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Sämtliche Werke 21 cover

Sämtliche Werke 21

Chapter 21: XVII.
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About This Book

Two novellas present a pair of intense moral and psychological dramas. The first follows a young man in a continental gambling resort whose obsession with roulette entangles his hopes, debts, and a fraught attachment to a capricious woman, exposing social vanity and the logic of addiction. The second traces the unsettling reunion of two men connected by a woman's past, unfolding as a study of jealousy, dependence, and the corrosive effects of secrets and possessiveness. Both pieces combine vivid social detail with acute psychological observation and a moral focus on pride, compulsion, and ruin.

XVII.

Ein Jahr und acht Monate sind nun schon vergangen, seit ich diese Aufzeichnungen nicht mehr angerührt habe. Erst heute kam mir nach langer Zeit der Gedanke, die Blätter wieder hervorzusuchen und das Geschriebene durchzulesen, um darüber Sorgen und Sehnsucht vielleicht zu vergessen.

Ich blieb dabei stehen, daß ich nach Homburg fahren wollte. Gott! Mit wie leichtem Herzen, im Vergleich zu jetzt, schrieb ich damals jene letzten Zeilen! Das heißt, nicht buchstäblich mit leichtem Herzen, aber doch – mit welch einem Selbstvertrauen, mit wie unerschütterlichen Hoffnungen! Zweifelte ich etwa auch nur im geringsten an mir selbst? – Und nun? Noch sind keine zwei Jahre seitdem vergangen und ich bin, meiner eigenen Überzeugung nach, schlimmer als ein Bettler! Was ist ein Bettler! Ich pfeife auf Armut! Ich aber habe mich einfach zugrunde gerichtet! Verkommen bin ich. Übrigens – es gibt nichts, womit ich mich überhaupt noch vergleichen könnte ... Aber wozu sich jetzt Moral predigen! Nichts kann dümmer sein, als Moral in solchen Zeiten! O, ihr selbstzufriedenen Leute! – mit welch stolzer Selbstgerechtigkeit sind diese Schwätzer jederzeit bereit, einem ihre Sentenzen zu predigen! Wenn sie wüßten, in welchem Maße ich den ganzen Ekel meines gegenwärtigen Zustandes begreife, so würde ihnen ihre Zunge, denke ich, nicht mehr gehorchen, wollten sie mich noch belehren. Was könnten sie mir wohl Neues sagen, das ich nicht selbst wüßte? Aber kommt es denn darauf an? Nein, sondern darauf, daß – eine Drehung des Rades alles ändern kann, und daß dann diese selben Moralprediger, die ersten sein werden, die (davon bin ich überzeugt) mit freundschaftlichen Scherzen zu mir kommen, um zu gratulieren. Und niemand wird sich dann so von mir abwenden, wie es jetzt alle tun. Ach, zum Teufel mit ihnen, was gehen sie mich an! Aber was bin ich jetzt? Zéro. Und was kann ich morgen sein? Morgen kann ich von den Toten auferstehen und von neuem zu leben beginnen! Ich kann den Menschen in mir wieder emporrichten, solange er noch nicht ertrunken ist in Verkommenheit.

Ich fuhr damals wirklich nach Homburg, aber ... dann war ich auch wieder in Roulettenburg, war auch in Spa, war sogar in Baden, wohin ich als Kammerdiener eines Herrn Hinze reiste, eines ekelhaften Menschen, der hier mein Brotherr war. Jawohl: ich bin sogar bis zum Diener herabgesunken – ganze fünf Monate war ich es! Das war nach dem Gefängnis. (Ich habe doch auch im Gefängnis gesessen, in Roulettenburg, wegen einer Schuld, die ich dort nicht bezahlen konnte. Ein Unbekannter hat mich losgekauft, – wer? Mister Astley? Polina? Ich weiß es nicht, aber die Schuld ist bezahlt worden, im ganzen zweihundert Taler: und so wurde ich aus dem Gefängnis entlassen.) Wo sollte ich bleiben? Ich kam also zu diesem Hinze. Er ist ein junger, leichtsinniger Mensch, der eine besondere Vorliebe fürs Faulenzen hat und ungern Briefe schreibt, ich aber beherrsche drei Sprachen in Wort und Schrift. Anfangs war ich sein Sekretär, denn als solcher hatte ich die Stelle angenommen, und erhielt dreißig Gulden monatlich. Doch bald erlaubten es ihm seine Mittel nicht mehr, soviel zu zahlen, und er verringerte mein Gehalt. Ich aber hatte nichts und blieb bei ihm. So machte es sich schließlich ganz von selbst, daß ich zu guter Letzt sein Diener wurde. Ich hungerte und trank keinen Tropfen, solange ich bei ihm war, dafür aber ersparte ich mir innerhalb dieser fünf Monate siebzig Gulden. Und eines Abends, es war in Baden, erklärte ich ihm, daß ich meine Stelle aufgäbe: und noch an demselben Abend suchte ich die Spielsäle auf. O, wie mein Herz schlug! Nein, nicht um das Geld war es mir zu tun! Damals wollte ich nur, daß morgen alle diese Hinzes, alle diese Oberkellner, alle diese reichen Damen der vornehmen Gesellschaft Badens – daß sie alle von mir sprechen, daß sie von meinem Glück erzählen, daß sie sich über mich wundern, mich loben und beneiden und alle sich vor der Macht meines neuen Reichtums beugen sollten. Das waren natürlich nur kindische Träume und kindischer Ehrgeiz, aber ... wer weiß: vielleicht hätte ich Polina getroffen, und dann hätte ich mit ihr gesprochen und sie hätte gesehen, daß ich über dem Schicksal stehe, daß mir alle Schicksalsschläge nichts anhaben können ... O, nicht am Gelde liegt mir! Bin ich doch überzeugt, daß ich es wieder irgendeiner Blanche hinwerfen und wieder in Paris drei Wochen lang mit eigenen Pferden zu sechzehntausend Franken fahren würde! Ich weiß ja doch ganz genau, daß ich nicht geizig bin; ich glaube sogar, ich bin ein Verschwender, – aber dennoch: mit welchem Zittern, mit welchem atemraubenden Herzklopfen horche ich auf den Ruf des Croupiers: trente et un, rouge, impair et passe, oder: quatre, noir, pair et manque! Mit welcher Gier starre ich auf den grünen Tisch, auf dem Louisdors, Friedrichsdors und Taler umherliegen, auf die kleinen Säulen von Goldmünzen, wenn sie durch die Krücke des Croupiers umfallen und sich in einen wie Glut brennend glänzenden Haufen zerstreuen, oder auf die langen, über einen halben Meter langen Silberrollen, die rings um das Rad liegen. Noch bevor ich den Spielsaal betreten, noch zwei Säle von ihm entfernt – sobald ich nur das Klingen und Klirren des Geldes, der zusammengescharrten Geldberge höre – ist es mir, als erfaßten mich Krämpfe.

O, auch jener Abend, an dem ich meine siebzig Gulden zum Spieltisch trug, war merkwürdig. Ich begann mit zehn Gulden und setzte sie wieder auf passe. Ich habe nun einmal Vertrauen zu passe. Ich verlor. Es blieben mir noch sechzig Gulden in Silber; ich dachte nach und entschied mich für zéro. Ich setzte immer zu fünf Gulden auf einmal. Das dritte Mal setzte ich – da kam zéro. Ich starb fast vor Freude, als mir hundertundfünfundsiebzig Gulden zugeschoben wurden. So froh war ich nicht gewesen, als ich damals hunderttausend Gulden gewonnen hatte. Ich setzte sofort hundert Gulden auf rouge und gewann; alle zweihundert auf rouge – und gewann; alle vierhundert auf noir – und gewann; alle achthundert auf manque – und gewann! Alles in allem hatte ich jetzt tausendundsiebenhundert Gulden und das – in weniger als fünf Minuten! Ja, in solchen Augenblicken vergißt man alle früheren Mißerfolge! Hatte ich sie doch gewonnen, indem ich mehr als mein Leben aufs Spiel gesetzt. Ich hatte es gewagt, und ich gehörte wieder zu den Menschen!

Ich nahm ein Zimmer im Hotel, schloß mich ein und saß bis drei Uhr nachts und zählte mein Geld. Als ich am Morgen erwachte, war ich nicht mehr Lakai. Ich beschloß, sogleich nach Homburg zu fahren: dort war ich nicht Diener gewesen und hatte nicht im Gefängnis gesessen. Eine halbe Stunde vor der Abfahrt des Zuges ging ich noch einmal in den Spielsaal, um noch zwei Einsätze zu machen, nicht mehr, und ich verlor tausendfünfhundert Gulden. Ich fuhr aber trotzdem nach Homburg und nun bin ich schon einen Monat hier.

Ich lebe natürlich in beständiger Aufregung, spiele nur sehr vorsichtig, wage nur die kleinsten Einsätze und warte auf irgend etwas, das ich selbst nicht zu nennen vermöchte, berechne und rechne, stehe ganze Tage lang am Spieltisch und beobachte das Spiel, sogar im Traume sehe ich nur noch das Spiel, – aber bei alledem scheint es mir, daß ich doch schon gleichsam verknöchert, daß ich wie in einem Moor versunken bin, aus dem ich mich nicht mehr herausreißen kann. Ich schließe das aus dem Eindruck, den meine Begegnung mit Mister Astley auf mich gemacht hat. Ich hatte ihn seit jenem Morgen im Hotel d’Angleterre nicht wiedergesehen und traf ihn hier plötzlich ganz zufällig. Ich ging gerade in den Parkanlagen spazieren und rechnete und dachte daran, daß ich jetzt fast ganz ohne Geld sei, nur fünf Gulden besaß ich noch. Aber im Hotel, wo ich ein kleines, billiges Zimmer genommen, hatte ich vor drei Tagen alles bezahlt. Ich konnte also noch einmal spielen, nur einmal, sagte ich mir: gewinne ich, so kann ich das Spiel fortsetzen, verliere ich – so muß ich wieder Diener werden, falls ich nicht im Augenblick hier Russen finde, die gerade einen Lehrer brauchen. Mit diesen Gedanken beschäftigt, machte ich meinen täglichen Spaziergang durch den Park. Sehr oft ging ich weiter durch den Wald, bis ins nächste Fürstentum, und kehrte dann erst nach mehreren Stunden müde und hungrig nach Homburg zurück. Kaum aber war ich diesmal aus den Anlagen in den Park getreten, als ich plötzlich auf einer Bank Mister Astley erblickte. Er hatte mich zuerst bemerkt und mich angerufen. Ich setzte mich neben ihn. Doch da mir eine gewisse Kühle an ihm auffiel, mäßigte ich sogleich meine Freude. Sonst hätte ich mich fürchterlich über das Wiedersehen gefreut.

„Also Sie sind hier!“ sagte er. „Ich dachte es mir, daß ich Ihnen hier begegnen würde. – Bemühen Sie sich nicht, mir von Ihren Erlebnissen zu erzählen, ich weiß alles; Ihr ganzes Leben in diesen anderthalb Jahren, mehr als anderthalb Jahren, ist mir bekannt.“

„Bah! Also so viel ist Ihnen daran gelegen, Ihre alten Freunde im Auge zu behalten!“ versetzte ich. „Das macht Ihnen ja alle Ehre, daß Sie sie nicht vergessen ... Apropos! Sie bringen mich auf einen Gedanken: sind nicht Sie es gewesen, der mich aus dem Roulettenburger Gefängnis, in dem ich wegen einer Schuld von zweihundert Gulden saß, befreit hat? Ein Unbekannter hat die Schuld für mich bezahlt.“

„Nein, o nein, ich nicht, aber ich habe es gewußt, daß Sie wegen einer Schuld von zweihundert Gulden im Gefängnis saßen.“

„Und so wissen Sie doch auch, wer es getan hat?“

„O nein, ich kann nicht sagen, daß ich’s wüßte.“

„Sonderbar. Von den hiesigen Russen kennt mich keiner, und übrigens würden diese Russen hier wohl kaum einen Landsmann loskaufen; bei uns dort in Rußland, ja, dort kaufen Rechtgläubige wohl Rechtgläubige los. Und da dachte ich denn, daß es vielleicht irgendein englischer Sonderling aus Sonderbarkeit getan habe.“

Mister Astley hörte mit einiger Verwunderung zu. Ich glaube, er hatte erwartet, daß ich ganz niedergeschlagen und bekümmert sein würde.

„Nun, es freut mich, daß Sie sich Ihre alte geistige Unabhängigkeit und sogar noch Munterkeit bewahrt haben, wie ich sehe,“ sagte er mit ziemlich mißvergnügter Miene.

„Das heißt, innerlich knirschen Sie vor Ärger darüber, daß ich nicht niedergeschlagen und bekümmert bin,“ sagte ich lachend.

Er begriff nicht sogleich, als er mich aber dann verstand, lächelte er.

„Ihre Bemerkungen gefallen mir. Ich erkenne in ihnen meinen alten begeisterten und gleichzeitig doch zynischen Freund von früher. Nur die Russen können soviel Gegensätze in sich vereinigen. In der Tat, der Mensch liebt es, seinen Nächsten, auch wenn er sein bester Freund ist, vor sich erniedrigt zu sehen: auf der Erniedrigung des anderen beruht zum größten Teil die Freundschaft. Das ist nun einmal eine alte, allen erfahrenen Leuten längst bekannte Wahrheit. Doch in diesem Fall, ich versichere Sie, bin ich aufrichtig froh, daß Sie den Mut nicht sinken lassen. Sagen Sie, Sie haben wohl nicht die Absicht, das Spiel aufzugeben?“

„O, der Teufel hole es! Sofort gebe ich es auf, wenn ich nur erst ...“

„Wenn ich nur erst das Verlorene wiedergewonnen habe? Das dachte ich mir – es ist nicht nötig, daß Sie weiterreden – ich weiß schon. Sie haben es ganz unbedacht gesagt, folglich waren Sie aufrichtig. Sagen Sie, außer mit dem Spiel beschäftigen Sie sich sonst mit nichts?“

„Nein, mit nichts.“

Er begann, mich nach allem möglichen auszufragen, das in der letzten Zeit in der Welt geschehen war.

Ich wußte von nichts, ich hatte ja kaum eine Zeitung zur Hand genommen, kaum mehr ein Buch aufgeschlagen.

„Sie sind abgestumpft,“ bemerkte er zum Schluß, „Sie haben nicht nur dem Leben, Ihren eigenen Interessen und denen der ganzen Menschheit den Rücken gewandt, Ihren Pflichten als Bürger und Mensch und außerdem auch Ihren Freunden – und Sie hatten doch wirklich Freunde –, Sie haben sich nicht nur von jedem Lebensziel und -zweck losgesagt – außer dem einen: im Spiel zu gewinnen –, Sie haben auch Ihre Erinnerungen als überflüssigen Ballast über Bord geworfen. Ich denke daran, wie Sie einmal in einer heißen und großen Stunde Ihres Lebens vor mir standen – aber ich bin überzeugt, daß Sie alle Ihre besten Empfindungen und Absichten von damals vergessen haben, und Ihre jetzigen Gedanken und Wünsche nicht hinausreichen über pair, impair, rouge, noir – und so weiter ... davon bin ich überzeugt!“

„Genug, Mister Astley, bitte, erinnern Sie mich nicht daran!“ rief ich ärgerlich, fast erbittert. „Ich habe nichts vergessen – ich habe nur jetzt zeitweilig alles das aus meinem Denken und Sinnen ausgeschlossen, ja, auch die Erinnerungen, Sie haben recht, – aber nur vorläufig, bis ich meine pekuniäre Lage radikal gebessert habe; dann aber ... dann werden Sie sehen, daß ich von den Toten auferstehe!“

„In zehn Jahren werden Sie noch hier sein,“ erwiderte Mister Astley darauf. „Ich gehe mit Ihnen jede Wette ein, daß ich Sie an diese meine Worte noch nach zehn Jahren, wenn ich lebe, hier auf dieser Bank erinnern werde.“

„Nun gut,“ schnitt ich ungeduldig ab, „doch um Ihnen zu beweisen, daß ich das Vergangene doch nicht ganz so vergessen habe, wie Sie annehmen, erlauben Sie die Frage: wo ist jetzt Miß Polina? Wenn nicht Sie mich aus dem Gefängnis befreit haben, so hat es bestimmt Miß Polina getan. Seit jenem letzten Tage damals in Roulettenburg habe ich nichts von ihr gehört.“

„Nein, o nein! Ich glaube nicht, daß sie Sie losgekauft hat. Sie ist jetzt in der Schweiz, aber Sie würden mir einen großen Gefallen erweisen, wenn Sie mich nicht weiter nach ihr fragten,“ sagte er kurz und sichtlich verstimmt.

„Das bedeutet wohl, daß auch Ihr Herz schon gar zu sehr durch sie verwundet ist!“ sagte ich unwillkürlich lachend.

„Miß Polina verdient die größte Hochachtung und ist der beste Mensch, aber ich sage Ihnen nochmals, daß Sie mir einen großen Gefallen erweisen würden, wenn Sie mich nicht weiter nach ihr fragen wollten. Sie haben sie überhaupt nicht gekannt und ich empfinde es als Beleidigung, wenn Sie ihren Namen aussprechen.“

„Ah! Also so stehen wir! Übrigens täuschen Sie sich. Und wovon sollte ich denn mit Ihnen sprechen, sagen Sie doch selbst, wenn nicht – davon? Andere gemeinsame Erinnerungen haben wir ja gar nicht. Doch beunruhigen Sie sich nicht, ich frage ja nicht nach Geheimnissen oder Gefühlen ... ich interessiere mich sozusagen nur für die äußere Lage der Miß Polina, nur für die Verhältnisse, in denen sie jetzt lebt. Das aber läßt sich ja in zwei Worten sagen.“

„Nun gut, aber unter der Bedingung, daß die Sache damit abgetan ist. Miß Polina war lange krank; sie ist auch jetzt noch krank; eine Zeitlang lebte sie bei meiner Mutter und Schwester in Schottland. Vor einem halben Jahr starb ihre Großtante – Sie erinnern sich doch noch jener alten Dame? Nun, die ist jetzt tot, hat aber testamentarisch siebentausend Pfund Sterling Miß Polina vermacht. Augenblicklich reist sie mit der Familie meiner verheirateten Schwester in der Schweiz. Ihr kleiner Bruder und die kleine Schwester sind in London und lernen dort. Für sie ist gleichfalls durch das Testament der Großtante gesorgt. Der General, ihr Stiefvater, ist vor einem Monat in Paris am Schlage gestorben. Mademoiselle Blanche hat ihn gut behandelt, dafür aber alles, was er von der Tante geerbt hat, auf ihren Namen schreiben lassen ... Das ist, glaube ich, alles.“

„Und de Grillet? Reist er nicht gleichfalls in der Schweiz?“

„Nein, de Grillet reist nicht in der Schweiz, ich weiß nicht, wo er sich aufhält. Ich möchte Sie aber ein für allemal ersuchen, ähnliche Bemerkungen und Andeutungen, die Ihnen jedenfalls nicht Ehre machen, fernerhin zu unterlassen, anderenfalls werden Sie es mit mir zu tun haben.“

„Was! Ungeachtet unserer früheren freundschaftlichen Beziehungen?“

„Ja, ungeachtet unserer früheren freundschaftlichen Beziehungen.“

„Ich bitte Sie tausendmal um Entschuldigung, Mister Astley. Aber erlauben Sie ... einstweilen – hierbei ist doch nichts Beleidigendes, ich mache ihr doch keinen Vorwurf oder ... sonst was. Außerdem ist, im allgemeinen gesprochen, die – nun: Zusammenstellung eines Franzosen und eines russischen jungen Mädchens etwas so Haarsträubendes, daß Sie und ich das Problem weder lösen noch überhaupt begreifen können.“

„Wenn Sie de Grillet nicht in einem Atemzuge mit dem anderen Namen nennen wollten oder überhaupt in Verbindung bringen, so würde ich ganz gern erfahren wollen, weshalb Sie so verallgemeinernd von dem Problem der ‚Zusammenstellung‘ eines ‚Franzosen mit einem russischen jungen Mädchen‘ reden. Wie kommen Sie überhaupt darauf?“

„Sehen Sie, da hat es nun auch Ihr Interesse geweckt. Aber: das ist ein langes Thema, Mister Astley. Und es sind auch einige Vorkenntnisse vonnöten. Übrigens ist es ein sehr bedeutsames Problem, wie lächerlich das auch auf den ersten Blick scheinen mag. Ein Franzose, Mister Astley, ist die vollendete hübsche Form. Sie als Engländer brauchen sich damit nicht einverstanden zu erklären, Sie sind wahrscheinlich anderer Meinung. Und ich als Russe bin gleichfalls nicht damit einverstanden, wenn auch nur – nun, sagen wir meinetwegen, aus Neid. Unsere jungen Damen aber sind anderer Meinung. Wir beide können Racine unnatürlich finden, phrasenhaft, geziert und parfümiert, und lesen werden Sie ihn zu Ihrem Vergnügen ganz gewiß nicht. Ich finde ihn einfach lächerlich; aber er ist äußerlich von guter Form, Mister Astley, und ein Meister der poetischen Ausdrucksweise, gleichviel ob wir das anerkennen wollen – oder nicht. Die nationale Form des Franzosen, d. h. des Parisers, hat sich schon zu einer Zeit, als wir noch Bären waren, zu einer ausgesprochen eleganten Form entwickelt. Die Revolution stellte den Bourgeois neben den Edelmann. Und heutzutage kann der lumpigste Franzusischka Manieren, eine Ausdrucksweise und sogar Gedanken von durchaus eleganter Form haben, ohne dabei an dieser Form weder durch seine Erfindungsgabe, noch mit seiner Seele, seinem Herzen, seinem Geist irgendwie beteiligt zu sein: er hat eben alles das einfach geerbt. An sich kann er leerer als leer und gemeiner als gemein sein. Nun und jetzt, Mister Astley, sage ich Ihnen, daß es in der ganzen Welt kein Wesen gibt, das vertrauensvoller, aufrichtiger und von Herzen zutraulicher wäre, als die klugen, jungen russischen Mädchen, selbst wenn sie auch noch so verbildet sind. Freilich gar zu verbildet dürfen sie nicht sein. Daher kann so ein de Grillet, wenn er in einer schönen Rolle, d. h. also maskiert, unter ihnen erscheint, mit größter Leichtigkeit das Herz eines russischen Mädchens erobern; er hat die elegante Form, Mister Astley, und das betreffende Mädchen hält diese Form, diese äußere Maske, für das wahre Gesicht des inneren Menschen, für die natürliche Form seines Charakters und seines Herzens, und nicht bloß für ein Gewand, das ihm durch Erbschaft zugefallen ist.

Leider muß ich Ihnen sagen – Sie werden wohl kaum sehr erbaut davon sein –, daß die Engländer größtenteils eckig und steif sind, die Russinnen aber haben ein recht feines Empfinden für Schönheit und lassen sich durch sie am leichtesten ködern. Denn, um die innere Schönheit eines Menschen und die Originalität seiner Persönlichkeit erkennen zu können, dazu gehört unvergleichlich mehr Selbständigkeit und Sicherheit in der Beurteilung eines Menschen, als ihn unsere Frauen besitzen und erst recht unsere jungen Mädchen, und vor allen Dingen, versteht sich: weit mehr Erfahrung. Miß Polina aber – verzeihen Sie, was ausgesprochen ist, läßt sich nicht mehr unausgesprochen machen – muß sich sehr, sehr lange bedenken, bis sie sich entschließen kann, Sie dem Gauner de Grillet vorzuziehen. Sie wird Sie schätzen lernen, sie wird Ihr Freund werden, wird Ihnen ihr ganzes Herz öffnen, aber dennoch wird in diesem Herzen der verhaßte Lump, der kleinliche, gemeine und habgierige Wucherer de Grillet herrschen. Dabei bleibt es. Ihr Eigensinn und ihre Eigenliebe halten daran fest: denn dieser de Grillet ist ihr nun einmal in der Aureole eines eleganten Marquis, eines enttäuschten und wie es hieß, verarmten Menschenfreundes erschienen, der ihrer Familie und dem leichtsinnigen General aus der Not geholfen hat. Die ganze Komödie, die er gespielt hat, ist ja jetzt für sie kein Geheimnis mehr, aber das hat nichts zu sagen, trotzdem: bitte, geben Sie ihr den früheren de Grillet, – das ist alles, was sie haben will! Und je mehr sie den jetzigen de Grillet haßt, um so mehr sehnt sie sich nach dem früheren, obschon der frühere nur in ihrer Phantasie existiert hat. Sie sind Zuckersieder, Mister Astley?“

„Ich bin Mitinhaber der bekannten Zuckerfabrik Lowell und Kompagnie.“

„Nun, sehen Sie wohl! Hier ein Zuckersieder – dort ein Apoll! Das geht eben nicht, es harmoniert nicht, es läßt sich nicht vereinigen. Ich aber bin nicht einmal Zuckersieder, sondern einfach nur ein kleiner Spieler, bin sogar ein Diener gewesen, was Miß Polina sicherlich bereits wissen wird, denn wie ich sehe, scheint sie eine gute Geheimpolizei zu haben ...“

„Sie sind verbittert, deshalb reden Sie diesen ganzen Unsinn,“ sagte Mister Astley kaltblütig, nach kurzem Nachdenken. „Außerdem entbehren Ihre Worte der Originalität.“

„Einverstanden! Aber gerade darin liegt ja das Entsetzliche, mein verehrter Freund, daß alle diese meine Beschuldigungen, so veraltet, so billig und phrasenhaft sie sein mögen, dennoch die Wahrheit selbst sind! Immerhin haben wir beide nichts erreichen können!“

„Das ist nichts weiter als ganz abscheulicher Unsinn ... denn ... denn ... so hören Sie!“ rief plötzlich Mister Astley mit aufblitzenden Augen, und seiner Stimme hörte man die innere Erregung an, „ich will es Ihnen sagen, Sie undankbarer und unwürdiger, gesunkener und unglücklicher Mensch: ich bin in ihrem Auftrage nach Homburg gekommen, nur um Sie zu sehen und aufrichtig und herzlich mit Ihnen zu sprechen, und ihr dann alles mitzuteilen, alles – Ihre Gefühle, Gedanken, Hoffnungen und ... Erinnerungen!“

„Nicht möglich! Das ist nicht möglich!“ rief ich, und plötzlich stürzten mir Tränen aus den Augen.

Ich konnte sie nicht zurückhalten, und das geschah, glaube ich, zum erstenmal in meinem Leben.

„Ja, Sie unglücklicher Mensch, sie liebte Sie – das kann ich Ihnen jetzt mitteilen, weil Sie ja doch schon ein verlorener Mensch sind. Ja, ich glaube sogar, selbst wenn ich Ihnen sage, daß sie Sie auch jetzt noch liebt – Sie werden trotzdem hier bleiben! Ja, Sie haben sich zugrunde gerichtet. Sie hatten einige Fähigkeiten, einen lebhaften Charakter und Sie waren kein schlechter Mensch. Sie könnten sogar Ihrem Vaterlande etwas sein – und Rußland hat doch einen solchen Mangel an Menschen – Sie aber werden hier bleiben. Ihr Leben ist zu Ende. Ich schreibe Ihnen keine Schuld zu. Meiner Ansicht nach sind alle Russen so – oder sind geneigt, so zu sein. Ist es nicht das Roulette, dann ist es etwas anderes, Ähnliches. Die Ausnahmen sind gar zu selten. Sie sind nicht der Erste, der nicht weiß, was Arbeit ist – natürlich rede ich nicht vom Volk. Das Roulette wird vorzugsweise von Russen gespielt. Bis jetzt waren Sie noch ehrlich und haben es vorgezogen, Diener zu werden, als zu stehlen ... Aber mir graut vor dem Gedanken, was in Zukunft geschehen wird. Doch genug, reden wir nicht davon! Leben Sie wohl. Sie haben Geld nötig? Hier haben Sie von mir zehn Louisdor, mehr gebe ich Ihnen nicht, denn Sie werden sie ja doch verspielen. Nehmen Sie und leben Sie wohl! So nehmen Sie doch!“

„Nein, Mister Astley, nach allem, was Sie soeben gesagt haben ...“

„Nehmen Sie!“ rief er impulsiv, „ich bin überzeugt, daß Sie noch ein anständiger Mensch sind und ich gebe es Ihnen als Freund. Könnte ich überzeugt sein, daß Sie sofort das Spiel aufgeben und Homburg verlassen würden, um in Ihr Vaterland zurückzukehren – ich wäre ohne weiteres bereit, Ihnen tausend Pfund Sterling für den Anfang eines neuen Lebens zu geben. Statt dessen gebe ich Ihnen nur zehn Louisdor, denn für Sie sind sie im Augenblick dasselbe wie tausend Pfund: sie werden ja doch alles verspielen! So, und jetzt nehmen Sie das Geld und leben Sie wohl.“

„Ich werde es annehmen, aber nur, wenn Sie mir erlauben, Sie zum Abschied zu umarmen.“

„O, das mit Vergnügen!“

Wir umarmten uns herzlich und Mister Astley verließ mich.

Nein, er hat nicht recht! Wenn ich mich vorschnell und dumm über Polina und de Grillet geäußert habe, so hat er das Gleiche in seiner Beurteilung der Russen getan. Von mir will ich nicht reden. Übrigens ... übrigens ist das ja vorläufig gar nicht, was – das sind ja nur Worte, Worte und Worte, während doch gerade Taten nottun! Die Hauptsache ist hier jetzt die Schweiz! Morgen noch – o, wenn ich doch morgen schon abreisen könnte! Ich muß ein neuer Mensch werden, ich muß auferstehen. Ich muß ihnen beweisen ... Polina soll wissen, daß ich noch Mensch sein kann. Ich brauche ja nur ... Jetzt ist es übrigens schon zu spät, – aber morgen ... O, ich habe ein gutes Vorgefühl, es kann nicht anders sein! Ich habe jetzt außer meinen fünf Gulden noch zehn Louisdor, und habe doch schon mit viel weniger, habe mit nur fünfzehn Gulden zu spielen begonnen! Wenn man vorsichtig beginnt ... – o, bin ich denn wirklich, wirklich ein so kleines Kind! Begreife ich denn wirklich nicht, daß ich ein verlorener Mensch bin? Aber – was hindert mich denn, aufzuerstehen? Ja! Man braucht nur einmal im Leben Berechnung und Ausdauer zu beweisen, einmal nicht die Geduld zu verlieren – und das ist alles! Ich muß nur einmal charakterfest sein und in einer Stunde kann sich mein ganzes Schicksal umdrehen! Die Hauptsache ist, wie gesagt – Charakter! Wenn ich daran denke, was ich vor sieben Monaten in Roulettenburg in der Beziehung erlebt habe! – es war gerade vor meinem großen Verlust. O, das ist das beste Beispiel dafür, was mitunter Entschlossenheit bedeuten kann. Ich hatte alles verloren, alles ... Wie ich aus dem Kurhaus hinaustrete – fühle ich plötzlich, daß in meiner Westentasche noch ein Gulden sich regt. „Ah, da habe ich ja noch was, wofür ich zu Mittag speisen kann!“ dachte ich bei mir, doch – keine hundert Schritte weiter hatte ich mich anders bedacht und kehrte zurück. Ich setzte den Gulden auf manque (damals war gerade manque an der Reihe) und wirklich, es liegt etwas Eigentümliches in unserem Gefühl und Bewußtsein, wenn man ganz allein in der Fremde, fern von der Heimat, fern von Freunden und Bekannten, ohne zu wissen, was man essen und wo man schlafen wird, den letzten, den allerletzten Gulden aufs Spiel setzt! Ich gewann, und nach zwanzig Minuten verließ ich das Kurhaus mit hundertsiebzig Gulden in der Tasche. Tatsache! Da sieht man, was mitunter der letzte Gulden bedeuten kann! Wie, wenn ich damals den Mut verloren hätte, wenn ich nicht gewagt hätte, den Entschluß zu fassen? ...

Morgen, morgen wird alles ein Ende haben!