„Verzeihung, mein Herr, gestatten Sie die Frage ...“
Der Vorübergehende zuckte zusammen und blickte etwas erschrocken einen Herrn in einem Waschbärpelz an, der ihn so ohne weiteres gegen acht Uhr abends auf der Straße anredete. Bekanntlich erschrickt jeder Petersburger, wenn ihn ein Unbekannter auf der Straße plötzlich anredet, auch wenn er es noch so höflich tut.
Also der Vorübergehende zuckte zusammen und erschrak ein wenig.
„Verzeihen Sie, daß ich Sie belästige,“ fuhr der Herr im Waschbärpelz fort, „aber ich ... ich, wirklich, ich weiß nicht ... Sie werden mich, hoffe ich, entschuldigen ... wie Sie sehen, bin ich etwas aus der Fassung gebracht ...“
Da erst gewahrte der junge Mann in der Pekesche – einem kürzeren Pelzüberrock –, daß der Herr im Waschbärpelz allerdings nichts weniger als gefaßt aussah. Sein runzliges Gesicht war bleich, seine Stimme unsicher, und seine Gedanken schienen sich gänzlich verwirrt zu haben: schnell und unüberlegt stieß er die Worte hervor, und man sah es ihm an, daß es ihm schwer fiel, sich mit einer Bitte an eine dem Rang und der gesellschaftlichen Stellung nach offenbar unter ihm stehende Persönlichkeit zu wenden. Hinzu kam noch, daß diese Bitte an und für sich höchst peinlicher Art war und von einem Herrn, der einen so soliden Pelz, einen so tadellosen dunkelgrünen Frack und so bedeutsame Abzeichen auf diesem Frack trug, zum mindesten befremdend erscheinen mußte. Alles dessen war sich der Herr im Waschbärpelz auch vollkommen bewußt, und es verwirrte ihn so sehr, daß er seinen eigenen Gefühlen nicht widerstehen konnte, seine Aufregung so gut es ging niederzwang und kurz entschlossen der peinlichen Szene, die er selbst heraufbeschworen hatte, ein Ende machte.
„Entschuldigen Sie, ich war mir meiner Handlungsweise nicht ganz bewußt. Aber Sie kennen mich nicht, glauben Sie mir, ich ... Verzeihen Sie, daß ich Sie aufgehalten habe ...“
Damit lüftete er den Hut und entfernte sich schnell.
„Aber ich bitte Sie, es hat nichts zu sagen ...“
Doch der kleine Herr im Waschbärpelz war bereits in der Dunkelheit verschwunden, und dem jungen Mann blieb nichts übrig, als ihm verdutzt nachzusehen.
„Was war das für ein Kauz?“ fragte er sich verwundert, stand noch ein Weilchen und vergaß dann den Vorfall, um sich wieder in seine eigenen Gedanken zu versenken, worauf er von neuem auf der Straße auf und nieder zu gehen begann, ohne dabei die Tür eines endlos hohen Hauses aus dem Auge zu lassen. Es war neblig geworden, was dem jungen Mann eine Sorge vom Herzen nahm, denn im Nebel mußte sein unermüdliches Hin- und Hergehen den Menschen weniger auffallen, abgesehen vielleicht von einem müßigen Droschkenkutscher, der in Ermangelung einer besseren Beschäftigung die Vorübergehenden beobachtete.
„Entschuldigen Sie!“
Der junge Mann zuckte wieder zusammen und sah zu seiner Verwunderung wieder jenen Herrn im Waschbärpelz vor sich stehen.
„Entschuldigen Sie, daß ich nochmals ...“ begann er von neuem, „doch Sie ... Sie sind ganz gewiß ein Ehrenmann! Beachten Sie mich weiter nicht ... ich meine, als Vertreter und Mitglied einer bestimmten Gesellschaftsklasse ... Übrigens war es nicht das, was ich sagen wollte. Aber ... fassen Sie die Sache menschlich auf ... Vor Ihnen, mein Herr, steht ein Mensch, der sich mit einer dringenden Bitte an Sie wenden muß ...“
„Wenn es in meiner Macht steht ... Um was handelt es sich?“
„Sie denken vielleicht, daß ich Sie um Geld bitten will!“ Der geheimnisvolle Herr verzog den Mund zu einem Lächeln, erbleichte und lachte hysterisch auf.
„Aber ich bitte Sie ...“
„Nein, ich sehe, daß ich Ihnen lästig falle! Verzeihen Sie, aber ich kann mich selbst nicht ertragen! Betrachten Sie mich als einen Unzurechnungsfähigen, einen fast Wahnsinnigen, denken Sie aber nicht etwa –“
„Aber zur Sache, zur Sache!“ unterbrach ihn der junge Mann, zwar in aufmunterndem Tone, doch mit merklich ungeduldigem Kopfnicken.
„Ah! Also so sind Sie! Sie – solch ein junger Mann wie Sie – erinnern mich an das Wichtige, ganz als wäre ich ein dummer Junge! Mein Gott, ich muß wirklich den Verstand verloren haben! ... Als was erscheine ich Ihnen jetzt in meiner Erniedrigung, sagen Sie es mir aufrichtig?“
Der junge Mann blickte ihn etwas betreten an, sagte jedoch nichts.
„Erlauben Sie, daß ich Sie ganz offen frage: haben Sie hier nicht eine Dame gesehen? Darin besteht meine ganze Bitte an Sie!“ sagte schließlich der Herr im Waschbärpelz kurz entschlossen.
„Eine Dame?“
„Jawohl, eine Dame.“
„Allerdings ... aber ich muß gestehen, es sind ihrer so viele hier vorübergegangen ...“
„Ganz recht,“ unterbrach ihn der geheimnisvolle kleine Herr mit einem bitteren Lächeln. „Ich bin etwas zerstreut und verwirrt im Kopf, es war nicht das, was ich sagen wollte; ich wollte Sie nur fragen, ob Sie eine Dame in einem Fuchspelz, mit einer Kapuze aus dunklem Samt und einem schwarzen Schleier gesehen haben?“
„Nein, eine solche habe ich nicht gesehen ... nein, ich glaube, eine solche nicht bemerkt zu haben.“
„Ah! dann – entschuldigen Sie!“
Der junge Mann wollte nun seinerseits noch etwas fragen, doch der Herr im Waschbärpelz war bereits wieder verschwunden und sein geduldiger Zuhörer konnte ihm wieder nur verdutzt nachsehen.
„Ach, hol’ ihn der Teufel!“ dachte er schließlich bei sich, zog offenbar ärgerlich seinen Biberkragen fester um den Hals und nahm von neuem den unterbrochenen Spaziergang auf, ohne seine Vorsichtsmaßregeln zu vergessen oder die Tür des endlos hohen Hauses aus dem Auge zu lassen. Er ärgerte sich.
„Weshalb kommt sie denn noch nicht?“ dachte er. „Bald ist es acht Uhr!“
Da schlug die nächste Turmuhr auch schon acht.
„Ah, zum Teufel, das ist doch! ...“
„Entschuldigen Sie! ...“
„Verzeihen Sie, daß ich Sie so ... Aber Sie kamen mir so plötzlich vor die Füße, daß ich geradezu erschrak,“ entschuldigte sich der junge Mann, doch klang es diesmal schon fast unwirsch.
„Ich wende mich wieder an Sie. Natürlich muß ich Ihnen seltsam erscheinen ...“
„Haben Sie die Güte, sich ohne Umschweife zu erklären. Ich habe bis jetzt noch nicht erfahren können, was Sie eigentlich von mir wünschen ...“
„Ah, Sie haben wohl wenig Zeit? Sehen Sie mal. Ich werde Ihnen alles ganz offen erzählen, ohne ein überflüssiges Wort. Was soll ich tun! Die Umstände bringen bisweilen Menschen zusammen, die, was ihre Charaktere betrifft, im Grunde ganz verschieden sind ... Doch ich sehe, Sie sind ungeduldig, junger Mann ... Also, wie gesagt ... übrigens weiß ich nicht einmal, wie ich mich ausdrücken soll! Kurz, ich suche eine Dame – Sie sehen, ich habe mich schon entschlossen, alles zu sagen. Ich muß, wie gesagt, unbedingt erfahren, oder feststellen, wenn Sie wollen, wohin diese Dame gegangen ist. Wer sie ist, – das, denke ich, wird Sie nicht interessieren, junger Mann.“
„Nun, nun, weiter! weiter!“
„Weiter! Ihr Ton ist ja recht ... Das heißt, verzeihen Sie, vielleicht hat es Sie gekränkt, daß ich Sie ‚junger Mann‘ nannte ... aber ich versichere Ihnen, ich habe nichts ... mit einem Wort, wenn Sie mir einen unermeßlichen Gefallen erweisen wollten, dann also, wie gesagt: diese eine Dame ... das heißt, ich will nur sagen, daß sie eine anständige Dame ist, aus der besten Familie, mit der auch ich bekannt bin ... und da bin ich nun beauftragt ... ich, sehen Sie, ich habe selbst keine Familie ...“
„Nun und?“
„Also versetzen Sie sich in meine Lage, junger Mann! – Ach, wieder! Verzeihen Sie, bitte! Ich nenne Sie immer junger Mann! Jeder Augenblick ist dabei kostbar ... Stellen Sie sich vor, diese Dame ... aber können Sie mir nicht sagen, wer hier in diesem Hause wohnt?“
„Ja ... hier wohnen sehr viele.“
„Ja, das heißt, Sie haben vollkommen recht,“ versetzte schnell der Herr im Waschbärpelz und er lachte kurz auf, wie um die Situation zu retten. „Ich sehe, daß ich mich zu ungenau ausgedrückt habe. Doch weshalb schlagen Sie einen solchen Ton an? Wie Sie sehen, gebe ich doch offenherzig zu, daß ich mich nicht ganz treffend ausgedrückt habe, so daß Sie, wenn Sie ein hochmütiger Mensch wären, mich zur Genüge erniedrigt gesehen hätten ... Ich sage Ihnen, eine Dame von anständigem Lebenswandel, das heißt, nur ‚leichten Inhalts‘ ... Verzeihen Sie, ich bin so verwirrt. Ich rede ja, als spräche ich von Literatur! ... Da hat man sich nämlich jetzt eingeredet, daß Paul de Kocks Romane leichten Inhalts seien, während doch bei seinen Romanen das ganze Malheur, wie gesagt ... nun eben ...“
Der junge Mann blickte mitleidig den Herrn im Waschbärpelz an, der sich schließlich rettungslos verwirrt hatte und ihn mit sinnlosem Lächeln ansah, während seine bebende Hand ohne jeden sichtbaren Grund immer wieder nach dem Aufschlag der Pekesche des anderen griff.
„Sie fragten, wer hier wohnt?“ fragte der junge Mann, ein wenig zurückweichend.
„Ja, Sie haben ja schon gesagt, hier wohnen viele.“
„Hier ... hier wohnt, wie ich zufällig weiß, unter anderen Ssofja Osstafjewna,“ sagte der junge Mann flüsternd und sogar mit einem gewissen Mitgefühl.
„Nun sehen Sie, sehen Sie! Sie wissen unbedingt etwas Näheres, junger Mann!“
„Ich versichere Ihnen, nein, ich weiß nichts ... Ich habe nur so kombiniert, so nach Ihrem verstörten Aussehen ...“
„Ich ... ich habe soeben erst von der Köchin erfahren, daß sie in dieses Haus hier geht; doch Sie sind in Ihrer Vermutung fehlgegangen, das heißt, ich will sagen, sie ist nicht zu Ssofja Osstafjewna gegangen ... sie kennt sie ja gar nicht ...“
„Nicht? Dann entschuldigen Sie ...“
„Man sieht, daß Sie das alles nicht interessiert, junger Mann,“ bemerkte der seltsame Herr mit bitterer Ironie.
„Hören Sie mal,“ begann der junge Mann etwas unsicher, „ich kenne allerdings nicht die Ursache Ihrer gegenwärtigen ... Verfassung, aber sagen Sie doch offen: Sie sind wohl hintergangen worden, nicht?“
Der junge Mann lächelte verständnisvoll.
„... Wir werden uns dann wenigstens schneller verstehen,“ fügte er lächelnd hinzu und seine ganze Gestalt verriet die großmütige Bereitwilligkeit, sogleich eine leichte Verbeugung zu machen.
„Sie vernichten mich! Aber wissen Sie – ich gestehe Ihnen ganz offen – Sie haben vollkommen erraten, um was es sich – ... Aber wem kann das nicht passieren! ... Ihre Teilnahme rührt mich tief. Unter jungen Leuten, nicht wahr, das werden Sie doch zugeben ... Übrigens bin ich ja nicht mehr ganz jung, aber, wissen Sie, die Gewohnheit, das Junggesellenleben, wie gesagt, unter uns Junggesellen, na, Sie wissen schon ...“
„O, versteht sich, selbstverständlich! Doch womit kann ich Ihnen nun dienen?“
„Ja sehen Sie! Sie werden zugeben, daß ein Besuch bei Ssofja Osstafjewna ... Übrigens weiß ich noch nicht einmal genau, zu wem sich diese Dame begeben hat, ich weiß nur, daß sie sich in diesem Hause befindet. Als ich Sie nun hier auf und ab gehen sah – ich selbst spazierte dort auf jener Seite – dachte ich, wie gesagt ... Sehen Sie, ich erwarte nämlich diese Dame ... ich weiß, daß sie hier ist – da wollte ich mit ihr zusammentreffen und ihr erklären, ihr vernünftig auseinandersetzen, wie wenig anständig, wie schändlich ... mit einem Wort, wie gesagt – Sie verstehen mich ...“
„Hm! Nun?“
„Ich tue es ja gar nicht für mich! Denken Sie nur nicht etwa ... O nein! Das ist eine ganz fremde Frau! Der Mann steht dort auf der Wosnessenskij-Brücke; er will sie hier überrumpeln, kann sich aber nicht entschließen, – er glaubt eben noch nicht, wie jeder Gatte ...“ Hier machte der Herr im Waschbärpelz wieder einen Versuch, zu lächeln. „Ich bin nur sein Freund. Und nicht wahr, Sie werden mir doch zugeben, daß ich als Mensch, der sich sozusagen einer gewissen, allgemeinen Achtung erfreut, nicht wohl derjenige sein kann, für den Sie mich zu halten offenbar geneigt sind, – das ist doch klar!“
„Selbstverständlich. Nun, und?“
„Also wie gesagt, ich bin hier auf der Lauer, ich bin beauftragt – Sie verstehen – Der arme Mann! Aber ich weiß, daß die listige junge Frau – ewig hat sie einen Paul de Kock unter ihrem Kopfkissen! – ich bin überzeugt, daß sie es doch verstehen wird, irgendwie unbemerkt durchzuschlüpfen ... Mir hat nämlich, offen gestanden, nur die Köchin gesagt, daß sie hierhergehe, und da bin ich denn wie ein Sinnloser hergestürzt, kaum daß sie es ausgesprochen hatte. Ich will ihrer habhaft werden, ich muß es, koste es, was es wolle! Ich habe ja schon längst Verdacht geschöpft. Deshalb wollte ich Sie fragen – Sie gehen hier auf und ab ... Sie ... Sie ... ich weiß nicht, wie ich ...“
„Ja, was denn? Was wünschen Sie zu wissen?“
„Ja ... ja, ja ... Ich, ich habe leider nicht das Vergnügen, Sie zu kennen, und, offen gestanden, ich wage auch gar nicht, eine solche Neugierde zu bekunden, zum Beispiel, ... ich meine ... wer und ... was ... und weshalb ... Jedenfalls aber werden Sie erlauben, daß wir uns, wie gesagt ...“
Und der bebende Herr im Waschbärpelz ergriff die Hand des jungen Mannes und schüttelte sie kräftig und mit glühender Aufrichtigkeit.
„Freut mich, freut mich! Das hätte ich eigentlich sogleich tun sollen,“ fuhr er erregt fort, „aber man ist mitunter so zerfahren, daß man alles vergißt!“
Der Herr konnte vor Unruhe keinen Augenblick still stehen, blickte nach links, nach rechts, trat von einem Bein aufs andere, fast zappelnd vor Ungeduld, und griff, wie ein Ertrinkender nach dem Strohhalm, fortwährend nach einem Knopf oder einem Aufschlag der Pekesche des jungen Mannes.
„Sehen Sie mal,“ fuhr er fort, „ich wollte mich in voller Freundschaft an Sie wenden – verzeihen Sie die Freiheit – und wollte Sie bitten: könnten Sie nicht dort in jener Straße, an der anderen Seite des Hauses, wo sich der hintere Ausgang befindet, promenieren, so, wissen Sie, hin und her? Und ich – ich werde dasselbe tun, bloß hier, vor dem Haupteingang, damit sie nicht unbemerkt durchschlüpfen kann – verstehen Sie? Ich fürchte nämlich die ganze Zeit, sie könne vielleicht doch unbemerkt durchschlüpfen. Das aber darf auf keinen Fall geschehen. Und Sie, sobald Sie sie erblicken – rufen Sie mich schnell, schreien Sie und halten Sie sie auf ... Doch was sage ich! ich bin verrückt! Jetzt erst begreife ich die ganze Dummheit und Unanständigkeit meines Vorschlages!“
„Nein, wieso! Ich bitte Sie! ...“
„Nein, nein, versuchen Sie nicht, mich zu entschuldigen. Ich bin unzurechnungsfähig, ich ... ich kann meine Gedanken nicht mehr zusammenhalten! Das ist mir so noch nie passiert! Es ist, als hätte ich mein Todesurteil vernommen! Ich will Ihnen sogar gestehen – ich bin ganz offen und ehrlich mit Ihnen, junger Mann – ja, ich habe anfangs Sie für den Liebhaber gehalten!“
„Sie wollen also, einfach ausgedrückt, wissen, was ich hier tue?“
„Aber mein Bester, Verehrtester, der Gedanke sei mir fern, daß Sie der Betreffende sein könnten! Es sei, wie gesagt, fern von mir, Sie auch nur in Gedanken mit einem solchen Verdacht zu ... Aber ... aber können Sie mir Ihr Ehrenwort darauf geben, daß Sie kein Liebhaber sind? ...“
„Nun, gut: mein Ehrenwort, daß ich ein Liebhaber bin, nur nicht derjenige Ihrer Frau; anderenfalls wäre ich jetzt nicht auf der Straße, sondern bei ihr, wie Sie wohl zugeben werden.“
„Meiner Frau? Wer hat Ihnen das gesagt, junger Mann? Ich bin unverheiratet, bin, wie gesagt, Junggeselle, ich ... das heißt, nun ja ... ich bin selbst ein Liebhaber ...“
„Sie sagten, der Gatte ... warte dort auf der Brücke ...“
„Gewiß, gewiß – wenn ich es schon gesagt habe? Aber sehen Sie, es gibt noch andere ... Verwicklungen! Und Sie werden mir doch zugeben, junger Mann, daß eine gewisse Leichtfertigkeit, namentlich wenn sie beiden Charakteren eigen ist, das heißt, ich meine ...“
„Schon gut, schon gut, aber um was ...“
„Das heißt, ich bin durchaus nicht der Gatte ...“
„Ganz recht, das haben Sie schon gesagt. Aber jetzt bitte ich Sie, nachdem ich Sie beruhigt habe, auch mir Ruhe zu gönnen, und damit Ihnen das leichter wird, verspreche ich Ihnen nochmals, Sie sogleich zu rufen. Doch jetzt werden Sie wohl die Güte haben, sich zurückzuziehen und mir den Weg gefälligst frei zu geben. Ich warte nämlich gleichfalls.“
„O, bitte, bitte, sofort, sofort werde ich mich entfernen! Ich kann Ihnen die leidenschaftliche Ungeduld Ihres Herzens nur zu gut nachfühlen. Ich verstehe das, junger Mann. O, wie gut ich Sie jetzt verstehe!“
„Ja, was ...“
„Auf Wiedersehen! ... Übrigens, verzeihen Sie, junger Mann, ich komme wieder zu Ihnen ... Ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll ... Geben Sie mir noch einmal Ihr Ehrenwort, daß Sie nicht der Liebhaber sind!“
„Herr des Himmels! ...“
„Nur noch eine Frage, die letzte: ist Ihnen der Familienname des Mannes Ihrer ... das heißt, ich wollte sagen, derjenigen bekannt, für die Sie sich interessieren?“
„Selbstverständlich ist er mir bekannt, jedenfalls ist es nicht der Ihrige. Doch jetzt basta!“
„Aber woher kennen Sie denn meinen Namen?“
„Hören Sie, ich gebe Ihnen einen Rat: machen Sie, daß Sie davon kommen. So verlieren Sie nur Ihre Zeit und sie kann inzwischen tausendmal unbemerkt aus dem Hause schlüpfen ... Was wollen Sie denn noch? Die, die Sie suchen, ist in einem Fuchspelz und trägt einen Kapotthut, und die, die ich suche, hat einen karierten Umwurf und ein hellblaues Samthütchen ... Was wollen Sie mehr?“
„Ein hellblaues Samthütchen! Aber sie hat ja gleichfalls einen karierten Umwurf und ein solches Hütchen!“ rief der lästige Herr bestürzt aus, der plötzlich wie angewurzelt vor dem jungen Manne stand.
„Ach, der Teufel! Na ja, das nennt man eben Zufall, mein Herr, so etwas kommt vor. Doch wozu rege ich mich auf! – Die, die ich erwarte, pflegt ja nicht dorthin zu gehen!“
„Aber wo ist sie denn jetzt – diejenige, die Sie erwarten?“
„Interessiert Sie das?“
„Offen gestanden, ich habe nichts anderes ...“
„Pfui, Teufel! Sie haben ja, weiß Gott, überhaupt kein Schamgefühl! Na, zum Kuckuck, ich will es Ihnen sagen: die, die ich erwarte, hat hier Bekannte in diesem Hause, im dritten Stockwerk des Vorderhauses. So, und was wollen Sie jetzt noch wissen? Jetzt fehlte nur noch, daß Sie auch die Namen zu hören wünschen!“
„Mein Gott! Auch ich habe Bekannte im dritten Stockwerk, hier im Vorderhause ... General ...“
„General? ...“
„Jawohl, ein General. Ich kann Ihnen, wenn Sie wollen, auch sagen, welch ein General ... es ist General Polowizyn.“
„Da haben wir’s! – Nein, der ist es nicht!“ versetzte er schnell gefaßt – im geheimen aber fluchte er ganz gotteslästerlich:
„Ach, der Teufel! da schlag’ doch der Henker drein!“
„Nicht die?“
„Nein.“
Beide schwiegen plötzlich und starrten verständnislos einander an.
„Na, zum ... was starren Sie mich denn so an?“ fuhr plötzlich der junge Mann auf, ärgerlich die Starrheit von sich abschüttelnd.
Der Herr im Waschbärpelz wurde unruhig.
„Ich, ich, offen gestanden ...“
„Nein, erlauben Sie mal, jetzt lassen Sie uns vernünftig reden. Die Sache geht uns beide an. Erklären Sie mir: wen haben Sie dort?“
„Das heißt, Sie meinen meine Bekannten?“
„Ja, Ihre Bekannten ...“
„Nun sehen Sie, sehen Sie! Ich sehe es ja Ihren Augen an, daß ich es erraten habe!“
„Teufel! Aber nein doch, nein! Hol’s der Teufel! Sind Sie denn etwa blind? Ich stehe doch leibhaftig vor Ihnen, also kann ich doch nicht bei ihr sein. Aber jetzt reden Sie endlich! Übrigens hol’s der Teufel, mir ist es schließlich auch gleichgültig, ob Sie reden oder nicht!“
Und der junge Mann drehte sich wütend auf dem Absatz um, schlug mit der Hand eine bezeichnende Gebärde und stampfte sogar mit dem Fuß auf.
„Ja, aber, ich sage ja nichts, ich bitte Sie, ich bin gern bereit, Ihnen als einem Ehrenmanne alles zu erzählen: anfangs ging meine Frau allein zu ihnen – sie ist mit ihnen verwandt, müssen Sie wissen – und ich ahnte natürlich nichts, das heißt, jeder Verdacht lag mir vollkommen fern. Gestern aber traf ich auf der Straße Se. Exzellenz: da mußte ich zu meiner Verwunderung vernehmen, daß sie bereits vor drei Wochen die Wohnung gewechselt hatten, meine Frau aber ... das heißt, was sage ich! – nicht meine Frau, sie ist die Frau eines anderen – der Mann wartet, wie gesagt, dort auf der Wosnessenskij-Brücke. Diese Dame also hat aber gesagt, daß sie noch vor zwei Tagen bei ihnen gewesen sei und zwar hier in dieser Wohnung ... Die Köchin wiederum erzählte mir, daß die Wohnung Sr. Exzellenz ein junger Mann, Bobynizyn mit Namen, gemietet habe ...“
„Ach, der Teufel! ach, der Teufel!“
„Mein Herr, ich bin außer mir, ich bin entsetzt!“
„Ach, hol’ Sie der Henker! Was geht das mich an, ob Sie außer sich sind oder nur entsetzt! Ach! Da, da schimmerte etwas Helles! Dort! ... Sehen Sie?“
„Wo? wo? Rufen Sie nur ‚Iwan Andrejewitsch‘ und ich komme sofort ...“
„Gut, gut. Ach, der Teufel, so etwas ist mir bisher doch noch nicht vorgekommen, Iwan Andrejewitsch!“
„Hier!“ schrie im Augenblick der Gerufene und kehrte wie der Wind zurück, atemlos vor Schreck und Aufregung. „Was? was? Wo?“
„Nein, diesmal rief ich nur so ... ich wollte bloß wissen, wie diese Dame heißt?“
„Glaf...“
„Glafira ...?“
„Nein, nicht ganz so, nicht gerade Glafira ... verzeihen Sie, aber ich kann Ihnen ihren Namen nicht nennen.“
Der ehrenwerte Mann war bei diesen Worten weiß wie Kalk.
„Nun ja, selbstverständlich heißt sie nicht Glafira, das weiß ich selbst, daß sie nicht Glafira heißt, auch jene heißt nicht Glafira ... Doch übrigens, bei wem ist sie denn dort?“
„Wo?“
„Dort! Herr des Himmels! Da schlag’ doch der Henker drein!“
Der junge Mann konnte buchstäblich nicht stille stehn vor Wut.
„Aha! Sehen Sie? Woher wußten Sie denn, daß sie Glafira heißt?“
„Ach, zum Teufel damit! Da hab’ ich nun auch Sie noch auf dem Halse! Aber Sie sagen doch selbst, daß diejenige, die Sie suchen, nicht Glafira heißt! ...“
„Mein Herr, welch ein Ton!“
„Ach, zum Teufel, jetzt ist es mir wohl gerade um den Ton zu tun! Was ist sie denn? – Ihre Frau etwa?“
„Nein, das heißt ... ich bin unverheiratet ... Nur finde ich es anstößig, so einem unglücklichen Menschen, so einem Menschen, der – ich will nicht sagen: der jeder Achtung wert ist, aber zum mindesten doch so einem wohlerzogenen Menschen nach jedem Wort ‚hol’s der Teufel‘ zu sagen. Von Ihnen aber hört man ja überhaupt nichts anderes als ‚hol’s der Teufel, hol’s der Teufel‘!“
„Nun, ja, schon gut, hol’s der Teufel! Na, da haben Sie es wieder, freuen Sie sich darüber!“
„Sie sind vom Zorn geblendet und deshalb schweige ich. Mein Gott, wer ist das?“
„Wo?“
Sie hörten Geräusch und Lachen, zwei schmutzig gekleidete Mädchen traten aus dem Hause. Beide Herren stürzten ihnen entgegen.
„Nein! So sehen Sie doch! ...“
„Was wollen Sie?“
„Nein, das ist sie nicht!“
„Was, seid nicht auf die Bewußten gestoßen? – He! Droschke!“
„Wohin will sie denn, Fräulein?“
„Steige ein, Annuschka, ich werde dich hinbringen.“
„Ich muß aber dorthin, in jene Gegend. Fahr los! Aber daß du schnell fährst ...“
Die Droschke fuhr davon.
„Woher mögen die gekommen sein?“
„Herr des Himmels! Das ist ja, um ... Aber sollte man nicht hingehen?“
„Wohin?“
„Zu Bobynizyn, wohin denn sonst! ...“
„Nein, das geht nicht ...“
„Weshalb nicht?“
„Ich würde natürlich gehen, aber dann sagt sie etwas anderes, sie ... würde den Spieß umdrehen; ich kenne sie! Sie würde sagen, daß sie absichtlich gekommen sei, um mich bei irgend einer zu überraschen und damit würde sie alles mir in die Schuhe schieben.“
„Und dabei zu wissen, daß sie vielleicht dort ist! Ja aber, hören Sie – ich weiß nicht – aber weshalb schließlich nicht den Versuch riskieren? Hören Sie, gehen Sie zum General ...“
„Aber der wohnt doch nicht mehr hier!“
„Gleichviel! – begreifen Sie denn nicht? Sie ist doch hingegangen, und Sie gehen gleichfalls hin – verstehen Sie? Tun Sie, als wüßten Sie nichts von seinem Wohnungswechsel, als wollten Sie nur auf einen Augenblick bei ihm vorsprechen, um Ihre Frau abzuholen, nun und so weiter!“
„Und dann?“
„Nun und dann ertappen Sie eben wen Sie wollen bei Bobynizyn. Pfui Teufel, ist das aber ein Rüp...“
„Ja, aber was haben Sie denn davon, wenn ich dort jemanden ertappe? Sehen Sie, sehen Sie!“
„Was, was? Kommen Sie wieder damit? Ach du Grundgütiger! Haben Sie denn schon jegliches Schamgefühl verloren, Sie ...“
„Ja, aber weshalb regen Sie sich denn deshalb so auf? Offenbar wollen Sie wissen ...“
„Was? was will ich wissen? was? Ach nun, zum Teufel mit Ihnen, jetzt ist’s mir nicht um Sie zu tun! Ich kann auch allein gehen, gehen Sie, gehen Sie fort, bewachen Sie dort den Ausgang, laufen Sie, nun, aber schnell!“
„Mein Herr, Sie vergessen sich fast!“ rief der Herr im Waschbärpelz verzweifelt.
„Was? Was liegt daran, daß ich mich vergesse?“ fragte der junge Mann durch die Zähne, in seiner Wut mit geballter Faust auf den Herrn im Waschbärpelz eindringend. „Nun, was? Wem gegenüber vergesse ich mich?!“ knirschte er zornbebend.
„Aber, mein Herr, erlauben Sie ...“
„Nun, wer sind Sie, dem gegenüber ich mich vergesse, wer, wie ist Ihr Name?“
„Ich weiß nicht, ich ... wie ich das nennen soll, junger Mann. Wozu denn meinen Namen? ... Ich, ich kann es nicht ... Ich werde lieber mit Ihnen gehen. Also gehen wir, ich werde nicht zurückbleiben, ich bin zu allem bereit ... Nur, glauben Sie mir: ich habe wirklich höflichere Ausdrücke verdient! Man soll sich nie die Geistesgegenwart nehmen lassen. Wenn Sie aber durch irgendeinen Umstand aus der Fassung gebracht sind – und ich errate die Ursache – so brauchen Sie sich deshalb noch nicht zu vergessen ... Sie sind noch ein sehr, sehr junger Mann ...!“
„Eh, was geht das mich an, daß Sie alt sind! Machen Sie, daß Sie fortkommen, was laufen Sie hier herum? ...“
„Wieso, inwiefern bin ich denn alt? Ich bin doch noch gar nicht so alt! Allerdings, daß ich es schon weit gebracht habe, aber ... aber ich laufe durchaus nicht hier herum ...“
„Das sieht man, weiß Gott. So packen Sie sich zum Teufel ...“
„Nein, es bleibt dabei, daß ich mit Ihnen gehe; das können Sie mir nicht verbieten; ich bin gleichfalls beteiligt; ich gehe mit Ihnen ...“
„Aber dann still, ganz leise, schweigen Sie! ...“
Sie traten ins Haus und stiegen die Treppe hinauf zum dritten Stockwerk. Es war ziemlich dunkel.
„Warten Sie! Haben Sie Streichhölzer?“
„Streichhölzer? Was für Streichhölzer?“
„Zum ... rauchen Sie keine Zigaretten?“
„Ach, ja! Gewiß habe ich, hier, hier sind sie, sogleich ...“ Der Herr im Waschbärpelz befühlte hastig alle seine Taschen.
„Teufel, das ist aber ein ... Ich glaube, diese Tür muß es sein ...“
„Ja, ja, ja, diese – diese – diese – diese ...“
„Diese – diese – diese – schreien Sie doch noch lauter! Können Sie denn nicht still sein? Halten Sie den Schnabel.“
„Mein Herr, ich bin an so etwas nicht gewöhnt, ich, ich muß mir Gewalt antun ... Sie sind ein ungezogener, frecher Mensch!“
Das Streichholz flammte zischend auf.
„Da, sehen Sie? Das Metallschildchen? Da steht ja: Bobynizyn; sehen Sie: Bobynizyn? ...“
„Ich sehe, ich sehe!“
„Lei–se! Was, ausgelöscht?“
„Ja, ausgelöscht.“
„Soll man klopfen?“
„Ja,“ entschied der Herr im Waschbärpelz.
„Dann klopfen Sie!“
„Nein, weshalb denn ich? Fangen Sie an, pochen Sie zuerst an die Tür.“
„Memme!“
„Sie sind selbst eine Memme!“
„So packen Sie sich doch!“
„Ich muß sagen, ich bereue es fast, Sie in das Geheimnis eingeweiht zu haben. Sie ...“
„Sie haben meine Verstörtheit ausgenutzt, Sie haben gesehen, wie ich ...“
„Ach, zum Teufel damit! Ich finde Sie nur lächerlich und damit basta!“
„Weshalb sind Sie denn hier?“
„Und Sie? weshalb sind Sie denn hier?“
„Das ist mir mal eine schöne Moral!“ versetzte höchst unwillig der Herr im Waschbärpelz.
„Was reden Sie von Moral – was sind Sie denn selbst?“
„Sehen Sie, das ist eben unmoralisch von Ihnen!“
„Was?“
„Ja, Ihrer Meinung nach ist jeder beleidigte Gatte ein ... ein Pantoffelheld!“
„Sind Sie denn ein Gatte? Der Gatte wartet doch dort auf der Brücke? Weshalb regen Sie sich denn so auf? Weshalb mischen Sie sich überhaupt in fremde Angelegenheiten?“
„Mir aber will es scheinen, daß gerade Sie der Liebhaber sind! ...“
„Hören Sie, wenn Sie so fortfahren, muß ich gestehen, daß meiner Überzeugung nach kein anderer – Pantoffelheld sein kann, als gerade Sie! Es gibt aber auch noch eine andere Benennung dafür.“
„Das heißt, Sie wollen sagen, daß ich der Mann bin!“ versetzte der Herr im Waschbärpelz wie mit heißem Wasser übergossen und unwillkürlich einen Schritt zurückweichend.
„Ssst! Schweigen Sie! Hören Sie? ...“
„Das ist sie!“
„Wie dunkel es hier ist.“
Auf der Treppe wurde es mäuschenstill. Aus der Wohnung Bobynizyns ließ sich allerdings Geräusch vernehmen.
„Weshalb sollen wir uns streiten, mein Herr?“ flüsterte der Kleine im Waschbärpelz.
„Ja, zum Teufel, Sie haben sich doch als erster beleidigt gefühlt!“
„Aber wie haben Sie mich auch behandelt!“
„Schweigen Sie!“
„Sie müssen mir doch zugeben, daß Sie ein noch sehr junger Mann sind ...“
„Schweigen Sie! zum ...“
„Gewiß, ich bin mit Ihrer Auffassung vollkommen einverstanden, daß der Gatte in einer solchen Lage ein Pantoffelheld ist ...“
„Aber, so schweigen Sie doch endlich! verflucht noch einmal!“
„Aber weshalb denn diese boshafte Verfolgung des unglücklichen Gatten? ...“
„Das ist sie!“
Doch in dem Augenblick verstummte das Geräusch.
„Ist sie es?“
„Ja, sie ist es! Aber weshalb regen Sie sich denn so auf? Was geht das Sie als fremden Menschen an?“
„Mein Herr, mein Herr!“ stammelte der Kleine im Waschbärpelz mit versagender, erstickender Stimme, aus der es fast wie ein Schluchzen klang. „Ich ... versteht sich, in der Verstörtheit ... Sie haben mich zur Genüge erniedrigt gesehen; doch jetzt ist es Nacht, aber morgen ... übrigens werden wir uns morgen sicherlich nicht wiedersehen, obschon ich mich nicht zu fürchten brauche, Ihnen zu begegnen – und übrigens bin ja gar nicht ich es, es ist nur mein Freund, wie gesagt, der auf der Wosnessenskij-Brücke wartet. Wirklich, Sie können mir glauben! Das ist seine Frau, wie gesagt, nicht meine Frau. Der arme Mensch! Ich ... ich versichere Ihnen! Ich bin sehr gut mit ihm bekannt; erlauben Sie, ich werde Ihnen alles erzählen. Ich bin sein Freund, wie Sie sehen, denn – würde ich anderenfalls so lebhaften Anteil an seinem Unglück nehmen? Und Sie sehen doch! – Ich habe ihm ja selbst gesagt, unzählige Mal gesagt: wozu heiratest du? Bist du nicht ein ehrenwerter Mensch, bist du nicht wohlhabend, bekleidest du nicht einen angesehenen Posten, weshalb also willst du das alles gegen die Launen einer Koketten eintauschen? oder zum mindesten doch aufs Spiel setzen? Hab ich nicht recht? Nein, aber, – ich heirate, sagt er, ich will Familienglück ... Da hat er jetzt sein Familienglück! Zuerst hatte er selbst Ehemänner betrogen, jetzt aber kam die Reihe an ihn, den Kelch zu leeren. Sie werden mich entschuldigen, diese Erklärungen hat mir nur die Notwendigkeit entrissen! ... Er ist ein unglücklicher Mensch, der jetzt selbst den Kelch leeren muß ...“
Hier begann die Stimme des Herrn im Waschbärpelz zu versagen und der junge Mann hörte so etwas wie ein Schluchzen, als ob sein Gefährte allen Ernstes zu weinen begonnen.
„Ach, daß der Teufel sie alle holte! Es gibt doch wahrlich genug Dummköpfe in der Welt! Wer sind Sie denn eigentlich?“
Der junge Mann knirschte vor Wut.
„Nein, das müssen Sie zugeben, das geht nicht ... ich handelte edel und offen ... Sie aber schlagen jetzt wieder einen solchen Ton an!“
„Nun, verzeihen Sie, – wie lautet denn Ihr werter Familienname?“
„Nein, wozu, was hat das hier mit dem Familiennamen zu schaffen?“
„Ah!!“
„Es ist mir ganz unmöglich, meinen Namen zu nennen ...“
„Kennen Sie Herrn Schabrin?“ fragte plötzlich der junge Mann.
„Schabrin!!!“
„Ja, Schabrin! Ah!!!“ Der junge Mann erlaubte sich, die Stimme des älteren ein wenig nachzuäffen. „Haben Sie jetzt begriffen?“
„Nein, wieso, was für ein Schabrin?“ stotterte mit hervorquellenden Augen der Herr im Waschbärpelz. „Durchaus nicht Schabrin! Er ist ein Ehrenmann, ich kenne ihn zufällig! Und Ihre Unhöflichkeiten kann ich mir nur durch Ihre Eifersucht erklären, die Sie vollkommen unzurechnungsfähig macht.“
„Ein Spitzbube ist er, aber kein Ehrenmann, eine käufliche Seele, ein Prozentschneider, ein Betrüger, der die Kasse bestohlen hat! Bald wird er vors Gericht gebracht werden!“
„Entschuldigen Sie,“ sagte der Herr im Waschbärpelz, der bleich geworden war, „Sie kennen ihn nicht; wie ich sehe, muß er Ihnen vollkommen unbekannt sein.“
„Freilich, persönlich kenne ich ihn nicht, dafür kenne ich aber um so besser das Wesen seiner werten Person aus gewissen ihm sehr nahestehenden Quellen.“
„Mein Herr, aus welchen Quellen? Ich bin ... so zerstreut, wie Sie sehen ...“
„Ein Esel! Ein Dummkopf erster Sorte! Ein eifersüchtiger Pantoffelheld, der seine Frau nicht zu bewachen versteht – das ist er! Finden Sie sich damit ab, daß Sie jetzt erfahren haben, was er ist!“
„Ich bitte um Entschuldigung, aber Sie täuschen sich in Ihrem Eifer, junger Mann ...“
„Ach!“
„Ach!“
In der Wohnung Bobynizyn ließ sich wieder Geräusch vernehmen. Die Tür wurde aufgeschlossen, Stimmen wurden laut.
„Ach, das ist nicht sie, nein, das ist sie nicht! Ich erkenne ihre Stimme! Jetzt habe ich alles erfahren! ... Glauben Sie mir, das ist sie nicht!“ versicherte der Herr im Waschbärpelz fast beschwörend, während sein Gesicht so weiß wie die Wand hinter ihm wurde.
„Schweigen Sie!“
Der junge Mann drückte sich in den Winkel, um nicht gesehen zu werden.
„Mein Herr, ich eile: sie ist es nicht, das freut mich sehr.“
„Nun, nun, dann machen Sie, daß Sie fortkommen, gehen Sie!“
„Aber weshalb bleiben Sie denn hier?“
„Weshalb gehen Sie denn nicht?“
Die Tür wurde aufgemacht und der Herr im Waschbärpelz eilte wie der Blitz die Treppe hinab.
Am jungen Mann gingen ein Herr und eine Dame vorüber und sein Herz drohte stille zu stehen ... Er vernahm nur eine helle, bekannte Frauenstimme und dann eine rauhe Männerstimme, die ihm jedoch ganz unbekannt war.
„Das hat nichts auf sich, ich werde einen Schlitten nehmen,“ sagte die rauhe Stimme.
„Ach, nun ja, dann ja; gut, ich willige ein ...“
„Er wird bereits vor der Tür halten. Im Augenblick.“ Und damit verschwand der Herr. Die Dame blieb allein zurück.
„Glafira! Wo sind deine Schwüre?“ rief der junge Mann in der Pekesche, die Dame am Handgelenk fassend.
„Ach! Wer ist das? Sind Sie es? Sie, Tworogoff? Mein Gott im Himmel! Was tun Sie hier?“
„Wer war jener Herr?“
„Aber das ist ja doch mein Gemahl, gehen Sie, gehen Sie, er wird sogleich zurückkehren ... von Polowizyns. So gehen Sie doch fort, um Gottes willen, gehen Sie!“
„Polowizyns sind aus dieser Wohnung schon vor drei Wochen ausgezogen! Ich weiß alles!“
„Ach!“ Und damit eilte die Dame so schnell sie konnte die Treppe hinab. Der junge Mann holte sie aber doch noch ein.
„Wer hat es Ihnen gesagt?“ fragte die Dame.
„Ihr Herr Gemahl, meine Gnädigste, Iwan Andrejewitsch, der sich hier in nächster Nähe befindet, der – vor Ihnen steht, meine Gnädigste ...“
Iwan Andrejewitsch – so hieß der Herr im Waschbärpelz – stand in der Tat auf der Treppe dicht vor seiner Gemahlin.
„Ach, das sind Sie?“ rief der Herr Gemahl.
„Ah, c’est vous?“ rief Glafira Petrowna, die mit ungefälschter Freude zu ihm stürzte. „O Gott! Was mir alles zugestoßen ist! Ich war bei Polowizyns; und kannst du dir vorstellen ... du weißt, sie wohnen jetzt an der Ismailoff-Brücke; ich sagte es dir, weißt du noch? Und dort stieg ich in einen Schlitten. Die Pferde scheuten, jagten dahin, zerschmetterten den Schlitten und ich wurde, keine hundert Schritt von hier, in den Schnee geschleudert; der Kutscher wurde aufs Polizeibureau gebracht; ich war natürlich außer mir. Zum Glück kam da Monsieur Tworogoff ...“
„Was?“
Mr. Tworogoff glich eher Loths Weib, nachdem es zur Salzsäule geworden, als Herrn Tworogoff.
„Mr. Tworogoff erblickte mich hier und war so liebenswürdig, mich zu begleiten. Doch jetzt sind Sie hier, da kann ich mit Ihnen zu uns nach Hause fahren, und Sie, Mr. Tworogoff, erlauben wohl, daß ich Sie meiner ganzen Dankbarkeit versichere.“
Und damit reichte die Dame dem immer noch erstarrten Herrn Tworogoff die Hand, die sie aber so stark drückte, daß er fast aufgeschrien hätte.
„Mr. Iwan Iljitsch Tworogoff!“ stellte sie ihn ihrem Gatten vor. „Ein Bekannter von mir. Ich hatte das Vergnügen, ihn auf dem letzten Ball bei Skorlupoffs kennen zu lernen, – ich glaube, daß ich dir von ihm schon erzählt habe? Entsinnst du dich nicht, Coco?“
„Ach, aber gewiß, gewiß, mein Kind! Sehr gut entsinne ich mich!“ versicherte eilfertig der Herr im Waschbärpelz, der Coco genannt worden war. „Freut mich, freut mich ungemein!“
Und er drückte in aufrichtiger Freude die Rechte des Herrn Tworogoff.
„Mit wem reden Sie denn da? Was hat denn das zu bedeuten? Ich warte ...“ ertönte plötzlich eine rauhe Stimme.
Vor der Gruppe stand plötzlich ein endlos langer Herr, der ein Lorgnon hervorzog und den Herrn im Waschbärpelz aufmerksam zu betrachten begann.
„Ach, voilà Mr. Bobynizyn!“ rief die Dame in den süßesten Tönen. „Woher kommen Sie denn, wenn man danach fragen darf? Das nenne ich eine Begegnung! Denken Sie sich, mich haben die Pferde soeben aus dem Schlitten geworfen ... Doch hier mein Mann! Jean! Mr. Bobynizyn, den ich auf dem Ball bei Karpoffs kennen gelernt habe.“
„Ah, sehr, sehr, sehr angenehm! ... Ich werde sogleich ein Gefährt besorgen, mein Kind.“
„Ja, ja, tu’ es, Jean, tu’ es. Ich zittere noch, ich bebe von dem Schreck. Mir ist gar nicht wohl ... Heute abend auf dem Maskenball,“ flüsterte sie schnell Tworogoff zu ... „Leben Sie wohl, leben Sie wohl, Herr Bobynizyn! Wir werden uns doch wohl morgen auf dem Ball bei Karpoffs wiedersehen?“
„Nein, pardon, ich werde dort nicht zu finden sein; ich werde morgen ... wenn es jetzt nicht geht ...“ brummte Herr Bobynizyn undeutlich zwischen den Zähnen, so daß der Nachsatz nicht zu verstehen war, machte mit seinem Riesenstiefel einen Kratzfuß, setzte sich in seinen Schlitten und fuhr von dannen.
Da fuhr schon ein zweites Gefährt vor: die Dame setzte sich hinein, doch der Herr im Waschbärpelz zögerte mit dem Einsteigen. Wie es schien, war er noch nicht recht fähig, eine Bewegung zu machen und mit völlig sinnlosem Blick sah er unverwandt den jungen Mann in der Pekesche an, worauf dieser nichts als ein Lächeln zur Erwiderung hatte, ein Lächeln, das auffallend wenig geistreich war.
„Ich weiß nicht ...“
„Es freut mich, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben,“ versetzte der junge Mann mit einem leichten Bückling, gewissermaßen um vorzubeugen, da er plötzlich so etwas wie einen Schreck oder wie Furcht verspürte, wie sie Gewissensbisse hervorzurufen pflegen ...
„Freut mich, freut mich sehr ...“
„Sie haben, glaube ich, eine Galosche verloren ...“
„Ich? Ach, richtig! Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen! Ich habe mir immer Gummigaloschen anschaffen wollen ...“
„In Gummigaloschen sollen aber die Füße transpirieren, sagt man,“ bemerkte der junge Mann, allem Anschein nach mit unbegrenzter Teilnahme.
„Jean! So komm doch endlich!“
„Ganz recht, sie sollen transpirieren, wie man hört. Sogleich, sogleich, Herzchen, im Augenblick, wir haben hier nur ein Gespräch zu beenden! Ja, gerade wie Sie zu bemerken beliebten: die Füße transpirieren ... Übrigens, verzeihen Sie, ich ...“
„O, ich bitte!“
„Freut mich, freut mich ungemein, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben ...“
Der Herr im Waschbärpelz setzte sich neben seine Gemahlin in den verdeckten Schlitten. Die Pferde griffen aus.
Der junge Mann aber stand noch lange unbeweglich und blickte dem entschwundenen Paare verwundert nach.