Die Stimmung der Babuschka war nicht gerade sonnig; sie war reizbar und ungeduldig. Das Roulette hatte ihr gründlich den Kopf verdreht. Alles andere war ihr jetzt gleichgültig, und überhaupt schien sie sehr zerstreut zu sein, oder richtiger, nur mit einem Gedanken beschäftigt. Unterwegs z. B. stellte sie keine einzige Frage von der Art, wie am Vormittage. Als ein höchst auffallendes Viergespann an uns vorübertrabte, hob sie wohl einmal die Hand und fragte: „Wer waren die?“ schien dann aber meine Antwort ganz zu überhören und sich wieder nur mit ihren eigenen Gedanken zu beschäftigen. Ihre Nachdenklichkeit aber unterbrach sie nur von Zeit zu Zeit durch hastige Bewegungen und Ausfälle. Als ich ihr kurz vor dem Kurhaus den Baron und die Baronin Wurmerhelm zeigte, die ich in ziemlicher Entfernung von uns erblickte, sah sie nur zerstreut hin, sagte gleichmütig „Ah?“ und wandte sich plötzlich nach Potapytsch und Marfa um, die hinter ihr gingen, und fuhr sie schroff an:
„Nun, weshalb kommt ihr denn mitgelaufen? Nicht jedesmal werd’ ich euch mitnehmen! Geht nach Haus! Du genügst mir vollkommen,“ wandte sie sich an mich, als jene schleunigst dienerten und froh zurückkehrten.
Im Spielsaal wurde die Babuschka bereits erwartet. Im Augenblick war derselbe Platz neben dem Croupier freigemacht. Ich glaube, daß diese Croupiers, die stets so ruhig scheinen, als ginge es sie nichts an, ob die Bank gewinnt oder verliert, im Grunde doch nichts weniger als gleichgültig dem Spiel gegenüber sind, gewiß auch einige Instruktionen in betreff der Anlockung der Spieler erhalten und sich für den Gewinn der Bank interessieren müssen – wofür ihnen wahrscheinlich Gratifikationen zuteil werden. Wenigstens schien es mir, daß sie die Babuschka bereits als ihr Opfer betrachteten. Und das, was sie und die Unsrigen erwarteten, geschah natürlich, und zwar folgendermaßen:
Die Babuschka wandte sich, wie vorauszusehen war, sogleich ihrem lieben zéro zu und befahl mir, zwölf Friedrichsdor zu setzen. Ich setzte einmal, noch einmal, und dann noch einmal – zéro kam nicht.
„Setze, setze“ drängte sie, vor Ungeduld mich stoßend. Ich gehorchte.
„Wieviel Mal haben wir schon gesetzt?“ fragte sie endlich, knirschend vor Ungeduld.
„Schon zwölfmal, Babuschka. Hundertundvierundvierzig Friedrichsdor haben wir verloren. Ich sage Ihnen, bis zum Abend können Sie ja ...“
„Schweig!“ unterbrach sie mich kurz. „Setz auf zéro und zugleich auf Rot tausend Gulden. Wart, hier ist das Geld, nimm.“
Rot gewann, doch den Einsatz auf zéro verloren wir wieder. Viertausend Gulden wurden uns ausgezahlt.
„Siehst du, siehst du!“ flüsterte die Babuschka mir zu, „fast alles, was wir verloren haben, ist damit zurückgewonnen! Setz wieder auf zéro, noch zehnmal wollen wir auf zéro setzen, dann basta.“
Doch nach dem fünften Verlust hatte sie es satt.
„Ach, hol’ es der Kuckuck, dieses scheusälige zéro! Da, setze alle viertausend Gulden auf Rot!“ befahl sie.
„Babuschka! Das wird etwas zu viel sein; bedenken Sie doch, wenn nun Rot nicht gewinnt,“ versuchte ich sie zu bereden, aber die Babuschka hätte mich fast geprügelt. Tatsächlich stieß sie mich immer so unsanft, daß es gar nicht so ungeheuerlich klingt, von Schlägen zu reden. Es war nichts zu machen, ich setzte die vorher gewonnenen viertausend Gulden auf Rot. Das Rad drehte sich. Die Babuschka saß ruhig und stolz aufgerichtet da und zweifelte keinen Augenblick daran, daß der Croupier sogleich Rouge rufen werde.
„Zéro!“ rief der Croupier.
Zuerst begriff sie gar nicht, was das bedeutete, als sie aber sah, daß der Croupier ihre viertausend Gulden und alles übrige Geld, das auf dem Tische lag, einzog, und als sie dann erst allmählich sich dessen bewußt wurde, daß dieses zéro, auf das wir fast zweihundert Friedrichsdor gesetzt und verloren hatten, nun so plötzlich herausgekommen war, gerade jetzt, nachdem sie es zum Kuckuck gewünscht und zum erstenmal nicht darauf gesetzt hatte, – da ächzte sie nur einmal auf und schlug die Hände zusammen, daß es im ganzen Saal zu hören war. Ringsum begann man zu lachen.
„Gott im Himmel! Und gerade jetzt, gerade jetzt mußte es herauskommen!“ Ganz verzweifelt war sie! „Solch ein Scheusal, solch ein nichtsnutziges Scheusal! Das ist deine Schuld! Daran bist du ganz allein schuld!“ wandte sie sich zornbebend wieder mit einem Stoß an mich. „Du, du hast mich dazu beredet!“
„Babuschka, ich habe ganz sachlich meine Meinung gesagt – ich kann nicht alle Chancen voraussehen!“
„Ich werde dir! ... Chancen!“ flüsterte sie zornig. „Mach, daß du fortkommst, marsch!“
„Adieu, Babuschka.“ Ich wandte mich zum Gehen.
„Alexei Iwanowitsch, Alexei Iwanowitsch, so bleib doch hier! Wohin? Nun, was fehlt dir, was fehlt dir? Ärgerst dich! Dummkopf! Nun, bleib noch hier, nun, ärgere dich nicht, ich bin selbst ein Dummkopf! Nun, sag, nun – was jetzt?“
„Nein, Babuschka, raten werde ich Ihnen nicht mehr, Sie werden mich doch wieder beschuldigen. Spielen Sie nach eigenem Gutdünken. Bestimmen Sie, ich werde setzen.“
„Nun nun! Nun, setze noch viertausend Gulden auf Rot! Hier ist die Brieftasche, nimm!“ Sie zog sie aus ihrer Tasche hervor und reichte sie mir. „Nun, mach aber schnell, hier sind zwölftausend Gulden in barem Gelde.“
„Babuschka,“ stotterte ich, „solche Einsätze ...“
„Ich will nicht leben, wenn ich es nicht wiedergewinne! ... Setze!“
Wir setzten und verloren.
„Noch, setz noch, setz alle acht!“
„Das geht nicht, der größte Einsatz ist viertausend! ...“
„Nun, dann setz viertausend!“
Diesmal gewannen wir. Die Babuschka lebte auf.
„Siehst du, siehst du!“ sagte sie und stieß mich wieder an, „setze wieder vier!“
Ich setzte – wir verloren. Dann verloren wir noch einmal und dann noch einmal.
„Babuschka, alle zwölftausend sind gegangen,“ meldete ich.
„Das sehe ich, daß sie gegangen sind,“ sagte sie, gewissermaßen wie in starrer Raserei, wenn man sich so ausdrücken darf, „das sehe ich, Väterchen, das sehe ich,“ murmelte sie, starr vor sich hinsehend und in Gedanken versunken, – „nein! und koste es mein Leben, setze noch viertausend Gulden!“
„Aber ich habe ja kein Geld mehr, Babuschka. Hier in der Brieftasche sind wohl noch fünfprozentige Wertpapiere und dann noch andere, aber bares Geld ist nicht mehr.“
„Aber im Portemonnaie?“
„Nur Kleingeld ist hier noch.“
„Gibt es hier in der Nähe eine Bank, wo man die Papiere verkaufen könnte? Man hat mir gesagt, daß hier alle unsere russischen Papiere angenommen werden,“ sagte sie entschlossen.
„O, gewiß! Aber was Sie dabei verlieren, das ... würde selbst einen Juden entsetzen!“
„Unsinn! Ich gewinne es wieder! Vorwärts! Ruf diese Tölpel her!“
Damit meinte sie die Träger.
Ich schob ihren Fahrstuhl vom Tisch fort, winkte die Träger herbei und wir verließen den Saal und das Kurhaus.
„Schneller, schneller, schneller!“ kommandierte die Babuschka.
„Geh du voran, Alexei Iwanowitsch, und zeige uns den Weg, aber den kürzesten, hörst du! ... ist es weit?“
„Keine zwei Schritte, Babuschka.“
Doch wie wir vom Square in die Allee einbiegen wollten, erblickten wir plötzlich unsere ganze Gesellschaft vor uns: den General, de Grillet und Mademoiselle Blanche mit ihrer Mutter. Polina Alexandrowna war nicht unter ihnen, ebensowenig Mister Astley.
„Nun? Nicht stehen bleiben!“ rief die Babuschka, „nun, was wollt ihr? Keine Zeit, keine Zeit, hier mit euch mich abzugeben!“
Ich trat hinter ihren Stuhl und gab de Grillet einen Wink; er verstand ihn sogleich und näherte sich mir schnell, doch unauffällig.
„Den ganzen Gewinn vom Vormittage und außerdem noch zwölftausend Gulden verspielt. Gehen jetzt, um Fünfprozentige flüssig zu machen,“ flüsterte ich ihm zu.
De Grillet stampfte mit dem Fuß auf und beeilte sich, den General davon in Kenntnis zu setzen. Wir gingen weiter.
„Halten Sie sie zurück, halten Sie sie zurück!“ flehte mich der General im Flüsterton an. Er sah ganz verzweifelt aus.
„Bitte, versuchen Sie, sie zurückzuhalten,“ antwortete ich ebenso leise.
„Tantchen!“ begann der General, neben ihren Stuhl tretend, „Tantchen ... wir werden sogleich ... sogleich ...“ – seine Stimme wurde unsicher und ängstlich – „Pferde mieten und Wagen und ins Grüne fahren ... Wundervolle Aussicht! ... von der Terrasse namentlich ... Wir kamen, um Sie aufzufordern, sich uns anzuschließen.“
„Ach, geh mir mit deinen Terrassen!“ trieb ihn die Babuschka mit einer ärgerlichen Handbewegung und in gereiztem Tone fort.
„Es ist dort ein Dorf in der Nähe ... wir werden dort Tee trinken ...“ fuhr der General mit dem Mut der Verzweiflung fort.
„Nous boirons du lait ... sur l’herbe fraîche,“ fügte de Grillet hämisch hinzu.
Du lait, de l’herbe fraîche – das ist der Inbegriff alles dessen, was der Pariser Bourgeois an idyllischen Idealen besitzt. Es ist aber auch alles, was er unter „la nature et la vérité“ versteht!
„Ach, geh du nur mit deiner Milch! Trink sie selber, wenn du willst, ich bekomme davon Leibweh. Was wollt ihr eigentlich von mir?!“ fuhr sie sie gereizt an, „ich sage doch, ich habe keine Zeit!“
„Wir sind schon da, Babuschka, hier ist es.“
Wir waren vor dem Hause angelangt, in dem sich ein Bankkontor befand. Ich ging hinein, während die Babuschka vor dem Portal blieb. De Grillet, der General und Mademoiselle Blanche standen etwas weiter zurück und wußten nicht, was sie tun sollten. Die Babuschka sah sich einmal zornig nach ihnen um – da gingen sie die Allee zum Kurhaus zurück.
Mir wurde eine so unheimliche Berechnung vorgelegt, daß ich mich nicht entschließen konnte, darauf einzugehen, und ich kehrte zur Babuschka zurück, um sie zu fragen, was ich tun sollte.
„Ach, diese Räuber!“ rief sie, die Hände zusammenschlagend. „Nun, gleichviel! Wechsle!“ rief sie entschlossen. „Wart, ruf zuerst den Bankier her!“
„Vielleicht einen von den Angestellten, Babuschka?“
„Nun, meinetwegen, gleichviel! Ach, diese Räuber!“
Der Betreffende, an den ich mich wandte, folgte meiner Bitte, nachdem ich ihm gesagt, daß es eine alte Gräfin sei, die ihn zu sich bitten lasse, da sie selbst nicht gehen könne. Die Babuschka überhäufte ihn lange, laut und zornig mit Vorwürfen wegen seiner Betrügerei und versuchte mit ihm zu handeln, und alles das in einem freien Gemisch von Russisch, Französisch und Deutsch, weshalb ich der Verständlichkeit nachhelfen mußte. Der Mensch aber sah nur todernst bald sie, bald mich an und schüttelte schweigend den Kopf. Die Babuschka betrachtete er dabei mit einem so unverhohlenen Interesse, daß es direkt unhöflich war. Endlich begann er zu lächeln.
„Ach nun, pack dich! Krepier meinetwegen an meinem Gelde!“ unterbrach sich da die Babuschka zornig. „Wechsle bei ihm, Alexei Iwanowitsch, wir haben keine Zeit, sonst könnten wir zu einem anderen gehn!“
„Dieser sagt, daß die anderen noch weniger geben würden,“ bemerkte ich.
Genau entsinne ich mich nicht mehr seiner Berechnung, jedenfalls aber war sie fürchterlich. Etwa zwölftausend Florins in Gold und Banknoten gab er mir; ich nahm die Rechnung und das Geld und brachte sie der Babuschka.
„Nun, nun, schon gut, schon gut! Wozu da noch zählen!“ wehrte sie mit der Hand ab. „Schneller, schneller, schneller!“
„Nie mehr werde ich auf dieses verwünschte zéro setzen und auf Rot ebensowenig!“ murmelte sie, als wir uns dem Kurhaus näherten.
Diesmal bemühte ich mich aus allen Kräften, sie zu möglichst kleinen Einsätzen zu bewegen, mit der Versicherung, daß sie, sobald die Chancen stabiler würden, immer noch zeitig genug große Einsätze machen könne. Sie hatte aber nicht die Geduld dazu: Anfangs willigte sie ein, doch während des Spiels war es ganz unmöglich, sie noch zurückzuhalten, denn kaum begannen ihre kleinen Einsätze zu gewinnen, etwa zehn oder zwanzig Friedrichsdor, so stieß sie mich gleich ärgerlich an und machte mir Vorwürfe.
„Nun sieh! nun sieh! nun, da haben wir doch gewonnen! Hätten wir viertausend gesetzt, anstatt zehn, so hätten wir viertausend gewonnen, aber so, was ist denn das? Daran bist du schuld, nur du!“
Was blieb mir da anderes übrig als zu schweigen und zu nichts mehr zu raten, wie sehr mich ihre Spielweise auch ärgerte.
Plötzlich näherte sich ihr de Grillet. Sie waren alle vier im Saal. Mademoiselle Blanche stand mit ihrer Mutter etwas abseits und kokettierte mit dem kleinen Fürsten. Der General war ersichtlich in Ungnade: Mademoiselle Blanche schien ihn nicht einmal eines Blickes würdigen zu wollen, obschon er sich alle erdenkliche Mühe gab, sich wieder bei ihr einzuschmeicheln. Der Arme! Er wurde bald bleich, bald rot, und hatte Augen und Ohren nur noch für sie, so daß er dem Spiel der Babuschka ganz zu folgen vergaß. Endlich verließen Blanche und das Fürstchen den Saal, und der General eilte ihnen natürlich nach.
„Madame, Madame,“ flüsterte derweilen de Grillet mit honigsüßer Stimme der Babuschka fast ins Ohr: „Madame, so geht das nicht ... nein, nein, geht nicht! ...“ radebrechte er auf russisch, „nein!“
„Ja, wie denn?“ wandte sich die Babuschka nach ihm um. „Nun, so sag’ mir, wie – wenn du es besser weißt!“
Da begann de Grillet geschwind auf französisch irgend etwas sehr Kompliziertes zu erklären, sprach als gewandter Causeur unendlich viel, ohne damit etwas zu sagen, meinte zwar zwischendurch, daß man auf eine günstigere Chance warten müsse, zählte dann noch verschiedene Zahlen auf ... die Babuschka wurde aber um keinen Deut klüger. Er wandte sich auch immer wieder an mich, damit ich seine Worte übersetze, doch kam dabei nicht viel heraus, und so erklärte er denn weiter, mit dem Finger des Nachdruckes halber fortwährend auf den Tischrand drückend. Zum Schluß zog er noch einen Bleistift hervor und begann ihr auf einem Stück Papier Unbegreifliches vorzurechnen. Der Babuschka riß aber endlich doch die Geduld.
„Ach, packe dich, marsch! Mir gellen schon die Ohren von deinem Blödsinn! ‚Madame, Madame,‘ und weiter hört man nichts, geh mir vom Halse!“
„Mais, madame,“ und de Grillet erging sich in neuen Versicherungen – im Ton nur eine Note höher – und fuhr mit doppeltem Eifer in seinen Erklärungen fort. Weiß Gott, der Verlust mußte ihm doch sehr nahe gegangen sein.
„Nun, setze einmal so wie er sagt,“ befahl mir plötzlich die Babuschka, „wollen wir sehen, vielleicht kommt es auch wirklich so heraus.“
De Grillet wollte sie nur von den großen Einsätzen abbringen, deshalb empfahl er das System der kleinen Einsätze, und zwar auf die Zahlen, als bedeutend aussichtsvoller. Nach seiner Anweisung setzte ich je einen Friedrichsdor auf die ersten zwölf, je fünf Friedrichsdor auf die Zahlengruppen von zwölf bis achtzehn und von achtzehn bis vierundzwanzig im ganzen sechzehn Friedrichsdors.
Das Rad drehte sich.
„Zéro!“ rief der Croupier.
Wir hatten alles verloren.
„Solch ein Schafskopf!“ rief die Babuschka, sich heftig an de Grillet wendend. „Solch ein nichtsnutziger Franzusischka, der du bist! Und kommst mir noch mit deinen Ratschlägen, du Taugenichts! Geh! Mach, daß du fortkommst! Selbst hat er keine Ahnung von der Sache, erteilt aber Ratschläge! Noch besser!“
Tief gekränkt zuckte de Grillet nur mit den Achseln, blickte mit Verachtung auf die Babuschka herab und ging. Ich glaube, er schämte sich, daß er sich überhaupt mit ihr abgegeben hatte.
Nach einer Stunde war – trotz aller Mühen und Versuche – alles verspielt.
„Nach Haus!“ rief die Babuschka.
Bis zur Allee sprach sie kein Wort. Erst am Ende der Allee, kurz bevor wir das Hotel erreichten, brach es aus ihr heraus:
„Du Närrin! Du Erznärrin! Du alte, alte Närrin!“ sagte sie zu sich selbst.
Kaum in ihren Räumen angelangt, gab sie sogleich ihre Befehle:
„Tee!“ wünschte sie zuerst, „und sogleich einpacken! Wir fahren!“
„Wohin werden Mütterchen denn zu fahren belieben?“ wagte Marfa zu fragen.
„Was geht das dich an? Kümmere dich um deine Arbeit! Potapytsch, packe alles ein, mach das ganze Gepäck fertig. Wir fahren zurück nach Moskau. Ich habe fünfzehntausend Rubel verspielt!“
„Fünfzehntausend, Mütterchen! Großer Gott!“ rief Potapytsch, und wie überwältigt schlug er die Hände zusammen, da er wohl annahm, daß Staunen und Bedauern jetzt erwünscht seien.
„Nun, nun! – Dummkopf! Was hast du zu heulen? Schweig! Pack die Sachen ein! Die Rechnung! Schnell!“
„Der nächste Zug geht um neun Uhr dreißig, Babuschka,“ bemerkte ich, um sie zu beruhigen.
„Und wieviel ist es jetzt?“
„Erst halb acht.“
„Wie dumm! Nun, gleichviel! Du, Alexei Iwanowitsch, Geld habe ich keinen Kopeken bei mir. Hier hast du zwei Wertpapiere, lauf dorthin zu dem Kerl und laß dir dafür Geld geben. Sonst habe ich nichts, womit ich fahren könnte.“
Ich ging. Als ich nach einer halben Stunde zurückkehrte, traf ich alle die Unsrigen bei der Babuschka an. Die Nachricht, daß die Babuschka nach Moskau zurückfahre, hatte sie, glaube ich, noch mehr erschreckt, als ihr Verlust im Spiel. Freilich konnte man jetzt sicher sein, daß sie nicht ihr ganzes Vermögen verspielen werde, dafür aber – was sollte jetzt aus dem General werden? Wer wird nun de Grillet die Schulden bezahlen? Und Mademoiselle Blanche wird natürlich nicht so lange warten, bis die Alte stirbt, sondern aller Voraussicht nach mit dem Fürstchen oder irgendeinem anderen losziehen. Sie standen alle vor der Babuschka, trösteten und beredeten sie. Polina war wieder nicht erschienen. Die Babuschka, die ihnen wohl schon eine Zeitlang zugehört hatte, schrie sie wütend an:
„Ach, geht mir vom Halse, ihr Teufel, was geht das euch an? Was kriecht dieser Ziegenbart ewig zu mir!“ schrie sie de Grillet an, „und du Kibitzin, was willst du denn von mir haben?“ wandte sie sich wütend an Mademoiselle Blanche.
„Diantre!“ murmelte Mademoiselle Blanche mit einem haßfunkelnden Blick auf die Alte. Doch plötzlich lachte sie auf und ging zur Tür.
„Elle vivra cent ans!“ rief sie, noch bevor sie das Zimmer verließ, über die Schulter dem General zu.
„Ah! so wartest du auf meinen Tod?“ wandte sich die Babuschka zornbebend an den General, „hinaus! Jage sie alle hinaus, Alexei Iwanowitsch! Nicht euer Geld habe ich verzettelt. – Meines! Was geht das euch an!“
Der General machte nur eine kurze Schulterbewegung, verbeugte sich und ging. De Grillet folgte ihm.
„Ruf Praskowja her!“ befahl sie der Marfa.
Nach kaum fünf Minuten kehrte diese mit Polina zurück. Die ganze Zeit hatte Polina mit den Kindern in ihrem Zimmer zugebracht und hatte es, glaube ich, mit Absicht getan. Ihr Gesicht war ernst und traurig und sie schien besorgt zu sein.
„Praskowja,“ begann die Babuschka, „ist es wahr, was ich vor kurzem erfahren habe, daß dieser Dummkopf, dein Stiefvater, diese dumme Wetterfahne, diese Französin – eine Schauspielerin oder was? oder vielleicht noch Schlimmeres – daß er diese heiraten will? Sag mir ganz offen, ist es wahr?“
„Genau weiß ich es nicht, Babuschka,“ sagte Polina, „aber nach den Worten der Mademoiselle Blanche, die aus ihren Plänen kein Geheimnis macht, schließe ich ...“
„Genug!“ unterbrach sie die Babuschka kategorisch, „ich verstehe alles! Ich habe ihn von jeher für den dümmsten und leichtsinnigsten Menschen gehalten und auch nichts anderes von ihm erwartet. Er glaubt, Gott weiß was zu sein, weil er General ist! – große Herrlichkeit, dabei erst beim Abschied erhalten, als er als Oberst abging! Ich weiß alles, mein Mütterchen, ich weiß, daß ihr Depesche auf Depesche nach Moskau gesandt habt, immer mit der Frage, ob denn die Alte sich noch immer nicht gestreckt habe. Die Erbschaft ließ zu lange auf sich warten! Ohne Geld aber wird ihn dieses gemeine Weib – de Cominges oder wie heißt sie da? – wird sie ihn nicht mal als Diener zu sich nehmen! Man sagt, sie soll selbst eine Menge Geld haben, das sie anderen leiht, wofür sie dann Prozente nimmt. Schön erworbenes Geld, das sieht man. Dir, Praskowja, mache ich deshalb keine Vorwürfe, nicht du hast die Depeschen gesandt; und auch was gewesen ist, daran wollen wir nicht denken. Ich weiß, daß du einen gefährlichen Charakter hast, wie eine Wespe! Stichst du, so schwillt es an; aber es tut mir leid um dich, denn deine Mutter, die verstorbene Katerina, habe ich lieb gehabt. Nun, willst du? Laß sie alle hier und komm mit mir nach Moskau. Du hast ja doch sonst niemanden und nichts, wo du dich lassen könntest; und es ist auch unpassend für dich, hier mit diesen zusammen zu sein. Wart!“ hielt die Babuschka Polina auf, da diese schon antworten wollte, „ich habe dir noch nicht alles gesagt. Von dir werde ich nichts verlangen. Mein Haus in Moskau – nun, du weißt ja, wie es ist – ein Palais. Nimm meinetwegen eine ganze Etage für dich ein und komm wochenlang nicht zu mir nach unten, wenn mein Charakter dir nicht zusagt! Nun, willst du oder willst du nicht?“
„Erlauben Sie zuerst eine Frage, Babuschka: wollen Sie wirklich jetzt gleich zurückreisen?“
„Du glaubst wohl, ich scherze, mein Kind? Ich habe es gesagt und ich fahre. Fünfzehntausend Rubel hat mir hier euer dreifach verwünschtes Roulette heute abgenommen. Vor fünf Jahren habe ich einmal versprochen, eine hölzerne Kirche in der Nähe von Moskau in eine steinerne umzubauen, statt dessen habe ich nun hier das Geld vergeudet. Jetzt, mein Kind, jetzt fahre ich zurück, um die Kirche umzubauen.“
„Aber die Brunnenkur, Babuschka? Sie kamen doch her, um Brunnen zu trinken?“
„Geh du mir mit deinem Brunnen! Reiz’ du mich nicht, Praskowja, das sag ich dir! Oder tust du’s etwa mit Willen? Sag jetzt – kommst du oder kommst du nicht?“
„Ich bin Ihnen sehr, sehr dankbar, Babuschka, für das Angebot,“ sagte Polina mit tiefem Gefühl. „Und Sie haben auch meine Lage sehr richtig erraten. Ich weiß Ihr Anerbieten vollkommen zu würdigen und ich versichere Sie, daß ich zu Ihnen kommen werde, vielleicht sogar schon sehr bald; jetzt aber habe ich Gründe ... sehr wichtige Gründe ... deshalb kann ich mich jetzt, in diesem Augenblick, noch nicht dazu entschließen. Wenn Sie wenigstens noch zwei Wochen hierblieben ...“
„Das heißt also, du willst nicht?“
„Nein, das nicht, aber ich kann nicht. Außerdem kann ich nicht meinen Bruder und meine Schwester hier allein zurücklassen, da ... weil ... da es vielleicht wirklich geschehen kann, daß ... daß sie ganz vergessen und verlassen zurückbleiben, deshalb ... wenn Sie mich mit den Kleinen aufnehmen wollten, Babuschka, so werde ich natürlich zu Ihnen kommen, und glauben Sie mir, ich werde alles tun, um Ihnen meine Dankbarkeit zu beweisen!“ fügte sie mit Wärme hinzu, „aber ohne die Kleinen kann ich nicht, Babuschka.“
„Nun, heul’ nur nicht!“ – Polina dachte nicht daran, zu weinen, und überhaupt habe ich sie niemals Tränen vergießen gesehen. „Auch für die Kleinen wird sich Platz finden in meinem großen Stall. Übrigens wird’s für sie bald Zeit, daß man sie in die Schule steckt. Nun, also dann kommst du jetzt nicht mit! Nur – sieh dich vor, Praskowja! Ich meinte es gut mit dir, aber ich weiß ja doch, weshalb du nicht kommst. Alles weiß ich, Praskowja. Glaube mir, dieser Franzusischka wird dich zu nichts Gutem führen!“
Polina wurde feuerrot. Ich zuckte zusammen: Alle wissen etwas! Nur ich weiß nichts!
„Nun, nun, ärgere dich nicht. Ich werde nichts breittreten. Nur nimm dich in acht, Praskowja, damit nichts Schlimmes geschieht, verstanden? Du bist ein kluges Mädchen, du tätest mir leid. Nun, genug, es wäre besser gewesen, ich hätte euch alle nicht wiedergesehen! Geh, leb wohl!“
„Ich werde Sie noch begleiten, Babuschka,“ sagte Polina.
„Ist nicht nötig; geh nur und störe nicht; hab euch sowieso schon alle satt!“
Polina küßte der Babuschka die Hand, doch diese zog die Hand fort und küßte sie auf die Wange.
Als Polina an mir vorüberging, warf sie nur einen schnellen Blick auf mich und sah sogleich wieder fort.
„Nun, auch du leb wohl, Alexei Iwanowitsch, es bleibt mir nur noch eine Stunde bis zur Abfahrt. Und ich werde dich wohl schon weidlich ermüdet haben, denke ich. Hier, nimm diese fünfzig Goldstücke.“
„Besten Dank, Babuschka, aber es ist mir peinlich ...“
„Nun, nun!“ rief sie, aber so energisch und drohend, daß ich nicht abzulehnen wagte und das Geld annahm.
„Wenn du in Moskau ohne Stelle herumläufst – komm zu mir: werde dich irgendwohin empfehlen. Aber jetzt scher dich!“
Ich ging in mein Zimmer und legte mich auf das Bett. Ich glaube, ich lag so eine halbe Stunde, ausgestreckt auf dem Rücken, die Hände unter den Kopf geschoben. Die Katastrophe hatte ja eigentlich schon begonnen, da gab es genug zu denken. Ich beschloß, am nächsten Tage einmal energisch mit Polina zu reden. Ah! Der Franzusischka! Also ist es doch wahr! Aber schließlich – was konnte es denn sein? Polina und de Grillet! Herrgott, was für eine Zusammenstellung!
Nein, das war doch alles viel zu unwahrscheinlich! Ich sprang plötzlich aus dem Bett, bebend vor Zorn, um sogleich Mister Astley aufzusuchen und ihn um jeden Preis zum Sprechen zu bringen. Natürlich weiß er auch hiervon mehr als ich. Mister Astley? Weiß der Teufel, der ist auch noch ein Rätsel für mich!
Plötzlich wurde an meine Tür geklopft. Ich sah nach – Potapytsch war’s.
„Väterchen Alexei Iwanowitsch, die Gnädige lassen Sie zu sich bitten.“
„Was ist denn los? Fährt sie schon fort? Der Zug geht ja erst nach zwanzig Minuten.“
„Nein, Väterchen, aber sie beunruhigen sich, zittern nur so vor Ungeduld. ‚Schnell, schnell!‘ sagten sie nur – das heißt, sollte man Sie rufen. Um Christi willen, kommen Sie!“
Ich eilte sogleich hinunter zu ihr. Die Babuschka wurde in ihrem Stuhle gerade auf den Korridor hinausgeschoben. Sie hatte ihre Brieftasche in der Hand.
„Alexei Iwanowitsch, geh voran! Wir gehen! ...“
„Wohin, Babuschka?“
„Ich will nicht leben, wenn ich’s nicht wiedergewinne! Nun, marsch, und frage nicht! Dort wird doch bis Mitternacht gespielt?“
Ich war starr. Doch im Augenblick hatte ich meinen Entschluß gefaßt.
„Tun Sie, was Sie wollen, Antonida Wassiljewna, ich aber gehe nicht mit.“
„Weshalb nicht? Was soll denn das heißen? Du bist wohl nicht recht bei Troste?“
„Tun Sie, was Sie wollen, ich aber würde mir nachher Vorwürfe machen. Ich will nicht! – ich will weder Zeuge noch Mitschuldiger sein; verlangen Sie es nicht von mir, Antonida Wassiljewna! Hier gebe ich Ihnen Ihre fünfzig Friedrichsdor zurück. Verzeihen Sie, aber ich kann nicht anders!“ Und ich legte die Goldrolle auf einen kleinen Wandtisch im Korridor, neben dem ihr Stuhl angelangt war, verbeugte mich und ging.
„Solch ein Unsinn!“ hörte ich die Babuschka mir nachrufen. „Nun, dann nicht, bleib wo du bist, ich werde auch ohne dich den Weg finden! Potapytsch, du kommst mit! Nun, vorwärts, schnell!“
Mister Astley konnte ich nicht finden und kehrte bald ins Hotel zurück. Erst spät in der Nacht, gegen ein Uhr ungefähr, erfuhr ich von Potapytsch, wie dieser Tag für die Babuschka geendet hatte.
Sie hatte alles verloren, das ganze Bargeld, das ich vorher für sie eingewechselt, nach unserem Geld noch zehntausend Rubel. Derselbe Polack, dem sie am vormittag zwei Friedrichsdor geschenkt, hatte sich so geschickt ihr aufzudrängen gewußt, daß er bald ihr ganzes Spiel dirigierte. Anfangs hatte sie Potapytsch die Einsätze für sie machen lassen, doch nach einer Reihe von Verlusten hatte sie ihn fortgejagt: da war dann schnell der Polack an ihre Seite geschlüpft. Zum Unglück verstand er ein wenig Russisch, so daß sie sich in einem Gemisch von drei Sprachen ungefähr verständigen konnten. Die Babuschka hatte ihn unbarmherzig geschimpft. Und obschon dieser ihr ununterbrochen auf Polnisch versichert habe, daß er sich unter ihre „stopki panjski“, unter ihre herrschaftlichen Füße breite – „war sie doch so gegen ihn, daß Gott erbarm!“ erzählte Potapytsch. „Mit Ihnen, Alexei Iwanowitsch, ging sie doch ganz wie mit einem Herrn um,“ meinte er naiv, „jener aber – ich hab’s doch mit meinen eigenen Augen gesehen, Gott straf mich! – jener hat ihr Geld unter ihren Augen vom Tisch gestohlen. Zweimal hat sie ihn sogar selbst geklappt, wie er wieder stehlen wollte, und gescholten hat sie ihn, Väterchen, gescholten ganz ohne Barmherzigkeit, sogar an den Haaren hat sie ihn einmal gezupft, aber gründlich – bei Gott, ich lüge nicht – so daß ringsum sogar gelacht wurde. Alles hat sie verloren, Väterchen, alles was sie nur bei sich hatte an Geld. Wir brachten sie dann zurück, hierher, unser Mütterchen, – nur ein Schlückchen Wasser wollte sie trinken, bekreuzte sich und gleich ins Bett! War sie nur so müde, oder was? Jedenfalls schlief sie sofort ein. Schick ihr nur gute Träume, Allbarmherziger! Ach, ich sag wohl, dieses Ausland!“ schloß Potapytsch mit dem Kopfnicken eigener Erfahrung, „ich habe es im voraus gesagt, daß dabei nichts Gutes herauskommen wird! Ja, wenn wir nur wieder in unserem Moskau wären! Und was haben wir nicht alles zu Hause? – Gott nein, ist doch alles in Hülle und Fülle da! Haben einen Garten und Blumen, wie sie hier gar nicht zu sehen sind, und die Äppelchen werden jetzt rot, und schöne Luft dazu und Platz überall genug, – aber nein: es mußte ins Ausland gefahren werden! Ochhoho!“