Der Fremde schien sprachlos zu sein. Beide standen sie sich auf der Schwelle dicht gegenüber und sahen einander unbeweglich an. So vergingen mehrere Sekunden und plötzlich – erkannte Weltschaninoff seinen Gast!
Gleichzeitig schien auch der Gast zu erraten, daß Weltschaninoff ihn erkannt hatte: das verriet sein aufblitzender Blick. Und im Augenblick taute sein ganzes Gesicht auf und lächelte das freundlichste Lächeln ...
„Ich habe wohl das Vergnügen, mit Alexei Iwanowitsch zu sprechen?“ fragte er fast singend mit einer süßlichen und zur ganzen Situation so unpassenden Stimme, daß sie direkt komisch wirkte.
„Ja sind Sie denn wirklich Pawel Pawlowitsch Trussozkij?“ fragte endlich Weltschaninoff noch ganz verdutzt.
„Wir waren vor etwa neun Jahren in T. miteinander bekannt, und – wenn Sie mir gestatten, Sie daran zu erinnern – waren sogar befreundet.“
„Ja ... nun ja ... schön, aber – jetzt ist es drei Uhr nachts und Sie haben ganze zehn Minuten lang meinen Türverschluß untersucht, um sich zu vergewissern, ob man bei mir nicht ohne weiteres eintreten kann ...“
„Drei Uhr!“ rief der Gast erstaunt, zog seine Uhr hervor und betrachtete sie ganz bekümmert, „ja richtig: drei Uhr! Entschuldigen Sie, Alexei Iwanowitsch, ich hätte mir das vorher sagen sollen – wie konnte ich nur! Doch – ich werde in den nächsten Tagen vorsprechen und dann alles erklären, jetzt aber ...“
„Oh, nein! Wenn Sie was erklären wollen, dann gefälligst gleich!“ fiel ihm Weltschaninoff scharf ins Wort. „Wenn ich bitten darf, dorthin ins Zimmer – treten Sie ein ... Sie werden doch, wie ich annehme, sowieso die Absicht gehabt haben, einzutreten, da Sie wohl nicht nur zu dem Zweck in der Nacht hergekommen sind, um Schlösser zu untersuchen ...“
Er war doch etwas aufgeregt und zugleich auch wie verdutzt. Dabei fühlte er, daß er seine Gedanken nicht sammeln konnte. Er begann sogar, sich zu schämen: also weder ein Geheimnis, noch eine Gefahr – nichts von dem steckte hinter seiner ganzen Gespensterseherei! Nichts blieb von ihr übrig als nur die dumme Gestalt irgendeines Pawel Pawlowitsch. Aber – im Grunde glaubte er doch nicht so ganz, daß wirklich nichts weiter dahinterstecke, es war doch wie eine dunkle, beklemmende Ahnung in ihm.
Er ließ seinen Gast Platz nehmen und setzte sich selbst in ungeduldiger Erwartung ihm gegenüber auf seinen Schlafdiwan, einen Schritt vom Lehnsessel des anderen entfernt, stützte die Handflächen auf die Knie und wartete gereizt auf das, was jener nun vorbringen würde. Er betrachtete ihn neugierig und die Erinnerungen an die Zeit ihrer einstigen Bekanntschaft vervollständigten sich. Doch seltsamerweise blieb jener immer noch stumm, ja er schien nicht einmal zu wissen, daß es einfach seine „Pflicht“ war, zu sprechen; er sah sogar im Gegenteil mit einem sichtlich erwartungsvollen Blick Weltschaninoff an, als müsse dieser beginnen. Vielleicht war er auch nur etwas scheu geworden und empfand zunächst bloß eine gewisse Unsicherheit, wie etwa eine in die Falle geratene Maus. Doch Weltschaninoff wurde wütend:
„Na, was denn nun?“ fuhr er ihn an. „Sie sind doch, denke ich, kein Spuk und kein Traum! Oder haben Sie sich herbemüht, nur um hier eine Leiche vorzustellen? Sie sind mir Ihre Erklärung schuldig, mein Bester!“
Der Gast bewegte sich ein wenig, lächelte und begann vorsichtig:
„Soviel ich sehe, scheint es Sie – vor allen Dingen – zu frappieren, daß ich zu so später Stunde gekommen bin, und – unter so besonderen Umständen ... So daß es mich – zumal wenn ich mich des Früheren erinnere und wie wir auseinandergingen – jetzt sogar selbst wundert ... Doch übrigens, ich hatte ja auch gar nicht die Absicht, Sie aufzusuchen, und wenn es nun schon so gekommen ist, so war das nur ein Zufall ...“
„Was, Teufel, Zufall! Ich habe Sie doch aus dem Fenster gesehen, wie Sie auf den Fußspitzen über die Straße geschlichen sind!“
„Ach, Sie haben es gesehen! Nun, dann wissen Sie jetzt schließlich besser als ich selbst über alles Bescheid! Doch ich reize Sie wohl nur ... Also kurz – da ist ja nicht viel zu sagen: ich halte mich schon seit etwa drei Wochen hier auf, in eigenen Angelegenheiten ... Ich bin ja doch Pawel Pawlowitsch Trussozkij, Sie haben mich ja selbst erkannt. Was mich hier festhält, ist, daß ich mich um meine Versetzung in ein anderes Gouvernement, in einen anderen Dienst und auf einen bedeutend höheren Posten bemühe ... Doch übrigens, das ist es auch nicht! ... Die Hauptsache, wenn Sie wollen, ist, daß ich mich hier nun schon die dritte Woche herumtreibe und die Erledigung meiner Angelegenheit – d. h. also meine Versetzung – wie mir scheint, selbst absichtlich in die Länge ziehe. Und wirklich, wenn mein Gesuch genehmigt werden sollte, so werde ich womöglich am selben Tage noch vergessen, daß ich versetzt bin und Ihr Petersburg nicht verlassen – in meiner gegenwärtigen Stimmung! Ich treibe mich hier herum, als hätte ich mein Ziel verloren, und es ist fast, als freute ich mich sogar darüber, daß ich es verloren habe – in meiner gegenwärtigen Stimmung, wie gesagt ...“
„Was ist denn das für eine gegenwärtige Stimmung?“ fragte Weltschaninoff unwirsch.
Der Gast schlug die Augen zu ihm auf, erhob den Hut und wies mit ernster Würde auf den Trauerflor.
„Ja, sehen Sie, in dieser Stimmung!“
Weltschaninoff sah mit stumpfem Blick auf den Flor, sah seinem Gast ins Gesicht, sah wieder auf den Flor. Plötzlich schoß ihm das Blut auf einen Augenblick jäh ins Gesicht und eine entsetzliche Aufregung überkam ihn.
„Doch nicht Natalja Wassiljewna?“
„Ja. Natalja Wassiljewna. In diesem März ... An der Schwindsucht. Und fast ganz plötzlich, kaum zwei oder drei Monate war sie krank. Und ich bin jetzt – wie Sie sehen!“
Damit breitete der Gast in tiefer Ergriffenheit die Arme aus – in der Linken seinen Hut mit dem Trauerflor – neigte seinen kahlen Kopf tief auf die Brust, und verblieb in dieser Stellung wohl reichlich zehn Sekunden.
Diese Geste und die ganze Pose wirkten auf Weltschaninoff wie eine ernüchternde Erfrischung; ein spöttisches und sogar kränkend verächtliches Lächeln spielte um seinen Mund – doch nur einen Augenblick: die Nachricht vom Tode dieser Dame (mit der er vor vielen Jahren bekannt gewesen war, und die er schon seit so vielen Jahren völlig vergessen hatte) machte auf ihn seltsamerweise einen nahezu erschütternden Eindruck.
„Ist es möglich!“ murmelte er die ersten besten Worte, die ihm gerade einfielen, „aber weshalb haben Sie mich dann nicht gleich aufgesucht und es mir mitgeteilt?“
„Ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme, ich sehe und schätze sie, ungeachtet ...“
„Ungeachtet?“
„Ich wollte nur sagen, ungeachtet des langen Zeitraums, der zwischen unserer früheren Bekanntschaft und unserem jetzigen Wiedersehen liegt, haben Sie mir doch sogleich Teilnahme bezeugt und mich noch dazu so aufrichtig Ihres Beileids versichert, daß ich, versteht sich, Dankbarkeit empfinde. Nur das war es, was ich ausdrücken wollte. Nicht, daß ich an meinen Freunden zweifelte oder vielmehr an der Aufrichtigkeit ihres Mitgefühls! Ich kann auch hier, und sogar in jedem Augenblick, mir aufrichtig zugetane Freunde aufsuchen – zum Beispiel, nur um einen Namen zu nennen, etwa Stepan Michailowitsch Bagontoff. Aber unsere Bekanntschaft, Alexei Iwanowitsch – oder sagen wir Freundschaft, zumal ich mit Erkenntlichkeit an sie zurückdenke – liegt ja schon ganze neun Jahre zurück, Sie haben uns doch nachher nicht mehr besucht, und Briefe sind weder von Ihnen noch von uns geschrieben worden ...“
Der Gast sprach so fließend, als hätte er Noten vor sich gehabt, nach denen er unbekümmert singen konnte, doch blickte er die ganze Zeit zu Boden, was natürlich nicht ausschloß, daß er jede Bewegung Weltschaninoffs verfolgte. Dieser hatte sich inzwischen zu ruhigerer Überlegung Zeit genommen.
Indes hörte er seinem Gast mit einer äußerst seltsamen Empfindung zu, die sich in ihrer Art immer deutlicher fühlbar machte, und je aufmerksamer er ihn betrachtete, um so seltsamer war der Eindruck: und plötzlich, als jener innehielt, überfielen ihn mit einemmal die buntesten, verrücktesten Gedanken.
„Aber weshalb habe ich Sie denn nicht gleich erkannt!“ rief er lebhaft aus. „Wir haben uns doch ganze fünf Mal, glaube ich, auf der Straße gesehen!“
„Ja; auch ich entsinne mich dessen; Sie sind mir öfters begegnet – zweimal, oder vielleicht auch sogar dreimal ...“
„Das heißt – Sie sind es, der mir begegnet ist, nicht aber ich Ihnen!“
Weltschaninoff stand auf und plötzlich brach er ganz unvermittelt in lautes Gelächter aus. Pawel Pawlowitsch schloß vorsichtshalber sogleich den Mund, sah ihn aufmerksam an, fuhr aber dann schon im nächsten Moment ruhig fort, als sei nichts geschehen:
„Daß Sie mich nicht erkannt haben, ist weiter nicht verwunderlich, denn erstens ist es lange her, daß wir uns gesehen haben, und zweitens habe ich nachher die Pocken gehabt, von denen natürlich einige Narben im Gesicht geblieben sind.“
„Die Pocken? Bei Gott, er hat tatsächlich die Pocken gehabt! Aber wie hat denn das Sie so ...“
„Heimgesucht? wollen Sie sagen! Ach, es pflegt eben so manches vorzukommen, Alexei Iwanowitsch.“
„Nur ist das immerhin furchtbar komisch! Nun, fahren Sie fort, fahren Sie fort, bester Freund!“
„Obschon Sie auch mir begegnet sind ...“
„Pardon! Weshalb sagten Sie soeben ‚heimgesucht‘? Ich wollte mich ganz anders ausdrücken! – Doch fahren Sie fort!“
Aus irgendeinem Grunde wurde er immer aufgeräumter, geradezu heiter. Der erschütternde Eindruck wurde von ganz anderen Empfindungen verdrängt.
Mit schnellen Schritten ging er im Zimmer auf und ab.
„Und obschon Sie auch mir begegnet sind und ich sogar schon auf der Reise nach Petersburg die Absicht hatte, Sie unbedingt hier aufzusuchen, so bin ich doch jetzt, wie gesagt, in einer solchen Stimmung ... und auch geistig so zerschlagen, eben seit dem März ...“
„Ach ja! seit dem März, richtig ... Erlauben Sie, Sie rauchen doch?“
„Ich – Sie wissen, Natalja Wassiljewna ...“
„Nun ja, nun ja! – aber seit dem März?“
„Ein Zigarettchen vielleicht.“
„Hier, bitte; zünden Sie an und – fahren Sie fort! ... Fahren Sie nur fort, Sie haben mich kolossal ...“
Er zündete sich gerade selbst eine Zigarette an und setzte sich dann schnell wieder auf seinen Diwan. Doch Pawel Pawlowitsch machte eine kleine Pause.
„Weshalb sind denn auch Sie, wie ich sehe, so aufgeregt – sind Sie vielleicht nicht ganz gesund?“
„Eh, zum Teufel mit meiner Gesundheit!“ ärgerte sich Weltschaninoff. „Erzählen Sie weiter!“
Doch je deutlicher die Aufregung des Hausherrn zutage trat, um so ruhiger, selbstzufriedener und sicherer wurde der Gast.
„Ja was soll ich denn da noch weiter erzählen?“ begann er. „Stellen Sie sich doch selbst vor, Alexei Iwanowitsch – einen Menschen, der erstens ganz zerschlagen ist, und nicht nur etwa so bloß relativ, sondern einfach radikal; einen Menschen, der nach zwanzigjähriger Ehe seine Lebensweise von Grund aus ändert und sich hier auf den staubigen Straßen ziellos herumtreibt, wie in der Steppe verirrt, und fast in völliger Selbstvergessenheit, und dem diese Selbstvergessenheit sogar eine gewisse Befriedigung gewährt: Da ist es doch wohl nur natürlich, daß ich bisweilen, wenn mir ein Bekannter oder sogar ein aufrichtiger Freund begegnet, ihm absichtlich aus dem Wege gehe, um nicht mit ihm sprechen zu müssen, im Augenblick wenigstens nicht – d. h. in einem solchen Augenblick der Selbstvergessenheit. Aber dann kommen wieder Stunden, in denen alles lebendig wird und da kommt dann plötzlich eine solche Sehnsucht nach irgend jemandem, der jenes unwiderruflich Vergangene wenigstens miterlebt hat, und das Herz beginnt dabei so zu pochen, daß man nicht nur am Tage, sondern sogar mitten in der Nacht wagt, einen Freund aufzusuchen, nur um sich ihm in die Arme zu werfen, und müßte man ihn auch um vier Uhr – müßte man ihn auch um vier Uhr nachts einzig zu diesem Zweck aus dem Schlaf wecken. So habe ich mich auch jetzt nur in der Stunde geirrt, nicht in der Freundschaft, denn in diesem Augenblick fühle ich mich vollauf belohnt. Was aber die Zeit betrifft, so war ich wirklich der Meinung, es sei erst zwölf, zumal ich in entsprechender Stimmung war. Man trinkt eben seinen eigenen Kummer und es ist, als betrinke man sich an ihm. Aber es ist vielleicht nicht einmal der Kummer, sondern vielmehr die ganze Neuheit der Verfassung, die mich mürbe macht ...“
„Was für Ausdrücke Sie haben!“ bemerkte Weltschaninoff, der plötzlich wieder auffallend ernst geworden war, in eigentümlichem Tone – es klang fast düster.
„Tja, auch die Ausdrücke werden seltsam ...“
„Aber Sie ... Sie scherzen doch nicht?“
„Ob ich scherze!“ rief Pawel Pawlowitsch in wehmütiger Verwunderung, „und das in einem Augenblick, in dem ich mitteile ...“
„Ach, schweigen Sie davon, ich bitte Sie!“
Weltschaninoff stand auf und begann wieder im Zimmer auf und ab zu schreiten.
So vergingen etwa fünf Minuten. Der Gast schien sich gleichfalls erheben zu wollen, doch Weltschaninoff rief sofort: „Bleiben Sie, bleiben Sie, bleiben Sie nur sitzen!“ und so setzte er sich wieder hin.
„Aber wie Sie sich verändert haben!“ begann Weltschaninoff wieder, indem er plötzlich vor ihm stehen blieb, ganz als habe ihn diese Entdeckung geradezu frappiert. „Unglaublich verändert! Ganz fabelhaft! Als wären es zwei ganz verschiedene Menschen!“
„Kein Wunder schließlich: neun Jahre!“
„Nein, nein, nein, nicht die Jahre sind es! Äußerlich haben Sie sich gar nicht so verändert, Sie haben sich in anderer Beziehung verändert!“
„Gleichfalls vielleicht die neun Jahre.“
„Oder seit dem März!“
„He–he!“ lächelte Pawel Pawlowitsch arglistig, „Sie scheinen da einen spaßigen Gedanken zu haben ... Doch wenn ich fragen darf: worin besteht denn eigentlich diese Veränderung?“
„Ja, was ... Früher war’s ein so solider und anständiger Pawel Pawlowitsch, ein so artiger Pawel Pawlowitsch, jetzt aber scheint’s ein ganzer – Vaurien Pawel Pawlowitsch zu sein!“
Er war so gereizt, daß er – wie es übrigens auch die korrektesten Leute in dieser Stimmung bisweilen tun – bereits Überflüssiges zu sagen begann.
„Vaurien! Finden Sie? Und nicht mehr so ‚artig‘ wie früher? Nicht mehr ein so ‚artiger‘ Pawel Pawlowitsch?“ grinste mit wahrer Wonne der sonderbare Gast.
„Zum Teufel mit der Artigkeit! Statt dessen sind Sie jetzt vielleicht klug geworden!“
„Ich bin grob, aber diese Kanaille ist einfach frech! Und ... was mag er nur wollen, was kann er im Auge haben?“ fragte sich Weltschaninoff unruhig.
„Ach, mein teuerster, mein bester Alexei Iwanowitsch!“ regte sich der Gast mit einemmal furchtbar auf, indem er auf seinem Platz hin- und herrückte, „was geht denn das schließlich uns an? – lassen wir es sein, wie es ist! Wir sind doch jetzt nicht in der Öffentlichkeit, nicht in einer glänzenden, vornehmen Gesellschaft! Wir sind die innigsten und ältesten Freunde, sind hier sozusagen in vollster Aufrichtigkeit zusammengekommen und gedenken beide jenes teuren Bundes, in dem die Verstorbene das teuerste, das unersetzlichste Bindeglied war!“
Und scheinbar erschüttert von auf ihn einstürmenden Gefühlen, neigte er sein Haupt auf die Brust und bedeckte das Gesicht mit dem Hut. Weltschaninoff beobachtete ihn unruhig und fühlte sich angewidert durch sein Gebaren.
„Wie aber, wenn er einfach nur ein Narr ist?“ ging es ihm durch den Sinn, „n–n–nein, n–nein, doch wohl nicht! Er scheint nicht mal betrunken zu sein – übrigens, vielleicht doch: sein Gesicht ist rot. Aber wenn auch – das ist ja schließlich egal. Womit er sich nun wohl wieder heranschlängelt! Was will die Kanaille, wozu wärmt er das wieder auf?“
„Wissen Sie noch, wissen Sie noch,“ rief da Pawel Pawlowitsch, der allmählich den Hut hatte sinken lassen und sich nun von den Erinnerungen scheinbar immer mehr begeistern ließ, „entsinnen Sie sich noch unserer gemeinsamen Ausflüge, unserer Abendgesellschaften und Kränzchen, und wie wir bei Seiner Exzellenz, dem gastfreundlichen Ssemjon Ssemjonowitsch tanzten und Gesellschaftsspiele spielten? Und unsere Leseabende zu dreien? Und unsere erste Bekanntschaft, als Sie eines Vormittags bei mir eintraten, um gewisse Erkundigungen in Ihrer Angelegenheit einzuziehen. Sie ärgerten sich noch und zeterten, und plötzlich trat Natalja Wassiljewna ein und nach zehn Minuten schon wurden Sie zu unserem innigsten Hausfreunde, und das blieben Sie dann ein ganzes Jahr – alles genau so wie in der ‚Provinzlerin‘ von Turgenjeff ...“
Weltschaninoff schritt langsam auf und ab, blickte zu Boden, hörte beunruhigt und angewidert zu, und vernahm doch mit Spannung jedes Wort, das er da hörte.
„Wie kommen Sie auf die ‚Provinzlerin‘,“ unterbrach er ihn etwas konfus, „früher haben Sie nie von ihr gesprochen ... und nie in so rührseligem Tone und in einem ... Ihnen so fremden Stil. Weshalb das jetzt?“
„Ich habe früher allerdings mehr geschwiegen, das heißt, ich war schweigsamer,“ fiel ihm Pawel Pawlowitsch eilig ins Wort. „Wie Sie wissen, hörte ich lieber zu, wenn die Verstorbene sprach. Sie erinnern sich doch wohl noch, wie geistreich sie sich zu unterhalten verstand ... Was aber die ‚Provinzlerin‘ betrifft, und namentlich den Stupendjeff, so haben Sie auch hierin recht, denn erst nachher – nach Ihrer Abreise – haben wir, die teure Entschlafene und ich, in manchen stillen Stunden, in denen wir Ihrer gedachten, unsere erste Begegnung mit einer Szene dieses Theaterstücks verglichen, – es besteht nämlich in der Tat eine auffallende Ähnlichkeit. Von dem Stupendjeff aber wollte ich nur sagen ...“
„Zum Teufel, was ist das für ein ‚Stupendjeff‘, hol’s der Henker!“ rief Weltschaninoff nervös und stampfte sogar mit dem Fuß auf, so sehr brachte ihn der Name Stupendjeff, der so etwas wie eine blasse Erinnerung und eine ferne Ahnung in ihm heraufbeschwor, aus dem Gleichgewicht.
„Wie, Stupendjeff? Das ist eine Rolle, eine Theaterrolle, die Rolle des Gatten in der ‚Provinzlerin‘. Der heißt nämlich im Stück ‚Stupendjeff‘, wie gesagt,“ sang sogleich mit honigsüßer Stimme Pawel Pawlowitsch. „Doch das gehört bereits zu einem anderen Zyklus teurer und herrlicher Erinnerungen, Erinnerungen aus der Zeit nach Ihrer Abreise, als uns Stepan Michailowitsch Bagontoff mit seiner Freundschaft beglückte, ganz so wie Sie, nur blieb er uns volle fünf Jahre treu.“
„Bagontoff? Wie, was? Was für ein Bagontoff?“ Weltschaninoff war jäh vor ihm stehen geblieben.
„Bagontoff, Stepan Michailowitsch, der uns gerade ein Jahr nach Ihnen mit seiner Freundschaft beschenkte und ... überhaupt ganz so wie Sie ...“
„Ach, mein Gott, natürlich, das wußte ich ja!“ rief Weltschaninoff aus, sich plötzlich besinnend. „Bagontoff! Richtig, er war doch Beamter dort ...“
„Jawohl, jawohl! Beim Gouverneur! Er kam aus Petersburg – er war der eleganteste junge Mann – aus den besten Kreisen!“ versicherte in ausgesprochener Begeisterung Pawel Pawlowitsch.
„Ja, ja, ja! Daß ich nicht gleich drauf verfiel! Und auch er war ja ...“
„Und auch er, auch er!“ bestätigte sofort mit derselben Begeisterung Pawel Pawlowitsch, der das unvorsichtig entschlüpfte Wort eiligst aufgriff, „und auch er! Und mit ihm, sehen Sie, spielten wir dann einmal ‚Die Provinzlerin‘ – es war eine Liebhaberaufführung bei Seiner Exzellenz, dem gastfreundlichen Ssemjon Ssemjonowitsch – und Stepan Michailowitsch Bagontoff spielte den Grafen, ich den Gatten, und die Verstorbene die Provinzlerin ... Nur wurde mir die Rolle des Gatten wieder abgenommen – die Verstorbene bestand darauf – so daß ich den Gatten zur Aufführung denn doch nicht gespielt habe – weil ich angeblich nicht das Zeug dazu hatte ...“
„Ja was zum Teufel haben Sie mit Stupendjeff zu tun! Sie sind vor allem Pawel Pawlowitsch Trussozkij, nicht aber Stupendjeff!“ rief Weltschaninoff fast bebend vor Gereiztheit, alle Rücksichten bereits außer acht lassend. „Aber erlauben Sie, dieser Bagontoff ist doch hier, hier in Petersburg, ich habe ihn selbst gesehen, noch in diesem Frühling habe ich ihn gesehn! Weshalb sind Sie denn nicht auch zu ihm gegangen?“
„Aber ich bin doch gegangen, ich bin doch gegangen! Jeden Tag gehe ich zu ihm, jetzt schon die dritte Woche. Er empfängt aber nicht! Ist krank, kann nicht! Und denken Sie sich, wie ich aus der sichersten Quelle erfahren habe, ist er auch wirklich und sogar höchst gefährlich krank! Und das von einem zu hören, mit dem man sechs Jahre lang befreundet gewesen ist! Ach, Alexei Iwanowitsch, ich sage Ihnen, in einer solchen Stimmung will man oft nichts weiter, als einfach in die Erde versinken, im Ernst! – Im nächsten Augenblick aber, so scheint es einem, würde man am liebsten einen Menschen so nehmen und umarmen wollen, gerade so einen von diesen früheren ... ich möchte sagen, den Augenzeugen und Teilnehmern, und zwar einzig zu dem Zweck, um sich auszuweinen, das heißt, wirklich nur zu dem Zweck, um einmal recht weinen zu können!“
„Nun, jetzt aber – ist es doch genug für heute, nicht wahr?“ unterbrach ihn Weltschaninoff schroff.
„Vollkommen, vollkommen genug!“ versicherte, sogleich sich erhebend, Pawel Pawlowitsch. „Vier Uhr bereits – o, und ich habe Sie in so egoistischer Weise aufgehalten ...“
„Hören Sie, ich werde selbst zu Ihnen kommen, unbedingt, und dann hoffentlich ... Sagen Sie mir mal ganz ehrlich und aufrichtig: sind Sie heute nicht betrunken?“
„Betrunken? Nicht im geringsten ...“
„Haben Sie nichts getrunken, bevor Sie kamen, oder noch früher?“
„Wissen Sie, Alexei Iwanowitsch, Sie haben doch ausgesprochene Krankheitserscheinungen!“
„Ich werde Sie morgen unbedingt aufsuchen, am Vormittag, noch vor ein Uhr ...“
„Ich habe schon die ganze Zeit bemerkt, daß Sie offenbar hohes Fieber haben müssen,“ unterbrach ihn Pawel Pawlowitsch, der sichtlich und mit Hochgenuß bei diesem Thema blieb. „Ich schäme mich wirklich aufrichtig, daß ich durch meinen ungeschickten Besuch ... doch ich gehe, ich gehe schon! Sie aber müssen sich unbedingt gleich hinlegen – versuchen Sie mal, gleich einzuschlafen!“
„Aber weshalb haben Sie mir denn nicht gesagt, wo Sie wohnen?“ rief ihm Weltschaninoff plötzlich nach – es war ihm das gerade noch rechtzeitig eingefallen.
„Wie, habe ich es nicht gesagt? Im Gasthof neben der Kirche.“
„Neben welch einer Kirche?“
„Ja aber hier gleich doch, bei der nächsten Kirche zu Mariä Schutz und Fürbitte, in der Querstraße – im Moment ist mir leider der Straßenname entfallen und auch die Hausnummer habe ich vergessen, nur, wie gesagt, gleich bei der Kirche ...“
„Gut, ich werde Sie schon zu finden wissen!“
„Bitte sehr, Sie sollen mir willkommen sein.“
Er war bereits auf der Treppe.
Da rief ihn Weltschaninoff nochmals an: „Sie! – Sie werden doch nicht ausreißen?“
„Das heißt, wie denn das ‚losziehen‘?“ Pawel Pawlowitsch drehte sich auf der dritten Stufe um und lächelte mit erstaunten Glotzaugen.
Statt zu antworten schlug Weltschaninoff krachend die Tür zu, verschloß sie sorgfältig und schob den Riegel vor. Ins Zimmer zurückgekehrt, spie er aus, als habe er sich mit etwas Schmutzigem abgegeben.
Etwa fünf Minuten stand er unbeweglich mitten im Zimmer, dann warf er sich, so wie er war, ohne ein Kleidungsstück abzulegen, auf seinen Schlafdiwan und schlief im Augenblick ein. Das vergessene Licht auf dem Tisch brannte ruhig herunter, bis es von selbst erlosch.