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Sämtliche Werke 16 cover

Sämtliche Werke 16

Chapter 7: III. Mein Onkel.
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About This Book

Ein erzählender Beobachter schildert das Leben auf einem verarmten Landsitz, dessen Alltagsordnung von Intrigen, flatterhaften Gönnern und selbstgerechten Figuren gestört wird. Im Zentrum stehen Machtspiele, launenhafte Autoritäten und ein manipulativer Vertrauter, deren Manöver Besitzverhältnisse und zwischenmenschliche Bindungen unterminieren. Die Erzählung entfaltet sich episodisch in komischen und bisweilen grotesken Begegnungen, die Heuchelei, soziale Ambition und blinden Opportunismus entlarven. In einer Folge eskalierender Vorfälle kommt es zu Zerwürfnissen, öffentlicher Bloßstellung und schließlich zu einer gewaltsamen Vertreibung, die die moralischen Widersprüche des Milieus offenlegt.

III.
Mein Onkel.

Ich gestehe offen, mir war etwas bänglich zumute. Meine romantischen Träume erschienen mir jetzt zum mindesten sonderbar, und kaum war ich in Stepantschikowo angelangt, da fand ich sie sogar dumm. Das erstere geschah ungefähr um fünf Uhr nachmittags. Die Landstraße führte nicht weit vom Herrenhause vorüber. Nun sah ich nach langen Jahren diesen großen Garten wieder, in dem ich einige glückliche Tage meiner Kindheit verbracht hatte, und den ich dann später so oft im Traum gesehen, wenn ich in den Schlafsälen der Schulen und Anstalten, die für meine Bildung sorgten, halbwach im Schlummer lag. Ich sprang vom Wagen und ging quer durch den Garten auf das Herrenhaus zu; denn ich wollte unbemerkt zuerst mit meinem Onkel sprechen und, wenn es ging, auch noch hier und da vorher ein wenig herumforschen und horchen. Meine Absicht gelang mir. Die Allee hundertjähriger Linden entlang schreitend, kam ich zur Terrasse, von der aus man durch eine Glastür unmittelbar in die Wohnzimmer trat. Diese Terrasse war von Blumenbeeten umgeben und mit Topfpflanzen geschmückt. Hier nun traf ich ganz unerwartet einen der „Eingeborenen“ an, den alten Gawrila, der mich einst als Kind auf dem Arm getragen hatte, jetzt aber der ehrwürdige Kammerdiener meines Onkels war. Der Alte hatte eine Brille auf der Nase und hielt ein Heft, in dem er mit ungewöhnlicher Aufmerksamkeit las, dicht vor den Augen. Ich hatte ihn zum letztenmal vor zwei Jahren in Petersburg gesehen, wohin er mit meinem Onkel gekommen war, und so erkannten wir uns sofort. Mit Freudentränen stürzte er die Stufen herab, um meine Hände zu küssen, ohne darauf zu achten, daß ihm bei der Gelegenheit seine Brille von der Nase flog. Diese Anhänglichkeit des Alten rührte mich tief. Doch ich stand noch unter dem Eindruck des Gespräches mit Herrn Bachtschejeff, und so wandte sich meine Aufmerksamkeit unverzüglich dem verdächtigen Heft zu, das Gawrila in der Hand hielt.

„Was ist das, Gawrila? Was, will man etwa auch dir Französisch beibringen?“ fragte ich den Alten.

„Jawohl, das will man, Väterchen, trotz meiner alten Jahre, als wäre ich ein Papagei,“ antwortete Gawrila niedergeschlagen.

„Und Foma selbst unterrichtet dich?“

„Er allein, Väterchen. Er muß doch wohl ein kluger Mann sein.“

„Ja, alle Achtung! Aber wie unterrichtet er dich denn? – Im Gespräch?“

„Mit dem Heft, Väterchen.“

„Du meinst dieses, das du in der Hand hast? Ah! Französische Worte mit russischen Buchstaben geschrieben – findig! Und von einem solchen Rüpel, einem solchen Dummkopf laßt ihr euch alle so behandeln – schämst du dich nicht, Gawrila?“ In einem Augenblick waren alle meine entschuldigenden Annahmen vergessen, durch die ich noch vor ein paar Stunden Herrn Bachtschejeff in so große Wut versetzt hatte.

„Wie denn, Väterchen, wie kann er denn ein Dummkopf sein, wenn er doch auch unsere Herrschaft so lenkt, wie er will?“

„Hm! Vielleicht hast du recht, Gawrila,“ brummte ich, durch seine Bemerkung zur Besinnung gebracht. „Führ’ mich zu meinem Onkel.“

„Großer Gott! Ich darf ja dem Herrn überhaupt nicht unter die Augen kommen, wage mich gar nicht mehr zu zeigen! Ja, ja, so weit ist es gekommen, daß ich auch ihn noch fürchten muß! Sitze hier in meiner Trübsal, und wenn Foma Fomitsch zu kommen geruhen, so gehe ich hinter die Blumenbeete.“

„Was fürchtest du denn?“

„Vorhin wußte ich die Aufgabe nicht gut: Foma Fomitsch wollten mich bestrafen und, wie er sagte, mich auf den Knien stehen lassen – ich aber kniete nicht nieder. Alt bin ich, Väterchen Ssergei Alexandrowitsch, viel zu alt, um noch solche Scherze mitzumachen. Der Herr aber geruhten darüber böse zu werden, daß ich Foma Fomitsch nicht gehorcht hatte. ‚Siehst du denn nicht ein,‘ sagte er, ‚alter Kerl, er müht sich doch um deine Bildung, will dich doch in der Aussprache des Französischen unterweisen ...‘ Und so gehe ich denn und lerne Vokabeln. Foma Fomitsch versprachen, am Abend noch einmal eine Prüfung vorzunehmen.“

Es schien mir, daß hier einiges nicht so ganz stimmte.

„Mit diesem französischen Unterricht wird es wohl eine besondere Bewandtnis haben,“ dachte ich, „die der Alte mir natürlich nicht erklären kann.“

„Nur eine Frage noch, Gawrila: wie sieht er aus? Stattlich, imponierend?“

„Wer das? Foma Fomitsch? Nein, Väterchen, das ist so ein gemausertes Menschlein ...“

„Hm! Hab’ nur etwas Geduld, Gawrila, es wird sich vielleicht noch einrenken lassen, oder vielmehr: sicherlich wird es das, ich verspreche es dir, es wird alles wieder gut werden! Aber ... wo ist denn nun mein Onkel?“

„Hinter dem Pferdestall reden der Herr mit den Abgesandten der Bauern. Aus Kapitonowka sind die Alten mit Verbeugungen und Bitten hergekommen. Dort hat man gesagt, daß der Herr sie Foma Fomitsch zu schenken beabsichtige, und daher wollen sie alle bitten, daß es nicht geschehe, wollen sich, wie man sagt, losbitten.“

„Aber warum empfängt er sie denn hinter den Pferdeställen?“

„Aus Vorsicht, Väterchen ...“

In der Tat fand ich meinen Onkel hinter den Pferdeställen. Dort stand er auf einem freien Platz vor einer ganzen Anzahl Bauern, die sich immer wieder vor ihm verneigten und inständig um etwas zu bitten schienen. Mein Onkel aber erklärte ihnen offenbar eine Sache. Ich näherte mich und rief ihn an. Er sah sich um und – wir lagen uns in den Armen.

Er freute sich unbeschreiblich über mein Kommen, er geriet förmlich in Begeisterung vor Freude. Er umarmte mich, drückte meine Hände ... als hätte man ihm seinen leiblichen Sohn wiedergegeben, der irgendeiner tödlichen Gefahr entgangen war, oder als hätte ich ihn mit meiner Ankunft von einer tödlichen Gefahr befreit oder von schweren Zweifeln erlöst, und als brächte ich Glück und Freude für sein ganzes Leben ihm und allen, die er lieb hatte; denn mein Onkel hätte nie eingewilligt, allein glücklich zu sein.

Nach dem ersten überschwenglichen Ausbruch wurde er so mitteilsam, daß er sich bald ganz verlor und wohl selbst nicht mehr wußte, wovon er schon gesprochen hatte. Er überschüttete mich mit Fragen, wollte mich sogleich seiner ganzen Familie vorstellen: wir begaben uns auch schon zum Hause – dann aber kehrte er doch wieder zurück ... um mich zuerst mit seinen Bauern aus Kapitonowka bekannt zu machen. Hierauf – dessen entsinne ich mich noch genau – kam er plötzlich aus unbekanntem Grunde auf einen Herrn Korowkin zu sprechen, einen jedenfalls außergewöhnlichen Menschen, den er vor drei Tagen unterwegs getroffen hatte, irgendwo auf der Reise, und den er mit der größten Ungeduld gerade jetzt als Gast bei sich erwartete. Von Korowkin sprang er auf etwas anderes über. Es war mir förmlich ein Genuß, ihn zu betrachten. Auf seine überstürzten Fragen nach meinen ferneren Absichten sagte ich, daß ich vorläufig keine Anstellung suchen, sondern fortfahren würde, mich mit der Wissenschaft zu beschäftigen. Doch kaum hatte ich das Wort „Wissenschaft“ ausgesprochen, als mein Onkel auch schon eine ungeheuer wichtige Miene aufsetzte. Als er dann erfuhr, daß ich mich in der letzten Zeit mit Mineralogie beschäftigt hatte, warf er den Kopf in den Nacken und blickte sich stolz im Kreise um, als hätte er ganz allein, ohne jede fremde Hilfe, die ganze Mineralogie entdeckt und alles allein niedergeschrieben. Ich habe ja schon gesagt, daß er vor dem Wort „Wissenschaft“ die größte Ehrfurcht empfand, eine Ehrfurcht, die ohne jeden persönlichen Ehrgeiz war, dessen sie um so mehr entbehrte, als er selbst fast nichts von diesen Dingen verstand.

„Ach, Freund, es gibt doch wirklich Menschen in der Welt, die alles wissen!“ sagte er mir einmal mit wahrem Entzücken in den leuchtenden Augen. „Da sitzt man unter ihnen, hört, und weiß doch selbst, daß man nichts davon versteht, aber dennoch freut sich das Herz. Und warum? Ganz einfach, weil hier eben Nutzen ist, hier ist Verstand, hier ist das Allgemeinwohl! Das begreife ich doch! Ich fahre jetzt schon mit der Eisenbahn, mein Iljuscha aber wird vielleicht schon durch die Luft fliegen ... Nun, ja, kurz und gut, und der Handel, die Industrie – diese, wie man sagt, Schlagadern ... das heißt, ich will nur sagen, von welcher Seite du es auch nimmst, es ist und bleibt doch nützlich für die Menschheit ... Das ist es doch, nicht wahr?“

Doch ich komme zurück auf unser Wiedersehen.

„Wart nur, Freund, wart,“ begann er in seiner schnellen Sprechweise, sich die Hände reibend, „du sollst einen Menschen kennen lernen! Es ist ein seltener Mensch, sag’ ich dir, gelehrt, gelehrt, ganz ein Mann der Wissenschaft! Der überlebt das Jahrhundert! Das ist doch gut gesagt: ‚er überlebt das Jahrhundert‘, nicht? Das hat mir Foma selbst erklärt ... Wart, ich werde dich mit ihm bekannt machen.“

„Meinen Sie Foma Fomitsch, Onkel?“

„Nein, nein, Freund, diesmal sprech’ ich von Korowkin. Das heißt, Foma ist ja gleichfalls ... er ... Aber diesmal sprach ich einfach nur von Korowkin,“ fügte er hinzu, während es mir auffiel, daß er, sobald die Rede auf Foma kam, zu erröten und sich zu verwirren schien.

„Mit welcher Wissenschaft beschäftigt er sich denn?“

„Mit allen Wissenschaften, Freund, oder kurz gesagt, mit der Wissenschaft überhaupt. Ich kann dir leider nicht so genau sagen, mit welcher eigentlich, ich weiß nur, daß es Wissenschaften sind. Oh, wie der über die Eisenbahnen redet! Und weißt du,“ – mein Onkel senkte die Stimme und zwinkerte mir bedeutsam mit dem linken Auge zu, – „ein wenig so, du weißt schon, – freie Ideen! Das habe ich sofort bemerkt, namentlich wenn er so von Familienglück spricht ... Schade, ich habe nicht alles ganz genau begriffen, was er da sprach, – hatte gerade wenig Zeit –, sonst könnte ich dir jetzt alles wiedergeben, ganz ausführlich. Und zudem ein Mensch von wirklich edlen Eigenschaften. Ich habe ihn zu mir zum Besuch eingeladen. Erwarte ihn stündlich.“

Währenddessen starrten mich die Bauern mit offenen Mündern und großen Augen wie ein Wunder an.

„Hören Sie, Onkel,“ unterbrach ich ihn, „ich habe, glaube ich, Ihr Gespräch mit den Bauern unterbrochen. Es handelt sich gewiß um Wichtiges. Was meinen Sie? Ich will ganz offen gestehen, daß ich so meine Vermutungen habe – und daher würde ich gern zuhören ...“

Mein Onkel wurde plötzlich sehr geschäftig und beinahe aufgeregt.

„Ach, richtig! Das hatte ich ganz vergessen! Ja, sieh mal ... was soll man mit ihnen tun? Sie haben sich in den Kopf gesetzt – ich möchte bloß wissen, wer es als erster getan hat –, daß ich sie und ganz Kapitonowka – du erinnerst dich doch noch, wie wir mit meiner seligen Katjä abends immer dorthin spazieren fuhren? – Nun ja, daß ich das ganze Kapitonowka mit seinen rund achtundsechzig Seelen Foma Fomitsch schenken wolle! Nun und jetzt heißt es: ‚Wir wollen nicht von dir fort, Väterchen!‘ und damit Punktum! ...“

„So ist es also nicht wahr, Onkel? Sie werden ihm Kapitonowka nicht schenken?!“ rief ich erfreut aus.

„Wie werd’ ich denn! Ist mir nie in den Sinn gekommen! Aber durch wen hast du es denn schon erfahren? Es war mir nur mal so entschlüpft – und da hat man gleich Häuser auf das eine Wort gebaut. Ich verstehe bloß nicht, weshalb sie den Foma so wenig mögen? Aber wart nur, Ssergei, ich werde dich mit ihm bekannt machen,“ sagte er mit schüchternem Blick auf mich, als ahne er auch in mir einen Feind Foma Fomitschs. „Freund, das ist ein solcher Mensch ...“

„Wir wollen keinen anderen Herrn, Väterchen, nur dich allein!“ riefen hier plötzlich im Chorus alle Bauern aus. „Ihr seid unser Vater, wir sind Eure Kinder!“

„Hören Sie mal, Onkel,“ sagte ich, „den Foma Fomitsch habe ich zwar noch nicht gesehen, aber ... sehen Sie ... ich habe so einiges gehört. Ich will es Ihnen nur gleich sagen, daß ich heute unterwegs Herrn Bachtschejeff getroffen habe. Übrigens hat sich in mir jetzt eine andere Auffassung gebildet, wenigstens vorläufig. Jedenfalls aber entlassen Sie nun die Bauern, dann können wir ungestört, ganz allein und ohne Zeugen, miteinander reden. Ich bin ja doch eigentlich nur deswegen hergekommen ...“

„Das ist es ja! Eben, eben!“ stimmte mein Onkel sofort eifrig bei. „Die Bauern entlassen wir und dann reden wir, weißt du, so – kameradschaftlich, freundschaftlich, verständig! – Nun,“ fuhr er, sich an die Bauern wendend, in seiner schnellen Sprechweise fort, „geht jetzt wieder nach Hause, Freunde! Und hinfort kommt immer zu mir, immer zu mir, wenn was nötig ist, kommt ganz einfach gleich zu mir, wenn was nötig ist –“

„Väterchen, du bist ja unser Vater! Gib uns nicht der Willkür Foma Fomitschs preis! Alle wir Armen bitten dich!“ riefen von neuem die Bauern einstimmig aus.

„Ach ihr Dummköpfe! Es wird euch doch nichts geschehen, das habe ich euch doch schon gesagt!“

„Sonst würde er uns ganz dumm machen mit dem Unterricht, Väterchen! Die Hiesigen, hört man, soll er ja alle schon ganz dumm gemacht haben ...“

„Was, will er denn auch euch die französische Sprache beibringen?“ fragte ich, beinahe erschrocken.

„Nein, Väterchen, vorläufig hat Gott der Herr uns noch verschont!“ antwortete einer der Bauern, ihr Sprecher und ein Schwätzer, wie es schien; er war rothaarig und hatte eine große Glatze, die ziemlich tief auf dem Hinterkopf lag, sowie ein spärliches, keilförmiges Bärtchen, das sich so schnell bewegte, wenn er sprach, als wäre es an sich lebendig gewesen. „Nein, Herr, bis jetzt noch nicht.“

„Aber worin unterrichtet er euch denn?“

„Ach, Euer Gnaden, in solchen Dingen, daß es nach unserem Verständnis so herauskommt: kauf’ einen goldenen Kasten, deine kupferne Münze gib aber hin.“

„Wieso, was bedeutet das, kupferne Münze ...?“

„Sserjosha! Du bist im Irrtum! Das ist eine Verleumdung!“ rief mein Onkel dazwischen, war aber dabei rot geworden und sah sehr betreten aus. „Diese Dummköpfe haben natürlich nicht begriffen, was er ihnen gesagt hat. Er hat nur so ... Was soll das mit der kupfernen Münze? ... Dir aber steht es nicht zu, über alles zu urteilen und das Maul aufzureißen,“ fuhr mein Onkel vorwurfsvoll, zu dem Bauern gewandt, fort; „man wollte dir doch, du Dummkopf, Gutes tun, du aber siehst das nicht ein – und schreist noch!“

„Aber um’s Himmels willen, Onkel, Sie vergessen, daß er ihnen Französisch beibringen will!“

„Aber doch nur wegen der Aussprache, Sserjosha, einzig wegen der Aussprache,“ beteuerte er mit geradezu flehender Stimme. „Er hat es mir selbst gesagt, daß er es einzig wegen der Schulung in der Aussprache tut, die dann auch ihrer Muttersprache zugute kommt ... Zudem ging der Sache noch ein besonderer Fall vorher, – du weißt das nicht und daher kannst du auch nicht urteilen. Zuerst, Freund, muß man begreifen, und dann erst kann man beschuldigen ... Beschuldigen ist leicht!“

„Aber ich verstehe euch nicht!“ sagte ich heftig, mich von neuem an die Bauern wendend, „so hättet ihr es ihm doch sofort offen sagen sollen. Ganz einfach: so geht es nicht, Foma Fomitsch, die Sache liegt so und so! Ihr habt doch einen Mund!“

„Wo ist die Maus, die der Katze die Schelle umbindet, Väterchen? ‚Ich bringe,‘ sagt er, ‚dir ungeschicktem Bauernkerl Sauberkeit und Ordnung bei. Warum ist dein Hemd nicht sauber?‘ – Weil es doch voll Schweiß ist, darum kann es doch auch nicht sauber sein! Wir können doch nicht jeden Tag das Hemd wechseln. Sauberkeit macht noch nicht auferstehen, und Armut ist noch nicht Tod.“

„Neulich kam er in die Tenne,“ fiel ein anderer Bauer ein, ein großer, hagerer Mann, dessen Kleider an vielen Stellen geflickt waren, und dessen Füße in den ältesten Bastschuhen staken. Er gehörte offenbar zu jenen, die ewig mit irgend etwas unzufrieden sind und stets ein gehässiges, scharfes Wort in Bereitschaft haben. Bis dahin hatte er hinter den anderen gestanden, in mißmutiger Schweigsamkeit zugehört und die ganze Zeit ein gewisses zweideutiges, bitteres und verschlagenes Spottlächeln nicht aus seinem Gesicht gebannt. – „Er kam in die Tenne. ‚Wißt ihr auch,‘ fragt er, ‚wieviel Werst es von hier bis zur Sonne sind?‘ Wer von uns kann denn so was wissen? Das steht doch nicht uns zu, das ist doch Herrschaftswissen. ‚Nein,‘ sagte er, ‚du bist ein Lümmel, wie ich sehe, begreifst nicht einmal deinen eigenen Nutzen. Ich aber,‘ sagt er, ‚bin ein Astrolog! Ich kenne alle Planeten Gottes!‘“

„Nun, hat er dir auch gesagt, wieviel Werst es bis zur Sonne sind?“ mischte sich mein Onkel ein, der plötzlich wieder wie neubelebt war und lustig mir zuzwinkerte, als wolle er mir sagen: „Paß nur auf, was du jetzt zu hören bekommen wirst!“

„Er nannte da wohl eine große Zahl,“ antwortete der Bauer gewissermaßen wider Willen, da er eine solche Frage offenbar nicht erwartet hatte.

„Nun, wieviel waren es denn doch, wieviel, was meinst du?“

„Ach, das wird doch Euer Gnaden besser wissen als wir ... wir sind unaufgeklärte Leute, leben im Dunkeln.“

Ich weiß es ja, Bruder, aber du, hast du es auch behalten?“

„Es werden da immer soundso viel hundert oder auch tausend Werst sein, wie er sagte. Es war etwas viel. Die konnte man kaum auf drei Fuhren fortführen, diese Zahlen, die er sagte.“

„Aber das ist ja die Hauptsache, – daß man es behält nämlich! Du glaubtest wohl, was wird es denn viel mehr sein als eine Werst, da kann man ja mit der Hand hinlangen? Nein, Bruder, die Erde – das ist, siehst du, ein runder Ball – verstehst du?“ fuhr mein Onkel fort, indem er mit den Händen in der Luft einen Kreis beschrieb.

Der Bauer lächelte schmerzlich.

„Ja, wie ein Ball! Und so hält sie sich ganz von selbst in der Luft und kreist um die Sonne. Die Sonne aber steht auf einem Platz und rührt sich nicht; es scheint dir nur so, als bewege sie sich, in Wirklichkeit aber steht sie auf einem Fleck. Ja, siehst du, so ist es! Entdeckt aber hat das alles der Kapitän Cook, ein Weltumsegler ... Übrigens, weiß der Teufel, ob der es nun gerade war, oder wer es eigentlich entdeckt hat,“ fügte er halblaut, zu mir gewandt, hinzu. „Ich habe ja selbst, Freund, keine Ahnung davon ... Weißt du es, wieviel Werst es bis zur Sonne sind?“

„Gewiß, Onkel,“ antwortete ich, etwas verwundert über dieses ganze Gespräch, „nur denke ich folgendermaßen darüber: Unbildung ist natürlich Nachlässigkeit, dagegen Bauern in der Astronomie zu unterrichten ...“

„Das ist es ja! Eben, eben – gerade Nachlässigkeit!“ fiel mein Onkel dazwischen und griff begeistert meinen Ausdruck auf, der ihm wohl überaus treffend erschien. „Ein großartiger Gedanke! Gerade Nachlässigkeit! Das habe ich ja immer gesagt ... das heißt, ich habe es noch nie gesagt, aber ich habe es gefühlt. Hört ihr,“ rief er dann den Bauern zu, „Unbildung ist dasselbe wie Nachlässigkeit, ist genau dasselbe wie Schmutz! Und deshalb wollte euch Foma auch belehren. Er wollte euch das Gute lehren. Das ist gleichfalls ein Dienst, der dem Vaterlande geleistet wird, und des größten Lohnes wert. Seht ihr nun, wie es sich verhält! Das ist die Wissenschaft! Nun, gut, gut, meine Lieben! Geht mit Gott, ich freue mich, es freut mich ... jedenfalls beruhigt euch, ich werde euch nicht verlassen.“

„Beschütze du uns, Väterchen, bist doch immer wie ein leiblicher Vater zu uns gewesen!“

„Laß uns Freude erleben, Väterchen!“

Und die Bauern stürzten wie ein Mann auf die Knie nieder.

„Nun, nun, was soll das, welch ein Unsinn! Vor Gott und dem Kaiser sollt ihr niederknien, nicht aber vor mir ... Aber so steht doch endlich auf, geht jetzt, führt euch gut auf, verdient euch eine gute Behandlung ... nun, und alles andere, was noch nötig ist ... Weißt du,“ sagte er dann zu mir, sich plötzlich umwendend, und sein Gesicht schien vor Freude zu leuchten, „so ein armer Kerl hört doch gern ein gutes Wort, und auch ein Geschenk schadet nicht. Ich werde ihnen etwas schenken, was? Was meinst du? So, weil du angekommen bist ... Soll ich es tun oder nicht?“

„Onkel, Sie sind ja Ihren Bauern ein guter Herr, wie ich sehe, wahrscheinlich einer jener Gutsbesitzer, die immer nur Gutes tun wollen ... –“

„Aber es geht doch nicht, Freund, es geht doch nicht anders: das ist doch nichts. Ich wollte ihnen schon lange etwas schenken,“ sagte er wie zur Entschuldigung. „Aber fandest du es nicht lächerlich, daß ich den Bauern da einen wissenschaftlichen Vortrag hielt? Nein, Freund, das habe ich nur so ... nur so vor Freude, daß ich dich nun wiedersah, Sserjosha ... Ich wollte einfach, daß auch er, der Bauer, erführe, wie weit es bis zur Sonne ist, und, wenn er’s hört, den Mund aufsperrt. Es ist so lustig zu sehen, wie er ihn aufsperrt. Man freut sich geradezu für ihn. Nur weißt du, Freund, sag’ das nicht dort im Salon, daß ich hier mit den Bauern gesprochen habe. Ich habe es absichtlich hier hinter den Pferdeställen getan, damit man es von dort nicht sieht; denn sieh, Freund, es war nicht anders zu machen ... eine kitzlige Sache! Und sie waren ja auch nur heimlich gekommen. Ich habe es ja eigentlich auch nur ihretwegen getan ...“

„Ja, Onkel, jetzt bin ich also angekommen und bin hier!“ begann ich, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben und schneller auf die Hauptsache zu sprechen zu kommen. „Ihr Brief hat mich, offen gestanden, dermaßen überrascht und in Erstaunen gesetzt, daß ich ...“

„Mein Freund, kein Wort mehr darüber!“ unterbrach mich mein Onkel geradezu erschrocken und mit gesenkter Stimme. „Später, später wird sich das alles aufklären! Vielleicht bin ich nicht ganz schuldlos vor dir, vielleicht sogar sehr ...“

„Nicht ganz schuldlos vor mir, Onkel?“

„Später, später, mein Freund, davon später! Das wird sich später erklären! Alles, alles! Was du aber für ein prächtiger Bursche geworden bist! Mein lieber Junge! Und wie ich dich erwartet habe! Ich wollte dir alles, wollte dir mein ganzes Herz ausschütten, wie man sagt ... du bist gelehrt, du bist der einzige, den ich habe ... du und Korowkin. Im übrigen muß ich dich noch darauf aufmerksam machen, daß sich hier alle über dich ärgern. Nun sieh dich vor, sei vorsichtig, sei auf deiner Hut!“

„Sich über mich ärgern?“ fragte ich und blickte meinen Onkel verwundert an, da ich nicht begriff, wodurch ich Menschen, die ich noch gar nicht kannte, hätte ärgern können. „Über mich?“

„Über dich, Freund. Was ist da zu machen! Foma Fomitsch ist ein bißchen ... nun, und Mamachen natürlich gleichfalls. Überhaupt sei vorsichtig, ehrerbietig, widersprich nicht, aber vor allem, sei ehrerbietig ...“

„Und das etwa im Verkehr mit Foma Fomitsch, Onkel?“

„Was soll man tun, mein Freund, ich verteidige ihn ja nicht ... Er hat vielleicht wirklich so als Mensch seine Fehler, und sogar jetzt im Augenblick ... Ach, Freund Sserjosha, wenn du wüßtest, wie mich alles das beunruhigt! Wie könnte man das nur gutmachen, damit wir wieder alle glücklich und zufrieden wären? ... Aber wer ist denn ohne Mängel? Auch wir sind doch nicht vollkommen!“

„Aber, Onkel, so sehen Sie doch nur, was er tut ...“

„Ach, Freund! Das sind ja nur Klatschereien und weiter nichts! Zum Beispiel, ich werde dir erzählen: da ärgert er sich nun über mich, aber was glaubst du, weswegen? ... Übrigens, vielleicht bin ich auch selbst daran schuld. Ich werde es dir später erzählen ...“

„Wissen Sie, Onkel, in mir hat sich, was ihn anbetrifft, eine besondere Auffassung herausgebildet,“ unterbrach ich ihn, um ihm noch schnell meine Kombinationen mitzuteilen. Wir beeilten uns beide. „Erstens war er früher ein Hausnarr: das hat ihn erbittert, erniedrigt, ihn in seinem Innersten gekränkt und beleidigt, und so ist denn gehässig, unnatürlich, rachsüchtig geworden. Er will sich sozusagen an der ganzen Menschheit rächen ... Wenn man ihn aber mit dieser Menschheit wieder aussöhnen, ihn sich selbst wiedergeben würde ...“

„Das ist es ja! Eben, eben!“ rief mein Onkel begeistert aus. „Gerade das! Ein herrlicher Gedanke! Und es wäre doch eine Schande, es wäre niedrig von uns, wollten wir ihn jetzt ohne weiteres verurteilen! Das ist es ja! ... Ach, Freund, ich sehe schon, du verstehst mich, du bringst mir Trost! Wenn es sich dort nur einrenken ließe! Weißt du, ich habe wirklich Angst, dort zu erscheinen. Sieh, du bist nun angekommen, ich aber werde dafür büßen müssen!“

„Aber Onkel, wenn es so ist ...,“ begann ich, etwas verlegen durch dieses Geständnis.

„Nei-nei-nein! Um keinen Preis, auf keinen Fall!“ rief er heftig dazwischen, fest meine Hände drückend. „Du bist mein Gast, und ich will es so!“

Ich wunderte mich.

„Onkel, sagen Sie mir jetzt,“ begann ich nachdrücklich, „aus welchem Grunde oder zu welchem Zweck Sie mich hergerufen haben? Was erwarten Sie von mir, und vor allen Dingen, in welcher Beziehung sind Sie ‚nicht schuldlos‘ vor mir?“

„Weißt du, frage jetzt lieber nicht! Später, später! Alles das wird sich später aufklären! Ich habe vielleicht in vielem gefehlt, aber ich wollte wie ein ehrlicher Mensch handeln und ... und du wirst sie heiraten! Du wirst sie heiraten, wenn du nur einen Tropfen Edelmut besitzest!“ schloß er, in einer plötzlichen Gefühlsaufwallung über und über errötend, und drückte in diesem aufwallenden Gefühl schmerzhaft meine Hand. „Aber jetzt genug davon, kein Wort mehr! Du wirst ja selbst alles zeitig genug erfahren. Von dir wird es abhängen ... Die Hauptsache ist, daß du dort jetzt gefällst, daß du Eindruck machst. Laß dich nur nicht verwirren.“

„Aber sagen Sie doch, Onkel, wer ist denn eigentlich dort bei Ihnen? Ich muß gestehen, ich habe mich wenig in Gesellschaft bewegt, so daß ...“

„So daß dir jetzt etwas bange ist, wie?“ fragte der Onkel lächelnd. „Das hat nichts zu sagen! Verlier bloß nicht den Mut! Die Hauptsache ist, daß du dich nicht fürchtest. Wer dort bei uns ist, fragst du? Ja, wen haben wir denn da? ... Erstens natürlich meine Mutter,“ begann er geschäftig – „du erinnerst dich doch noch ihrer, oder nicht mehr? Eine herzensgute, durchaus edeldenkende, alte Frau, ohne alle Prätensionen, kann man sagen. Etwas altmodisch, aber das ist ja um so besser. Nun, und dann, weißt du, zuweilen hat sie so ... gewisse Einfälle, sie sagt manches so ... nun eben so in besonderem Ton. Augenblicklich ist sie mir böse, ärgert sich, aber es ist meine Schuld, und ich weiß es, daß es meine Schuld ist. Nun, und sie ist doch immerhin Grande Dame, Generalin ... ihr Mann war ein prächtiger Mensch, General, sehr gebildet, reich war er freilich nicht, aber vom Kriege her mit Narben bedeckt, – mit einem Wort: er hatte sich allgemeine Achtung verdient. Dann ist da Fräulein Perepelizyna. Nun, die ... ich weiß nicht ... in der letzten Zeit ist sie so etwas ... ihr Charakter, wie gesagt ... Aber man kann doch nicht alle verurteilen! ... Nun, Gott mit ihr ... du brauchst nicht zu glauben, daß sie so eine ist, die ... die anderen auf dem Halse sitzt. Sie ist, weißt du, die Tochter eines Majors. Mamas Busenfreundin, vergiß das nicht! Und dann, nun, meine liebe Schwester Praskowja Iljinitschna. Na, von der ist nicht viel zu sagen: eine einfache, gute Seele; ein wenig zu geschäftig, aber was für ein Herz! Du sieh nur aufs Herz, Freund, das ist die Hauptsache ... Ein bejahrtes Mädchen, aber, denk doch, dieser Sonderling Bachtschejeff macht ihr gewissermaßen den Hof und scheint anhalten zu wollen. Nur laß dir um Gottes willen nichts anmerken, kein Wort! Geheimnis! Na, und wen haben wir denn da noch? Von den Kindern rede ich weiter nicht: wirst sie selbst sehen. Morgen ist Iljuschas Namenstag ... Ja, richtig! Fast hätt’ ich’s vergessen: seit einem Monat, sieh mal, lebt bei uns Iwan Iwanytsch Misintschikoff, – du wirst mit ihm, denke ich, im dritten Grade verwandt sein ... ja genau: ein Vetter deines Vetters. Leutnant a. D. Er hat erst vor kurzem den Abschied genommen – stand in einem Husarenregiment. Ein noch junger Mensch. Ein wirklich guter Charakter. Aber, weißt du, er hat sich durch seine Verschwendung dermaßen – wie sag’ ich doch gleich? – na, abgerupft, daß ich gar nicht weiß, wie und wo er das in einem solchen Maße hat fertigbringen können. Übrigens hat er auch früher nichts gehabt, aber immerhin ... er hat viel Schulden gemacht ... Und jetzt ist er bei mir zu Besuch. Bisher kannte ich ihn überhaupt nicht – als er ankam, stellte er sich mir vor. So ein lieber, guter, ruhiger, bescheidener Mensch. Es hat hier, glaube ich, kein Mensch je ein Wort von ihm gehört. Er schweigt ununterbrochen. Foma hat ihn – zum Spott – den ‚schweigsamen Fremdling‘ genannt. Aber er macht sich nichts daraus, ärgert sich nicht. Foma ist jedenfalls mit ihm zufrieden, nur sagt er von ihm, dem Iwan, daß es nicht weit her mit ihm sei. Übrigens widerspricht Iwan ihm nie, er stimmt ihm immer bei. Hm! So ein stiller Junge ... Na, Gott mit ihm! Du wirst ja selbst sehen. Dann haben wir noch Gäste aus der Stadt: Pawel Ssemjonytsch Obnoskin mit seiner Mutter, ein junger Mann, ein ungeheuer kluger Mensch; etwas so Reifes, weißt du, ist in ihm, etwas Festes, Unerschütterliches ... Ich verstehe mich nur nicht auszudrücken! Hinzu kommt noch eine ungewöhnliche Sittlichkeit: strenge Moral! Nun, und dann schließlich lebt noch, sieh mal, eine Tatjana Iwanowna bei uns, mit der wir – je nachdem, wie man’s nimmt – auch noch verwandt sein sollen, natürlich nur sehr entfernt verwandt – du kennst sie nicht – ein nicht mehr ganz junges Mädchen – das muß man wohl sagen, aber immerhin ... sie hat auch ihre Vorzüge. Reich ist sie, weißt du, kann zwei Güter wie Stepantschikowo auf einmal kaufen. Sie hat erst vor kurzem geerbt, bis dahin war sie bettelarm. Aber du, Freund, du urteile nicht voreilig über sie: sie ist etwas kränklich ... ich wollte sagen, sie hat etwas ... etwas Phantasmagorisches in ihrem Charakter. Nun, du bist ein edeldenkender Mensch, du wirst es begreifen, sie hat doch sozusagen viel gelitten. Mit solchen Menschen, weißt du, die im Unglück gewesen sind, muß man doppelt nachsichtig sein! Aber du brauchst nicht gleich ... nun, so ... irgend etwas zu denken! Sie hat natürlich auch ihre Schwächen: so kommt sie zuweilen etwas aus dem Konzept, spricht manches zu schnell aus, wählt nicht immer das richtige Wort, das nötig ist ... das heißt, – nicht etwa, daß sie lügt, denk nur das nicht ... das kommt ja, Freund, aus edlem Herzen ... das heißt, wenn sie auch manches nicht ganz der Wahrheit gemäß sagen sollte, so geschieht das doch einzig sozusagen aus übergroßer Herzenseinfalt – du verstehst doch!“

Mein Onkel war offenbar sehr verwirrt und wurde immer verlegener.

„Hören Sie, Onkel,“ sagte ich, „ich habe Sie sehr lieb ... verzeihen Sie mir die offene Frage: werden Sie eine von den Damen heiraten oder nicht?“

„Wer ... wer hat dir das gesagt?“ fragte er, wie ein Kind errötend. „Sieh mal, Sserjosha, ich werde dir alles ganz genau erzählen. Erstens – ich heirate nicht. Meine Mutter, zum Teil auch meine Schwester und vor allen Dingen Foma Fomitsch, den Mama vergöttert – und mit Recht, mit Recht: er hat viel für sie getan – sie alle wollen, daß ich diese selbe Tatjana Iwanowna heirate, aus vernünftiger Überlegung, zum Wohl der ganzen Familie. Natürlich wollen sie ja nur mein Bestes – das begreife ich vollkommen. Aber ich werde um keinen Preis heiraten – ich habe mir schon das Wort gegeben. Nichtsdestoweniger verstand ich – ich weiß nicht, wie’s kam – nicht so recht zu antworten: ich habe weder ja noch nein gesagt. Das ist, weißt du, immer so mit mir. Und so glaubten sie denn, daß ich einwillige, und wollen jetzt unbedingt, daß ich mich morgen, zum Familienfest, erkläre ... ... Und da sitze ich nun und weiß nicht einmal, was ich tun soll! Hinzu kommt noch, daß Foma Fomitsch mir zürnt – weiß Gott aus welchem Grunde. Mama gleichfalls. Ich werde dir, weißt du, gestehen, daß ich nur dich erwartet habe, dich und Korowkin ... ich wollte sozusagen ausschütten, was ...“

„Aber womit kann denn Korowkin Ihnen helfen, Onkel?“

„Doch, doch, er kann mir helfen, du wirst sehen, – das ist, Freund, so ein Mensch ... Wie gesagt, ein Mann der Wissenschaft! Ich vertraue auf ihn, wie auf einen Fels! Ein besiegender, bestrickender Mensch! Wie er über Familienglück spricht! Weißt du, auch auf dich setzte ich meine Hoffnung, glaubte, du wirst sie zur Vernunft bringen. Sag’ doch selbst: nun, nehmen wir an, ich bin an allem Unglück schuld, ich allein! Das begreife ich doch, ich bin ja doch kein gefühlloser Holzklotz. Aber trotzdem konnte man doch auch mir einmal verzeihen! Himmel, wie wir dann alle leben könnten! ... Wenn du wüßtest, wie groß meine kleine Ssaschurka ist – sie könnte schon heiraten! Und wie Iljuscha sich entwickelt hat! Morgen ist sein Namenstag. Aber wegen Ssaschurka mache ich mir Sorgen ... sie ist ein kleiner Trotzkopf ...“

„Onkel! Wo ist mein Koffer? Ich werde mich umkleiden und dann sofort erscheinen, und dann ...“

„Im Fremdenzimmer oben, mein Freund, im Giebelzimmer. Ich hatte es im voraus so angeordnet, daß man dich, sobald du ankommst, sofort dorthin nach oben führen solle, damit dich niemand sieht. Ja, ja, kleide dich um! Das ist gut, vorzüglich, vorzüglich! Ich aber werde inzwischen die anderen dort ein wenig vorbereiten. Nun, mit Gott! Weißt du, Freund, man muß schlau sein. Hier wird man unfreiwillig zu einem Talleyrand. Nun, macht nichts! Jetzt trinken sie dort Tee. Wir haben immer ziemlich früh Teestunde. Foma Fomitsch liebt es, Tee zu trinken, sobald er von seinem Nachmittagsschläfchen aufgewacht ist. Es ist auch, weißt du, besser so ... Nun, ich gehe also, und du komme mir schnell nach, laß mich nicht lange allein: man ist, weißt du, wenn man allein ist, etwas befangen ... Ja! Wart! Was ich noch sagen wollte! Ich habe eine Bitte an dich: mach mir dort, bitte, keine Vorwürfe, wie du sie mir vorhin hier machtest – was? Wenn du was sagen willst, so tu’s später, hier unter vier Augen – nicht? Bis dahin aber bezwing dich und schieb es auf! Ich habe es dort, sieh mal, sowieso mit allen verdorben. Sie ärgern sich ...“

„Hören Sie, Onkel, nach allem, was ich gehört und gesehen habe, scheint es mir, daß Sie ...“

„Daß ich ein Lappen bin – nicht? Sprich es nur ruhig aus!“ unterbrach er mich ganz unvermutet. „Ja, Freund, was ist da zu machen! Ich weiß es ja selbst. Nun, dann kommst du also? Komm bitte, sobald wie möglich!“

Oben im Giebelzimmer angelangt, kramte ich eilig die notwendigen Sachen aus meinem Koffer, eingedenk der Bitte meines Onkels, ihm bald zu folgen. Während des Ankleidens dachte ich darüber nach, daß ich, trotz der langen Unterhaltung mit meinem Onkel, doch noch nichts von dem in Erfahrung gebracht hatte, was ich hauptsächlich wissen wollte. Ich wurde nachdenklich. Nur eines war mir einigermaßen klar: mein Onkel wünschte immer noch, daß ich sie heiratete, und folglich waren alle Gerüchte, die dem widersprachen, wie zum Beispiel, daß er selbst in das junge Mädchen verliebt sei, unbegründet. Ich weiß noch, daß ich mich in großer Aufregung befand. Unter anderem dachte ich auch darüber nach, daß ich durch meine Ankunft und mein Schweigen in der Hauptsache meinem Onkel gleichsam meine Zustimmung ausgedrückt, ihm mein Wort gegeben, mich auf ewig gebunden hatte.

„Es ist nicht schwer,“ dachte ich, „nicht schwer, ein Wort auszusprechen, das einen dann später an Händen und Füßen und auf ewig bindet. Und das Beste ist, daß ich die Braut noch nicht einmal gesehen habe!“

Und andererseits: woher diese Feindschaft der ganzen Familie gegen mich? Warum sollten sie über meine Ankunft, wie mein Onkel sagte, ungehalten sein? Und was für eine sonderbare Rolle spielte denn mein Onkel hier in seinem eigenen Hause? Aus welchem Grunde vermeidet er es, mir auf gewisse Fragen zu antworten? Aus welchem Grunde fürchtet und quält er sich so? Offen gesagt, der ganze Sachverhalt erschien mir plötzlich vollkommen unsinnig, unbegreiflich. Meine romantischen und heroischen Träume aber waren jetzt, nach dem ersten Zusammenstoß mit der Wirklichkeit, endgültig verflogen. Erst jetzt, nach der Unterredung mit meinem Onkel, begriff ich die ganze Ungereimtheit, den ganzen Wahnsinn seines Vorschlages, und ich sagte mir, daß unter solchen Umständen wahrlich nur er allein einen solchen Plan aushecken konnte. Desgleichen gestand ich mir, daß ich selbst, indem ich auf sein erstes Wort hin Hals über Kopf hergefahren kam, fast begeistert von seinem Vorschlag, einem Narren und Dummkopf sogar auffallend ähnlich gewesen war.

Mit diesen unangenehmen Erwägungen beschäftigt, kleidete ich mich so eilig an, daß ich den mir behilflichen Diener zuerst gar nicht bemerkte.

„Werden der Herr die adelaidenfarbene Kravatte umlegen oder diese feinkarierte?“ fragte er plötzlich mit einer fast widerlich süßen Bescheidenheit.

Jetzt erst sah ich ihn an, und es schien mir auf den ersten Blick, daß seine Person ein gewisses Interesse verdiente. Er war ein noch junger Mensch, für einen Diener viel zu gut gekleidet, vielleicht nicht schlechter als manch ein Geck unserer Gouvernementsstädte. Er trug einen braunen Frack, weiße Beinkleider, eine strohfarbene Weste, Halbstiefel aus Lackleder und eine rosa Krawatte. Augenscheinlich war jedes Stück nicht ohne eine gewisse Absicht gewählt: diese ganze Ausstattung mußte sofort den feinen Geschmack des jungen Mannes verraten. Die Uhrkette war gleichfalls nicht zufällig so angebracht, daß sie einem in die Augen stach. Sein Gesicht war blaß und etwas grünlich; seine Nase war groß, gebogen, ungewöhnlich weiß, fast als wäre sie von Porzellan gewesen. Das Lächeln seiner schmalen Lippen drückte eine gewisse Melancholie aus, und zwar eine sehr zartfühlende Melancholie. Seine großen hervorquellenden Augen hatten etwas Gläsernes, ihr Blick war auffallend stumpf, aber dennoch drückten sie eine gewisse „Zartheit“ aus. In seinen dünnen, weichen Ohren trug er – wohl gleichfalls aus „Zartheit“ – je ein Flöckchen weiße Watte. Seine langen, weißblonden, spärlichen Haare waren zu Locken gedreht und pomadisiert. Seine Hände – oder vielmehr Händchen – waren weiß, sauber, wie in Rosenwasser gebadet. Seine Nägel waren geckenhaft lang und rosig. Kurz, alles an ihm sprach von Verzärtelung und Eitelkeit. Er lispelte vor lauter Vornehmheit und sprach nach neuester Mode das r fast gar nicht aus, er schlug die Augen auf und schlug sie nieder, seufzte und schmachtete bis zur Unglaublichkeit. Ja, er duftete sogar nach Parfüm. Er war nicht groß, war schwächlich und welk, und beim Gehen knickte er sehr absonderlich in den Beinen, so daß es aussah, als wolle er sich bei jedem Schritt setzen, worin er wahrscheinlich die vornehmste Zartheit sah. Mit einem Wort, der ganze Mensch war förmlich durchtränkt mit Zartheit, Subtilität und ungewöhnlich entwickeltem Empfinden der eigenen Würde. Besonderes letzteres mißfiel mir im ersten Augenblick sehr, ohne daß ich hierfür einen besonderen Grund angeben könnte.

„So ist diese Krawatte adelaidenfarben?“ fragte ich und sah den jungen Diener scharf an.

„Jawohl, genau adelaidenfarben,“ antwortete er mit „Zartsinn“.

„Und nicht agrafenenfarben?“

„Nein. Eine solche Farbe kann es überhaupt nicht geben.“

„So? Warum denn nicht?“

„Agrafena ist ein unanständiger Name.“

„Wieso unanständig? Warum?“

„Das weiß doch ein jeder: Adelaida ist wenigstens ein ausländischer Name, ein veradelter also; Agrafena aber kann hier jedes Bauernweib heißen.“

„Du bist wohl übergeschnappt?“

„Keineswegs, ich bin bei vollem Verstande. Es steht dem Herrn allerdings frei, mich wie beliebt zu benennen, doch sind mit meinem Worte viele Generäle und Herren aus der Hauptstadt zufrieden gewesen.“

„Wie heißt du denn?“

„Widopljässoff.“

„Ah! Also du bist Widopljässoff!“

„So heiße ich.“

„Na, dich werde ich wohl noch näher kennen lernen.“

Bei mir aber dachte ich, als ich die Treppe hinabstieg: „Weiß Gott, das ist ja hier eine regelrechte Irrenanstalt!“