R. Piper & Co. Verlag, München und Leipzig, 1910
Druck von Mänicke & Jahn in Rudolstadt.
Die ersten Werke, die Dostojewski nach seiner Rückkehr aus Sibirien geschrieben, bezw. vollendet hatte, waren die satirisch-humoristischen Dichtungen „Das Gut Stepantschikowo“ und „Onkelchens Traum“ gewesen, beide aus dem Jahre 1859. Diesen Dichtungen ließ er im Jahre 1861, noch während der Arbeit an den bereits begonnenen Erinnerungen „Aus einem Totenhause“, den Roman „Die Erniedrigten und Beleidigten“ folgen. Es ist Dostojewskis Liebesroman, die Geschichte einer Leidenschaft, die wie ein tragisches Idyll in dem breiten strömenden Epos seines Gesamtwerkes steht. Im Ton, in einer gewissen großstädtischen, nebelfeuchten, schattenschwankenden Petersburger Stimmung, in die sich auch hier noch leise und unheimliche soziale Untertöne mischten, griff er darin auf sein erstes Buch, die „Armen Leute“ zurück, wie es denn ersichtlich dieses Werk ist, auf das er sich selbst, als auf das Erstlingswerk des Erzählenden, des öfteren bezieht. Der Erzähler ist Dostojewski selbst, der junge Dostojewski aus seiner ersten Petersburger Zeit, an den sich der alte Dostojewski zurückerinnert. In der allgemeinen Behandlung dagegen, die auch hier wieder alle alte Romantik abtat und dafür schon in diesem Werke etwas wie eine neue Phantastik des modernen Lebens heraufbeschwor, in der entschlossenen Charakterologie, die sich nicht scheute, aus den Gestalten der beiden Liebenden die Vermenschlichung psychologischer und im Falle des Helden pathologischer Probleme zu machen, griff Dostojewski bereits seinen großen Romanen vor. Die „Erniedrigten und Beleidigten“ wirken wie ein Versuch zu ihnen, und nicht zufällig nähern sie sich ihnen von allem, was er in kleinerer Form geschrieben hat, auch räumlich am meisten. Geistig ist das Buch diesen Werken großer Form unmittelbar verwandt, fast könnte man sagen, es gehört bereits zu ihnen. Nur noch fünf Jahre, und Dostojewski war bereit, „Rodion Raskolnikoff“ zu schreiben. In den „Erniedrigten und Beleidigten“ kündigt sich diese Entwicklung bereits an: es ist das Jugendwerk, das er im Mannesalter geschrieben hat und in dem er sich zu seinem eigentlichen Lebenswerk frei und reif gemacht hatte.
M. v. d. B.