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Sämtliche Werke 20 cover

Sämtliche Werke 20

Chapter 24: VII.
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About This Book

Die Sammlung versammelt acht Novellen und eine einführende Erörterung, die das Leben in der modernen Großstadt durchleuchten, enge Gassen, soziale Extreme und die psychischen Folgen von städtischem Tempo und Menschenmassen schildern. Die Erzählungen konzentrieren sich auf isolierte, gequälte Figuren, deren moralische Zweifel, Zwangshandlungen und Augenblicke von Gewalt oder Mitgefühl größere soziale Ungerechtigkeit und geistige Verlassenheit offenbaren. Der Ton wechselt zwischen fieberhafter Intensität und nachdenklicher Analyse und thematisiert Entfremdung, Schicksal und die Stadt als Schmelztiegel, in dem privates Leiden und öffentliches Spektakel aufeinandertreffen.

„Wie – wa–as!? Wer speist denn hier nicht für sein Geld? Sie tun ja wirklich, als ob ...“ Ferfitschkin konnte natürlich nicht nachgeben – er war rot wie ein Krebs und blickte mir starr in die Augen.

„So – Da–aas!“ antworte ich, und da ich fühlte, daß ich schon zu weit gegangen war, fügte ich noch hinzu: „und ich glaube, wir täten besser, ein etwas klügeres Gespräch zu führen.“

„Sie beabsichtigen wohl, Ihren Verstand zu zeigen?“

„Oh, beunruhigen Sie sich nicht: das wäre hier vollkommen überflüssig.“

„Was fehlt Ihnen eigentlich, Verehrtester: Sie scheinen ja, wenn Sie einmal ins Gackern hineingekommen sind, nicht mehr aufhören zu können. Oder haben Sie Ihren Verstand vielleicht in Ihrem Departemang gelassen?“

„Genug, meine Herren, genug!“ rief allmächtig Swerkoff dazwischen.

„Wie dumm das ist!“ brummte halblaut Ssimonoff.

„Du hast Recht, das ist wirklich dumm. Wir haben uns hier als Freunde versammelt, zum letzten Mal, zum Abschied von unserem verreisenden Freunde, und Sie müssen es natürlich wieder zum Streit bringen,“ sagte Trudoljuboff, wobei er sich grob nur an mich allein wandte. „Sie haben sich uns gestern selbst aufgedrängt, so stören Sie denn jetzt bitte nicht die allgemeine Harmonie ...“

„Genug, genug!“ rief Swerkoff. „Hören Sie auf, meine Herren, das geht wirklich nicht so weiter. Ich werde Ihnen lieber erzählen, wie ich vor drei Tagen fast geheiratet hätte – faktisch ...“

Und so begann denn die Erzählung der Geschichte, wie dieser Herr vor drei Tagen fast geheiratet hätte. Von dem Heiratsprojekt selbst war eigentlich wenig die Rede, oder richtiger, überhaupt nicht; es drehte sich immer nur um Generäle, Generalleutnants, Obristen und sogar Kammerjunker, – unter denen Swerkoff natürlich die erste Rolle spielte. Bald erhob sich auch beifälliges Lachen; Ferfitschkin wieherte förmlich.

Mich vergaßen sie ganz; ich saß moralisch vernichtet auf meinem Stuhl und schwieg.

„Gott, ist denn das meine Gesellschaft?“ dachte ich. „Und als was für einen Tölpel habe ich mich ihnen gezeigt! Aber Ferfitschkin habe ich doch zu viel erlaubt. Da denken nun die Rüpel, sie machten mir große Ehre, wenn sie mir an ihrem Tisch einen Platz geben, und begreifen nicht, daß ich es bin, der ihnen Ehre erweist, aber nicht etwa sie sie mir erweisen! ‚Wie mager!! Wie verändert!‘ Oh, diese verfluchten Hosen! Swerkoff hat ja schon bei der Begrüßung den gelben Fleck auf dem Knie bemerkt ... Ach was! Stehe sofort auf, nehme meinen Hut und gehe ohne ein Wort zu sagen ... Aus Verachtung! Und morgen meinetwegen auf Pistolen ... Diese Schufte! Mir tun doch nicht die sieben Rubel leid. Aber, sie könnten denken ... Hols der Teufel! Was sind denn sieben Rubel! Ich gehe sofort! ...“

Natürlich blieb ich.

Vor Kummer trank ich Lafitte und Sherry glasweise. Da ich das Trinken aber nicht gewohnt war, so wurde ich bald betrunken, und mit der Trunkenheit wuchs auch der Ärger. Mich überkam plötzlich die Lust, sie alle in der frechsten Weise zu beleidigen und dann fortzugehn: „Den günstigsten Augenblick abwarten und sich dann einmal zeigen: mögen sie sagen: wenn er auch lächerlich ist, so ist er doch klug ... und ... und ... mit einem Wort – der Teufel hole sie alle!“

Ich betrachtete sie unverschämt mit meinen blöd gewordenen Augen; sie aber taten, als bemerkten sie mich überhaupt nicht. Bei ihnen ging es laut und fröhlich zu. Es war immer noch Swerkoff, der da sprach. Er erzählte von irgend einer schönen Dame, die er endlich so weit gebracht haben wollte, daß sie ihm eine Liebeserklärung gemacht – er log natürlich wie ... wie ein Mensch – und daß ihm in dieser Sache sein intimer Freund, der Husarenoffizier Kolä – irgend ein Fürst, der dreitausend Seelen besitzen sollte – ganz besonders geholfen hätte.

„Das hindert natürlich nicht, daß es diesen Kolä, der dreitausend Seelen hat, überhaupt nicht gibt,“ unterbrach ich plötzlich das Gespräch.

Alle verstummten.

„Sie sind ja schon jetzt besoffen,“ sagte endlich Trudoljuboff, der allein mich zu bemerken geruhte, und blickte mich verächtlich von der Seite an. Swerkoff fixierte mich wie einen Käfer unterm Mikroskop. Ich senkte meinen Blick. Ssimonoff beeilte sich, den Champagner einzugießen.

Trudoljuboff erhob das Glas und seinem Beispiel folgten alle – außer mir.

„Auf Deine Gesundheit! und glückliche Reise!“ rief er Swerkoff zu, „auf die alten Jahre, meine Herren, die Zukunft! Hurrah!“

Alle tranken und gingen dann zu Swerkoff, um ihn zu küssen. Ich saß unbeweglich, das volle Glas stand vor mir unberührt.

„Sie wollen also nicht trinken?!“ schrie mich plötzlich drohend Trudoljuboff an, dem die Geduld riß.

„Ich möchte meinerseits einen Speech halten ... und dann erst werde ich trinken, Herr Trudoljuboff.“

„Widerlicher Giftpilz!“ brummte Ssimonoff.

Ich bog mich etwas zurück auf dem Stuhl, Brust heraus, nahm das Glas und erwartete im Fieber etwas ganz Ungewöhnliches: ich wußte selbst noch nicht, was ich eigentlich sagen würde.

„Silence!“ rief Ferfitschkin. „Jetzt wird’s Verstand hageln!“

Swerkoff erwartete sehr ernst, was da kommen würde, denn er begriff, worum es sich handelte.

„Herr Leutnant Swerkoff,“ begann ich, „ich hasse die Phrase, die Phraseure und die engen Taillen ... Das ist der erste Punkt, und hierauf folgt der zweite.“

Alle wurden unruhig.

„Der zweite Punkt ist: ich hasse gewisse Damen und die Liebhaber dieser Damen. Besonders die Liebhaber! Der dritte Punkt: ich liebe Wahrheit, Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit,“ fuhr ich fast mechanisch fort, denn ich fühlte mich schon gefrieren, erstarren vor Entsetzen; begriff ich doch selbst nicht, wie ich das alles so sagen konnte. „Ich liebe den Gedanken, monsieur Swerkoff; ich liebe wahre Kameradschaftlichkeit auf gleichem Fuß, nicht aber ... hm! ... Ich liebe ... Doch übrigens – wozu? Auch ich werde auf Ihre Gesundheit trinken, monsieur Swerkoff. Verführen Sie Tscherkessinnen, erschießen Sie die Feinde des Vaterlandes und ... und ... Auf Ihre Gesundheit, monsieur Swerkoff!“

Swerkoff erhob sich, verbeugte sich gemessen und sagte eisig:

„Ich danke Ihnen sehr.“

Er war maßlos gekränkt und ganz bleich im Gesicht.

„Das ist aber mal stark!“ schrie Trudoljuboff und schlug empört mit der Faust auf den Tisch.

„Für so etwas verabreicht man Ohrfeigen!“ rief Ferfitschkin.

„Läßt ihn einfach rausschmeißen!“ brummte Ssimonoff.

„Kein Wort, meine Herren, kein Wort weiter!“ rief feierlich Swerkoff und hielt damit die allgemeine Empörung auf. „Ich danke Ihnen allen, meine Herren, doch ich werde ihm selbst beweisen, inwieweit ich seine Worte zu schätzen verstehe.“

„Herr Ferfitschkin, morgen noch werden Sie mir für Ihre Worte Rechenschaft geben!“ sagte ich plötzlich laut und wichtig zu Ferfitschkin.

„Sie meinen – ein Duell? Mit Vergnügen,“ antwortete der, doch war ich in dem Augenblick, als ich forderte, wahrscheinlich so lächerlich, daß Swerkoff, Ssimonoff und Trudoljuboff, und nach ihnen auch Ferfitschkin sich vor Lachen einfach wälzten.

„Er ist ja schon ganz besoffen, beachten wir ihn weiter nicht!“ sagte schließlich angeekelt Trudoljuboff.

„Werde mir nie verzeihen, daß ich ihn zugelassen habe!“ brummte wieder Ssimonoff.

„Jetzt einfach eine Flasche ihnen allen an die Köpfe,“ dachte ich, nahm die Flasche und ... goß mir das Glas bis zum Rande voll.

„Nein, lieber bleibe ich bis zum Schluß hier!“ fuhr ich fort zu denken, „Euch, meine Lieben, Euch könnte jetzt wohl nichts Angenehmeres geschehen, als daß ich aufstände und fortginge. Gepfiffen! Werde zum Trotz bis zum Schluß sitzen bleiben, zum Zeichen dessen, daß ich Euch nicht die geringste Wichtigkeit beilege. Werde sitzen und trinken, denn das hier ist doch ein öffentliches Lokal, in das ich für mein Geld eingetreten bin. Werde sitzen und trinken, denn in meinen Augen seid Ihr nichts als Tölpel, nicht vorhandene Tölpel! Werde sitzen und trinken ... und singen, wenn’s mir einfällt, ja, und auch singen, denn ich habe das Recht ... zu singen ... hm!“

Aber ich sang doch nicht. Ich bemühte mich bloß, auf keinen von ihnen zu sehn; ich nahm die unabhängigsten Posen an, und wartete ungeduldig, wann sie mit mir wieder sprechen würden, – sie zuerst! Doch leider taten sie es nicht. Ach und wie wünschte ich in diesem Augenblick, mich mit ihnen zu versöhnen! Es schlug acht ... Es schlug neun. Sie gingen vom Tisch zum Diwan. Swerkoff streckte sich sofort aus und legte einen Fuß auf ein kleines rundes Tischchen. Dorthin wurde dann auch der Wein gebracht. Er setzte ihnen tatsächlich drei Flaschen an. Mich forderte er natürlich nicht auf. Die anderen setzten sich um ihn herum und hörten ihm andächtig zu. Man sah es ihnen an, daß sie ihn liebten. „Weswegen? Weswegen nur?“ dachte ich bei mir. Zuweilen gerieten sie in trunkene Begeisterung und fielen dann einander um den Hals. Sie sprachen vom Kaukasus, sprachen über die wahre Leidenschaft, über das Kartenspiel, über vorteilhafte Posten im Dienst, sprachen über die Einkünfte, die der Husarenoffizier Podcharschewski hatte, – ein Mensch, den keiner von ihnen persönlich kannte, und sie freuten sich, daß er große Einkünfte hatte – sie sprachen von der ungewöhnlichen Schönheit und Grazie der Fürstin D–i, die gleichfalls keiner von ihnen gesehn hatte; endlich kam es so weit, daß Shakespeare von ihnen für unsterblich erklärt wurde.

Ich lächelte spöttisch und ging in der anderen Hälfte des Zimmers auf und ab: vom Tisch bis zum Ofen und vom Ofen bis zum Tisch. Aus allen Kräften strengte ich mich an, ihnen zu zeigen, daß ich auch ohne sie auskommen könnte; mittlerweile aber fing ich absichtlich an, so laut wie möglich auf und ab zu schreiten, ja ich stampfte sogar ganz ordentlich mit den Absätzen. Doch alles war vergeblich. Sie schenkten mir nicht die geringste Aufmerksamkeit. Ich hatte die Geduld, in dieser Weise vor ihnen von acht bis elf Uhr auf und ab zu gehn, immer auf ein und derselben Stelle: vom Tisch bis zum Ofen und vom Ofen bis zum Tisch. „So, ich gehe einfach, und niemand kann es mir verbieten.“ Der abräumende Bediente hielt mehrmals in seiner Beschäftigung inne, um mich verwundert zu betrachten. Von dem häufigen Umkehren drehte sich mir schon alles vor den Augen; zuweilen schien mir alles nur ein Fieberwahn zu sein. In diesen drei Stunden geriet ich dreimal in Schweiß und wurde dreimal wieder pulvertrocken. Mitunter bohrte sich mir mit tiefem, ätzendem Weh der Gedanke ins Herz, daß ich mich noch nach zehn Jahren, nach zwanzig, nach vierzig Jahren, ja, selbst nach vierzig Jahren noch mit Schmerz und Selbstverabscheuung an diese schmutzigsten, lächerlichsten und schrecklichsten Augenblicke meines ganzen Lebens erinnern werde. Noch gewissenloser und noch freiwilliger sich selbst zu erniedrigen, war schon unmöglich, und ich begriff das vollkommen, nein, wirklich, das begriff ich so voll und ganz, wie man’s besser überhaupt nicht gekonnt hätte – und trotzdem fuhr ich fort, vom Tisch bis zum Ofen und vom Ofen bis zum Tisch zu gehn. „O, wenn Ihr nur wüßtet, welcher Gefühle und Gedanken ich fähig bin, und überhaupt wie entwickelt ich bin!“ dachte ich, mich in Gedanken an den Diwan wendend, auf dem meine Feinde saßen. Doch meine Feinde taten, als wäre ich überhaupt nicht im Zimmer gewesen. Einmal, nur ein einziges Mal wandten sie sich nach mir um, nämlich als Swerkoff über Shakespeare sprach und ich plötzlich laut auflachte: ich lachte so unnatürlich, so gemein, daß sie alle im selben Augenblick verstummten und mich zwei oder drei Minuten lang schweigend und ernst betrachteten, wie ich an der Wand vom Tisch bis zum Ofen und vom Ofen bis zum Tisch ging und sie überhaupt nicht beachtete. Aber sie sagten kein Wort und wandten sich wieder von mir ab. Da schlug es elf.

„Meine Herren!“ rief aufspringend plötzlich Swerkoff. „Jetzt gehn wir alle dorthin!“

„Versteht sich! Famos!“ riefen die anderen.

Ich drehte mich hastig um und trat auf Swerkoff zu. Ich war dermaßen abgequält, dermaßen gemartert, daß ich, und wenn es mir auch das Leben gekostet hätte, einen Schluß damit machen mußte. Ich war im Fieber; meine vom Schweiß feucht gewordenen Haare waren an Stirn und Schläfen angetrocknet.

„Swerkoff! Ich bitte Sie um Verzeihung,“ sagte ich schroff und entschieden. „Auch Sie, Ferfitschkin, bitte ich, mir zu verzeihen, und Sie alle, alle, ich habe alle beleidigt!“

„Aha! Das Duell scheint ihm doch ’nen Schrecken eingejagt zu haben!“ tuschelte Ferfitschkin boshaft seinem Nachbar zu.

Das schnitt mir weh ins Herz.

„Nein, Ferfitschkin, ich habe keine Angst vor dem Duell! Ich bin bereit, mich morgen mit Ihnen zu schlagen, aber erst nachdem wir uns versöhnt haben. Ich bestehe sogar darauf, und Sie können es mir nicht abschlagen. Ich will Ihnen beweisen, daß ich das Duell nicht fürchte. Sie haben den ersten Schuß, ich aber werde in die Luft schießen.“

„Will sich trösten,“ bemerkte Ssimonoff.

„Faselt wieder mal!“ meinte Trudoljuboff.

„So lassen Sie mich doch vorüber, Sie versperren einem ja den Weg! ... Was wollen Sie denn eigentlich?“ fragte Swerkoff verächtlich.

Alle waren sie rot; ihre Augen glänzten: hatten viel getrunken.

„Ich bitte Sie um Ihre Freundschaft, Swerkoff, ich habe Sie beleidigt, aber ...“

„Beleidigt? S–sie? M–mich? Wissen Sie, mein Verehrtester, daß Sie niemals und unter keinen Umständen mich beleidigen können!“

„Ach, hol ihn der Kuckuck,“ rief Trudoljuboff. „Fahren wir.“

„Olympia gehört mir, meine Herren, das ist abgemacht!“ rief Swerkoff.

„Schön, wir machen sie Ihnen nicht streitig!“ antwortete man ihm lachend.

Ich blieb wie ein begossener Hund zurück. Die Bande verließ geräuschvoll das Zimmer, Trudoljuboff stimmte irgend ein Lied an. Ssimonoff aber blieb noch auf einen Augenblick zurück, um den Bedienten das Trinkgeld zu geben. Da trat ich plötzlich an ihn heran.

„Ssimonoff! Geben Sie mir sechs Rubel!“ sagte ich entschlossen in meiner Verzweiflung.

Er sah mich über die Maßen verwundert mit sonderbar stumpfem Blick an. Er war gleichfalls betrunken.

„Ja, wollen Sie denn auch dorthin mit uns!“

„Ja!“

„Ich habe kein Geld!“ sagte er kurz und wollte verächtlich lächelnd das Zimmer verlassen.

Ich ergriff ihn am Rock. Das war ja ein Alpdruck, ein Traum!!

„Ssimonoff! Ich habe in Ihrem Beutel das Geld gesehn, warum schlagen Sie es mir ab? Bin ich denn ein Schuft? Hüten Sie sich, es mir abzuschlagen: wenn Sie wüßten, wenn Sie nur wüßten, wozu ich es bitte! Davon hängt alles ab, alles, meine ganze Zukunft, alle meine Pläne ...“

Ssimonoff zog das Geld heraus und warf es mir verächtlich hin.

„Nehmen Sie, wenn Sie so unverschämt sind!“ rief er mir unbarmherzig zu und eilte den anderen nach.

Ich blieb eine Minute lang allein zurück. Unordnung, Speisereste, ein zerschlagenes Glas auf dem Fußboden, verschütteter Wein, Zigarettenstummel, Rauch .. Rausch und Fieberleere im Kopf, quälendes Weh im Herzen und schließlich der Kellner, der alles gesehn und gehört hatte und mir neugierig in die Augen blickte ...

Dorthin!“ schrie ich auf. „Entweder sind alle auf den Knieen und flehen mich um meine Freundschaft an, oder ... oder ich gebe Swerkoff eine Ohrfeige!“

V.

„Endlich, endlich ist der Zusammenstoß mit der Wirklichkeit gekommen!“ murmelte ich, als ich die Treppe hinunter lief. „Das ist jetzt nicht mehr der Papst, der Rom verläßt, um nach Brasilien auszuwandern, das ist nicht mehr der Ball auf dem Comersee!“

„Gemein bist du, wenn du jetzt darüber lachst!“ zuckte es mir durch den Kopf.

„Meinetwegen!“ rief ich mir selbst zur Antwort. „Jetzt ist ja doch schon alles verloren!“

Von ihnen war jede Spur verschwunden: doch was tat’s schließlich: ich wußte, wohin sie gefahren waren.

An der Vorfahrt hielt einsam ein Schlitten; der Kutscher – einer von den Bauern, die die Not im Winter in die Stadt treibt, ein Wanjka in grobem Bauernkittel – war von dem immer noch träge fallenden nassen und, wie man hätte glauben können, warmen Schnee schon ganz bedeckt. Die Luft war feucht und schwül. Sein kleines rauhhaariges, mageres Pferdchen war gleichfalls schon ganz weißgeschneit und hustete – das weiß ich noch genau. Ich riß die Schlittendecke zurück, doch kaum hatte ich den Fuß hineingesetzt, als mich plötzlich die Erinnerung daran, wie Ssimonoff mir die sechs Rubel zugeworfen hatte, durchzuckte –: ich fiel wie von einem Keulenschlage getroffen auf den Schlitten.

„Nein, ich muß viel tun, um das wieder gut zu machen!“ schrie ich heiser. „Aber ich werde es schon tun, oder es ist noch heute Nacht aus mit mir. Fahr zu!“ Ich sagte ihm wohin. Das Pferd zog an. Ein ganzer Wirbelsturm von Gedanken wütete in meinem Hirn.

„Sie werden mich ja doch nicht um meine Freundschaft bitten, geschweige denn, daß sie es noch auf den Knieen täten. Das ist ja eine Fata morgana, eine umgekehrte Welt, die ich mir vorstelle, eine widerliche, romantische und phantastische Luftspiegelung, die ich mir wieder einmal vorstelle, ist ebenso wie der Ball auf dem Comersee. Und darum muß ich Swerkoff eine Ohrfeige geben! Ich bin verpflichtet, sie ihm zu geben. Also es steht fest: ich fahre hin, um ihm eine Ohrfeige zu geben. Schneller! Fahr zu!“

Der Wanjka zog die Zügel an.

„Sofort nachdem ich eingetreten bin, gebe ich sie ihm. Oder sollte man noch vorher einige Sätze so ... hm, gewissermaßen als Vorwort sagen? Nein. Ich trete ein und gebe sie ihm. Sie werden alle im Salon sitzen, er mit Olympia auf dem Sofa. Diese verfluchte Olympia! Sie hat über mein Gesicht gelacht und mir einmal abgesagt. Ich werde Olympia an den Haaren und Swerkoff an den Ohren fortziehen! Nein, besser an einem Ohr und so am Ohr werde ich ihn denn durch’s ganze Zimmer ziehen. Sie werden mich vielleicht überfallen und hinauswerfen. Bestimmt werden sie das tun. Meinetwegen! Immerhin habe ich zuerst die Ohrfeige gegeben; also meine Initiative ... und nach den Gesetzen des Ehrenkodex ist das alles: er ist gebrandmarkt und kann dann mit keinen Schlägen seine Ohrfeige abwaschen, außer mit einem Duell. Er muß mich fordern. Und mögen sie mich jetzt nur schlagen. Mögen Sie nur! Diese Undankbaren! Am meisten wird Trudoljuboff schlagen: er ist stark; Ferfitschkin wird sich an ungefährlicheren Stellen ankrallen, in die Haare wird er mir fahren, natürlich, der bestimmt in die Haare. Die sind ja für ihn wie geschaffen. Meinetwegen! Zu dem Zweck gehe ich ja hin. Diese Schafsköpfe werden doch endlich das Tragische in all dem begreifen müssen! Wenn sie mich zur Tür schleppen, werde ich ihnen zurufen, daß sie im Grunde nicht einmal meinen kleinen Finger wert sind. Fahr zu, Wanjka, fahr zu!“ schrie ich plötzlich. Der Kutscher zuckte zusammen vor Schreck und hieb mit der Peitsche auf seine Mähre ein. Ich hatte schon etwas zu wild geschrieen.

„Beim Morgengrauen schlagen wir uns, das steht fest. Mit der Kanzlei, oder wie Swerkoff sagt, dem Département ist es aus. Ferfitschkin sagte vorhin, ‚Debartemang‘. Woher aber die Pistolen nehmen? Unsinn! Ich nehme meine Gage voraus und kaufe sie. Aber das Pulver, und die Kugeln? Das ist Sache des Sekundanten. Und wie damit bis zum Morgengrauen fertig werden? Und wo den Sekundanten hernehmen? Ich habe keine Bekannten. Unsinn!“ rief ich noch erregter, „Unsinn! Der erste beste, den ich auf der Straße treffe und den ich darum angehe, ist verpflichtet, mein Sekundant zu sein, ganz so, wie er zum Beispiel verpflichtet wäre, einen Ertrinkenden aus dem Wasser zu ziehen. Die exzentrischsten Zufälle müssen doch zugegeben werden. Ja, wenn ich den Direktor morgen bitte, mein Sekundant zu sein, so müßte der sich schon allein aus Ritterlichkeit dazu bereit erklären und ... und das Geheimnis bewahren! – Anton Antonytsch ...“

Doch in demselben Augenblick begriff ich klarer und deutlicher als je die ganze blödsinnige Unmöglichkeit meiner Voraussetzungen und die ganze Kehrseite der Medaille, aber ...

„Fahr zu, Wanjka, fahr zu, Esel, fahr zu!“

„Ach Herr!“ sagte die Landkraft.

Ein Frösteln überlief mich.

„Aber wär’s nicht besser ... weiß Gott, wär’s nicht besser ... direkt nach Hause zu fahren, sofort? Ach, warum, warum drängte ich mich gestern zu diesem Abschiedsmahl auf! Doch nein, das ist unmöglich! Und der Spaziergang von acht bis elf vom Tisch bis zum Ofen, vom Ofen bis zum Tisch? Nein, sie, sie müssen für diesen Spaziergang büßen! Sie müssen diese Schmach abwaschen! Fahr zu!“

„Aber was dann, wenn sie mich auf die Polizeiwacht bringen?! Das werden sie nicht wagen! Werden einen Skandal fürchten. Was aber dann, wenn Swerkoff aus Verachtung das Duell ausschlägt? Das ist ja so gut wie sicher; dann aber werde ich ihnen beweisen ... Dann werde ich in den Posthof gehen, wenn er morgen abfährt, werde ihn am Bein packen, werde ihm, wenn er in den Postwagen kriecht, den Mantel abreißen. Werde ihn mit den Zähnen an der Hand packen, werde ihn beißen. ‚Seht, wozu man einen verzweifelten Menschen bringen kann!‘ Mögen sie mich auf den Kopf schlagen und sie alle da hinter mir ... Ich werde dem ganzen Publikum zuschreien: ‚Seht diesen jungen Hund, der, um Tscherkessinnen zu verführen, in den Kaukasus fährt – mit meinem Speichel im Gesicht!‘

„Versteht sich, dann ist alles aus! Dann ist das ‚Département‘ vom Angesicht der Welt verschwunden. Man wird mich ergreifen, verurteilen, aus dem Dienst jagen, mich zu den Zwangsarbeitern stecken, darauf zu den sibirischen Ansiedlern ... Mögen Sie nur! Nach fünfundzwanzig Jahren schleppe ich mich zu ihm, in Lumpen, als Bettler, wenn man mich aus dem Gefängnis entlassen hat. Ich suche ihn irgendwo in einer Gouvernementsstadt auf. Er wird verheiratet und glücklich sein. Er wird eine erwachsene Tochter haben ... Ich werde einfach sagen: Sieh, Unmensch, sieh meine eingefallenen Wangen und mein zerlumptes Gewand! Ich habe alles verloren: die Karriere, das Glück, die Kunst, die Wissenschaft, das geliebte Weib, und alles Deinetwegen. Sieh, hier sind Pistolen. Ich bin gekommen, um meine Pistole abzufeuern und ... ich vergebe Dir! Da schieße ich denn einfach in die Luft und verschwinde spurlos ...“

Es fehlte nicht viel und ich hätte aufgeschluchzt, obgleich ich im selben Augenblick ganz genau wußte, daß meine Phantasie auf Lermontoffs „Sylvio“ und der „Maskerade“ beruhte. Und plötzlich schämte ich mich furchtbar, ich schämte mich dermaßen, daß ich das Pferd anhalten ließ, aus dem Schlitten kroch und mitten auf der Straße im Schnee stehen blieb. Der Wanjka sah mich verwundert an und seufzte.

Was sollte ich tun? Dorthin konnte ich nicht: es würde nichts dabei herauskommen; und die Sache auf sich beruhen lassen – war gleichfalls unmöglich: was dann herauskommen würde ... Himmlischer Vater! Wie denn so etwas auf sich beruhen lassen! Und nach solchen Beleidigungen!

„Nein!“ schrie ich und stürzte wieder in den Schlitten. „Das ist vorausbestimmt, das ist Verhängnis, Schicksal! Fahr zu, fahr zu, dorthin!“

Vor Ungeduld schlug ich mit der Faust den Wanjka ins Genick.

„Ach! Gott! Was haust Du mich!“ rief das Bäuerlein erschrocken, peitschte aber doch seine Schindmähre, sodaß sie mit den Hinterbeinen ausschlug.

Der nasse Schnee fiel senkrecht in dichten Flocken, als ob ihn die Erde angezogen hätte. Ich vergaß alles, denn ich hatte mich endgültig für die Ohrfeige entschlossen; ich fühlte nur mit Grauen, daß es doch schon unbedingt und sofort geschehn würde und sich durch keine Macht der Welt mehr aufhalten ließe. Die einsamen Laternen schauten mürrisch durch das von Schneestreifen durchzogene Dunkel, wie Fackeln bei nächtlichen Beerdigungen. Der Schnee schlug mir in den offenen Mantel, unter den Rock, auf die Weste, fiel mir in den Mantelkragen, rutschte dann weiter in das Halstuch, taute an meinem heißen Halse auf und durchnäßte meinen Kragen; ich schlug aber meinen Mantel nicht zu: es war ja doch schon alles verloren! Endlich kamen wir an. Ich sprang fast bewußtlos aus dem Schlitten, lief die Stufen hinauf und schlug mit Händen und Füßen an die Tür. Meine Beine wurden besonders in den Knieen furchtbar schwach. Sonderbarer Weise wurde bald geöffnet; ganz als ob sie mich erwartet hätten.

Ssimonoff hatte in der Tat schon gesagt, daß vielleicht noch jemand kommen würde, hier aber mußte man anmelden und überhaupt Vorsichtsmaßregeln ergreifen. Es war eines jener „Modegeschäfte“, die jetzt schon längst von der Polizei aufgehoben sind. Tagsüber war es allerdings ein „Modegeschäft“; abends jedoch wurden Herren, die eine Rekommendation hatten, empfangen.

Ich ging schnellen Schrittes durch den dunklen Laden in den mir bekannten Saal und blieb erstaunt in der Tür stehen: der Saal war leer; nur ein einziges Licht brannte auf einem Tisch.

„Wo sind sie denn?“ fragte ich irgend jemanden.

Sie hatten natürlich schon Zeit gehabt, auseinanderzugehn.

Vor mir stand ein Weibsbild mit dummem Lächeln; das war die Wirtin. Sie kannte mich schon von früher. Nach einer Minute öffnete sich eine Tür und eine andere Person trat ein.

Ich schritt im Zimmer auf und ab und sprach mit mir. Es war mir, als wäre ich vom Tode errettet worden; ich fühlte es freudig mit meiner ganzen Seele: denn ich hätte ja die Ohrfeige unbedingt, unbedingt gegeben! Doch sie waren nicht da und ich ... alles war wie Spukgebilde verschwunden, alles hatte sich verändert! Endlich blickte ich mich um. Ich konnte noch nicht recht begreifen. Mechanisch blickte ich auch auf die eingetretene Person: vor meinen Augen verschwamm ein frisches, junges, etwas bleiches Gesicht mit geraden, dunklen Augenbrauen, mit einem ernsten und fast ein wenig verwunderten Blick. Das gefiel mir sofort; ich würde sie gehaßt haben, wenn sie gelächelt hätte. Ich mußte mich anstrengen, um aufmerksamer hinzusehn: noch fiel es mir schwer, meine Gedanken zu sammeln. Etwas Offenherziges und Gutes lag in diesem Gesicht, doch war es bis zur Sonderbarkeit ernst. Ich bin überzeugt, daß sie nur deswegen bei diesen dummen Jungen verspielt hatte. Übrigens konnte man sie nicht gerade schön nennen, wenn sie auch ziemlich groß, schlank und gut gebaut war. Angezogen war sie ungewöhnlich schlicht. Etwas Gemeines kroch mir ins Herz; ich trat geradenwegs auf sie zu.

Ich blickte zufällig in den Spiegel: mein erregtes aufgedunsenes Gesicht erschien mir unsagbar ekelhaft: bleich, boshaft, gemein, von zottigem, nassem Haar umrahmt. „Meinetwegen, – um so besser,“ dachte ich. „Es freut mich gerade, daß ich ihr ekelhaft erscheinen muß; das ist mir sehr angenehm ...“ –

VI.

... Irgendwo im Nebenzimmer begann plötzlich, wie unter einem starken Druck, als ob sie jemand gewürgt hätte – heiser die Uhr zu schnurren. Nach unnatürlich langem, langsamem, heiserem Rrrr folgte plötzlich ein heller und ganz unerwartet hastiger Schlag, – ganz als ob jemand plötzlich vorspringt. Es schlug zwei. Ich erwachte, wenn ich auch vorher nicht geschlafen, sondern nur in halber Vergessenheit dagelegen hatte.

In dem schmalen und niedrigen Zimmer, in dem noch ein großer Kleiderschrank stand und Hutpaudeln, Stoffe und verschiedener Kleiderkram herumlagen, war es fast ganz dunkel. Der Lichtstumpf, der auf einem Tisch am anderen Ende des Zimmers in einem alten Leuchter brannte, drohte schon auszulöschen, nur ab und zu flackerte er noch auf. Nach wenigen Minuten mußte tiefes Dunkel herrschen.

Es dauerte nicht lange, bis ich ganz zu mir kam; mit einem Mal, ohne mich angestrengt zu haben, fiel mir alles wieder ein; als ob es mir irgendwo aufgelauert hätte, um sich dann plötzlich wieder auf mich zu stürzen. Ja, und selbst in der Bewußtlosigkeit blieb im Gedächtnis doch noch, ich möchte sagen: so ein Punkt, der unter keiner Bedingung in Vergessenheit versank, und um den müde, unermüdlich, schwerfällig die Schemen meines Halbschlaftraumes kreisten. Doch eines war sonderbar: alles, was mit mir an jenem Tage geschehn war, schien mir, als ich im dunklen Zimmer erwachte, schon längst, längst vergangen zu sein, als ob ich das alles schon längst, längst überlebt hätte.

In meinem Kopf war nichts als schwerer Dunst. Es war mir, als ob etwas über mir schwebte, mich lähmte und zu gleicher Zeit beunruhigte und erregte. Die Beklemmung und die ohnmächtige Wut schwollen wieder an, schäumten auf und suchten einen Ausgang. Plötzlich – sah ich dicht neben mir zwei offene Augen, die mich ernst und beharrlich betrachteten. Der Blick war kalt-teilnahmslos, war finster, als ob er von einem ganz fremden Wesen herrührte. Es wurde mir schwer unter ihm.

Ein häßlicher Gedanke erwachte in meinem Hirn und kroch mir wie ein gemeines Gefühl über den ganzen Körper, etwa wie die Empfindung, die einen überkommt, wenn man in einen feuchten, faulenden Keller tritt. Es war so sonderbar unnatürlich, daß es diesen zwei Augen gerade jetzt einfiel, mich zu betrachten. Es fiel mir ein, daß ich in diesen zwei Stunden mit diesem Wesen kein einziges Wort gewechselt und das auch für völlig überflüssig gehalten hatte; sogar das Schweigen hatte mir zu Anfang aus irgend einem Grunde gefallen. Jetzt jedoch empfand ich plötzlich deutlich den ganzen Ekel, die ganze spinnenhafte Scheußlichkeit der Idee der Ausschweifung, die ohne Liebe, roh und schamlos direkt damit beginnt, womit die wahre Liebe sich krönt. Lange blickten wir uns so durch das nächtliche Dunkel in die schimmernden Augen, doch senkte sie nicht ihren Blick vor mir: ohne mit der Wimper zu zucken, ohne den Blick zu verändern, schauten die Augen still und bewegungslos furchtlos mich an ... Mich schauderte.

„Wie heißt Du?“ fragte ich rauh, um der Stille ein Ende zu machen.

„Lisa,“ klang es fast flüsternd, doch sonderbar unfreundlich zurück, und sie wandte die Augen von mir ab.

Ich schwieg.

„Das Wetter ist heute scheußlich ... Schnee ...“ sagte ich mehr so vor mich hin, schob die Hand unter den Kopf und blickte zur Decke hinauf.

Sie antwortete nicht. Widerlich war das alles.

„Bist Du eine hiesige?“ fragte ich nach einer Minute etwas aufgebracht und kehrte meinen Kopf ein wenig zu ihr.

„Nein.“

„Woher kommst Du denn?“

„Aus Riga,“ sagte sie unwirsch.

„Bist ’ne Deutsche?“

„Nein, Russin.“

„Bist Du schon lange hier?“

„Wo?“

„Hier, in diesem Hause?“

„Zwei Wochen.“

Sie antwortete immer schroffer und schroffer. Das Licht erlosch schon fast ganz; ich konnte ihr Gesicht kaum noch unterscheiden.

„Leben Deine Eltern noch?“

„N–ja ... nein ... doch, sie leben.“

„Wo denn das?“

„Dort, in Riga.“

„Was sind sie?“

„So ...“

„Wie ‚so‘? Von welch einem Stande?“

„Kleinbürger.“

„Hast Du immer bei ihnen gelebt?“

„Ja.“

„Wie alt bist Du?“

„Zwanzig.“

„Warum bist Du denn von ihnen fortgegangen?“

„So ...“

Dieses so bedeutete: hör auf, bist mir zuwider. Wir verstummten.

Gott mag wissen, warum ich nicht fortging. Es wurde mir selbst immer widerlicher und qualvoller zu Mut. Die Schemen des vergangenen Tages zogen ganz von selbst in wirrem, hastigem Durcheinander, eigentlich ohne daß ich’s gewollt hätte, durch mein Gedächtnis. Plötzlich fiel mir etwas ein, was ich am Morgen auf dem Wege zur Kanzlei gesehn hatte.

„Heute wurde ein Sarg herausgetragen und beinahe hätte man ihn fallen lassen,“ sagte ich plötzlich laut, ohne ein Gespräch beginnen zu wollen, einfach so, fast in Versehen.

„Ein Sarg?“

„Ja, auf der Ssennaja[3]; aus einem Keller.“

„Aus einem Keller?“

„Das heißt, nicht gerade aus einem Keller, sondern aus einer Kellerwohnung ... Nun, Du weißt schon ... von unten ... aus einem unanständigen Hause ... Es war dort so schmutzig überall ... Kehricht ... Gestank ... Gemein war’s.“

Schweigen.

„Scheußlich, heute beerdigt zu werden!“ sagte ich wieder nach einiger Zeit, nur um nicht zu schweigen.

„Wieso?“

„So, ich meine nur, der Schnee, die Feuchtigkeit ...“ Ich gähnte.

„Was tut das!“ stieß sie plötzlich nach längerem Schweigen hervor.

„Nein, ’s ist doch schon gemein ...“ Ich gähnte wieder. – „Die Totengräber haben sicherlich geschimpft ... es ist ja auch kein Vergnügen, bei solch einem Wetter zu beerdigen. Und im Grabe wird bestimmt Wasser gewesen sein.“

„Warum soll denn im Grabe Wasser sein?“ fragte sie neugierig, aber doch etwas ungläubig-spöttisch. Übrigens stieß sie die Worte noch abgerissener, schroffer hervor. Mich stachelte plötzlich etwas gegen sie auf, ich weiß nicht, was es war.

„Weißt Du das denn nicht? Die Särge liegen zum mindesten bis zur Hälfte unter Wasser, gewöhnlich aber ganz. Hier auf dem Wolchoffschen Friedhofe kannst Du kein einziges trockenes Grab finden.“

„Warum nicht?“

„Wieso – warum nicht!? Morastiger Boden. Hier ist doch überall Sumpf. So wird man denn einfach ins Wasser hinabgesenkt. Habe selbst gesehn ... mehrere Mal ...“

(Kein einziges Mal hatte ich es gesehn, und war überhaupt noch nicht auf dem Wolchoffschen Friedhofe gewesen, hatte nur andere davon sprechen gehört.)

„Ist es Dir denn wirklich ganz gleichgültig, zu sterben?“

„Warum soll ich denn sterben?“ fragte sie gereizt, wie um sich zu verteidigen.

„Nun, einmal wirst auch Du sterben, und dann wird man Dich ebenso beerdigen, wie jenes Mädchen heute Morgen. Das war ... auch so Eine ... Ist an der Schwindsucht gestorben.“

„Solch Eine hätte doch im Krankenhause sterben können ...“

(Aha, dachte ich, das weiß sie schon; und sie sagte auch: „solch Eine“.)

„Sie schuldete der Wirtin,“ entgegnete ich, immer mehr aufgestachelt durch das Gespräch, „und war bei ihr bis zum Tode, obgleich sie schwindsüchtig war. Droschkenkutscher und Soldaten sprachen dort an der Pforte über sie. Wahrscheinlich ihre gewesenen Bekannten. Lachten natürlich. Nahmen sich vor, in der Schenke noch ein Glas Schnaps auf ihr Wohl zu trinken.“

(Auch hierbei setzte ich noch vieles von mir aus hinzu.)

Schweigen, tiefes Schweigen. Sie bewegte sich nicht einmal.

„Ach, bleibt sich das nicht wirklich ganz gleich!? ... Und warum soll ich denn sterben?“ fügte sie gereizt hinzu.

„Nicht jetzt, natürlich, aber später?“

„Ach, später ...“

„Ja, ja! Jetzt bist Du noch jung, hübsch und frisch, deswegen schätzt man Dich auch. Nach einem Jahr aber wird Dich dieses Leben schon verändert haben, wirst bald verwelkt sein.“

„Nach einem Jahr?“

„Jedenfalls wirst Du nach einem Jahr schon im Wert gesunken sein,“ fuhr ich schadenfroh fort. „Dann wirst Du aus diesem Hause in ein anderes, niedrigeres kommen. Nach einem zweiten Jahr – in ein drittes Haus, immer niedriger und niedriger, und so nach sieben Jahren wirst Du dann glücklich an der Ssennaja in der Kellerwohnung angelangt sein. Und das würde verhältnismäßig noch angehn. Wie aber, wenn sich dann noch irgend eine Krankheit einstellen sollte, sagen wir, schwache Brust, oder so etwas Ähnliches ... oder Du erkältest Dich womöglich. Bei solch einem Leben vergehen die Krankheiten nicht so leicht. Hat man sie sich einmal zugezogen, so ist man gewöhnlich geliefert. Nun, und dann wirst Du eben sterben.“

„Nun, dann werde ich eben sterben!“ sagte sie wütend und bewegte sich hastig.

„Es tut einem aber doch leid.“

„Was?“

„Das Leben.“

Schweigen.

„Hast Du einen Bräutigam gehabt? – Wie?“

„Was geht das Sie an?“

„Du hast Recht, was geht das mich an. Ich will Dich ja nicht ausfragen. Warum ärgerst Du Dich nur? Du wirst natürlich Deine Unannehmlichkeiten gehabt haben ... Was geht’s mich an! Es war ja nur so gesagt. Aber immerhin kann man doch bedauern.“

„Wen?“

„Dich natürlich.“

„Lohnt sich nicht ...“ sagte sie kaum hörbar und bewegte sich wieder.

Das ärgerte mich. Wie! Ich war so freundlich zu ihr, sie aber ...

„Ja, was denkst Du denn eigentlich? Bist Du etwa auf einem guten Wege?“

„Nichts denke ich.“

„Das ist es ja, daß Du Dir nichts dabei denkst! Besinn Dich so lange es noch Zeit ist. Jetzt geht’s ja noch. Du bist noch jung und hübsch; könntest Dich verlieben, könntest heiraten und glücklich sein ...“

„Nicht alle sind glücklich, wenn sie verheiratet sind,“ unterbrach sie mich wieder schroff.

„Nicht alle!! Selbstverständlich nicht alle! Aber es ist doch immer besser als hier, hundertmal, tausendmal besser als hier! Liebt man aber, so kann man auch ohne Glück leben. Auch im Leid ist das Leben schön; es ist überhaupt immer schön, auf der Welt zu leben, selbst einerlei wie man lebt. Was ist aber hier außer ... Gestank. Pfui Teufel!“

Ich drehte mich angeekelt auf die andere Seite. Ich sprach nicht mehr kaltblütig, nein, ich geriet schon in Begeisterung. Mich riß das Verlangen mit sich fort, meine geliebten Ideechen, die ich im Keller ausgebrütet hatte, auseinanderzusetzen. Irgend etwas entflammte sich in mir plötzlich, ich sah plötzlich ein Ziel vor mir.

„Übrigens mußt Du mich nicht als Beispiel nehmen. Ich bin vielleicht noch schlechter als Du. Ich bin ja betrunken hierhergekommen.“ (Ich beeilte mich doch ein wenig, mich zu rechtfertigen.) „Zudem kann ein Mann einem Weibe nie ein Beispiel sein. Das sind zwei ganz verschiedene Dinge; wenn ich auch schlechter bin als Du, und wenn auch ich es bin, der andere besudelt, so bin ich doch niemandes Sklave; komme und gehe und damit ist’s abgetan, – bin wieder ein anderer Mensch. Und jetzt bedenke bloß das eine, daß Du gleich von Anfang an – Sklavin bist. Ja, Sklavin! Du gibst alles hin, Deinen ganzen Willen. Und wenn Du später diese Ketten zerreißen willst, so kannst Du es nicht mehr: immer fester und fester wirst Du umsponnen werden. Das ist schon so der Fluch dieser Ketten, daß sie sich immer fester ziehen. Ich kenne sie. Von dem übrigen rede ich lieber gar nicht, Du würdest es vielleicht auch nicht einmal verstehn, aber sag doch mal: Du schuldest natürlich schon der Wirtin? Nun, sieh mal!“ fügte ich hinzu, obgleich sie mir nichts geantwortet hatte, sondern nur schweigend, mit ganzer Seele zuhörte, „– da hast Du die Kette! Wirst Dich nie mehr loskaufen können. Das wird schon so gemacht werden. Kennt man ... Ebenso gut, wie dem Teufel die Seele verkauft ...“

„... Und zudem bin ich vielleicht ebenso unglücklich wie Du und, was kannst Du wissen, suche vielleicht absichtlich den Schmutz ... vor Leid. Trinken doch viele vor Leid und Kummer: nun, und ich bin wiederum vor Leid hierher gekommen. Sag doch selbst, was ist denn das eigentlich: nun, wir beide sind ... zusammengekommen ... gestern Abend, und haben doch kein Wort miteinander gewechselt, und erst nachher fiel es Dir ein, mich wie eine Wilde zu betrachten; und ich ebenso auch Dich. Liebt man denn etwa so? Soll denn der Mensch den Menschen auf diese Weise kennen lernen? Das ist doch nur eine ... eine Unanständigkeit und weiter nichts!“

„Ja!“ sagte sie plötzlich rauh, – sie stimmte mir sofort bei. Mich wunderte sogar die Hastigkeit dieses „Ja“. – „Also ist durch ihren Kopf vielleicht derselbe Gedanke gegangen, als sie mich vorhin betrachtete? So ist also auch sie schon zu eigenen Gedanken fähig? ... Hols der Teufel; das ist interessant, das ist ja – Seelenverwandtschaft,“ dachte ich und hätte mir fast schon die Hände gerieben. „Wie soll man auch mit solch einer jungen Seele nicht fertig werden! ... –“

Aber am meisten verlockte mich doch das Spiel.

Sie drehte ihren Kopf etwas näher zu mir und stützte ihn in die Hand – so schien es mir wenigstens in der Dunkelheit. Vielleicht sah sie mich wieder an. Wie bedauerte ich es, daß ich ihre Augen nicht mehr sehn konnte. Ich hörte ihr tiefes Atmen.

„Warum bist Du in dieses Haus gekommen?“ begann ich bereits mit einer gewissen Überlegenheit.

„So.“

„Und doch, wie schön ist’s, im Elternhause zu leben! Warm, behaglich; eigenes Nest!“

„Wenn es aber schlimmer ist als hier?“

(„Ich muß den richtigen Ton finden,“ zuckte es mir durch den Kopf, „mit etwas Sentimentalität wirst Du sie wahrscheinlich am ehesten nehmen.“)

Übrigens zuckte das, wie gesagt, nur in einer Sekunde durch meine Gedanken. Ich schwöre es, sie interessierte mich tatsächlich. Und dann war ich auch in einer so sonderbaren Stimmung, entkräftet. Und Spitzbüberei verträgt sich ja so gut mit Gefühl.

„Oh, das kommt natürlich auch vor!“ Beeilte mich, schnell zu entgegnen. „Ich bin überzeugt, daß Dich irgend jemand beleidigt hat, daß eher sie vor Dir schuldig sind, als Du vor ihnen. Zwar kenne ich Deine Lebensgeschichte nicht, aber ich weiß doch, daß ein Mädchen, wie Du, nicht freiwillig zum Vergnügen in solch ein Haus kommt ...“

„Was für ein Mädchen bin ich denn?“ fragte sie flüsternd, kaum hörbar; ich aber hörte es doch.

(„Weiß der Teufel – ich schmeichle ja. Das ist gemein von mir. Aber, weiß Gott, vielleicht ist’s auch gut.“)

Sie schwieg.

„Sieh mal, Lisa, ich sage das von mir aus: hätte ich von Kindheit an eine Familie gehabt, so würde ich jetzt anders sein, als ich bin. Darüber habe ich schon oft nachgedacht. Denn wie schlecht es auch in der Familie sein mag – es sind doch immer Vater und Mutter, und nicht Fremde, nicht Feinde. Sie lieben Dich doch, und wenn sie es Dir auch nur einmal im Jahr beweisen. Immerhin weißt Du, daß Du bei Dir zu Hause bist. Sieh mal, ich bin ohne Familie aufgewachsen; darum bin ich wahrscheinlich auch so ... gefühllos geworden.“

(„Hm, vielleicht versteht sie’s überhaupt nicht,“ dachte ich, „und ’s ist ja auch lachhaft: – Moral.“)

„Wenn ich Vater wäre und eine Tochter hätte, ich würde, glaub ich, meine Tochter mehr als meine Söhne lieben, nein nein, – tatsächlich!“ sagte ich, denn ich wollte auf ein anderes Thema übergehn, um sie zu zerstreuen. Ich muß gestehen, ich errötete.

„Warum denn das?“ fragte sie.

(„Aha, sie hört also doch!“)

„So, ich weiß nicht, warum. Sieh, Lisa, ich kannte einen Vater, der sonst im Leben ein strenger, stolzer Mensch war, vor seiner Tochter aber auf den Knieen lag, ihr Hände und Füße küßte und sich an ihr nicht satt sehen konnte. Wenn sie auf den Bällen tanzte, stand er zuweilen fünf Stunden lang auf ein und demselben Fleck und ließ sie nicht aus den Augen. Sie war ihm zur fixen Idee geworden: das kann ich sehr gut verstehn. Wenn sie schläft, wacht er bei ihr, küßt und bekreuzt sie. Selbst geht er in einem schäbigen Rock, ist geizig bis zur Unglaublichkeit – für sie aber kauft er alles, was sie haben will, macht ihr teure Geschenke und freut sich wie ein Kind, wenn das Geschenk ihr gefällt. Der Vater liebt die Töchter immer mehr als die Mutter. Viele Töchter haben ein gutes Leben zu Haus! Ich aber würde meine Tochter wahrscheinlich überhaupt nicht heiraten lassen.“

„Warum denn nicht?“ fragte sie, kaum, kaum lächelnd.

„Weiß Gott! Ich glaube, aus Eifersucht nicht. Sie soll einen Fremden küssen? Einen Fremden mehr als den Vater lieben? Es wird einem ja unheimlich, bloß wenn man daran denkt! Aber das ist ja natürlich Unsinn; schließlich nehmen ja auch solche Väter Vernunft an. Ich aber würde mich vorher bestimmt schon allein durch die Sorge totquälen: würde alle Heiratskandidaten ausbrackieren. Schließlich würde ich sie aber doch verheiraten, und würde sie natürlich nur dem geben, den sie liebt. Man weiß doch, daß derjenige, den die Tochter selbst liebgewinnt, dem Vater immer der Schlechteste scheint. Das ist schon einmal so. Deswegen kommt es zu viel häßlichen Auftritten in manchen Familien.“

„Manche sind froh, wenn sie ihre Tochter verkaufen können, nicht daß sie sie in Ehren fortgeben wollten,“ sagte sie plötzlich.

(„Aha! das also ist’s!“)

„Das, Lisa, kommt nur in jenen verfluchten Familien vor, in denen weder Gott noch Liebe ist,“ griff ich eifrig das neue Thema auf, „wo es aber keine Liebe gibt, dort gibt es auch keinen Verstand. Solche Familien gibt es, ich weiß es selbst, aber nicht von ihnen spreche ich. Du mußt wohl in Deiner Familie wenig Güte gesehn haben, wenn Du so sprichst. Glaube es Dir gern, daß Du unglücklich bist. Hm! ... Das geschieht aber doch meistens nur aus Armut.“

„Ist es denn bei den reichen Herrschaften besser? Auch in der Armut leben gute Menschen ehrlich.“

„Hm! ... ja. Vielleicht. Aber sieh, Lisa ... der Mensch liebt es, nur sein Leid in Betracht zu ziehen, sein Glück aber nicht. Würde er aber alles richtig einschätzen, so müßte er zugeben, daß es überall Glück gibt. Jedem Menschen ist Glück beschert. Wie schön aber ist es, wenn in der Familie alles wohlgelingt, wenn Gottes Segen auf ihr ruht, wenn Du einen Mann hast, der Dich liebt und hätschelt, keinen Schritt von Dir geht. Schön ist solch eine Familie! Ja, zuweilen ist es dann sogar mit dem Leid schön; und wo gibt es denn kein Leid? Solltest Du einmal heiraten, dann wirst Du es selbst erfahren. Und denk bloß an die erste Zeit nach der Hochzeit, wenn Du den bekommen hast, den Du liebst –: wieviel Glück, wieviel wundervolles herrliches Glück es dann zuweilen gibt! Glück auf Schritt und Tritt! In der ersten Zeit endet sogar jeder Streit zwischen Mann und Frau mit Glück! Manche Frauen rufen sogar desto häufiger Streit hervor, je mehr sie ihren Mann lieben. Nein, nein, tatsächlich, ich habe selbst solch eine Frau gekannt: ‚Ich liebe Dich so sehr,‘ sagt sie, ‚und so quäle ich Dich denn aus lauter Liebe – Du aber solltest das fühlen‘. Weißt Du auch, daß man einen Menschen aus Liebe absichtlich quälen kann? Meistens tuns die Frauen. Bei sich aber denken sie dann: ‚Dafür werde ich Dich nachher so lieben, werde so reizend zu Dir sein, daß es doch keine schlimme Sünde sein kann, Dich jetzt ein bißchen zu quälen‘. Und ein jeder, der Euch sieht, freut sich über Euch und Ihr seid gut, fröhlich, friedlich, und ehrlich ... Manche sind natürlich eifersüchtig. Geht der Mann einmal aus, – ich kannte solch eine –, da hält sie’s nicht aus und läuft sogar in der Nacht hinaus, um heimlich zu erfahren, wo er ist: in diesem oder jenem Hause, bei dieser oder jener? Das ist schon nicht mehr schön. Und das weiß sie ja auch und verurteilt sich auch selbst und das Herz bleibt ihr stehn vor Angst, – aber sie liebt doch! Es geschieht ja nur aus Liebe! Und wie schön ist es, sich nachher zu versöhnen, ihn um Verzeihung zu bitten oder selbst zu verzeihen. Und so gut werden beide, so schön wird’s ihnen zu Mut – ganz als ob sie sich von neuem gefunden hätten, und von neuem beginnt ihre Liebe. Und niemand, niemand soll wissen, was zwischen Mann und Weib geschieht, wenn sie sich beide lieben. Und was für ein Streit auch zwischen ihnen ausbrechen mag – selbst die leibliche Mutter dürfen sie nicht zum Richter wählen, noch darf ihr der eine über den anderen etwas erzählen. Sie müssen sich selbst Richter sein. Die Liebe ist ein Geheimnis Gottes und sie muß allen fremden Augen verborgen bleiben – was auch geschehen möge. Dadurch wird sie heiliger, schöner. Mann und Weib werden sich dann gegenseitig mehr achten, auf der Achtung aber beruht gar vieles. Und wenn schon einmal Liebe zwischen ihnen gewesen ist, wenn sie sich um der Liebe willen geheiratet haben, warum soll dann die Liebe vergehen? Sollte sie sich wirklich nicht erhalten lassen? Nur ganz selten kommt es vor, daß man sie nicht mehr erhalten kann, daß es wirklich unmöglich ist. Ist aber der Mann ein guter, ehrlicher Mensch, wie soll dann die Liebe vergehn? Die erste Liebe – die vergeht natürlich mit der Zeit, aber dann kommt ja wieder eine andere, ebenso schöne Liebe. Dann nähern sich die Seelen; alle Angelegenheiten werden gemeinsam erörtert, beraten, kein Geheimnis besteht zwischen ihnen. Und kommen dann die Kinder, so sind ja selbst die schwersten Zeiten lauteres Glück. Wenn man nur liebt und mutig ist. Dann ist auch die Arbeit eine Freude, dann versagt man sich manches Mal auch ein Stückchen Brot, um es den hungrigen Mäulchen zu geben – und auch das ist dann Freude. Werden sie doch später Dich dafür lieb haben. Die Kinder werden größer – und Du fühlst, daß Du ihnen ein Beispiel, eine Stütze bist; Du weißt, daß sie nach Deinem Tode Deine Gedanken und Gefühle ihr Leben lang in sich tragen werden, da Du sie ihnen gegeben hast. Sie werden Dein Ebenbild sein. Wie Du siehst: das ist eine große Pflicht! Wie sollen sich dann Vater und Mutter nicht nähertreten? Da sagt man allerdings, Kinder haben sei schwer! Wie ist das nur möglich! Kinder sind doch Himmelsglück! Liebst Du kleine Kinderchen, Lisa? Ich liebe sie furchtbar. Weißt Du, – solch ein rosarotes zartes Bengelchen saugt Dir an der Brust, – Gott! welch eines Mannes Herz wird nicht zu seiner Frau gezogen, wenn er sieht, wie sie sein Kind nährt! Das Kerlchen ist so weich und dick, zappelt, reckt und streckt sich, breitet die Ärmchen nach Dir aus; die Beinchen, die Händchen sind noch voller Grübchen, die Nägelchen sind reingewaschen, klein, ho! so klein, daß es zum lachen ist; die Augen aber blicken schon drein, als ob er alles verstände. Saugt er, so haut er mit den Fäustchen um sich rum, schlägt Dir auf die Brust womöglich, spielt. Tritt der Papa an ihn heran, – reißt er sich los von der Brust, biegt sich zurück, guckt ihn an, lacht – ganz als obs weiß Gott wie lachhaft wäre – und dann geht von neuem das Trinken an. Und mitunter, wenn’s dem Schlingel mal einfällt, da beißt er die Brust, wenn die Zähnchen schon kommen, selbst aber lugt der Racker dann mit seinen kleinen Äuglein: ‚siehst Du, hab gebissen‘! Ja, ist denn das kein Glück, wenn sie drei beisammen sind – Mann, Weib und Kind? Für diese Minuten kann man vieles verzeihen. Nein, Lisa, weißt Du, zuerst muß man selbst zu leben lernen und dann andere beschuldigen!“

„Mit solchen kleinen Bildern, gerade mit solchen, muß man Dir kommen!“ – dachte ich bei mir, obgleich ich, bei Gott, mit tiefem Gefühle sprach, und plötzlich errötete ich: „Wie aber, wenn sie jetzt plötzlich lacht wohin soll ich mich dann verkriechen?“ – Dieser Gedanke machte mich rasend! Zum Schluß der Rede war ich tatsächlich in Begeisterung geraten und darum litt mein Ehrgeiz, als sie nichts darauf erwiderte.

Das Schweigen dauerte an. Ich wollte ihr fast schon einen Stoß geben.

„Nein, – Sie ...“ begann sie plötzlich – und stockte.

Doch ich hatte schon alles begriffen: in ihrer Stimme zitterte etwas anderes, nicht mehr Schroffes, Rauhes, wie vorher, sondern etwas Weiches und Verschämtes, dermaßen Verschämtes, daß ich mich plötzlich auch vor ihr schämte, daß ich mich vor ihr schuldig fühlte.

„Was?“ fragte ich in zärtlicher Neugier.

„Sie ...“

„Was denn?“

„Nein, Sie sprechen wirklich ganz wie ein Buch,“ sagte sie stockend und wieder schien es mir, daß in ihrer Stimme etwas Spöttisches klang.

Oh, schmerzhaft traf mich diese Bemerkung. Nicht das hatte ich erwartet!

Ich begriff nicht einmal, daß sie sich absichtlich hinter dem Spott verbergen wollte, daß dieses gewöhnlich der letzte Winkelzug aller schamhaften Menschen ist, die keuschen Herzens sind, und denen man aufdringlich und roh in die Seele dringt. Ich begriff nicht, daß sie sich bis zum letzten Augenblick aus Stolz nicht ergeben wollte, und sich fürchtete, jemandem ihr Gefühl zu zeigen. Schon die Zaghaftigkeit, mit der sie sich erst nach mehreren Ansätzen zu ihrem Spott entschloß, hätte mir alles verraten müssen. Ich aber erriet es nicht, und ein böses Gefühl erfaßte mich.

„Wart mal!“ dachte ich.

VII.

„Ach, Gott, Lisa, was kann hier wie ein Buch sein, wenn ich es selbst schlecht habe im Leben. Alles das erwachte jetzt wieder in mir ... Sollte dieses Haus Dich hier wirklich nicht anekeln? Nein, weiß Gott, Gewohnheit macht doch viel aus! Teufel noch eins, was die Gewohnheit alles aus einem Menschen machen kann! Glaubst Du denn im Ernst, daß Du ewig jung und hübsch sein wirst, und daß man Dich hier bis in alle Ewigkeit behalten und bezahlen wird? Ganz abgesehen davon, daß hier nichts als Schmutz ist ... Übrigens, weißt Du, was ich Dir über Dein jetziges Leben sagen werde: sieh, jetzt bist Du noch jung, hübsch, gut, gefühlvoll und Du hast doch noch eine Seele; nun, so laß es Dir denn gesagt sein, daß es mich vorhin, als ich erwachte, einfach anekelte, hier mit Dir zu liegen! Man kann ja doch nur in betrunkenem Zustande hierher geraten. Wärest Du aber an einem anderen Ort, lebtest Du wie anständige Menschen leben, so würde ich vielleicht – nicht etwa nach Dir her sein – nein, ich würde mich einfach in Dich verlieben, würde glücklich sein, wenn Du mir einen Blick schenkst, und selig, wenn Du ein Wort mit mir sprichst; ich würde Dich an der Haustür erwarten, würde auf den Knieen vor Dir liegen; würde Dich wie meine Braut hochhalten und es mir zur Ehre anrechnen, wenn Du freundlich zu mir wärst. Würde es nicht wagen, etwas Unsauberes von Dir auch nur zu denken. Hier aber weiß ich doch, daß ich bloß zu pfeifen brauche und Du, ob Du willst oder nicht, kommen mußt, und dann scher ich mich gerade was um Deinen Willen. Du mußt tun, was ich will. Selbst der letzte Tagelöhner verdingt sich doch nicht wie Du mit Leib und Seele und zudem weiß er, daß er es nur für eine bestimmte Zeit tut. Wann aber ist Deine Zeit um? Bedenk doch bloß, was Du hier verdingst! Was Du hier zur Knechtschaft hingiebst! Die Seele, Deine Seele verdingst Du hier zur Knechtschaft! Deine Liebe gibst Du zur Beschimpfung dem ersten besten Trunkenbold hin. Deine Liebe! Das ist ja doch alles, das ist ja der Talisman, der Schatz jedes Mädchens – die Liebe! Um diese Liebe zu erwerben, ist gar manch einer bereit, in den Tod zu gehn. Wie hoch aber wird Deine Liebe hier eingeschätzt? Man kauft Dich ja ganz, mit Leib und Seele, wozu sich da noch besonders um die Liebe bemühen, wenn auch ohne Liebe alles möglich ist! Eine größere Beleidigung kann es ja für ein Mädchen überhaupt nicht geben – begreifst Du das auch? Da hab ich nun gehört, daß man Euch Törinnen Liebhaber zu halten erlaubt, um Euch zu trösten. Das ist ja doch nur ein Betrug, ist ja nur Spott! Was glaubst Du wohl – liebt er Dich etwa, Dein Liebhaber? Ich glaub’s nicht. Wie soll er Dich denn lieben, wenn er weiß, daß man Dich zu jeder Zeit von ihm fortrufen kann. Ein gemeiner Mensch ist er und weiter nichts! Achtet er Dich denn etwa auch nur so viel? Was gibt es zwischen Euch Gemeinsames? Er lacht ja nur über Dich und bestiehlt Dich womöglich noch obendrein, und das ist seine ganze Liebe! Kannst noch froh sein, wenn er Dich nicht schlägt. Frag ihn doch, wenn Du einen hast, ob er Dich heiraten würde. Er wird Dir ja ins Gesicht lachen, wenn er Dich nicht anspuckt oder durchprügelt – er selbst aber ist vielleicht nicht mal eine halbe Kopeke wert. Und warum nur, warum richtest Du Dich hier zu Grunde? Weil man Dir hier Kaffee gibt und Du Dich hier sattessen kannst? Aber so bedenke doch bloß, zu welch einem Zweck Du hier gefüttert wirst! Eine andere Ehrliche würde solch einen Bissen überhaupt nicht anrühren können, denn sie weiß doch, warum man ihr zu essen gibt. Du schuldest hier der Wirtin, und so wirst Du ihr ewig schulden: bis zu dem Tage, da die Gäste Dich nicht mehr werden haben wollen. Das aber wird schon bald kommen, vertraue nicht zu sehr auf Deine Jugend. In solch einem Hause geht es ja mit Riesenschritten. Dann wirst Du einfach hinausgeworfen werden. Und zwar wird man Dich schon lange vorher schikanieren, Dir Vorwürfe machen, Dich schimpfen, – als ob nicht Du Deine Gesundheit für sie hergegeben, Deine Jugend, Deine Seele für sie geopfert hast, sondern als ob Du sie womöglich noch zu Grunde gerichtet, bestohlen, beschimpft hättest. Und hoffe nur nicht auf Beistand: die anderen, diese Deine Freundinnen werden dann gleichfalls über Dich herfallen, um der Alten einen Gefallen zu erweisen, denn hier sind ja alle Sklavinnen, hier haben alle jegliches Mitleid und jegliches Gewissen verloren. Gemeineres, Beleidigenderes als diese Schimpfwörter, die sie Dir dann sagen werden, gibt es in der ganzen Welt nicht. Und alles wirst Du hier opfern, alles, – Gesundheit, Jugend, Schönheit, und alle Deine Hoffnungen wirst Du hier begraben und mit zweiundzwanzig Jahren wirst Du aussehn, als ob Du fünfunddreißig wärst, und wirst noch Gott danken können, wenn Du nicht krank bist. Du denkst jetzt natürlich: hier brauche ich nicht zu arbeiten, lebe nur zum Vergnügen! Aber es gibt ja auf der ganzen Welt keine Arbeit, die schwerer, sklavischer, knechtender wäre, als diese ‚Arbeit‘ hier. Und kein Wort darfst Du sagen, kein halbes Wörtchen, wenn man Dich von hier fortjagt! Du wirst wie eine Verbrecherin von hier fortgehn, wirst zuerst in ein anderes Haus gehn, dann wieder in ein anderes, und schließlich wirst Du dann an der Ssennaja landen ... Dort aber geht dann das Prügeln an; das ist dort so eine übliche Liebenswürdigkeit; dort verstehn die Gäste überhaupt nicht zärtlich zu sein, wenn sie nicht vorher geprügelt haben. Du glaubst es vielleicht nicht? Geh einmal hin, vielleicht wirst Du es mit eigenen Augen sehn können. Ich sah dort einmal am Neujahrstage eine an der Tür. Sie wurde von ihren Hausgenossen hinausgeworfen; da sie zu sehr geschrieen hatte, sollte sie ein wenig kalt gestellt werden, und hinter ihr wurde die Tür zugeschlagen. Um neun Uhr morgens war sie schon total betrunken, zerzaust, halbnackt und blau geschlagen. Ihr Gesicht war gepudert und geschminkt, doch um die Augen hatte sie dunkle grünbraune Ringe; aus Mund und Nase floß ihr das Blut. Irgend ein Kutscher hatte sie wahrscheinlich gehörig bearbeitet. Sie setzte sich auf die kleine steinerne Treppe, in der Hand hatte sie irgend einen gesalzenen Fisch, einen Hering, glaub ich, sie gröhlte, und klagte irgend etwas über ihr ‚Los‘, und dabei klatschte sie mit dem Fisch ununterbrochen auf die Steinstufen der Treppe. Natürlich hatte man sich schon um sie versammelt, Droschkenkutscher und betrunkene Soldaten, die sie neckten. Du glaubst wohl nicht, daß auch Du so herunterkommen wirst? Auch ich würde es nicht glauben wollen, aber, was kann man wissen, vielleicht war diese selbe mit dem gesalzenen Fisch vor zehn, vor acht Jahren rein und unschuldig wie ein kleiner Engel hierher gekommen; errötete womöglich bei jedem Wort. Vielleicht war sie auch so eine wie Du: stolz, empfindlich, den anderen unähnlich; sah vielleicht wie eine Königin drein und wußte, daß denjenigen, der sie liebgewinnen und den sie wiederlieben würde, ein ganzes, großes wundervolles Glück erwartete. Und sieh nun, womit das geendet hat! Und wenn ihr in dem Augenblick, als sie mit dem Fisch auf die schmutzigen Stufen klatschte und das Blut ihr aus der Nase floß, wenn sie sich in dem Augenblick ihrer Jugend, ihrer Kinderjahre im Elternhause erinnerte: wie der Nachbarssohn sie auf dem Heimweg erwartete und ihr sagte, daß er sie sein ganzes Leben lang lieben würde, und wie sie dann beschlossen, sich zu heiraten, wenn sie erst groß sein würden! Nein, Lisa, Du kannst von Glück reden, wenn Du dort irgendwo in einem Kellerloch bald an der Schwindsucht sterben solltest, so wie die, die gestern beerdigt wurde. Du sagtest, man könne ja ins Krankenhaus gehn? Schwindsucht ist nicht wie Influenza. Ein Schwindsüchtiger glaubt noch bis zur letzten Minute, daß er gesund ist. Tröstet sich auf diese Weise. Der Wirtin aber ist das sogar vorteilhaft. Glaub mir, das ist schon so: hast Deine Seele verkauft und zudem bist Du noch Geld schuldig, also darfst Du nicht einmal mucksen. Liegst du aber schon, so wirst du von allen verlassen, alle kehren Dir dann den Rücken, – dann ist ja nichts mehr von Dir zu holen. Dann wird man Dir noch vorwerfen, daß Du unnütz Platz einnimmst, nicht schnell genug stirbst. Nicht mal einen Schluck Wasser werden sie Dir ohne Vorwürfe geben. ‚Du Vieh, wann wirst Du denn endlich einmal krepieren, läßt uns nicht schlafen, stöhnst in der Nacht, die Gäste ärgern sich.‘ Ja, ja, das ist schon so; hab selbst solche Vorwürfe gehört. Wenn Du mit dem Tode ringst, stopft man Dich in den schmutzigsten Winkel der Kellerwohnung – Finsternis, Feuchtigkeit, Schimmel an den Wänden. Was glaubst Du wohl, was für Gedanken Dir kommen werden, wenn Du allein dort liegen mußt? Bist Du endlich tot, so packt man Dich irgendwie in einen Futtertrog ein. Niemand segnet Dich, niemandem fällt es ein, Deinetwegen auch nur zu seufzen – ist froh, wenn man Dich schneller los wird! Und so trägt man Dich denn hinaus, so wie gestern diese Arme hinausgetragen wurde, und geht dann in die Schenke zur ‚Gedächtnisfeier‘. Im Grabe ist dunkles, fettiges Wasser, Schmutz, nasser, braungewordener Schnee, – ‚He! hop, Wanjucha, rinn mit dem Kasten! – Hoho! da sieht man doch gleich, was das für eine ist: selbst hier geht sie noch mit die Beine ruff. Na, reck die Schniere, wird’s bald?‘ – ‚Siehste denn nicht, daß sie mit’n Kopf nach unten liegt! War doch auch’n Mensch!‘ – ‚Is schon gut genug für solch eine‘. – ‚Nu, mein’twegen‘. Nicht einmal schimpfen wollen sie sich um solch eine. Schütten mit der nassen, blauen Lehmerde das Grab irgendwie zu und gehn dann in die Schenke ... Und damit ist die Erinnerung an Dich hier auf Erden begraben. Andere Gräber werden von den Kindern, Vätern, Müttern, Männern der Verstorbenen besucht, – an Deinem Grabe fällt keine Träne, wird kein einziger Seufzer laut. Niemand, niemand kommt zu Dir, kein einziger Mensch: Dein Name verschwindet auf ewig von dieser Erde – als ob Du niemals auf ihr gelebt hättest, niemals von einem Weib geboren wärst! Schmutz und Sumpf umgeben Dich, – und kein Echo gibt Dir Antwort, wenn Du in der Nacht, wenn die Toten erwachen, in Deiner Verzweiflung an den Deckel Deines Sarges schlägst und rufst: ‚Laßt mich, laßt mich, Ihr guten Menschen, noch einmal die Sonne sehn! Ich lebte, doch jetzt bin ich gestorben, ohne das Leben gekannt zu haben: mein Leben wurde an der Sjennaja vertrunken! Ach, laßt mich, laßt mich Ihr stolzen Menschen, noch einmal die Welt und das Leben sehn!‘“

Ich geriet in solches Pathos, daß mir schon ein Kehlkopf- oder Halskrampf drohte und ... und plötzlich verstummte ich, erhob mich erschrocken und lauschte mit ängstlich gesenktem Kopf und pochendem Herzen. Ich hatte wahrlich Grund, mich zu ängstigen.

Schon lange hatte ich gefühlt, daß ich ihr die ganze Seele um und umkehrte, und je mehr ich mich davon überzeugte, desto mehr verlangte es mich, so schnell als möglich, das Ziel zu erreichen. Das Spiel, ja, das Spiel verlockte mich ... Übrigens nicht nur das Spiel ...

Ich wußte, daß ich unnatürlich und steif sprach, aber ich verstand nicht, anders zu sprechen, als eben „wie ein Buch“. Doch nicht das verwirrte mich: ich wußte doch, ich ahnte es ja, daß ich verstanden wurde, und daß dieses „wie ein Buch“ die Sache nur noch höher hinaufschraubte. Dann aber, als ich plötzlich den Effekt erreicht hatte, überkam mich die Angst. Nein, nie noch, nie noch war ich Zeuge solch einer Verzweiflung gewesen! Sie hatte das Gesicht in das Kissen gepreßt, das sie mit beiden Händen umklammerte. Ihr ganzer junger Körper zitterte und zuckte wie in Krämpfen. Das zurückgedrängte Schluchzen drohte, sie zu ersticken, ihr die Brust zu zerreißen – und plötzlich brach es in Schreien, in Gestöhn aus ihr heraus. Da preßte sie ihr Gesicht noch fester in das Kissen: sie wollte nicht, daß irgend jemand, wenn auch nur eine einzige lebende Seele, etwas von ihrer Qual und von ihren Tränen wisse. Sie biß in das Kissen, biß sich die Hand blutig – das sah ich später –, oder sie krallte die Finger in ihre gelösten Flechten und erstickte geradezu in der Anstrengung, den Atem zurückzuhalten. Ich wollte ihr etwas sagen, sie bitten, sich zu beruhigen, doch fühlte ich, daß ich es nicht durfte, und plötzlich packte mich ein Frösteln; ich stürzte fast entsetzt aus dem Bett und beeilte mich, tastend und tappend meine Kleider zusammenzusuchen. Es war stockdunkel im Zimmer: wie sehr ich mich auch beeilte, ich konnte es doch nicht schnell genug machen. Da fand ich schließlich die Streichholzschachtel und ein ungebrauchtes Licht neben dem Leuchter. Kaum hatte ich es angezündet, als Lisa sich hastig erhob und sich auf den Bettrand setzte. Ihr Gesicht war sonderbar verzerrt, ein halbwahnsinniges Lächeln irrte um ihren Mund und fast sinnlos blickte sie mich an. Ich setzte mich neben sie und ergriff ihre Hände; sie kam wieder zu sich, wandte sich dann zu mir und wollte mich, glaub ich, umarmen – doch plötzlich wagte sie es nicht und senkte schweigend ihren Kopf vor mir.

„Lisa, mein lieber Freund, ich habe es ... Du, verzeih mir,“ begann ich, sie aber preßte meine Hände so stark mit ihren heißen Fingern, daß ich erriet, wie überflüssig meine Worte waren, und ich verstummte.

„Hier hast Du meine Adresse, Lisa; komm einmal zu mir.“

„Ich werde kommen ...“ sagte sie leise aber entschlossen, den Blick noch immer zu Boden gesenkt.

„Jetzt gehe ich, leb wohl ... und auf Wiedersehn.“

Ich stand auf und auch sie erhob sich langsam.

Plötzlich wurde sie über und über rot, fuhr zusammen, ergriff ein auf dem Stuhl liegendes Tuch, das sie sich umwarf und unter dem Kinn stramm zusammenzog. Darauf lächelte sie wieder so sonderbar, errötete und blickte mich schließlich ganz seltsam an. Mir tat es weh; ich beeilte mich, hinaus zu kommen, – zu verschwinden!

„Warten Sie,“ sagte sie plötzlich – wir waren schon im Flur an der Tür angelangt –, hielt mich noch schüchtern am Ärmel zurück, stellte dann schnell das Licht auf den Fußboden und lief zurück. Ersichtlich war ihr etwas eingefallen, das sie mir zeigen wollte. Als sie mich zurückhielt, errötete sie wieder, ihre Augen glänzten und auf ihren Lippen erschien ein Lächeln, – was mochte es sein? Unwillkürlich wartete ich: sie kam sofort zurück, – mit einem Blick, der mich fast um Verzeihung bat. Überhaupt war das nicht mehr jenes Gesicht vom Abend vorher, mit dem mürrischen, mißtrauischen, starren Blick: es war ein flehender, weicher und zu gleicher Zeit zutraulicher, freundlicher, zaghafter Ausdruck in ihren Augen. So pflegen Kinder diejenigen anzusehn, die sie sehr lieb haben und von denen sie etwas erbitten wollen. Hellbraun waren ihre Augen. Oh, prachtvolle Augen waren es, Augen, die Liebe und Haß zu sprechen verstanden.

Ohne mir etwas zu erklären, als ob ich wie irgend ein höheres Wesen alles auch ohne Erklärungen wissen müßte, reichte sie mir einen Brief. Ihr ganzes Gesicht erstrahlte in naivstem, fast kindlichem Stolz. Ich faltete den Bogen auseinander: es war ein Schreiben an sie von einem Studenten der Medizin oder so etwas ähnliches, – eine sehr schwülstige, blumenreiche, doch ungemein höfliche Liebeserklärung. Ich habe zwar die Redewendungen vergessen, doch weiß ich noch, daß durch den verschnörkelten Stil wahres, aufrichtiges Gefühl leuchtete, eines, das man nicht künstlich vortäuschen kann. Als ich zu Ende gelesen hatte, traf ich ihren heißen, neugierigen, kindlich-ungeduldigen Blick. Sie hing geradezu mit ihrem Blick an meinem Gesicht und erwartete in fiebernder Ungeduld, was ich sagen würde. Darauf erzählte sie mir in kurzen Worten, flüchtig, aber doch gewissermaßen stolz, daß sie irgendwo auf einem Tanzabend in einer Familie gewesen war, „bei sehr sehr guten Menschen, in einer Familie, wie gesagt, wo man noch nichts weiß, nicht das geringste,“ – denn sie war ja in diesem Hause erst ganz kurze Zeit und nur so ... und sie hatte sich doch noch nicht entschlossen, hier zu bleiben, im Gegenteil, sie würde sogar bestimmt fortgehn, sobald sie nur ihre Schuld bezahlt hätte ... – Nun, und dort war auch dieser Student gewesen, er hatte den ganzen Abend mit ihr getanzt und gesprochen, und siehe da, bei der Gelegenheit hatte es sich herausgestellt, daß er gleichfalls aus Riga war, daß sie sich als Kinder gekannt und zusammen gespielt hatten, nur war das alles schon sehr lange her – und sogar ihre Eltern kannte er, doch davon wisse er nichts-nichts-nichts und vermutete es nicht einmal! Und da hatte er ihr denn am Tage nach dem Tanzabend – vor drei Tagen also – durch ihre Freundin, durch dieselbe, mit der sie hingegangen war, diesen Brief geschickt ... und ... nun, und das war alles.