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Sämtliche Werke 16 cover

Sämtliche Werke 16

Chapter 5: I. Stepantschikowo.
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About This Book

Ein erzählender Beobachter schildert das Leben auf einem verarmten Landsitz, dessen Alltagsordnung von Intrigen, flatterhaften Gönnern und selbstgerechten Figuren gestört wird. Im Zentrum stehen Machtspiele, launenhafte Autoritäten und ein manipulativer Vertrauter, deren Manöver Besitzverhältnisse und zwischenmenschliche Bindungen unterminieren. Die Erzählung entfaltet sich episodisch in komischen und bisweilen grotesken Begegnungen, die Heuchelei, soziale Ambition und blinden Opportunismus entlarven. In einer Folge eskalierender Vorfälle kommt es zu Zerwürfnissen, öffentlicher Bloßstellung und schließlich zu einer gewaltsamen Vertreibung, die die moralischen Widersprüche des Milieus offenlegt.

I.
Stepantschikowo.

Mein Onkel, der Oberst Jegor Iljitsch Rostaneff, war, nachdem er seinen Abschied genommen, auf das ihm durch Erbschaft zugefallene Gut Stepantschikowo übergesiedelt und hatte sich daselbst alsbald in einer Weise eingelebt, daß man ihn für einen eingefleischten, einen geborenen Gutsherrn hätte halten und von ihm denken können, er sei in seinem ganzen Leben noch nie über die Grenze seines Besitztums hinausgekommen.

Es gibt Naturen, die tatsächlich mit allem zufrieden sind und sich an alles gewöhnen können. Von dieser Art war entschieden auch die Natur meines Onkels, des Obersten a. D. Es ist schwer, sich einen Menschen vorzustellen, der sanftmütiger und widerspruchsloser zu allem und jedem bereit gewesen wäre als er. Hätte jemand den Einfall gehabt, ihn etwa mit ernstestem Gesicht zu bitten, irgendeinen ihm ganz fremden Menschen zwei Werst weit auf seinen Schultern zu tragen, so würde er es wahrscheinlich auch getan haben. Er war dermaßen gut, daß er am liebsten gleich alles, was er besaß, auf die erste Bitte hin fortgegeben hätte – sein letztes Hemd dem ersten besten Bettler. Sein Äußeres war reckenhaft: er hatte eine hohe, straffe Gestalt, ein frisches Gesicht, wie Elfenbein weiße Zähne, einen langen, dunkelblonden Schnurrbart, eine klangvolle, laute Stimme und ein offenherziges, tiefklingendes Lachen. Er sprach schnell und in abgerissenen Sätzen. Damals, als er nach Stepantschikowo zog, war er noch nicht vierzig Jahre alt. Von seiner Geburt oder vielmehr von seinem sechzehnten Lebensjahre an war er Husar gewesen. Geheiratet hatte er sehr früh, hatte seine Frau abgöttisch geliebt, sie aber schon bald verloren. Eine unauslöschliche, tief zärtliche Erinnerung an sie bewahrte er in seinem Herzen. Als ihm dann eines Tages das Gut Stepantschikowo, das seinen Besitz um sechshundert Seelen vergrößerte, durch Erbschaft zugefallen war, da hatte er den Abschied genommen und sich, wie gesagt, auf dem Lande niedergelassen, zusammen mit seinen beiden Kindern: dem achtjährigen Iljuscha – dessen Geburt der Mutter das Leben gekostet hatte – und der älteren, etwa fünfzehnjährigen Tochter Alexandra, genannt Ssaschenjka oder auch Ssaschúrka, die nach dem Tode der Mutter in einer vornehmen Moskauer Pension erzogen worden war.

Leider nahm das Haus meines Onkels alsbald das Aussehen einer Arche Noah an, und das ging auf folgende Weise vor sich.

Zur selben Zeit, als mein Onkel das Gut erbte und seinen Abschied nahm, geschah es, daß seine Mutter, die Generalin Krachotkina, ihren zweiten Mann verlor. Sie hatte nämlich zum zweitenmal geheiratet – vor etwa sechzehn, siebzehn Jahren, als mein Onkel noch als Fähnrich in seinem Regiment stand, sich aber nichtsdestoweniger auch seinerseits bereits mit Heiratsgedanken trug. Seine „Mama“ hatte ihm damals lange ihren Segen zur Heirat vorenthalten, dafür aber mit bitteren Tränen nicht gekargt, ihm Eigennutz vorgeworfen, Undankbarkeit, Unehrerbietung ... Sie hatte ihm nachgewiesen, daß heißt, mehrfach auseinandergesetzt, daß seine Einkünfte – er besaß zweihundertundfünfzig Seelen – nicht einmal zum Unterhalt seiner „Familie“ ausreichten (zum Unterhalt seiner „Mama“ nämlich, mit deren ganzem Stabe von guten Freundinnen, die unentgeltlich bei ihr lebten, ihren Möpsen, Spitzen, chinesischen Katzen und ähnlichem Gezeug in Mengen), bis sie dann plötzlich, inmitten dieser Vorwürfe, Auseinandersetzungen und Tränen, ganz unerwartet, noch bevor der Sohn dazu gekommen war, selbst heiratete, – obgleich sie nicht weniger als zweiundvierzig Jahre zählte. Übrigens fand sie auch hierfür eine Erklärung, die selbstredend die Schuld meinem armen Onkel in die Schuhe schob: sie versicherte unter Tränen, daß sie einzig aus dem Grunde heirate, um in ihren alten Tagen eine Unterkunft zu haben; denn ihr unehrerbietiger, selbstsüchtiger Herr Sohn wolle sie ja für künftighin ihres Obdaches berauben, jetzt, da er die unverzeihliche „Eigenmächtigkeit“ habe, sich einen „eigenen Hausstand“ zu gründen.

Leider habe ich nie in Erfahrung bringen können, welcher entscheidende Grund einen anscheinend so vernünftigen Menschen wie den General Krachotkin zu dieser Heirat mit der zweiundvierzigjährigen Witwe bewogen hatte. So muß ich denn als einzige Wahrscheinlichkeit annehmen, daß er sie wohl für reich gehalten haben wird. Manche Leute meinten zwar, er hätte einfach einer Wärterin bedurft, da er schon damals jenen Schwarm von Krankheiten vorausgeahnt habe, der sich dann im Alter auch richtig auf ihn niederließ. Sicher ist nur eines: daß der General seine Frau während der ganzen Zeit seines Zusammenlebens mit ihr nichts weniger als geachtet oder gar geliebt, sondern sich bei jeder Gelegenheit mit beißendem Spott über sie lustig gemacht hat.

Er war ein eigentümlicher Mensch: war halbgebildet und durchaus nicht dumm, aber er verachtete entschieden alle und jeden, befolgte keinerlei Regeln, spottete über sämtliche Lebenserscheinungen, angefangen beim Menschen und so weiter bis ins Endlose, und wurde in seinen alten Tagen unter dem Einfluß all seiner Krankheiten – die eine gerechte Folge seines nicht ganz gerechten oder rechtschaffenen Lebens waren – böse, boshaft, reizbar und unbarmherzig. Im Dienst hatte er Glück gehabt; aber zu guter Letzt war er doch gezwungen gewesen, wegen irgendeiner „unangenehmen Geschichte“ etwas plötzlich seinen Abschied zu nehmen, wobei er nur mit genauer Not dem entging, daß man ihn vor ein Kriegsgericht stellte und um seine Pension brachte. Dieser Abschied erbitterte ihn endgültig. Und so legte er denn, fast mittellos, nur im Besitze eines Hunderts im Elend lebender Leibeigener, die Hände in den Schoß und erkundigte sich hinfort bis an das Ende seiner Tage, das noch zwölf Jahre auf sich warten ließ, kein einziges Mal weder nach den Kosten seines Unterhalts, noch danach, wer sie für ihn bestritt. Indessen schränkte er sich nicht im mindesten ein, hielt eine Equipage, Pferde und einen Kutscher und verlangte nach wie vor alle Lebensbequemlichkeiten. Bald darauf ward er noch des Gebrauches seiner Beine beraubt und saß zehn Jahre lang in einem triumphstuhlartigen Fauteuil, der, sobald er es nur wünschte, von zwei dazu bestimmten Dienern geschaukelt wurde, wofür diese ausschließlich die verschiedenartigsten Schimpfwörter von ihm zu hören bekamen. Die Equipage, die Pferde und den kostspieligen Fauteuil bezahlte sämtlich der unehrerbietige Herr Stiefsohn, der seiner Mutter das Letzte schickte, sein Gut doppelt und dreifach belastete, sich selbst das Notwendigste versagte und Schulden über Schulden auf sein armes Haupt lud, die er bei seinem damaligen Besitzstand nie zu tilgen vermocht hätte. Nichtsdestoweniger verblieb ihm unwandelbar die Bezeichnung des „Egoisten“ und „undankbaren Sohnes“. Mein Onkel war aber von Natur so veranlagt, daß er schließlich selbst glaubte, ein „Egoist“ zu sein, und so schickte er, erstens um sich dafür zu strafen, und zweitens, um sich den „Egoismus“ abzugewöhnen, immer noch mehr Geld. Die Generalin dagegen war vor ihrem zweiten Gatten die Andacht selbst. Wahrscheinlich gefiel ihr an ihm vor allem dies, daß der General und sie folglich Generalin war.

Im Hause bewohnte er die eine, sie die andere Hälfte. Und in dieser anderen Hälfte gedieh sie während der ganzen Zeit des halblebendigen Lebens ihres Mannes im Kreise von ihren daselbst wohnenden Freundinnen, Möpsen und den zum Kaffee sich einfindenden Stadthistorikerinnen. Sie war eine wichtige Persönlichkeit in ihrem Städtchen. Der Klatsch, die ergebensten Bitten, Kinder aus der Taufe zu heben, sowie die geliebte Kopekenpatience entschädigten sie vollauf für ihre häuslichen Unannehmlichkeiten. Alle Stadtelstern erschienen bei ihr mit ausgearbeiteten Berichten, ihr wurde überall der erste Platz eingeräumt, – mit einem Wort, sie wußte aus ihrem Generalstitel alles herauszuschlagen, was daraus nur herauszuschlagen war. Der General kümmerte sich um so etwas nicht. Dafür aber verspottete er seine Frau, und zwar mit Vorliebe in Gegenwart Fremder, fragte zum Beispiel ungeniert, weshalb er eigentlich „ein solches Weibsbild“ geheiratet habe – und niemand durfte dagegen Einspruch erheben. Mit der Zeit zogen sich alle Bekannten von ihm zurück, während gerade er ohne Gesellschaft nicht auskommen konnte: denn er wollte erzählen, schwatzen, streiten; kurz, er wollte, daß beständig ein Zuhörer vor ihm saß. Er war ein Freigeist und Atheist vom alten Schlage, und daher philosophierte er gern über höhere Dinge. Zum Unglück waren aber die Zuhörer des Städtchens nicht sehr begeistert für höhere Dinge, und so kamen sie immer seltener zu ihm. Dann versuchte man es mit einem Whist- oder Préférenceabend, aber auch daraus wurde nichts: das Spiel endete für den General gewöhnlich mit solchen Wutanfällen, daß die Generalin und ihr ganzer Stab von Freundinnen vor lauter Entsetzen vor den Heiligen Wachskerzen anzündeten, Messen lesen ließen, sich mit weißen Bohnen und französischen Karten im Wahrsagen übten, barmherzige Semmeln im Gefängnis austeilten und mit Hangen und Bangen der Stunde entgegensahen, in der sie wieder eine Partie Whist oder Préférence zustande bringen mußten, um für das geringste Versehen abermals Geschrei, Geschimpfe und fast sogar Prügel zum Dank zu erhalten. Wenn dem General etwas mißfiel, so tat er sich vor keinem einzigen Menschen Zwang an: er kreischte dann wie ein altes Weib, schimpfte wie ein Droschkenkutscher; zuweilen aber, wenn er alle seine Partner zum Teufel gejagt, die Karten zerrissen und ihnen an den Kopf geworfen hatte, weinte er vor Verdruß und Wut, was alles nur wegen eines armen Buben geschah, den man statt einer Neun ausgespielt hatte. Schließlich, als seine Sehkraft immer mehr abnahm, bedurfte er eines Vorlesers. Und da erschien denn Foma Fomitsch Opiskin!

Ich muß gestehen, daß ich mich mit einer gewissen Feierlichkeit anschicke, von dieser neuen Persönlichkeit zu berichten – einer der wichtigsten meiner Erzählung. Inwieweit er ein Recht auf die Aufmerksamkeit des Lesers hat, will ich nicht im voraus zu erklären versuchen; darüber zu entscheiden steht vielmehr weiterhin dem Leser selbst zu.

Als Foma Fomitsch sein Amt beim General Krachotkin antrat, erhielt er lediglich freie Kost – nichts mehr und nichts weniger. Woher er kam – ist unbekannt. Ich habe mich vergeblich bemüht, etwas Genaueres über das früheres Leben dieses merkwürdigen Menschen in Erfahrung zu bringen. Es hieß, daß er irgendeinmal irgendwo Beamter gewesen sei, daß man ihm dann ein „Unrecht“ getan und er – selbstverständlich! – „um der Wahrheit willen“ zum Märtyrer geworden sei. Auch verlautete von anderer Seite, daß er sich einmal in Moskau mit Literatur abgegeben habe, was ja weiter nicht erstaunlich gewesen wäre; die geradezu schmutzige Unwissenheit Foma Fomitschs konnte für seine literarische Laufbahn gewiß nicht als Hindernis in Frage kommen. Glaubwürdig ist jedoch fraglos nur das eine: daß er es in keinem Fach sehr weit gebracht hatte und schließlich gezwungen gewesen war, als Vorleser in den Dienst des Generals zu treten.

Es gibt keine Erniedrigung, die Foma nicht für einen satten Magen in den Kauf genommen hätte. Freilich versicherte er uns nach dem Tode seines Peinigers, als er plötzlich und ganz unerwartet zu einer wichtigen, überaus einflußreichen Person wurde, daß er sich mit seiner Bereitwilligkeit, den Narren zu spielen, nur großmütig dem Freunde, der Freundschaft geopfert habe, daß der General sein Wohltäter und ein großer, doch leider unverstandener Mann gewesen sei und nur ihm, Foma, die tiefsten Tiefen seiner Seele vertrauensvoll erschlossen habe, und wenn er, Foma, auf den Wunsch des Generals die verschiedensten Tiere nachgeahmt und lebende Bilder gestellt, so sei dieses von ihm aus einzig und allein zur Zerstreuung und Erheiterung des von Krankheiten aller Art heimgesuchten Dulders und Freundes geschehen. Nichtsdestoweniger sind die Versicherungen und nachträglichen Erklärungen Foma Fomitschs bezüglich jenes Sachverhaltes unbedingtem Zweifel unterworfen. Doch wie dem auch sei, jedenfalls spielte Foma Fomitsch bereits während seines Narrendienstes eine durchaus andere Rolle in der Damenabteilung des Hauses der Generalin. Wie er das fertiggebracht hat, kann sich jemand, der in solchen Dingen nicht Spezialist ist, schwer vorstellen. Die Generalin hegte für ihn eine gerader mystische Hochachtung, – aus welchem Grunde sie sie hegte, vermag ich nicht zu sagen. Mit der Zeit gewann er über alles Weibliche im Hause eine erstaunliche Macht, die in etwas an die Macht gewisser Iwan Jakowlewitschs erinnerte, oder ähnlich benannter Weisen und Propheten, die in Irrenhäusern von Damen, die für dergleichen empfänglich sind, besucht zu werden pflegen. Er las ihnen aus seelenrettenden Büchern vor, erklärte ihnen mit beredten Tränen den tieferen Sinn verschiedener christlicher Tugenden, schilderte auch sein eigenes Leben und seine Heldentaten, ging zum Gottesdienst (und sogar zum Frühgottesdienst), sagte außerdem die Zukunft voraus, verstand mit ganz besonderem Talent Träume zu deuten und meisterhaft den Nächsten zu verdammen. Der General ahnte bald, was in der anderen Hälfte seines Hauses geschah, und tyrannisierte seinen Krippenreiter noch erbarmungsloser. Doch siehe, das Martyrium Foma Fomitschs verlieh diesem in den Augen der Generalin und ihrer ganzen Suite eine um so glänzendere Aureole, an die sich natürlich entsprechend gesteigerte Hochachtung knüpfte.

Da starb der General, und die Situation änderte sich. Seine Sterbestunde soll übrigens ziemlich originell gewesen sein. Dem ehemaligen Freigeist und Atheisten war bis zur Unglaublichkeit bange geworden. Er weinte, bereute, küßte Heiligenbilder, rief Geistliche herbei, ließ Messen lesen und alle für sich beten; dazwischen schrie der arme Teufel, daß er nicht sterben wolle, und bat Foma Fomitsch unter Tränen um Verzeihung, was diesem in der Folge sehr zustatten kam. Doch kurz bevor sich die Seele des Generals von seinem Körper trennte, geschah noch folgendes: Die Tochter der Generalin, meine Tante Praskowja Iljinitschna, die unverheiratet im Hause ihrer Mutter lebte – eines der liebsten Opfer des Generals, da sie ihm während seiner zehnjährigen Beinlosigkeit zur beständigen Bedienung unentbehrlich war und ihm wegen ihrer Einfachheit und stummen Güte gefiel, – trat nun an sein Lager, bittere Tränen vergießend, um das Kopfkissen des armen Sterbenden zu rücken. Da aber packte sie der „arme Sterbende“ an den Haaren, und es gelang ihm noch, sie ungefähr dreimal, fast knirschend vor Wut, mit aller und letzter Kraft hin und her zu reißen. Nach zehn Minuten war er tot. Der Oberst, mein Onkel, wurde sofort von seinem Hinscheiden benachrichtigt, obgleich die Generalin hundertmal gesagt hatte, daß sie eher gleichfalls sterben werde, als daß der Sohn ihr in einer solchen Stunde vor die Augen kommen sollte. Die Beerdigung war großartig – selbstverständlich auf Kosten des unehrerbietigen Sohnes, der, nebenbei bemerkt, auch dann sich nicht unterstehen durfte, das Haus seiner Mutter zu betreten.

Auf dem verschuldeten Gut Knjäsewka, das mehreren Herren gemeinsam gehörte, und auf dem auch die hundert Leibeigenen des Generals lebten, steht jetzt ein Mausoleum aus weißem Marmor, besät mit Inschriften, die alle dem hohen Verstande, den mannigfachen Talenten, der Herzensgüte, dem Seelenadel und den trefflichen militärischen Eigenschaften des Entschlafenen das höchste Lob spenden. Bei der Zusammenstellung dieser Inschriften hat Foma Fomitsch stark mitgewirkt. Es dauerte lange, bis die Generalin ihrem unehrerbietigen Sohne Verzeihung gewährte. Schluchzend beteuerte sie, umringt von ihrem ganzen Gefolge, einschließlich der Möpse und Katzen, daß sie lieber trockenes Brot essen – welches sie natürlich mit ihren Tränen anfeuchten würde – oder mit einem Krückstock betteln gehen wolle, als daß sie der Bitte ihres „ungehorsamen“ Sohnes nachgäbe und zu ihm nach Stepantschikowo übersiedelte.

„Niemals, niemals werde ich meinen Fuß über seine Schwelle setzen!“ rief sie erregt aus, wobei das Wort „mein Fuß“, in dieser Verbindung gebraucht, ungewöhnlich effektvoll herausgebracht wurde. Sie sprach es wirklich meisterhaft, geradezu künstlerisch aus. Kurz, Reden wurden von ihr in unglaublichem Überfluß vergeudet. Nur muß ich hier bemerken, daß gleichzeitig mit diesen Versicherungen bereits die Koffer zur Übersiedelung nach Stepantschikowo gepackt wurden – allerdings heimlich.

Inzwischen jagte der Oberst alle seine Pferde zuschanden, da er täglich von seinem Gute in die vierzig Werst entfernte Stadt gefahren kam, bis er dann endlich, vierzehn Tage nach der Beerdigung des Generals, die Erlaubnis erhielt, bei seiner tiefgekränkten Frau Mutter zu erscheinen. Foma Fomitsch war in dieser Zeit als Unterhändler benutzt worden. Zwei Wochen lang warf er dem Ungehorsamen sein „unmenschliches“ Verhalten zur Mutter vor, brachte den Armen zu aufrichtigen Tränen und fast zur Verzweiflung. Von diesen Tagen an datiert der unbegreifliche, unmenschlich despotische Einfluß Foma Fomitschs auf meinen armen Onkel. Foma erriet sofort, was für einen Menschen er vor sich hatte und – daß seine Narrenrolle zu seinem Glück zu Ende gespielt war, folglich aber auch er, Foma, so etwas wie „Herr“ sein konnte. Und so entschädigte er sich denn.

„Wie würde Ihnen zumute sein,“ fragte Foma, „wenn Ihre leibliche Mutter, sozusagen die Urheberin Ihrer Tage, einen Krückstock nähme und, mit ihren zitternden, von Hunger abgemagerten Händen sich auf ihn stützend, tatsächlich betteln ginge? Wäre das nicht ungeheuerlich, erstens bei ihrem Rang als Generalin, und zweitens bei ihren Tugenden? Was würden Sie empfinden, wenn sie eines Tages unter den Fenstern Ihres Hauses erschiene (was natürlich nur aus Versehen geschehen könnte, aber es wäre doch immerhin möglich), und wenn sie ihre Hand um ein Almosen bittend ausstreckte, während Sie, ihr Sohn, gerade irgendwo in einem Daunenbett versinken und ... nun, in Luxus, kurz gesagt, schwelgen? ... So etwas wäre doch entsetzlich, ganz entsetzlich! Am entsetzlichsten ist aber – gestatten Sie, Oberst, daß ich Ihnen das ganz offen sage – ja, am entsetzlichsten hierbei ist, daß Sie jetzt wie ein gänzlich gefühlloser Pfosten vor mir stehen, den Mund halb aufsperren und nur die Augenlider von Zeit zu Zeit zusammenklappen, was gewissermaßen sogar unhöflich ist, während Sie bei dem bloßen Gedanken an eine solche Möglichkeit sich die Haare Ihres Hauptes mit der Wurzel ausraufen und Ihren Augen Ströme ... was sage ich! – Flüsse, Seen, Meere, Ozeane von Tränen entfließen müßten!“

Der übliche Ausgang seiner Reden war, daß er vor lauter Hingerissensein sich fortreißen ließ und die Übersicht über die Tragweite der eigenen Worte verlor.

So kam es denn, daß die Generalin samt ihrem ganzen Stabe – alles Vierbeinige inbegriffen – samt Foma Fomitsch und Fräulein Perepelizyna, ihrer größten Busenfreundin, endlich das Herrenhaus von Stepantschikowo mit ihrer Ankunft beglückte. Sie erklärte, daß sie vorläufig nur versuchen wolle, bei ihrem Sohn zu leben, und gleichzeitig käme sie, um seinen Gehorsam zu prüfen. Man kann sich wohl die Lage des Obersten in dieser Zeit der „Prüfung seines Gehorsams“ ungefähr vorstellen! Anfangs hielt es die Generalin, als jüngst verwitwete Frau, für ihre Pflicht, etwa zwei- oder dreimal wöchentlich in der Erinnerung an ihren unwiederbringlich verlorenen Gatten, in Verzweiflung zu geraten; und diese Verzweiflung hatte die Eigentümlichkeit, sich alsbald aus unbekannten Gründen in einem Gewitter über dem Haupte des armen Obersten zu entladen. Zuweilen, vornehmlich wenn Besuch zugegen war, rief sie ihre beiden Enkelkinder zu sich, den kleinen Iljuscha und die fünfzehnjährige Ssaschenjka, hieß sie sich ihr gegenüber hinsetzen, sah sie lange, lange, mit traurigem, kummervollem Blick an, eben wie Kinder, die bei einem „solchen Vater“ dem Untergang geweiht sind, seufzte tief und schwer und brach in wortlose, geheimnisvolle, weil unerklärliche Tränen aus, die dann mindestens eine geschlagene Stunde unaufhaltsam flossen. Wehe dem Obersten, wenn er diese Tränen nicht zu begreifen verstand! Er aber, der Arme, verstand nie, sie zu begreifen, geriet vielmehr in seiner Naivität wie mit Absicht gerade zu diesen gefährlichen Stunden in ihren Gesichtskreis und mußte daher, ob er wollte oder nicht, eine neue Prüfung bestehen. Nichtsdestoweniger verringerte sich seine Ehrerbietung nicht – im Gegenteil, sie wuchs noch ... bis sie schließlich die äußersten Grenzen erreichte. Die Generalin und Foma Fomitsch fühlten nun beide, daß das Gewitter, welches so lange Jahre in der Gestalt des Generals Krachotkin in unwandelbarer Beständigkeit über ihren Häuptern geschwebt hatte, endlich vorübergezogen war und nie mehr wiederkehren werde. Zuweilen kam es auch vor, daß die Generalin mir nichts dir nichts auf das Sofa sank und – „in Ohnmacht fiel“: alles lief dann und schrie, der Oberst war aufs äußerste erschrocken und zitterte wie ein Espenblatt.

„Du grausamer Sohn!“ kreischte dann die Generalin los, kaum daß sie das Bewußtsein wiedererlangt hatte, „du hast mich zerrissen, – oui, moi, ta mère, ta mère!“

„Ja aber – wann habe ich Sie denn zerrissen, Mama?“

„Das hast du, das hast du! Mich zerrissen hast du! Jetzt will er sich noch rechtfertigen! Er wird noch unehrerbietig! O du grausamer, unbarmherziger Sohn! Oh, ich sterbe!“

Der Oberst aber war zerknirscht.

Nur weiß ich nicht, wie es kam, daß die Generalin es mit dem Sterben nie wörtlich nahm.

Nach einer halben Stunde erklärte der Oberst wohl einem seiner „Hausgäste“, ihn am Rockknopf festhaltend, die Sache auf folgende Weise:

„Nun, ja, sie ist doch, Freund, Grandedame, Generalin! – das mußt du nicht vergessen. Sonst ist sie ja eine herzensgute, alte Frau, nur ist sie, weißt du, an diesen höheren Ton gewöhnt ... nun, und ich Tölpel verstehe eben so etwas nicht. Jetzt ärgert sie sich über mich. Es ist ja wahr, ich bin schuldig ... obschon mir, offen gestanden, immer noch nicht so recht klar ist, was ich denn eigentlich verschuldet habe, aber es wird wohl so sein, selbstverständlich! ...“

Mitunter glaubte sich in solchen Fällen wohl auch Fräulein Perepelizyna verpflichtet, ihm deswegen eine Moralpredigt zu halten. Sie war ein etwas überreifes Fräulein, ohne Augenbrauen, mit falschem Haar, kleinen, stechenden Äuglein, mit Lippen, die wie Bindfaden so schmal waren, und mit Händen, die sie in gesalzenem Gurkenwasser wusch.

„Das kommt daher, daß Sie unehrerbietig sind, und weil Sie egoistisch sind, weil Sie Ihre Frau Mutter kränken, Ihre Frau Mutter aber an eine solche Behandlung nicht gewöhnt ist ... denn sie ist doch Generalin ... Sie aber sind nur erst Oberst.“

„Nein, weißt du, Freund,“ sagte dann wohl der Oberst zu seinem Zuhörer, „Fräulein Perepelizyna ist doch im Grunde ein vorzügliches Mädchen, sie steht wie ein Mann für meine Mutter ein! Wirklich ein seltenes Mädchen! Glaub’ nur nicht, daß sie irgend so eine aus Gnade und Barmherzigkeit ernährte Klatschbase sei! Bewahre! Sie ist selbst die Tochter eines Majors. Tatsache!“

Doch das sind vorläufig nur so einige Beispiele. Dieselbe Generalin aber, die so verschiedenartige Anfälle bekam, zitterte ihrerseits wie eine Maus vor dem ehemaligen Narren ihres Gatten. Foma Fomitsch besaß förmlich Zaubermacht über diese Dame. Sie wagte nicht zu mucken, wenn er etwas befahl; sie hörte nur mit seinen Ohren, sah nur mit seinen Augen. Einer meiner Vettern zweiten Grades, gleichfalls ein Husarenoffizier a. D., ein noch junger Mensch, der aber nichtsdestoweniger sein ganzes Vermögen bereits doppelt durchgebracht hatte und sich seit einiger Zeit bei meinem Onkel aufhielt, erklärte mir kurz und bündig, ohne den geringsten Zweifel aufkommen zu lassen, daß die Generalin nach seiner felsenfesten Überzeugung in „unerlaubten Beziehungen“ zu Foma Fomitsch stünde. Ich ließ jedoch diese Deutung selbstverständlich nicht gelten. Nein, hier handelte es sich um etwas ganz anderes, viel Feineres – doch bleibt mir zur Erklärung dieses anderen nur eines übrig: den Charakter Foma Fomitschs so zu erklären, wie ich ihn mit der Zeit selbst beurteilen lernte.

Man denke sich einen der niedrigsten, kleinmütigsten Menschen, einen Auswurf der Gesellschaft, für den niemand eine Verwendung hat, einen vollkommen nutzlosen, erbärmlichen Wicht, der aber grenzenlos eitel, selbstgefällig und eigennützig ist und zum Überfluß von der Natur entschieden nichts erhalten hat, wodurch er auch nur annähernd eine solche krankhaft überspannte Eigenliebe und Eigensucht rechtfertigen könnte. Ich will hier eines gleich vorausschicken: Foma Fomitsch ist die Verkörperung jener ganz besonderen schrankenlosen Eigenliebe, die sich nur bei der größten Nichtigkeit entwickelt. Wie gewöhnlich in solchen Fällen, scheint diese Eigenliebe ständig beleidigt und durch frühere schwere Mißerfolge gezüchtet zu sein. Sie gärt seit vielen, vielen Jahren, Jahrzehnten, und zeugt nur noch Neid, Gift und Galle, gleichviel, ob es sich um einen fremden Erfolg handelt oder bloß um eine neue Bekanntschaft. Es ist vielleicht überflüssig, noch hinzuzufügen, daß dieser ganze Charakter von einer nahezu schändlichen unverschämten Empfindlichkeit, dem verrücktesten Argwohn und Mißtrauen beherrscht wird. Vielleicht wird man fragen: Woraus ist denn diese Eigenliebe entstanden? Wie kann sie bei einer so offenkundigen Wertlosigkeit des ganzen Menschen entstehen, bei einem so nichtigen Menschen, der doch allein seiner sozialen Stellung nach den ihm in Wirklichkeit zukommenden Platz kennen müßte? – Was soll man auf solche Fragen antworten? Vielleicht gibt es Ausnahmen, zu denen dann auch mein Held gehört; denn daß er eine Ausnahme von der Regel war, unterliegt keinem Zweifel, was sich bei näherer Bekanntschaft sonnenklar zeigen wird. Einstweilen erlaube man mir eine Gegenfrage: Sind Sie denn wirklich überzeugt, daß diese Menschen, die sich ganz und gar ergeben haben, die darin ihr Glück sehen und es sich zur Ehre anrechnen, daß sie jemandes Hausnarr und Gnadenbrotschlucker sein können – sind Sie wirklich überzeugt, daß diese Kreaturen sich von jedem Selbstgefühl, von jeder Eigenliebe losgesagt haben? Aber der Neid, der Klatsch, die Verleumdungen, die Ohrenbläserei und das geheimnisvolle Gezischel in den Winkeln Ihres eigenen Hauses, hinter Ihrem Rücken, oder die Seitenstiche an Ihrem eigenen Tisch?? Wer weiß, ob in einigen dieser vom Schicksal erniedrigten Gnadenbrotessern, Ihren Narren und Speichelleckern, die natürliche Eigenliebe durch die Erniedrigung nicht etwa vermindert oder erstickt, sondern gerade durch diese Erniedrigung, durch die Narrenrolle und die ewig erzwungene Unterwürfigkeit und Persönlichkeitslosigkeit noch zu einer weit größeren Eigenliebe aufgeschraubt wird? Wer weiß, vielleicht ist diese ins Ungeheuerliche entwickelte Eigenliebe nur ein falsches, entstelltes Empfinden der eigenen Menschenwürde, die zum erstenmal vielleicht schon in der Kindheit durch fremdes Joch, Armut, Schmutz oder Verachtung mit Füßen getreten worden ist. Oder vielleicht hat der Betreffende als kleines Kind seine Eltern so behandelt gesehen? Doch ich habe gesagt, daß Foma Fomitsch außerdem noch eine Ausnahme darstellte – er war in der Tat ein ganz besonderer Fall. Er hatte sich einmal für einen Literaten gehalten, war aber von den anderen nicht anerkannt und folglich zurückgesetzt, gekränkt, beleidigt worden. Die Literatur aber – d. h. jene, die er natürlich nicht anerkannte – kann sich wegen eines Foma Fomitsch nicht selbst aufgeben! Ich weiß es zwar nicht genau, aber es ist doch anzunehmen, daß Foma Fomitsch auch vor seinen literarischen Versuchen nicht gerade vom Erfolg verwöhnt worden war; vielleicht hatte er auch in jeder anderen von ihm versuchten Tätigkeit nur Nasenstüber anstatt einer Belohnung erhalten – oder vielleicht noch Schlimmeres. Doch darüber läßt sich nichts Genaues feststellen; erfahren habe ich nur nach vielfachen Erkundigungen, daß Foma Fomitsch in Moskau tatsächlich einmal einen kleinen Roman geschrieben hat, äußerst ähnlich jenen Werken der dreißiger Jahre, von denen jährlich ein Dutzend erschienen, in der Art der „Befreiungen Moskaus“ oder der „Söhne der Liebe oder der Russen im Jahre 1104“. Das war allerdings vor langer Zeit, aber der Schlangenbiß des literarischen Ehrgeizes verwundet oft tief und unheilbar, was namentlich von nichtigen und dummen Leuten gilt. Foma Fomitsch war sogleich nach seinem ersten literarischen Versuch, wie wir annehmen müssen, in seinem Ehrgeiz getroffen, und so schloß er sich ohne weiteres endgültig jener unzählbaren Schar der Zurückgesetzten an, aus der dann später alle diese Sonderlinge, Hampelmänner und gesellschaftlichen Vagabunden hervorgehen. Zu derselben Zeit begann, wie ich glaube, auch diese unglaubliche Prahlsucht sich in ihm zu entwickeln, dieses gierige Bedürfnis nach Lob und Auszeichnungen, Verehrung und Bewunderung. Selbst als Narr hatte er sich einen Kreis ihn andächtig anstaunender Idioten zu schaffen gewußt. Sein einziges Verlangen war: stets den Vorrang zu haben, sich zeigen zu können, gelobt zu werden. Lobten ihn die anderen nicht, so lobte er sich selbst. Ich habe seine Reden im Hause meines Onkels in Stepantschikowo, nachdem er dort unumschränkter Herrscher geworden war, selbst gehört. „Ich gehöre nicht in Ihren Kreis,“ pflegte er oft genug mit einer gewissen geheimnisvollen Feierlichkeit zu sagen.

„Ja, ich gehöre nicht hierher in Ihren Kreis! Ich werde wirken, werde Sie hier zuerst alle unterbringen und Ihr Leben einrichten, Sie zu leben lehren, dann aber – lebt wohl! Dann geht’s nach Moskau, und dort werde ich eine Zeitschrift herausgeben. Dreißigtausend Menschen werden sich monatlich zu ihrer Lektüre zusammenfinden. Ja, dann wird mein Name klingen ... und dann – wehe meinen Feinden!“

Inzwischen aber forderte das Genie die Belohnung im voraus. Es ist ja im allgemeinen sehr angenehm, im voraus belohnt zu werden, um wieviel mehr aber ist es das in einem solchen Fall. Wie ich genau weiß, hat er meinem Onkel in allem Ernst versichert, daß ihm eine große Tat bevorstehe, eine Tat, zu der er allein berufen und geboren sei, und zu deren Vollbringung ihn ein geflügeltes Wesen von Menschenart, das in der Nacht bei ihm erscheine, zwinge. Und diese Tat sei: ein tiefsinniges, die Seelen der Menschen errettendes Werk zu schreiben, von dem „ein allgemeines Erdbeben ausgehen“ und das „ganz Rußland erzittern machen“ werde. Doch wenn dann sein Name in aller Mund sei, dann werde er, Foma, den Ruhm und die Ehre verachtend, sich ins Kijewsche Höhlenkloster zurückziehen, um dort unter der Erde Tag und Nacht für das Glück des Vaterlandes zu beten ... So etwas aber rührte meinen Onkel.

Jetzt stelle man sich vor, zu was sich dieser Foma entwickeln konnte, dieser selbe Foma, der sein ganzes Leben lang geknechtet und vielleicht sogar tatsächlich geprügelt worden war, dieser selbe Foma, der im geheimen so genußgierig und so eigenliebig war wie kein zweiter, Foma, der enttäuschte, erbitterte Literat, Foma, der für das tägliche Brot den Narren gespielt, Foma, der im Grunde seiner Seele der größte Despot war, ungeachtet seiner ganzen vorhergehenden Niedrigkeit und Bedeutungslosigkeit, Foma, der Prahlhans und unverschämte Frechling (sobald er nur Gelegenheit hatte, es zu sein), dieser selbe Foma, der dann plötzlich zu Ruhm und Ehre gelangte, verhätschelt und gelobt und in den Himmel gehoben wurde, dank einer törichten, kindisch-dummen Beschützerin und einem ahnungslosen, von vornherein mit allem einverstandenen Beschützer, in dessen Hause er sich endlich nach langen Irrfahrten zur Ruhe setzen konnte! Freilich muß ich auch den Charakter meines Onkels eingehender erklären; denn sonst würde der Erfolg Foma Fomitschs immerhin nicht ganz verständlich sein. Auf Foma paßte vorzüglich das Sprichwort: läßt du den Ziegenbock in die Kirche hinein, so steigt er sofort auf die Kanzel. Ja, Foma verstand es wahrlich, sich für das Vergangene zu entschädigen! Ein niedriger Charakter wird, sobald er von seinem Bedrücker befreit ist, sofort andere bedrücken. Foma nun war tyrannisiert worden – und er empfand sofort das Bedürfnis, jetzt selbst zu tyrannisieren; man hatte ihn zum besten gehabt, – folglich wollte auch er jetzt andere zum besten haben; er war Narr gewesen, nun mußte auch er unbedingt Narren haben. Er prahlte bis zur Verrücktheit, war herrschsüchtig bis zur Unmenschlichkeit, war anspruchsvoll ohne jedes Maß, verlangte womöglich Vogelmilch – so daß Leute, die von ihm nur erzählen hörten, ihn aber nicht persönlich kannten, diese Geschichten aus Stepantschikowo für Märchen hielten oder für des Teufels Machwerk, sich bekreuzten und ausspien.

Ich sagte vorhin, daß ohne eine Erklärung des bemerkenswerten Charakters meines Onkels diese freche Herrschaft Foma Fomitschs in einem fremden Hause unbegreiflich erscheinen müsse, unbegreiflich diese Metamorphose aus einem Narren in eine große Persönlichkeit. Mein Onkel war nicht nur unsäglich gut, sondern trotz seiner ganzen militärischen Erscheinung auch ein selten zartfühlender Mensch, ein überaus edler, männlicher Charakter. Ich sage mit Absicht „männlich“ und betone dieses Wort. Wenn es für ihn hieß, eine Pflicht zu erfüllen, dann kannte er nie ein Hindernis, dann schrak er vor nichts zurück. Seine Seele war rein wie die eines Kindes. Man konnte ihn wirklich ein fast vierzigjähriges Kind nennen. Er war äußerst mitteilsam, stets heiter gestimmt, sah in jedem Menschen einen Engel, hielt alle fremden Mängel nur für Folgen seiner eigenen Fehler, vergrößerte die guten Eigenschaften der anderen unendlich und sah solche sogar dort, wo sie überhaupt nicht vorhanden sein konnten. Er war einer jener durch und durch edlen Menschen, die so keuschen Herzens sind, daß sie sich geradezu schämen, in einem anderen Menschen etwas Schlechtes zu vermuten, ja, daß sie sich beeilen, ihre Nächsten mit allen Tugenden auszuschmücken; einer jener Menschen, die sich über jeden Erfolg anderer freuen, auf diese Weise beständig in einer idealen Welt leben und bei einem Unglück immer sich zuerst, sich ganz allein beschuldigen. Sich selbst den Interessen anderer zu opfern, scheint ihre Lebensaufgabe zu sein. Manch einer hätte meinen Onkel vielleicht sogar kleinmütig, charakterlos, schwach genannt. Allerdings war er schwach bei seinem gar zu weichen Herzen; nur war er es nicht aus Mangel an Charakterfestigkeit, sondern aus Furcht, zu kränken, grausam zu sein, oder aus gar zu großer Hochachtung vor anderen – vor dem Menschen überhaupt. Und übrigens war er nur dann schwach und kleinmütig, wenn es sich um seine eigenen Interessen handelte, die er immer hintansetzte, wofür er sich sein Leben lang dem Gespött der Menschen aussetzte, und nicht selten dem Gespött gerade derjenigen, für die er sich opferte. Niemals hätte er geglaubt, daß er Feinde haben könnte, und dennoch hatte er sie – nur bemerkte er sie nicht. Zwist und Geschrei im Hause fürchtete er mehr als Feuer, und so gab er allen in allem sofort nach und ergab und beschied sich stets. Er tat es aus einer gewissen schüchternen Gutmütigkeit heraus, aus einem fast zärtlichen Zartgefühl, – „damit, weißt du,“ sagte er schnell, gewissermaßen, um sich gegen etwaige Vorwürfe zu verteidigen, – „damit, weißt du ... nun, damit alle zufrieden und glücklich sind!“ Es versteht sich von selbst, daß er jedem edlen Einfluß zugänglich war; ja, ein gewandter Spitzbube hätte sich seiner vollkommen bemächtigen und ihn sogar zu einer schlechten Tat verleiten können, d. h. wenn er diese schlechte Tat als edel hingestellt hätte. Mein Onkel ließ sich leicht von anderen lenken, besonders wenn er dem Betreffenden einmal sein ganzes Vertrauen geschenkt hatte; in dieser Beziehung war er also durchaus nicht fehlerfrei. Wenn er sich aber dann nach lange gezahltem schmerzlichen Lehrgeld endlich entschloß, daran zu glauben, daß der ihn Betrügende ein unehrlicher Mensch war, so beschuldigte er vor allen anderen sich selbst, und nicht selten nur sich allein. Nun denke man sich in seinem stillen Hause diese plötzlich die Herrschaft an sich reißende, launenhafte, verschrobene Idiotin von Mutter, zusammen mit einem anderen Idioten – ihrem Abgott –, eine Idiotin, die bis dahin nur ihren General gefürchtet hatte, jetzt aber nichts mehr fürchtete und sogar das Bedürfnis empfand, sich für die schlechten Lebensjahre zu entschädigen – eine Idiotin, der der Oberst frommen Gehorsam schuldig zu sein glaubte, und zwar einzig aus dem Grunde, weil sie seine Mutter war.

Man begann damit, daß man dem Oberst bewies, daß er ein roher Mensch sei, unduldsam, unwissend und vor allen Dingen ein „Egoist ersten Ranges“. Bemerkenswert war dabei, daß die blödsinnige Alte selbst vollkommen an das glaubte, was sie predigte. Ja, ich vermute sogar, auch Foma Fomitsch tat das, oder wenigstens zum Teil. Man überzeugte den Oberst, daß Foma von Gott selbst zur Rettung seiner, des Obersten, Seele vom Himmel herabgesandt sei, desgleichen zur Besänftigung seiner zügellosen Leidenschaften; daß er stolz sei, mit seinem Reichtum prahle und fähig wäre, Foma Fomitsch wegen des täglichen Brotes, das er von ihm empfing, Vorwürfe zu machen. Mein armer Onkel glaubte bald selbst an die Tiefe seiner sittlichen Gesunkenheit und war bereit, sich die Haare vor Reue auszuraufen und Foma um Verzeihung zu bitten ...

„Weißt du, Freund, ich bin selbst daran schuld,“ sagte er zuweilen einem seiner Hausgäste, mit dem er sich gerade unterhielt, „und zwar an allem! Man muß doppelt zartfühlend sein im Umgang mit einem Menschen, dem man Gutes tut ... Das heißt ... was sage ich! Was Gutes tut! Was schwatze ich da wieder! Durchaus nicht Gutes tut, sondern im Gegenteil – er ist es, der mir Gutes tut, indem er bei mir wohnt, aber nicht umgekehrt! ... Das heißt, ich habe ihm meines Wissens noch nie auch nur das Geringste vorgeworfen, aber ich muß es doch wohl getan haben ... wahrscheinlich ist mir wieder einmal so etwas entschlüpft, – mir entschlüpft oft etwas Unüberlegtes ... Nun, und schließlich – der Mensch hat gelitten, hat Großes vollbracht, hat zehn Jahre lang, ohne auf die Kränkungen zu achten, seinen kranken Freund gepflegt: so etwas muß belohnt werden! Ja, und dann die Wissenschaft ... Er ist doch Schriftsteller! Ungemein gebildet! Ein überaus edler Mensch, mit einem Wort! ...“

Ja, Foma, der Gebildete und Unglückliche, der bei einem launischen und grausamen Freunde den Narren hatte spielen müssen, erweckte in dem edlen Herzen meines Onkels das tiefste Mitleid. Alle Seltsamkeiten Fomas, sowie alle seine schändlichen Ausfälle dem Hausherrn gegenüber, wurden von diesem ohne weiteres mit seinen früheren Leiden, seiner Erniedrigung und Verbitterung entschuldigt. Er sagte sich in seiner gutmütigen, stets nachsichtigen Seele, daß man von einem Gemarterten nicht dasselbe verlangen könne wie von einem gewöhnlichen Menschen, daß man ihm nicht nur alles verzeihen, sondern mit Demut seine Wunden heilen, ihn aufrichten und mit der Menschheit wieder aussöhnen müsse. Nachdem er sich dieses einmal zum Ziel gesetzt hatte, begeisterte er sich geradezu für seine Aufgabe und verlor gänzlich die Fähigkeit, auch nur entfernt zu erraten, daß sein neuer Freund ein gieriger, eigennütziger Lump war, ein Egoist, Faulpelz und Aussauger – und weiter nichts. An das Wissen und die Genialität Fomas glaubte er einwandlos. Ich habe noch vergessen zu sagen, daß mein Onkel vor Worten wie „Wissenschaft“ oder „Literatur“ eine Hochachtung empfand, die von der größten Naivität war, um so mehr, als er selbst niemals etwas gelernt hatte. Das war nun einmal eine seiner wirklichen und unschuldigsten Schwächen.

„Pst! Er schreibt an seinem Werk!“ sagte er zuweilen zur Erklärung, wenn er schon in einem Zimmer, das noch ganz fern von Foma Fomitschs „Arbeitskabinett“ lag, nur auf den Fußspitzen zu gehen wagte. „Ich weiß nicht, was er da eigentlich schreibt,“ fügte er mit halbwegs stolzer und geheimnisvoller Miene hinzu; „aber sicherlich wird es, Freund, ein solches Durcheinander sein ... Das heißt selbstverständlich, was sage ich! – nur im guten Sinne ein Durcheinander! Für manch einen wird es ja klar wie Tinte sein, für unsereinen aber, Bruder, sind das solche Gedankenpurzelbäume, daß ... Ich glaube, er schreibt da von gewissen erzeugenden Kräften – so sagt er wenigstens selbst. Es ist wahrscheinlich etwas Politisches. Ja, ja, einmal wird sein Name einen großen Klang haben! Dann werden auch wir beide durch ihn berühmt werden! Das hat er mir, weißt du, selbst gesagt ...“

Wie ich aus sicherer Quelle weiß, hat sich mein Onkel auf Fomas Befehl seinen prächtigen dunkelblonden Backenbart abrasieren müssen, da jener gefunden hatte, daß er mit dem Backenbart wie ein Engländer aussehe und folglich „wenig Vaterlandsliebe“ habe. Mit der Zeit begann Foma sich auch in die Verwaltung des Gutes einzumischen und weise Ratschläge zu erteilen, die, nebenbei bemerkt, fürchterlich waren. Die Bauern errieten denn auch bald, wie es sich damit verhielt, und wer der wahre Herr auf dem Gute war – und sie kratzten sich bedenklich hinterm Ohr. Ich habe späterhin selbst Gelegenheit gehabt, einem Gespräch Foma Fomitschs mit den Bauern zuzuhören. Ich will gleich gestehen, daß ich heimlich gelauscht habe. Foma hatte oft genug gesagt, daß er gern mit einem klugen russischen Bauern rede. Eines Tages ging er zur Tenne. Er sprach mit den Bauern über die Feldarbeit, die Landwirtschaft – obgleich er selbst nicht Hafer von Weizen zu unterscheiden verstand, – sprach von den heiligen Pflichten des Bauern seinem Herrn gegenüber, berührte darauf Themen wie Industrialismus, Elektrizität und die Erleichterung der Arbeit – wovon er selbst natürlich kein Wort begriff, – erklärte seinen Zuhörern, in welcher Weise die Erde sich um die Sonne drehe, um dann schließlich, ganz gerührt von seinen eigenen Kenntnissen, auf die Minister zu sprechen zu kommen. Ich verstand ihn. Erzählt doch Puschkin von einem Vater, der seinem vierjährigen Söhnchen sagt, er, sein „Papachen“, sei so „brav und tapfer, daß der Kaiser ihn ganz besonders liebe“. Auch dieser Vater bedurfte eines Zuhörers, und wenn der Zuhörer auch erst vier Jahre zählte ... Die Bauern aber hörten Foma stets voll Ehrerbietung zu.

„Aber was, Väterchen, bekommst du auch viel kaiserliches Gehalt?“ fragte ihn plötzlich ein kleiner Alter, Archip Korotkij genannt, aus der Schar der vor ihm stehenden Bauern, mit der unverhohlenen Absicht, etwas Angenehmes zu fragen. Foma Fomitsch fand jedoch diese Frage zu „familiär“. „Familiarität“ aber konnte er nicht ertragen.

„Was geht das dich an, du Lümmel?“ antwortete er mit verächtlichem Blick auf das arme Bäuerlein. „Was steckst du hier deine Schnauze vor – soll ich sie etwa anspeien?“

Foma Fomitsch sprach nie in einem anderen Tone mit dem „verständigen russischen Bauern“.

„Ach, Väterchen, wir sind doch unwissende Leute,“ sagte ein anderes Bäuerlein. „Was wissen wir viel, vielleicht bist du Major, vielleicht Oberst, vielleicht sogar ganzer General – wir wissen ja nicht einmal, wie man dich betiteln muß.“

„Lümmel!“ wiederholte bloß Foma Fomitsch, war aber doch sogleich nachsichtiger gestimmt. „Zwischen Gehalt und Gehalt ist ein Unterschied, Dummkopf! Manch einer ist General und erhält überhaupt nichts; denn es ist kein Grund vorhanden, ihm etwas zu geben, weil er dem Kaiser keinen Nutzen bringt. Ich dagegen erhielt zwanzigtausend Rubel jährlich, als ich beim Minister angestellt war, und selbst dieses Geld nahm ich nicht; denn ich diente um der Ehre willen und hatte außerdem eigenes genug. Mein Gehalt aber stiftete ich für staatlichen Unterricht und für die niedergebrannten Einwohner der Stadt Kasanj.“

„Dann hast du ja halb Kasanj von neuem aufgebaut?“ fragte verwundert derselbe Bauer.

Überhaupt kann man sagen, daß alle Bauern sich nicht wenig über Foma Fomitsch wunderten ...

„Nun, ja, versteht sich, auch mein Teil ist dabei ...“ sagte Foma, gleichsam ungehalten über sich, daß er einen solchen Menschen eines solchen Gesprächs gewürdigt hatte.

Mit meinem Onkel dagegen waren seine Gespräche anderer Art.

„Was waren Sie früher für ein Mensch?“ fragte zum Beispiel Foma, sich nach dem opulenten Mittagsmahl im Lehnstuhl streckend – hinter dem ein Diener stehen und mit einem frischen Lindenzweig die Fliegen sanft fortwedeln mußte.

„Wem glichen Sie früher, bevor ich kam? Jetzt habe ich in Ihnen einen Funken jenes himmlischen Feuers entzündet, das seitdem in Ihrer Seele brennt. Habe ich das himmlische Feuer in Sie hineingelegt oder nicht? Antworten Sie: ja oder nein?“

Foma Fomitsch wußte, genau genommen, selbst nicht, weshalb er diese Frage stellte. Aber das Schweigen und die gewisse Betretenheit in der Miene meines Onkels reizten ihn sogleich. Er, der früher geduldig alles ertragen hatte, war jetzt zu wahrem Schießpulver geworden, das bei jedem, auch dem geringsten Widerspruch aufflammte. Da er das Schweigen des Obersten als Beleidigung auffaßte, bestand er mit doppeltem Eigensinn auf der Antwort.

„Antworten Sie: brennt in Ihnen dieses Feuer oder nicht?“

Der arme Oberst wand sich innerlich in seiner Ratlosigkeit: er wußte wirklich nicht, was er tun oder sagen sollte.

„Gestatten Sie, Sie daran zu erinnern, daß ich warte,“ bemerkte Foma mit gekränkter Stimme.

Mais répondez donc, Jegóruschka!“ mischte sich auch die Generalin mit einem Achselzucken ein.

„Ich frage Sie: Glimmt in Ihnen noch dieser Funke oder nicht?“ wiederholte Foma mit nachsichtiger Herablassung und nahm einen Bonbon aus der Bonbonnière, die immer und überall vor ihn hingesetzt wurde. Das geschah auf Anordnung der Generalin.

„Bei Gott, ich weiß es nicht, Foma,“ antwortete der Oberst schließlich, Verzweiflung im Blick – „es muß doch wahrscheinlich etwas von der Art ... Nein wirklich, frag’ mich lieber nicht, sonst lüge ich noch irgend etwas zusammen ...“

„Gut! So bin ich denn Ihrer Meinung nach so wertlos, daß ich nicht einmal einer Antwort wert bin – das ist es doch, was Sie damit sagen wollten? Nun, mag es denn so sein; mag ich also nichts bedeuten!“

„Aber nein doch, Foma, um Gottes willen! Wann habe ich denn so etwas sagen wollen?“

„Sie haben gerade dieses und nichts anderes damit sagen wollen.“

„Aber ich schwöre dir, – nein!“

„Gut! Mag ich also ein Lügner sein! Mag ich also, nach Ihrer Anschuldigung, absichtlich einen Vorwand zum Streit suchen! Mag also zu allen anderen Beleidigungen auch diese noch hinzukommen – ich trage alles ...“

Mais mon fils!“ rief erschrocken die Generalin aus.

„Aber Foma Fomitsch! Mama!“ beschwor der Oberst verzweifelt. „Bei Gott, ich bin doch nicht daran schuld! Es ist mir vielleicht nur wieder etwas, ohne zu wollen, entschlüpft! ... Sieh mich doch nicht so an, Foma: ich bin ja ein ungebildeter Mensch – ich fühle ja selbst, daß ich dumm bin, ich fühle ja selbst, daß etwas nicht stimmt ... Ich weiß es, Foma, glaub’ mir, ich weiß alles! Du brauchst es mir ja gar nicht erst zu sagen!“ wehrte er sich, immer verzweifelter. „Ich habe vierzig Jahre verlebt und die ganze Zeit, bis zu dem Augenblick, da ich dich kennen lernte, immer von mir geglaubt, daß ich ein Mensch sei ... Nun, und alles, was daraus folgt, mit einem Wort: eben ein Mensch! ... Und ich habe ja wirklich bis jetzt nicht gewußt, daß ich sündig bin wie nur einer, ein Egoist erster Sorte – und so viel Schlechtes in meinem Leben getan habe, daß man sich nur wundern kann, wie die Erde mich noch trägt!“

„Ja, Sie sind allerdings ein beispielloser Egoist, das muß ich sagen!“ bemerkte überzeugt Foma Fomitsch.

„Aber ich begreife es ja jetzt selbst, daß ich ein Egoist bin! Nein, Kreuzmillionen, ich muß mich bessern, und ich werde es!“

„Gott geb’s!“ schloß Foma Fomitsch mit einem frommen Aufseufzen und erhob sich aus seinem Lehnstuhl, um sich zu seinem Nachmittagsschläfchen zurückzuziehen. Foma Fomitsch pflegte jedesmal nach dem Essen zu schlafen.

Zum Schlusse dieses Kapitels muß ich noch einiges von meinen persönlichen Beziehungen zu meinem Onkel sagen und vor allem erklären, wie es kam, daß ich plötzlich Auge in Auge Foma Fomitsch gegenüberstand und ungewollt und unverhofft in den Strudel der größten Ereignisse hineingeriet, die sich jemals in dem gesegneten Herrenhause von Stepantschikowo zugetragen haben. Damit beabsichtige ich diese Einleitung zu schließen, um alsdann zur eigentlichen Erzählung überzugehen.

In meiner Kindheit, als ich verwaist und ohne Geld in der Welt zurückblieb, nahm sich mein Onkel meiner an, erzog mich auf seine Kosten und tat für mich, kurz gesagt, manches, was oft selbst ein leiblicher Vater nicht getan hätte. Schon am ersten Tage, an dem er mich zu sich nahm, hing ich mich mit ganzer Seele an ihn. Damals war ich zehn Jahre alt, und ich weiß noch, daß wir bald die besten Freunde waren und einander vorzüglich verstanden. Wir drehten beide Brummkreisel, stibitzten beide die Nachthaube einer alten, giftigen Jungfer, mit der wir entfernt verwandt waren. Die Nachthaube band ich übrigens an den Schweif meines Papierdrachens und ließ sie mit diesem in die Lüfte steigen. Darauf vergingen viele Jahre, und ich sah meinen Onkel erst in Petersburg wieder, wohin er auf ein paar Tage gekommen war, als ich – immer auf seine Kosten – das Gymnasium absolvierte. Während dieses Besuches hing ich mich wieder mit der ganzen Leidenschaft der Jugend an ihn: es war etwas Edles, Vornehmes, Aufrichtiges in seinem Charakter, und es war vor allem seine Heiterkeit und seine unglaubliche Naivität, die mich und jeden anderen anzogen. Nachdem ich dann mein Studium auf der Universität beendet hatte, lebte ich eine Zeitlang in Petersburg, ohne mit etwas beschäftigt zu sein, und war, wie so mancher Milchbart, fest überzeugt, daß ich in allernächster Zeit ungeheuer viel Bemerkenswertes und sogar Großes vollbringen werde. Petersburg verlassen wollte ich noch nicht. Meinem Onkel schrieb ich nicht allzuoft, eigentlich nur dann, wenn ich Geld brauchte, das er mir nie verweigerte. Da geschah es, daß ich von einem Hofbauern meines Onkels, der zufällig in Geschäften nach Petersburg gekommen war, hörte, daß bei ihnen in Stepantschikowo wunderliche Dinge vor sich gingen. Die betreffenden Mitteilungen setzten mich in Erstaunen und erweckten sogleich mein Interesse. Ich begann meinem Onkel öfter zu schreiben. Er antwortete mir immer etwas undeutlich und eigentümlich, und schien sich offenbar beim Schreiben eines jeden Briefes krampfhaft zu bemühen, nur von der Wissenschaft zu reden, da er von mir in Zukunft große Dinge erwartete, und auf meine etwaigen Erfolge bereits im voraus nicht wenig stolz war. Dann aber erhielt ich eines schönen Tages, nach längerem Schweigen, einen Brief von ihm, der allen vorhergehenden Briefen durchaus unähnlich war. Er setzte sich aus so seltsamen Andeutungen zusammen, aus so wunderlichen Widersprüchen, daß ich ihn anfangs überhaupt nicht verstand. Ich fühlte nur heraus, daß der Schreiber des Briefes sich in großer Aufregung befunden haben mußte. Nichtsdestoweniger ging aus dem ganzen Schreiben die Hauptsache ziemlich klar hervor: der Onkel bat mich in allem Ernst, ja, fast flehte er mich an, sobald wie möglich die Erzieherin seiner Kinder, die Tochter eines armen Provinzialbeamten Jeshowikin, die in Moskau, gleichfalls auf Kosten meines Onkels, in einer vorzüglichen Anstalt erzogen worden war, – zu heiraten. Er schrieb, sie sei unglücklich, ich aber könnte sie glücklich machen, ganz abgesehen davon, daß es eine großmütige Handlung meinerseits wäre. Er rief noch den Edelmut meines Herzens an und versprach gleichzeitig, dem jungen Mädchen eine gute Mitgift zu geben. Von der Mitgift schrieb er übrigens sehr ängstlich, wie von einer dummen Nebensache – wahrscheinlich in der Furcht, mich zu kränken – und schloß den Brief mit der flehenden Bitte, tiefstes Schweigen in dieser ganzen Angelegenheit zu wahren.

Dieser Brief stieß mich dermaßen vor den Kopf, daß mir förmlich schwindlig wurde. Aber auf welchen jungen Menschen, der wie ich kaum erst von der Schule und Universität kam, würde ein solches Anerbieten keinen tiefen Eindruck machen, und wär’s auch nur, sagen wir, von der romanhaften Seite? Zudem hatte ich schon gehört, daß diese junge Gouvernante – eine ganz reizende junge Dame sei. Indessen wußte ich wirklich nicht, was ich tun sollte, wenn ich auch meinem Onkel umgehend schrieb, daß ich mich unverzüglich nach Stepantschikowo begeben werde. Mein Onkel hatte mir gleichzeitig mit dem Brief auch das Reisegeld übersandt. Doch trotz alledem konnte ich mich nicht so schnell entschließen und zögerte noch ganze drei Wochen in Petersburg. Da traf ich plötzlich einen Freund meines Onkels, der mit ihm früher im selben Regiment gestanden und nun auf der Rückreise aus dem Kaukasus nach Petersburg ihn unterwegs in Stepantschikowo besucht hatte. Es war dies ein schon älterer, sonst vernünftig denkender Mensch, doch ein eingefleischter Junggeselle. Ganz empört erzählte er mir von Foma Fomitsch, und dann teilte er mir noch etwas mit, wovon ich bis dahin keine Ahnung gehabt hatte: daß Foma und die Generalin beschlossen hätten, den Obersten mit einem äußerst seltsamen alten Mädchen, das mindestens halbverrückt sei, eine außergewöhnliche Lebensgeschichte und wenigstens eine halbe Million Mitgift habe, zu verkuppeln. Die Generalin habe ihre zukünftige Schwiegertochter zu überzeugen gewußt, daß sie verwandt seien und sie folglich bei ihnen leben müsse; der Oberst sei natürlich verzweifelt, doch werde es aller Voraussicht nach damit enden, daß er die halbe Million heirate; und zum Schluß fügte der Betreffende noch hinzu, daß die beiden Diplomaten, Foma wie die Generalin, die arme, schutzlose Erzieherin der Kinder meines Onkels entsetzlich behandelten und sie mit aller Gewalt zum Hause hinaustreiben wollten, wahrscheinlich in der Angst, der Oberst könnte sich in sie verlieben, oder weil er sich vielleicht schon in sie verliebt hatte. Diese letzte Mitteilung machte mich stutzig. Doch auf alle meine Fragen, ob der Oberst sich inzwischen nicht tatsächlich in sie verliebt habe, konnte oder wollte er mir keine bestimmte Antwort geben – und überhaupt sprach er ziemlich einsilbig und ersichtlich ungern von der ganzen Angelegenheit, ja, er umging einfach alle näheren Erklärungen. Ich wurde nachdenklich: diese neuen Aufschlüsse widersprachen so auffallend dem Briefe meines Onkels und seinem Vorschlag! ... Aber wozu Zeit verlieren, dachte ich. Ich beschloß, sofort nach Stepantschikowo zu fahren, nicht nur, um meinen Onkel zu beruhigen und zur Vernunft zu bringen, sondern auch, um ihn zu retten, nämlich Foma vor die Tür zu setzen, zu verhindern, daß er mit der alten Jungfer verkuppelt wurde, und dann – da mir nach reiflicher Überlegung die Liebe meines Onkels zu der jungen Erzieherin als entschiedenes Hirngespinst Foma Fomitschs erschien – die Unglückliche zu beglücken, mit anderen Worten, um die Hand des interessanten jungen Mädchens anzuhalten usw. Allmählich begeisterte ich mich immer mehr für mein Vorhaben, so daß ich – wie das so in der Jugend zu geschehen pflegt – aus den stärksten Bedenken alsbald in das entgegengesetzte Extrem geriet. Mich verzehrte förmlich das Verlangen, möglichst schnell die größten Wunder und Heldentaten zu vollbringen. Es schien mir sogar, daß ich ungewöhnliche Großmut bekunde, mich edelmütig opfere, um ein unschuldiges, prachtvolles Geschöpf zu beglücken, – kurz, ich war während der ganzen Fahrt überaus zufrieden mit mir. Es war Juli; die Sonne schien strahlend hell; ringsum sah ich, soweit nur das Auge schweifen konnte, die unermeßliche Weite reifender Erntefelder. Ich aber hatte so lange in Petersburg eingeschlossen gelebt, daß ich, wie mir schien, zum erstenmal Gottes freie Welt erblickte.