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Sämtliche Werke 15 cover

Sämtliche Werke 15

Chapter 9: Die dritte Nacht.
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About This Book

This collection gathers three short Petersburg novellas and a brief semi-humorous epistolary piece that dwell on the city's dim twilight and the interior lives of its inhabitants. The narratives examine loneliness, moral ambiguity, and fragile human dignity through intimate encounters and reflective monologues, blending melancholic lyricism with social observation. Characters are portrayed with tender realism, revealing inward beauty amid urban decay, uncertainty, and conflicting identities. One lighter epistolary tale offers a comic counterpoint, while the overall tone emphasizes psychological depth, moral questioning, and the quiet intensity of personal feeling.

Die dritte Nacht.

Heute war ein trauriger regnerischer Tag, so grau und trüb und lichtlos – ganz wie das Alter, das mir bevorstand. Und jetzt bedrücken mich so seltsame Gedanken, so dunkle Empfindungen, und Probleme, die mir selbst noch völlig unklar sind, drängen sich in meine Gedanken – und dabei habe ich doch weder die Kraft noch den Wunsch, sie zu lösen. Nun, das ist auch eigentlich nicht meine Sache!

Heute haben wir uns nicht gesehen. Als wir gestern Abschied nahmen, zogen schon dunkle Wolken auf und Nebel erhob sich. Ich sagte noch: „Morgen werden wir einen trüben Tag haben“. Sie antwortete darauf nichts – was hätte sie auch antworten sollen? Für sie war dieser Tag hell und klar und kein Wölkchen würde auf ihr Glück einen Schatten werfen.

„Wenn es regnet, werden wir uns nicht sehen,“ sagte sie endlich, „dann komme ich nicht.“

Ich dachte, sie werde den Regen heute gar nicht bemerkt haben, aber sie kam doch nicht.

Gestern sahen wir uns zum drittenmal – es war unsere dritte helle Nacht ...

Indessen – wie doch Freude und Glück einen Menschen schön machen! Wie atmet im Herzen die Liebe! Es ist, als wolle man sein ganzes Herz in ein anderes Herz überströmen lassen, man will, daß alles froh sei! daß alles lache! Und wie ansteckend ist diese Freude! Gestern war in ihren Worten soviel Zärtlichkeit und in ihrem Herzen soviel Güte zu mir ... Wie aufmerksam sie war, wie nett, wie freundlich und lieb! wie sie mich ermunterte und mein Herz erquickte! Oh, wieviel süße Schelmerei vor lauter Glück! Und ich ... Ich nahm alles für bare Münze und dachte, daß sie ...

Mein Gott, wie konnte ich nur so etwas denken? Wie konnte ich so blind sein, wo ich doch wußte, daß alles schon einem anderen gehörte und wo ich mir doch hätte sagen müssen, daß all ihre Zärtlichkeit und Liebe ... ja, ihre Liebe zu mir – nichts anderes war, als ein Ausdruck ihrer Freude über das bevorstehende Wiedersehen mit ihm und ihr Wunsch, an diesem Glücke auch mich teilnehmen zu lassen, oder es einfach auf mich zu übertragen? ... Als er aber nicht kam und wir vergeblich warteten, da ward sie doch traurig und bekümmert und verzagt. Ihre Bewegungen und ihre Worte waren nicht mehr so leicht und gleichsam beflügelt, nicht mehr so ausgelassen lustig. Doch sonderbarerweise verdoppelte sie dann ihre Aufmerksamkeit und Freundlichkeit gegen mich, und es war mir, als wolle sie alles, was sie für sich wünschte und worum sie bangte, weil es vielleicht für sie nie in Erfüllung gehen würde, unwillkürlich wenigstens mir schenken. Und zitternd für ihr eigenes Glück, voll Angst und Sehnsucht begriff sie endlich, daß auch ich liebte, daß ich sie liebte, und etwas wie Mitleid mit meiner armen Liebe ergriff sie. Denn wenn wir selbst unglücklich sind, dann können wir das Unglück anderer besser nachfühlen, und das Gefühl zerstreut sich nicht so, sondern sammelt sich ...

Ich kam zu ihr mit vollem Herzen, nachdem ich die Stunde des Wiedersehens kaum hatte erwarten können. Ich ahnte aber noch nicht, was ich in dieser Stunde empfinden würde, und ebensowenig sah ich voraus, wie anders alles enden sollte. Sie strahlte vor Freude, denn sie erwartete die Antwort. Und die Antwort, die sollte er selbst bringen ... daß er auf ihren Ruf unverzüglich zu ihr eilen würde – davon war sie fest überzeugt. Sie war schon eine ganze Stunde vor mir zur Stelle. Anfangs lachte sie über alles, fast über jedes Wort, das ich sprach. Ich wollte weitersprechen, doch plötzlich – schwieg ich.

„Wissen Sie, weshalb ich so froh bin?“ fragte sie, „– und mich so freue, Sie zu sehen? – weshalb ich Sie heute so liebe?“

„Nun?“ fragte ich und mein Herz bebte.

„Ich liebe Sie, weil Sie sich nicht in mich verliebt haben. Ein anderer zum Beispiel hätte doch an Ihrer Stelle angefangen, mich zu beunruhigen und zu belästigen und hätte geseufzt und den Kranken gespielt, Sie aber sind so nett und lieb!“

Und sie drückte meine Hand so fest, daß ich fast aufgeschrien hätte. Und dann lachte sie wieder.

„Mein Gott! was sind Sie doch für ein Freund!“ fuhr sie nach einer Weile sehr ernst fort. „Ich glaube wirklich, daß Gott selbst Sie mir gesandt hat. Was würde wohl aus mir werden, wenn Sie jetzt nicht bei mir wären? Wie uneigennützig Sie sind! und mit wieviel Güte Sie mich lieben! Wenn ich verheiratet bin, werden wir gute Freunde sein – wie Brüder. Ich werde Sie fast ebenso lieben, wie ihn ...“

Das tat mir weh und im Augenblick empfand ich schmerzvolle Trauer, doch zugleich regte sich auch so etwas wie ein Lachen in meiner Seele.

„Sie sind unruhig,“ sagte ich, „die Angst sitzt Ihnen im Herzen, denn Sie fürchten innerlich doch, daß er nicht kommen wird.“

„Gott mit Ihnen! – wäre ich weniger glücklich, so würden Ihr Unglaube und Ihre Vorwürfe mich wahrscheinlich zum Weinen bringen. Übrigens haben Sie mich auf einen Gedanken gebracht, über den ich noch lange grübeln kann. Doch das werde ich nachher tun; jetzt aber will ich Ihnen gestehen, daß Sie die Wahrheit erraten haben. Ja! Ich bin irgendwie nicht – ich selbst. Ich bin in der Tat eigentlich nichts als Erwartung und fühle und höre und nehme alles nur so von ungefähr ... Doch genug davon, reden wir nicht mehr von Gefühlen ...“

Da plötzlich hörten wir Schritte und aus der Dunkelheit kam uns ein Fußgänger entgegen. Wir zuckten beide zusammen, sie hatte fast aufgeschrien. Ich zog meinen Arm zurück, auf dem ihre Hand lag, und machte eine Wendung, um unauffällig fortzugehen. Doch wir täuschten uns: es war ein Fremder, der ruhig vorüberging.

„Was fürchten Sie? Weshalb zogen Sie Ihren Arm zurück?“ fragte sie, indem sie wieder meinen Arm nahm. „Was ist denn dabei? Wir werden ihm Arm in Arm entgegengehen. Ich will, daß er sieht, wie wir einander lieben.“

„Wie wir einander lieben!“ rief ich.

– „Oh, Nasstenka, Nasstenka!“ dachte ich im stillen, „wie viel du mit diesem Wort gesagt hast! Bei solcher Liebe, Nasstenka, kann das Herz wohl erfrieren ... und die Seele ist dann tottraurig ... Deine Hand ist kühl, Nasstenka, meine aber ist heiß wie Feuer. Wie blind du bist, Nasstenka! ... Oh! wie unerträglich kann doch ein glücklicher Mensch zuweilen sein! Aber dir böse sein: das könnte ich doch nicht! ...“

Schließlich war mein Herz so voll von alledem, daß ich sprechen mußte, ob ich wollte oder nicht.

„Hören Sie, Nasstenka!“ rief ich, „wissen Sie, was heute den ganzen Tag mit mir gewesen ist?“

„Nun, was, was denn? Erzählen Sie schnell! Warum haben Sie denn bis jetzt geschwiegen!“

„Erstens, Nasstenka, als ich alle Ihre Aufträge erfüllt, den Brief bei Ihren guten Leuten abgegeben hatte, da ... da ging ich nach Hause und legte mich schlafen ...“

„Und das war alles?“ unterbrach sie mich lachend.

„Ja, fast alles,“ versetzte ich, mich schnell zusammennehmend, denn die dummen Tränen wollten mir mit Gewalt in die Augen treten. „Ich erwachte erst eine Stunde vor dem von uns verabredeten Wiedersehen, aber es war mir, als hätte ich gar nicht geschlafen. Ich weiß nicht, was mit mir war. Und als ich herkam, da war es, als käme ich nur, um Ihnen das alles zu erzählen. Es war, als sei die Zeit für mich stehengeblieben, als müßte eine Empfindung, ein einziges Gefühl von nun an ewig mich beherrschen, als müßte ein Augenblick eine ganze Ewigkeit währen und als sei das ganze Leben in mir stehen geblieben ... Als ich erwachte, da war es mir, als erinnerte ich mich eines musikalischen Motivs, das ich einmal vor langer Zeit gehört und inzwischen vergessen haben mochte. Und es schien mir, als habe es sich schon mein Leben lang aus meiner Seele hervordrängen wollen, und jetzt erst ...“

„Ach, mein Gott!“ unterbrach mich Nasstenka, „wie kommt denn das? Ich begreife kein Wort.“

„Ach, Nasstenka! Ich wollte Ihnen diesen seltsamen Eindruck irgendwie wiedergeben ...“ begann ich mit trauriger Stimme, in der sich aber doch noch Hoffnung verbarg, wenn auch nur eine ganz entfernte.

„Schon gut, hören Sie auf, schon gut, schon gut!“ sagte sie schnell – in einem Augenblick hatte sie alles erraten, die Schelmin!

Sie ward sehr gesprächig und lustig und sogar unartig. Sie nahm meinen Arm, lachte, erzählte, wollte unbedingt, daß auch ich zu lachen anfinge, und jedes verwirrte Wort von mir rief bei ihr ein helles und übermütiges Lachen hervor ... Ich fing an, mich zu ärgern, und plötzlich begann sie zu kokettieren.

„Hören Sie mal,“ hub sie an, „ein wenig ärgert es mich doch, daß Sie sich gar nicht in mich verliebt haben. Da werde einer jetzt klug aus den Menschen! Immerhin, mein unbezwingbarer Herr, müssen Sie doch wenigstens das anerkennen, daß ich so harmlos und offenherzig bin. Ich sage Ihnen alles, alles, gleichviel was für eine Dummheit mir gerade durch den Kopf fährt.“

„Da! Hören Sie? Es schlägt elf,“ sagte ich, als fernher der erste gemessene Schlag der Turmuhr erklang.

Sie blieb stehen, ihr Lachen war verstummt, sie zählte jeden Schlag.

„Ja, elf,“ sagte sie endlich etwas zaghaft und unschlüssig.

Ich bereute sogleich, daß ich sie unterbrochen und die Schläge hatte zählen lassen. Und ich verwünschte mich ob der Bosheit, die mich angewandelt. Es tat mir leid um sie, und ich wußte nicht, wie ich mein Vergehen gutmachen sollte. Ich versuchte, sie zu trösten und Gründe für sein Fernbleiben zu suchen. Ich führte verschiedene Beispiele an, bewies und folgerte: und wirklich ließ sich niemand leichter überzeugen, als sie in diesem Augenblick, wie ja wohl ein jeder unter solchen Umständen mit Freuden jeden Trost anhören und selbst noch für den Schatten einer Rechtfertigung dem anderen dankbar sein würde.

„Ja, und überhaupt,“ fuhr ich fort, indem ich mich immer mehr für ihn einsetzte, und dabei selbst sehr eingenommen von der Klarheit meiner Beweise war, „er konnte ja heute noch gar nicht kommen. Sie haben Ihre Erwartung und Unruhe auch auf mich übertragen, Nasstenka, so daß auch ich die Zeitschätzung ganz vergaß ... Bedenken Sie doch nur: er hat ja kaum erst den Brief erhalten können! Nehmen wir jetzt an, daß er verhindert ist, persönlich zu erscheinen, und daß er schreiben wird – dann können Sie den Brief doch gar nicht früher bekommen, als morgen. Ich werde in aller Frühe hingehen und Sie dann sogleich benachrichtigen. Und überdies können wir ja noch tausend andere Wahrscheinlichkeiten annehmen – sagen wir zum Beispiel: er ist nicht zu Hause gewesen, als der Brief kam, und er hat ihn vielleicht bis jetzt noch nicht gelesen. Es ist doch alles möglich.“

„Ja, ja!“ pflichtete mir Nasstenka schnell bei, „ich habe daran gar nicht gedacht, natürlich ist alles möglich,“ bestätigte sie mit bereitwillig nachgiebiger Stimme, aus der aber doch, wie eine ärgerliche kleine Dissonanz, ein anderer ferner Gedanke herauszuhören war.

„Dann bleibt es dabei und wir machen es so: Sie gehen morgen möglichst früh zu jenen guten Leuten, und wenn Sie dort etwas erhalten, so benachrichtigen Sie mich unverzüglich. Sie wissen doch, wo ich wohne?“ Und sie nannte mir ihre Adresse.

Dann wurde sie mit einemmale so zärtlich zu mir, und dabei schien sie doch eine gewisse Schüchternheit anzuwandeln ... Scheinbar hörte sie mir auch aufmerksam zu ... als ich mich aber mit einer Frage an sie wandte, da schwieg sie und kehrte verwirrt das Köpfchen von mir fort. Ich beugte mich ein wenig vor, um ihr ins Gesicht zu sehen – und wahrhaftig: so war’s: sie weinte.

„Nun, nun! Ist’s möglich? Ach, was für ein Kind Sie sind! Was für ein kleines unvernünftiges Kind! ... Hören Sie doch auf! ... Worüber weinen Sie denn?“

Sie versuchte, zu lächeln und sich zu beherrschen, aber ihr Gesicht zuckte und ihre Brust wogte immer noch.

„Ich habe nur über Sie nachgedacht,“ sagte sie nach längerem Schweigen. „Sie sind so gut, daß ich von Stein sein müßte, wenn ich das nicht herausfühlte. Wissen Sie, was mir soeben in den Sinn kam? Ich verglich Sie beide. Warum ist er – nicht Sie? Warum ist er nicht so wie Sie? Er ist schlechter, als Sie und doch liebe ich ihn mehr, als ich Sie liebe.“

Ich antwortete nichts. Sie aber wartete, wie es schien, auf eine Bemerkung von mir.

„Selbstverständlich ist es möglich, daß ich ihn vielleicht nicht ganz verstehe, und ich kenne ihn ja auch noch gar nicht so gut. Aber wissen Sie, es ist mir, als hätte ich ihn immer ein wenig gefürchtet. Er war immer so ernst und so ... wie stolz. Natürlich, ich weiß ja, das war nur der äußere Schein. In seinem Herzen ist sogar noch mehr Zärtlichkeit, als in meinem ... Ich weiß noch, wie er mich damals ansah – wissen Sie, als ich mit meinem Bündel zu ihm kam ... Aber doch ist es so, als stellte ich ihn irgendwie gar zu hoch, und das ist dann doch wieder so, als wären wir einander nicht gleich, nicht ebenbürtig?“

„Nein, Nasstenka,“ sagte ich, „das bedeutet nur, daß Sie ihn mehr als alles andere in der Welt lieben, und sogar viel mehr als sich selbst.“

„Ja, nun gut, mag das so sein,“ entgegnete Nasstenka naiv, „aber wissen Sie, was mir jetzt wieder in den Sinn gekommen ist? Nur werde ich jetzt nicht mehr von ihm sprechen, sondern im allgemeinen – ich habe darüber eigentlich schon lange nachgedacht. Hören Sie also und sagen Sie mir: warum sind wir nicht alle wie Brüder zueinander? Warum kommt es einem selbst beim besten Menschen immer vor, als verberge er etwas vor dem anderen und verschweige es ihm? Warum sagt nicht ein jeder ganz offen, was er gerade auf dem Herzen hat, wenn man weiß, daß man seine Worte nicht in den Wind spricht? Jetzt schaut ein jeder drein, als sei er viel kälter und schroffer, als er es in Wirklichkeit ist, und es ist fast, als fürchteten die Menschen, sich etwas zu vergeben, wenn sie ihre Gefühle ohne weiteres voreinander äußerten ...“

„Ach, Nasstenka! Sie haben gewiß recht, aber das geschieht doch aus sehr verschiedenen Gründen,“ versetzte ich, während ich mich gerade in diesem Augenblick mehr denn je zusammennahm und meine innersten Gefühle verbarg.

„Nein, nein!“ widersprach sie mir mit tiefer Überzeugung. „Sie zum Beispiel sind nicht so wie die anderen! Ich ... verzeihen Sie, ich weiß nicht, wie ich Ihnen das erklären soll, was ich empfinde, aber es scheint mir, daß Sie ... zum Beispiel jetzt, gerade jetzt ... ja, es scheint mir, daß Sie mir ein Opfer bringen,“ sagte sie fast zaghaft und ihr Blick streifte mich dabei flüchtig. „Verzeihen Sie mir, daß ich so zu Ihnen spreche. Ich bin ein einfaches Mädchen und habe noch wenig gesehen im Leben, und wirklich: ich verstehe mich oft gar nicht richtig auszudrücken,“ fügte sie mit einer Stimme hinzu, die von einem verborgenen Gefühl zitterte, während sie sich zu einem Lächeln zwang, „aber ich wollte Ihnen doch sagen, daß ich Ihnen dankbar bin und daß ich dies selbst weiß und empfinde ... Oh, möge Gott Sie dafür glücklich machen! Das aber, was Sie mir damals von Ihrem Träumer erzählten, das ist ja gar nicht wahr! – ich meine: das hat doch nichts mit Ihnen zu tun! Sie werden gesund werden, und überhaupt – Sie sind doch ein ganz anderer Mensch, als wie Sie sich selbst geschildert haben. Sollten Sie aber einmal lieben, dann gebe Gott Ihnen alles Glück! Derjenigen aber, die Sie lieben, brauche ich nichts mehr zu wünschen, denn mit Ihnen wird sie ohnehin glücklich sein! Ich weiß es, ich bin selbst ein Weib, und darum können Sie mir glauben, wenn ich es Ihnen sage ...“

Sie verstummte und wir tauschten einen herzlichen Händedruck. Auch ich war zu erregt, um noch sprechen zu können. Wir schwiegen beide.

„Ja, heute wird er nicht mehr kommen,“ sagte sie endlich und hob den Kopf. „Es ist zu spät ...“

„Er wird morgen kommen,“ sagte ich in festem, überzeugtem Tone.

„Ja,“ sagte sie munter, „ich sehe es jetzt selbst ein, daß es heute noch zu früh war, und daß er erst morgen kommen wird. Nun, dann also auf Wiedersehen: morgen! Wenn es regnet, werde ich vielleicht nicht kommen. Aber übermorgen – übermorgen werde ich bestimmt kommen, und Sie – kommen Sie gleichfalls unbedingt. Ich will Sie sehen, ich werde Ihnen dann alles erzählen.“

Und als wir uns verabschiedeten, reichte sie mir die Hand und sagte, indem sie mir mit klarem Blick in die Augen sah:

„Von nun an werden wir doch immer beisammen bleiben, nicht wahr?“

Oh! Nasstenka, Nasstenka! Wenn du wüßtest, wie einsam ich jetzt bin!

Als es aber am anderen Abend neun schlug, da hielt ich es in meinem Zimmer nicht mehr aus: ich kleidete mich an und ging trotz des Regenwetters. Ich war dort und saß auf der Bank. Nach einer Weile stand ich auf und ging in ihre Gasse, dann aber schämte ich mich und zwei Schritte vor ihrem Hause kehrte ich wieder um, ohne nach ihren Fenstern hinaufgesehen zu haben. Ich kam in einer Stimmung nach Hause, wie ich sie bisher noch nie erlebt hatte. Wie feucht, wie öde, wie langweilig! Wäre das Wetter schön, sagte ich mir, dann würde ich die ganze Nacht lang dort umhergehen ...

Doch bis morgen, bis morgen! Morgen wird sie mir alles erzählen.

Immerhin mußte ich mir sagen, daß er auf ihren Brief nicht geantwortet hatte: wenigstens heute nicht. Doch übrigens, so ist es ja auch ganz in der Ordnung. Was sollte er auch schreiben? – Er wird ja selbst kommen ...