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Sämtliche Werke 16 cover

Sämtliche Werke 16

Chapter 23: Nachbemerkungen.
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About This Book

Ein erzählender Beobachter schildert das Leben auf einem verarmten Landsitz, dessen Alltagsordnung von Intrigen, flatterhaften Gönnern und selbstgerechten Figuren gestört wird. Im Zentrum stehen Machtspiele, launenhafte Autoritäten und ein manipulativer Vertrauter, deren Manöver Besitzverhältnisse und zwischenmenschliche Bindungen unterminieren. Die Erzählung entfaltet sich episodisch in komischen und bisweilen grotesken Begegnungen, die Heuchelei, soziale Ambition und blinden Opportunismus entlarven. In einer Folge eskalierender Vorfälle kommt es zu Zerwürfnissen, öffentlicher Bloßstellung und schließlich zu einer gewaltsamen Vertreibung, die die moralischen Widersprüche des Milieus offenlegt.

Nachbemerkungen.

Der Roman ist zu Ende. Die Liebenden sind vereint, und der Genius der Güte hat sich in der Person Foma Fomitschs endgültig im Herrenhause von Stepantschikowo niedergelassen. Zwar könnte man noch eine Menge Erklärungen, Erläuterungen usw. hinzufügen, doch im Grunde sind diese jetzt ganz überflüssig. Wenigstens meiner Meinung nach. An Stelle aller Ergänzungen und Zusätze werde ich nur ein paar Worte über das fernere Schicksal meiner Helden sagen. Ohne das geht es ja bekanntlich nicht! Die Kunst selbst will es so! Also –

Die Trauung des glücklichen Brautpaares fand in der sechsten Woche nach ihrer Verlobung statt. Die Hochzeit wurde sehr still gefeiert, nur im Familienkreise, ohne jeden Pomp und vor allem ohne überflüssige Gäste. Misintschikoff und ich waren die Brautführer: ich geleitete Nastenjka, er meinen Onkel. Übrigens waren doch einige Gäste zugegen. Die erste und wichtigste Person war natürlich Foma Fomitsch. Ihm wurde alles zu Willen getan – wie auf den Händen wurde er getragen. Leider aber sollte es geschehen, daß man einmal vergaß, ihm Champagner zu reichen, und sofort – hub das alte Lied von neuem an: Foma sprang auf, weinte, grölte, lief in sein Zimmer, schloß die Tür zu, schrie, daß man ihn jetzt nicht mehr achte, daß jetzt „neue Menschen“ in die Familie kämen und folglich er, Foma, nichts mehr sei oder nur soviel wie ein Holzspan, den man zum Fenster hinauswerfen könne. Mein Onkel war verzweifelt, Nastenjka weinte und die Generalin fiel nach alter Gewohnheit in Ohnmacht ... Das Hochzeitsmahl glich alsbald einem Totenschmaus. Und ein solches Zusammenleben mit dem Wohltäter Foma Fomitsch stand meinem armen Onkel und der armen Nastenjka noch ganze sieben Jahre bevor! Bis zu seinem Tode (Foma Fomitsch ist vor einem Jahr gestorben) war er eigensinnig, launisch, ärgerte sich täglich und hielt allen Moralpredigten. Doch die Ehrfurcht vor ihm verminderte sich bei den von ihm Beglückten nicht etwa, sondern wuchs noch täglich, stündlich, in genauem Verhältnis zur Zunahme seiner Launenhaftigkeit. Jegor Iljitsch und Nastenjka waren nämlich so glücklich miteinander, daß sie für ihr Glück fürchteten: sie glaubten, es sei zu groß, sei von ihnen nicht verdient, Gott gäbe ihnen zuviel Glück, und späterhin würden sie es vielleicht mit Leid und Kummer bezahlen müssen. So konnte Foma Fomitsch in diesem friedlichen Hause buchstäblich alles tun, was er nur wollte. Und was tat er nicht alles in diesen sieben Jahren! Es ist schwer, ja, es ist unmöglich, sich vorzustellen, bis zu welchen zügellosen Phantasien sich seine übersättigte, müßige Seele in der Erfindung der raffiniertesten Launen einer wahrhaft lukullischen Moralität verstieg. Im dritten Jahre nach der Heirat meines Onkels starb meine Großtante, die Generalin. Der verwaiste Foma war die Verzweiflung selbst. Sogar jetzt wird in Stepantschikowo mit wahrem Entsetzen von seinem Zustande in diesen Tagen gesprochen. Als die Gruft zugeschüttet wurde, wollte er sich mit aller Gewalt von den anderen, die ihn krampfhaft festhielten, losreißen: in einem fort schrie er, daß man ihn zusammen mit ihr beerdigen solle! Einen ganzen Monat gab man ihm weder eine Gabel noch ein Messer in die Hand, und einmal hatten ganze vier Menschen ihm mit Gewalt den Mund öffnen müssen, um eine Stecknadel, die er hatte verschlucken wollen, wieder herauszunehmen. Jemand von den gleichgültigeren Zeugen des Kampfes hat zwar gemeint, daß Foma Fomitsch, wenn ihm im Ernst darum zu tun gewesen wäre, diese Stecknadel während des Kampfes schon tausendmal hätte verschlucken können. Doch diese Behauptung war von allen mit entschiedenem Unwillen zurückgewiesen worden, und man hatte dem Betreffenden sogleich Herzensroheit vorgeworfen. Nur Nastenjka schwieg darüber und lächelte kaum merklich, während mein Onkel stets ein wenig unruhig wurde, wenn er dieses Lächeln sah. Ich muß hier bemerken, daß Foma zwar wie ehedem im Hause meines Onkels sich vieles herausnehmen und nach Herzenslust launisch sein konnte; doch die anmaßenden, die geradezu unverschämten Moralpredigten, die er früher meinem Onkel hielt, die gab es jetzt nicht mehr. Foma beklagte sich, weinte, machte Vorwürfe, tadelte; aber er durfte nicht mehr frech werden, – solche Szenen, wie z. B. die wegen des Titels Exzellenz, waren jetzt nicht mehr denkbar. Es war das, glaube ich, auf Nastenjkas Einfluß zurückzuführen. Fast unmerklich zwang sie Foma, in manchem nachzugeben und sich in manches zu fügen. Sie duldete es nicht, daß ihr Mann beleidigt wurde, und sie setzte ihren Willen auch durch. Foma erkannte bald, daß sie ihn fast durchschaute. Ich sage: fast; denn andererseits verwöhnte Nastenjka ihn gleichfalls und stimmte ihrem Mann jedesmal bei, wenn dieser begeistert seinen Weisen in den Himmel hob. Sie wollte offenbar die Zuhörer zwingen, alles an ihrem Mann zu achten, und so suchte sie auch seine Anhänglichkeit an Foma Fomitsch vor anderen stets gutzuheißen. Ich bin überzeugt, daß ihr gutes Herz alles Leid, das ihr früher von ihm zugefügt worden war, verziehen und vergessen hatte, wahrscheinlich schon in demselben Augenblick, als er sie mit meinem Onkel vereinigte. Außerdem hatte sie sich, glaube ich, im Ernst und mit ganzem Herzen dem Gedanken hingegeben, daß man von einem „Märtyrer“, einem ehemaligen Narren, nicht viel verlangen dürfe, sondern ihn pflegen und ihn die „Wunden“ vergessen machen müsse. Die arme Nastenjka hatte selbst zu den Erniedrigten gehört, sie hatte selbst gelitten und daher wußte sie, wie Erniedrigtsein ist. Schon nach einem Monat wurde Foma kleinlauter, wurde sogar freundlich und bescheiden; dafür aber kamen jetzt neue, überaus unerwartete Anfälle: er verfiel nämlich bisweilen in einen sogenannten magnetischen Schlaf, der alle zuerst heftig erschreckte. Der Arme sprach zum Beispiel etwas ganz Gleichgültiges, oder er lachte – und plötzlich war er dann erstarrt, und zwar genau in der Stellung, in der er sich im letzten Augenblick vor dem Anfall befunden hatte: wenn er zum Beispiel gelacht hatte, so erstarrte er mit einem lachenden Gesicht; hatte er etwas in der Hand gehalten, eine Gabel vielleicht, einen Löffel, so blieb die Gabel in der erhobenen Hand. Später sank die Hand natürlich nieder, doch Foma Fomitsch fühlte nichts und entsann sich auch später nicht, daß sie niedergesunken sei. Er saß, sah, blinzelte sogar, sprach jedoch nichts, hörte nichts und begriff nichts. Und das dauerte mitunter eine ganze Stunde an. Natürlich verging dann das ganze Haus fast vor Angst; alle hielten den Atem an, schlichen nur auf den Fußspitzen, weinten ... bis Foma endlich zu erwachen geruhte. Dann fühlte er sich unsäglich erschöpft und versicherte, während der ganzen Zeit seines Starrkrampfes nichts gesehen und nichts gehört zu haben. Das hatte nämlich wirklich noch gefehlt, daß dieser Mensch ganze Stunden lang sich freiwillig Qualen auferlegte, einzig zu dem Zweck, um dann sagen zu können: „Seht auf mich, seht, um wieviel ich mehr empfinde als ihr!“ Einmal geschah es auch, daß Foma Fomitsch ganz unvermittelt meinen Onkel wegen dessen „Unehrerbietung und fortwährender Beleidigungen“ anzeterte und zu Herrn Bachtschejeff fuhr, bei dem er fortan leben wollte. Stepan Alexejewitsch Bachtschejeff, der nach meines Onkel Verlobung und Hochzeit sich noch oft mit Foma gestritten, ihn jedoch zu guter Letzt jedesmal wieder um Verzeihung gebeten hatte, entschloß sich diesmal mit ungewöhnlichem Eifer, energisch in die Sache einzugreifen: er empfing Foma mit wahrem Enthusiasmus, fütterte ihn bis zum Platzen und beschloß hierauf, sich formell von der Freundschaft meines Onkels loszusagen und sogar gerichtlich eine Klage gegen ihn einzureichen. Es gab dort irgendwo ein strittiges Stück Land, um das sie aber eigentlich nie gestritten hatten, da es ihm von meinem Onkel ohne jeden Streit freiwillig abgetreten worden war. Ohne Foma ein Wort davon zu sagen, ließ Herr Bachtschejeff die Pferde anschirren und fuhr in die Stadt, setzte dort die Klage auf und reichte sie ein, mit dem Ersuchen, ihm formell das Stück Land zuzusprechen, mit Vergütung der Zinsen und Erstattung der Gerichtskosten, um auf diese Weise die „Räuberei und das eigenmächtige Verfahren“ zu bestrafen. Inzwischen aber war es Foma langweilig geworden, und so hatte er schon am nächsten Tage meinem Onkel – der ihm nachgefahren war und um Verzeihung gebeten hatte –, wieder verziehen und war dann mit ihm nach Stepantschikowo zurückgekehrt. Der Zorn des Herrn Bachtschejeff, der, als er zu Hause ankam, Foma nicht mehr vorfand, soll fürchterlich gewesen sein. Nach drei Tagen aber erschien auch er mit dem Eingeständnis seiner Schuld in Stepantschikowo, bat meinen Onkel unter Tränen um Verzeihung und zog seine Klage zurück. Mein Onkel versöhnte ihn noch am selben Tage auch mit Foma Fomitsch, worauf Stepan Alexejewitsch diesem wieder wie ein Hündchen ergeben war und zu jedem Wort hinzufügte: „Du bist ein kluger und großer Mensch, Foma, du bist wirklich mit einem Wort ein Genie!“

Foma Fomitsch ruht jetzt neben der Generalin. Über seinem Grabe erhebt sich ein kostbares Monument aus weißem Marmor, das mit Trauerzitaten und Lobpreisungen seiner Person von oben bis unten bedeckt ist. Zuweilen gehen Jegor Iljitsch und Nastenjka, wenn sie einen Spaziergang machen, auch auf den Friedhof, um an Fomas Grab zu beten. Auch jetzt noch können sie nicht gleichgültig von ihm sprechen, sie erinnern sich jedes Wortes, das er gesprochen, aller Speisen, die er gern gegessen, und alles dessen, was er geliebt hat. Seine Sachen werden wie Kostbarkeiten aufbewahrt. Mein Onkel und Nastjä, die sich nach seinem Tode zuerst ganz verwaist fühlten, haben sich jetzt noch mehr aneinandergeschlossen. Kinder hat Gott ihnen nicht geschenkt – sie sind sehr traurig darüber, wagen aber nie zu klagen. Ssaschenjka hat schon vor langer Zeit einen prächtigen jungen Mann geheiratet. Iljuscha studiert in Moskau. So leben denn mein Onkel und Nastjä ganz allein in Stepantschikowo und sind immer noch genau so verliebt ineinander. Die Sorge des einen um den anderen ist geradezu rührend. Wenn einer von ihnen früher sterben sollte, was doch wohl einmal geschehen wird, so wird ihn der andere, denke ich, kaum eine Woche überleben. Doch gebe ihnen Gott noch ein langes Leben! Sie empfangen jeden Gast mit unendlicher Herzlichkeit und sind bereit, mit einem Unglücklichen alles zu teilen, was sie nur haben. Nastenjka liest oft die Lebensgeschichten der Heiligen und sagt gerührt, daß bloß „bei Gelegenheit Gutes tun“ zu wenig sei, man müsse alles, was man hat, den Armen hingeben und in freiwilliger Armut glücklich sein. Hätten sie nicht Iljuscha und Ssaschenjka, so würde mein Onkel wohl schon längst alles unter die Armen verteilt haben; denn er ist in allem vollkommen einverstanden mit seiner Frau. Praskowja Iljinitschna lebt bei ihnen und tut ihnen mit Freuden alles zu Willen. Sie führt vor allem die Wirtschaft. Herr Bachtschejeff hat ihr zwar bald nach der Hochzeit meines Onkels einen Heiratsantrag gemacht, sie aber hat ihn rund abgeschlagen. Daraus schloß man zunächst, daß sie wohl ins Kloster gehen wolle und werde, aber auch das geschah nicht. Sie hat von Natur die bemerkenswerte Eigenschaft, sich vollkommen denen zu opfern, die sie liebhat, sich zu jeder Zeit ihnen unterzuordnen, ihnen die Wünsche von den Augen abzulesen, allen ihren Launen nachzugehen, sie zu warten und zu pflegen und zu bedienen. Jetzt, nach dem Tode ihrer Mutter, der Generalin, hält sie es für ihre Pflicht, bei ihrem Bruder und Nastenjka zu bleiben und sich diesen unterzuordnen. Der alte Jeshowikin lebt noch, und in der letzten Zeit besucht er seine Tochter immer häufiger. Anfangs brachte er meinen Onkel zur Verzweiflung damit, daß er sich und seine Krabben (so nennt er seine Kinder) mit erklärter Absichtlichkeit von Stepantschikowo fernhielt. Alle Aufforderungen seines Schwiegersohnes waren fruchtlos: Das geschah jedoch von ihm nicht so sehr aus Stolz als aus Empfindlichkeit und Argwohn. Der Gedanke, daß man ihn, den Armen, aus Barmherzigkeit im reichen Hause empfangen, daß man ihn im Herzen aufdringlich und lästig finden könnte – dieser Gedanke lastete schwer auf ihm. Er wies sogar Nastenjkas Hilfe zurück und nahm nur im äußersten Notfall etwas an. Von meinem Onkel wollte er unter keiner Bedingung etwas annehmen. Nastenjka hatte sich sehr geirrt, als sie mir seinerzeit sagte, ihr Vater spiele nur deshalb den Narren, weil er damit ihr, seiner Tochter, Nutzen zu bringen hoffe. Freilich wollte er sie damals gerne mit dem Oberst verheiraten, aber den Narren spielte er doch wohl mehr aus innerem Bedürfnis: um der in ihm angesammelten Wut einen Ausgang zu verschaffen. Das Bedürfnis, zu spotten und seine scharfe Zunge zu üben, war ihm angeboren. So machte er aus sich den niedrigsten Schmeichler, um gleichzeitig mit nicht mißzuverstehender Deutlichkeit zeigen zu können, daß er es nur zum Schein tat. Und je mehr er schmeichelte, um so beißender und unverhohlener schaute dann aus der Schmeichelei sein Spott hervor. Das lag ihm nun einmal im Blut. Schließlich gelang es doch, seine „Krabben“ in den besten Lehranstalten Moskaus und Petersburgs unterzubringen, aber erst dann, als Nastenjka ihm schwarz auf weiß bewiesen hatte, daß sie es nicht mit dem Gelde ihres Gatten tue, vielmehr mit den Dreißigtausend, die Tatjana Iwanowna ihr zur Verlobung geschenkt hatte. Diese dreißigtausend Rubel waren in Wirklichkeit natürlich niemals von Tatjana Iwanowna angenommen worden; damit diese sich nicht gekränkt fühlte, hatte man ihr einfach gesagt, daß man sich sogleich an sie wenden werde, sobald man einmal in Verlegenheit geraten sollte. Und so tat man denn schließlich auch und lieh von ihr „scheinbar“ größere Summen. Doch Tatjana Iwanowna starb vor drei Jahren, und da fielen Nastjä ihre Dreißigtausend von selbst zu. Der Tod Tatjana Iwanownas kam ganz unerwartet. Die ganze Familie war von einem benachbarten Gutsbesitzer zum Ball eingeladen worden, Tatjana Iwanowna hatte sich bereits ihr Ballkleid angezogen und einen wundervollen Kranz weißer Rosen ins Haar gesteckt, als ihr plötzlich schlecht wurde: sie setzte sich auf den nächsten Stuhl und – starb. Mit diesem Kranz weißer Rosen wurde sie auch begraben. Nastjä war untröstlich. Tatjana Iwanowna war von allen wie ein Kind geliebt und verwöhnt worden. Nach ihrem Tode setzte sie noch alle durch ihr vernünftiges Testament in Erstaunen: außer Nastjäs Dreißigtausend hatte sie alles übrige, an dreihunderttausend Rubel, zur Erziehung armer Waisenmädchen vermacht, denen bei Verlassen der Erziehungsanstalt auch noch eine gewisse Summe ausgezahlt werden sollte. Noch vor Tatjana Iwanownas Hinscheiden heiratete Fräulein Perepelizyna, die nach dem Tode der Generalin ruhig in Stepantschikowo verblieben war, wahrscheinlich in der Absicht, sich bei Tatjana Iwanowna einzuschmeicheln. Inzwischen war aber der Besitzer von Mischino, jenem selben kleinen Gut, wohin Obnoskin mit seiner Mutter und später mit Tatjana Iwanowna gefahren war, Witwer geworden. Dieser ehemalige Beamte war ein entsetzlicher Schikaneur. Er hatte von der ersten Frau sechs Kinder. Da er bei der Perepelizyna Geld vermutete, so machte er gelegentlich einige Andeutungen, die auf eine Heirat anspielten. Sie aber warf sich ihm sofort an den Hals. Leider war die Perepelizyna arm wie eine Kirchenmaus: alles, was sie in die Ehe brachte, waren dreihundert Rubel, die Nastenjka ihr zur Hochzeit geschenkt hatte. Jetzt führt das Ehepaar vom Morgen bis zum Abend Krieg miteinander: sie zieht seine Kinder an den Haaren und verabreicht ihnen Ohrfeigen; ihm zerkratzt sie das Gesicht (wenigstens erzählt man es in der ganzen Umgegend) und hält ihm beständig vor, daß sie die Tochter eines Majors sei. – Misintschikoff hat sein Leben gleichfalls einzurichten gewußt. Er gab vernünftigerweise alle seine Hoffnungen auf Tatjana Iwanowna auf und machte sich allmählich daran, die Landwirtschaft zu erlernen. Mein Onkel empfahl ihn einem reichen Grafen, einem Gutsbesitzer, der etwa achtzig Werst von Stepantschikowo dreitausend Seelen besaß, doch nur sehr selten sein Gut besuchte. Da der Graf in Misintschikoff einige Fähigkeiten entdeckt zu haben glaubte und sich im übrigen auf die Empfehlung meines Onkels verließ, bot er ihm die Stelle eines Verwalters seiner Güter an, nachdem er seinen früheren Verwalter fortgejagt hatte – einen Deutschen, der aber trotz der berühmten deutschen Ehrlichkeit seinen Grafen gründlich bestohlen hatte. Nach fünf Jahren war das Gut nicht wiederzuerkennen: die Bauern lebten im Wohlstande; Misintschikoff hatte Verwaltungsbücher eingeführt und führte sie fehlerlos – was niemand von ihm erwartet hätte; die Einnahmen hatten sich verdoppelt – mit einem Wort: Der neue Verwalter hatte sich trefflich eingeführt, und sein Ruhm ertönte bereits durch das ganze Gouvernement. Wie groß aber war die Überraschung und der Kummer des Grafen, als Misintschikoff nach fünf Jahren, ungeachtet aller Bitten und Gehaltserhöhungen, sein Amt niederlegte! Der Graf glaubte, daß ihn die Nachbargutsbesitzer fortgelockt hätten oder vielleicht sogar jemand aus einem anderen Gouvernement. Um wieviel größer war aber das Erstaunen aller, als plötzlich, im zweiten Monat nach seinem Austritt, Iwan Iwanytsch Misintschikoff ein schönes Gut von hundert Seelen besaß, das nur vierzig Werst von dem des Grafen entfernt war, und das er von einem verschuldeten Husarenoffizier, seinem früheren Regimentskameraden, gekauft hatte! Diese hundert Seelen verpfändete er sogleich, und nach einem Jahr war er im Besitz von noch weiteren sechzig Seelen! Jetzt ist er selbst Gutsherr, und seine Wirtschaft ist mustergültig. Alle wundern sich und fragen, woher er wohl das Geld dazu erhalten haben mag. Einige aber schütteln nur das Haupt und schweigen. Iwan Iwanytsch jedoch ist vollkommen ruhig und fühlt sich durchaus in seinem Recht. Jetzt hat er aus Moskau seine Schwester zu sich gerufen, dieselbe, die ihm einst ihre letzten drei Rubel zur Wanderung nach Stepantschikowo gegeben hatte – ein sehr nettes Mädchen, nicht mehr ganz jung, bescheiden, zärtlich, gebildet, nur etwas eingeschüchtert. Vorher hatte sie in Moskau als Gesellschafterin bei einer „Wohltäterin“ gelebt; jetzt hängt sie mit aller Liebe am Bruder, führt in seinem Hause die Wirtschaft, hält jeden seiner Wünsche für ein Gesetz und sich selbst für vollkommen glücklich. Ihr Bruder verwöhnt sie nicht gerade und hält sie, wie man zu sagen pflegt, etwas „unter dem Daumen“, was sie aber gar nicht zu merken scheint. In Stepantschikowo hat man sie sehr liebgewonnen, und es heißt, Herr Bachtschejeff sei nicht abgeneigt – ... und er würde wohl auch bei ihr anhalten, fürchte aber eine Absage. Doch von Herrn Bachtschejeff hoffe ich noch ein anderes Mal zu erzählen, in einer neuen Erzählung, und dann ausführlicher.

Das waren, denke ich, alle ... Ja! richtig! fast hätte ich vergessen: Gawrila ist sehr gealtert und hat sein Französisch ganz und gar verlernt. Aus Falalei ist ein guter Kutscher geworden. Der arme Widopljässoff aber mußte tatsächlich schon sehr bald in einer Irrenanstalt untergebracht werden: er ist dort, wenn ich mich nicht täusche, auch schon gestorben ... In den nächsten Tagen muß ich nach Stepantschikowo fahren – dann werde ich mich bei meinem Onkel nach ihm erkundigen.