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Sämtliche Werke 16 cover

Sämtliche Werke 16

Chapter 15: XI. Äußerste Verwunderungen.
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About This Book

Ein erzählender Beobachter schildert das Leben auf einem verarmten Landsitz, dessen Alltagsordnung von Intrigen, flatterhaften Gönnern und selbstgerechten Figuren gestört wird. Im Zentrum stehen Machtspiele, launenhafte Autoritäten und ein manipulativer Vertrauter, deren Manöver Besitzverhältnisse und zwischenmenschliche Bindungen unterminieren. Die Erzählung entfaltet sich episodisch in komischen und bisweilen grotesken Begegnungen, die Heuchelei, soziale Ambition und blinden Opportunismus entlarven. In einer Folge eskalierender Vorfälle kommt es zu Zerwürfnissen, öffentlicher Bloßstellung und schließlich zu einer gewaltsamen Vertreibung, die die moralischen Widersprüche des Milieus offenlegt.

XI.
Äußerste Verwunderungen.

Onkel!“ rief ich, „da sind Sie ja endlich!“

„Freund, ich wollte mich die ganze Zeit losmachen, um zu dir zu kommen. Laß mich jetzt noch den Widopljässoff abfertigen, dann können wir uns ruhig aussprechen. Ich habe dir viel zu erzählen.“

„Wie, Sie wollen sich noch mit Widopljässoff abgeben! Schicken Sie ihn doch zum Teufel, Onkel!“

„Nur noch fünf, höchstens zehn Minuten, und ich gehöre dir allein, Ssergei. Sieh: es handelt sich um eine wichtige Angelegenheit.“

„Ach, der Kerl kommt doch sicherlich nur mit Dummheiten!“ meinte ich ärgerlich.

„Ja, was soll ich dir nun sagen, mein Bester? Hättest du dir nicht eine andere Zeit wählen können, um mir mit diesen Kleinigkeiten zu kommen! Hast du denn wirklich keine andere Zeit, um deine Klagen vorzubringen, Grigorij? Nun, was kann ich denn für dich tun? Hab doch du wenigstens Mitleid mit mir! Ich werde ja doch von euch sozusagen wie eine Zitrone ausgepreßt, werde lebendig verzehrt, gierig verschlungen! Meine Kraft ist erschöpft, Ssergei!“

Und mein Onkel streckte die Arme auseinander, wie in aussichtsloser Verzweiflung.

„Was ist denn das für eine so wichtige Sache, daß sie sich nicht bis morgen früh aufschieben läßt? Ich hätte es dagegen so dringend nötig, mit Ihnen, Onkel, über Wichtiges zu reden ...“

„Ach Freund, es wird ja ohnehin schon laut genug geklagt und geschrien, daß ich mich um die Sittlichkeit meiner Leute nicht kümmere! Da könnte er sich ja morgen über mich beschweren, daß ich ihn nicht angehört hätte, und dann ...“

Und mein Onkel machte wieder seine bezeichnende Armbewegung.

„Na, dann fertigen Sie ihn schnell ab! Kann ich Ihnen nicht helfen? Gehen wir hinein. Was will er denn eigentlich?“ fragte ich, als wir ins Zimmer traten.

„Ja, sieh mal, Freund, sein Familienname gefällt ihm nicht, er bittet mich, ihm einen anderen zu verschaffen. Was sagst du dazu?“

„Sein Familienname gefällt ihm nicht? Wie das? ... Wissen Sie, Onkel, bevor ich ihn selbst anhöre, erlauben Sie, Ihnen zu sagen, daß nur in Ihrem Hause solche Wunderlichkeiten vorkommen können!“ Und vor lauter Nichtverstehenkönnen breitete ich kopfschüttelnd die Arme aus.

„Ach, Freund! Glaub mir, auch ich verstehe es, so die Arme auszubreiten, aber damit ist keinem geholfen!“ sagte mein Onkel etwas ärgerlich. „Versuch es doch, mit ihm zu reden, versuch’s nur. Schon ganze zwei Monate quält er mich damit ...“

„Es ist ein unbegründeter Familienname,“ bemerkte Widopljässoff von der Tür her.

„Warum denn ein unbegründeter?“ fragte ich ihn erstaunt.

„So. Ich meine, er stellt jede Abscheulichkeit dar, die man sich nur ausdenken kann.“

„Wieso – jede Abscheulichkeit? Und wie soll man ihn denn ändern? Wer tut denn so etwas überhaupt?“

„Ich bitte Euch, welcher Mensch hat denn einen solchen Familiennamen?“

„Ich gebe ja zu, daß dein Familienname zum Teil etwas eigenartig ist,“ fuhr ich in wachsender Verwunderung fort, „aber was läßt sich denn jetzt noch daran ändern? Dein Vater hat doch denselben Namen geführt?“

„Das ist durchaus wahr: daß ich durch meinen Vater dieserhalb zu ewigem Leiden verurteilt bin, da es mir beschieden ist, dank meinem Namen viel Spott und Schimpf ertragen zu müssen,“ antwortete Widopljässoff.

„Ich könnte wetten, Onkel, daß hinter dieser Idee Foma Fomitsch steckt!“ rief ich geärgert aus.

„Nein, nein, Freund, nein, da täuschst du dich! Es ist allerdings wahr, Foma tut ihm viel Gutes. Er hat ihn zu seinem Sekretär ernannt. In Sekretärobliegenheiten besteht jetzt seine ganze Beschäftigung. Nun und außerdem hat Foma selbstverständlich für seine geistige Entwicklung gesorgt, hat ihn zu wahrem Seelenadel erhoben, so daß ihm in gewisser Beziehung sogar ein Licht aufgegangen ist ... Hör, ich werde dir alles erzählen ...“

„Das stimmt genau,“ unterbrach Widopljässoff, „daß Foma Fomitsch mein wahrhaftiger Wohltäter sind, und da sie mein wahrhaftiger Wohltäter sind, haben sie mir auch meine ganze irdische Nichtigkeit mehrfach bewiesen, wie ich beispielsweise hier auf Erden nur ein Wurm bin, so daß ich nur dank ihrer Unterweisungen zum erstenmal mein Schicksal erkannt und vorausgesehen habe.“

„Hör mich an, Sserjosha, ich werde dir erzählen, um was es sich hier handelt,“ wandte sich mein Onkel eilig, wie es seine Art war, an mich wie an einen Schiedsrichter. „Er lebte zuerst, fast seit seiner Kindheit, in Moskau bei einem Schönschreiblehrer als – nun, so als dienstbarer Geist. Du müßtest sehen, wie er bei ihm die Schönschreibekunst erlernt hat: mit Farben und Gold ... und ... rund herum, weißt du, malt er dir noch Kupidos – mit einem Wort, ein Künstler! Iljuscha lernt jetzt bei ihm Schönschreiben. Zahle ihm anderthalb Rubel für die Stunde. Foma hat selbst den Preis bestimmt, anderthalb Rubel, wie gesagt. Er fährt außerdem zu drei benachbarten Gutsbesitzern ins Haus – die zahlen gleichfalls. Und sieh, wie er sich kleidet! Außerdem schreibt er Gedichte.“

„Gedichte! Das fehlte gerade noch!“

„Jawohl, Gedichte, Freund, glaub mir, Gedichte! Und denke nicht, daß ich scherze: wirkliche Gedichte, sag ich dir, Versifikationen, oder wie man es nennt, mit Reimen am Ende. Er behandelt alle Gegenstände, nimmt irgendein x-beliebiges Ding und beschreibt’s dir sofort in Versen. Ein richtiges Talent, sozusagen. Zum Namenstage meiner Mutter hatte er eine Epistel verfaßt, daß wir nur so die Münder aufsperrten: sogar aus der Mythologie hatte er was genommen, und die Musen schwebten in der Luft, so daß sogar, weißt du, diese ... wie heißt das Ding doch gleich? – na ja, diese Vollendung der Form zu sehen war, – mit einem Wort, jede Zeile klappte und reimte sich immer mit einer vorhergehenden. Foma hatte es korrigiert ... Nun, ich, natürlich – was sollte ich sagen? freute mich auch meinerseits. Mag er doch dichten, wenn er es nur nicht zu bunt treibt! Ich, weißt du, Grigorij,“ wandte er sich an Widopljässoff, „ich sage dir das ja nur wie ein Vater. Foma hörte davon, ließ sich das Gedicht bringen, munterte ihn noch auf und ernannte ihn sogleich zu seinem Vorleser und Schreiber, – mit einem Wort, er sorgte für seine Bildung. Das ist also durchaus wahr, was er da sagte: daß Foma sein Wohltäter sei. Nun und so, weißt du, hat sich so ein bißchen edle Romantik in seinem Kopf entwickelt und so ein Gefühl der Unabhängigkeit – das hat mir alles Foma erklärt; leider habe ich die Einzelheiten, Hand aufs Herz, wieder vergessen. Nun wollte ich – Ehrenwort! – ich wollte ihn ohnehin befreien, noch bevor Foma davon zu reden anfing. Es ist, weißt du, doch immer irgendwie ... man schämt sich gewissermaßen ... Ja, aber Foma war dagegen, er braucht ihn, er hat ihn liebgewonnen. Und dann sagt er: mir, seinem Herrn, gereiche es zur größeren Ehre, wenn ich unter meinen Leibeigenen Dichter habe, – es habe irgendwo mal solche Barone gegeben oder Ritter, na, kurz und gut – das sei en grand. Nun, soll’s einmal en grand sein, dann meinetwegen en grand! Ich habe ihn, den Grigorij, schon achten gelernt – verstehst du das? ... Aber Gott weiß, wie er sich aufführt. Am schlimmsten ist, daß er, nachdem er sein Gedicht verfaßt hat, vor dem ganzen übrigen Gesinde die Nase in die Höhe zieht und mit den anderen nicht einmal mehr sprechen will. Doch fühl dich nicht gekränkt, Grigorij, ich sage es nur wie ein Vater von dir. Im letzten Winter wollte er heiraten: es ist hier ein junges Mädchen, vom Hofgesinde, Matrjona, und, weißt du, so ein nettes, ehrliches, arbeitsames, lustiges Mädel. Na, und nun will er sie plötzlich nicht, sagt ab. Ist er jetzt so hoher Meinung von sich oder beabsichtigt er, zuerst berühmt zu werden und dann bei einer anderen anzuhalten ...“

„Mehr auf den Rat Foma Fomitschs hin,“ bemerkte Widopljässoff, „da Sie mein wahrhaftiger Wohltäter sind ...“

„Aber natürlich! Wie wäre denn hier etwas ohne Foma Fomitsch möglich!“ rief ich unwillkürlich aus.

„Ach, Freund, nicht darum handelt es sich!“ unterbrach mich mein Onkel eilig, „sieh mal: jetzt lassen sie ihm keine Seelenruh. Jenes Mädchen, ein gewandtes und gescheites Ding, hat jetzt alle gegen ihn aufgehetzt: sie necken und foppen ihn beständig – und sogar die kleinen Hofjungen behandeln ihn wie einen Narren ...“

„Was mehr auf Matrjona zurückzuführen ist,“ bemerkte wieder Widopljässoff; „denn sie ist eine echte dumme Gans, und da sie eine echte dumme Gans ist, ist sie, was ihren Charakter angeht, ein unbeflügeltes Weibsbild. Auf diese Weise bin ich zu ewigem Leiden in meinem Leben verdammt.“

„Ach, Grigorij, ich habe es dir doch gesagt,“ fuhr mein Onkel fort, nach einem vorwurfsvollen Blick auf Widopljässoff. „Sieh mal, Ssergei, die Hofleute haben nun glücklich ein schmutziges Wort gefunden, das sich auf seinen Namen reimt. Und jetzt kommt er zu mir, beklagt sich und bittet, ihm einen anderen Familiennamen zu geben, sagt, daß er schon lange unter dem Mißklang desselben gelitten habe ...“

„Es ist kein veredelter Name,“ bemerkte wieder Widopljässoff.

„Na, du schweige mal jetzt, wenn ich rede, Grigorij! Foma hat ihn darin natürlich bestärkt ... das heißt ... nicht gerade, daß er den Einfall gutgeheißen hätte; aber sieh, es handelt sich um folgende Erwägung: wenn nun, nehmen wir an, seine Gedichte gedruckt werden, was Foma projektiert, so kann ein solcher Familienname ihm doch geradezu schaden – nicht wahr?“

„So will er seine Gedichte drucken lassen, Onkel?“

„Drucken, drucken, Freund. Das ist schon beschlossene Sache – auf meine Rechnung, – und auf dem Titelblatt wird stehen, daß sie von einem Leibeigenen Soundso verfaßt sind, und im Vorwort, das Foma schreiben wird, soll der Dank des Autors für die ihm gebotene Bildung ausgesprochen werden. Das Ganze ist Foma gewidmet. Foma wird, wie gesagt, selbst eine Einleitung schreiben. Und nun denke dir, wenn auf dem Titelblatt steht: ‚Widopljässoffs Gedichte‘ ...“

„‚Widopljässoffs Wehklagen‘,“ korrigierte Widopljässoff.

„Nun, sieh – dazu noch Wehklagen! Was ist denn Widopljässoff für ein Name? Er verletzt ja geradezu unser Zartgefühl. Das sagt auch Foma. Die Kritiker aber sollen, wie es heißt, alle sehr unangenehme Spötter sein. Zum Beispiel unser großer Kritiker der ‚Moskauer Nachrichten‘ ... Die nehmen auf nichts Rücksicht. Sie können ihn ja einzig wegen seines Familiennamens unmöglich machen – nicht wahr? Nun, ich meine: mag er doch gleichviel welch einen Namen auf seinen Buchdeckel schreiben – wie nennt man das doch gleich ... Pseudonym, glaube ich, oder so ungefähr, jedenfalls etwas mit ‚nym‘. Aber nein, damit ist er nicht einverstanden; er will, daß ich dem ganzen Hofgesinde anbefehle, ihn sein Leben lang nur bei einem ganz neuen Namen zu nennen, damit er, seinem Talent entsprechend, wie gesagt, einen ‚veredelten Namen‘ habe ...“

„Ich könnte wetten, daß Sie es ihm auch versprochen haben, Onkel.“

„Ich ... weißt du, Freund Sserjosha, nur um mit ihnen nicht wieder in Streit zu geraten ... Laß gut sein! Es war damals zwischen uns, Foma und mir, hm! ... so ein Mißverständnis – du verstehst schon. Nun, und seit der Zeit gibt es in jeder Woche einen anderen Familiennamen, und immer wählt er sich so zarte Bedeutungen aus: Oleandroff, Tulpenoff ... Sag doch selbst, Grigorij, denk doch nach: Zuerst batest du, daß man dich Wernyj[3] nenne, ‚Grogorij Wernyj‘. Dann aber gefiel dir der Name nicht mehr, weil irgendein Hofbengel einen Reim gefunden hatte und dich ‚Skwernyj‘[4] nannte. Du beklagtest dich: der Bengel wurde bestraft. Zwei Wochen lang dachtest du dir einen anderen Namen aus. Endlich hattest du dich entschlossen: Kamst, batest, man solle dich ‚Ulanoff‘ nennen. Aber sag doch selbst, kann es denn einen dümmeren Namen als ‚Ulanoff‘ überhaupt geben? Doch ich war auch damit einverstanden: befahl von neuem, dich nur noch ‚Ulanoff‘ zu nennen. Ich tat es nur, Freund“ – mein Onkel wandte sich wieder an mich – „um die Sache vom Halse zu haben. Drei Tage lang hießest du ‚Ulanoff‘. Du hast alle Wände, alle Fensterbretter im Pavillon verdorben; denn, weißt du, Sserjosha, er hat überall seinen Namenszug angebracht: ‚Grogorij Ulanoff‘. Später mußte dann alles mit weißer Farbe übergestrichen werden. Du hast ein ganzes Buch holländisches Papier zur Übung deiner Unterschrift verbraucht: ‚Ulanoff – Schriftprobe – Ulanoff – Schriftprobe‘. Na, dann war ihm auch Ulanoff nicht recht: auf Ulanoff reimt sich zum Unglück ‚Bolwanoff‘[5]. ‚Ich will vom Gesinde nicht Bolwanoff genannt werden,‘ sagte er – und wieder mußte der Name geändert werden! Wie hießest du dann noch, ich habe es vergessen.“

„‚Tanzeff‘,“ antwortete Widopljässoff. „Wenn es mir durch meinen Namen Widopljässoff auferlegt ist, einen Hampelmann darzustellen, dann möge es doch wenigstens eine veredelte, eine ausländische Benennung sein: Tanzeff.“

„Richtig: ‚Tanzeff‘. Nun, Freund, weißt du, ich war auch damit einverstanden. Aber die Hofbengel sind dann auf einen solchen Reim verfallen, daß man ihn überhaupt nicht aussprechen darf. Heute kommt er wieder, will wieder einen neuen Namen haben. Ich wette, daß du ihn schon in Bereitschaft hast. Nun, hab’ ich nicht recht, Grigorij, heraus mit der Sprache!“

„Ich habe dieserhalb schon seit langem die Absicht, Euch meinen neuen Namen zu Füßen zu breiten: einen neuen veredelten.“

„Und wie lautet er denn?“

„Esbuketoff.“

„Was? Und du schämst dich nicht, Grigorij? Ein Name, von der Pomadenbüchse genommen! Du willst doch ein vernünftiger Mensch sein! Und wie lange du darüber gebrütet haben wirst! Nicht wahr, den hast du auf der Parfümflasche gelesen?“

„Erbarmen Sie sich, Onkel,“ sagte ich halblaut zu ihm, „der Kerl ist doch ein Esel, ein ausgesprochener Narr!“

„Was soll ich denn tun, Freund?“ fragte mein Onkel gleichfalls halblaut zurück. „Rund herum versichern alle, daß er klug und so begabt sei, und daß dies nur die edlen Gefühle seien, die sich in ihm regten ...“

„So schicken Sie ihn doch um Christi willen zum Teufel, machen Sie sich doch endlich von ihm los!“

„Hör mal, Grigorij! Sieh, mein Lieber, ich habe doch bei Gott keine Zeit!“ begann mein Onkel mit einer geradezu bittenden Stimme, als fürchte er sogar seinen eigenen Diener. „Nun, sag doch selbst, wie kann ich mich denn jetzt mit deinen Klagen befassen! Du sagst, man hätte dich wieder gekränkt? Nun gut, also höre: ich gebe dir hiermit mein Ehrenwort, daß ich morgen die ganze Angelegenheit erledigen werde, jetzt aber geh mit Gott ... Wart! Was macht Foma Fomitsch?“

„Haben sich zur Ruhe begeben. Geruhten nur zu befehlen, falls jemand nach ihnen fragen sollte, dann zu sagen, daß sie diese Nacht im Gebet kniend zu verbringen gedächten.“

„Hm! Nun, geh mal, geh! – Sieh, Sserjosha, er ist beständig bei Foma, so daß ich ihn ordentlich fürchte. Und das Hofgesinde liebt ihn ja auch nur deshalb nicht, weil er Foma alles hinterbringt. Jetzt ist er gegangen, aber wer weiß, ob er nicht morgen irgend etwas klatschen wird. Aber jetzt habe ich alles gut gemacht, Freund. Ich bin jetzt ganz ruhig ... Es drängte mich nur zu dir ... Gott sei Dank, jetzt habe ich dich endlich wieder!“ sagte er mit innigem Gefühl, und er drückte fest meine Hand. „Weißt du, ich glaubte und fürchtete schon, daß du ernstlich böse seist und mir entschlüpfen würdest. Ich habe sogar auf dich aufpassen lassen, damit du mir nicht entwischst! Nun, Gott sei Dank! Jetzt ist’s überstanden! Aber vorhin – was? – der alte Gawrila? – was er ihm da sagte! Und auch Falalei, und du! – eins zum anderen! Nun, Gott sei Dank, Gott sei Dank! Endlich kann ich mich mit dir aussprechen. Werde dir mein ganzes Herz ausschütten. Du, Ssergei, fahre mir nur nicht fort: du bist der einzige, den ich habe, du und Korowkin ...“

„Aber, erlauben Sie, Onkel, was haben Sie denn dort ‚gut gemacht‘, und worauf soll ich denn hier noch warten, nach dem, was vorgefallen ist? Offen gestanden, mir dreht sich der Kopf im Kreise!“

„Ach – steht mein Kopf etwa still? Der tanzt schon seit einem halben Jahre Walzer! Aber Gott sei Dank! jetzt ist alles wieder gut. Man hat mir vor allen Dingen verziehen, vollkommen verziehen, unter verschiedenen Bedingungen natürlich: aber dafür bin ich jetzt ganz ruhig und brauche nichts mehr zu fürchten. Meiner Ssaschenjka haben sie gleichfalls alles verziehen. Aber die war doch vorhin, die war doch! – was? ... heißes Herzchen! Ließ sich bißchen hinreißen ... Aber hat doch ein goldenes Herzchen! Weißt du, ich bin sehr stolz auf mein kleines Mädchen, Sserjosha. Möge Gott sie immer behüten. Dir wurde gleichfalls verziehen, und weißt du, sogar wie! – Du kannst alles tun, was du willst, kannst durch alle Zimmer gehen und auch im Garten spazieren, und sogar dann, wenn Gäste da sind – mit einem Wort, alles, was du willst; aber nur unter einer Bedingung, daß du morgen in Foma Fomitschs oder meiner Mutter Gegenwart nicht sprichst, nur unter der Bedingung! Also buchstäblich keine Silbe – ich habe es auch schon in deinem Namen feierlich versprochen, – und du wirst nur zuhören, was die Älteren ... Das heißt, ich wollte sagen, was die anderen sprechen. Sie sagten, du seist noch zu jung. Du, Ssergei, nimm es nicht übel; denn schließlich bist du ja auch wirklich noch jung ... Auch Anna Nilowna sagt es ...“

Allerdings war ich damals noch sehr jung, was ich sofort dadurch bewies, daß ich ob solcher beleidigenden Bedingungen in helle Empörung geriet.

„Hören Sie, Onkel!“ rief ich heftig aus, „sagen Sie mir bitte nur eines, und beruhigen Sie mich wenigstens in dieser Hinsicht: Befinde ich mich hier tatsächlich in einer Irrenanstalt, oder –?“

„Da haben wir’s, Freund, du willst gleich Kritik üben! Konntest du denn das auf keine Weise unterdrücken?“ sagte er betrübt. „Durchaus nicht in einer Irrenanstalt! Wir sind nur so von beiden Seiten ein wenig in Eifer geraten. Aber du mußt doch zugeben, Freund, daß auch du dich nicht ganz comme il faut benommen hast. Du entsinnst dich doch noch dessen, was du ihm an den Kopf warfst, – einem Manne, der doch immerhin in ehrwürdigem Alter steht!“

„Solche Leute wie er haben kein ehrwürdiges Alter, Onkel.“

„Na, Freund, das ist denn doch etwas über die Schnur gehauen! Das ist mehr als Freidenkertum. Ich habe ja selbst nichts gegen ein vernünftiges Freidenkertum, aber das ist denn doch etwas zu stark – das heißt ... ich meine ... ich – du hast mich eigentlich überrascht, Ssergei.“

„Seien Sie mir nicht böse, Onkel, ich sehe meine Schuld vollkommen ein, meine Schuld vor Ihnen. Was aber Ihren Foma Fomitsch betrifft ...“

„Da haben wir’s! Nun auch noch ‚Ihren‘ Foma Fomitsch! Ach, Freund, beurteile ihn nicht gar zu streng: er ist etwas misanthropisch veranlagt – und das ist alles ... und ein bißchen kränklich. Man darf ihn nicht so streng beurteilen. Dafür aber ist er ein edler Mensch, der edelste, kann man sagen, von allen! Du warst ja doch vorhin selbst Zeuge – er leuchtete förmlich! Und daß er zuweilen so seine kleinen Eigenheiten hat und uns ein Stückchen spielt – lohnt es sich denn, das zu beachten? Bei wem kommt denn so etwas nicht vor?“

„Im Gegenteil, Onkel, bei wem kommt denn so etwas überhaupt vor?“

„Ach, da kommst du wieder damit! Gutmütig bist du gerade nicht, Sserjosha; zu verzeihen verstehst du nicht! ...“

„Nun gut, Onkel, gut, lassen wir das. Sagen Sie, haben Sie Nastassja Jewgrafowna gesehen?“

„Ach, Freund, um sie allein handelte sich ja alles. Sieh, Sserjosha, erstens – und das ist das wichtigste –: wir haben beschlossen, ihn morgen alle zum Geburtstage zu beglückwünschen, – Foma, meine ich – weil nämlich morgen wirklich sein Geburtstag ist. Ssaschenjka ist ein gutes Kind, aber hierin täuschte sie sich. Wir werden also alle, die ganze Karawane, zu ihm gehen, noch vor dem Frühgottesdienst. Iljuschka wird ein Gedicht vortragen, so daß er sich sehr geschmeichelt fühlen wird. Wenn doch auch du ihn, Sserjosha, zusammen mit uns beglückwünschen würdest! Er würde dir dann vielleicht alles verzeihen. Und wie gut das doch wäre, wenn ihr euch aussöhnen würdet! Vergiß, Freund, die Kränkung, du hast ihn ja doch auch gekränkt, Sserjosha ... Er ist ein so ehrenwerter Mensch ...“

„Onkel, um’s Himmels willen, ich habe von so wichtigen Dingen mit Ihnen zu reden, Sie aber ... Wissen Sie denn,“ fragte ich nochmals, „wissen Sie denn, was mit Nastassja Jewgrafowna geschehen ist?“

„Was, Freund, wie? Was fehlt dir? Weshalb bist du so heftig? Aber ihretwegen hat doch die ganze Geschichte vorhin angefangen! Übrigens hat sie nicht erst vorhin, sondern schon vor langer Zeit angefangen. Ich wollte dir davon nur jetzt noch nichts sagen, um dich nicht zu erschrecken ... Man wollte sie einfach hinausjagen, nun, und von mir verlangt man, daß ich sie nach Hause schicke. Du kannst dir meine Lage vorstellen ... Nun, Gott sei Dank! Jetzt ist alles wieder gut. Sie dachten nämlich, sieh mal, – ich werde dir lieber schon alles sagen – sie glaubten, daß ich selbst in sie verliebt sei und sie heiraten wollte, kurz und gut, daß ich sie in mein eigenes Unglück hineinzureißen beabsichtigte – denn das wäre es wirklich. So haben sie mir auch alles erklärt ... und daher, um mich zu retten, hatten sie beschlossen, sie hinauszujagen. Vor allem meine Mutter, aber hauptsächlich Anna Nilowna. Foma schweigt vorläufig noch. Aber jetzt habe ich sie alle beruhigt, und ich will dir sogleich gestehen: Ich habe dort gesagt, du seist bereits mit Nastenjka verlobt – und nur deshalb hergekommen. Nun, das beruhigte sie zum Teil, und sie kann jetzt hierbleiben. Und auch du bist jetzt in ihrer Meinung sehr gestiegen, nachdem ich erklärt habe, daß du als Freier hier auftrittst. Wenigstens hat sich meine Mutter allem Anschein nach beruhigt. Nur Anna Nilowna Perepelizyna hat immer noch etwas auszusetzen. Ich weiß wirklich nicht, was ich noch tun soll, um es ihr recht zu machen. Ja, was die nur wollen mag, wirklich, diese Anna Nilowna?“

„Onkel, lieber Onkel, Sie sind ja auf ganz falschem Wege, Sie täuschen sich vollkommen! So hören Sie denn, daß Nastassja Jewgrafowna morgen von hier fortfahren wird, wenn sie inzwischen nicht schon fortgefahren sein sollte! Wissen Sie denn nicht, daß ihr Vater heute nur deshalb hergekommen ist, um sie mitzunehmen? – daß schon alles beschlossen ist, daß sie es mir heute selbst gesagt und mir zum Schluß aufgetragen hat, Sie zu grüßen – wissen Sie das oder wissen Sie das nicht?“

Mein Onkel blieb so, wie er vor mir stand, wie erstarrt stehen und vergaß sogar, den Mund zu schließen. Es schien mir, daß sich alles zusammenkrampfte in ihm, und ein Stöhnen rang sich aus seiner Brust.

Ohne jetzt noch zu zögern, erzählte ich ihm mein ganzes Gespräch mit Nastenjka, meinen Antrag, ihre entschiedene Absage, ihren Ärger über ihn, meinen Onkel, weil er mich brieflich hergerufen hatte. Ich sagte, daß sie mit ihrer Abreise ihn vor der Ehe mit Tatjana Iwanowna bewahren wolle – kurz, ich verschwieg nichts; ja, ich übertrieb noch, was es an Unangenehmem in diesen Nachrichten gab. Ich wollte ihn schmerzhaft treffen, wollte ihn endlich zu entschlossenem Eingreifen zwingen – und es gelang mir wirklich, ihn wenigstens zu erschrecken. Er schrie plötzlich auf und griff sich an den Kopf.

„Wo ist sie jetzt, weißt du das? Wo ist sie jetzt?“ fragte er endlich, bleich vor Angst. „Und ich, ich war bereits ruhig, glaubte, alles sei jetzt wieder gut!“ rief er verzweifelt aus.

„Ich weiß nicht, wo sie augenblicklich ist; nur ging sie vorhin, als sich dort im Zimmer das Geschrei erhob, zu Ihnen: sie wollte alles, was ich Ihnen soeben erzählt habe, denen da selbst sagen. Wahrscheinlich ist sie nicht zugelassen worden.“

„Das fehlte noch, daß man sie zugelassen hätte! Gott, was hätte sie dann angerichtet! Ach Gott, was sie sich da wieder in ihr stolzes Köpfchen gesetzt haben mag! Und wohin will sie denn gehen, wohin? Wohin? Aber du, du bist auch gut! Warum hat sie dir denn abgesagt? Unsinn! Du mußt ihr gefallen! Weshalb hast du ihr denn nicht gefallen? So antworte doch, um Gottes willen, was stehst du denn da und schweigst!“

„Aber – Onkel! Wie kann man nur solche Fragen stellen?“

„Es ist doch unmöglich! Du mußt, du mußt sie heiraten! Wozu habe ich dich denn aus Petersburg hergebeten? Du mußt sie glücklich machen! Jetzt will man sie von hier fortschicken, wenn sie aber deine Frau und meine Nichte ist – dann wird man sie nicht mehr fortjagen können. Und wohin will sie denn gehen? Was soll aus ihr werden? Eine Gouvernantenstelle? Aber das ist doch Unsinn – Gouvernante! Und bis sie eine Stelle findet – wovon sollen die Ihrigen so lange leben? Der Vater hat ja ganze neun zu ernähren! Die haben selbst nichts zu beißen! Sie wird ja doch keine Kopeke von mir annehmen, wenn sie wegen dieser schmutzigen Verleumdungen fortgeht, weder sie noch ihr Vater. Und wie soll sie dann in dieser Weise mein Haus verlassen? Entsetzlich! Und ohne Skandal ist es ganz undenkbar – das weiß ich. Und ihr Gehalt ist schon vorausbezahlt, sie hatten es für den Lebensunterhalt nötig ... sie allein ernährt sie doch. Nun, sagen wir, ich empfehle sie, finde für sie eine ehrliche und ehrenwerte Familie ... aber Teufel noch eins! – woher nimmst du sie denn, diese ehrenwerten, wirklich ehrlichen Menschen? Na, gut, sagen wir, es gibt sogar sehr viele solcher, – wozu Gott erzürnen! – aber es ist doch, Freund, immerhin gefährlich: kann man sich denn auf die Menschen verlassen? Zudem ist doch ein armer Mensch immer mißtrauisch: es scheint ihm unwillkürlich, daß man ihn das Brot und die Freundlichkeit mit seiner Erniedrigung bezahlen läßt! Man wird sie sicherlich kränken, sie aber ist stolz, und dann ... ja, und was dann? Und was dann, wenn schließlich noch so ein elender Verführer hinzukommt? ... Sie wird ihn ohrfeigen, – ich weiß, daß sie ihn ohrfeigen wird – aber er wird sie doch beleidigen, der Schurke! Und sie kann dann doch immer in üblen Leumund geraten, ein Schatten, ein Verdacht kann auf sie fallen – was dann? ... Mein Kopf, mein Kopf droht mir zu zerspringen! Großer Gott!“

„Onkel! Verzeihen Sie mir, wenn ich eine Frage an Sie richte,“ sagte ich plötzlich feierlich. „Seien Sie mir nicht böse und vergessen Sie nicht, daß Ihre Antwort auf diese Frage vieles entscheiden kann. Ich habe zum Teil sogar das Recht, von Ihnen eine Antwort zu verlangen, Onkel.“

„Was, was meinst du? Was für eine Frage?“

„Sagen Sie mir wie vor Gott, offen und ohne Umschweife: Empfinden Sie nicht, daß Sie selbst in Nastassja Jewgrafowna ein wenig verliebt sind und sie gern selbst heiraten würden? Bedenken Sie doch nur: einzig wegen dieser Befürchtung will man sie doch aus dem Hause entfernen.“

Mein Onkel machte eine energische Geste wie in heftigster Ungeduld.

„Ich? Verliebt? In sie? Ihr seid wohl alle nicht recht bei Troste oder habt euch gegen mich verschworen! Wozu habe ich denn dich herbestellt, wenn nicht, um ihnen allen endlich zu beweisen, daß sie nicht recht gescheit sind? Weshalb will ich denn dich mit ihr verheiraten? Ich? In sie? Ver... Verliebt? Ihr seid wohl wirklich alle ...!“

„Wenn es sich so verhält, Onkel, dann erlauben Sie mir, alles auszusprechen. Ich erkläre Ihnen hiermit feierlich, daß ich in dieser Annahme entschieden nichts Schlechtes finden kann. Im Gegenteil, Sie würden sie überaus glücklich machen, wenn Sie sie nun einmal so lieben, und – und Gott gebe es! Möge Gott Ihnen Liebe und Rat schenken!“

„Aber, um’s Himmels willen, was redest du da!“ rief mein Onkel fast entsetzt aus. „Ich wundere mich nur, wie du das so kaltblütig aussprechen kannst ... und ... überhaupt, Freund, eilst du immer irgendwohin – diesen Zug habe ich schon an dir bemerkt! Ist denn das nicht einfach sinnlos, was du da sagst? Wie, sag doch selbst, wie soll ich sie denn heiraten, wenn ich sie gewissermaßen als meine Tochter betrachte? Ja, eben nur wie ein Vater seine Tochter und nicht anders! Es wäre sogar eine Schande und eine Sünde, wenn ich anders auf sie blicken würde! Ich – ein Greis, und sie – ein kleines Mädchen! Sogar Foma hat es mir genau so in diesen Ausdrücken erklärt. Ich empfinde nur väterliche Liebe für sie in meinem Herzen, und da kommst du nun mit Eheschließung! Sie würde ja vielleicht aus Dankbarkeit nicht absagen, aber dann müßte sie mich doch ewig verachten, wenn ich ihre Dankbarkeit in dieser Weise ausnutzte. Ich würde sie nur unglücklich machen und ... und würde ihre Anhänglichkeit verlieren! Ach, ich würde ihr ja meine ganze Seele hingeben, mein kleines Mädchen, das heißt ... Sie ... sie ... Ich liebe sie ebenso wie Ssaschenjka, sogar mehr, aber das will ich nur dir allein gestehen; denn Ssaschenjka ist, siehst du, sowieso meine Tochter, nach dem Gesetz und mit Recht, diese aber habe ich durch meine Liebe zu meiner Tochter gemacht. Ich habe sie aus armen Verhältnissen zu mir genommen. Auch Katjä, mein toter Liebling, hat die Kleine geliebt und hat sie mir als Tochter hinterlassen. Ich habe sie gut erziehen lassen: französische Stunden und Klavierstunden und Literaturstunden – kurz und gut, alles was dazu gehört. Was für ein Lächeln sie hat! Hast du es nicht bemerkt, Sserjosha? Man glaubt, sie lache über einen, indessen lacht sie gar nicht, sondern, im Gegenteil, liebt dich ... Ich ... sieh, ich glaubte, du würdest kommen, bei ihr anhalten – dann würden sie sich alle überzeugen, daß ich keine ... Absichten auf sie habe, und würden dann endlich aufhören, alle diese dummen, schmutzigen Geschichten über sie zu verbreiten. Sie würde dann hier bei uns in Ruhe und Frieden leben: und wie würden wir alle glücklich sein! Ihr seid ja beide meine Kinder, beide gewissermaßen Waisen, beide seid ihr unter meiner Vormundschaft aufgewachsen ... ich würde euch beide so lieben, so lieben! Ich würde euch mein ganzes Leben hingeben, niemals mich von euch trennen, überall würde ich bei euch sein! Ach, wie glücklich wir doch sein könnten! Und warum nur ärgern sich die Menschen, warum sind sie alle so böse, warum hassen sie einander? Ich ... ich würde sie alle einmal so fest in meine Arme nehmen und es ihnen so recht von Herzensgrund erklären wollen! Würde ihnen so die ganze Herzenswahrheit zeigen! Ach, du, Grundgütiger!“

„Onkel, Sie haben in allem vollkommen recht, nur ändert das an der Tatsache nichts, daß sie mir einen Korb gegeben hat.“

„Einen Korb! ...? ... Hm! ... Aber weißt du, es ist mir doch, als hätte ich es vorausgefühlt, daß sie dir absagen würde,“ sagte er nachdenklich. „Aber nein!“ rief er aus, „ich glaube es nicht! Das ist unmöglich. In dem Falle würde ja nichts zustande kommen! Sicherlich hast du es irgendwie ungeschickt angefangen, hast sie vielleicht sogar gekränkt oder ihr womöglich Komplimente zu machen versucht ... Erzähle mir noch einmal, wie es war, Ssergei!“

Ich wiederholte alles noch einmal ganz ausführlich. Als ich sagte, daß Nastenjka mit ihrer Entfernung ihn, meinen Onkel, vor der Ehe mit Tatjana Iwanowna bewahren wolle, lächelte er bitter.

„Bewahren!“ sagte er. „Bewahren bis morgen!“

„Sie wollen doch damit nicht sagen, daß Sie Tatjana Iwanowna heiraten werden?“ rief ich erschrocken aus.

„Womit habe ich es denn erkauft, daß Nastjä morgen nicht hinausgeworfen wird? Morgen noch werde ich anhalten – ich habe es versprochen.“

„Wie, Sie haben sich dazu entschließen können, Onkel?“

„Was sollte ich tun, Freund, es war nichts zu wollen! Es zerreißt mir ja das Herz, aber ich habe mich entschlossen. Morgen halte ich um sie an ... die Hochzeit soll still gefeiert werden, nur im Familienkreise. Es ist auch besser so, Freund. Du wirst natürlich mein Ehrenmarschall sein ... bei der Trauung. Das habe ich auch drüben schon angedeutet, so daß sie dich bis dahin bestimmt nicht vor die Tür setzen werden. Was soll man denn tun, Freund? Sie sagen: ‚Du machst deine Kinder steinreich!‘ Natürlich, was ist man für seine Kinder nicht zu tun bereit! Selbst auf den Kopf stellt man sich ... um so mehr, als es ja auch im Grunde ganz richtig so ist. Und ich muß doch etwas für meine Familie tun! Ich kann doch nicht immer dieser Egoist bleiben!“

„Aber, Onkel, sie ist doch verrückt!“ rief ich aus, ohne im Augenblick daran zu denken, daß sie ja doch schon so gut wie seine Braut war. Mein Herz krampfte sich zusammen vor Schmerz.

„Na, jetzt erklärst du sie sogar schon für verrückt! Sie ist durchaus nicht verrückt, Freund, sondern ... nur so, weißt du, sie hat viel Schweres durchgemacht ... Was soll man denn tun, Freund, ich wäre ja auch froh, eine mit vollem Verstande ... Aber übrigens, was für welche gibt es nicht auch unter denen, die geistig normal sind! Und wenn du wüßtest, wie gut sie ist, wie edelmütig ...“

„Großer Gott! Er söhnt sich mit dem Gedanken bereits aus!“ Ich war im Begriff, zu verzweifeln.

„Aber was soll ich denn tun, wenn ich mich nicht aussöhne? Und sie wollen das alles doch nur zu meinem Besten, und ... und schließlich sah ich ein, daß ich früher oder später doch daran werde glauben müssen, davor wird mich keiner retten: sie werden mich zu zwingen verstehen, sie zu heiraten. Deshalb ist es doch besser, sich sogleich zu entschließen, als erst noch lange herumzustreiten. Ich werde dir, Freund, alles ganz offen sagen: weißt du, ich bin zum Teil sogar ganz froh darüber. Hat man sich entschlossen, so hat man sich entschlossen – dann ist es wenigstens erledigt, und man hat es hinter sich. Man fühlt sich auch ruhiger, weißt du. Ich, siehst du, ich kam ja auch schon ganz ruhig hierher. Aber so will es wahrscheinlich mein Stern! Und die Hauptsache, unser Gewinn sozusagen, ist doch, daß Nastjä bei uns bleibt. Ich habe doch nur unter dieser Bedingung eingewilligt. Und nun will sie selbst fortgehen! Das darf nicht sein!“ Mein Onkel stampfte mit dem Fuß auf. „Hör, Ssergei,“ fuhr er plötzlich entschlossen fort, „erwarte mich hier, bleibe hier im Zimmer, ich werde im Augenblick wieder hier sein.“

„Wohin, wohin gehen Sie, Onkel?“

„Vielleicht treffe ich sie, Ssergei. Dann wird sich alles aufklären, glaube mir, alles wird sich aufklären und ... und ... du wirst sie heiraten – ich gebe dir mein Ehrenwort!“

Mein Onkel verließ das Zimmer, schlug aber, wie ich sah, nicht den Weg zum Hause ein, sondern ging noch tiefer in den Garten, in der Richtung auf den Weiher. Ich blickte ihm durch das Fenster nach.