines Haus besitzt. Es ist ein Holzhäuschen mit nur drei Fenstern in der Front, ein ganz kleines und ebenso alt wie Großmama. Oben aber ist noch ein Zimmer; und in dieses Zimmer zog ein neuer Mieter ein ...“

„Dann hatten Sie also auch früher schon einen Mieter?“ fragte ich beiläufig.

„Nun, natürlich doch,“ versetzte Nasstenka, „und zwar verstand der besser zu schweigen, als Sie. Allerdings konnte er kaum noch die Zunge bewegen. Es war das nämlich ein altes Männlein, harthörig, hager, stumm, blind, lahm, so daß er selbst es schließlich nicht länger aushielt in der Welt und starb. Da ward das Zimmer frei und wir mußten uns nach einem neuen Mieter umsehen, denn die Miete für das Zimmer und Großmutters Pension sind fast unser ganzes Einkommen. Der neue Mieter war aber ein junger Mensch und kein Petersburger. Da er von der Miete nichts abzuhandeln versuchte, nahm ihn Großmutter, als er aber gegangen war, fragte sie mich: ‚Nasstenka, ist der Mieter jung oder alt?‘ Lügen wollte ich nicht und so sagte ich: ‚Ganz jung ist er gerade nicht, Großmama, aber er ist auch kein alter Mann.‘

„‚Und wie sieht er aus? Hat er ein angenehmes Äußere?‘ fragte sie weiter.

„Ich wollte wieder nicht lügen. ‚Ja, Großmutter,‘ sagte ich, ‚er hat ein angenehmes Äußere.‘ Großmutter aber seufzte: ‚Ach, du meine Güte! Das wird dann wohl eine von Gott gesandte Prüfung sein! Ich sage dir das deshalb, mein Enkelkind, damit du ihn dir nicht zu oft ansiehst. Das ist mir jetzt mal eine Zeit! Solch ein armer Zimmermieter und dabei ein angenehmes Äußere! Das war in der alten Zeit ganz anders!‘

„Großmutter spricht nämlich immer von der alten Zeit. Jünger war sie in der alten Zeit und die Sonne schien wärmer in der alten Zeit und die Sahne wurde nicht so schnell sauer in der alten Zeit – alles war in der alten Zeit besser! Da saß ich denn und schwieg, dachte aber bei mir: weshalb bringt denn Großmutter mich selbst darauf, indem sie fragt, ob er gut aussieht und jung ist? Aber das war nur so ein flüchtiger Gedanke, ich begann wieder die Maschen zu zählen und strickte weiter, und darüber vergaß ich dann alles.

„Eines Morgens aber – tritt plötzlich der Mieter bei uns ein: er wolle sich erkundigen, wo die neue Tapete bliebe, die man ihm für das Zimmer versprochen habe. Ein Wort gab das andere. Großmutter ist doch geschwätzig, und da sagt sie denn zu mir: ‚Geh, Nasstenka, in mein Schlafzimmer und hole das Rechenbrett.‘ Ich sprang sogleich auf, das Blut schoß mir ins Gesicht, ich weiß nicht, weshalb – dabei aber vergaß ich ganz, daß ich angesteckt war; statt nun die Nadel heimlich abzustecken, damit der Mieter sie nicht sähe, riß ich so, daß Großmutters ganzer Sessel in die Höhe ruckte. Als ich aber sah, daß der Mieter jetzt alles begriff, wurde ich noch viel röter und blieb wie gelähmt stehen: und plötzlich brach ich in Tränen aus – so schämte ich mich und so bitter war es, daß ich in die Erde hätte versinken mögen! Großmutter aber ruft mir zu: ‚Was stehst du denn, geh doch!‘ Ich aber weinte nur noch mehr ... Da erriet der Mieter, daß ich mich vor ihm schämte, und verabschiedete sich und ging schnell fort!

„Seit jenem Vormittag stand mir, sobald ich nur ein Geräusch im Flur hörte, gleich das Herz still. ‚Vielleicht ist es der Mieter, der zu uns kommt,‘ dachte ich und steckte schnell auf alle Fälle die Nadel ab, heimlich, damit Großmutter es nicht merkte. Nur war es niemals er, – er kam nicht. So vergingen zwei Wochen. Da ließ er uns eines Tages durch Fjokla sagen, daß er viele Bücher habe; und gute Bücher, und ob da nicht Großmutter sich von mir vorlesen lassen wolle, um eine kleine Zerstreuung zu haben? Großmutter nahm das Anerbieten mit Dank an, nur fragte sie mich immer wieder, ob es auch wirklich anständige Bücher wären, ‚denn wenn sie unmoralisch sind,‘ sagte sie, ‚dann darfst du sie unter keinen Umständen lesen, Nasstenka, du würdest nur Schlechtes aus ihnen lernen.‘

„‚Was würde ich denn lernen, Großmama?‘ fragte ich, ‚was steht denn in schlechten Büchern geschrieben?‘

„‚Ja, mein Kind, da wird erzählt, wie junge Männer sittsame Mädchen verführen, wie sie sie unter dem Vorwand, sie heiraten zu wollen, aus dem Elternhause entführen und dann ihrem Schicksal überlassen, und wie die unglücklichen Mädchen zuletzt elend umkommen und zugrunde gehen. Ich,‘ sagte Großmutter, ‚ich habe viele solcher Bücher gelesen und alles,‘ sagte sie, ‚ist so herrlich geschildert, daß man die ganze Nacht heimlich in ihnen liest. Und deshalb, Nasstenka,‘ sagte sie, ‚sieh zu, daß du solche Bücher nicht liest. Was für Bücher sind es denn, die er uns geschickt hat?‘

„‚Es sind Romane von Walter Scott, Großmutter,‘ sagte ich.

„‚Ah, Romane von Walter Scott! Aber sieh vorsichtshalber nach, ob nicht irgendwelche Spitzbübereien darin stecken. Vielleicht hat er einen Liebesbrief oder ein Zettelchen hineingelegt.‘

„‚Nein,‘ sagte ich, ‚es ist kein Zettelchen drin, Großmutter.‘

„‚Sieh mal ordentlich nach, auch unter dem Umschlagrücken; zuweilen stecken sie es dorthin, die Spitzbuben!‘

„‚Nein, Großmutter,‘ sagte ich, ‚auch unter dem Umschlagrücken ist nichts.‘

„‚Nun, Vorsicht kann nie schaden!‘ war ihre Antwort.

„Und so fingen wir denn an, Walter Scott zu lesen, und in etwa einem Monat waren wir fast schon mit der Hälfte der Bücher fertig. Dann schickte er uns wieder neue Bücher, auch Puschkin war darunter, so daß ich ohne Bücher bald gar nicht mehr sein konnte und darüber ganz vergaß, wie früher darüber zu sinnen, wie ich wohl einen chinesischen Prinzen heiraten könnte.

„So standen die Dinge, als der Zufall es einmal fügte, daß ich unserem Mieter auf der Treppe begegnete. Ich mußte für Großmutter etwas holen. Er blieb stehen, ich errötete – und er errötete gleichfalls; aber da lachte er auch schon und begrüßte mich und erkundigte sich nach Großmutters Befinden. Darauf fragte er, ob ich die Bücher schon gelesen hätte. Ich sagte: ‚Ja, ich habe sie gelesen.‘ – ‚Was hat Ihnen denn am besten gefallen?‘ fragte er weiter. Ich sagte: ‚Ivanhoe und Puschkin haben mir am besten gefallen.‘ Und damit war unser Gespräch für diesmal beendet.

„Nach einer Woche begegnete ich ihm wieder auf der Treppe. Nur hatte mich an dem Tage nicht Großmutter geschickt, ich hatte vielmehr selbst etwas nötig. Es war nach zwei Uhr und um diese Zeit kam unser Mieter nach Hause, das wußte ich. ‚Guten Tag!‘ sagte er. ‚Guten Tag!‘ erwiderte ich.

„‚Ist es Ihnen nicht langweilig, den ganzen Tag bei der Großmutter zu sitzen?‘ fragte er.

„Wie er das fragte, da – ich weiß nicht, weshalb – errötete ich wieder und ich schämte mich und seine Worte kränkten mich – wohl deshalb, weil nun schon andere mich nach meiner Lebensweise bei Großmutter zu fragen begannen. Ich wollte fortgehen, ohne ihm zu antworten, aber ich hatte keine Kraft zum Gehen.

„‚Sie sind ein gutes Mädchen,‘ sagte er darauf. ‚Entschuldigen Sie, bitte, daß ich so zu Ihnen spreche, aber, ich versichere Ihnen, ich wünsche Ihnen vielleicht mehr Gutes, als Ihre Großmutter es zu tun scheint. Haben Sie keine Freundinnen, die Sie besuchen könnten?‘

„Ich sagte, ich hätte jetzt keine, denn Maschenka, meine einzige Freundin, wäre nach Pskow gereist.

„‚Wollen Sie nicht einmal mit mir ins Theater fahren?‘ fragte er mich darauf.

„‚Ins Theater?‘ fragte ich, ‚aber was soll denn Großmutter –?‘

„‚Nun,‘ meinte er, ‚Sie brauchen es ihr ja nicht zu sagen, – kommen Sie heimlich ...‘

„‚Nein,‘ sagte ich, ‚ich will Großmutter nicht betrügen. Guten Tag!‘

„Er grüßte nur, sagte aber nichts. Am Nachmittag, wir hatten gerade erst gespeist, kam er plötzlich zu uns. Er setzte sich, unterhielt sich mit Großmutter, erkundigte sich, ob sie nicht zuweilen auch ausfahre, ob sie Bekannte habe – plötzlich aber sagte er: ‚Ich habe für heute eine Loge genommen, im Opernhaus; der Barbier von Sevilla wird gegeben, aber meine Bekannten, mit denen ich die Vorstellung besuchen wollte, sind plötzlich verhindert, und da sitze ich nun mit meinem Billett.‘

„‚Der Barbier von Sevilla!‘ rief Großmutter, ‚ist das etwa derselbe Barbier, den man in der alten Zeit gab?‘

„‚Ja,‘ sagte er, ‚es ist derselbe Barbier,‘ und dabei sah er mich an. Ich aber hatte schon alles begriffen und errötete und mein Herz hüpfte in Erwartung!

„‚Aber den kenne ich ja!‘ rief Großmutter, ‚wie sollte ich den nicht kennen! Ich habe doch in meiner Jugend auf der Hausbühne die Rosine gespielt!‘

„‚Würden Sie dann nicht heute abend die Oper einmal wieder hören wollen?‘ fragte er. ‚So fände auch mein Billett noch eine Verwendung, sonst hätte ich es unnütz gekauft.‘

„‚Nun, meinetwegen, fahren wir,‘ sagte Großmutter, ‚weshalb sollten wir nicht?! Meine Nasstenka ist ja auch noch niemals im Theater gewesen.‘

„Mein Gott, war das eine Freude! Wir kleideten uns an und dann fuhren wir. Großmutter ist zwar blind, aber sie wollte doch wenigstens die Musik hören: und dann, wissen Sie, sie ist eine gute alte Frau: sie wollte hauptsächlich mir das Vergnügen gönnen, denn ohne seine Aufforderung wären wir wohl niemals in die Oper gekommen. Wie der Eindruck war, den der Barbier von Sevilla auf mich machte – nun, das brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen, das können Sie sich schon ohnehin denken. Den ganzen Abend sah er mich mit so guten Augen an und sprach so freundlich zu mir: und ich erriet gleich, daß er mich auf der Treppe nur hatte prüfen wollen, als er mich aufforderte, allein mit ihm ins Theater zu fahren. Da freute ich mich denn, daß ich ihm so geantwortet hatte! Und als ich zu Bett ging, war ich so stolz, so froh und mein Herz schlug so stark, daß ich sogar ein wenig fieberte, und die ganze Nacht träumte mir vom Barbier von Sevilla.

„Ich dachte natürlich, unser Mieter werde jetzt öfter zu uns kommen – aber da täuschte ich mich. Er kam fast gar nicht mehr. Nur so, etwa einmal im Monat sprach er vor, und auch das nur, um uns aufzufordern, mit ihm ins Theater zu fahren. Zweimal fuhren wir auch noch – nur wollte mir diese Art gar nicht gefallen. Ich sah ein, daß ich ihm einfach nur leid tat, weil ich bei Großmutter tagaus tagein angesteckt sitzen mußte: weiter war es nichts. Und je länger sich das so fortsetzte, um so mehr kam es über mich: ich saß und versuchte zu lesen und zu arbeiten, aber ich konnte weder sitzen, noch lesen, noch arbeiten. Zuweilen lachte ich und stellte irgend etwas an, worüber Großmutter sich ärgern mußte. Dann wieder war ich den Tränen nahe oder weinte auch wohl wirklich. Zu guter Letzt wurde ich fast krank. Die Opernsaison war zu Ende und unser Mieter hörte nun ganz auf, zu uns zu kommen. Wenn wir einander aber begegneten – immer auf der Treppe, natürlich – da grüßte er nur so ernst und schweigend und ging an mir vorüber, als wolle er überhaupt nicht mit mir sprechen. Und wenn er schon längst oben war, stand ich immer noch auf der Treppe, rot wie eine Kirsche, denn das Blut stieg mir sofort ins Gesicht, sobald ich ihn nur erblickte.

„Meine Geschichte ist gleich zu Ende. Gerade vor einem Jahr, im Mai, kam unser Mieter nach langer Zeit wieder einmal zu uns und sagte der Großmutter, daß er seine Geschäfte hier erledigt habe und wieder auf ein Jahr nach Moskau fahren müsse. Wie ich das hörte, erbleichte ich und sank auf einen Stuhl – ich glaubte, vergehen zu müssen. Großmutter merkte nichts davon, er aber verabschiedete sich kurz und ging.

„Was sollte ich tun? Ich dachte und dachte und marterte mein Gehirn und grämte mich, bis ich endlich doch einen Entschluß faßte. Morgen fährt er, dachte ich, und so beschloß ich, noch an demselben Abend, sobald Großmutter eingeschlafen wäre, meinen Vorsatz auszuführen. So geschah es auch. Ich band, was ich an Kleidern und Wäsche nötig hatte, in ein Bündel, und mit dem Bündel in der Hand, mehr tot als lebendig, ging ich nach oben zu unserem Mieter. Ich glaube, ich brauchte eine volle Stunde, um die Treppe hinaufzusteigen. Als ich aber die Tür zu seinem Zimmer öffnete, da sprang er auf und sah mich an, als hielte er mich für ein Gespenst. Doch das dauerte nur einen Augenblick. Dann griff er nach dem Wasserglase und stand auch schon neben mir und gab mir zu trinken, denn ich hielt mich kaum auf den Füßen. Mein Herz schlug so, daß es mir im Kopf weh tat und meine Sinne sich verwirrten. Als ich aber wieder zu mir kam, tat ich nichts weiter, als daß ich mein Bündel auf sein Bett legte, mich daneben setzte, das Gesicht mit den Händen bedeckte und in eine Flut von Tränen ausbrach. Ich glaube, da begriff er im Augenblick alles, denn er stand vor mir und war bleich und sah mich so traurig an, daß es mir das Herz zerriß.

„‚Hören Sie,‘ begann er, ‚hören Sie, Nasstenka, ich kann nicht! Ich bin ganz arm, ich habe vorläufig noch nichts, nicht einmal eine Stellung: wie sollten wir denn leben, wenn ich Sie heiratete?‘

„Wir sprachen lange. Schließlich war ich ganz fassungslos und sagte, ich könne nicht länger bei Großmutter bleiben, ich würde von ihr fortlaufen und ich wolle nicht, daß man mich mit einer Stecknadel anstecke: sobald er nur einwillige, wollte ich mit ihm nach Moskau gehen, da ich ohne ihn nicht mehr leben könne. Scham und Liebe und Stolz – alles brach da zugleich aus mir hervor: und fast wie in einem Weinkrampf sank ich aufs Bett. Ich fürchtete mich so vor einer Zurückweisung!

„Er schwieg eine Weile, dann stand er auf, trat zu mir und ergriff meine Hand.

„‚Hören Sie, meine gute, meine liebe Nasstenka!‘ begann er, und seine Stimme bebte vor Tränen, ‚hören Sie mich an. Ich schwöre Ihnen, wenn ich jemals in der Lage sein werde, zu heiraten, so sollen Sie mein Glück ausmachen. Ich versichere Ihnen, nur Sie allein könnten es. Doch hören Sie weiter: ich fahre jetzt nach Moskau und werde dort ein Jahr bleiben. Ich hoffe, mir in dieser Zeit ein Auskommen zu schaffen. Wenn ich dann, nach einem Jahr, zurückkehre und Sie mich noch liebhaben, so werden wir glücklich sein, das schwöre ich Ihnen. Jetzt jedoch ist es unmöglich, ich besitze nichts und ich habe kein Recht, auch nur irgend etwas zu versprechen. Sollte ich aber in einem Jahr noch nicht so weit sein, so werden wir noch etwas länger warten müssen, einmal aber werden wir unser Ziel erreichen – natürlich nur dann, wenn Sie nicht einem andern den Vorzug geben, denn binden will ich Sie mit keinem Wort, das kann ich nicht und darf ich nicht.‘

„So sprach er damals zu mir und am nächsten Tage fuhr er fort. Vorher aber sprachen wir uns noch aus und beschlossen, der Großmutter nichts zu sagen. Er wollte es so. Nun, und ... meine Geschichte ist fast zu Ende. Es ist jetzt genau ein Jahr vergangen. Er ist zurückgekehrt, er ist schon ganze drei Tage hier und ... und ...“

„Und – was?“ fragte ich gespannt.

„... Und ist bis jetzt noch nicht gekommen!“ schloß Nasstenka, indem sie sich mit aller Gewalt zusammennahm, „kein Wort von ihm, kein Brief ...“

Sie stockte, schwieg ein wenig, senkte den Kopf und plötzlich brach sie, die Hände vor das Gesicht schlagend, in Tränen aus und weinte so verzweifelt, daß es mir das Herz zerriß.

Eine solche Lösung hatte ich nicht erwartet.

„Nasstenka!“ sagte ich mit aller Güte und Teilnahme in der Stimme. „Nasstenka, um Gottes willen, so weinen Sie doch nicht so! Woher wissen Sie es denn? Vielleicht ist er noch gar nicht hier ...“

„Doch, doch, er ist hier!“ bestätigte sie eifrig, „ich weiß es. Wir trafen damals noch eine Verabredung, an jenem Abend vor seiner Abreise – als wir uns ausgesprochen und uns alles gesagt hatten, was ich Ihnen soeben erzählt habe, da kamen wir hierher und spazierten hier auf und ab. Es war zehn Uhr und wir saßen auf dieser Bank. Ich weinte nicht mehr, es war mir so süß, zu hören, was er zu mir sprach ... Er sagte, er werde sogleich nach seiner Ankunft zu uns kommen, und wenn ich mich dann nicht von ihm lossagte, würden wir alles der Großmutter mitteilen. Jetzt aber ist er zurückgekehrt, ich weiß es, und zu uns ist er nicht gekommen, nicht gekommen!“

Und wieder brach sie in Tränen aus.

„Mein Gott! Kann man Ihnen denn nicht irgendwie helfen?“ rief ich und sprang in meiner Ratlosigkeit von der Bank auf. „Sagen Sie, Nasstenka, könnte ich nicht zu ihm gehen und mit ihm sprechen?“

„Ginge denn das?“ fragte sie, plötzlich aufschauend.

„Nein, eigentlich nicht, natürlich nicht! ... Aber hören Sie: schreiben Sie ihm einen Brief.“

„Nein, das ist unmöglich, das geht erst recht nicht!“ versetzte sie schnell, senkte jedoch das Köpfchen und sah mich nicht an.

„Weshalb denn nicht? Weshalb sollte es unmöglich sein?“ fuhr ich fort, denn mein Plan begann mir zu gefallen. „Die Frage ist nur: was für einen Brief! Zwischen Brief und Brief ist ein Unterschied und ... Ach, Nasstenka, vertrauen Sie mir doch! Ich will Ihnen keinen schlechten Rat geben. Es läßt sich das wirklich machen, glauben Sie mir! Sie haben doch den ersten Schritt getan – weshalb wollen Sie denn jetzt nicht ...“

„Nein, nein, es geht nicht, es geht wirklich nicht! Damals habe ich mich schon fast – aufgedrängt ...“

„Ach, Sie Kind!“ unterbrach ich sie, ohne mein Lächeln zu verbergen, „nein, da irren Sie sich. Und schließlich haben Sie dazu das volle Recht, da er Ihnen sein Wort gegeben hat. Übrigens scheint er auch, wie ich aus allem ersehe, ein durch und durch anständiger Mensch zu sein,“ fuhr ich fort und ließ mich von der Logik meiner Folgerungen und Schlüsse mehr und mehr gefangennehmen. „Wie hat er denn an Ihnen gehandelt? Er hat sich durch sein Versprechen gebunden. Er hat gesagt, daß er nur Sie heiraten werde, sobald er erst einmal so weit sein würde; Ihnen dagegen hat er volle Freiheit gelassen, so daß Sie, wenn Sie wollen, jeden Augenblick sich von ihm lossagen können ... Folglich dürfen Sie jetzt ruhig den ersten Schritt tun, denn er hat Ihnen in allem das Vorrecht überlassen – ganz gleich, ob es sich nun um die Rückgabe des bindenden Wortes handelt, oder um etwas anderes ...“

„Sagen Sie – wie würden Sie an meiner Stelle schreiben?“

„Was?“

„Nun, diesen Brief an ihn.“

„Ich? – Oh, ganz einfach: ‚Sehr geehrter Herr ...‘“

„Muß man unbedingt so anfangen?“

„Unbedingt. Übrigens, haben Sie etwas dagegen einzuwenden? Ich denke ...“

„Nein, nein, schon gut! Weiter!“

„Also: ‚Sehr geehrter Herr! Entschuldigen Sie, daß ich ...‘ Übrigens nein, Entschuldigungen sind überflüssig. Hier erklärt ja schon die Tatsache alles. Also einfach: ‚Ich schreibe Ihnen. Verzeihen Sie meine Ungeduld, aber ich war ein ganzes Jahr lang so glücklich, da ich immer in meiner Hoffnung lebte – woher sollte ich jetzt wohl die Geduld nehmen, auch nur einen Tag der Ungewißheit zu ertragen? Jetzt, wo Sie schon zurückgekehrt sind und mich doch noch nicht aufgesucht haben, muß ich annehmen, daß Sie Ihre Absicht inzwischen aufgegeben haben. In dem Fall soll dieser Brief Ihnen nur sagen, daß ich nicht klage und Ihnen keinen Vorwurf mache. Wie sollte ich auch, denn es ist doch nicht Ihre Schuld, wenn ich Ihr Herz nur für eine kurze Zeit zu fesseln vermocht habe. Dann ist es eben mein Schicksal ... Sie sind ein vornehm denkender Mensch und Sie werden über meine ungeschickten Zeilen weder lächeln noch sich ärgern. Aber trotzdem – vergessen Sie nicht, daß ein armes Mädchen an Sie schreibt, daß sie ganz allein ist und keinen Menschen hat, dem sie sich anvertrauen und der ihr Rat erteilen könnte, und daß sie auch nie verstanden hat, ihr Herz zu bezwingen. Doch seien Sie mir nicht böse, wenn es unrecht von mir gewesen sein sollte, auch nur für einen Augenblick in meiner Seele Zweifel gehegt zu haben. Ich weiß, daß Sie nicht einmal in Gedanken diejenige zu kränken vermögen, die Sie so geliebt hat und noch liebt.‘“

„Ja, ja! So habe ich es mir auch schon gedacht!“ rief Nasstenka und ihre Augen glänzten vor Freude. „Oh, Sie haben mich von allen meinen Ungewißheiten erlöst! Gott selbst hat Sie mir gesandt! Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen!“

„Wofür? Dafür, daß Gott mich zu Ihnen gesandt hat?“ fragte ich und betrachtete entzückt ihr freudestrahlendes Gesichtchen.

„Ja, meinetwegen dafür!“

„Ach, Nasstenka! Wir sind doch wirklich manchen Menschen nur dafür dankbar, daß sie mit uns leben oder überhaupt nur leben. Ich zum Beispiel bin Ihnen ganz unendlich dankbar dafür, daß Sie mir begegnet sind und daß ich nun mein Leben lang an Sie werde denken können.“

„Nun, schon gut, genug! Aber jetzt – Sie wissen ja noch gar nicht alles – also hören Sie: Damals verabredeten wir, daß er sogleich nach seiner Rückkehr mir eine Nachricht zukommen lassen solle, und zwar durch meine Bekannten: gute, einfache Leute, die von all dem nichts wissen; falls er aber nicht schreiben könne, da sich in einem Brief doch oft nicht alles sagen läßt, so sollte er gleich am ersten Tage um Punkt zehn Uhr abends hierher kommen, wo wir uns dann treffen wollten. Daß er in Petersburg bereits angekommen ist, das weiß ich; aber jetzt ist er bereits seit drei Tagen hier und bis jetzt habe ich weder einen Brief von ihm erhalten, noch ist er selbst gekommen. Am Tage ist es mir nicht möglich, unbemerkt von Großmutter fortzugehen. Deshalb – oh, seien Sie so gut und geben Sie jenen Leuten, von denen ich sprach, meinen Brief – sie werden ihn weiterbefördern. Wenn aber eine Antwort von ihm eintrifft, so bringen Sie sie mir um zehn Uhr abends hierher – ja?“

„Aber der Brief, der Brief! Zuerst muß doch der Brief noch geschrieben werden! Sonst kann ich das allenfalls erst übermorgen besorgen.“

„Der Brief ...“ Nasstenka sah etwas verwirrt zu Boden, „der Brief ... ja aber ...“

Sie stockte und sprach nicht zu Ende, wandte das Gesichtchen, das wie eine Rose erglühte, von mir fort, und plötzlich fühlte ich in meiner Hand einen Brief – einen geschlossenen und natürlich nicht erst ganz vor kurzem geschriebenen Brief. Und zugleich – der Schalk rief eine Erinnerung in mir wach – klang mir plötzlich eine reizende graziöse Melodie im Ohr und –

„Ro–osi–ina!“ sang ich.

„Oh! ‚Ro–o–osi–i–ina!‘“ sangen wir beide, und ich war nahe daran, sie vor lauter Wonne in meine Arme zu schließen, während sie noch heftiger errötete und durch Tränen lachte, die wie Tautropfen silbern an ihren Wimpern glänzten.

„Nun, genug, genug! Jetzt leben Sie wohl!“ sagte sie schnell. „Den Brief haben Sie, und auf dem Umschlag steht die Adresse, dort geben Sie ihn ab. Leben Sie wohl! Auf Wiedersehen: morgen!“

Sie drückte mir fest beide Hände, nickte mir noch einmal zu und huschte wie ein Schatten in ihre kleine Querstraße. Ich stand noch lange auf demselben Fleck und sah ihr nach.

„Auf Wiedersehen: morgen! Morgen!“ fuhr es mir durch den Sinn, als sie meinen Blicken entschwunden war.