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Sämtliche Werke 16 cover

Sämtliche Werke 16

Chapter 22: XVIII. Schluß.
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About This Book

Ein erzählender Beobachter schildert das Leben auf einem verarmten Landsitz, dessen Alltagsordnung von Intrigen, flatterhaften Gönnern und selbstgerechten Figuren gestört wird. Im Zentrum stehen Machtspiele, launenhafte Autoritäten und ein manipulativer Vertrauter, deren Manöver Besitzverhältnisse und zwischenmenschliche Bindungen unterminieren. Die Erzählung entfaltet sich episodisch in komischen und bisweilen grotesken Begegnungen, die Heuchelei, soziale Ambition und blinden Opportunismus entlarven. In einer Folge eskalierender Vorfälle kommt es zu Zerwürfnissen, öffentlicher Bloßstellung und schließlich zu einer gewaltsamen Vertreibung, die die moralischen Widersprüche des Milieus offenlegt.

XVIII.
Schluß.

Fomas Sieg war unwiderruflich – war größer noch, als man sich denken kann. Es ist ja wahr: ohne ihn wäre es nie zu dieser Verlobung gekommen – die Tatsache, vor der man mit einem Male stand, hob jeden Einwand auf. Die Dankbarkeit der Glücklichen war denn auch grenzenlos. Als ich eine kleine Anspielung zu machen versuchte, auf welche Weise man Fomas Einwilligung erlangt hatte, winkten mir Nastenjka und mein Onkel nur flehend mit den Händen ab: nichts davon! nichts davon! Ssaschenjka war gleichfalls begeistert für den Ehebundstifter: „Der gute, gute Foma Fomitsch! Ich werde ihm ein Kissen dafür sticken!“ sagte sie und tadelte mich ernstlich, weil ich „so hartherzig“ sein konnte. Stepan Alexejewitsch Bachtschejeff war geradezu verwandelt und hätte mich wahrscheinlich erwürgt, wenn es mir nur eingefallen wäre, in seiner Gegenwart etwas Schlechtes über Foma zu sagen. Er hing jetzt wie ein Schoßhündchen an ihm und sagte zu allem, was dieser sprach: „Ein edler Mensch bist du, Foma, der Gelehrteste von allen!“ Was Jeshowikin anbetrifft, nun – so hatte seine Freude einfach die letzte Grenze erreicht. Der Alte hatte es schon lange geahnt, daß Jegor Iljitsch in seine Tochter verliebt war, und seit der Zeit hatte er Tag und Nacht nur daran gedacht, wie er die beiden zusammenbringen und glücklich machen könnte. Er hatte die Sache so lange hingezogen, wie es nur noch irgend ging, und erst dann abgesagt, als ihm nichts anderes mehr übrigblieb. Da hatte – Foma ganz unerwarteterweise eingegriffen! Natürlich durchschaute der Alte trotz seiner ehrlichen Freude den Schmarotzer Foma nur zu gut. Nun war es klar, daß Foma Fomitsch sich für sein ganzes Leben in diesem Hause festgesetzt hatte und seine Tyrannei hinfort keine Schranken mehr kennen werde. Bekanntlich sagt man sogar von den unangenehmsten, den launischsten Menschen, daß sie sich wenigstens für einige Zeit besänftigen, wenn man alle ihre Wünsche erfüllt. Foma Fomitsch aber – das konnte man schon damals voraussehen – wurde im Gegenteil nur noch hochmütiger, nur noch anspruchsvoller und hob die Nase immer noch höher. Kurz vor dem Essen, nachdem er sich vollkommen umgekleidet hatte, setzte er sich wieder in seinen Ruhestuhl, rief meinen Onkel zu sich und begann hierauf in Gegenwart der ganzen Versammlung ihm eine neue Predigt zu halten.

„Oberst!“ hub er an, „Sie wollen eine rechtmäßige Ehe schließen. Sind Sie sich auch klar ... Sind Sie sich auch jener Pflichten bewußt, die ...“ usw.

Man denke sich zehn Seiten im Format des „Journal des Débats“, ganze zehn Seiten, in denen so gut wie überhaupt nicht von Pflichten die Rede ist, sondern nur von dem Verstande, der Frömmigkeit, der Großmut, dem männlichen Charakter und der allgemein menschlichen Uneigennützigkeit – Foma Fomitschs. Alle waren hungrig, alle wollten essen. Nichtsdestoweniger wagte niemand, ihn zu unterbrechen. Alle hörten andächtig den ganzen Blödsinn bis zu Ende an. Sogar Bachtschejeff saß mit seinem ganzen quälenden Hunger da, ohne sich zu rühren, saß mit der größten Ehrfurcht auf einem kleinen Stuhl. Nachdem sich dann Foma Fomitsch endlich, endlich genügend an seiner Redekunst erfreut hatte, ward auch er sehr guter Laune und trank bei Tisch sogar ziemlich viel zu seinen unvermeidlichen Toasten. Darauf machte er verschiedene Witzchen über die Verlobten, und alle lachten und spendeten Beifall. Schließlich wurden die Witzchen aber dermaßen schlüpfrig und unzweideutig, daß selbst Herr Bachtschejeff nicht wußte, wohin er blicken sollte – und daß Nastenjka es schließlich nicht mehr aushielt und fortlief. Das war für Foma denn ein unbeschreibliches Gaudium. Übrigens wußte er sich sogleich zu fassen: in kurzen, beredten Worten schilderte er alle ihre Tugenden und brachte zum Schluß ein Hoch auf die Abwesenden aus. Mein Onkel, der noch vor einer Minute Höllenqualen ausgestanden hatte, war jetzt sofort wieder bereit, Foma Fomitsch zu umarmen. Es war mir überhaupt aufgefallen, daß die beiden Verlobten sich ihres Glücks gewissermaßen zu schämen schienen; ich hatte bemerkt, daß sie seit dem Augenblick ihrer Verlobung noch so gut wie kein Wort untereinander gewechselt hatten. Als die Tafel aufgehoben wurde, verschwand mein Onkel plötzlich – niemand wußte, wohin. Auf der Suche nach ihm war es dann, daß ich zufällig auch auf die Terrasse kam. Dort redete Foma im Triumphstuhl und bei einer Tasse Kaffee, ersichtlich stark „ermutigt“. Bei ihm saßen Jeshowikin, Bachtschejeff und Misintschikoff. Ich gesellte mich zu ihnen, um ein wenig zuzuhören.

„Warum,“ rief Foma aus, „warum bin ich sofort bereit, für meine Überzeugungen auf den Scheiterhaufen zu gehen? Und warum ist von euch kein einziger fähig, den Scheiterhaufen zu besteigen? Warum, warum?“

„Aber das würde ja doch ganz überflüssig sein, Foma Fomitsch, sich einen Scheiterhaufen zu leisten!“ meinte Jeshowikin, der sich natürlich über Foma lustig machte. „Was hätte denn das für einen Sinn? Erstens ist es doch schmerzhaft und zweitens: verbrennt man dich – was bleibt dann noch von dir übrig?“

„Was von mir übrigbleibt? Edelste Asche bleibt übrig! Aber wie solltest du das verstehen! – wie solltest du mich richtig zu schätzen verstehen! Für euch gibt es keine großen Menschen, außer irgendeinem Cäsar oder Alexander von Mazedonien. Doch was hat denn dein Cäsar Großes vollbracht? Wen hat er glücklich gemacht? Was hat dein gerühmter Alexander der Große getan? Die ganze Welt erobert? Aber gib mir nur ein solches Heer, wie er es hatte, und ich werde gleichfalls erobern, und auch du wirst erobern, und auch jeder Dritte, Vierte wird erobern ... Dafür aber hat er den tugendhaften Kleitos erstochen, ich aber habe den tugendhaften Kleitos nicht erstochen! ... Dieser Schuft! Dieser Prahlhans! Ruten müßte man ihm geben, aber nicht ihn in der Weltgeschichte unsterblich machen ... Und ebenso Cäsar!“

„Aber den Cäsar verschonen Sie doch wenigstens, Foma Fomitsch!“

„Fällt mir nicht ein, den Rüpel! ...“ schrie Foma.

„Und ’s ist recht so: schone ihn auch nicht!“ griff mit Eifer Herr Bachtschejeff auf, der gleichfalls mehr als nötig getrunken hatte. „Wozu soll man ihn schonen? Alle sind sie Hampelmänner, alle würden sie sich am liebsten nur auf einem Fuß um sich selber drehen! Diese Wurstmacher! Da wollte vorhin einer von ihnen noch ein Stipendium stiften. Was ist denn so ein Stipendium? Der Teufel weiß, was es eigentlich bedeutet! Könnte wetten, daß es wieder irgend so ’ne neue Schweinerei ist. Und jener andere, dort, vorhin, schwankt auf den Beinen, schwatzt allen Unsinn zusammen, will aber noch Rum trinken! Ich aber denke so: Warum soll der Mensch nicht trinken? Trink doch, trink, aber dann mußt du auch zu stoppen verstehen ... und dann, nach einem Weilchen trink meinethalben wieder ... Wozu soll man sie schonen? Alle sind Spitzbuben! Nur du allein bist gelehrt und groß, Foma!“

Wenn Herr Bachtschejeff sich jemandem hingab, so gab er sich ihm restlos hin, einwandlos und ohne jede Kritik.

Endlich fand ich meinen Onkel im Garten – im entlegensten Teil: hinter dem Weiher. Er war nicht allein, sondern mit Nastenjka. Als sie mich erblickte, verschwand sie im Augenblick hinter dem Gebüsch, als hätte ich sie bei etwas Unrechtem ertappt. Mein Onkel kam mir mit strahlendem Gesicht entgegen. In seinen Augen standen, glaube ich, Tränen. Er nahm meine beiden Hände und drückte sie krampfhaft.

„Mein Freund!“ sagte er, „ich vermag noch immer nicht, an mein Glück zu glauben ... Nastjä kann es auch noch nicht fassen. Wir wundern uns nur und danken dem Höchsten ... Sie weinte soeben ... Wirst du mir glauben – ich bin noch nicht zur Besinnung gekommen: ich glaube es und glaube es auch wieder nicht! Und womit habe ich das nur verdient? Wofür dieses Glück? Was habe ich getan? Womit habe ich es verdient?“

„Wenn jemand Glück verdient hat, so sind Sie es, Onkel,“ sagte ich herzlich. „Ich habe noch niemals einen so ehrlichen, so guten, so prächtigen Menschen gesehen, wie Sie ...“

„Nein, Ssergei, nein, das ist zuviel,“ antwortete er gleichsam betrübt. „Das ist ja das schlimmste, daß wir nur dann gut sind – ich rede natürlich nur von mir allein – wenn wir es selbst gut haben; wenn wir es aber schlecht haben, dann kommt uns nicht zu nahe! Darüber sprachen wir soeben noch, Nastjä und ich. Wie erhaben Foma sich auch zeigte, ich habe vielleicht doch – wirst du es mir glauben? – bis auf den heutigen Tag nicht ganz an ihn geglaubt, wenn ich mir auch immer wieder seine Vollkommenheit vorhielt! Selbst gestern glaubte ich nicht, nachdem er doch ein solches Geschenk zurückgewiesen hatte! Ich muß es zu meiner Schande gestehen! Mein Herz zittert, wenn ich daran denke, was ich vorhin getan habe! Aber ich war meiner nicht mehr mächtig ... Als er das von Nastjä sagte, da war es mir, als hätte mich etwas bis ins Herz verwundet. Ich verstand ihn nicht und handelte wie ein Tiger ...“

„Ach, Onkel! – das war sogar sehr richtig –“

Mein Onkel winkte wieder nur ab.

„Nein, nein, Freund, sprich nicht so! – das kommt alles ganz einfach nur von der Verderbtheit meiner Natur, weil ich ein grausamer und wollüstiger Egoist bin und mich rücksichtslos meinen Leidenschaften hingebe. Das sagt auch Foma.“ (Was sollte ich darauf erwidern?) „Du weißt nicht, Ssergei,“ fuhr er mit tiefem Gefühl fort, „wie oft ich gereizt, unnachsichtig, ungerecht, anmaßend gewesen bin – und nicht nur Foma gegenüber. Und jetzt habe ich mich alles dessen wieder erinnert, es ist mir zum Bewußtsein gekommen, und ich schäme mich, daß ich bis jetzt noch nichts getan habe, um dieses Glückes würdig zu sein. Nastjä sagte soeben Ähnliches von sich, wenn ich auch nicht weiß, was sie für Sünden haben könnte; denn sie ist doch ein Engel – kein Mensch! Sie sagte mir, daß wir Gott unendlich viel schuldig sind, und daß wir uns jetzt bemühen müssen, besser zu sein und Gutes zu tun ... Wenn du gehört hättest, wie begeistert, wie schön sie sprach! Himmlischer Vater, was das für ein Mädchen ist!“

Er verstummte erregt. Nach einer Weile fuhr er fort:

„Wir haben beschlossen, Freund, vor allem zu Foma gut zu sein, zu meiner Mutter und zu Tatjana Iwanowna. Aber Tatjana Iwanowna! Was sagst du dazu! Was für ein guter Mensch sie ist! Oh, wieviel ich allen abzubitten habe! Auch dir, mein Freund ... Aber wenn jetzt jemand wagen sollte, Tatjana Iwanowna zu beleidigen, oh! dann ... Ach, was rede ich da viel! ... Für Misintschikoff muß man auch etwas tun.“

„Ja, Onkel, ich habe jetzt meine Meinung über Tatjana Iwanowna geändert. Man muß sie hochachten und Mitleid mit ihr haben.“

„Eben, eben!“ bestätigte mein Onkel eifrig. „Man muß sie achten! Und da, zum Beispiel, Korowkin ... Du wirst im stillen gewiß über ihn gelacht haben,“ meinte er mit zaghaftem Seitenblick auf mich, „und wir alle haben ja über ihn gelacht ... Aber das war doch vielleicht unverzeihlich von uns ... Er kann doch der beste, der prächtigste Mensch sein ... Im übrigen aber – das Schicksal ... Er hat vielleicht viel Unglück gehabt ... Du glaubst es nicht, aber es kann doch wirklich so sein.“

„Wieso, Onkel, warum sollte ich es nicht glauben?“

Und ich begann ihm auseinanderzusetzen, daß selbst in dem gesunkensten Geschöpf sich noch die höchsten menschlichen Gefühle erhalten können, daß die Tiefe der Menschenseele unergründlich sei, daß man die Gefallenen nicht verachten dürfe, sondern im Gegenteil versuchen müsse, sie wieder aufzurichten – daß das allgemein angenommene Maß des Guten und Bösen und des sittlichen Wertes nicht richtig sei, usw. Mit einem Wort, ich geriet in Begeisterung und erzählte meinem Onkel sogar von der Schule der Materialisten und Skeptiker. Zum Schluß zitierte ich noch ein Gedicht von Puschkin – „Wenn aus dem Dunkel der Verirrung“ ... – kurz, mein Onkel war schließlich auch in vollständiger Begeisterung.

„Mein Freund, mein Freund!“ sagte er, bis ins Herz gerührt, „du verstehst mich vollkommen, du hast alles, was ich selbst sagen wollte, viel besser ausgedrückt, als ich es verstanden hätte. So, so ist es, genau so! Herrgott! Weshalb ist der Mensch böse? Weshalb bin ich so oft böse, wenn es doch so wunderschön ist, gut zu sein? Dasselbe hat auch Nastjä soeben gesagt ... Aber sieh doch nur, wie schön es hier am Weiher ist,“ sagte er plötzlich, sich umschauend, „sieh doch diese ganze Natur! Welch ein Bild! Sieh mal dort diesen Baum. Den Stamm kann kein Mann umfassen! Welche Kraft, welch ein Saft, was für Blätter! Und sieh nur die Sonne! Wie sauber jetzt alles nach dem Regen ist, wie frisch! ... Man könnte ja glauben, daß auch die Bäume etwas begreifen, fühlen und das Leben genießen ... Oder sollten sie es wirklich nicht tun – was? Was meinst du?“

„Warum nicht, Onkel, das ist sehr leicht möglich. Auf ihre Art natürlich.“

„Eben, natürlich auf ihre Art ... Wunderbarer, wundervoller Schöpfer! ... Aber du mußt dich doch noch gut dieses Gartens entsinnen, Sserjosha? – Wie du hier spieltest und umherliefst, als du klein warst! Ich erinnere mich noch so gut, wie du klein warst,“ sagte er plötzlich und blickte mich mit einem Ausdruck von so grenzenloser Liebe und so unfaßlichem Glück an. „Nur hierher zum Weiher durftest du nicht allein gehen. Und weißt du noch, wie einmal am Abend die selige Katjä dich zu sich rief und dich streichelte ... Du warst im Garten umhergelaufen, vorher, und deine Bäckchen waren ganz rot; dein Haar war noch ganz hellblond und ringelte sich zu Löckchen ... Sie spielte mit deinen Locken und dann sagte sie: ‚Es ist gut, daß du das Waisenkind zu uns genommen hast.‘ Entsinnst du dich dessen noch, oder nicht mehr?“

„Kaum, kaum, lieber Onkel.“

„Es war damals Abend, und die Sonne schien auf euch beide, und ich saß in der Ecke, rauchte meine Pfeife und sah zu euch hinüber ... Ich ... weißt du, Sserjosha, ich fahre in jedem Monat einmal zu ihr, zu ihrem Grabe, in die Stadt,“ fügte er mit gesenkter Stimme hinzu, deren leises Beben aufsteigende, unterdrückte Tränen verriet. „Ich habe auch mit Nastjä vorhin davon gesprochen; sie sagte, daß wir jetzt beide zusammen zu ihr fahren werden ...“

Mein Onkel verstummte, um seine Erregung niederzuringen.

In dem Augenblick näherte sich uns Widopljässoff.

„Widopljässoff!“ rief mein Onkel erschrocken aus, als er ihn erblickte. „Schickt dich Foma Fomitsch?“

„Nein, Herr, ich bin mehr in eigener Angelegenheit gekommen.“

„Ah! nun gut! Dann können wir gleich Näheres über Korowkin erfahren ... Ich wollte schon vorhin nachfragen ... Ich hatte ihm, weißt du, anbefohlen, Korowkin zu bewachen. Nun, was ist es, Widopljässoff?“

„Erlaube mir, zu erinnern,“ sagte der Diener, „daß der Herr gestern hinsichtlich meiner Bitte Hilfe zu versprechen geruhten, sowie Schutz vor den mir alltäglich zugefügten Beleidigungen ...“

„Du kommst wieder mit deinem Familiennamen?“ fragte mein Onkel wahrhaft entsetzt.

„... Die alltäglich und allstündlich mir zugefügten Beleidigungen ...“

„Ach, Widopljässoff, Widopljässoff! Was soll ich nur mit dir tun?“ fragte mein Onkel ratlos. „Was können denn das für Beleidigungen sein? Wenn das so weitergeht, wirst du ja einfach wahnsinnig werden und in der Irrenanstalt dein Leben beschließen!“

„Ich glaube, daß ich mit meinem Verstande ...“ begann Widopljässoff.

„Ach, das ist es doch nicht!“ unterbrach ihn mein Onkel. „Ich sage es nur so, nicht um dich zu kränken, sondern um dir Vernunft zuzureden. Nun, was können denn das für Beleidigungen sein? Es ist doch wahrscheinlich nur ein dummer Scherz!“

„Sie lassen mich nicht ruhig vorübergehen.“

„Wer das?“

„Sowohl alle wie vornehmlich diese Matrjona. Durch sie muß ich fortan mein ganzes Leben lang leiden. Wie bekannt, haben alle vornehmen Menschen, welche mich von Kindesbeinen an gesehen haben, gesagt, daß ich ganz wie ein Ausländer aussehe, vornehmlich in meinem Gesicht. Und deswegen muß ich jetzt dulden! Sobald ich nur vorübergehe, schreien mir alle häßliche Worte nach – sogar kleine Kinder, die man zu allererst durchprügeln müßte, selbst die schreien mir nach ... Auch jetzt, als ich herkam, schrien sie wieder ... Und das ist zuviel! Wenn der Herr mich zu verteidigen geruhen wollten, mit Ihrem Schirm und Schutz – denn ich – ... kann ... nicht mehr!“

„Ach, Widopljässoff! ... Was schreien sie dir denn nach? Es wird doch bestimmt nur irgendeine Dummheit sein, die man überhaupt nicht beachten sollte!“

„Es läßt sich nicht sagen.“

„Weshalb nicht?“

„Es ist ekelhaft auszusprechen.“

„Ach was, sag es nur!“

„Sie rufen: Grischka der Franzose – hat eine rote Hose.“

„Nun? Und? Ach, Gott, und ich dachte, daß es weiß der Himmel was sei! So spei doch einfach aus und geh deines Weges!“

„Habe gespien: sie schreien dann noch mehr.“

„Hören Sie, Onkel,“ sagte ich, „er beklagt sich darüber, daß er hier kein Leben habe. So schicken Sie ihn doch nach Moskau zu jenem Schönschreiber. Sie sagten doch, daß er dort einmal bei einem solchen gewesen sei.“

„Ach, Freund, der hat gleichfalls tragisch geendet!“

„Wieso?“

„Sie hatten das Unglück,“ sagte Widopljässoff, „sich fremdes Eigentum anzueignen, wofür sie, ungeachtet ihres ganzen Talents, ins Gefängnis gebracht wurden, woselbst sie jetzt unrettbar verloren sind.“

„Gut, gut, Widopljässoff: beruhige dich nur. Ich werde alles das untersuchen und erledigen,“ sagte mein Onkel, „ich verspreche es dir! Nun, aber was macht Korowkin? Schläft er?“

„Mit nichten. Sie haben geruht fortzufahren. Ich bin aus diesem Grunde auch gekommen, um seine Abreise zu melden.“

„Wie das – fortgefahren? Was sprichst du? Wie hast du ihn denn fortgelassen?“

„Aus reinem Mitleid. Es war traurig anzusehen. Als sie erwachten und sich des Vorgefallenen erinnerten, da schlugen sie sich vor den Kopf und schrien herzzerreißend ...“

„Herzzerreißend? ...“

„Ehrerbietiger gesagt: sie gaben verschiedene Schreie von sich. Sie schrien: wie könnten sie sich jetzt noch dem schönen Geschlecht zeigen? Und dann sagten sie: ‚Ich bin des Menschengeschlechts unwürdig!‘ Und so sprachen sie die ganze Zeit mitleiderregend und nur in gewählten Worten.“

„Habe ich dir nicht gesagt, Ssergei, daß er ein überaus zartfühlender Mensch ist? ... Aber wie konntest du ihn denn fortfahren lassen, Widopljässoff, wenn ich dir doch anbefohlen hatte, ihn zu bewachen? Ach Gott, ach Gott!“

„Mehr infolge meines Mitleids. Sie baten mich himmelhoch, nichts zu erzählen. Der Postknecht, mit dem sie gekommen waren, hatte die Pferde inzwischen gefüttert und schirrte sie dann wieder an. Und für die vor drei Tagen eingehändigte Summe befahlen sie, ihren höflichsten Dank zu übermitteln und zu sagen, daß sie die Schuld mit der ersten Post zurücksenden würden.“

„Was ist das für eine Summe, Onkel?“

„Sie nannten fünfundzwanzig Rubel,“ sagte Widopljässoff.

„Ach, das habe ich ihm, weißt du, auf der Station geliehen: sein Geld reichte nicht ganz. Er wird es mir selbstverständlich mit der nächsten Post zurücksenden, wie er gesagt hat ... Ach, mein Gott, wie schade, daß er fortgefahren ist! Soll ich ihm nicht nachschicken? Was meinst du, Ssergei?“

„Nein, Onkel, schicken Sie ihm lieber nicht nach.“

„Das denke ich auch. Sieh, Ssergei, ich bin natürlich kein Philosoph, aber ich glaube, daß in jedem Menschen doch viel mehr Gutes ist, als es äußerlich scheint. So ist es auch mit Korowkin: er hat die Schande nicht ertragen ... Aber gehen wir jetzt zu Foma! Wir haben uns sowieso zu lange hier aufgehalten. Er kann sich gekränkt fühlen, er kann es als Undankbarkeit, als Unaufmerksamkeit auffassen ... Gehen wir also! Nein, dieser Korowkin, dieser Korowkin!“