WeRead Powered by ReaderPub
Sämtliche Werke 16 cover

Sämtliche Werke 16

Chapter 18: XIV. Neuigkeiten.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

Ein erzählender Beobachter schildert das Leben auf einem verarmten Landsitz, dessen Alltagsordnung von Intrigen, flatterhaften Gönnern und selbstgerechten Figuren gestört wird. Im Zentrum stehen Machtspiele, launenhafte Autoritäten und ein manipulativer Vertrauter, deren Manöver Besitzverhältnisse und zwischenmenschliche Bindungen unterminieren. Die Erzählung entfaltet sich episodisch in komischen und bisweilen grotesken Begegnungen, die Heuchelei, soziale Ambition und blinden Opportunismus entlarven. In einer Folge eskalierender Vorfälle kommt es zu Zerwürfnissen, öffentlicher Bloßstellung und schließlich zu einer gewaltsamen Vertreibung, die die moralischen Widersprüche des Milieus offenlegt.

XIV.
Neuigkeiten.

Mein Freund, ich bin nur auf einen Augenblick zu dir gekommen,“ sagte er eilig. „Ich wollte dir nur mitteilen ... Ich habe mich nach allem erkundigt. Es ist niemand von ihnen zum Gottesdienst gefahren, außer Iljuschka, Ssaschenjka und Nastenjka. Meine Mutter soll in Krämpfen gelegen haben. Man hat sie nur mit Mühe wieder zu sich gebracht. Jetzt hat man beschlossen, daß alle sich bei Foma versammeln sollen, und auch mich hat man hingebeten. Nur weiß ich nicht, ob ich Foma zum Geburtstag gratulieren soll oder nicht – das ist die Frage! Und dann – wie werden sie überhaupt diesen ganzen Zwischenfall auffassen? Entsetzlich, Ssergei, wenn ich daran denke, was ich jetzt alles kommen sehe ...“

„Im Gegenteil, Onkel,“ beeilte ich mich, ihn zu beruhigen, „es wird jetzt alles vorzüglich werden. Jetzt können Sie doch unmöglich Tatjana Iwanowna heiraten – bedenken Sie doch nur, was das allein wert ist! Ich wollte Ihnen das schon unterwegs sagen ...“

„Ich weiß, ich weiß, Freund. Aber das ist es ja nicht! Das ist natürlich ein Fingerzeig Gottes, wie du sagst, aber nicht davon wollte ich sprechen ... Die arme Tatjana Iwanowna! Was sie für Anfälle hat! ... Ein Schuft, ein Schuft ist dieser Obnoskin! Doch – was sage ich ‚Schuft‘! Hätte ich nicht dasselbe getan, wenn ich sie geheiratet hätte? ... Aber ich wollte doch nicht davon reden ... Hast du gehört, was vorhin diese schändliche Anfissa von Nastjä uns nachrief?“ fragte er leise.

„Ich habe es gehört, Onkel. Sehen Sie jetzt ein, daß Sie sich beeilen müssen?“

„Unbedingt! Und was es auch koste, um jeden Preis!“ antwortete mein Onkel. „Der Augenblick ist gekommen. Nur haben wir beide, Freund, gestern an eines nicht gedacht; später aber habe ich mir die ganze Nacht den Kopf darüber zerbrochen: wird sie mich denn auch nehmen – sieh, das ist die Frage!“

„Aber hören Sie ...! Wenn sie Ihnen doch selbst gesagt hat, daß sie Sie liebt ...“

„Aber, mein Freund, sie hat doch gleich darauf hinzugefügt, daß sie mich niemals heiraten werde!“

„Ach, Onkel! Das wird doch nur so gesagt worden sein, und zudem liegen ja auch die Verhältnisse heute ganz anders.“

„Glaubst du? Nein, Freund Ssergei, das ist eine delikate Sache, hier muß man unendlich zartfühlend sein! Hm! ... Aber weißt du, ich war ja wohl traurig darüber, aber im Herzen verspürte ich doch die ganze Nacht so etwas wie – ein großes Glück ... Nun, leb wohl, ich eile. Sie erwarten mich, ich komme sowieso zu spät. Ich wollte überhaupt nur einen Augenblick bei dir vorsprechen, bloß um zwei Worte mit dir zu wechseln. Ach, mein Gott!“ rief er plötzlich aus und kehrte von der Tür zurück, „und die Hauptsache habe ich doch noch vergessen! Weißt du: ich habe ihm ja doch geschrieben, dem Foma!“

„Wann?“

„In der Nacht. Am Morgen aber, als es kaum dämmerte, schickte ich ihm den Brief durch Widopljässoff zu. Ich habe, weißt du, ihm alles klargelegt, zwei ganze Briefbogen lang, habe ihm alles wahrheitsgetreu und aufrichtig geschrieben – kurz, daß es, wie gesagt, meine Pflicht ist, das heißt, unbedingt meine Pflicht – du verstehst doch? – um Nastenjkas Hand in aller Form anzuhalten. Ich habe ihn gebeten, von unserer Begegnung im Garten nichts verlauten zu lassen, und ich habe mich an den ganzen Edelmut seiner Seele gewandt, mit der Bitte, mir bei meiner Mutter zu helfen. Ich habe mich natürlich – ich weiß es, mein Freund – schlecht ausgedrückt, aber ich habe jedes Wort von ganzem Herzen geschrieben, mit Tränen geschrieben, kann ich wohl sagen ...“

„Und? Er hat nichts geantwortet?“

„Vorläufig noch nicht. Nur am Morgen, als wir zur Fahrt aufbrachen, begegnete ich ihm im Flur – er war noch im Nachtkostüm, in Pantoffeln und Zipfelmütze – er schläft immer mit einer Zipfelmütze – er ging gerade irgendwohin. Er sagte kein Wort, sah mich nicht einmal an. Ich sah ihm, weißt du, ins Gesicht, aber das verriet nichts!“

„Onkel, hoffen Sie nicht auf ihn: er wird Ihnen noch was Schönes einbrocken!“

„Nein, nein, Freund, sprich nicht so!“ unterbrach mich mein Onkel eilig, „ich bin überzeugt! Und dann – es ist dies ja auch meine letzte Hoffnung. Er wird einsehen, er wird es verstehen ... Er ist launisch, eigensinnig – ich gebe es zu. Wenn es sich aber um etwas Großes handelt, um, sozusagen, um höheren Edelmut, dann steht Foma in seinem vollen Glanze da – ja, in seinem vollen Glanze ... Das sagst du nur deshalb, Ssergei, weil du ihn noch nicht in einem solchen Augenblick gesehen hast ... Aber, Herrgott! Wenn er ... wenn er wirklich das Geheimnis nicht als solches wahrt, so ... ich weiß nicht, Ssergei, was dann geschehen wird! An was in der Welt kann man dann noch glauben? Doch nein, er kann nicht so schlecht sein. Ich bin ja nicht einmal seinen kleinen Finger wert! Du brauchst nicht den Kopf zu schütteln, Freund: es ist wahr – ich bin ihn nicht wert.“

„Jegor Iljitsch! Ihre Exzellenz beunruhigen sich um Sie!“ ertönte da plötzlich die Stimme der Perepelizyna unter dem offenen Fenster. Wahrscheinlich hatte die alte Jungfer unser ganzes Gespräch belauscht. „Sie werden im ganzen Hause gesucht, und niemand kann Sie finden.“

„Herrgott, ich habe mich verspätet!“ rief mein Onkel entsetzt aus. „Freund, um Christi willen, zieh dich schnell an und komm hin! Ich bin ja eigentlich auch nur deshalb hergekommen, um dich abzuholen ... Ich komme, Anna Nilowna, ich komme ...“

Ich blieb allein zurück. Ich dachte an meine Begegnung mit Nastenjka und war froh darüber, daß ich meinem Onkel nichts davon gesagt hatte: ich hätte ihn nur noch unentschlossener gemacht. Ich sah voraus, daß ein großer Sturm bevorstand, und konnte eigentlich nicht begreifen, wie mein Onkel die Sache zu Ende bringen und um Nastenjkas Hand anhalten würde. Ich wiederhole und gestehe es: trotz meines ganzen Glaubens an seine Ritterlichkeit, zweifelte ich doch unwillkürlich am Erfolge.

Einstweilen hieß es jedoch: sich schnellstens ankleiden! Ich hielt es für meine Pflicht, ihm zu helfen, und beeilte mich mit dem Umziehen. Aber wie sehr ich mich auch beeilte, es dauerte doch länger – wie es gewöhnlich geschieht, wenn man sich etwas sorgfältiger ankleiden und dabei beeilen will. Und während ich mich noch ankleidete, trat Misintschikoff ein.

„Ich bin gekommen, um Sie abzuholen,“ sagte er. „Jegor Iljitsch läßt Sie bitten, schnell zu kommen.“

„Gehen wir!“

Ich war jetzt fertig. Wir gingen.

„Was gibt es Neues?“ fragte ich ihn unterwegs.

„Alle sind bei Foma versammelt,“ antwortete Misintschikoff, „Foma ist diesmal nicht launenhaft, scheint nachdenklich zu sein und spricht wenig, knurrt nur durch die Zähne. Er hat sogar Iljuscha geküßt, was Jegor Iljitsch selbstredend in wahre Begeisterung versetzte. Er hat kurz vorher durch die Perepelizyna der Generalin sagen lassen, daß man ihn nicht zum Namensfest beglückwünschen solle, er habe ‚nur prüfen wollen‘ ... Die Alte riecht zwar den Braten, hat sich aber beruhigt; denn auch Foma ist ruhig. Von der Flucht wird mit keiner Silbe gesprochen – als wäre überhaupt nichts vorgefallen. Man schweigt; denn auch Foma geruht zu schweigen. Er hat den ganzen Morgen keinen Menschen zu sich gelassen, die Alte aber hat ihn bei allen Heiligen angefleht, zu einer Beratung zu ihr zu kommen. Sie hat sogar selbst und eigenhändig an seiner Tür gerüttelt. Er aber hatte sich eingeschlossen und soll gesagt haben, er bete ‚für die Menschheit‘ – oder Ähnliches. Er scheint irgend etwas im Schilde zu führen: das sieht man seinem Gesicht sofort an. Da aber Jegor Iljitsch nicht fähig ist, aus einem Gesicht etwas zu erraten, so ist er jetzt durch Fomas Frömmigkeit, wie gesagt, völlig bezaubert: ein richtiges Kind! Iljuscha hat ein Gedicht gelernt, das er jetzt vortragen soll. Deshalb hat man mich auch nach Ihnen geschickt.“

„Und Tatjana Iwanowna?“

„Was?“

„Wo ist sie? Dort bei den anderen?“

„Nein, sie ist in ihrem Zimmer,“ antwortete Misintschikoff trocken. „Sie erholt sich und weint. Vielleicht schämt sie sich auch. Bei ihr befindet sich, glaube ich, diese ... Erzieherin. Aber was ist denn das? Ein Gewitter zieht auf, wie es scheint. Sehen Sie doch, dort – den Himmel!“

„Ja, wahrscheinlich ein Gewitter,“ sagte ich nach einem Blick auf die dunklen Wolken am Horizont.

In dem Augenblick stiegen wir zur Terrasse hinauf.

„Doch – Obnoskin? – was sagen Sie zu dem?“ fragte ich, da ich es nicht verbeißen konnte, Misintschikoff ein bißchen auf den Zahn zu fühlen.

„Sprechen Sie nicht von ihm! Erinnern Sie mich überhaupt nicht an diesen Schurken!“ rief er aus und blieb plötzlich stehen. Er wurde rot und stampfte mit dem Fuß auf. „Dieser Esel! Dieser Esel! einen so sicheren Plan, einen so glänzenden Gedanken zu verpfuschen! Hören Sie, ich bin natürlich auch ein Esel, da ich seine Schliche nicht bemerkt und nicht erraten habe – das gestehe ich vollkommen ehrlich und feierlich selbst ein, und vielleicht wünschten Sie nur diese Selbstbeschuldigung zu hören. Aber ich schwöre Ihnen: Hätte der Kerl die Sache nach allen Regeln der Kunst durchgeführt, so würde ich ihm vielleicht noch verzeihen. Der Esel, o, der Esel! Wie kann man nur solche Leute in der Gesellschaft überhaupt dulden? Weshalb verschickt man sie nicht nach Sibirien, in die Zwangsarbeit, als Kolonisten! Aber was da! Die sollen mich nicht überlisten! Jetzt habe ich wenigstens Erfahrungen gesammelt, ich habe ein Beispiel vor Augen – und wir werden uns noch einmal messen! Ich überlege jetzt – einen neuen Plan ... Sie werden mir zugeben: soll man denn die Früchte seiner Ideen wirklich nur deshalb verlieren, weil irgendein Esel die Idee gestohlen, doch die Sache nicht richtig auszuführen verstanden hat? Das wäre doch töricht! Und schließlich – diese Tatjana muß unbedingt heiraten: das ist nun einmal ihre Bestimmung. Und wenn bis jetzt noch niemand sie in eine Irrenanstalt gesteckt hat, so ist das doch nur deshalb nicht geschehen, weil man sie immer noch heiraten konnte. Ich werde Ihnen meinen neuen Plan auseinandersetzen ...“

„Aber doch wohl später,“ unterbrach ich ihn, „denn jetzt sind wir ja angelangt.“

„Gut, gut, später!“ sagte Misintschikoff – sein Mund verzog sich zu einem kurzen Lächeln. „Jetzt aber ... Wohin gehen Sie denn? Ich sagte Ihnen doch: direkt zu Foma Fomitsch! Folgen Sie mir. Sie sind noch nie dort gewesen. Jetzt werden Sie eine neue Komödie erleben ... Da nun einmal die Komödien hier Mode sind ...“