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Sämtliche Werke 17 cover

Sämtliche Werke 17

Chapter 10: VI.
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About This Book

A set of comic short narratives and sketches that lampoon provincial society through irony, farce, and grotesque incidents. The pieces expose gossip, vanity, social climbing, and hypocrisy by staging absurd situations and exaggerated characters, ranging from light anecdote to extended satirical tale. The collection shifts tone between playful mockery and sharper social observation, repeatedly showing how rumor, pretension, and bureaucratic or domestic follies produce comic yet revealing consequences.

VI.

Ssofja Petrowna Karpuchina, die Frau eines Obersten, glich nur seelisch einer Elster. Körperlich erinnerte sie eher an einen dünnen Sperling. Sie war eine kleine, fünfzigjährige Dame mit scharfen, stechenden Augen in einem Gesicht, das ganz von Sommersprossen und anderen gelben Flecken bedeckt war. Ihr kleiner, ausgetrockneter Körper, der auf zwei dünnen, festen Sperlingsbeinen stand, stak in einem dunklen Seidenkleid, das beständig rauschte, da die Dame nie, auch nur zwei Sekunden lang, sich ruhig verhalten konnte. Sie war eine geradezu bösartige, rachsüchtige Klatschbase. Der Oberstenrang ihres Mannes war ihr dermaßen zu Kopf gestiegen, daß er sie jeder gesunden Vernunft beraubt hatte. Mit ihrem Mann jedoch, dem Oberst a. D., führte sie oft Krieg und zerkratzte ihm bei der Gelegenheit tüchtig das Gesicht. Außerdem trank sie jeden Morgen vier Gläschen Branntwein und am Abend dieselbe Portion, und haßte bis zum Wahnsinn Anna Nikolajewna Antipowa, die ihr vor einer Woche die Tür gewiesen, sowie auch Natalja Dmitrijewna Paskudina, die dabei geholfen hatte.

„Ich bin nur auf einen Augenblick zu Ihnen gekommen, mon ange,“ begann sie mit ihrer kreischenden Stimme. „Es ist ganz überflüssig, daß ich mich gesetzt habe. Ich wollte nur erzählen, was für Wunder bei uns geschehen. Die ganze Stadt ist einfach von Sinnen und das wegen dieses Fürsten! Unsere Gimpelfängerinnen – vous comprenez! – suchen ihn, fangen ihn, reißen ihn sich gegenseitig aus den Händen, schleppen ihn zu sich, setzen ihm Champagner vor, – Sie werden es nicht glauben! Sie glauben es nicht! Aber wie haben Sie sich nur entschließen können, ihn von sich fortzulassen? Wissen Sie auch, daß er jetzt bei Natalja Dmitrijewna ist?“

„Bei Natalja Dmitrijewna!“ schrie Marja Alexandrowna auf und sprang mit einem Satz von ihrem Polsterstuhl in die Höhe. „Aber er ist doch nur zum Gouverneur gefahren und dann vielleicht zu Anna Nikolajewna, aber nur auf einen Augenblick!“

„Auf einen Augenblick! Sehen Sie jetzt zu, wie Sie ihn wieder einfangen können! Den Gouverneur hat er nicht zu Haus angetroffen, von dort ist er zu Anna Nikolajewna gefahren, hat ihr sein Wort gegeben, daß er bei ihr speisen würde, Nataschka aber, die jetzt in einem fort bei ihr sitzt, hat ihn sofort zum Frühstück zu sich geschleppt! Da haben Sie jetzt Ihren Fürsten!“

„Aber wie ... Mosgljäkoff? Er hat mir doch versprochen ...“

„Mosgljäkoff! Ihr gepriesener! ... Er ist doch gleichfalls hingefahren! Seien Sie froh, wenn er dort nicht an den Kartentisch gesetzt wird und wieder alles verspielt, wie vor einem Jahr! Und auch der Fürst wird an den Tisch gesetzt und bis aufs letzte gerupft werden. Und was sie da alles klatscht, diese Nataschka! Sie sagt es ganz ungeniert und laut, daß Sie sich des Fürsten bemächtigen wollen ... zu gewissen Zwecken – vous comprenez? Sie setzt es ihm selbst auseinander. Er begreift natürlich nichts, sitzt da wie ein begossener Pudel und sagt zu allem: ‚Nun ja, nun ja!‘ Und sie selbst, sie selbst, diese Nataschka! Sofort hat sie ihm ihre Ssonjka vorgeführt – denken Sie sich: fünfzehn Jahre alt und immer noch zieht sie dem Mädchen kurze Kleider an! Immer noch bis zu den Knien, wie Sie sich denken können! ... Und dann hat sie nach der verwaisten Maschka geschickt, die kam gleichfalls im kurzen Kleide, nur war das noch kürzer, nicht einmal bis zu den Knien, – ich habe es durch mein Lorgnon gesehen ... Auf den Kopf wurden ihnen rote Mützen mit Federn gesetzt – was das zu bedeuten hatte, weiß ich nicht! Und dann mußten diese beiden Halbnackten vor dem Fürsten den Kasatschok tanzen! Sie kennen ja die Schwäche dieses Fürsten – er schnalzte! ‚Diese Formen,‘ sagte er, ‚diese Formen!‘ und betrachtete sie vom Kopf bis zu den Füßen durch sein Lorgnon – sie aber kommen in Schwung! Beide ganz erhitzt – verrenken ihre Beine, daß Gott erbarm, und das soll ein Tanz sein! Ich habe selbst getanzt, wissen Sie, mit einem Schal, als ich Madame Jarnies Pension für junge Mädchen verließ – da habe ich einen wahrhaft aristokratischen Effekt gemacht! Sogar Senatoren klatschten mir Beifall! Dort wurden nur Fürsten- und Grafentöchter erzogen! Dieses hier aber war doch einfach Cancan! Ich verging vor Scham, ich verging, ich verging! Ich hielt es einfach nicht aus! ...“

„Aber waren Sie denn selbst bei Natalja Dmitrijewna? Sie sind doch ...“

„Ich weiß, sie hat mich vor einer Woche beleidigt. Ich sage das einem jeden ganz offen. Mais, ma chère, ich wollte wenigstens durch einen Türspalt diesen Fürsten mir ansehen und so fuhr ich hin. Wo hätte ich ihn denn sonst sehen können? Würde ich denn zu ihr gefahren sein, wenn es sich nicht um diesen elenden Fürsten gehandelt hätte? Denken Sie sich: allen wird Schokolade gereicht, nur mir nicht! Und sie selbst spricht kein Wort mit mir. Das hat sie doch mit Absicht getan ... Diese Verleumderin! Ich werde ihr aber jetzt! ... Doch adieu, mon ange, adieu, ich eile, ich eile ... Ich muß unbedingt noch Akulina Panfilowna zu Hause antreffen und ihr erzählen ... Nur sagen Sie jetzt Ihrem Fürsten Lebewohl! Den werden Sie nicht mehr wiedersehen. Wissen Sie, er hat ja kein Gedächtnis – und so wird ihn Anna Nikolajewna unbedingt bei sich behalten! Alle fürchten dort, daß Sie ... vous comprenez? – in bezug auf Sina ...“

Quelle horreur!

„Sie können mir aufs Wort glauben! Die ganze Stadt spricht nur noch davon. Anna Nikolawjewna will ihn unbedingt zum Essen bei sich behalten und dann, versteht sich, auf immer! Das macht sie Ihnen zum Trotz, um Sie zu schikanieren, mon ange. Ich habe durch einen Zaunspalt in ihren Hof gelauert: ein Hasten und Treiben ist dort, sag ich Ihnen! – in der Küche wird gebraten, gebacken, mit Messern gehackt ... sogar nach Champagner ist geschickt worden. Eilen Sie, eilen Sie, fangen Sie ihn unterwegs auf, wenn er zu ihr fährt. Er hat Ihnen doch zuerst zugesagt! Er ist Ihr Gast und nicht Anna Nikolajewnas! Und nur, damit diese geriebene, abgefeimte, ungebildete Person über uns lachen kann! Sie ist nicht einmal meine Schuhsohle wert, wenn sie auch Frau Staatsanwalt ist! Ich bin selbst die Frau eines Obersten! Ich bin in Madame Jarnies aristokratischer Pension erzogen worden ... Mais adio, mon ange! Ich habe meinen Schlitten, sonst würde ich mit Ihnen fahren ...“

Die wandernde Zeitung verschwand. Marja Alexandrowna zitterte vor Aufregung, aber der erteilte Rat war äußerst klar und praktisch. Sie hatte keine Zeit zu versäumen. Nur galt es vorher noch die größte Schwierigkeit zu überwinden. Marja Alexandrowna eilte in das Zimmer ihrer Tochter.

Sina ging, die Arme über der Brust gekreuzt, den Kopf gesenkt, bleich und verstört in ihrem Zimmer umher. Ihre Augen waren verweint, doch in ihrem Blick, den sie auf die Mutter richtete, lag Entschlossenheit. Sie unterdrückte schnell ihre Tränen und ein sarkastisches Lächeln erschien auf ihren Lippen.

„Mama,“ sagte sie, um ihrer Mutter vorzugreifen, „du hast viel von deiner Redekunst an mich vergeudet, gar zu viel. Du hast mich aber doch nicht blind gemacht. Ich bin kein Kind. Mir einzubilden, daß ich gegebenenfalls die Tat einer barmherzigen Schwester vollbrächte, wenn ich dazu nicht im geringsten berufen bin, eine niedrige Handlungsweise mit edlen Zielen rechtfertigen zu wollen – das ist ein Jesuitismus, der mich nicht betören kann. Höre: das hat mich nicht betören können und ich will, daß du das vor allem weißt!“

„Aber, mon ange!“ rief etwas ängstlich Marja Alexandrowna aus.

„Schweig, Mama! Hab’ bitte die Geduld, mich bis zu Ende anzuhören. Trotz der vollen Erkenntnis dessen, daß es nichts als Jesuitismus ist, trotz meiner vollen Überzeugung von der unentschuldbaren Niedrigkeit dieser Handlung, – trotzdem gehe ich auf deinen Vorschlag vollkommen ein, hörst du: vollkommen, und erkläre dir, daß ich einverstanden bin, den Fürsten zu heiraten und sogar einverstanden, dich in allen deinen Bemühungen zu unterstützen, um ihn zu einem Heiratsantrag zu bringen. Wozu ich es tue? – Das ist meine Sache. Dir mag es genügen, daß ich mich entschlossen habe ... Jawohl, ich bin zu allem entschlossen: ich werde ihm die Stiefel reichen, ich werde seine Wärterin sein, ich werde ihm zu seinem Vergnügen vortanzen, um meine Niedrigkeit vor ihm zu verdecken; ich werde alles, alles tun, nur damit er es nicht bereut, daß er mich geheiratet hat! Doch als Gegenleistung für meinen Entschluß verlange ich, daß du mir offen sagst, auf welche Weise du es durchsetzen willst, daß er um mich anhält? Wenn du in so bestimmtem Tone davon zu sprechen angefangen hast, so – ich kenne dich – so hast du unfehlbar einen festen Plan gefaßt. Sei jetzt wenigstens einmal im Leben aufrichtig! Diese Aufrichtigkeit ist die einzige Bedingung, die ich stelle. Ich kann nicht darauf eingehen, wenn ich nicht vorher genau weiß, was du tun wirst.“

Marja Alexandrowna war von dem unerwarteten Entschluß ihrer Tochter so bestürzt, daß sie eine ganze Weile wie taub und stumm vor ihr stand und sie nur aus weit offenen Augen anstarrte. Sie konnte noch nicht einmal denken vor Verwunderung. Sie hatte sich darauf gefaßt gemacht, lange noch mit der trotzigen „Romantik“ ihrer Tochter, deren schroffes Anstandsgefühl sie stets gefürchtet hatte, kämpfen zu müssen, und nun hörte sie plötzlich, daß diese vollkommen mit allem einverstanden und zu allem bereit war, und sogar gegen ihre Überzeugung! Nein, wenn es so stand, dann erhielt ja die Sache eine ungewöhnliche „Solidität“, – und Freude erglänzte in Marja Alexandrownas Augen.

„Sinachen!“ rief sie begeistert aus, „Sinachen! Du bist mein Fleisch und mein Blut!“

Mehr konnte sie nicht hervorbringen und sie eilte zur Tochter, um sie in ihre Arme zu schließen.

„Ach, mein Gott! Ich habe dich nicht um deine Umarmungen gebeten, Mama!“ wehrte sich Sina mit angeekelter Gereiztheit. „Ich brauche dein Entzücken nicht! Ich verlange von dir nur eine Antwort auf meine Frage und nichts weiter.“

„Aber, Sina, ich habe dich doch lieb, mein Kind! Ich vergöttere dich, du aber stößt mich von dir ... ich tue es doch nur in der Sorge um dein Glück ...“

Tränen erglänzten in ihren Augen. Marja Alexandrowna liebte ihre Tochter tatsächlich, nur tat sie es – auf ihre Art. Und diesmal waren ihr der Erfolg und die Aufregung allerdings nahe gegangen. Sina begriff, daß die Mutter sie liebte und – diese Liebe bedrückte sie.

„Nun, sei mir nicht böse, Mama, ich bin nur so aufgeregt,“ sagte sie, um die Mutter zu beruhigen.

„Ich bin nicht böse, ich bin nicht böse, mein Engelchen!“ versicherte Marja Alexandrowna, im Augenblick wieder belebt, „ich begreife es doch, daß du erregt bist. Sieh, mein Kind, du verlangst volle Aufrichtigkeit ... Schön, ich werde aufrichtig sein, vollkommen aufrichtig, glaube mir: Wenn du mir nur glauben wolltest! Aber ich sage dir, daß ich einen bestimmten Plan, der in allen Punkten festgesetzt wäre, noch nicht habe, Sinachen, und das ist ja auch ganz unmöglich. Du, als kluges Köpfchen, wirst doch verstehen, weshalb nicht. Ich sehe sogar einige Schwierigkeiten voraus ... Soeben hat mir diese Klatschbase da die Ohren vollgeblasen ... Ach, mein Gott! Ich müßte mich beeilen! – Sieh, ich bin vollkommen aufrichtig, mein Kind! Aber ich schwöre dir, ich werde das Ziel erreichen!“ beteuerte sie begeistert. „Meine Überzeugung ist durchaus nicht poetischer Natur, wie du vorhin sagtest, mein Engel. Sie beruht auf der Wirklichkeit, auf Tatsachen ... Sie beruht auf der völligen Gedächtnisschwäche des Fürsten, – die aber ist doch derart! ... ist doch ein solcher Kanevas, daß man alles auf ihm ausnähen kann – was man nur will! Die Hauptsache ist, daß man uns nicht stört! Aber wie sollen denn diese Gänse mich überlisten!“ rief Marja Alexandrowna stolz aus, schlug mit der Hand auf den Tisch und ihre Augen blitzten. „Das laß nur meine Sache sein! Nur – jetzt ist das Wichtigste, daß man sofort beginnt ... Wenn es nur irgend geht, muß heute noch das Hauptsächlichste erledigt werden.“

„Gut, Mama, nur höre jetzt noch ein ... aufrichtiges Geständnis: Weißt du, weshalb ich mich für deinen Plan so interessiere und ihm nicht traue? Weil ich mich auf mich selbst nicht verlassen kann. Ich habe dir gesagt, daß ich mich zu dieser Schändlichkeit entschlossen habe, wenn aber die Einzelheiten deines Planes gar zu widerlich sind, gar zu schmutzig, so erkläre ich dir im voraus, daß ich es alsdann nicht aushalten und mich dann von dem ganzen Vorhaben zurückziehen werde. Ich weiß, daß das eine neue Schändlichkeit ist: sich zu einer Schändlichkeit zu entschließen und den Schmutz zu fürchten, in dem sie schwimmt, – doch was soll ich tun? Es wird ja bestimmt so sein! ...“

„Aber, Sinachen, wo ist denn hier eine so besondere Schändlichkeiten, mon ange?“ wagte die Mutter schüchtern einzuwenden. „Hier handelt es sich doch nur um eine vorteilhafte Heirat, und dazu entschließen sich doch alle! Man braucht ja nur von diesem Standpunkt aus zu sehen, und alles wird dann sogar sehr anständig erscheinen ...“

„Ach, Mama, spiel’ doch um Gottes willen nicht Verstecken mit mir! Du siehst doch, ich bin mit allem, mit allem, einverstanden! – was willst du denn noch mehr? Bitte, fürchte dich nicht, wenn ich die Dinge bei ihrem richtigen Namen nenne. Vielleicht ist das jetzt – meine einzige Beruhigung.“

Ein bitteres Lächeln erschien auf ihren Lippen.

„Nun, nun, schon gut, mein Engelchen, man kann in den Gedanken nicht ganz übereinstimmen und dennoch sich gegenseitig achten. Nur, – wenn dich die Einzelheiten beunruhigen und du fürchtest, daß sie schmutzig sein könnten, so überlaß diese Sorgen vollkommen mir: ich schwöre dir, daß kein Tröpfelchen Schmutz auf dich spritzen wird. Will ich dich denn vor allen kompromittieren? Verlaß du dich nur auf mich und alles wird vorzüglich und durchaus anständig arrangiert werden, die Hauptsache ist – durchaus anständig, sogar vornehm! Es wird nicht den geringsten Skandal geben, und selbst wenn es auch so ein kleines, unvermeidliches Skandälchen geben sollte, – so ... irgendwie! – so sind wir dann doch schon über alle Berge! Wir werden doch nicht hier bleiben! Mögen sie dann schreien, soviel sie wollen – was geht das uns an? Sie werden uns ja doch nur beneiden. Und sind diese Menschen es denn überhaupt wert, daß man sich um sie kümmert? Es wundert mich eigentlich, Sinachen, sei mir nicht böse, – daß du bei deinem Stolz sie so fürchtest!“

„Ach, Mama, ich fürchte sie durchaus nicht! Du willst mich nur nicht verstehen!“ antwortete Sina gereizt.

„Nun, nun, mein Seelchen, sei mir nicht böse! Ich sage ja nur, daß sie selbst an jedem Tage, den Gott werden läßt, Schändlichkeiten begehen, du aber würdest dann nur ein einziges Mal im Leben ... aber was fällt mir ein! Was rede ich dumme Person! Durchaus keine Schändlichkeit! Wo ist hier eine Schändlichkeit, oder was soll hier schmutzig sein, wie du sagst? Im Gegenteil, es ist sogar sehr edel von dir. Ich werde es dir beweisen, mein Kind. Erstens, ich wiederhole: es hängt alles nur davon ab, von welchem Standpunkt aus man auf die Sache sieht ...“

„Ach, hör’ doch auf, Mama, mit deinen Beweisen!“ unterbrach Sina sie zornig und stampfte mit dem Fuß auf.

„Nun, mein Seelchen, ich werde nicht, ich werde nicht! Ich habe mich wieder verplappert ...“

Es trat ein kurzes Schweigen ein. Marja Alexandrowna folgte unruhig ihrer Tochter und suchte zaghaft deren Blick, wie etwa ein kleines, unartig gewesenes Schoßhündchen seiner Herrin in die Augen sieht.

„Ich begreife nicht einmal, wie du es beginnen willst,“ sagte Sina, die ihren Ekel niederrang. „Ich bin überzeugt, daß du nur auf Schande stoßen wirst. Ich verachte die Meinung dieser Leute, aber für dich, Mama, wird es eine Schande sein.“

„O, wenn nur das allein dich beunruhigt, mein Engel – deshalb mach dir keine Sorgen! Ich bitte dich, ich flehe dich an! Wenn nur wir uns einigen – um mich brauchst du dich nicht im geringsten zu beunruhigen. Ach, wenn du wüßtest, aus welchen Bädern ich mich trocken herausgearbeitet habe! Ich habe noch ganz anderes erlebt und durchgehalten! Nun, erlaub mir nur wenigstens, dies da zu versuchen! Jedenfalls ist das Wichtigste, daß wir so bald als irgend möglich mit dem Fürsten allein sind. Das ist das erste! Alles übrige wird nur davon abhängen! Aber ich fühle auch das schon alles voraus. Sie werden sich alle empören, aber ... das macht nichts! Ich werde sie abzufertigen wissen! Nur Mosgljäkoff fürchte ich noch ...“

„Mosgljäkoff?“ fragte Sina verächtlich.

„Nun ja, Mosgljäkoff. Das heißt, fürchte du dich nicht, Sinachen! Ich schwöre dir, ich werde ihn so weit bringen, daß er uns noch helfen wird! Du kennst mich noch nicht, Sinachen! Du weißt noch nicht, was ich in der Tat leisten kann! Ach, Sinachen, mein Seelchen! Vorhin, als ich von der Ankunft dieses Fürsten hörte, kam mir sofort der Gedanke! Es kam im Augenblick wie eine Erleuchtung über mich. Und wer, sag’ doch selbst, wer hätte es erwarten können, daß er ausgerechnet bei uns absteigen würde? Eine solche Gelegenheit wird es ja in tausend Jahren nicht wieder geben! Sinachen! Mein Engelchen! Nicht das ist ehrlos, daß du einen Greis und Krüppel heiratest, sondern daß du einen heiratest, den du verabscheust und nicht ertragen kannst und dennoch in Wirklichkeit seine Frau sein wirst! Dem Fürsten aber wirst du doch nicht eine wirkliche Frau sein. Mit ihm: das ist doch keine Ehe! Das ist einfach ein häuslicher Kontrakt! Er gewinnt doch nur dabei, – ihm, diesem Esel, gibt man ein solches Glück! Ach, Sinachen, du weißt ja gar nicht, wie schön du heute bist! Du bist nicht nur schön, du bist geradezu wunderbar! Ich würde, wenn ich ein Mann wäre, dir ein halbes Königreich verschaffen, wenn du es nur wolltest! Esel sind sie alle! Wie soll man diese Hand nicht küssen?“ – Und Marja Alexandrowna küßte leidenschaftlich der Tochter die Hand. „Das ist ja doch mein Körper, mein Fleisch, mein Blut! Man muß ihn, wenn nicht anders, mit Gewalt zur Heirat zwingen, den Esel! Aber wie wir dann leben werden, Sinachen! Du wirst doch deine Mutter nicht fortjagen, wenn du im Glück lebst? Wir haben uns ja oft gestritten, mein Engelchen, aber immerhin hast du doch keinen so treuen Freund gehabt wie mich ... immerhin ...“

„Mama! Wenn du dich bereits entschlossen hast, so ist es vielleicht gut für dich ... etwas zu tun. Hier aber verlierst du nur Zeit!“ sagte Sina ungeduldig.

„Es ist Zeit, es ist Zeit, Sinachen, gewiß ist es höchste Zeit, daß ich gehe! Ach! Ich habe hier so lange geschwatzt!“ Marja Alexandrowna kam zur Besinnung. „Sie wollen uns dort alle den Fürsten entreißen. Ich fahre im Augenblick! Ich werde einfach vorfahren, Mosgljäkoff herausrufen lassen und dann ... Ich werde ihn mit Gewalt fortbringen, wenn’s darauf ankommt! Leb wohl, Sinachen, auf Wiedersehen, mein Täubchen, laß den Mut nicht sinken, zweifle nicht, sei nicht traurig, vor allem – sei nicht traurig! Alles wird vorzüglich, wird äußerst vornehm arrangiert werden! Die Hauptsache ist ja nur, von welchem Standpunkt aus man die Sache auffaßt ... nun, leb wohl, leb wohl! ...“

Marja Alexandrowna bekreuzte ihre Tochter, eilte dann in ihr Zimmer, drehte sich dort einen Augenblick vor dem Spiegel und zwei Minuten später rollte sie schon in ihrer Equipage, die um diese Zeit immer für den Fall einer Ausfahrt angeschirrt stand, durch die Straßen von Mordassoff: Marja Alexandrowna lebte „en grand“.

„Nein, ihr seid nicht die Rechten, mich zu überlisten!“ dachte sie, als sie in ihrem Wagen saß. „Sina ist einverstanden, folglich ist die halbe Arbeit schon getan, und hier nun sollte es mir nicht gelingen! Unsinn! Ja, die Sina! Sie hat doch eingewilligt ... endlich! Also auch auf dein Köpfchen können andere Berechnungen ihren Einfluß haben! Ich habe ihr aber auch eine verlockende Perspektive ausgemalt! Die Wirkung hat endlich einmal nicht versagt: Aber ... es ist ja ganz unfaßlich, wie schön sie heute aussieht! Ich würde mit ihrer Schönheit halb Europa nach meinem Wunsch umdrehen! Nun, warten wir ab ... Der Shakespeare wird ihr schon aus dem Kopf kommen, wenn sie erst Fürstin ist und gewisse Dinge kennen lernt. Was kennt die denn? Mordassoff und ihren Lehrer! ... Hm ... Aber was für eine Fürstin sie sein wird! Ich liebe diesen Stolz an ihr. Diese Kühnheit! Wie unnahbar sie ist! Ein Blick von ihr – und eine Königin hat einen angesehen! Wie, wie soll man denn nicht seinen eigenen Vorteil begreifen? Endlich hat sie ihn denn auch begriffen! Wird auch das übrige begreifen ... Ich werde doch immerhin bei ihr sein. Ich werde schon dafür sorgen, daß sie in allen Punkten mit mir übereinstimmt! Ohne mich aber wird sie nicht auskommen! Ich werde selbst Fürstin sein, auch in Petersburg wird man mich kennen lernen. Leb wohl dann, erbärmliches Städtchen! Dieser Fürst wird sterben und auch dieser Knabe wird sterben und dann werde ich sie mit einem regierenden Fürsten verheiraten! ... Nur eines macht mir Sorge: habe ich mich ihr nicht zu sehr anvertraut? Bin ich nicht zu offenherzig gewesen, zu gefühlvoll vielleicht? Sorgen macht sie mir, weiß Gott ... ich fürchte sie fast ...“

Und Marja Alexandrowna wurde nachdenklich. Es läßt sich nicht leugnen: sie hatte allen Grund, besorgt zu sein. Sagt man doch in manchen Fällen ganz mit Recht: Leidenschaft sehr oft viel Leiden schafft.

Als Sina allein zurückgeblieben war, ging sie noch lange auf und ab in ihrem Zimmer, die Arme verschränkt und mit ihren Gedanken beschäftigt. Sie dachte über vieles nach. Fast unbewußt murmelte sie immer wieder: „Es ist Zeit, es ist Zeit, es wäre schon lange Zeit dazu gewesen!“ Was hatte dieser Ausruf zu bedeuten? Mehr als einmal blitzten Tränen in ihren langen, seidigen Wimpern. Sie dachte nicht daran, ihrer Stimmung Gewalt anzutun. Doch die Sorgen ihrer Mutter waren ganz überflüssig. Umsonst bemühte sie sich, hinter die Gedanken ihrer Tochter zu kommen: Sina hatte sich endgültig entschlossen und sich auf alle Folgen gefaßt gemacht.

„Wart mal!“ dachte Nastassja Petrowna Sjäblowa, als sie nach der Abfahrt der Frau Oberst Karpuchina aus der dunklen Kleiderkammer wieder hinausschlich. „Und ich wollte mir schon eine rosa Schleife anstecken, für diesen elenden Fürsten! Auch ich dumme Gans glaubte, daß er mich heiraten würde! Da hast du’s jetzt – rosa Schleife! Aber Marja Alexandrowna! Ich soll also ein Schmierpinsel sein, ich soll mich mit zweihundert Rubel bestechen lassen! Das fehlte noch, daß ich dir etwas abließe oder unentgeltlich machte, du falsche Person! Ich nahm das Geld auf ehrliche Weise; ich nahm es für die mit dem Vorhaben verknüpften Ausgaben ... Vielleicht habe ich selbst bestechen müssen! Was geht das dich an, ob ich mit eigenen Händen das Schloß aufgebrochen oder andere dafür bezahlt habe! Ich habe doch für dich gearbeitet und du schonst deine Hände! Du willst immer nur auf Kanevas ausnähen! Wart mal, ich werde dir zeigen, was Kanevas ist! Ich werde euch beiden zeigen, was für ein Schmierpinsel ich bin! Ihr sollt einmal Nastassja Petrowna und deren ganze Bescheidenheit kennen lernen!“