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Sämtliche Werke 21 cover

Sämtliche Werke 21

Chapter 10: VI.
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About This Book

Two novellas present a pair of intense moral and psychological dramas. The first follows a young man in a continental gambling resort whose obsession with roulette entangles his hopes, debts, and a fraught attachment to a capricious woman, exposing social vanity and the logic of addiction. The second traces the unsettling reunion of two men connected by a woman's past, unfolding as a study of jealousy, dependence, and the corrosive effects of secrets and possessiveness. Both pieces combine vivid social detail with acute psychological observation and a moral focus on pride, compulsion, and ruin.

VI.

Erst zweimal vierundzwanzig Stunden sind seit jenem dummen Tage vergangen, und wieviel Geschrei, Geschwätz, Streit und Lärm hat es schon gegeben! Und was für eine Unordnung und Dummheit und Gemeinheit dabei überall zutage tritt! Doch übrigens – mitunter ist es wirklich zum Lachen! Wenigstens von mir kann ich ehrlich sagen, daß mich mehr als einmal unbändige Lachlust angewandelt hat. Ich vermag mir keine Rechenschaft darüber zu geben, was mit mir geschehen ist: ob ich mich in einem noch zurechnungsfähigen oder bereits unzurechnungsfähigen Zustande befinde, oder ob ich einfach nur aus dem Geleise geraten bin und vorläufig nichts als Unfug treibe – bis man mich bindet. Von Zeit zu Zeit scheint es mir, daß ich meinen Verstand einbüßen werde, und bisweilen wiederum, daß ich kaum der Schulbank entwachsen bin und einfach nach Schülerart tolle Streiche mache.

Polina, nur Polina ist an allem schuld! Wäre sie nicht, so täte ich keinem etwas zuleide! Ich glaube, ich tue alles nur aus Verzweiflung – wie dumm es auch sein mag, so zu denken. Und wirklich ... wirklich, ich begreife nicht, was an ihr ist, das so toll machen kann! Schön ist sie übrigens, ja, schön ist sie. Ich glaube wenigstens, daß sie schön ist. Bringt sie doch auch andere um den Verstand. Hoch gewachsen ist sie und schlank. Zum Biegen schlank. Ich glaube, man könnte sie zum Knoten schlingen oder wie ein Taschenmesser zusammenknicken. Ihre Fußspur ist schmal und lang. Qualvoll ist das! Ja: qualvoll! Ihr Haar hat einen rötlichen Schimmer. Ihre Augen sind richtige Katzenaugen, aber wie stolz und hochmütig sie blicken können! Vor etwa vier Monaten, kurz nachdem ich die Stelle als Hauslehrer angenommen hatte, sah ich sie an einem Abend im Saal, wie sie mit de Grillet lange und heftig sprach. Und so sah sie ihn an ... daß ich später, als ich in mein Zimmer ging und mich schlafen legte, dachte, sie habe ihm eine Ohrfeige gegeben in jenem Augenblick, als sie so vor ihm stand und ihn ansah ... Und seit jenem Abend ... ja, an jenem Abend begann ich sie zu lieben.

Doch zur Sache.

Ich ging den etwas abwärts führenden Weg zur großen Allee hinab, blieb in der Mitte der Allee stehen und erwartete die Baronin und den Baron. Als sie bis auf etwa fünf Schritte Entfernung an mich herangekommen waren, lüftete ich den Hut und verbeugte mich.

Ich erinnere mich noch genau der ganzen Situation. Die Baronin trug ein seidenes Kleid von hellgrauer Farbe und unheimlichem Umfang, mit unzähligen Volants über der Krinoline und einer Schleppe obendrein. Sie selbst ist klein von Wuchs, entsetzlich dick und hat ein erschreckend großes hängendes Doppelkinn, das den ganzen Hals vollständig verdeckt. In ihrem dicken himbeerroten Gesicht sitzen zwei kleine, böse und frech blickende Augen. Sie geht – als würdige sie damit alle einer besonderen Ehre. Der Baron ist hager und sehr lang. Sein Gesicht besteht fast nur aus Runzeln. Auf der Nase eine Brille. Alter – etwa fünfundvierzig, taxiere ich. Seine Beine beginnen fast gleich unter der Brust; das bezeichnet, heißt es, Rasse. Stolz ist er wie ein Pfau. Ein wenig unbeholfen. Im Gesichtsausdruck etwas Schafiges, was vielleicht in seiner Art Gedankenreichtum ersetzt.

Alles das übersah ich in noch nicht fünf Sekunden.

Mein Gruß und meine Verbeugung lenkten anfangs kaum ihre Aufmerksamkeit auf mich. Nur der Baron runzelte leicht die Stirn. Die Baronin jedoch schwamm in ihrer Krinoline wie ein Schwimmtier gerade auf mich zu.

Madame la baronne,“ sagte ich laut, jede Silbe ganz besonders betonend, „j’ai l’honneur d’être votre esclave.“

Darauf verbeugte ich mich, setzte den Hut auf und ging an dem Baron vorüber, indem ich ihm höflich mein Gesicht zuwandte und kaum merklich lächelte.

Nur den Hut abzunehmen hatte sie mir befohlen, alles übrige, so wie es sich frei aus der Situation heraus ergab, war mein eigener Mutwille. Der Teufel weiß, was mich im Augenblick plagte, ihr diesen Streich zu spielen!

„Hn?“ schrie der Baron, oder richtiger, trompetete er durch die Nase, und drehte sich in zorniger Verwunderung nach mir um.

Ich wandte mich sofort zurück und blieb in höflicher Erwartung stehen, stand, sah ihn an und lächelte. Er schien sich jedenfalls über den Beweggrund meiner Handlungsweise nicht klar zu sein und zog seine Augenbrauen bis zum non plus ultra zusammen. Sein Gesicht wurde mit jedem Augenblick finsterer und drohender. Die Baronin wandte sich gleichfalls nach mir um und sah mich mit derselben zornigen Verständnislosigkeit an. Die Vorübergehenden wurden auf uns aufmerksam, blickten uns an, oder blieben gar in der Nähe stehen.

„Hn?“ trompetete nochmals in zornigem Nasalton der Baron – sein Ärger schien sich zu verdoppeln.

„Jawohl!“ sagte ich auf deutsch sehr gedehnt und blickte ihm unverwandt in die Augen.

„Sind Sie rasend?“ schrie er und fuchtelte einmal mit dem Stock, doch, wie mir schien, begann ihm bange zu werden. Ihn verwirrte vielleicht auch mein Äußeres: ich war sehr anständig, war sogar elegant gekleidet, wie einer, der fraglos zur besten Gesellschaft gehört.

„Jawo–o–hl!“ sagte ich plötzlich so laut wie ich nur konnte, das „o“ möglichst in die Länge ziehend, wie es die Berliner tun, die im Gespräch fast nach jedem Satz „jawohl“ sagen, wobei sie durch die größere oder geringere Dehnung des „o“ sehr verschiedene Gedanken und Empfindungen ausdrücken.

Der Baron und die Baronin wandten sich rasch von mir ab und eilten fast erschrocken, so schnell sie konnten, fort. Von den Zuschauern waren einige sehr aufgeräumt und schienen amüsiert zu sein, einige begannen interessiert zu sprechen, andere blickten mich verwundert an. Übrigens entsinne ich mich dessen nicht mehr genau.

Ich wandte mich um und ging gelassen zu Polina Alexandrowna zurück. Doch plötzlich – ich war noch etwa hundert Schritte von ihrer Bank entfernt – sah ich, wie sie aufstand und mit den Kindern zum Hotel zurückkehrte.

Ich erreichte sie erst vor dem Eingang.

„Ist besorgt ...“ sagte ich, neben ihr hergehend, „die Dummheit.“

„Nun, und? So tragen Sie doch jetzt die Konsequenzen,“ sagte sie, ohne mich überhaupt anzusehen, und stieg die Treppe hinauf.

Den ganzen Nachmittag strich ich im Park umher, von dort ging ich in den Wald und ging immer weiter geradeaus und kam sogar in ein anderes Fürstentum. In einem Bauernhause verzehrte ich eine Portion Rührei und trank dazu Wein. Für dieses Idyll zapfte man mir ganze anderthalb Taler ab.

Erst gegen elf Uhr kehrte ich ins Hotel zurück. Sogleich kam ein Diener und meldete, daß der General mich zu sich bitten lasse.

Die Unsrigen nehmen im Hotel ein großes Appartement mit vier Zimmern ein. Das erste ist ein großer Salon, in dem ein Flügel steht. Nebenan ist ein zweites großes Zimmer – das Kabinett des Generals. Hier erwartete er mich, in höchst majestätischer Haltung mitten im Zimmer stehend. Der Marquis saß in lässiger Pose auf dem Diwan.

„Mein Herr, gestatten Sie die Frage, was das für Geschichten sind, die Sie hier angerichtet haben?“ begann der General.

„Es wäre mir angenehm, General, wenn Sie ohne weiteres zur Sache kommen wollten,“ sagte ich. „Sie wollen wahrscheinlich von meiner heutigen Begegnung mit einem Deutschen reden?“

„Mit einem Deutschen?! Dieser Deutsche ist der Freiherr von Wurmerhelm und eine überaus wichtige Persönlichkeit! Und Sie, Sie haben sich gegen ihn und seine Gemahlin unanständig benommen!“

„Ich wüßte nicht, inwiefern.“

„Sie haben sie erschreckt, mein Herr!“

„Keineswegs. Gestatten Sie, daß ich Ihnen den Sachverhalt klarlege. Mir klingt noch von Berlin her das deutsche ‚Jawohl‘ in den Ohren, das man dort nach jedem Satz zu hören bekommt und das sie so widerwärtig in die Länge ziehen. Als ich ihnen heute in der Allee begegnete, kam mir plötzlich dieses ‚Jawohl‘ in den Sinn und das wirkte auf mich selbstverständlich aufreizend ... Überdies hat die Baronin, die mir schon dreimal begegnet ist, die Gewohnheit, gerade auf mich zuzugehen, als wäre ich ein Wurm, den man mit dem Fuß zertreten kann. Sie werden doch zugeben, daß auch ich meine Eigenliebe haben kann. Nun und diesmal, als sie wieder tat, als sei die Allee nur für sie geschaffen, zog ich den Hut und sagte höflich – ich versichere Sie, daß ich es mit ausgesuchter Höflichkeit sagte – ‚Madame, j’ai l’honneur d’être votre esclave.‘ Und als der Baron sich darauf nach mir umwandte und einen Nasenton à la ‚Hn‘ hervorstieß – da ritt mich plötzlich der Teufel, ihm dieses wundervolle ‚Jawohl‘ zu sagen. Und so tat ich’s denn auch: das erste Mal ganz gewöhnlich, das zweite Mal jedoch mit ausgesprochener Berliner Dehnung. Und das war alles.“

Ich muß gestehen, daß diese meine kindische Erklärung mir ungeheuren Spaß bereitete. Ich weiß nicht, wie es kam, daß ich die ganze Geschichte plötzlich so unsinnig als möglich darstellen wollte. Und mit jeder weiteren Phrase kam ich mehr in Geschmack.

„Wollen Sie sich etwa über mich lustig machen?“ schrie mich der General an. Und mit einer brüsken Bewegung wandte er sich zu dem Franzosen, um ihm auf französisch lebhaft gestikulierend auseinanderzusetzen, daß ich es entschieden auf Händel abgesehen habe. Der Marquis lächelte geringschätzig, lachte kurz auf und zuckte mit den Achseln.

„Sie sind durchaus im Irrtum,“ unterbrach ich den General, „Händel habe ich weder gesucht, noch suche ich jetzt. Mein Benehmen war natürlich nicht lobenswert, das sehe ich selbst sehr wohl ein und gebe es offen zu. Man kann meine Handlungsweise schlimmstenfalls als dumm, als einen Schuljungenstreich bezeichnen, jedoch – mehr war sie nicht. Und übrigens bereue ich sie aufrichtig. Es spricht aber hier noch ein gewisser Umstand mit, der mich in meinen Augen sogar der pflichtschuldigen Reue enthebt. Ich fühle mich nämlich seit einiger Zeit, seit zwei oder sogar drei Wochen, nicht ganz wohl; ich bin krank, nervös, reizbar, zu allem Phantastischen aufgelegt, und in manchen Augenblicken verliere ich sogar jede Gewalt über mich selbst. Wirklich, ich habe zum Beispiel schon ein paarmal die größte, versichere Sie, die größte Lust verspürt, mich plötzlich an den Marquis de Grillet zu wenden und ... Du reste, brisons-là, es lohnt nicht, alles auszusprechen, und vielleicht könnte es ihn auch kränken. Mit einem Wort, das sind alles Krankheitssymptome. Leider weiß ich nicht, ob die Baronin Wurmerhelm diesen Umstand als Entschuldigungsgrund gelten lassen wird, wenn ich sie um Entschuldigung bitten werde – denn das ist meine Absicht. Ich nehme jedoch an, daß sie sie gelten lassen wird, um so mehr, als die Juristen in letzter Zeit, soviel mir bekannt ist, mit ähnlichen Entschuldigungen sogar schon Mißbrauch treiben. Tatsächlich! Die Rechtsanwälte wenigstens verteidigen bei Kriminalprozessen ihre Klienten, oft die schändlichsten Verbrecher, damit, daß sie im Augenblick der Tat nicht bei vollem Bewußtsein gewesen und daß dieser Zustand eine Art Krankheit sei: ‚Nun ja, er hat erschlagen, weiß aber selbst nichts davon,‘ heißt es. Und was das Unglaublichste dabei ist – die Mediziner geben ihnen noch recht, sie sagen, es gäbe tatsächlich solch einen zeitweiligen Irrsinn. Der Mensch wisse in diesem Zustande so gut wie nichts von dem was er tut, oder wisse es nur halb, oder vielleicht nur zu einem Viertel. Freilich will das in diesem Fall wenig besagen, denn der Baron und die Baronin sind Leute vom alten Schlage, außerdem preußische Junker und Gutsbesitzer. Daher dürfte ihnen dieser Fortschritt im juristischen und medizinischen Leben wohl noch unbekannt sein, womit denn mein Entschuldigungsgrund leider hinfällig wird. Was meinen Sie dazu, General?“

„Genug, mein Herr!“ sagte der General scharf und in verhaltenem Zorn, „genug! Ich sehe mich gezwungen, Maßregeln zu ergreifen, um mich ein für allemal davon zu befreien, den Folgen Ihrer Schuljungenstreiche ausgesetzt zu sein. Entschuldigen werden Sie sich weder bei der Baronin noch bei dem Baron, denn jede Annäherung Ihrerseits wäre für beide nur eine erneute Beleidigung. Da es dem Baron ein leichtes gewesen ist, zu erfahren, daß Sie zu meinem Hause gehören, hat er mich im Kursaal bereits um eine Erklärung ersucht, und ich will es Ihnen nur gestehen, es fehlte nicht viel, daß er von mir Genugtuung verlangt hätte. Begreifen Sie denn nicht, welchen Unannehmlichkeiten Sie mich ausgesetzt haben, – mich, mein Herr! Ich war gezwungen, den Baron um Entschuldigung zu bitten, und ich habe ihm mein Wort gegeben, daß Sie sogleich, daß Sie noch heute nicht mehr zu meinem Hause gehören werden.“

„Erlauben Sie ... erlauben Sie, General, so hat er selbst unbedingt verlangt, daß ich hinfort nicht mehr zu Ihrem Hause gehöre, wie Sie sich auszudrücken belieben?“

„Nein, das nicht; aber ich hielt es selbst für meine Pflicht, ihm diese Genugtuung zu geben, und der Baron gab sich damit selbstverständlich zufrieden. Also wir gehen auseinander, mein Herr. Sie haben von mir noch diese vier Friedrichsdor und drei Gulden nach hiesigem Gelde zu erhalten. Hier ist das Geld und hier die Rechnung. Sie können sich von ihrer Richtigkeit überzeugen. So, und jetzt – leben Sie wohl. Von nun an sind wir geschiedene Leute. Außer Unannehmlichkeiten und Scherereien habe ich von Ihnen nichts gehabt. Ich werde sogleich den Kellner rufen lassen, und ihm sagen, daß ich von morgen an für Ihre Ausgaben im Hotel nicht mehr einstehe. Habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.“

Ich nahm das Geld und das Papier, auf dem mit Bleistift eine Berechnung aufgeschrieben war, machte eine kurze Höflichkeitsverbeugung gegen den General und sagte sehr ernst:

„Damit ist die Sache natürlich nicht abgetan, Exzellenz. Es tut mir sehr leid, daß Sie sich Unannehmlichkeiten ausgesetzt haben, doch – verzeihen Sie – die Schuld daran müssen Sie nur sich selbst zuschreiben. Wie kamen Sie dazu, dem Baron gegenüber die Verantwortung für mich zu übernehmen? Was bedeutet der Ausdruck, daß ich zu Ihrem Hause gehöre? Ich bin oder war nur Lehrer in Ihrem Hause und nichts weiter. Ich bin weder Ihr Sohn noch Ihr Mündel, weshalb niemand Sie für meine Vergehen verantwortlich machen kann. Ich bin eine juridisch selbständige Person, bin fünfundzwanzig Jahre alt, Kandidat der Philosophie, bin Edelmann und Ihnen ein vollkommen Fremder. Nur meine unendliche Achtung für Ihre Verdienste hält mich davon ab, Sie um Rechenschaft zu bitten und ohne weiteres Genugtuung dafür zu verlangen, daß Sie sich anmaßen, für mich eine Verantwortung übernehmen zu wollen.“

Der General war sprachlos vor Verwunderung. Plötzlich kam er zu sich, wandte sich wieder an den Franzosen und begann ihm eilig auseinanderzusetzen, daß ich ihn soeben fast zum Duell gefordert hätte.

Der Franzose brach in schallendes Gelächter aus.

„Und was den Baron betrifft,“ fuhr ich mit vollkommener Kaltblütigkeit fort, ohne mich im geringsten durch das Gelächter verwirren zu lassen, „so habe ich nicht die Absicht, ihm etwas zu schenken. Und da Sie, General, indem Sie die Klagen des Barons anhörten und seine Partei ergriffen, sich gewissermaßen zu einem an dem Vorfall Beteiligten gemacht haben, so erlaube ich mir, Sie davon in Kenntnis zu setzen, daß ich nicht später als morgen früh von dem Baron eine Erklärung der Gründe verlangen werde, weshalb er sich in einer Angelegenheit, in der er es ausschließlich mit mir zu tun hatte, an eine andere, eine fremde Person zu wenden vorgezogen, – ganz, als wäre ich unfähig, für mich selbst die Verantwortung zu tragen, oder als wäre es unter seiner Würde, sich an mich zu wenden.“

Was ich vorausgesehen, geschah: Der General erschrak entsetzlich, als er diese neue Dummheit hörte.

„Wie, wollen Sie denn diese verd... Geschichte noch bis in die Unendlichkeit weiterziehen!“ rief er aus. „Aber so bedenken Sie doch, was Sie mir damit antun. Herr des Himmels! Wagen Sie es nur, wagen Sie es nur, mein Herr ... unterstehen Sie sich nicht, oder ... ich schwöre Ihnen! ... Auch hier gibt es eine Obrigkeit und ich ... ich ... mit einem Worte, bei meinem Rang ... und ebenso der Baron ... mit einem Wort, man wird Sie durch die Polizei zu beseitigen wissen, wenn Sie es nicht lassen wollen, Unfug zu treiben! Merken Sie sich das!“

Obschon er vor Zorn ganz außer Atem geriet, so war ihm doch entsetzlich bange geworden.

„General,“ erwiderte ich mit einer Ruhe, die ihm furchtbar auf die Nerven ging, „wegen Unfug verhaften kann man nicht früher als bis der Unfug verübt worden ist. Ich habe meine Auseinandersetzung mit dem Baron noch nicht einmal begonnen, folglich können Sie nicht wissen, in welcher Form und auf welcher Grundlage ich die Sache anfangen werde. Ich wünsche in erster Linie nur die mich beleidigende Annahme ausgeschaltet zu sehen, daß ich mich unter der Vormundschaft einer Person befinde, von der mein freier Wille irgendwie abhängen soll. Sie regen sich ganz unnötigerweise so auf.“

„Um Gottes willen, um Gottes willen, Alexei Iwanowitsch, so geben Sie doch dieses unsinnige Vorhaben auf!“ stotterte der General, plötzlich vom zornigsten Tone in einen fast kläglich flehenden verfallend. Und er ergriff sogar meine Hände. „So bedenken Sie doch, was daraus alles entstehen kann! Doch nichts als neue Unannehmlichkeiten. Sie werden doch einsehen, daß ich mich namentlich jetzt nach außen hin so korrekt als möglich benehmen muß! ... namentlich jetzt! ... Sie ... Sie können doch nicht wissen, in welchen Verhältnissen ich mich augenblicklich befinde! ... Wenn wir diesen Ort hier verlassen haben, werde ich Sie gern wieder engagieren, nur jetzt ... nun, mit einem Wort – Sie begreifen doch, daß es besondere Gründe geben kann, die ich berücksichtigen muß!“ rief er ganz verzweifelt aus. „Alexei Iwanowitsch, ich bitte Sie, Alexei Iwanowitsch!“ ...

Ich zog mich zur Tür zurück, bat ihn nochmals aufrichtig sich nicht zu beunruhigen, versprach, daß ich alles tun werde, damit die Sache gut und anständig ablaufe und beeilte mich, das Zimmer zu verlassen.

Die Russen sind im Auslande in einer Beziehung oft übertrieben ängstlich: sie fürchten sich entsetzlich davor, was man von ihnen sagen oder wofür man sie halten „könnte“, und ob dieses oder jenes wohl anständig oder unanständig wäre. Kurz, sie bewegen sich wie in einem Korsett, und zwar tun das vornehmlich solche, die sich für angesehene, würdevolle Leute halten. Daher ist für sie das Angenehmste eine alte, feststehende Form, die sie dann sklavisch befolgen können – gleichviel ob in Hotels, auf dem Spaziergang, in Versammlungen oder sonstwo ... Doch der General hatte in der ersten Angst verraten, daß er noch besondere Umstände zu berücksichtigen habe, weshalb er sich „so korrekt als möglich“ benehmen müsse. Deshalb war er plötzlich so ängstlich geworden und hatte seinen Ton ganz umgestimmt. Das merkte ich mir, denn das gab mir zu denken. Und schließlich konnte er sich ja sehr wohl aus Dummheit morgen an irgend eine Obrigkeit hier wenden, weshalb ich es für klüger hielt, wirklich vorsichtiger zu sein.

Übrigens war es mir durchaus nicht darum zu tun, den General zu ärgern; Polina aber würde ich jetzt gern ärgern. Sie hat mich so grausam behandelt, nachdem sie mich selbst auf diesen dummen Weg gestoßen, daß ich nun versuchen will, es so weit zu treiben, daß sie mich selbst um Einhalt bitten muß. Meine Jungenstreiche können doch schließlich auch sie kompromittieren!

Außerdem hatten sich in mir, bereits während ich sprach, noch andere Gefühle und Gedanken entwickelt. Wenn ich mich z. B. vor ihr freiwillig bis zum Sklaven erniedrigte, so sollte das doch noch längst nicht bedeuten, daß ich mich auch von anderen Leuten treten lasse und natürlich auch nicht, daß dieser Baron mich mit seinem Stock „verprügeln“ kann. Ich will über sie alle lachen und mich selbst durch Mut hervortun. Mögen sie doch einmal sehen, wer ich bin. Na! selbstverständlich wird die Aussicht auf einen Skandal sie erschrecken und – dann wird sie mich eben zurückrufen. Oder sollte sie es nicht, so wird sie doch wenigstens sehen, daß ich kein Jammerlappen bin.

Eine seltsame Neuigkeit übrigens: soeben erfuhr ich von der Kinderfrau, der ich auf der Treppe begegnete, daß Marja Filippowna heute mit dem Abendzug ganz allein zu ihrer Kusine nach Karlsbad gereist sei. Was mag das nun wieder zu bedeuten haben? Die Kinderfrau sagte, Marja Filippowna habe schon seit langer Zeit die Absicht gehabt, hinzureisen, – wie kommt es dann nur, daß niemand etwas von diesen Plänen wußte? Übrigens – vielleicht habe nur ich nichts gewußt. Die Alte verriet auch noch, daß Marja Filippowna vorgestern eine gründliche Unterredung mit dem General gehabt habe. Begreife, wer’s kann! Es war natürlich wegen Mademoiselle Blanche. Man sieht, es bereitet sich bei uns etwas Entscheidendes vor.