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Sämtliche Werke 20 cover

Sämtliche Werke 20

Chapter 19: II.
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About This Book

Die Sammlung versammelt acht Novellen und eine einführende Erörterung, die das Leben in der modernen Großstadt durchleuchten, enge Gassen, soziale Extreme und die psychischen Folgen von städtischem Tempo und Menschenmassen schildern. Die Erzählungen konzentrieren sich auf isolierte, gequälte Figuren, deren moralische Zweifel, Zwangshandlungen und Augenblicke von Gewalt oder Mitgefühl größere soziale Ungerechtigkeit und geistige Verlassenheit offenbaren. Der Ton wechselt zwischen fieberhafter Intensität und nachdenklicher Analyse und thematisiert Entfremdung, Schicksal und die Stadt als Schmelztiegel, in dem privates Leiden und öffentliches Spektakel aufeinandertreffen.

Zweiter Teil. Bei nassem Schnee.

I.

Damals war ich erst vierundzwanzig Jahre alt. Mein Leben war auch schon zu der Zeit unfreundlich, unordentlich und bis zur Verwilderung einsam. Mit keinem einzigen Menschen pflegte ich Umgang; ich vermied es sogar zu sprechen, und immer mehr und mehr zog ich mich in meinen Winkel zurück. In der Kanzlei bemühte ich mich sogar, niemanden anzusehen, und doch glaubte ich, zu bemerken, daß meine Kollegen mich nicht nur für einen Sonderling hielten, sondern mich gleichsam mit einem gewissen Widerwillen betrachteten. Ich fragte mich: warum scheint es den anderen nicht, daß man Widerwillen vor ihnen empfindet? Einer unserer Kanzleibeamten hatte ein ganz abscheuliches, pockennarbiges Verbrechergesicht; ich glaube, ich hätte es nicht gewagt, mit solch einem unanständigen Gesicht irgend jemanden auch nur anzublicken. Ein anderer hatte eine so vertragene Uniform, daß es in seiner Nähe schon übel roch. Währenddessen aber genierte sich kein einziger dieser Herren – weder seiner Kleider, noch seines Gesichtes wegen, noch sonst aus irgend einem moralischen Grunde. Weder der eine noch der andere ließen es sich träumen, daß man vor ihnen hätte Ekel empfinden können, ja, und selbst wenn sie es sich hätten träumen lassen, so wäre es ihnen doch gleichgültig gewesen – wenn nur die Vorgesetzten nichts bemerkten. Jetzt ist es mir vollkommen klar, daß ich selbst, infolge meines grenzenlosen Ehrgeizes und somit auch infolge meiner grenzenlosen Ansprüche an mich selbst, sehr oft so unzufrieden mit mir war, daß diese Unzufriedenheit sich bis zum Ekel vor mir selbst, bis zur Raserei steigern konnte, und deswegen schrieb ich denn auch mein eigenes Empfinden in Gedanken jedem anderen zu. So z. B. haßte ich mein Gesicht, fand ich, daß es abscheulich war, und argwöhnte sogar, daß in ihm ein ganz besonders gemeiner Ausdruck lag, und darum bemühte ich mich qualvoll jedesmal, wenn ich in die Kanzlei kam, mit meinem Gesicht möglichst viel Edelmut auszudrücken, und mich möglichst ungezwungen und unabhängig zu benehmen, damit man mich nicht einer Gemeinheit verdächtige. „Mag es auch ein unschönes Gesicht sein,“ dachte ich, „dafür aber könnte es doch edel, ausdrucksvoll und vor allem außerordentlich klug sein.“ Zu gleicher Zeit aber wußte ich unter wahren Marterqualen auf das bestimmteste, daß ich alle diese Vollkommenheiten mit meinem Gesichte nie und nimmer würde ausdrücken können. Doch das Schrecklichste war, daß ich es ausgesprochen dumm fand. Und doch hätte ich mich mit dem klugen Ausdruck allein gern zufrieden gegeben. Sogar so gern, daß ich selbst einverstanden gewesen wäre, noch einen gemeinen Ausdruck mit in den Kauf zu nehmen, nur aber unter der einen Bedingung, daß alle mein Gesicht zu gleicher Zeit auch furchtbar klug fänden.

Unsere Kanzleibeamten haßte ich natürlich alle, vom ersten bis zum letzten ohne Ausnahme, trotzdem aber schien es mir, daß ich sie gewissermaßen auch fürchtete. Ja, es kam vor, daß ich sie plötzlich sogar über mich stellte. Das geschah bei mir damals immer abwechselnd: bald verachtete ich sie, bald stellte ich sie wieder über mich. Ein entwickelter und anständiger Mensch kann nicht ehrgeizig sein, ohne dabei grenzenlose Ansprüche an sich selbst zu stellen und sich in manchen Augenblicken bis zum Haß zu verachten. Doch ob ich mich nun verachtete oder hochschätzte, ich senkte doch vor jedem Menschen, der mir begegnete, die Augen. Ich stellte daraufhin sogar Versuche an: würde ich den Blick dieses oder jenes Menschen aushalten können, – und siehe: jedesmal mußte ich meinen Blick zuerst senken. Das quälte mich bis zum Wahnsinn ... Bis zu Krämpfen fürchtete ich gleichfalls, lächerlich zu sein, und darum vergötterte ich sklavisch die Routine in allem, was das Auftreten anbetraf; liebevoll schwamm ich mit dem Strom und fürchtete mit ganzer Seele jede Exzentrizität in mir. Wie hätte ich das lange aushalten können? Ich war krankhaft entwickelt, wie es eben ein entwickelter Mensch unserer Zeit sein muß. Sie aber waren alle stumpfsinnig und glichen sich untereinander wie die Schafe einer Heerde. Vielleicht war das der Grund, warum es mir immer schien, daß ich ein Feigling und ein Sklave sein müßte – weil ich allein entwickelt war. Aber es schien mir ja nicht nur so, es war auch wirklich der Fall: ich war ein Feigling und ein Sklave. Das sage ich jetzt ohne jede Verlegenheit. Jeder anständige Mensch unserer Zeit ist ein Feigling und Sklave und muß es sein. Das ist sein normaler Zustand. Davon bin ich nicht nur fest, sondern auch untergründig tief überzeugt. Er ist als Mensch unserer Zeit schon so geschaffen. Und nicht nur in unserer Zeit, und nicht nur durch irgend welche zufälligen Umstände, sondern überhaupt zu allen Zeiten muß der ordentliche Mensch Feigling und Sklave sein. Das ist das Naturgesetz aller anständigen Menschen. Und wenn es einmal geschehen sollte, daß sich einer von ihnen zu irgend etwas ermutigt, so soll er sich deswegen noch nicht gleich an seinem Mut berauschen: bei der nächsten Gelegenheit wird er sich doch als Feigling erweisen. Das ist nun einmal der einzige und ewige Ausweg. Nur Esel und ihre Bastarde ermutigen sich, aber auch die nur bis zu der gewissen Wand. Doch es lohnt sich nicht, noch weiter über sie zu reden, sie bedeuten ja doch so gut wie nichts.

Auch quälte mich noch etwas anderes: daß mir niemand gleicht und auch ich niemandem ähnlich sehe. „Nur ich bin allein, sie aber sind alle,“ dachte ich, und – versank in Nachdenken.

Daraus sieht man, daß ich noch ein ganz unreifer Junge war.

Mitunter geschah aber auch das Entgegengesetzte. War es doch zuweilen so entsetzlich langweilig, in die Kanzlei zu gehen, daß ich ganz krank aus dem Dienst nach Haus zurückkehrte. Und plötzlich begann dann wiederum eine Periode der Skepsis und Gleichgültigkeit – bei mir war alles in Perioden – und siehe, da lachte ich selbst über meine Unduldsamkeit und Launenhaftigkeit, machte mir selbst wegen meiner Romantik Vorwürfe. Bald will ich überhaupt nicht sprechen, bald aber werde ich nicht nur gesprächig, sondern es fällt mir sogar ein, mich freundschaftlich an meine Kollegen anzuschließen. Die ganze Reizbarkeit ist plötzlich im Handumdrehen verschwunden. Wer weiß, vielleicht habe ich sie nie gehabt, vielleicht ist sie nur Selbsttäuschung gewesen, nur vom Bücherlesen gekommen? Diese Frage habe ich bis auf den heutigen Tag noch nicht beantworten können. Einmal hatte ich mich bereits ganz mit ihnen angefreundet, besuchte sie sogar in ihren Wohnungen, spielte Préférence, trank Schnaps, diskutierte über Rußlands Produktionsfähigkeit ... Doch hier erlauben Sie mir bitte, einige vom Thema abweichende Worte zu sagen.

Bei uns, bei uns Russen – im allgemeinen gesprochen – hat es niemals jene dummen überirdischen deutschen und besonders französischen Romantiker gegeben, jene, auf die nichts mehr Eindruck macht, wenn auch meinetwegen die ganze Erde unter ihnen kracht, oder ganz Frankreich mitsamt den Barrikaden untergeht, – sie bleiben immer dieselben, ja, werden sich anstandshalber nicht einmal im Geringsten verändern und immer nur ihre überirdischen Lieder weitersingen, die Lieder „an das Grab ihres Lebens“, wie sie zu sagen pflegen – denn wir dürfen nicht vergessen, daß sie dumm sind. Bei uns jedoch, d. h. bei uns in Rußland, gibt es keine Dummköpfe; das weiß doch ein jeder: dadurch unterscheiden wir uns ja von den übrigen deutschen Ländern. Folglich gibt es bei uns auch keine überirdischen Naturen von reinstem Wasser. Diese Eigenschaften haben unsere damaligen „positiven“ Publizisten und Kritiker aus Dummheit unseren Romantikern aufgebunden, da sie sie für ebenso überirdisch hielten, wie die deutschen oder französischen Romantiker. Im Gegenteil, die Eigenschaften unseres Romantikers sind denen des überirdisch-europäischen Romantikers gerade entgegengesetzt, und darum kann man sie mit keinem einzigen europäischen Maßstäbchen messen. (Erlauben Sie mir, dieses Wörtchen „Romantiker“ zu gebrauchen – es ist ja so alt, ehrwürdig, verdient und allen bekannt.) Die Eigenschaften unseres Romantikers sind: alles zu verstehen, alles zu sehen, und häufig sogar unvergleichlich klarer zu sehen, als unsere allerpositivsten Intelligenzen; sich mit niemandem und nichts auszusöhnen, doch zu gleicher Zeit auch nichts zu verachten; alles zu umgehen, allem politisch nachzugeben; niemals das nützliche, praktische Ziel aus dem Auge zu lassen – wie z. B. Staatswohnungen, Pensiönchen, Sternchen –, dieses Ziel durch alle Enthusiasmen und alle Bände lyrischer Gedichte hindurch im Auge zu behalten, und gleichzeitig „das Schöne und Erhabene“ bis an das Grab ihres Lebens in sich unversehrt zu erhalten, und bei der Gelegenheit auch noch sich selbst vollkommen zu erhalten – und das noch bei all den vielen Sorgen! – sich wie ein kostbares Juwel zu hüten, wenn auch nur zum Nutzen dieses selben „Schönen und Erhabenen“. Ja, ja, ein vielseitiger Mensch ist unser Romantiker und der geriebenste Spitzbube von allen unseren Spitzbuben, versichere Ihnen ... nach eigener Erfahrung. Versteht sich, das gilt nur vom klugen Romantiker. Das heißt, Verzeihung, was fällt mir denn ein! Ein Romantiker ist natürlich immer klug! Ich wollte ja nur bemerken, daß die dummen Romantiker, die es auch bei uns einstmals gegeben hat, doch nicht mitrechnen, weil sie sich alle noch in den besten Jahren vollständig in Deutsche verwandelt, und, um sich als Juwel besser erhalten zu können, dort irgendwo in Weimar oder im Schwarzwald angesiedelt haben. – Ich, z. B., habe meine Kanzleiarbeit aufrichtig verachtet und habe nur, weil ich Geld für sie erhielt, nicht auf sie gespuckt. Das Ergebnis also – beachten Sie es wohl –: ich habe sie doch nicht aufgegeben. Unser Romantiker dagegen wird eher verrückt – was übrigens sehr selten vorkommt –, doch wird er nie und nimmer auf seine Tätigkeit spucken, wenn er noch keine andere Karriere in Aussicht hat, und vor die Tür wird er sich auch nicht setzen lassen, es sei denn, daß man ihn in die Irrenanstalt überführt, ja, und auch das nur, wenn er schon gar zu verrückt wird. Aber verrückt werden bei uns doch nur die Hageren, die Blondlockigen. Die unabsehbare Zahl jedoch der Romantiker bringt es später gewöhnlich zu hohen Ehren. Wirklich ungewöhnliche Vielseitigkeit! Und welch eine Fähigkeit zu den allerwidersprechendsten Eigenschaften! Auch damals schon beruhigte mich das ungemein, und auch jetzt bin ich noch derselben Meinung. Darum gibt es ja auch bei uns so viel „weite Naturen“, die selbst in der größten Verkommenheit niemals ihr Ideal verlieren; und wenn sie auch für dieses ihr Ideal keinen Finger rühren, wenn sie auch die verrufensten Räuber und Diebe werden, so lieben sie doch ihr anfängliches Ideal bis zu Tränen, und sind in der Seele ganz ungewöhnlich ehrlich. Ja, nur bei uns kann der ausgesprochenste Schuft vollkommen und sogar erhaben ehrlich in der Seele bleiben, ohne dabei etwa aufzuhören, Schuft zu sein. Wie gesagt, unsere Romantiker entpuppen sich in Geschäftssachen zuweilen als solche Spitzbuben – diese Bezeichnung ist von mir ausschließlich liebevoll gemeint –, und sie beweisen plötzlich solch einen Instinkt für die Wirklichkeit, und solch ein positives Wesen in realen Dingen, daß die verwunderte Obrigkeit mitsamt dem ganzen Publikum in der Starrheit der Verwunderung nur noch die Köpfe schütteln kann.

Eine wahrlich wundernehmende Vielseitigkeit haben sie, und Gott mag wissen, wozu sie sich unter den zukünftigen Verhältnissen noch entwickeln und was sie uns dann noch bescheren werden? Das Material ist nicht schlecht. Ich sage das nicht etwa aus lächerlichem Patriotismus. Übrigens glauben Sie wohl wieder, daß ich scherze? Oder vielleicht sind Sie sogar überzeugt, daß ich auch wirklich so denke? Wie dem nun auch sein mag, meine Herren, jedenfalls werde ich Ihre beiden Meinungen mir zur Ehre anrechnen. Und meine Abweichung vom Thema verzeihen Sie mir bitte.

Die Freundschaft mit meinen Kollegen hielt ich natürlich nicht lange aus und so kehrte ich ihnen schon sehr bald den Rücken. Infolge meiner damaligen jugendlichen Unerfahrenheit hörte ich sogar auf, sie zu grüßen, als ob ich alles Frühere mit der Schere hätte abschneiden wollen. Übrigens habe ich nur ein einziges Mal mit ihnen Freundschaft angeknüpft. Im allgemeinen bin ich ja immer allein gewesen.

Zu Hause las ich gewöhnlich. Wollte ich doch durch äußere Eindrücke betäuben, was unaufhörlich in mir kochte. Von äußeren Eindrücken aber konnte ich mir nur Lektüre leisten. Das Lesen half natürlich viel, – es regte auf, berauschte und quälte. Mitunter aber wurde es, weiß Gott, doch verteufelt langweilig. Man wollte sich auch einmal bewegen! Und so ergab ich mich plötzlich einer dunklen, unterirdischen, kellerhaften, gemeinen ... nicht gerade Ausschweifung, aber solchen kleinen niedrigen Lasterchen. Meine kleinen Leidenschaften waren scharf, spitz und brennendheiß; das kam von meiner immerwährenden krankhaften Reizbarkeit. Die Ausbrüche waren hysterisch, mit Tränen und fast mit Krämpfen. Außer der Lektüre hatte ich nichts, womit ich mich hätte zerstreuen können – ich meine, in meiner ganzen Umgebung hatte ich damals nichts, was ich hätte achten können oder was mich hätte anziehen können. Außerdem schwoll noch die Sehnsucht gar manches Mal erdrückend in mir an: krankhaftes Verlangen nach Widersprüchen, nach Kontrasten war’s, nun, und so ergab ich mich denn der Ausschweifung. Aber ich will mich doch nicht etwa rechtfertigen ... Halt! – das stimmt nicht! Nein. Hab gelogen! Ich habe mich ja gerade rechtfertigen wollen. Diese Bemerkung mache ich – wohl verstanden! – nur für mich, meine Herren, als Knoten ins Taschentuch. Will nicht lügen. Will Wort halten.

Meiner Ausschweifung ergab ich mich nur des Nachts, heimlich, ängstlich, schmutzig, mit einer Scham, die mich selbst in den ekelhaftesten Augenblicken nicht verließ, und die ich in solchen Minuten fast als Fluch empfand. Auch damals schon trug ich das Dunkel in meiner Seele. Ich fürchtete mich bis zum Entsetzen, daß man mich vielleicht irgendwie sehen, mir begegnen, mich erkennen könnte. Ging ich doch in verschiedene äußerst dunkle Häuser.

Einmal, als ich nachts an einem elenden Restaurant vorüberkam, sah ich durch das helle Fenster, wie man sich drinnen um das Billard herum mit den Queues prügelte, und wie darauf einer von den Herren durch das Fenster hinausbefördert wurde. Zu einer anderen Zeit wäre es mir zuwider gewesen; damals jedoch kam plötzlich solch eine Stimmung über mich, daß ich diesen herausgeworfenen Herrn einfach beneidete, ja sogar dermaßen beneidete, daß ich in das Restaurant ging und in das Billardzimmer eintrat: „Vielleicht wird man auch mich verprügeln und durch das Fenster hinausbefördern,“ dachte ich.

Ich war nicht betrunken, doch was sollte ich machen, – kann einen die Sehnsucht doch bis zu solch einer Hysterie quälen! Es kam aber zu nichts. Es erwies sich, daß ich nicht einmal zum Hinausgeworfen-werden begabt war, und ich ging unverprügelt fort. Gleich zu Anfang wurde ich dort von einem Offizier zurückgedrängt.

Ich stand am Billard und versperrte ahnungslos den Weg, er aber mußte vorübergehen, und so faßte er mich an den Schultern – ohne vorher etwas zu sagen oder zu erklären – und stellte mich schweigend von dem Platz, wo ich stand, auf einen anderen, und ging selbst an mir vorüber – als ob er mich überhaupt nicht bemerkt hätte. Ich hätte sogar Schläge verziehen, doch nimmermehr konnte ich verzeihen, daß er mich so umgestellt und so absolut übersehen hatte.

Weiß der Teufel, was ich damals nicht alles für einen wirklichen, regelrechten Streit gegeben hätte, für einen anständigen, sagen wir, mehr literarischen! Man hatte mich wie eine Fliege behandelt. Dieser Offizier war gut gewachsen, groß von Wuchs, ich aber bin ein kleiner, dürrer Mensch. Übrigens lag es ja in meiner Macht, es auf einen Streit ankommen zu lassen: ich hätte nur zu protestieren gebraucht, um zu erreichen, was ich wollte – gleichfalls aus dem Fenster geworfen zu werden. Ich aber wurde nachdenklich und zog es vor ... mich erbost davon zu schleichen.

Aus dem Restaurant begab ich mich erregt geradewegs nach Haus; am nächsten Tage aber ging das Ausschweifen wieder an, nur noch schüchterner, versteckter und trauriger als zuvor, gleichsam mit Tränen in den Augen, – aber ich fuhr doch fort. Übrigens, bitte nicht zu glauben, daß ich mich aus Feigheit vor dem Offizier so benommen habe: in meinem Herzen bin ich niemals feig gewesen, wenn ich mich auch im Leben immer feige benommen habe, aber – warten Sie noch ein wenig mit dem Lachen, meine Herren, das hat seinen guten Grund, dafür gibt es eine Erklärung. Seien Sie überzeugt, ich habe für alles eine Erklärung.

Oh, wenn dieser Offizier doch zu denjenigen gehört hätte, die bereit sind, sich zu schlagen! Doch nein, das war gerade einer von jenen leider schon längst nicht mehr vorhandenen Offizieren, die es vorzogen, mit dem Queue zu handeln, oder mittels der Vorgesetzten. Zu einem Duell jedoch fordern solche nie heraus, mit unsereinem aber sich zu schlagen, würden sie unter allen Umständen für unanständig halten, – und überhaupt halten sie das Duell für etwas Unsinniges, Freisinniges, Französisches, selbst aber beleidigen sie nicht selten, besonders wenn sie noch groß und stattlich sind.

Hier aber war nicht Feigheit die Ursache meines feigen Rückzugs, sondern mein grenzenloser Ehrgeiz. Nicht sein hoher Wuchs schreckte mich, nicht, daß man mich schmerzhaft würde verprügelt und hinausgeworfen haben, physischen Mut hatte ich wahrlich genügend; doch der moralische Mut reichte nicht aus. Ich fürchtete plötzlich, daß mich alle Anwesenden – angefangen vom unverschämten Marqueur bis zum letzten stinkenden, sinnigen kleinen Beamten, der dort in einem schäbigen Rock, dessen fettdurchtränkter Kragen nur so glänzte, gleichfalls herumscherwenzelte – „nicht verstehen und auslachen könnten, wenn ich protestieren und in literarischer Sprache mit ihnen reden würde.“ Denn von dem Ehrenpunkte, – point d’honneur – kann man ja bei uns überhaupt nicht anders sprechen, als in literarischen Redewendungen. Erinnere mich nicht, jemals etwas vom „Ehrenpunkte“ in gewöhnlicher Sprache gehört zu haben. Ich war vollkommen überzeugt – Instinkt für die Wirklichkeit, trotz der ganzen Romantik! –, daß sie alle vor Lachen platzen würden, der Offizier mich aber nicht einfach verprügeln, sondern vorher bestimmt rund um das Billard schleifen und erst dann vielleicht aus Gnade und Barmherzigkeit durch das Fenster hinausbefördern würde. Selbstverständlich konnte diese klägliche Geschichte für mich damit nicht abgetan sein. Später traf ich diesen Offizier sehr oft auf der Straße und ich beobachtete ihn gut. Nur weiß ich nicht, ob er auch mich erkannte. Wahrscheinlich nicht; so nach einigen Anzeichen zu urteilen. Ich aber, ich haßte und beneidete ihn, und das dauerte so ... einige Jahre! Mein Haß vertiefte sich und wuchs noch mit den Jahren; zuerst bemühte ich mich heimlich, Näheres über diesen Offizier zu erfahren. Das fiel mir allerdings sehr schwer, denn ich kannte doch keinen Menschen. Einmal aber, als ich ihm wieder wie gebannt auf der Straße folgte, rief ihn irgend jemand beim Familiennamen an, und so erfuhr ich denn, wie er hieß. Ein anderes Mal folgte ich ihm bis zu seiner Wohnung und erfuhr dort für zehn Kopeken vom Dwornick, wo er wohnte, in welch einem Stock, allein oder mit anderen usw. – kurz, alles, was man von einem Dwornick erfahren kann. Und an einem Morgen kam mir plötzlich der Gedanke – obgleich ich niemals Literatur machte –, diesen Offizier zu beschreiben, karrikiert natürlich, in der Form einer Novelle. Oh, mit welch einer Genugtuung ich diese Novelle schrieb! Ich polemisierte, ich verleumdete ihn sogar ein wenig; seinen Familiennamen veränderte ich zuerst so, daß man sofort hätte erraten können, um wen es sich handelte, doch später, nachdem ich reiflicher überlegt hatte, veränderte ich ihn ganz, und schickte das Manuskript an die Redaktion der „Vaterlandsschriften“. Doch damals gab es noch keine Polemik und meine Novelle wurde nicht gedruckt. Das ärgerte mich gewaltig. Zuweilen raubte mir die Wut sogar den Atem. Da entschloß ich mich endlich, meinen Gegner zu fordern. Ich schrieb ihm einen wundervollen, anziehenden Brief, in dem ich ihn anflehte, sich bei mir zu entschuldigen, falls er aber das nicht wollte, so – ich deutete ziemlich bestimmt das Duell an. Der Brief war derart verfaßt, daß der Offizier, wenn er nur ein wenig das „Schöne und Hohe“ verstand, unbedingt sofort zu mir hätte eilen müssen, um mich zu umarmen und mir seine ewige treue Freundschaft anzubieten. Und wie schön wäre das doch gewesen! Wie herrlich hätten wir zusammen gelebt! „Er würde mich verteidigen und ich würde ihn veredeln, sagen wir, mit meiner Bildung, nun und ... durch meine Ideen, und, ach Gott, was könnte nicht noch alles sein!“ Stellen Sie sich vor, daß damals seit der Nacht, in der er mich beleidigt hatte, schon zwei Jahre vergangen waren und meine Forderung sich als ein ganz unglaublicher Anachronismus erwies, trotz der ganzen geschickten Redewendungen meines Briefes, die den Anachronismus erklären und aufheben sollten. Doch Gott sei Dank! – bis auf den heutigen Tag danke ich noch dem Schöpfer inbrünstig dafür – ich schickte meinen Brief nicht ab. Ein Schauer läuft mir über den Rücken, wenn ich denke, was daraus hätte entstehen können, – wenn ich ihn abgeschickt hätte! Und plötzlich ... und plötzlich rächte ich mich auf die allereinfachste, allergenialste Weise! Ein herrlicher Gedanke beglückte mich plötzlich. Ich ging nämlich zuweilen an Feiertagen, so um vier herum, auf den Newsky und spazierte dann auf der Sonnenseite. Das heißt, ich spazierte durchaus nicht, sondern empfand bloß unzählige Qualen und Demütigungen und fühlte nur, wie mir die Galle überging; doch hatte ich wahrscheinlich gerade das nötig. Ich kroch dort wie ein Wurm zwischen den Fußgängern herum, trat bald vor Generälen zur Seite, bald vor Gardekavallerie- oder Husarenoffizieren, bald vor eleganten Damen; in diesen Minuten fühlte ich konvulsive Schmerzen im Herzen und Fieberschauer im Rücken bei dem bloßen Gedanken an die Schäbigkeit meiner Kleider, an die Misere und Gemeinheit meiner ganzen sich herumdrückenden, kleinen, unansehnlichen Gestalt. Das war eine wahre Märtyrerqual, ein ununterbrochenes, unerträgliches Erniedrigtwerden durch den Gedanken, der schließlich zum beständigen, unmittelbaren Gefühl wurde, daß ich vor diesen Menschen nur eine Fliege war, eine ganz gemeine unnütze Fliege, wenn ich auch klüger als sie alle war, entwickelter, edler – das versteht sich natürlich von selbst –, so doch eine ihnen allen fortwährend ausweichende Fliege, die von allen erniedrigt und von allen beleidigt wurde. Wozu ich mir diese Qual auflud, warum ich auf den Newsky ging – ich weiß es nicht. Es zog mich einfach bei jeder Gelegenheit dorthin.

Doch damals empfand ich schon die Fluten jener Wonnen, jener Genüsse, von denen ich bereits im ersten Teil gesprochen habe. Nach der Geschichte mit dem Offizier aber zog es mich noch mehr dorthin: auf dem Newsky traf ich ihn am häufigsten, dort konnte ich mich dann an ihm sattsehn. Er ging gleichfalls vornehmlich an den Feiertagen spazieren. Wenn er auch oft Generälen und höheren Persönlichkeiten ausbog und sich gleichfalls schlängelte, so wurden doch Leute wie meine Wenigkeit, und sogar solche, die weit besser aussahen, als ich, von ihm einfach bei Seite geschoben: er ging gerade auf sie los, als ob vor ihm freier Raum gewesen wäre, und bog dann unter keinen Umständen aus. Ich berauschte mich an meinem Haß, wenn ich ihn beobachtete, und ... ingrimmig jedesmal vor ihm ausbog. Es quälte mich, daß ich sogar auf der Straße ihm unterlegen war. „Warum biegst Du unbedingt als erster aus?“ fragte ich mich in rasender Wut, wenn ich zuweilen so um drei Uhr Nachts erwachte und mir selbst auf den Leib rückte. „Warum denn gerade Du, warum niemals er? Dafür gibt es doch kein Gesetz, das steht doch nirgends geschrieben! Nun, kann es denn nicht genau zur Hälfte geschehn, so, wie höfliche Menschen ausbiegen, wenn sie sich begegnen: er halb und Du halb und Ihr beide geht dann einfach höflich aneinander vorüber.“ Doch das geschah nie, und nach wie vor bog immer nur ich aus, er aber bemerkte es nicht einmal. – Und siehe, da kam mir plötzlich ein bewunderungswürdiger Gedanke. „Wie aber,“ dachte ich, „wie wäre es, wenn ich ihm begegne und ... nicht ausbiege! Absichtlich nicht ausbiege, und wenn ich ihn auch stoßen sollte? Wie, wie wäre das?“ Dieser freche Gedanke bemächtigte sich meiner allmählich derart, daß ich überhaupt keine Ruh mehr hatte. Ich dachte ununterbrochen, wie das wohl sein würde und ging absichtlich noch öfter auf den Newsky, um mir noch deutlicher vorzustellen, wie ich es machen würde. Ich war einfach begeistert. Diese Absicht schien mir immer mehr und mehr ausführbar.

„Versteht sich, nicht stark stoßen,“ dachte ich, schon im Voraus durch die Freude gütiger gestimmt, „sondern nur so, einfach nicht ausweichen, mit ihm zusammenprallen, natürlich nicht schmerzhaft, aber so, Schulter mit Schulter, genau so viel, wie es der Anstand erlaubt; so daß ich ihn eben so stark anstoße, wie er mich stößt.“ Endlich entschloß ich mich definitiv dazu. Doch die Vorbereitungen nahmen noch sehr viel Zeit. Vor allen Dingen mußte man zu diesem Zwecke möglichst anständig aussehen, also mußte man zuerst an die Kleider denken. „Auf alle Fälle, wenn z. B. ein Auflauf entsteht – das Publikum ist doch dort pikfein: Gräfin M. geht, Fürst D. geht, die ganze Literatur geht –, da muß man doch gut angezogen sein; das macht einen günstigen Eindruck und stellt einen in den Augen der höheren Gesellschaft gewissermaßen auf eine höhere Stufe.“ Zu diesem Zweck bat ich denn den Kassierer mir mein Monatsgehalt vorauszuzahlen und kaufte mir dann bei Tschurkin ein Paar schwarze Glacé-Handschuhe und einen anständigen Hut. Schwarze Handschuhe schienen mir erstens solider, und zweitens mehr bon-ton als zitronenfarbene, auf die ich es zuerst abgesehen hatte. „Die Farbe ist zu grell und es sieht dann aus, als ob der Mensch sich allzusehr hervortun will,“ und so verzichtete ich denn auf die zitronenfarbenen. Ein gutes Hemd mit weißen Knöpfen hatte ich schon längst bei Seite gelegt; nur der Mantel hielt mich noch auf. An und für sich war er ja gar nicht übel, gut warm; er war aber wattiert und hatte bloß einen ganz billigen Pelzkragen: Waschbär, was schon die Krone der Billigkeit ist. Da hieß es denn unbedingt einen neuen Kragen kaufen, und zwar, was es auch koste, sich einen kleinen Biber, in der Art, wie ihn die Offiziere tragen, anzuschaffen. Zu diesem Zweck ging ich des öfteren in den Gostinny Dwor, und nach einigem hin und her entschied ich mich für einen billigen deutschen Biber. Diese deutschen Felle vertragen sich zwar sehr schnell, und sehen dann miserabel aus, doch dafür sind sie, wenn sie noch neu sind, sogar sehr anständig; ich aber brauchte ja den Kragen nur für das eine Mal. Ich fragte nach dem Preis: immerhin war’s teuer. Nach reiflichem Überlegen entschloß ich mich, meinen Waschbärkragen zu verkaufen. Die fehlende und für mich doch recht beträchtliche Summe wollte ich borgen, und zwar von Anton Antonytsch Ssetotschkin, meinem Bureauvorsteher, einem stillen, ernsten und durchaus positiven Menschen, der sonst niemandem Geld lieh, doch dem ich bei meinem Antritt von dem mich für diesen Dienst bestimmenden Würdenträger ganz besonders empfohlen worden war. Ich quälte mich fürchterlich. Anton Antonytsch um Geld anzugehen, schien mir ungeheuerlich und schmachvoll. Zwei, drei Nächte konnte ich nicht schlafen und überhaupt schlief ich damals wenig: war wie im Fieber. Das Herz war so träge und dumpf und hörte zuweilen ganz auf, zu schlagen, zuweilen aber fing es plötzlich an, zu springen und dann sprang es, und sprang, und sprang ... Anton Antonytsch war zuerst sehr erstaunt, darauf runzelte er die Stirn, dachte nach und schließlich lieh er mir doch das Geld – nachdem er sich von mir einen Zettel hatte ausstellen lassen, daß er das geliehene Geld nach zwei Wochen von meiner Gage zurückbehalten konnte. Auf diese Weise war schließlich alles bereit; ein hübscher Biber ersetzte meinen häßlichen Waschbär und ich bereitete mich allmählich zur Tat vor. Natürlich konnte man’s doch nicht gleich beim ersten Mal, doch nicht irgendwie unbedacht, nachlässig tun; man mußte es geschickt machen, mußte sich eben allmählich einüben. Nur muß ich gestehen, daß ich nach vielfachen Versuchen geradezu in Verzweiflung geriet: es muß wohl so bestimmt sein, daß wir nicht zusammenstoßen! dachte ich hoffnungslos. Wie ich mich auch vorbereitete, wie fest ich auch entschlossen war, – jetzt, jetzt, gleich, sofort prallen wir aneinander und – wieder war ich ausgebogen, und wieder war er an mir vorübergegangen, ohne mich auch nur zu bemerken! Ich betete sogar, wenn ich mich ihm näherte, damit Gott mir Mut gäbe. Einmal hatte ich mich schon fest entschlossen, doch endete es damit, daß ich ihm nur vor die Füße kam, denn im letzten Augenblick, einige Zentimeter vor ihm, verließ mich der Mut. Mit der größten Seelenruhe schritt er weiter, ich aber flog wie ein Ball zur Seite. In der Nacht darauf lag ich wieder im Fieber und phantasierte wirres Zeug. Und plötzlich endete es besser, als man’s sich überhaupt hätte wünschen können! Am Vorabend beschloß ich definitiv, von meinem unglücklichen Vorhaben abzulassen, die Rache einfach aufzugeben und mit diesem Entschluß ging ich noch zum letzten Mal auf den Newsky, um zu sehn, wie ich das alles so aufgebe ... Plötzlich, drei Schritt vor meinem Feinde, faßte ich den Entschluß, schloß krampfhaft die Augen und – wir stießen uns gehörig Schulter an Schulter! Keinen Zentimeter breit war ich ausgewichen, und ich ging, ihm vollkommen gleichstehend, an ihm vorüber!! Er blickte sich nicht einmal nach mir um und tat, als ob er mich überhaupt nicht bemerkt hätte; natürlich tat er nur so, davon bin ich überzeugt. Bis auf den heutigen Tag bin und bleibe ich davon überzeugt! Natürlich bekam ich mehr ab als er; er war ja viel stärker, doch nicht darum handelte es sich. Es handelte sich darum, daß ich mein Ziel erreicht, meine Würde aufrecht erhalten hatte, keinen Zollbreit ausgewichen war, und mich öffentlich mit ihm auf die gleiche soziale Stufe gestellt hatte! Ich hatte mich für alles gerächt! Triumphierend kehrte ich zurück in meinen dunklen Winkel. Ich war begeistert und sang italienische Arien. Selbstverständlich werde ich Ihnen nicht erzählen, was drei Tage darauf mit mir geschah; wenn Sie den ersten Teil, „Das Dunkel“, gelesen haben, so können Sie’s vielleicht selbst erraten ... Der Offizier wurde später irgendwohin versetzt; seit vierzehn Jahren habe ich ihn nicht mehr gesehn. Wer weiß, was jetzt mein Herzensjunge macht? Wen er jetzt auf die Seite drängt?

II.

Doch auch die Periode meiner Ausschweifungen ging vorüber und mir wurde alles unsäglich zuwider. Die Reue kam, ich verjagte sie: es war schon zu ekelhaft. Mit der Zeit aber gewöhnte ich mich auch an sie: Ich gewöhnte mich ja an alles, d. h. nicht gerade, daß ich mich an alles gewöhnt hätte, sondern ich willigte gewissermaßen freiwillig ein, zu ertragen. Doch hatte ich einen Ausweg, der alles wieder gut machte, das war – mich ins „Schöne und Hohe“ zu retten, natürlich: nur in der Phantasie. Phantasieren tat ich unglaublich viel, ich phantasierte in meinen Winkel verkrochen mitunter drei Monate lang in einem Strich, und Sie können es mir schon glauben, daß ich dann nicht jenem Herrn glich, der in der Verwirrung seines Hühnerherzens an den Kragen seines Mantels einen deutschen Biber nähte. Ich wurde plötzlich Held. Meinen langen Leutnant hätte ich dann nicht einmal empfangen, wenn er, sagen wir, seine Visite bei mir hätte machen wollen. Ich konnte ihn mir damals überhaupt nicht vorstellen, konnte überhaupt nicht an ihn denken. Was ich damals gerade dachte, wovon ich träumte, und wie mir das genügen konnte, ist jetzt schwer zu sagen, doch damals genügte es mir vollkommen. Übrigens genügt es mir ja auch jetzt teilweise. Ganz besonders süß und wild waren die Träumereien nach meinen jämmerlichen Ausschweifungen; sie kamen mit Reue und Tränen, mit Flüchen und Ekstasen. Es gab Augenblicke, in denen mein Entzücken, mein Freudentaumel, mein Glück so rein waren, daß ich, bei Gott!, nicht den geringsten Spott in mir fühlte. Dann war alles vorhanden: Hoffnung, Glaube, Liebe. Das war’s ja, daß ich dann blind glaubte, alles würde durch irgend ein Wunder, irgend einen äußeren Umstand plötzlich auseinanderrücken, würde sich erweitern; und es würde sich plötzlich die Perspektive einer entsprechenden Tätigkeit für mich öffnen, einer segenreichen, schönen und, vor allen Dingen, ganz besonderen – was für einer eigentlich, wußte ich allerdings nie, aber die Hauptsache war doch, daß es eine ganz besondere Tätigkeit sein würde. Und siehe, da trete ich denn plötzlich auf, und es fehlt nicht viel, daß ich auf weißem Roß im Lorbeerkranz erscheine ... In einer zweitrangigen Rolle habe ich mich nie denken können. Deswegen war ich denn auch in Wirklichkeit in größter Seelenruhe mit der letztrangigen zufrieden. Entweder Held oder Schmutz, eine Mitte gabs nicht. Das wars ja, was mich verdarb, denn im Schmutz beruhigte ich mich damit, daß ich zu anderen Zeiten wiederum Held war, der Held aber den Schmutz zur Null macht: für einen gewöhnlichen Menschen, meinte ich, ist es eine Schande, in den Schmutz zu geraten, der Held jedoch steht viel zu hoch, um sich je beschmutzen zu können, folglich kann er ruhig in Schmutz geraten. Sonderbar, daß mich diese Fluten „alles Schönen und Hohen“ auch in der Zeit meiner elenden Ausschweifungen überkamen, und zwar gerade dann, wenn ich schon ganz auf dem Boden lag. Sie kamen dann so in einzelnen kurzen kleinen Wellen, als ob sie nur an sich erinnern wollten, vernichteten aber mit ihrem Erscheinen doch nicht die Gemeinheit. Im Gegenteil, durch den Kontrast belebten sie sie geradezu, und sie kamen genau nur in der Portion, die zu einer guten Sauce nötig war. Diese Sauce bestand aus Widersprüchen und Leiden, aus qualvoller innerer Analyse, und alle diese Qualen und Quälchen gaben dann geradezu eine gewisse Pikanterie, gaben sogar meinen gemeinen Ausschweifungen einen Sinn, – mit einem Wort, sie erfüllten in jeder Beziehung die Pflicht und Schuldigkeit einer guten Sauce. Alles das war sogar nicht ohne eine gewisse Tiefe. Und wie hätte ich mich denn auf eine einfache, gemeine Schreiberausschweifung einlassen und wie hätte ich diesen ganzen Schmutz dann auf mir ertragen können! Was konnte mich denn damals zum Schmutz verführen, was mich nachts auf die Straße locken? Nein, wissen Sie, ich hatte für alles ein edles Schlupfloch ...

Doch wieviel Liebe, Herrgott, wieviel Liebe erlebte ich zuweilen in diesen meinen Träumereien, in diesen „Rettungen in alles Schöne und Hohe“! Wenn’s auch eine phantastische Liebe war, wenn sie sich auch niemals auf etwas Menschenartiges in Wirklichkeit übertrug, so war sie ja doch dermaßen groß, diese Liebe, daß man später, in Wirklichkeit, gar nicht das Bedürfnis empfand, sie auf jemanden zu übertragen: das wäre schon ganz überflüssiger Luxus gewesen. Übrigens endete alles immer überaus glücklich in trägem und berauschendem Übergang zur Kunst, d. h. zu den schönen Formen des Seins, zu ganz fertigen, versteht sich, die natürlich stark von Dichtern und Romantikern entlehnt waren und allen möglichen Anforderungen angepaßt wurden. Zum Beispiel: ich triumphiere über alle; selbstverständlich liegen sie alle im Staube vor mir und sind gezwungen, freiwillig meine sämtlichen Vollkommenheiten anzuerkennen, und ich vergebe ihnen darauf alles. Ich verliebe mich, bin berühmter Dichter und Kammerherr, verdiene unzählige Millionen und spende sie sofort für das Wohl der Menschheit, und zu gleicher Zeit beichte ich vor dem ganzen Volke alle meine Laster, die selbstverständlich nicht gewöhnliche Laster sind, sondern ungemein viel „Schönes und Hohes“ in sich schließen – Laster, die, sagen wir, etwas Manfredartiges haben. Alle weinen und küssen mich natürlich – wären sie doch Tölpel, wenn sie das nicht täten –, ich aber gehe barfuß und hungrig von dannen, um neue Ideen zu verkünden und schlage die Reaktionäre bei Austerlitz. Darauf wird ein Marsch gespielt, eine Amnestie wird erlassen, der Papst willigt ein, von Rom nach Brasilien überzusiedeln; darauf wird für ganz Italien ein Ball gegeben in der Villa Borghese, die am Comersee liegt, da der Comersee expreß zu diesem Zweck nach Rom verlegt wird; darauf folgt eine Szene im Gebüsch u. s. w., u. s. w. – als ob Sie’s nicht wüßten? ... Sie sagen, es sei niedrig und gemein, alles das jetzt auf den Markt zu tragen, besonders nach so viel Begeisterung und Tränen, die ich selbst eingestanden habe. Aber warum ist’s denn gemein? Glauben Sie denn wirklich, daß ich mich all dessen schäme, und daß alles dieses dümmer ist, als einerlei was in Ihrem Leben, meine hochverehrten Herren? Und zudem können Sie mir glauben, daß ich mir manches wirklich gar nicht so übel zusammengesetzt hatte ... Es spielte sich doch nicht alles auf dem Comersee ab. Doch übrigens, Sie haben Recht; es ist tatsächlich niedrig und gemein. Aber am allergemeinsten ist, daß ich mich jetzt vor Ihnen zu rechtfertigen suche. Und noch gemeiner ist es, daß ich jetzt diese Bemerkung mache. Nun aber genug, sonst käme man ja überhaupt nicht zum Schluß: immer würde eines noch gemeiner als das andere sein ...

Länger als drei Monate in einem Strich denken, konnte ich aber doch nicht; dann stellte sich bei mir das unüberwindliche Bedürfnis ein, mich in menschliche Gesellschaft zu stürzen: das bedeutete für mich, zu meinem Bureauvorsteher Anton Antonytsch Ssetotschkin zum Besuch zu gehn. Das war in meinem ganzen Leben mein einziger ständiger Bekannter, – nein wirklich, jetzt wundert mich das sogar selbst –. Doch auch zu ihm ging ich nur im äußersten Fall, bloß dann, wenn schon die Periode begann, in der meine Träumereien zu solch einem Glück wurden, daß ich unbedingt und unverzüglich die Menschen oder die Menschheit umarmen mußte; zu dem Zweck aber mußte man wenigstens einen wirklich vorhandenen, wirklich existierenden Menschen vor sich haben. Zu Anton Antonytsch konnte man übrigens nur Dienstags gehen – das war sein freier Tag –, folglich mußte man auch das Bedürfnis, die ganze Menschheit zu umarmen, immer auf den Dienstag hinausschieben. Dieser Anton Antonytsch wohnte bei den Fünf Ecken im vierten Stock in vier niedrigen Zimmerchen, die klein-kleiner-am-kleinsten waren und einen recht ärmlichen Eindruck machten. Er hatte zwei Töchter und deren Tante, die gewöhnlich mit Tee bewirtete, bei sich. Die Töchter waren eine dreizehn, die andere vierzehn; beide hatten sie Stutznäschen, und mich verwirrten sie nicht wenig, denn sie flüsterten und kicherten die ganze Zeit. Der Hausherr saß immer in seinem Arbeitszimmer auf dem Ledersofa vor dem Tisch, meistens mit irgend einem alten Bekannten, oder einem Beamten aus unserer Kanzlei. Mehr als zwei oder drei Gäste – immer dieselben – habe ich dort nie gesehn. Man sprach über die Accise, über die Senatsverhandlungen, über die Gagen, von seiner Exzellenz, von dem Mittel zu Gefallen und ähnlichem ad infinitum. Ich hatte die Geduld, neben diesen Menschen als Narr mitunter geschlagene vier Stunden zu sitzen und ihnen zuzuhören, ohne selbst auch nur einmal ein Wort zu sagen oder sagen zu können. Ich stumpfte vor mich hin, schwitzte und fühlte einen Schlaganfall über mir schweben; aber es war gut und nützlich. Nach Haus zurückgekehrt, schob ich meinen Wunsch, die ganze Menschheit zu umarmen, für eine Zeitlang auf.

Übrigens hatte ich noch so etwas wie einen Bekannten: Ssimonoff, meinen gewesenen Schulkameraden. Solcher Schulkameraden hatte ich genau genommen nicht wenige in Petersburg, doch gab ich mich mit ihnen nicht weiter ab, ja, ich hörte sogar auf, sie auf der Straße zu grüßen. Vielleicht war das der einzige Grund, warum ich in ein anderes Ressort überging, – ich meine, vielleicht tat ich es nur, um mit meiner ganzen verhaßten Kindheit mit einem Mal abzubrechen. Verflucht sei diese Schule, diese furchtbaren Gefängnisjahre! Kurz: als ich endlich die Schule hinter dem Rücken hatte, wollte ich nichts mehr von meinen Mitschülern wissen. Es blieben höchstens drei oder vier Menschen, mit denen ich, wenn ich sie traf, noch einen Gruß tauschte. Zu diesen vier gehörte auch Ssimonoff. In der Schule zeichnete er sich durch nichts aus, war gleichmäßig ruhig und still, doch entdeckte ich in seinem Charakter eine gewisse Unabhängigkeit und sogar Ehrlichkeit. Ja, ich glaube nicht einmal, daß er sehr beschränkt war. Einmal hatten wir beide ziemlich lichte Stunden durchlebt, doch die hielten nicht lange an, und allmählich breitete sich Nebel über sie. Ihm waren diese Erinnerungen augenscheinlich unangenehm, und er fürchtete, wie’s mir schien, immer, ich würde wieder in den alten Ton verfallen. Ich vermutete zwar, daß ich ihm widerlich war, doch ging ich trotzdem zu ihm, da ich mich davon doch noch nicht ganz überzeugt hatte.

Und einmal, an einem Donnerstag, konnte ich meine Einsamkeit nicht mehr ertragen, und da ich wußte, daß Donnerstags Anton Antonytschs Tür verschlossen war, so ging ich denn zu Ssimonoff. Als ich langsam zum vierten Stock zu ihm hinaufstieg, dachte ich noch gerade, daß ich ihm doch nur lästig falle und daher eigentlich nicht zu ihm gehen sollte. Doch da es ja bei mir gewöhnlich damit endete, daß ähnliche Bedenken mich noch mehr aufstachelten, in zweideutige Lagen zu kriechen, so trat ich auch damals bei ihm ein, anstatt zurück nach Haus zu gehen. Es war fast ein ganzes Jahr vergangen, seit ich ihn zum letzten Mal gesehen hatte.

III.

Er war nicht allein: zwei meiner früheren Schulkameraden saßen bei ihm. Sie sprachen, wie es schien, über etwas sehr Wichtiges. Auf meinen Eintritt verwandte kein einziger von ihnen irgendwelche Aufmerksamkeit, was mir eigentlich etwas sonderbar erschien, denn wir hatten uns doch schon jahrelang nicht mehr gesehen. Augenscheinlich hielt man mich für so etwas wie eine gewöhnliche Fliege. Derartig hatte man mich nicht einmal in der Schule behandelt, obgleich mich dort alle gehaßt hatten. Ich begriff natürlich, daß sie mich wegen meines Mißerfolges in der Karriere, wegen meiner tiefen Gesunkenheit, wegen meines schlechten Überziehers u. s. w. verachteten. Mein Überzieher war in ihren Augen geradezu das Plakat meiner Unfähigkeit und geringen Bedeutung. Doch immerhin hatte ich nicht eine dermaßen tiefe Verachtung von ihnen erwartet. Ssimonoff wunderte sich sogar über meinen Besuch. Auch früher schon hatte er immer getan, als ob ihn mein Kommen in Erstaunen setzte. Alles das machte mich natürlich stutzig; ich setzte mich ein wenig bedrückt auf einen Stuhl und hörte ihrem Gespräch zu.

Man sprach ernst und interessiert über das Abschiedsdiner, das diese drei ihrem Freunde Swerkoff, der als aktiver Offizier in den Kaukasus versetzt worden war, am Tage vor der Abfahrt geben wollten. Dieser Swerkoff war gleichfalls von der ersten Klasse an mein Mitschüler gewesen, aber erst in den höheren Klassen hatte ich ihn ganz besonders gehaßt. In den unteren Klassen war er bloß ein netter, mutwilliger Knabe gewesen, den alle liebten. Übrigens haßte ich ihn auch schon in den unteren Klassen, und zwar gerade, weil er ein netter und mutwilliger Knabe war. Was das Lernen anbetraf, so lernte er ausnahmslos schlecht, und zwar von Jahr zu Jahr schlechter; einstweilen aber beendete er doch das Gymnasium, denn er hatte eine gute Protektion. Als er in der letzten Klasse war, fiel ihm eine Erbschaft zu, zweihundert Seelen, und da wir anderen fast alle arm waren, so tat er sich gar bald mit seinem Reichtum vor uns wichtig. Er war ja ein im höchsten Grade fader Mensch, doch trotzdem ein guter Junge, selbst dann, wenn er aufschnitt. Bei uns aber scherwenzelten, abgesehen von sehr wenigen, fast alle vor ihm, trotz unserer äußeren phantastischen und phrasenhaften Schuljungenbegriffe von Ehre und Honorigkeit. Und man tat es nicht etwa, um von ihm etwas dafür zu erhalten, sondern einfach nur so, vielleicht weil ihn die Natur bei der Verteilung ihrer Gaben bevorzugt hatte. Zudem hielt man ihn, ich weiß nicht warum, für einen Spezialisten in allem, was die Gewandtheit und gute Manieren anbetraf. Das ärgerte mich ganz besonders. Ich haßte seine helle, selbstzufriedene Stimme, seine Bewunderung der eigenen Witzchen, die gewöhnlich äußerst dumm waren, wenn er auch sonst ganz unterhaltend sein konnte. Ich haßte sein hübsches, doch ziemlich dummes Gesicht – gegen das ich, nebenbei bemerkt, mein kluges gerne eingetauscht hätte – und seine freien Offiziersmanieren. Ich haßte es, daß er von seinen zukünftigen Erfolgen bei den Frauen sprach – doch konnte er sich nicht entschließen, mit ihnen vorher anzufangen, als bis er die heißersehnten Offiziersepauletten hatte –, und seine Prahlerei, daß er fortwährend Duelle haben würde. Ich erinnere mich noch, wie ich, der ich immer schweigsam war, plötzlich mich auf ihn stürzte, als er gerade in der Zwischenpause mit den Kameraden selbstzufrieden wie ein junger Köter in der Sonne wieder über die Weiber sprach und erklärte, daß er kein einziges Mädchen seines Gutes unbeachtet lassen würde, dieses wäre „droit de seigneur“, die Bauernkerle aber, falls sie sich erdreisten sollten, zu protestieren, alle durchpeitschen und diesen bärtigen Kanaillen dann noch doppelte Pacht auflegen würde. Unsere Hamiten klatschten Beifall, ich aber krallte ihn, doch tat ich das keineswegs aus Mitleid mit den Mädchen, oder ihren Vätern, sondern einfach weil solch ein Mistkäfer so großen Beifall fand. Ich behielt damals die Oberhand, Swerkoff aber war, wenn auch an und für sich dumm, doch lustig und dreist, und so zog er sich mit Lachen aus der Situation, und zwar gelang ihm das so gut, daß ich im Grunde genommen denn doch nicht ganz die Oberhand behielt: die Lacher waren auf seiner Seite. Später besiegte er mich noch mehrmals, doch eigentlich ganz ohne Bosheit, mehr scherzend, so im Vorübergehen, lachend. Ich tat, als ob ich ihn verachtete und schwieg. Nach der Entlassung näherte er sich mir ein wenig und ich sträubte mich nicht sonderlich, denn es schmeichelte mir selbstverständlich sehr; doch gingen wir bald wieder auseinander, was ja ganz natürlich war. Später hörte ich von seinen Leutnantserfolgen, von seinem flotten Leben. Darauf hieß es, daß er im Dienst gute Fortschritte machte. Nach einiger Zeit grüßte er mich nicht mehr auf der Straße; wohl um sich nicht durch die Bekanntschaft mit solch einer unbedeutenden Persönlichkeit zu kompromittieren. Einmal sah ich ihn auch im Theater, da hatte er schon Achselschnüre. Er machte den Töchtern irgend eines alten Generals eifrig den Hof. Darauf, so nach drei Jahren, hatte er sich plötzlich ziemlich stark verändert, wenn er auch noch wie früher hübsch und gewandt war: er wurde dick; und als ich ihn nachher wiedersah, war sein Gesicht schon ein wenig aufgedunsen; es war vorauszusehen, daß er mit dreißig Jahren feist werden würde. Also diesem Swerkoff wollten meine Schulkameraden ein Abschiedsdiner geben. Sie hatten sich in diesen drei Jahren ununterbrochen mit ihm abgegeben, wenn sie sich auch innerlich nicht für gleichstehend mit ihm hielten – davon bin ich überzeugt.

Von den beiden Gästen Ssimonoffs war der eine Ferfitschkin, ein Deutsch-Russe – ein Männchen von kleinem Wuchs mit einem Affengesicht, ein alle Welt verspottender Dummkopf, mein gehässigster Feind noch aus den untersten Klassen –, ein gemeiner, frecher Prahlhans, der vorgab, in Ehrensachen äußerst kitzlich zu sein, in Wirklichkeit aber natürlich ein Feigling war. Er gehörte zu jenen Anhängern Swerkoffs, die sich mit ihm nur abgaben, weil er gesellschaftlich höher stand und sie ihn anpumpen konnten. Der andere Gast Ssimonoffs war Trudoljuboff, kein sehr bemerkenswerter Mensch, Militär, von großem Wuchs mit einer kalten Physiognomie, ein Mensch, dem jeder Erfolg imponierte, und der im übrigen nur fähig war, über Rußlands Produktionsfähigkeit zu sprechen. Mit Swerkoff war er irgendwie entfernt verwandt, und das – es ist zwar dumm zu sagen, aber es war nun einmal so –, das gab ihm unter uns eine gewisse Bedeutung. Mich hielt er für eine Null; wenn er auch nicht gerade sehr höflich zu mir war, so betrug er sich doch leidlich.

„Also abgemacht: pro Mann sieben Rubel,“ begann Trudoljuboff, „– wir sind drei, macht also einundzwanzig. Dafür kann man schon dinieren. Swerkoff zahlt natürlich nicht.“

„Selbstverständlich zahlt er nicht, wenn wir ihn doch auffordern,“ meinte Ssimonoff.

„Glaubt Ihr denn wirklich, Swerkoff wird uns allein zahlen lassen?“ fragte plötzlich hochmütig auffahrend Ferfitschkin – ganz wie ein unverschämter Lakai, der mit den Orden seines Herrn prahlt –. „Aus Delikatesse wird er es vielleicht tun, dafür aber von sich aus wie ein halbes Dutzend ansetzen!“

„Na, wissen Sie, sechs Flaschen Champagner sind denn doch für uns zu viel,“ bemerkte Trudoljuboff, dem nur das „halbe Dutzend“ aufgefallen war.

„Also wir drei, mit Swerkoff vier, für einundzwanzig Rubel im Hotel de Paris, morgen um Punkt fünf,“ schloß Ssimonoff, der zum Anordner gewählt worden war.

„Wieso einundzwanzig?“ fragte ich, kaum, daß er ausgesprochen hatte, einigermaßen erregt und scheinbar sogar gekränkt, „ich bin doch auch dabei, also nicht einundzwanzig, sondern achtundzwanzig Rubel!“

Ich glaubte, sich so plötzlich und unerwartet anbieten würde sich sehr schön ausnehmen und sie würden alle im Augenblick besiegt sein und mich achten.

„Wollen Sie denn auch –?“ fragte statt dessen Ssimonoff ungehalten, wobei er es vermied, mich anzusehen. Er kannte mich auswendig.

Mich ärgerte es maßlos, daß er mich so gut kannte.

„Warum denn nicht? Ich bin doch, glaube ich, auch sein Schulfreund, und ich muß offen gestehn, es kränkt mich sogar, daß man mich übergangen hat.“

„Wo Teufel sollte man Sie denn suchen?“ fragte frech Ferfitschkin.

„Sie standen sich doch niemals sehr besonders mit Swerkoff,“ bemerkte gleichfalls geärgert Trudoljuboff. Ich aber ließ sie nicht mehr los.

„Ich glaube, darüber zu urteilen steht mir allein zu,“ entgegnete ich mit wutbebender Stimme, ganz als ob Gott weiß was geschehen wäre. „Vielleicht will ich gerade deswegen jetzt mit ihm speisen, weil ich mich früher nicht besonders mit ihm stand.“

„Na, wer kann denn das ahnen ... diese Feinheiten ...“ bemerkte lächelnd Trudoljuboff.

„Nun gut,“ entschied Ssimonoff und wandte sich zu mir, – „morgen um fünf Uhr im Hotel de Paris. Verspäten Sie sich nicht,“ fügte er hinzu.

„Und das Geld ...?“ begann Ferfitschkin halblaut, indem er mit dem Kopf auf mich wies und Ssimonoff fragend anblickte, verstummte aber, da sogar Ssimonoff verlegen wurde.

„Nun, genug,“ sagte Trudoljuboff und erhob sich. „Wenn er so große Lust hat, mag er kommen.“

„Aber unser Kreis ist doch privat,“ sagte Ferfitschkin wütend und griff gleichfalls nach seinem Hut. „Das ist doch keine öffentliche Versammlung.“

„Vielleicht wollen wir Sie überhaupt nicht ...“

Sie gingen: Ferfitschkin grüßte mich nicht einmal, Trudoljuboff nickte kaum, ohne mich dabei anzusehen. Ssimonoff, mit dem ich allein blieb, war verdrossen und schien unangenehme Bedenken zu tragen; nur einmal blickte er mich sonderbar an. Er setzte sich nicht und forderte auch mich nicht auf, Platz zu nehmen.

„Hm! ... ja ... also morgen. Geben Sie das Geld heute? Ich ... nur um es genau zu wissen,“ begann er, brach aber sofort verlegen ab.

Ich wurde rot und im selben Augenblick fiel es mir plötzlich ein, daß ich Ssimonoff noch seit undenklichen Zeiten fünfzehn Rubel schuldete, die ich übrigens nie vergessen, doch die ich ihm noch immer nicht wiedergegeben hatte.

„Sagen Sie es sich doch selbst, Ssimonoff, ich konnte es doch nicht wissen, als ich herkam ... es tut mir sehr leid, daß ich vergaß, m...“

„Schon gut, schon gut, bleibt sich ja gleich. Sie zahlen dann morgen nach dem Diner. Ich fragte ja nur, um zu wissen ... bitte ...“

Er verstummte mitten im Satz, schritt aber noch unwilliger im Zimmer auf und ab, wobei er mit den Absätzen immer stärker und stärker auftrat.

„Ich halte Sie doch nicht auf?“ fragte ich ihn nach längerem Schweigen.

„O, nein!“ protestierte er und tat, als ob er aus tiefen Gedanken auffahre, „– das heißt ... im Grunde – ja. Sehen Sie, ich müßte eigentlich noch ausgehen ... hier, in der Nähe ...“ fügte er mit entschuldigender Stimme hinzu. Ersichtlich schämte er sich ein wenig.

„Ach, mein Gott! Warum sagten Sie es nicht gleich!“ rief ich, ergriff meine Mütze und verabschiedete mich von ihm – übrigens benahm ich mich in dem Augenblick ganz erstaunlich ungezwungen; weiß Gott woher diese Sicherheit über mich kam.

„Es ist ja nicht weit ... Hier ganz in der Nähe ...“ wiederholte Ssimonoff etwas gar zu geschäftig, als er mich in den Treppenflur hinausbegleitete. „Also morgen um Punkt fünf!“ rief er mir noch nach; er war schon allzu glücklich über meinen Aufbruch. Ich aber raste innerlich vor Wut.

„Was plagte Dich, was plagte Dich, Deine Nase da hineinzustecken!“ fragte ich mich zähneknirschend auf der Straße. „Dieser Gauner, dieses Ferkel Swerkoff! Einfach – ich gehe nicht! Natürlich, hol sie der Henker! Bin ich denn etwa gebunden? Morgen früh werde ich Ssimonoff brieflich benachrichtigen ...“

Aber ich raste ja doch nur vor Wut, weil ich wußte, weil ich genau, tödlich genau wußte, daß ich doch gehen würde, zum Trotz gehen würde! Und je taktloser, je unanständiger es sein sollte, hinzugehen, um so eher würde ich gehen! – das wußte ich.

Und ich hatte sogar einen guten Grund, abzusagen: hatte kein Geld. Alles in allem besaß ich noch neun Rubel. Doch von diesen neun Rubeln mußte ich am nächsten Tage meinem Aufwärter Apollon, der bei mir wohnte, doch sich selbst beköstigte, seine Monatsgage, sieben Rubel, auszahlen.

Nicht auszahlen war unmöglich, da ich den Charakter meines Apollon nur zu gut kannte. Doch auf diese Kanaille, auf diese meine Plage, meine Seuche, werde ich noch ausführlicher zu sprechen kommen.

Aber ich wußte es ja im voraus, daß ich ihm das Geld doch nicht geben und unbedingt ins Hotel de Paris gehen würde.

In jener Nacht hatte ich ganz hundsgemeine Träume. Kein Wunder: den ganzen Abend vorher hatten mich Erinnerungen aus den Kerkerjahren meiner Schulzeit gequält; nicht loszuwerden! In diese Schule hatten mich meine entfernten Verwandten gesteckt, – mich, den Waisenknaben, der ich schon sowieso verprügelt und von ihren Vorwürfen fast erdrückt war. Ich war ein schweigsames, nachdenkliches Kind, das nur scheu beobachtete. Meine Mitschüler empfingen mich mit boshaften, unbarmherzigen Witzchen, weil ich ihnen so ganz unähnlich war. Ich aber konnte keinen Spott ertragen; ich konnte mich nicht so schnell wie andere Kinder mit ihnen einleben. Ich haßte sie vom ersten Tage an, zog mich ganz von ihnen zurück und wappnete mich mit übermäßig empfindlichem Stolz. Ihre Rohheit empörte mich. Sie lachten zynisch über mein Gesicht, über meine eckige Gestalt; und doch – was hatten sie selbst für Gesichter! In unserer Schule wurden die Gesichter mit der Zeit ganz absonderlich dumm. Wie viele prächtige Kinder traten bei uns ein – und schon nach wenigen Jahren war’s widerlich, sie anzusehen. Ich war noch nicht sechzehn, als ich mich schon über die Flachheit ihrer Gedanken, die Dummheit ihrer Beschäftigungen, Spiele und Gespräche wunderte. Die wichtigsten Dinge, die auffallendsten Erscheinungen konnten sie nicht verstehen, ja, sie hatten nicht einmal Interesse für sie übrig, so daß ich sie unwillkürlich für unter mir stehende Geschöpfe hielt. Nicht etwa beleidigter Ehrgeiz veranlaßte mich dazu, und kommen Sie mir um Gottes willen nicht mit den bis zur Übelkeit durchgekauten Gemeinplätzen, den alten abgedroschenen Phrasen, wie: „Sie träumten bloß, jene aber begriffen schon das wirkliche Leben“. Nichts begriffen sie, vom wirklichen Leben schon ganz zu schweigen, und das, ich schwör’s Ihnen, das war es gerade, was mich an ihnen am meisten empörte. Im Gegenteil, die augenscheinlichste, die auffallendste Wirklichkeit faßten sie geradezu phantastisch dumm auf, und schon damals achteten sie nur den Erfolg. Alles, was im Recht, doch erniedrigt und verprügelt war, wurde von ihnen grausam und schmählich verlacht. Rang oder Titel hielten sie für Verstand; schon mit sechzehn Jahren philosophierten sie über warme Plätzchen, ich meine, über gute ruhige Posten. Natürlich kam das meist von ihrer Dummheit und dem schlechten Beispiel, das sie von Kindheit an vor Augen hatten. Verdorben waren sie bis zu Ungeheuern. Natürlich war hierbei vieles nur äußerlich, war nur angenommener Zynismus; Jugend und eine gewisse Frische durchbrachen auch bei ihnen zuweilen die Verderbnis, doch war selbst diese Frische an ihnen abstoßend. Ich haßte sie furchtbar, obgleich ich womöglich noch schlechter war als sie. Sie zahlten mir mit derselben Münze heim und machten auch aus ihrem Haß keinen Hehl. Doch ich wollte damals schon nichts mehr von ihrer Liebe wissen; im Gegenteil, ich wollte sie nur noch erniedrigen. Um mich vor ihren Spötteleien zu schützen, bemühte ich mich absichtlich, möglichst gut zu lernen, und so wurde ich denn alsbald einer der ersten Schüler. Das imponierte ihnen natürlich. Zudem leuchtete es ihnen allmählich ein, daß ich schon Bücher las, die sie nicht lesen konnten, und daß ich schon Dinge – die nicht in unseren speziellen Kursus gehörten – begriff, von denen sie noch nicht einmal hatten reden gehört. Doch auch dazu verhielten sie sich wie immer spöttisch, moralisch aber unterwarfen sie sich, – um so mehr, als sogar die Lehrer in der Beziehung einige Aufmerksamkeit auf mich verwandten. Die Spötteleien hörten auf, doch die Feindseligkeit hörte nicht auf, und das Verhältnis zwischen ihnen und mir blieb kühl und gezwungen. Zu guterletzt hielt ich es selbst nicht aus; mit den Jahren stellte sich bei mir das Bedürfnis nach Menschen und Freunden ein. Ich versuchte zwar, mich einigen von ihnen zu nähern, aber diese Annäherungen waren von mir aus immer unnatürlich, und so hörten sie denn auch bald wieder auf. Einmal aber hatte auch ich einen Freund. Da ich aber schon von Hause aus Despot war, wollte ich unumschränkt über seine Seele herrschen: ich wollte in seine Seele Verachtung für die ihn umgebenden Menschen einpflanzen; ich verlangte von ihm, er sollte mit ihnen ganz und gar brechen. Ich ängstigte ihn mit meiner leidenschaftlichen Liebe; ich brachte ihn bis zu Tränen, zu Krämpfen; er hatte ein naives, sich hingebendes Herz; doch als er sich mir ganz ergeben hatte, da erfaßte mich plötzlich Haß gegen ihn, und ich stieß ihn von mir, – ganz als ob ich ihn nur gebraucht hätte, um ihn zu besiegen, um ihn mir zu unterwerfen. Alle aber konnte ich doch nicht so besiegen; mein Freund war gleichfalls nicht wie die anderen, er glich keinem einzigen von ihnen und war in jeder Beziehung eine Ausnahme. Als ich die Schule verließ, war das Erste, was ich tat, daß ich den Dienst, zu dem ich bestimmt war, verließ, um so alle Fäden, die mich an das Frühere banden, zu zerreißen, das Vergangene zu verfluchen und den Staub alles Gewesenen von meinen Füßen zu schütteln ... Weiß der Teufel, warum ich dann noch zu diesem Ssimonoff kroch! ...

Am nächsten Morgen erwachte ich sehr früh, erinnerte mich sofort des Geschehenen und sprang erregt aus dem Bett, ganz als ob ich unverzüglich hätte hingehen müssen. Ich glaubte, daß noch am selben Tage irgend ein radikaler Umschwung in meinem Leben beginnen, ja, unbedingt beginnen würde. Weiß Gott, vielleicht war er aus Ungewohnheit, aber jedesmal bei irgend einem äußeren, wenn auch noch so kleinen Ereignis, schien es mir, daß sofort irgend ein radikaler Umschwung in meinem Leben eintreten würde. Übrigens begab ich mich an jenem Tage wie gewöhnlich in meine Kanzlei, doch verließ ich sie heimlich schon zwei Stunden früher als sonst, um mich zu Hause vorzubereiten. Die Hauptsache ist nur, dachte ich, daß Du nicht als erster erscheinst, sonst würde man denken, Du freutest Dich schon so sehr auf das Essen, daß Du nicht abwarten könntest. Doch solcher Hauptsachen gab es Hunderte und alle regten sie mich bis zu völliger Entkräftung auf. Eigenhändig putzte ich noch einmal meine Stiefel – waren mir nicht blank genug; Apollon hätte sie um nichts in der Welt zweimal am Tage geputzt, denn er fand, daß das nicht in der Ordnung sei. Und so putzte ich sie denn selbst, nachdem ich die Bürste im Vorzimmer glücklich erwischt hatte, heimlich in meinem Zimmer, damit er es nicht sah und dann Grund gehabt hätte, mich zu verachten. Darauf besah ich meine Kleider und fand, daß alles schon alt, fadenscheinig, vertragen war. Hatte mein Äußeres schon etwas zu sehr vernachlässigt. Der Überzieher war allerdings ausgebessert, aber ich konnte doch nicht im Überzieher dinieren. Doch das Schlimmste waren die Beinkleider: gerade auf dem Knie war ein großer gelber Fleck. Ich fühlte es im voraus, daß mir schon allein dieser Fleck neun Zehntel meiner Würde nehmen mußte. Auch wußte ich, daß es sehr niedrig war, so zu denken. „Doch jetzt ist’s nicht mehr ums Denken zu tun: jetzt beginnt die Wirklichkeit,“ dachte ich und verlor immer mehr den Mut. Auch wußte ich ganz genau – im selben Augenblick, da ich jenes dachte –, daß ich alle diese Dinge ungeheuer vergrößerte; aber was sollte ich machen: mich beherrschen war unmöglich. Fieberschauer schüttelten mich. Verzweifelt stellte ich mir vor, wie das alles sein wird: wie dieser „Gauner“ Swerkoff mich kühl und herablassend begrüßt; mit welch einer stumpfen, mit nichts abzuwehrenden Verachtung der Rüpel Trudoljuboff auf mich herabsieht, und wie gemein und frech dieser Mistkäfer Ferfitschkin über mich kichert, um Swerkoff zu gefallen; wie vorzüglich Ssimonoff alles versteht, wie er mich durchschaut und mich wegen der Niedrigkeit meines Ehrgeizes und Kleinmuts verachtet. Und vor allen Dingen – wie kläglich, wie unliterarisch, wie alltäglich das alles sein wird! Am besten wäre es natürlich gewesen – überhaupt nicht hinzugehn. Aber gerade das war ja ganz und gar unmöglich: wenn es mich schon einmal irgendwohin zog, so war nichts mehr zu wollen. Ich hätte mir ja dann mein Leben lang keine Ruh gelassen: „Hast doch Angst bekommen, hehe, hast vor der Wirklichkeit Angst bekommen, ja ja!“ Nein, das war ganz ausgeschlossen. Ich aber wollte doch gerade diesem Pack beweisen, daß ich keineswegs solch ein Feigling war, wie ich’s selbst glaubte. Ja, im stärksten Paroxismus meiner Feigheit wollte ich sie mir sogar unterwerfen, sie besiegen, bezaubern, zwingen, mich zu lieben – na, sagen wir meinetwegen „wegen der Erhabenheit meines Geistes“. Sie würden Swerkoff ganz vergessen, er würde abseits sitzen, schweigen und sich schämen, ich aber würde Swerkoff einfach zum Nußknacker machen. Später könnte ich mich ja wieder mit ihm versöhnen, meinetwegen sogar Brüderschaft trinken; doch was am bittersten und kränkendsten für mich war, das war, daß ich im selben Augenblick doch wußte, genau, tödlich genau wußte, daß ich dessen in Wirklichkeit überhaupt nicht bedurfte, daß ich sie im Grunde überhaupt nicht mir unterwerfen oder besiegen wollte, und daß ich für diesen ganzen Erfolg, wenn ich ihn nur erringen könnte, selbst nicht eine Kopeke geben würde. Oh wie betete ich zu Gott, daß dieser Tag schneller vorübergehen möge! In unbeschreiblicher Seelenangst trat ich ans Fenster und starrte in die neblige Dämmerung des dicht fallenden Schnees ...

Endlich schlug es: meine kleine erbärmliche Wanduhr schnurrte heiser fünf Schläge. Ich ergriff meine Mütze und schlüpfte dann ohne aufzusehn an Apollon vorüber – der seit dem Morgen die Auszahlung seiner Gage von mir erwartete, doch in seiner Dummheit es für unter seiner Würde hielt, mich daran zu erinnern – und nahm darauf für meinen letzten Fünfziger einen guten Schlitten, um als vornehmer Herr am Hotel de Paris vorzufahren.

IV.

Schon am Abend vorher hatte ich es gewußt, daß ich als erster ankommen würde. Doch war es mir nicht mehr darum zu tun.

Von ihnen war noch niemand erschienen und erst nach langem Suchen konnte ich das für uns bestellte Zimmer finden. Der Tisch war noch nicht ganz gedeckt. Was hatte das zu bedeuten? Nach vielen Fragen und endlosem Hin und Her erfuhr ich endlich von den Kellnern, daß das Diner zu sechs und nicht zu fünf Uhr bestellt worden war. Das bestätigte man mir auch am Buffet. Ich schämte mich, noch mehr zu fragen. Es war erst fünfundzwanzig Minuten nach fünf. Wenn sie die Stunde verändert hatten, so wäre es ihre Pflicht gewesen, mich davon zu benachrichtigen, dazu gibt es doch eine Stadtpost, nicht aber mich der „Schande“ auszusetzen, ... vor ... vor mir selbst wie ... wie auch, nun, meinetwegen, wie auch vor den Kellnern. Ich setzte mich; bald darauf kam der Diener, um den Tisch zu decken; in seiner Gegenwart wurde das Warten noch unangenehmer, und das Benehmen der anderen zu mir noch kränkender. Kurz vor sechs Uhr wurden noch Lichte gebracht, da die Lampen das Zimmer nicht genügend erhellten. Dem Bedienten war es nicht in den Sinn gekommen, die Lichte sofort, nachdem ich mich gesetzt hatte, zu bringen. Im Nebenzimmer speisten an verschiedenen Tischen zwei alte, schweigsame, augenscheinlich mürrische Herren. In einem der weitergelegenen Zimmer ging es sehr laut zu, es wurde dort sogar geschrieen; man hörte das Gelächter einer ganzen Gesellschaft, und hin und wieder auch gemeines französisches Gekreisch: ein Diner mit Damen. Kurz, es war widerlich. Selten hatte ich so scheußliche Minuten durchlebt ... infolgedessen war ich denn, als sie endlich alle zusammen um Punkt sechs erschienen, im ersten Augenblick so erfreut, daß ich fast ganz vergaß, wie es sich gehörte, den Gekränkten zu spielen.

Swerkoff trat als erster ein; natürlich war er der Erste! Alle lachten sie; doch als Swerkoff mich erblickte, nahm er sofort eine steifere Haltung an, und kam langsam, in der Taille ein wenig nach vorn geneigt, gleichsam als kokettierte er mit seiner Gestalt, auf mich zu und reichte mir die Hand; zwar tat er das freundlich – wenn auch nicht gerade sehr –, aber er tat es doch mit einer gewissen Vorsicht, mit fast exzellenzenhafter Höflichkeit, ganz als ob er sich im selben Augenblick vor irgend etwas in Acht nehmen wollte. Ich hatte gedacht, er würde sofort beim Eintritt mit seinem alten Lachen, seinen flachen Witzchen und Späßchen beginnen. Auf die hatte ich mich schon seit dem Abend vorbereitet, doch nie und nimmer hatte ich solch ein vonobenherab, solch eine Generalsliebenswürdigkeit erwartet. Er hielt sich wohl in jeder Beziehung für unvergleichlich höherstehend. Wenn er mich mit dieser Würde hätte kränken wollen, so wär’s weiter nicht schlimm gewesen, dachte ich; hätte ausgespuckt, und damit wär’s abgetan gewesen. Wie aber, wenn sich in seinem elenden Kalbskopf tatsächlich die blödsinnige Idee, er stehe hoch über mir und könne sich nur gönnerhaft zu mir verhalten, festgesetzt hatte, und er überhaupt nicht beabsichtigte, mich zu beleidigen? Bei der bloßen Vorstellung dieser Möglichkeit ging mir schon der Atem aus.

„Ich hörte zu meinem Erstaunen von Ihrem Wunsch, mit uns den Abend zu verbringen,“ begann er in seiner albernen Weise zu sprechen, wobei er diesmal die Worte ganz besonders langsam und deutlich aussprach, was er früher nicht getan hatte. „Der Zufall hat es gewollt, daß wir uns lange nicht mehr gesehn haben. Sie sind ja ganz menschenscheu geworden, nur tun Sie uns damit Unrecht. Wir sind nicht so furchtbar, wie wir scheinen. Nun, jedenfalls er–neu–ere ich gern ...“

Er wandte sich nachlässig zum Fenster, um seinen Hut aus der Hand zu legen.

„Warten Sie schon lange?“ fragte Trudoljuboff.

„Ich kam um Punkt fünf, so wie man es mir gestern gesagt hatte,“ antwortete ich laut und mit einer Gereiztheit, die einen nahen Ausbruch versprach.

„Hast Du ihn denn nicht benachrichtigt?“ fragte Trudoljuboff etwas erstaunt Ssimonoff.

„Nein. Hab’s vergessen,“ antwortete der ohne die geringste Verlegenheit und ging, sogar ohne sich bei mir deswegen zu entschuldigen, hinaus ans Buffet, um die Weine zu bestellen.

„Dann warten Sie hier schon seit einer Stunde? Ach, Sie Armer!“ rief Swerkoff spöttisch lachend, denn nach seinen Begriffen mußte das allerdings lächerlich sein; und gleich nach ihm stimmte auch Ferfitschkin mit seiner dünnen Stimme wie ein Schoßhündchen in das Gelächter ein. Schien doch auch ihm meine Lage ungewöhnlich lächerlich.

„Das ist durchaus nicht lächerlich!“ schrie ich ihn plötzlich an, da mich das Lachen immer mehr gereizt hatte. „Die Schuld daran tragen andere, nicht ich. Man hat es für unnötig gefunden, mich zu benachrichtigen. Das ist ... das ist ... das ist ... einfach ungeschickt ist das!“

„Nicht nur ungeschickt, sondern noch etwas anderes,“ brummte Trudoljuboff, der mich naiv verteidigen wollte. „Sie sind etwas zu gutmütig. Das ist einfach eine Unhöflichkeit. Selbstverständlich keine beabsichtigte. Wie hat aber Ssimonoff nur ... Hm!“

„Wenn man sich mir gegenüber so etwas erlaubt hätte,“ bemerkte Ferfitschkin, „so würde ich ...“

„So würden Sie sich etwas bestellt haben, nicht wahr,“ unterbrach ihn Swerkoff. „Oder Sie hätten sich das Diner servieren lassen, ohne die anderen zu erwarten.“

„Sie werden mir zugeben, daß ich das ohne jede Erlaubnis hätte tun können,“ sagte ich kurz, um das Gespräch abzubrechen. „Wenn ich wartete, so geschah es nur ...“

„Setzen wir uns, meine Herren!“ rief der eintretende Ssimoneff, „alles ist fertig; für den Champagner garantiere ich, famos gekühlt ... Ich wußte doch nicht, wo Sie wohnen, und wo hätte ich Sie denn finden können!?“ sagte er plötzlich zu mir gewandt, doch vermied er es wieder, mich offen anzusehn. Ersichtlich hatte er etwas gegen mich.

Sie setzten sich alle; auch ich nahm Platz. Es war ein runder Tisch. Links von mir saß Trudoljuboff, rechts Ssimonoff, Swerkoff mir gegenüber; Ferfitschkin zwischen ihm und Trudoljuboff.

„Saagen Sie ... Sie sind im Département?“ fragte mich Swerkoff, der im Ernst glaubte, da er sah, daß ich gereizt war, man müsse mich freundlich behandeln und ein wenig beruhigen. – „Was will er eigentlich von mir? Will er, daß ich ihm eine Flasche an den Kopf werfe?“ dachte ich, innerlich bebend vor Wut. Ungewohnt an Verkehr mit Menschen war ich schnell reizbar.

„In der ...schen Kanzlei,“ antwortete ich schroff, den Blick auf den Teller gesenkt.

„Und! ... S–sie s–sind mit Ihrer Stellung zufrieden? S–saagen Sie doch, was verr–anlaßte Sie eigentlich, Ihren früheren Dienst zu ver–lassen?“

„Mich verrrr–anlaßte dazu, daß ich meinen früheren Dienst verlassen wollte,“ sagte ich, dreimal länger das r ziehend – ich konnte mich schon nicht mehr beherrschen. Ferfitschkin schneuzte sich umständlich. Ssimonoff blickte mich von der Seite ironisch an; Trudoljuboff legte Messer und Gabel hin und betrachtete mich gleichfalls interessiert.

Swerkoff tat, als ob er nichts bemerkt hätte.

„Nun, und Ihr Gehalt?“

„Welch ein Gehalt?“

„Ich meine Ihre Gaa–ge?“

„Wozu examinieren Sie mich, wenn ich fragen darf?“

Übrigens sagte ich gleich darauf, wieviel ich erhielt und wurde dabei feuerrot.

„Das ist all–lerdings nicht viel,“ bemerkte Swerkoff würdevoll.

„Ja, ja, damit kann man nicht in Café-Restaurants dinieren!“ fügte Ferfitschkin unverschämt hinzu.

„Ich finde das einfach armselig,“ meinte Trudoljuboff mit ernstem Gesicht.

„Und wie ma–ger Sie geworden sind, wie S–sie sich verändert haben ... seit der Zeit ...“ fuhr Swerkoff nicht ohne Bosheit mit einem gewissen arglistigen Bedauern fort, während er mich und meinen Anzug betrachtete.

„Lassen Sie ihn, machen Sie ihn doch nicht ganz verlegen,“ rief Ferfitschkin.

„Mein Herr, bitte zu begreifen, daß ich mich nicht im geringsten verlegen machen lasse!“ rief ich, da mich meine Selbstbeherrschung schon ganz verlassen hatte. „Hören Sie! Ich speise hier im ‚Café-Restaurant‘ für mein Geld, für meines, und nicht auf Kosten anderer, merken Sie sich das, monsieur Ferfitschkin.“