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Sämtliche Werke 19 cover

Sämtliche Werke 19

Chapter 51: IX.
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About This Book

The narrative follows a young narrator who becomes entangled with vulnerable people: an aged, broken man, a devoted woman, and others harmed by pride, secrecy, and social neglect. Interwoven episodes of unrequited love, betrayals, and concealed relationships propel a plot of moral reckoning, while intimate psychological portraits expose conflicting motives and suffering. Shifts between personal confession and wider social observation blend realism with melodrama, exploring themes of dignity, guilt, compassion, and the possibility of self-sacrifice as a form of redemption.

IX.

Im nächsten Augenblick lag sie an seiner Brust.

Er hob sie wie ein kleines Kind empor und trug sie zu seinem Großvaterstuhl, in den er sie sorgsam hineinsetzte, um dann seinerseits vor ihr niederzuknien. Er küßte ihre Hände, ihre Kniee, er konnte sich nicht satt sehen an ihr, als wolle er das Versäumte nachholen, als glaube er noch nicht, daß sie wieder bei ihm war, daß er sie wieder sah und hörte, – sie, seinen vergötterten Liebling, seine Natascha! Anna Andrejewna drückte, unfähig ein Wort hervorzubringen, schluchzend Nataschas Köpfchen an ihre Brust.

„Mein Liebstes! ... Mein Leben! ... Meine Freude du!“ stammelte der Alte, Nataschas Hände mit Küssen bedeckend, und mit Augen, wie sie nur Verliebte haben, hing er an ihrem blassen, schmalen, und bei alledem doch so unendlich liebreizenden Gesicht, an ihren lieben Augen, in denen Tränen glänzten. „Mein Kind, mein Sonnenschein!“ wiederholte er nur, und wieder verstummte er, um sie von neuem wie verzückt zu betrachten. „Aber wie, wie hat man mir denn gesagt, daß sie so abgenommen habe!“ fuhr er mit seltsamem Kinderlächeln fort, sich halbwegs an uns wendend. „Ja, ein bißchen ist das Gesichtchen schmäler geworden, auch ein wenig bleicher, aber sieh sie doch nur an, wie reizend sie ist! Noch schöner als sie früher war, ja, noch schöner!“ Unwillkürlich verstummte er wie unter einem seelischen Schmerz, einer jener freudvollen Schmerzempfindungen, von denen man meint, sie brächen das Herz entzwei.

„Stehen Sie auf, Papa! So stehen Sie doch auf,“ bat Natascha. „Ich will Sie doch auch küssen ...“

„O, mein Liebling, mein Liebstes! Hörst du, hast du gehört, Annuschka, wie lieb sie das gesagt hat!“

Und er umarmte sie leidenschaftlich.

„Nein, Natascha, ich ... ich muß so lange zu deinen Füßen liegen, bis ich fühle, daß du mir verziehen hast! Sage mir, was soll ich tun, um deine Verzeihung zu erlangen! Ich hatte dich verstoßen, ich hatte dich verflucht – hörst du, Natascha? – ich hatte dich verflucht! Ich, ich konnte das fertig bringen! ... Aber du, Natascha, wie konntest du nur glauben, daß ich dich auf ewig verstoßen würde! Und du hast es doch geglaubt, hast es geglaubt! Wozu, warum? Nein, du hättest es nicht glauben sollen! Ganz einfach – nicht glauben sollen hättest du es! Wie konntest du so grausam sein, mich für so grausam zu halten? Weshalb kamst du nicht zu mir? Du hättest doch wissen müssen, wie ich dich liebe ... O, Natascha, du weißt doch noch, wie ich dich früher liebte? Nun, dann wisse, daß ich dich in dieser ganzen Zeit noch einmal so sehr, nein, tausendmal mehr geliebt habe als früher! Mit meinem ganzen Blut liebte ich dich! Meine Seele hätte ich aus meinem Blut gezogen, mein Herz mir aus der Brust gerissen und dir zu Füßen gelegt! ... So liebte ich dich ... mein Liebling, meine Freude!“

„So küssen Sie mich doch auf den Mund, Papa, auf die Wangen, so wie Mama!“ rief Natascha mit einer Stimme, in der Tränen zitterten, Müdigkeit, Qual und Glück.

„Und deine Augen! Auch deine Augen will ich küssen! Weißt du noch, so wie früher ...“ und der Alte küßte seine Tochter. „O, Natascha! Hat dir nicht von uns geträumt? Mir bist du fast in jeder Nacht im Traum erschienen, in jeder Nacht bist du zu mir gekommen und ich habe über dich geweint. Einmal aber erschienst du als kleines Mädchen, weißt du, so wie damals, als du noch keine zehn Jahre alt warst und gerade erst Klavier zu spielen begannst. Du kamst in einem kurzen Kleidchen zu mir, in hellen Stiefelchen, und deine kleinen Händchen waren rot ... sie hatte doch damals oft rote Händchen, weißt du noch, Annuschka? – sie kam zu mir, setzte sich auf meinen Schoß und schlang die Ärmchen um meinen Hals ... Und du, du böses Mädchen, konntest noch glauben, daß ich dir die Tür gewiesen hätte, wenn du zu mir gekommen wärest! ... Ich war ja doch ... höre, Natascha: ich bin doch oft zu dir gegangen, nur hat das bisher niemand gewußt, auch sie, deine Mutter, nicht, keine Menschenseele! So stand ich dort auf der anderen Straßenseite und schaute hinauf zu den Fenstern deiner Wohnung, oder ich wartete in der Nähe deiner Haustür, in der Hoffnung, du würdest vielleicht ausgehen und dann könnte ich dich von ferne sehen. Oft sah ich abends eine Kerze auf deinem Fensterbrett brennen, und oft, Natascha, bin ich nur deshalb hingegangen sobald es dunkelte, um diese brennende Kerze zu sehen, vielleicht auch deinen Schatten auf dem Vorhang, und um dich für die Nacht zu segnen. Hast du auch so an mich gedacht? Hast du? Hast du es nicht gefühlt, daß ich dort unter deinem Fenster stand? Mehr als einmal bin ich im Winter spät abends deine Treppe hinaufgestiegen und habe auf dem dunklen Treppenabsatz gestanden und mein Gehör angestrengt, um durch die Tür vielleicht doch deine Stimme zu hören. Nun, lachst du nicht? Ich dich verfluchen! War ich doch an jenem Abend zu dir gegangen, um dir alles zu verzeihen – ja, das wollte ich! – und erst vor der Tür gab ich es auf. ... O, Natascha!“

Er stand auf und zog auch sie empor, um sie fest an seine Brust zu drücken.

„Du bist hier, ich kann dich wieder an mein Herz drücken! Ich danke dir, Gott, für alles, für alles, auch für deinen Zorn, und danke dir für deine Güte! ... Und auch für deine Sonne, die du jetzt nach dem Gewitter auf uns niederscheinen läßt! Für diesen ganzen Tag danke ich dir! O! mögen wir Erniedrigte, mögen wir Beleidigte sein, was tut das! – wir sind doch wieder alle beisammen! Und mögen sie doch, mögen sie doch triumphieren, die Stolzen und Hochmütigen, die uns erniedrigt und beleidigt haben! Mögen sie nur Steine auf uns werfen! Fürchte dich nicht, Natascha ... Wir werden Hand in Hand gehen und ich werde ihnen sagen: dies hier ist meine einzige, meine geliebte Tochter, mein unschuldiges geliebtes Kind, das ihr beleidigt und erniedrigt habt, das ich aber über alles liebe, ich, und das ich für alle Zeiten segne! ...“

„... Wanjä! Wanjä!“ rief mich Natascha leise zu sich und streckte mir über den Arm ihres Vaters die Hand entgegen.

O, niemals werde ich es vergessen, daß sie in diesem Augenblick noch an mich dachte und mich zu sich rief!

„Wo ist Nelly geblieben?“ fragte plötzlich der Alte, sich umschauend.

„Ach, wo ist sie denn?“ fuhr auch Anna Andrejewna ganz erschrocken auf. „Mein Täubchen, wo bist du! Haben wir sie doch über der Freude ganz vergessen!“

Doch Nelly war aus dem Zimmer verschwunden. Unbemerkt war sie ins Schlafzimmer geschlüpft. Wir gingen alle hin; Nelly stand in einem Winkel hinter der Tür und wollte sich ängstlich vor uns verstecken.

„Nelly, was fehlt dir, mein Kind, was hast du?“ fragte der Alte zärtlich, und er wollte den Arm um sie legen.

Doch sie sah ihn nur seltsam starr mit weit offenen Augen an.

„Mama, wo ist Mama?“ fragte sie, als sei sie nicht mehr ganz bei Besinnung. „Wo ist meine Mama?“ rief sie angstvoll, ihre zitternden Hände nach uns ausstreckend.

Und plötzlich drang ein unheimlicher, markerschütternder Schrei aus ihrer Brust; ein krampfartiges Zucken lief über ihr Gesicht und in einem schweren Anfall fiel sie nieder ...