Der Fürst trat ein – ein wonniges Lächeln auf den Lippen. Die ganze Aufregung, in die Mosgljäkoff vor kaum zehn Minuten sein Hühnerherz versetzt hatte, verschwand spurlos beim Anblick der Damen. Er zerschmolz wie ein Bonbon. Man empfing ihn mit kreischenden Freuderufen. Im allgemeinen wurde unser Greis von Damen sehr verhätschelt. Sie gingen meist sehr familiär mit ihm um. Er hatte die Eigenschaft, sie mit seiner durchlauchtigsten Persönlichkeit ungemein zu zerstreuen. Felissata Michailowna hatte am Vormittag sogar behauptet – natürlich nur scherzweise –, daß sie bereit sei, sich auf seine Knie zu setzen, wenn es ihm angenehm wäre – denn er sei ein so „lieber, lieber alter Herr, ganz unsäglich lieb!“ Marja Alexandrowna verschlang ihn geradezu mit den Blicken, bemüht, wenigstens etwas aus seinem Gesicht zu erforschen – zu erraten, welchen Ausgang ihre kritische Lage nehmen würde. Eines war jedenfalls klar: Mosgljäkoff hatte etwas Gefährliches angerichtet. Ihr ganzer Plan war stark erschüttert ... Doch aus dem Gesicht des Fürsten war absolut nichts zu erraten: er war ganz derselbe wie immer.
„Ach Gott! Da ist ja der Fürst! Und wir haben Sie erwartet und erwartet!“ riefen einige der Damen aus.
„In größter Ungeduld, Fürst, in größter Ungeduld!“ flöteten andere.
„Das ist mir sehr schmei–chelhaft,“ lispelte der Fürst und setzte sich an den Tisch, auf dem der Ssamowar stand. Die Damen umringten ihn im Augenblick. Nur Anna Nikolajewna und Natalja Dmitrijewna blieben bei der Hausfrau sitzen. Afanassij Matwejewitsch lächelte ehrerbietig; Mosgljäkoff lächelte gleichfalls und blickte herausfordernd Sina an, die ihm jedoch nicht die geringste Beachtung schenkte. Sie trat zum Vater und setzte sich neben ihn am Kamin in einen Lehnstuhl.
„Ach, Fürst, ist es wahr, was man sagt, daß Sie uns verlassen wollen?“ fragte Felissata Michailowna.
„Nun ja, mesdames, ich fahre fort. Ich will unverzüg–lich ins Aus–land fahren.“
„Ins Ausland, Fürst, ins Ausland?“ schrie alles im Chor, „was ist Ihnen eingefallen?“
„Ins Aus–land,“ bestätigte der Fürst gut gelaunt, „und wissen Sie, ich will namentlich wegen der neuen Ideen hin–fahren.“
„Wie das, wegen der neuen Ideen? – welcher neuen Ideen?“ fragten die Damen, die untereinander Blicke austauschten.
„Nun ja, wegen der neuen Ideen,“ wiederholte der Fürst noch einmal, offenbar sehr überzeugt. „Jetzt fahren alle wegen der neuen Ideen hin. Und so will auch ich mir neue Ide–en an–legen.“
„Wollen Sie nicht gar in die Freimaurerloge eintreten, mein bester Onkel?“ erkundigte sich Mosgljäkoff, der sich augenscheinlich vor den Damen durch geistreiche Bemerkungen auszeichnen wollte.
„Nun ja, mein Lieber, du hast dich nicht geirrt,“ antwortete der Onkel überraschenderweise. „Ich habe früher in alten Zeiten tatsächlich zu einer Frei–maurerloge gehört, im Aus–lande, wie gesagt, und ich habe sogar mei–ner–seits viele große Ide–en gehabt. Ich beab–sichtigte damals, viel für die zeitgenössische Aufklärung zu tun und in Frank–furt beschloß ich sogar, meinen Ssidor, den ich ins Aus–land mitgenommen hatte, frei zu geben. Er aber lief zu meiner Verwun–derung selbst von mir fort. Er war ein sehr son–der–barer Mensch. Später begegnete ich ihm einmal in Pa–ris. Er stol–zierte als Geck mit einer Mamsell auf den Boulevards. Er sah mich an und nickte mir mit dem Kopf zu. Und die Mamsell war so ein gewandtes, verführerisches Ding ...“
„Aber Onkelchen! Dann werden Sie ja diesmal, wenn Sie ins Ausland fahren, alle Ihre Bauern freigeben!“ rief Mosgljäkoff laut auflachend aus.
„Du hast meinen Wunsch vollkom–men erraten, mein Lieber!“ antwortete der Fürst ohne zu zögern. „Es ist gerade meine Absicht, sie alle aus Leibeigenen zu freien Bauern zu machen.“
„Aber ich bitte Sie, Fürst, die werden dann doch alle im Augenblick von Ihnen fortlaufen, und wer wird Ihnen dann noch den Pachtzins zahlen!“ wandte Felissata Michailowna ein.
„Gewiß, alle werden fortlaufen,“ behauptete erregt Anna Nikolajewna.
„Gott im Himmel! Werden sie wirk–lich fortlaufen?“ fragte der Fürst verwundert.
„Unbedingt! Im Augenblick werden sie alle fortlaufen und Sie allein lassen!“ versicherte auch Natalja Dmitrijewna.
„Gott im Himmel! Nun, dann werde ich sie nicht freigeben. Wie gesagt, es war von mir auch nur so gemeint.“
„So ist es auch bedeutend besser, Onkelchen,“ meinte Mosgljäkoff.
Marja Alexandrowna hatte schweigend zugehört und beobachtet. Es schien ihr, daß der Fürst sie vollkommen vergessen hatte ...
„Erlauben Sie, Fürst,“ begann sie laut und würdevoll, „daß ich Ihnen meinen Mann vorstelle – Afanassij Matwejewitsch. Er ist absichtlich vom Gut hergekommen, sobald er nur gehört hatte, daß Sie bei mir abgestiegen seien.“
Afanassij Matwejewitsch lächelte und nahm eine strammere Haltung an. Er glaubte, daß man ihn gelobt habe.
„Ah, freut mich, freut mich!“ sagte der Fürst. „Afanassij Matwejewitsch! Erlauben Sie, mir fällt etwas ein ... Afana–ssij Matwe–itsch. Nun ja, das ist dieser, der auf dem Gut lebt. Charmant, charmant, freut mich wie gesagt. Mein Lieber!“ – er wandte sich an Mosgljäkoff – „das ist doch derselbe, weißt du noch, der in dem Verse vorkam. Wie war das doch? Kaum ist der Mann zur Tür hinaus, so fährt die Frau ... nun ja, auch die Frau geht irgend wohin.“
„Ach, ganz recht! ‚Kaum ist der Mann zur Tür hinaus, da fährt die Frau schon aus dem Haus‘ – das ist ja aus dem Vaudeville, das im vergangenen Jahr hier gespielt wurde!“ griff Felissata Michailowna auf.
„Nun ja, wie gesagt: aus dem Haus. Ich ver–ges–se es immer. Charmant, charmant! Und Sie sind also derselbe? Freut mich, freut mich, Sie kennen zu lernen,“ sagte der Fürst und reichte Afanassij Matwejewitsch, ohne sich vom Stuhl zu erheben, die Hand. „Nun und wie geht es mit Ihrer Gesundheit?“
„Hm ...“
„Er ist gesund, mein Fürst, ganz gesund,“ antwortete Marja Alexandrowna eilig.
„Nun ja, das sieht man auch, daß er gesund ist. Und Sie leben immer auf dem Gute? Nun ja, es freut mich sehr. Und wie rote Wangen er hat und die ganze Zeit freut er sich ...“
Afanassij Matwejewitsch lächelte, verbeugte sich und klappte sogar die Absätze zusammen. Nach der letzten Bemerkung des Fürsten konnte er nicht mehr an sich halten und platzte plötzlich in der dümmsten Weise in lautes Lachen aus. Schallendes Gelächter erhob sich. Die Damen wieherten förmlich vor Vergnügen. Sina errötete heiß und blickte mit blitzenden Augen Marja Alexandrowna an, die ihrerseits fast barst vor Wut. Es war höchste Zeit, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben.
„Wie haben Sie geruht, mein Fürst?“ erkundigte sie sich mit honigsüßer Stimme, während sie gleichzeitig durch einen zornigen Blick ihrem Gatten zu verstehen gab, daß er sich sofort auf seinen Platz niederzulassen hatte.
„Oh, ich habe sehr schön geschla–fen,“ sagte der Fürst, „und wissen Sie, ich habe einen ent–zück–enden Traum gehabt, einen entzück–enden Traum!“
„Einen Traum! Ach, ich habe es so gern, wenn man Träume erzählt,“ rief Felissata Michailowna aus.
„Und ich auch! Ich habe es auch sehr gern!“ stimmte ihr Natalja Dmitrijewna bei.
„Einen ent–zückenden Traum,“ wiederholte der Fürst mit süßem Lächeln, „dafür aber ist er das größte Geheim–nis!“
„Was, können Sie ihn denn nicht erzählen? Aber dann muß es ja ein ganz außergewöhnlicher Traum sein?“ fragte Anna Nikolajewna.
„Das größ–te Geheim–nis!“ wiederholte der Fürst, der mit Vergnügen die Neugier der Damen reizte.
„Dann muß er ja furchtbar interessant sein!“
„Ich wette, daß der Fürst im Traum vor irgend einer Schönheit auf den Knien gelegen und eine Liebeserklärung gemacht hat,“ rief Felissata Michailowna aus. „Nun, gestehen Sie nur, Fürst, daß es nichts anderes ist! Lieber Fürst, lieber guter Fürst, gestehen Sie es nur!“
„Gestehen Sie es, Fürst, gestehen Sie es!“ wurde von allen Seiten gebeten.
Der Fürst vernahm feierlich und mit wahrer Wonne diese Ausrufe. Die Annahme Felissata Michailownas schmeichelte seiner Eigenliebe ganz außerordentlich. Es fehlte nicht viel und er hätte sich die Lippen geleckt.
„Wenn ich auch gesagt habe, daß mein Traum das größ–te Geheim–nis ist,“ antwortete er schließlich, „so bin ich doch gezwungen, einzugestehen, daß Sie, meine Gnädigste, ihn zu meiner Ver–wun–derung vollkom–men erra–ten haben.“
„Erraten!“ rief Felissata Michailowna begeistert aus. „Nun, Fürst! Jetzt machen Sie, was Sie wollen, aber Sie müssen uns mitteilen, wer diese Schönheit ist!“
„Das müssen Sie unbedingt!“
„Ist es eine hiesige?“
„Ach, lieber Fürst, sagen Sie es uns doch!“
„Lieber, guter, einziger Fürst, sagen Sie es uns, sagen Sie es uns!“ ertönte es von allen Seiten.
„Mesdames, mesdames! ... Wenn Sie es wirk–lich so nachdrücklich wissen wollen, so kann ich Ihnen ... nur eines mitteilen, daß sie das bezau–berndste und, man kann wohl sagen, makelloseste Mädchen ist von allen, die ich kenne!“
Der Fürst zerfloß vor Wonne.
„Das bezauberndste! ... Und ... eine hiesige! Wer könnte das sein?“ fragten sich die Damen, die bedeutsame Blicke und Winke austauschten.
„Selbstverständlich doch diejenige, die hier als erste Schönheit gilt,“ sagte Natalja Dmitrijewna, rieb ihre roten Riesenhände und blickte mit ihren Katzenaugen vielsagend Sina an. Gleichzeitig wandten sich auch die Blicke aller anderen Sina zu.
„Aber wie denn, Fürst, wenn Sie solche Träume haben – weshalb heiraten Sie dann nicht in Wirklichkeit?“ fragte die naseweise Felissata Michailowna mit einem vielsagenden Blick ringsum.
„Und wie schön wir Sie verheiraten würden!“ griff eine andere Dame auf.
„Ach, lieber Fürst, heiraten Sie doch, bitte, bitte!“
„Heiraten Sie, heiraten Sie!“ ertönte es von allen Seiten. „Weshalb sollen Sie denn nicht heiraten? ...“
„Nun ja ... weshalb soll ich denn nicht heiraten,“ meinte auch der Fürst, der von all diesen Ausrufen ganz konfus geworden war.
„Aber Onkel!“ rief plötzlich Mosgljäkoff dazwischen.
„Nun ja, mein Lieber, ich verstehe dich! Wie gesagt, mesdames, ich bin nicht mehr fähig zu heiraten, und nachdem ich hier einen bezau–bernden Abend bei unserer liebenswürdigen Hausfrau verbracht habe, werde ich mich morgen früh zum Priestermönch Mis–saïl in die Ein–siedelei begeben und von dort dann direkt ins Ausland fahren, um bequemer die Fortschritte der europä–ischen Bildung verfol–gen zu können.“
Sina erbleichte und sah ihre Mutter an. Doch Marja Alexandrowna hatte sich schon entschlossen. Bis hierzu hatte sie nur „abgewartet“, geprüft, denn sie sagte sich, daß ihre Feinde sie überholt hatten. Endlich begriff sie alles und sie beschloß sofort, die hundertköpfige Hydra mit einem einzigen Schlage zu besiegen. Majestätisch erhob sie sich aus ihrem Lehnstuhl, trat mit festen Schritten an den Tisch und maß mit stolzem Blick ihre zwergenhaften Feinde. Feuer der Begeisterung leuchtete in diesem Blick. Sie hatte sich entschlossen, alle diese gehässigen Klatschbasen vor den Kopf zu stoßen, den Schurken Mosgljäkoff einfach zu vernichten, wie eine Schabe zu zerdrücken und mit einem einzigen entschlossenen und kühnen Schlage ihren ganzen verlorenen Einfluß auf den fürstlichen Idioten wieder zu erobern. Versteht sich, dazu gehörte eine ungewöhnliche kalte Frechheit, um die aber war Marja Alexandrowna nie verlegen.
„Mesdames,“ hub sie feierlich und majestätisch an (Marja Alexandrowna liebte überhaupt sehr Feierlichkeit), „mesdames, ich habe lange Ihrem Gespräch zugehört, Ihren heiteren und geistvollen Scherzen, und ich finde, daß es jetzt Zeit ist und die Reihe an mich kommt, auch ein Wort zu sagen. Wie Sie wissen, haben wir uns hier alle ganz zufällig zusammengefunden – und das freut mich so unsäglich, so unsäglich! Niemals würde ich mich entschlossen haben, das wichtige Familiengeheimnis als erste allen kund zu tun und es früher zu verbreiten, als es das gewöhnlichste Anstandsgefühl verlangt. Vor allem bitte ich deshalb meinen lieben Gast um Verzeihung. Es scheint mir aber, daß er selbst durch entfernte Anspielungen auf denselben Umstand aufmerksam machen will, was mich auf den Gedanken kommen läßt, daß ihm die formelle und feierliche Mitteilung unseres Familiengeheimnisses nicht nur keineswegs unangenehm sein würde, sondern von ihm geradezu gewünscht werde ... Nicht wahr, Fürst, ich täusche mich doch nicht?“
„Nun ja, Sie täuschen sich nicht ... und es freut mich, freut mich sehr ...“ sagte der Fürst, der nicht im geringsten begriff, wovon die Rede war.
Marja Alexandrowna hielt zur Erhöhung des Eindrucks einen Augenblick inne, um Atem zu schöpfen. Sie übersah die ganze Gesellschaft: alle Gäste horchten mit einer fast raubtierhaften Gier auf ihre Worte. Mosgljäkoff zuckte zusammen. Sina errötete und erhob sich, und Afanassij Matwejewitsch schneuzte sich, in Erwartung eines außergewöhnlichen Ereignisses, auf alle Fälle.
„Ja, mesdames, ich bin mit Freuden bereit, Ihnen mein Familiengeheimnis anzuvertrauen. Heute, nach dem Mittagessen hat der Fürst, hingerissen von der Schönheit und ... den Vorzügen meiner Tochter, mir die Ehre erwiesen, um ihre Hand anzuhalten. Fürst!“ schloß sie mit einer Stimme, die von Tränen und Aufregung zitterte, „Sie dürfen nicht, Sie können mir wegen meiner Unbescheidenheit nicht böse sein! Nur die übergroße Freude hat es vermocht, meinem Herzen vorzeitig dieses liebe Geheimnis zu entreißen und ... welche Mutter würde mich deshalb verurteilen?“
Ich finde keine Worte, um den Eindruck zu schildern, den Marja Alexandrownas unerwartete Mitteilung machte. Alle schienen erstarrt zu sein vor Verwunderung. Die treubrüchigen Freundinnen, die Marja Alexandrowna damit hatten einschüchtern wollen, daß sie bereits alles wußten, die sie mit der vorzeitigen Aufdeckung des Geheimnisses – und zwar nur in der Form von Andeutungen – zu vernichten meinten, waren jetzt ihrerseits durch diese dreiste Aufrichtigkeit vernichtet. Und dieses gewagte Spiel entbehrte auch nicht einer inneren Kraft: „Folglich wird der Fürst tatsächlich freiwillig Sina heiraten? Folglich ist er nicht in die Falle gelockt, nicht betrunken gemacht, nicht betrogen worden? Folglich wird er nicht heimlich, nicht hinterrücks verheiratet? Folglich fürchtet Marja Alexandrowna nichts und niemanden? Folglich läßt sich diese Heirat durch nichts mehr zerstören, denn der Fürst heiratet doch aus eigenem freien Willen!“ Einen Augenblick hörte man allgemeines Getuschel, das sich dann plötzlich in Freuderufen entlud. Als erste stürzte Natalja Dmitrijewna zu Marja Alexandrowna, um sie in ihre Arme zu schließen; ihr folgte Anna Nikolajewna und dieser Felissata Michailowna. Alle sprangen von ihren Plätzen auf, alle gerieten sie in ein unentwirrbares Durcheinander. Viele Damen waren bleich vor Wut. Sina wurde mit Glückwünschen überhäuft. Sogar an Afanassij Matwejewitsch klammerte man sich. Marja Alexandrowna breitete malerisch die Arme aus und drückte fast mit Gewalt die Tochter an ihre Brust. Nur der Fürst allein blickte mit einer gewissen sonderbaren Verwunderung auf die ganze Szene, wenn er auch immer noch liebenswürdig lächelte. Übrigens gefiel ihm der Tumult zum Teil sehr gut. Und als die Mutter ihr Kind umarmte, da zog er sein Schnupftuch hervor und wischte sich eine Träne aus seinem Auge. Natürlich stürzte man sich dann auch auf ihn mit Glückwünschen.
„Wir gratulieren, Fürst! Wir gratulieren!“ ertönte es von allen Seiten.
„Also Sie heiraten?“
„Lieber Fürst, dann heiraten Sie also?“
„Nun ja, nun ja,“ antwortete der Fürst, der mit den Glückwünschen und der Aufregung sehr zufrieden war, „und ich gestehe Ihnen, daß mir am meisten Ihre liebe Teil–nahme gefällt, die Sie mir jetzt bewei–sen und die ich nie-mals vergessen werde, nie-mals. Charmant, charmant! Sie haben mich sogar bis zu Trä–nen gerührt ...“
„Küssen Sie mich, Fürst!“ schrie lauter als das Geschrei aller anderen Felissata Michailowna.
„Und ich gestehe Ihnen,“ fuhr der Fürst fort, obschon er von allen Seiten beständig unterbrochen wurde, „am meisten wundert es mich, daß Marja Iwa–now–na, unsere ehr–würdige Gastgeberin, mit einer so frappie–renden Genau-igkeit meinen Traum erraten hat. Ganz als hätte sie ihn an meiner Stelle gesehen! Ein auf–fallender Scharfblick, in der Tat! Auf–fallender Scharf–blick!“
„Ach, Fürst, Sie reden wieder von Ihrem Traum!“
„Gestehen Sie nur, Fürst, gestehen Sie nur!“ drängten die ihn umringenden Damen.
„Ja, Fürst, wozu verheimlichen, es ist Zeit, das Geheimnis aufzudecken!“ sagte Marja Alexandrowna entschlossen und streng. „Ich habe Ihre feinfühlige Allegorie, Ihr bezauberndes Zartgefühl verstanden, mit dem Sie mir andeuteten, daß Sie Ihre Verlobung zu veröffentlichen wünschten. Ja, mesdames, es ist wahr: heute ist der Fürst im wachen Zustande und nicht im Traum vor meiner Tochter niedergekniet und hat ihr in aller Form einen Heiratsantrag gemacht.“
„Ja, es war vollkom–men wie im Wachen und sogar mit denselben Neben–um–ständen,“ bestätigte der Fürst. „Mademoiselle,“ fuhr er fort, sich mit ungewöhnlicher Höflichkeit an Sina wendend, die eigentlich noch nicht zu sich gekommen war, „Mademoiselle! Ich schwöre Ihnen, daß ich nie–mals Ihren Namen zu nennen gewagt hätte, wenn er nicht von ande–ren vor mir genannt worden wäre. Es war ein be–zau–bernder Traum, und ich schätze mich dop–pelt glücklich, daß ich es Ihnen jetzt sa–gen kann. Charmant! Charmant! ...“
„Aber um’s Himmels willen, was ist denn das? Er redet immer noch von einem Traum?“ flüsterte Anna Nikolajewna der erregten und etwas bleichen Marja Alexandrowna zu.
Doch wehe! – Marja Alexandrowna zitterte das Herz auch ohne diese Fragen.
„Wie ist denn das?“ flüsterten die Damen untereinander und tauschten vielsagende Blicke aus.
„Aber ich bitte Sie, Fürst,“ hub Marja Alexandrowna mit schmerzlich verzogenem Lächeln an, „ich kann Ihnen nur sagen, daß Sie mich in Erstaunen setzen. Was ist das für eine sonderbare Traumidee, die Sie da haben? Ich sage Ihnen, ich war bis jetzt im Glauben, daß Sie nur scherzten, aber ... Wenn es ein Scherz sein soll, so ist er zum mindesten sehr unangebracht ... Ich werde ... ich will es Ihrer Zerstreutheit zuschreiben, aber ...“
„Das ist bei ihm vielleicht tatsächlich nur aus Zerstreutheit,“ meinte auch Natalja Dmitrijewna.
„Nun ja ... vielleicht auch aus Zerstreutheit,“ bestätigte der Fürst, der immer noch nicht begriff, um was es sich handelte und was man von ihm eigentlich wollte. „Und den–ken Sie sich, ich werde Ihnen sogleich eine A–nek–do–te erzählen. Dreimal ladet man mich ein, in Petersburg war es, zu einer Ein–sargung, es war une maison bourgeoise mais honnette, und ich glaubte, es sei zu einem Namensfest. Das Namensfest war aber schon vor einer Woche gewesen. Ich bestellte also ein Kame–lienbukett für die Dame. Nun ja, ich kam hin und was sah ich? Ein eh–renwerter, bejahrter Mann lag auf dem Tisch, so daß ich mich nur wun–derte. Und ich wuß–te gar nicht, wo ich mein Bukett lassen sollte.“
„Aber Fürst, jetzt ist es uns doch nicht um solche Geschichten zu tun!“ unterbrach ihn Marja Alexandrowna ärgerlich. „Meine Tochter hat es nicht nötig, Freier zu angeln: aber heute nachmittag haben Sie ihr selbst hier an diesem Flügel einen Heiratsantrag gemacht. Ich habe Sie nicht dazu veranlaßt ... Ich kann sogar sagen, daß es mich überrascht hat ... Versteht sich, es kam mir damals schon der Gedanke, aber ich schob ihn auf bis zu Ihrem Erwachen. Doch ich bin Mutter ... sie ist mein Kind ... Sie haben soeben von einem Traum gesprochen und ich glaubte, Sie wollten in der Form einer Allegorie von Ihrer Verlobung erzählen. Ich weiß sehr wohl, daß man Sie vielleicht davon ablenken will ... und ich ahne sogar, wer es tut ... aber erklären Sie sich, Fürst, erklären Sie sich schneller, ausführlicher. Solche Scherze darf man sich nicht in einem vornehmen Hause erlauben ...“
„Nun ja, solche Scherze darf man sich nicht in einem vornehmen Hause erlauben,“ pflichtete ihr der Fürst ahnungslos bei. Übrigens wurde er doch etwas unruhig.
„Aber das ist doch keine Antwort auf meine Frage, Fürst! Ich ersuche Sie, mir entscheidend zu antworten: bestätigen Sie, bestätigen Sie es hier vor allen Anwesenden, daß Sie vorhin um die Hand meiner Tochter angehalten haben.“
„Nun ja, ich bin bereit zu bestätigen. Wie gesagt, ich habe das alles schon erzählt und Felissata Jakowlewna hat meinen Traum vollkom–men erraten.“
„Nicht Traum! nicht Traum!“ rief Marja Alexandrowna wütend aus. „Es war kein Traum, sondern Wirklichkeit, Fürst, Wirklichkeit, hören Sie: Wirklichkeit.“
„Wirk–lich–keit?“ rief der Fürst höchst verwundert aus und erhob sich vor Überraschung. „Da hörst du’s, mein Lieber! Was du vorhin pro–phezei–test, ist jetzt richtig eingetroffen!“ rief er Mosgljäkoff zu. „Aber ich versichere Sie, verehrte Marja Alexandrowna, daß Sie sich täuschen! Ich bin voll–kom–men ü–ber–zeugt, daß es mir nur ge–träumt hat!“
„Großer Gott!“ Marja Alexandrowna schlug die Hände zusammen.
„Beruhigen Sie sich, Marja Alexandrowna,“ mischte sich Natalja Dmitrijewna ein, „der Fürst hat es vielleicht nur vergessen ... er wird sich dessen wieder entsinnen.“
„Ich wundere mich über Sie, Natalja Dmitrijewna,“ entgegnete Marja Alexandrowna unwillig, „kann man denn so etwas vergessen? Wer vergißt denn so etwas? Ich bitte Sie, Fürst! Oder wollen Sie sich über uns lustig machen? Oder wollen Sie einem der Gecken nachäffen, wie sie zur Zeit der Régence in der Mode waren und die jetzt Dumas schildert? Irgend einen Fairelacour? Aber ganz abgesehen davon, daß es Ihren Jahren nicht ansteht, wird es Ihnen auch nicht gelingen! Meine Tochter ist keine französische Vicomtesse! Vorhin hat sie hier, sehen Sie, hier gestanden und Ihnen eine Romanze vorgesungen, und da sind Sie hier vor ihr niedergekniet und haben ihr einen Heiratsantrag gemacht. Ich phantasiere doch nicht! Ich schlafe doch nicht! Sagen Sie doch, Fürst: schlafe ich oder schlafe ich nicht?“
„Nun ja ... wie gesagt, vielleicht auch nicht ...“ antwortete der verwirrte Fürst. „Ich will nur sagen, daß ich jetzt, glaube ich, nicht schla–fe. Vorhin, sehen Sie, schlief ich, und des–halb hat mir auch geträumt, weil ich, wie gesagt, schlief ...“
„Großer Gott, was ist das: schlief – schlief nicht, schlief nicht – schlief! Da soll der Teufel daraus klug werden! Sie phantasieren doch nicht, Fürst?“
„Nun ja, der Teufel soll daraus klug werden ... übrigens, ich glaube, daß ich jetzt ganz aus dem Kon–zept gekommen bin ...“ murmelte der Fürst mit unruhigen Blicken auf seine Umgebung.
„Aber wie haben Sie denn das im Traum sehen können, wenn ich Ihnen diesen Traum mit allen Einzelheiten erzähle, während Sie ihn doch noch keinem einzigen Menschen erzählt haben!“
„Aber es kann ja doch sein, daß der Fürst ihn doch schon irgend einem mitgeteilt hat,“ meinte Natalja Dmitrijewna.
„Nun ja, es kann ja doch sein, daß ich ihn jemand schon mitgeteilt habe,“ wiederholte der jetzt völlig konfus gewordene Fürst.
„Das ist mal eine Komödie!“ flüsterte Felissata Michailowna ihrer Nachbarin zu.
„Großer Gott! Da kann einem doch die letzte Geduld reißen!“ rief Marja Alexandrowna aus und sie rang die Hände vor Verzweiflung. „Sie hat Ihnen eine Romanze vorgesungen, eine Romanze! Glauben Sie denn, daß auch dies Ihnen nur geträumt hat?“
„Nun ja, in der Tat, es war, als hätte sie auch gesungen,“ murmelte der Fürst in Gedanken versunken.
Plötzlich belebte eine Erinnerung sein Gesicht.
„Mein Lieber!“ rief er aus, sich an Mosgljäkoff wendend, „ich hatte es ganz vergessen, dir vorhin zu sagen, daß sie tatsächlich noch so etwas wie eine Roman–ze sang und in dieser Romanze war die Rede von Schlössern und dann war dort auch noch irgend ein Troubadour! Nun ja, ich entsinne mich dessen ... so daß ich sogar wein–te ... Und jetzt bin ich in der größten Verle–genheit, denn es will mir scheinen, als ob es tatsächlich in Wirk–lich–keit gewesen wäre und nicht nur im Traum.“
„Offen gestanden, Onkelchen,“ bemerkte Mosgljäkoff möglichst ruhig, obgleich seine Stimme von innerer Aufregung zu zittern schien, „offen gestanden, mir scheint es, daß dieses ganze Problem sehr leicht zu lösen ist. Ich glaube, daß Sie tatsächlich Gesang gehört haben. Sinaïda Afanassjewna singt vorzüglich. Nach Tisch sind Sie hierher geführt worden und Sinaïda Afanassjewna hat Ihnen eine Romanze vorgesungen. Ich war damals nicht hier, Sie aber haben sich wahrscheinlich hinreißen lassen, haben an die guten alten Zeiten gedacht, wahrscheinlich an die Stunden, in denen Sie selbst Romanzen gesungen haben ... mit der Vicomtesse, von der Sie uns noch am Vormittage erzählten. Nun und dann, als Sie Ihr Schläfchen machten, hat Ihnen infolge der angenehmen Eindrücke geträumt, daß Sie verliebt seien und einen Heiratsantrag machten ...“
Marja Alexandrowna war einfach betäubt. Eine solche Frechheit hätte sie denn doch nicht für möglich gehalten.
„Ach, mein Lieber, das war ja auch tatsächlich so!“ rief der Fürst begeistert aus. „Gerade infolge der angenehmen Ein–drücke! Ich erinnere mich ganz deut–lich dessen, daß mir eine Romanze vorgesungen wurde ... deshalb wollte ich im Traum auch heiraten. Und die Vicomtesse war gleichfalls ... Nein, wie klug du das entwickelt hast, mein Lieber! Nun ja, ich bin jetzt voll–kom–men überzeugt, daß ich das alles nur im Traum gesehen habe! Marja Wassiljewna! Ich versichere Sie, daß es mir nur geträumt hat! Es war nur ein Traum. An–derenfalls würde ich nicht mit Ihren e–delsten Gefüh–len gespielt haben ...“
„Ah! Jetzt sehe ich, wer hier die Hand im Spiel hat!“ schrie Marja Alexandrowna, außer sich vor Wut, und sie wandte sich an Mosgljäkoff. „Sie sind es, mein Herr, Sie sind der Ehrlose, Sie allein haben das alles getan! Sie haben aus Rache dafür, daß Sie einen Korb erhielten, diesem unglücklichen Idioten den Kopf verdreht! Diese Schmach wirst du mir aber bezahlen, du gemeiner Mensch! Jawohl! Das wirst du mir bezahlen, bezahlen!“
„Marja Alexandrowna!“ schrie Mosgljäkoff, rot wie ein Krebs, „Ihre Worte sind dermaßen ... Ich weiß gar nicht mehr, wie Ihre Worte sind ... Ich weiß nur, daß keine vornehme Dame sich erlauben wird ... ich verteidige zum mindesten meinen Verwandten. Sie müssen doch zugeben, daß, einen alten Mann so zu umgarnen, so in die Falle zu locken ...“
„Nun ja, in die Falle zu locken,“ wiederholte der Fürst, der sich hinter Mosgljäkoff zu verstecken versuchte.
„Afanassij Matwejewitsch!“ kreischte Marja Alexandrowna mit einer ihr ganz fremden Stimme. „Hören Sie denn nicht, wie wir beschimpft und entehrt werden? Oder haben Sie sich bereits von jeder Pflicht uns gegenüber losgesagt? Sind Sie wirklich kein Familienvater, sondern nur ein lebloser Holzklotz? Was blinzeln Sie mich an? Ein anderer Gatte hätte schon längst die seiner Familie zugefügte Schmach mit seinem Blute abgewaschen! ...“
„Mütterchen!“ hub Afanassij Matwejewitsch wichtig an, offenbar sehr stolz darauf, daß man endlich auch seiner bedurfte. „Mütterchen! Hat dir das schließlich nicht wirklich nur geträumt und dann, nachdem du aufgewacht bist, hast du alles verwechselt und auf deine Art verdreht ... –“
Doch es war Afanassij Matwejewitsch nicht vergönnt, seine scharfsinnige Erklärung zu Ende sprechen zu können. Bis dahin hatten die Gäste noch an sich gehalten und sich nur mit verborgener Schadenfreude den Anschein würdevollen Ernstes gegeben. Jetzt aber brach alles in schallendes, unbändiges Gelächter aus. Marja Alexandrowna, die ihr ganzes Comme-il-faut vergaß, wollte sich wie es schien, auf ihren Gatten stürzen, um ihm sofort die Augen auszukratzen, wurde aber mit Gewalt zurückgehalten. Natalja Dmitrijewna aber benutzte die Gelegenheit, um noch etwas Gift hinzuzuträufeln.
„Ach, Marja Alexandrowna, vielleicht ist es auch wirklich so gewesen, seien Sie doch nicht so heftig,“ sagte sie mit honigsüßer Stimme.
„Was soll so gewesen sein? Was soll denn so gewesen sein!“ schrie Marja Alexandrowna, die noch nicht recht begriff.
„Ach Marja Alexandrowna, das kommt doch zuweilen vor ...“
„Was kommt zuweilen vor?“ fuhr Marja Alexandrowna auf.
„Vielleicht hat es Ihnen wirklich nur geträumt.“
„Geträumt? Mir? Geträumt? Und Sie wagen es, mir das offen ins Gesicht zu sagen!“
„Wieso, vielleicht ist es auch wirklich so gewesen,“ meinte Felissata Michailowna.
„Nun ja, vielleicht ist es wirk–lich so gewesen,“ murmelte auch der Fürst.
„Auch er noch! Er noch! Großer Gott!“ stöhnte Marja Alexandrowna, die Hände zusammenschlagend.
„Wie, Sie verzweifeln, Marja Alexandrowna! Denken Sie doch daran, daß Gott es ist, der uns Träume schickt. Und wenn Gott etwas will, dann will er allein es, und in seiner Hand liegt alles. Da lohnt es sich gar nicht mehr, sich zu ärgern.“
„Nun ja, da lohnt es sich gar nicht mehr, sich zu ärgern ...“ pflichtete der Fürst bei.
„Ja, halten Sie mich denn für verrückt?“ brachte Marja Alexandrowna vor Aufregung kaum noch hervor. Das ging denn doch über menschliche Kraft! Sie suchte schnell einen Stuhl und – „fiel in Ohnmacht“. Alles stürzte zu ihr.
„Sie ist ja nur aus Anstand in Ohnmacht gefallen,“ flüsterte Natalja Dmitrijewna ihrer Freundin Anna Nikolajewna ins Ohr.
In diesem Augenblick der größten Bestürzung und der höchsten Spannung trat plötzlich eine neue Person vor, eine, die bis dahin kein Wort gesprochen hatte, und die ganze Szene änderte mit einem Schlage ihren Charakter ...